Und es geht doch

19. März 2019
1/2019

Was ist ein gutes Leben und was braucht es dazu? Die Umweltingenieure und Absolventen der ZHAW Sandra Hollenstein und Lucas Meile machen mit «Transition Wädenswil» die Probe aufs Exempel.

Den Hoffnungsweg hinuntergehen, dann rechts in den Floraweg einbiegen, und schon liegt er vor einem, der Stadthausgarten von 
Wädenswil. Er wirkt unscheinbar, ganz anders als übliche städtische Grünanlagen. Anstatt akkurat geschnittene Buchs und Rosen spriessen Broccoli, Mangold und Portulak, angepflanzt in Holzkisten, Säcken und einem Hügelbeet. Sandra Hollenstein und Lucas Meile beugen sich über den Haufen Erde; die Umweltingenieure vom Departement Life Sciences und Facility Management der ZHAW kennen hier jeden Stein und jedes Pflänzchen. Als der Fotograf den Auslöser drückt und sie ermahnt: «Etwas freundlicher, bitte!», geben sie zurück: «Geht nicht, wir meinen es ernst!»
Sie wollen die Welt retten – nicht erst morgen, ­sondern sofort: Sandra Hollenstein und Lucas Meile.

Happenings zur Aussaat

Etwas Humor kann nicht schaden, wenn man die Welt von Wädenswil aus retten will. Tatkraft auch nicht. Der Stadthausgarten ist auf ihre Initiative hin lanciert worden, vor einem Jahr war die Parzelle noch Brachland. Lucas Meile (36) und Sandra Hollenstein (30) haben das Areal zu neuem Leben erweckt: Frank und frei fragten sie den Stadtrat, ob es eine Fläche gebe, die sie nachhaltig bewirtschaften könnten – und erhielten gleich die Wiese vor dem Stadthaus. Ringsum warben sie für ihr Ansinnen und legten mit Gleichgesinnten verschiedene Beete an, veranstalteten Happenings zum Ansäen und ein Erntedankfest, organisierten Film- und Grillabende. Heute ist der Stadthausgarten ein beliebter Treffpunkt für alle, die wie die beiden ZHAW-Absolventen einen kritischen Blick auf die Wohlstandsgesellschaft werfen.
«Wir haben darüber nachgedacht, wie wir die Welt verbessern und vor Ort etwas 
bewegen können.»
— Sandra Hollenstein

Jung und pragmatisch

Was Hollenstein und Meile von vielen Nachhaltigkeits-Engagierten unterscheidet, ist, wie zügig und entschieden sie ihre Ideen umsetzen. Über die Schattenseiten des Wirtschaftswachstums haben sich jahrzehntelang vor allem Theoretiker geäussert. Neuerdings entdecken junge, pragmatische Menschen, wie es sich nachhaltig lebt. «Wir haben immer darüber nachgedacht, wie wir die Welt verbessern und vor Ort etwas bewegen können», sagt Sandra Hollenstein. «Transition Wädenswil» heisst die Initiative, die in Semesterarbeiten der beiden ihren Ursprung hat und in der Bachelor­arbeit vorangetrieben wurde. Die Parolen lauten «Real Life Experience», «Kooperation statt Konkurrenz», «Selbstbefähigung» und drehen sich um die Frage, was ein gutes Leben ist und was es dazu braucht.

Aha-Erlebnis

Aufgerüttelt wurden die beiden vor drei Jahren im Kino. «Tomorrow» heisst der preisgekrönte Film über den Klimawandel, der der Ausbeutung der Ressourcen kreative ökologische und ökonomische Ansätze entgegensetzt und die Zuschauer eindringlich auffordert, selber einen Beitrag zur Rettung des Planeten zu leisten. Nicht irgendwo und irgendwann, sondern hier und jetzt. Zum Beispiel mit Transition Towns, die sich für einen achtsamen Umgang mit der Natur, Menschen und Tieren einsetzen. Die Idee geht auf den britischen Permakultur-Dozenten Rob Hopkins zurück, der 2007 im britischen Totnes die erste Transition Town gründete. Mittlerweile gibt es weltweit Tausende solcher Städte im Wandel, auch etliche in der Schweiz. «Wir sind gut vernetzt und profitieren von den Erfahrungen, die andere schon gemacht haben», sagt Lucas Meile.
«Essbares Wädenswil»: Statt Buchs und Rosen wachsen im Stadthausgarten Broccoli und Portulak.

Von der Gojibeere bis zur Zottelwicke

Die Projekte, die am schnellsten greifen, drehen sich erfahrungsgemäss um Lebensmittel. Für «Essbares Wädenswil» stehen neben dem Stadthausgarten bereits zwei weitere öffentliche Flächen der ganzen Bevölkerung zum gemeinsamen Gärtnern zugunsten der Biodiversität offen: Für trendige Gojibeeren hat es genauso Platz wie für heimische Zottelwicken. Ein weiteres Feld beim Hallenbad soll künftig von Bewohnern eines Altenheims bepflanzt und bestellt werden.
«Essbares Wädenswil»: Statt Buchs und Rosen wachsen im Stadthausgarten Broccoli und Portulak.

Speed Dating für Nachhaltigkeit

Am Valentinstag fand erstmals ein Speed-Dating statt, mit dem lokale Nachhaltigkeits-Akteure wie ein Fischer oder ein Landwirt mit der Bevölkerung vernetzt wurden. Regelmässig trifft sich eine Gruppe namens Oikonomia, die sich dafür einsetzt, regionale Wirtschaftskreisläufe zu etablieren und dem Lädelisterben entgegenzuwirken. Für einen Wädenswiler Bioladen, der auf Nachfolgesuche ist, entwickelt Sandra Hollenstein derzeit eine Lösung: Zusammen mit Gleichgesinnten will sie den Laden als Genossenschaft weiterführen und verstärkt regionale Produzenten einbinden. Mit einem neuen Label sollen die Konsumenten die Erzeugung des Produkts bis an dessen Ursprung verfolgen können. Bald soll es ein «Wädibrot» geben.

Tauschbörsen für Kleider und Saatgut

Daneben haben Hollenstein und Meile eine Kleidertauschbörse und eine Saatguttauschbörse ins Leben gerufen, und irgendwann kommt wohl auch eine Zeittauschbörse dazu. Was Jeremy Rifikin schon im Jahr 2000 als Prinzip des Access – des Verschwindens des Eigentums – formuliert hat und Ökonomen jetzt Sharing Economy nennen, gehört auch für die beiden Umweltingenieure zum «zukunftsfähigen Lebensstil»: Leihen statt kaufen, reparieren statt wegwerfen, tauschen statt anschaffen. Das spart nicht nur Geld und verhindert Müll, sondern fördert auch den Zusammenhalt untereinander: Nachbarschaft wird in den Transition Towns grossgeschrieben.

Anschieben und befähigen

Dazu passt, dass Hollenstein und Meile die Projekte anreissen und dann zur weiteren Betreuung an Gleichgesinnte abgeben. Die Idee dahinter ist, dass sich die Zahl der Engagierten – im Jargon: «Befähigten» – nach und nach erhöht und so immer mehr Menschen dem Mehr abschwören. Die Weltanschauung wird auch über Film­abende propagiert, der nächste findet im April statt zum Thema: «Zeit für Utopien – Wir machen es anders». Sandra Hollenstein und Lucas Meile haben viel erreicht, aber ihre Überzeugungsarbeit für ein genügsames Leben geht weiter. Die Hoffnung für eine bessere Welt stirbt an einem Ort zuletzt: am Hoffnungsweg in Wädenswil.