Wenn das Programm übersetzt und der Chatbot berät

24. September 2019
3/2019

Die Ausbildungen an der ZHAW müssen mit der Digitalisierung Schritt halten. An einigen Departementen sind die Entwicklungen besonders einschneidend.

«Sie können die Mühle dem gewünschten Mahlgrad Ihres Kaffees stufenlos anpassen.» So übersetzt das automatische Programm den Satz aus der Bedienungsanleitung für eine Kaffeemaschine. Martin Kappus ersetzt Mühle mit Mahlwerk. Ansonsten sei die Übersetzung passend, findet der Dozent für Computerlinguistik am Institut für Übersetzen und Dolmetschen (IUED). Lieferten Google Translate, DeepL und andere Übersetzungsprogramme noch vor kurzem nur Kauderwelsch-Texte, so haben sie in den letzten vier Jahren verblüffende Fortschritte gemacht. Die meisten Anwendungen stehen zudem kostenlos zur Verfügung. Wieso also sollen Firmen noch menschliche Übersetzerinnen und Übersetzer bezahlen? Und wieso bildet die ZHAW weiterhin jedes Jahr rund 320 Personen im Bachelorstudiengang Angewandte Sprachen sowie rund 50 in den Master-Vertiefungen Fachübersetzen und Konferenzdolmetschen aus?

Computern fehlt das sprachliche Feingefühl

«Die Veränderungen in unserem Beruf sind gewaltig», stellt Kappus fest. Während sich die Arbeit des Menschen in Zukunft bei Texten mit vielen wiederkehrenden Begriffen wohl eher auf das Redigieren maschineller Übersetzungen konzentriere, sei in anderen Bereichen noch immer viel spezifisches Wissen gefragt. In der Justiz oder Medizin etwa wären die Folgen von Fehlübersetzungen schwerwiegend.
«Steht im Deutschen etwa eine Wurst als Beispiel für Schnellverpflegung so ist die Entsprechung in England Fish and Chips. Das schaffen Übersetzungsprogramme nicht.»
— Martin Kappus, ZHAW Angewandte Linguistik
Angehende Fachpersonen müssten zudem gut vertraut sein mit den regionalen und kulturellen Begebenheiten des Zielpublikums. Kommt in einem deutschen Text etwa eine Wurst als Beispiel für Schnellverpflegung vor, so sei die Entsprechung in England nicht Sausage, sondern Fish and Chips, erklärt Kappus. «Das schaffen Übersetzungsprogramme nicht.» Auch kreative Texte wie etwa Marketing-Botschaften erforderten mehr sprachliches Feingefühl, als es Computer derzeit bieten. Zudem seien Online-Übersetzungen in vielen Unternehmen aus Datenschutzgründen tabu, weiss Kappus. Und auch das Dolmetschen sei bisher kaum betroffen von der Künstlichen Intelligenz – obwohl sich dies mittelfristig ändern könnte.

Übersetzungsprogramme sinnvoll einsetzen

An der ZHAW lehre man die Studierenden deshalb, Übersetzungsprogramme gezielt und sinnvoll zu nutzen, zeige ihnen aber auch deren Grenzen auf, erklärt Martin Kappus. Die Entwicklung biete sogar neue Chancen, ist er überzeugt: Die grössere Produktivität führe dazu, dass Unternehmen mehr Texte in mehr Sprachen übersetzen liessen. «Wir sind sicher, dass es weiterhin Übersetzende mit guter Ausbildung braucht.»

Gebrauchsanweisung 4.0

Ein Teil der Studierenden Angewandter Sprachen wählt nach dem ersten Jahr die Vertiefung Technikkommunikation. Dieses Fachgebiet verändert sich parallel zur Digitalisierung der Maschinen und technischen Anlagen. «Benutzer-Handbücher, die mehrere Ordner umfassen, sind kaum mehr gefragt», erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter Martin Schuler. Vielmehr müssten Technische Redaktoren heute interaktive Bedienungsanleitungen verfassen können, die je nach Zielgruppe verschiedenen Anforderungsniveaus gerecht werden. Auch Augmented Reality sei geeignet für die Erklärung von komplexen Maschinen. Was das bedeutet, haben seine Studierenden kürzlich an einem praxisnahen Beispiel durchexerziert: Sie verfassten die Dokumentation zur Swiss Digital Learning Factory, einer Industrie-4.0-Anlage, die Studierende und Mitarbeitende am Institut für Mechatronische Systeme entwickelt haben. Sie produziert Kugelschreiber, deren Bestandteile am Bildschirm individuell zusammengestellt werden können – je nach Geschmack mit der passenden Farbe und eingraviertem Text.

