Plötzlich vom Meer ins Hallenbad

1. Juli 2020
2/2020

Mitte März verfügte der Bundesrat die Aussetzung des Präsenzunterrichtes. Eine 
Woche später wurden an der ZHAW mehrere Hundert Weiterbildungslehrgänge virtuell unterrichtet. Ein Erfahrungsbericht.

Freitag, der 13. März, nachmittags: In Winterthur wird an der School of Management and Law (SML) gerade das arbeitsrechtliche Thema Lohnfortzahlung behandelt. Es ist der dritte Kurstag des CAS Payroll Expert, der Ende Februar mit rund 50 Teilnehmenden gestartet ist, in parallelen Durchführungen mittwochs und freitags. In Bern informiert der Bundesrat zeitgleich an einer Medienkonferenz, dass ab dem Montag, 16. März, sämtlicher Präsenzunterricht ausgesetzt wird. An der ZHAW wird dies bis Ende Juli andauern.

Nach dem Bundesratsentscheid

«Von den Massnahmen des Bundesrates erfuhren wir am Freitag während des Unterrichts, am gleichen Abend teilten die Hochschulleitung und die SML den Dozierenden, Studierenden und Weiterbildungsteilnehmenden mit, dass jeglicher Unterricht nach einer Woche Unterrichtsstopp auf kontaktlose Lehrangebote umgestellt wird», erinnert sich Gabriela Nagel, Leiterin des Instituts für Financial Management an der SML. Am Samstag nach dem Bundesratsentscheid wird das Vorgehen mit dem Studienleiter Andreas Buchs besprochen und am Montag werden die Teilnehmenden im Detail über den weiteren Verlauf der Weiterbildungen informiert. Innerhalb knapp einer Woche wird der CAS, der normalerweise ausschliesslich in Präsenzunterricht durchgeführt wird, auf Distance-
Learning getrimmt.
Ein Beispiel unter vielen: In dieser Woche im März wurden allein an der SML 60 Studiengänge – laufende und für das Frühjahr geplante – vollständig auf virtuellen Unterricht umgestellt. An der ganzen ZHAW waren mehrere Hundert Weiterbildungsangebote von der Umstellung betroffen. Je nach Departement wurden zwischen 80 und 100 Prozent der Kurse weitergeführt.

Externe Dozierende mit ins Boot holen

In den ZHAW-Departementen koordinierten und planten Taskforces und Arbeitsgruppen die Umstellung, in Abstimmung mit der Taskforce für die gesamte ZHAW: Es galt nicht nur, die internen Dozierenden wo nötig ad hoc und innert kürzester Zeit fürs E-Learning fit zu machen, sondern auch die vielen externen Dozentinnen und Dozenten mit ins Boot zu nehmen. Und vor allem mit den Teilnehmenden der Lehrgänge diesen Prozess zu besprechen. Waren für viele bis dahin Konferenz-Plattformen wie Zoom und Microsoft-Teams kaum ein Begriff, so wurden sie nun zum neuen Alltag in der Weiterbildung.
Gut 40 externe Dozentinnen und Dozenten hatte beispielsweise Studienleiter Michael Kauer am Departement Life Sciences und Facility Management in den CAS Gebäudemanagement und Immobilienökonomie sowie im Weiterbildungskurs Building Information Modeling for Facility Management zu betreuen. Zusammen mit den Modulverantwortlichen wurde jeder einzelne externe Referierende angefragt, ob er bereit sei und sich fit für den Online-Unterricht fühle: «Denn einen ganzen Tag lang am Bildschirm zu unterrichten, das ist taff», sagt Kauer.
Kauer, der am Institut für Facility Management den Bereich Weiterbildung leitet, verfasste als kleine Hilfestellung ein kurzes Drehbuch für einen Kurstag auf Zoom: Inputreferate, Online-Diskussionen im Plenum sowie in Gruppen in sogenannten Breakout Rooms und zum Abschluss ein Tagesquiz als Lernkontrolle auf der Lernplattform Moodle.

