Nachgefragt bei Jeanette Herzog: Inclusive Leadership bietet Sicherheit und Raum zur Entfaltung

22. Juni 2021
2/2021

Was zeichnet Inclusive Leadership aus? Welche Vorteile bringt sie für Unternehmen? Die ZHAW-Studie «Digitale (Arbeits)Gesellschaft, Führung und soziale Nachhaltigkeit» liefert Antworten.

Was zeichnet Inclusive Leadership aus?

Jeanette Herzog: Es gibt zwei Ebenen, wie wir inclusive Leadership betrachten können. Da ist zunächst der Blick auf die Führungsperson, also die hierarchisch vorgesetzte Person. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie grossen Wert legt auf stabile, tragende Beziehungen zu all ihren Mitarbeitenden. Sie fördert auch ebensolche Beziehungen zwischen den Mitarbeitenden. Die Intention dahinter ist, dass möglichst alle Mitarbeitenden sich sicher fühlen und ihre Potenziale entfalten können.

Wie geht das?

Die Führungsperson definiert ein übergeordnetes, möglichst sinnvolles Ziel und einen Wertekanon, auf den sich alle einigen können. Im Idealfall erfolgt die Erarbeitung partizipativ. Gemeinsame Ziele und Werte sorgen für Sicherheit im Arbeitsalltag. Eine zentrale Aufgabe von Führungspersonen ist es dann, diese Werte integer vorzuleben sowie den Weg zum Ziel transparent und fair zu gestalten.

Welche Vorteile bringt Inclusive Leadership für ein Unternehmen?

Wer Sicherheit und Raum zur Entfaltung erhält, ist eher bereit, eigene Ideen zu äussern, Hilfe­ zu leisten, Feedback anzunehmen oder Risiken einzugehen. In diesem Sinne kann Inclusive Leadership eine produktive Welle auslösen, die für Wohlbefinden bei den Mitarbeitenden und für Erfolg in der Organisation sorgt sowie im Idealfall wertebasierte, nachhaltige Produkte und Dienstleistungen hervorbringt.

Wo sind die Defizite diesbezüglich?

Wir haben 2020 und 2021 mit diversen Unternehmen gesprochen. Dabei haben wir festgestellt, dass die meisten Führungskräfte sehr bemüht sind, eine gute Beziehung zu ihren Mitarbeitenden herzustellen, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Wenige Unternehmen gehen aber so weit, dass sie Selbstentfaltung und Mitbestimmung im grösseren Ausmass ermöglichen. Hier beobachten wir eher eine Kultur der Machtkonzentrierung auf der Managementebene. Wir haben auch mit Unternehmen gesprochen, die Mitbestimmung und Mitgestaltung zu ihrem Kernkonzept erklärt haben. Da zeigt sich dann hin und wieder, dass die Mitarbeitenden einen Mangel an Sicherheit verspüren, um die Gestaltungsmöglichkeiten auch ausschöpfen zu können. Die Herausforderung für Unternehmen ist es, eine Balance zu finden.
Jeanette Herzog ist Wissenschaftliche Assistentin am ZHAW-Departement Angewandte Psychologie. An der Abschlussveranstaltung des ZHAW-­Forschungsschwerpunkts «Gesellschaftliche Integration» stellt sie neue Erkenntnisse aus dem Projekt «Digitale (Arbeits)Gesellschaft, Führung und soziale Nachhaltigkeit» vor. Die Tagung mit dem Titel «Flüchtige Zugehörigkeiten – nachhaltige Teilhabe» findet am 9. September statt.