Radikal entwurzelt

18. März 2020
1/2020

Der Begriff «radikal» hat eine bewegte Karriere hinter sich. Wer mit diesem Attribut charakterisiert wird, gilt mal als gefährlich, mal als besonders fortschrittlich und innovativ.

«Radikal als Dossier-Thema?», fragte ein Mitglied des Impact-Herausgeberausschusses irritiert, als über den Vorschlag diskutiert wurde. «Fehlt da nicht was? Vielleicht eher extrem radikal oder Radikalismus – aber nur radikal?» Doch gerade dieses Überraschungsmoment und die bewegte Karriere des Begriffes machen ihn in meinen Augen als Schwerpunktthema so reizvoll. Zurückzuführen auf das lateinische «radix», Wurzel, zählt der Duden allein vier verschiedene Bedeutungen von «radikal» auf. Diese reichen von «von Grund aus erfolgend, ganz und gar» oder «mit Rücksichtslosigkeit und Härte vorgehend» über «eine extreme politische, ideologische, weltanschauliche Richtung vertretend» bis hin zu «die Wurzel betreffend» in der Mathematik. Im Laufe der Geschichte hat mal die eine, mal die andere Bedeutung Konjunktur: Phasen, in denen Radikale als gefährliche Systemfeinde gelten, wechseln sich ab mit Zeiten, in denen sich Politiker und Manager gerne mit dem Attribut radikal schmücken, weil radikale Veränderungen als Grundlage für einen Neubeginn gelten. In der Politik stammt der Begriff «Radikalismus» aus der liberalen Freiheits- und Demokratiebewegung des 19. Jahrhunderts. Besonders in romanischen Ländern wie Frankreich und Italien steht die Bezeichnung noch heute für linksliberale und radikal­demokratische Parteien. Derzeit radikalisiert sich der Begriff neu: Radikal wird immer öfter in einem Atemzug mit Extremismus genannt. Neuere Forschungen zeigen, dass es häufig «entwurzelte» Menschen sind, die sich extrem radikalisieren. Ein wichiger Faktor sind die Sozialen Medien. Dort wird zunehmend grob und radikal kommentiert. Das Dossier spiegelt viele Facetten wider.
Lassen Sie sich überraschen.