Kreative Pausengestaltung

Und Pausen, Pausen, Pausen: «Die didaktische Methode unterscheidet sich vom Präsenzunterricht. Auch eine spannende Pausengestaltung ist wichtig.» So verlieh Kauer den sechs über den Tag verteilten Pausen, welche die Teilnehmenden ja individuell zu Hause verbrachten, jeweils ein auflockerndes Motto: Am Morgen hiess es unter anderem «Join your family». Die Mittagspause wurde mit «The pizza delivery is ringing at the door» charakterisiert, und nachmittags ging es mit «Time for a cup of tea – bring your favorite mug» weiter. Für den Ausklang des Kurstages empfahl er dann ein halbstündiges «virtuelles Zuprosten».
Ob Referate via Zoom oder MS-Teams, vertonte Präsentationsfolien oder in Skripte umgewandelte Folien: Das letztlich gewählte Format orientierte sich individuell an den Inhalten der Weiterbildungen sowie an den Bedürfnissen und Wünschen von Dozierenden und Teilnehmenden – und am Zeithorizont der Umstellung von einer Woche.

Rollenspiele werden nachgeholt

Klaus Mayer, Studienleiter der beiden CAS Gesprächsführung und Beziehungsgestaltung sowie Verhaltensorientierte Beratung am Departement Soziale Arbeit, wandelte die Präsentationsfolien in Skripte für den Online-Unterricht um. Das sei zwar eher eine konservative Form, doch besser editierbar als eine Vertonung. Online wurden dann Fragen diskutiert. Die von Mayer geleiteten Weiterbildungen sind stark auf Gesprächsführung und Beratung ausgerichtet. Doch Rollenspiele zur Gesprächsführung, die dann in der Gruppe diskutiert werden sollen, konnten online nicht befriedigend umgesetzt werden – diese werden später live nachgeholt. Er habe bei einer anderen Gelegenheit eine Einführung in Verhaltenstherapie online unterrichtet: «Das ist ein Unterschied wie zwischen dem Baden im Meer im Sommer und dem Besuch eines Hallenbads im Winter», sagt er.
Die von Mayer geleiteten Weiterbildungen sind stark auf Gesprächsführung und Beratung ausgerichtet. Doch Rollenspiele zur Gesprächsführung, die dann in der Gruppe diskutiert werden sollen, konnten online nicht befriedigend umgesetzt werden – diese werden später live nachgeholt. Er habe bei einer anderen Gelegenheit eine Einführung in Verhaltenstherapie online unterrichtet: «Das ist ein Unterschied wie zwischen dem Baden im Meer im Sommer und dem Besuch eines Hallenbads im Winter», sagt er.

Beratungsgespräche wurde gefilmt

Online durchgeführt wurden aber die Leistungsnachweise. Die Prüfung des CAS Verhaltensorientierte Beratung bestand beispielsweise aus einem Beratungskonzept mit Klientengespräch. Dabei filmte der Teilnehmende die Beratung, und das Video wurde via Zoom in Gruppen diskutiert und mit Supervision begleitet. Der daraus resultierende Fallbericht, der normalerweise vor der Klasse vorgetragen wird, wurde jetzt lediglich im Dialog mit Studienleiter Mayer besprochen. Was er bedauert: Die Präsentation vor der Klasse sei für die Teilnehmenden von grosser emotionaler Intensität. «Sie machen so etwas oft zum ersten Mal, sind nervös und anschliessend erleichtert, dass sie es geschafft haben.» Auch das sei ein Lerneffekt. «Erfahrungsbasiertes Lernen ist online nicht möglich», lautet deshalb ein weiteres Fazit von Mayer.

