«Das Leben explodiert hier auf kleinstem Raum»

1. Juli 2020
2/2020

Wädenswil–La Paz: Die 29-jährige Laila Tulinski hat in den Tropen Boliviens die Fermentation von Kakao untersucht.

Dieser Reichtum der Natur: Auf einem Quadratmeter Boden scheint wirklich alles zu gedeihen, es ist, als wenn das Leben explodierte. Unzählige Pflanzenarten, Schlangen, kleine wilde Schweine – und alle möglichen Insekten, die stechen, Mücken, Fliegen, Ameisen oder Wespen.
Von Ende August bis Ende November letzten Jahres habe ich für meine Bachelorarbeit in Bolivien geforscht. Ich studiere Lebensmitteltechnologie und habe mich im Rahmen eines laufenden Grossprojektes der Forschungsgruppe Lebensmittelbiotechnologie (ILGI) mit der Fermentation von Kakaobohnen befasst. Dafür habe ich in der Schweiz entwickelte Mikroorganismen-Kulturen in Bolivien in der landwirtschaftlichen Forschungseinrichtung Sara Ana des Schweizerischen Instituts für biologischen Landbau FiBL erprobt. Es ging mir darum, die Fermentation, die normalerweise spontan mit den natürlich anwesenden Mikroorganismen abläuft, zu verbessern. Denn durch diese Gärung entsteht auch der Kakaogeschmack – und die Qualität möchte man ja möglichst hoch haben.
Die Kakaobohne: Forschungsinteresse von Laila Tulinski.
Die Farm, wo ich auch gewohnt habe, liegt mitten in den bolivianischen Tropen, in der Tiefebene des Alto Beni am Fuss der Anden. Ich habe sogar ein eigenes Labor zur Verfügung gehabt: Es war der einzige Raum in der Anlage, der Glasfenster hatte, dazu einen Wasseranschluss und einen gekachelten Boden. Ich hatte zwei Koffer voller Laborzubehör aus der Schweiz mitgeschleppt, aber natürlich war es dennoch nicht vergleichbar mit den Bedingungen, die ich aus der Schweiz kenne. Als ich einmal alles gründlich desinfiziert hatte für meine mikrobiologischen Analysen, lief mir ein Gecko über die Bank – und ich konnte von vorne anfangen.
Überrascht hat mich doch, wie schwierig es war, an scheinbar ganz einfache Dinge zu kommen. Das nächstgelegene Dorf mit Einkaufsmöglichkeit war gut zwei Stunden Autofahrt entfernt. Zum Einkaufen ging es über eine Schotterstrasse und mit einer Holzfähre über einen Fluss. Ein Postsystem gibt es nicht, man konnte sich nichts schicken lassen. Dafür kannten die Einheimischen alle möglichen Tricks, einen kaputten Gegenstand mit einfachsten Mitteln zu reparieren. Die Köchin zeigte mir zum Beispiel, wie ein nicht mehr funktionierender Dampfkochtopf mit einem simplen Streifen Plastik wieder einsatzfähig wird.
Bei meiner Rückreise in die Schweiz Ende November bin ich in La Paz in die Aufstände nach der bolivianischen Präsidentenwahl und dem Rücktritt von Präsident Evo Morales geraten. Immer wieder Strassensperren, Demonstrationen und Tränengasattacken der Polizei. Es war eine beunruhigende Situation. Taxis fuhren keine mehr, ich lief mit meinen Koffern dann zu Fuss zum Flughafen.