Offene Curricula: Maximale Flexibilität

22. September 2020
3/2020

Maximale Flexibilität und maximale Entwicklungsmöglichkeiten: Offene Curricula sind eine Antwort auf eine zunehmende Nachfrage nach individuellen Bildungsformen. Als Teil der Lifelong-Learning-Strategie sind sie auch an der ZHAW vorgesehen. Im Frühlingssemester 2022 soll der erste Masterstudiengang starten.

Die Individualisierung erreicht den Bildungsmarkt. Um mithalten zu können, müssen Hochschulen die Art des Lernens und Lehrens neu denken. Selbstorganisierte und fortlaufende Studienprogramme, basierend auf den Interessen der Hochschuldepartemente, den Bedürfnissen der Studierenden und des Arbeitsmarktes, sind die Zukunft. Zu standardisierten Lehrplänen müssen Alternativen geschaffen werden. Zum Beispiel durch die Einführung von Studiengängen mit offenen Curricula. Statt auf feste Lehrpläne wird bei diesem Konzept auf Flexibilität und maximale Entwicklungsmöglichkeiten der Lernenden gesetzt, die Ausbildung individuell gestaltbar.

Der ganz andere weg der Informatikhochschulen

Europaweit sorgen derzeit zwei Informatik-Hochschulen, die CODE University of Applied Sciences in Berlin und die Pariser Ecole 42, mit ihrer offenen Lehr- und Lernstruktur für Aufsehen. Zehntausende bewerben sich hier jährlich für einen der begehrten Studienplätze. Statt auf Vorlesungen wird hier auf die Arbeit in Projektgruppen gesetzt, und eine Peer-to-Peer-Pädagogik steht im Vordergrund. Dozierende werden an der CODE als Mentoren verstanden, die zusammen mit den Studierenden Lernziele erarbeiten und sie so auf ihrem Bildungsweg begleiten. Die Ecole 42 verzichtet gar ganz auf Lehrpersonen und Vorlesungen, und Noten fallen ebenfalls weg, stattdessen gibt es obligatorische Praktika.

Offene Curricula als attraktive Alternativen

Die beiden Beispiele zeigen: Die Gestaltungsmöglichkeiten von Studienformaten mit offenem Curriculum sind vielfältig. Das macht sie auch als Alternativen zum bestehenden Angebot für Hochschulen wie die ZHAW interessant. «Angesichts der wachsenden Zahl der Studierenden, die das Bedürfnis nach flexiblen und individualisierten Bildungsangeboten haben, könnte sich die ZHAW als attraktive und moderne Bildungsinstitution positionieren», erklärt Christian Wassmer, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Hochschulforschung an der ZHAW.
Aus offenen Curricula können sich neue Forschungsthemen und Formen der Zusammenarbeit ergeben.»
— Christian Wassmer
Potenziale sieht Wassmer nicht nur im Sinne der Gewinnung neuer Studierender. Insbesondere für Dozierende, die interdisziplinäre Zugänge als wesentlichen Bestandteil der Bildung betrachten, könnte sich die ZHAW durch offene Curricula zu einem äusserst attraktiven Arbeitgeber entwickeln. «Zudem können Projekte, die innerhalb dieses offenen Curriculums erarbeitet werden, auf andere Leistungsbereiche ausstrahlen. So können sich beispielsweise neue Forschungsthemen und neue Netzwerke sowie Formen der Zusammenarbeit ergeben», ergänzt Wassmer.

Erstes Pilotprojekt an der ZHAW gestartet

Ein solcher Netzwerkgedanke steht auch hinter dem neuen Studiengang im Bereich regenerativer Agrofoodsysteme, also nachhaltiger Ernährungssysteme, der aktuell an der ZHAW als Pilotprojekt mit offenem Curriculum erarbeitet wird. «Wir wollen Menschen den Raum bieten, sich zu vernetzt denkenden und handelnden Preneurinnen und Preneuren zu entwickeln», erklärt Maya Wiestner. Sie ist Teil des sechsköpfigen Teams, das zurzeit das Masterprogramm Preneurship for Regenerative Agro Food Systems entwickelt. Letzteres soll bereits im Frühlingssemester 2022 ins Bildungsangebot der ZHAW aufgenommen werden. «Im Masterstudium sollen Forschungsprojekte durch die Studierenden weiterentwickelt und für die Praxis anwendbar gestaltet werden.» Einen grossen Teil des Studiums wird ein sich durch alle vier Semester ziehendes Projekt bilden. «Erlerntes Wissen und entwickelte Kompetenzen aus anderen Modulen und Bereichen sollen in diesem Projekt zusammenfliessen», erklärt Wiestner. Ziel ist, dass am Ende ein Geschäftsmodell entsteht, das sich realisieren lässt. Den Weg, der dazu führt, sollen die Studierenden möglichst frei gestalten können.

Knackpunkt Vergleichbarkeit

Offenheit liegt nicht allen gleich und kann auch zu Überforderung führen – sowohl bei Studierenden als bei Dozierenden. Darum sei es wichtig, dass die neuen Formen der Wissensaneignung nicht als Zwang empfunden würden, so Christian Wassmer. Zudem sind offene Curricula nicht für alle Disziplinen einer Hochschule geeignet. Insbesondere in den Fächern, die eine höhere Reglementierung aufweisen und einer Programmakkreditierung bedürfen oder einen klaren Kanon aufweisen, wäre eine Implementierung kaum umsetzbar. Wassmer meint damit zum Beispiel Ausbildungen für Gesundheitsberufe oder Berufe im naturwissenschaftlichen Bereich.
«Ein adäquates Bewertungssystem zu erarbeiten, ist keine ganz einfache Aufgabe.»
— Maya Wiestner
Die in den stark regulierten Fächern gesicherte Vergleichbarkeit durch klar festgelegte Kompetenzen bildet gleichzeitig die Krux bei der Erarbeitung und Einführung von Studiengängen mit offenen Curricula. Denn: So sehr sich die Gesellschaft individualisiert, so stark ist sie an Schnittstellen wie dem Übergang vom Studium in die Berufswelt normiert. Darum muss bei einer Implementierung geklärt werden, wie gross der individuelle Gestaltungsspielraum des Studiums ist. Wer definiert in einem selbstgesteuerten Studium beispielsweise die Austrittskompetenzen? Die Studierenden selbst? Oder legt die Hochschule Ziele fest, die am Ende eines Studiums erreicht werden müssen, lässt aber den Weg dahin offen? Und ganz allgemein: Wie vergleichbar muss oder kann ein Studium mit offenem Lehrplan überhaupt sein?
Überlegungen, mit denen sich auch Maya Wiestner und ihre Kolleginnen und Kollegen befassen. Aktuell wird gerade an einem Bewertungssystem gearbeitet, das die persönliche Entwicklung der Studierenden möglichst akkurat reflektiert. «Keine ganz einfache Aufgabe», meint Wiestner. Doch bis im Februar 2022 die ersten Studierenden ihren Master in Preneurship for Regenerative Agro Food Systems beginnen, wird auch diese Frage geklärt sein.