Neue Methodenkompetenzen

Es sei denn, die virtuelle Zusammenarbeit selbst ist die Erfahrung. Am Departement Angewandte Psychologie beispielsweise führte Stefanie Neumann gerade den CAS Leadership Basic durch, als Begegnungen und Kontakte in den virtuellen Raum verlegt wurden: «Einige Teilnehmende haben angemerkt, dass sie genau diese Methodenkompetenz im virtuellen Raum auch in ihrer Führungsrolle dringend benötigen», sagt Neumann.
Das Departement, an dem sie tätig ist, hat über 60 Studiengänge und über 100 Kurse innerhalb einer Woche auf Online-Unterricht umgestellt – das gesamte Weiterbildungsangebot. Teilweise von einem Tag auf den andern. Die «spontane Umsetzung» habe gut funktioniert, so etwa Marc Schreiber, Studienleiter des MAS Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung: Ein Teilnehmer, der schon mit MS-Teams vertraut war, unterstützte Dozierende und die Klasse. Die rasche Umstellung gelang aber auch dank dem bereits praktizierten Konzept des Flipped Classroom, des umgedrehten Klassenzimmers, das mit nur kleinen Anpassungen übernommen werden konnte.

«Lernen ist Begegnung»

«Zurück zum alten Regime», das möchte Studienleiter Mayer vom Departement Soziale Arbeit nicht mehr. Sein Fazit: In Zukunft werde er noch sorgfältiger differenzieren, welche Inhalte virtuell vermittelt werden könnten und bei welchen Inhalten der Präsenzunterricht unabdingbar sei. Ein Trend zur Reduktion der Präsenztage bestand bereits vor der abrupten Online-Umstellung, denn Arbeitgeber wünschen sich weniger Absenzen am Arbeitsplatz aufgrund von Weiterbildungen. Aber einen vollständigen Verzicht kann er sich nicht vorstellen: «Lernen ist Begegnung», sagt Mayer. Das klinge nun etwas salbungsvoll, doch die Aufnahmebereitschaft beim Lernen sei in direkter Begegnung viel höher.

Die Stimmen der Teilnehmenden: Auch Skeptiker überzeugt

«Ich war skeptisch, ob das funktioniert. Doch schon nach einem Tag erachte ich diese herausfordernde Situation als grosse Lernchance.» Das meinte ein Teilnehmer des MAS Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung des Departements Angewandte Psychologie nach der Umstellung zum Online-Unterricht Mitte März. Den Weiterbildungsteilnehmenden an der ZHAW war es möglich, den Kurs abzubrechen und sich die Kosten pro rata zurückerstatten zu lassen. Doch beim MAS trat niemand zurück: Die Teilnehmenden seien im Gegenteil «begeistert» gewesen, dass das Programm wie geplant ablaufe, so Studienleiter Marc Schreiber.
«Der virtuelle Unterricht ermöglicht, bewusst das Lernen neu zu lernen», sagt ein Teilnehmer des CAS Business Modeling and Transformation der School of Management and Law (SML). Interessant sei, so fügt er bei, die Brücke zu schlagen zu den Inhalten des CAS: die Krise als Chance für die Erneuerung zu sehen und digitale Tools der Arbeitswelt nun im Unterricht anzuwenden. Alle seien hoch motiviert gewesen, unter Zeitdruck Neues zu lernen, Dozierende wie Teilnehmende, sagt Andrea Petrig, Dozentin am Departement Gesundheit. Flexibilität und Spontaneität waren hier besonders gefragt: Die Teilnehmerinnen aus dem systemrelevanten Gesundheitssektor sahen sich Corona-bedingt Planänderungen und neuen Arbeitszeiten gegenüber. Im Modul Praxisausbildung 2 beispielsweise seien deshalb einzelne Inhalte zeitunabhängig zur Verfügung gestellt worden, so Petrig.
Doch der Tenor der Teilnehmenden über alle Weiterbildungslehrgänge ist: «Die Diskussionen an der Kaffeemaschine kann der Online-Unterricht nicht ersetzen», wie es ein Teilnehmer des CAS Business Modeling and Transformation der SML zusammenfasst. Einzelne Departemente registrierten aber auch vermehrt Anfragen von Personen, welche in dieser Phase bewusst Online-Angebote suchten. Mit seinem Fazit sprach ein Teilnehmer des MAS Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung den meisten aus dem Herzen: «Es hat super funktioniert, aber ich bin trotzdem froh, wenn wir uns wieder real begegnen.»