Roboter können nicht pflegen

Auch im Gesundheitswesen hält die Automatisierung immer mehr Einzug. Doch Roboter, die in Spitälern Tee servieren und Haare waschen, seien in der Schweiz bis anhin nicht anzutreffen, stellt Dozentin Ursula Meidert klar. «Der Aufwand für die Anschaffung, Programmierung und Wartung ist viel zu gross.» Entlastung verspricht man sich in der Gesundheitsbranche dagegen von Alarmierungssystemen bei Stürzen, automatisierter Medikamentenabgabe oder Matratzen, welche bettlägrige Patienten regelmässig umlagern, um Wundliegen zu vermeiden. Auf Robotik treffen die angehenden Gesundheitsfachleute derzeit am häufigsten in der Rehabilitation: Da trainieren zum Beispiel Querschnittgelähmte das Gehen an digitalisierten Laufbändern oder mit Exoskeletten.
«Die Technologie wird den Therapeuten und Pflegenden standardisierte Arbeiten abnehmen, aber Menschen niemals ersetzen können.»
— Ursula Meidert, ZHAW Gesundheit
Das elektronische Patientendossier, das Patienten ab nächstem Jahr nutzen können, habe das Potenzial, die Zusammenarbeit zwischen den Behandelnden zu verbessern, sagt Meidert. Bis anhin habe die Technik die Ausbildungen an der ZHAW nicht auf den Kopf gestellt, relativiert die Soziologin. Mehr Gewicht soll die Automatisierung aber erhalten, wenn das Gesundheitsdepartement nächstes Jahr sein Curriculum grundlegend revidiert. Meidert ist überzeugt: «Die Technologie wird den Therapeuten und Pflegenden standardisierte Arbeiten abnehmen, aber Menschen niemals ersetzen können.»

Psychologie-Chatbot statt Couch

Etwas anders könnte die Zukunft der Psychologen aussehen. In den nächsten 30 bis 50 Jahren werde wohl ein Grossteil der Beratenden von Chatbots abgelöst, mutmasst Hansjörg Künzli vom Departement Angewandte Psychologie. «Aktuell geben diese automatisierten Gesprächspartner erst sehr standardisierte Antworten. Doch die Weiterentwicklung verläuft rasant.» Einen Chatbot zum Umgang mit Schmerzen haben die Forschenden der ZHAW gemeinsam mit ETH-Fachleuten bereits entwickelt. Er fragt Nutzende nach dem Befinden und schlägt ihnen bei Schmerzsymptomen zum Beispiel Meditationsübungen vor. Weiter gebe es bereits Tausende von Apps für jegliche psychologischen Problematiken und Krankheitsbilder, sagt Künzli. Videos leiten Nutzende bei Atem- und Entspannungsübungen an und Körpersensoren registrieren Veränderungen wie einen Pulsanstieg und empfehlen sogleich beruhigende Übungen. «Solche digitalen Gadgets helfen, die Therapie vermehrt in den Alltag der Ratsuchenden hineinzubringen.»
«Da die Nachfrage nach psychologischer Beratung steigt, wird es wohl auch in Zukunft Psychologen brauchen.»
— Hansjörg Künzli, ZHAW Angewandte Psychologie
Ab 2021 sollen Masterstudierende einen Überblick über geprüfte und nützliche Psychologie-Apps erhalten und sich damit auseinandersetzen, wie sie sinnvoll in die Therapie einbezogen werden können. Bereits heute beraten sie Klienten über Online-Kanäle. Und auch die meisten ausgebildeten Psychologinnen und Psychologen nutzen ergänzend zur Beratungsstunde längst auch Telefon, Videokonferenzen, Mails und Chatfunktionen. Da die Nachfrage nach psychologischer Beratung steigt, werde es wohl auch in Zukunft Psychologen brauchen, erklärt Hansjörg Künzli. Doch technische und planerische Tätigkeiten würden wichtiger werden.

Maschinen im Chemielabor

Am Departement Life Sciences und Facility Management setzen sich Mitarbeitende ebenfalls mit Chancen der Künstlichen Intelligenz auseinander. Analog zur Initiative ZHAW digital der gesamten Hochschule, bei der unter anderem Mitarbeitende Ideen zur Digitalisierung einbringen können, hat man in Wädenswil ein eigenes Projekt gestartet. Aus 21 eingegangenen Ideen hat die Jury 14 ausgewählt. Sie werden mit insgesamt knapp 300 000 Franken gefördert.
«Indem Studierende die Konsequenzen der Automation im Laboralltag unmittelbar erfahren, wollen wir auch eine kritische Auseinandersetzung fördern.»
— Daniela Lozza, ZHAW Life Sciences und Facility Management
Im Bereich Facility Management zum Beispiel soll ein didaktisches Konzept entwickelt werden, um Studierenden Kompetenzen im Umgang mit Building Information Modeling zu vermitteln. Dabei handelt es sich um dreidimensionale Abbildungen von Gebäuden, mit denen Vorgänge im Vornherein simuliert werden können. Architekten und Ingenieure nutzen die Programme bereits intensiv bei der Planung von komplexen Gebäuden. Steht ein sogenannter Digital Twin zur Verfügung, können Facility Managerinnen damit zum Beispiel bei einem Wasserschaden Leitungen mit möglichen Lecks erkennen.
Ein zweites Projekt, das für förderungswürdig befunden wurde, wird angehenden Biotechnologen zugutekommen. In Labors sind sie immer stärker mit komplexen industriellen Anlagen konfrontiert. Deshalb sollen sie bereits in der Ausbildung lernen, einfachere Roboter zu programmieren, die im Labor zum Beispiel repetitive Pipettier-Aufgaben übernehmen können, erklärt Daniela Lozza die E-Learning-Verantwortliche ZHAW Life Sciences und Facility Management. «Indem Studierende die Konsequenzen der Automation im Laboralltag unmittelbar erfahren, wollen wir auch eine kritische Auseinandersetzung fördern.»