«Mit wenig Ressourcen den Kindern so viel geben»

3. Dezember 2019
4/2019

Winterthur–Accra: Die 24-jährige Martina Hochuli hat in der Hauptstadt von Ghana in einem Heim für misshandelte Kinder gearbeitet.

Angekommen in Accra, der Hauptstadt von Ghana, hatte ich das Gefühl, alle Blicke auf mich zu ziehen. «Obroni» werden die Weissen hier genannt. Das bedeutet in Twi, einer der Sprachen Ghanas, so viel wie «weisser Mensch» oder «Fremder» und ist nicht abwertend gemeint. Doch an diese Blicke musste ich mich erst gewöhnen. Schon bevor ich hierher kam, wusste ich, dass es wichtig ist, die rechte Hand zu benützen, wenn man etwas nehmen oder geben möchte, oder auch beim Essen. Für mich als Linkshänderin war das jedoch ziemlich gewöhnungsbedürftig.
Von Februar bis Juni dieses Jahres habe ich in Ghana mein zweites Pflichtpraktikum im Bachelorstudium Soziale Arbeit absolviert. Zu Afrika fühlte ich mich schon immer hingezogen. Mein Praktikum wollte ich aber nach Möglichkeit nicht in einem touristischen Land wie Südafrika oder Tansania machen. Über eine Vermittlungsorganisation konnte ich dann in Accra in einer vom Staat betriebenen Unterkunft für misshandelte Kinder arbeiten.

Heim auf Zeit

Die Unterkunft ist als Heim auf Zeit konzipiert, in dem die Kinder – von 6 bis 17 Jahren – maximal drei Monate bleiben sollen, bis ein neues Zuhause für sie gefunden ist. Meist werden sie von anderen Verwandten aufgenommen oder in permanente Unterkünfte von Hilfsorganisationen vermittelt. In der Realität bleiben aber manche bis zu einem Jahr oder sogar noch länger. Die Kinder, die den Weg in diese Unterkunft gefunden haben, wurden vernachlässigt, geschlagen oder auf andere Art körperlich misshandelt, sexuell missbraucht oder sollten verkauft oder zwangsverheiratet werden. Pro Woche kamen zwei bis drei Kinder neu ins Heim, insgesamt lebten etwa 25 Kinder dort.

Sprachenvielfalt in der Unterkunft ist gross

Meine Aufgabe war es unter anderem, mit den neu ankommenden Kindern Gespräche zu führen – beim Eintritt und während des ganzen Aufenthaltes. Es galt, herauszufinden, welche Art von Missbrauch sie erlebt hatten, ihre Geschichte zu erfahren, um zu eruieren, wo sie platziert werden könnten. Vieles erfährt man erst, wenn das Kind etwas Vertrauen zu einem gefasst hat; das braucht Zeit. Die Kommunikation war schon eine Herausforderung, denn die Sprachenvielfalt in der Unterkunft ist gross: In Ghana gibt es allein zehn offizielle Sprachen, inoffizielle und Dialekte noch viel mehr. Die Verständigung in der Amtssprache Englisch funktionierte aber ziemlich gut, und wo nicht, wurde in die meistgesprochene Sprache Twi gewechselt. Notfalls konnte man die Kinder auch bitten, etwas in eine andere Sprache zu übersetzen. 

Selbstwertgefühl stärken

Die Mitarbeitenden des Heims sind alle Sozialarbeitende. Wir versuchten, den Kindern eine Tagesstruktur zu geben, sie zu beschäftigen und zu ermutigen, um ihr Selbstwertgefühl wieder etwas zu stärken. Viele der Kinder hatten nie die Möglichkeit, in die Schule zu gehen – die Sozialarbeitenden versuchen, ihnen so viel wie möglich mitzugeben, indem sie ihnen beispielsweise etwas Englisch, Mathematik, Informatik oder Kunst beibringen, meist auf sehr spielerische Art.
Es mangelt an Ressourcen, sowohl an Personal wie an Materiellem allgemein. Stifte, Radiergummis, Bücher, Hefte und Spiele beispielsweise sind knapp und von Spenden abhängig, wie vieles andere auch. Doch obwohl die Mitarbeitenden so wenig zur Verfügung haben, können sie den Kindern dennoch so viel geben. Das habe ich bewundert; da kann man sich auf alle Fälle eine Scheibe davon abschneiden.
Sie gab Kindern eine Tagesstruktur: Martina Hochuli in Ghana.