Zwischen Sozial- und Naturwissenschaften

19. März 2019
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Um Biodiversität im urbanen Raum zu fördern, brauchen Studierende mehr als biologisches Wissen. Für ihre pädagogische Pionierarbeit wurde Nathalie Baumann ausgezeichnet.

Auf dem Stundenplan des Moduls «Biodiversität im Siedlungsraum» stehen für angehende Umweltingenieurinnen und -ingenieure neben klassisch naturwissenschaftlichen Themen auch eher exotisch anmutende Begriffe wie Wahrnehmung, Kommunikation, Marketing oder Betriebswirtschaft. Darauf reagieren viele Umweltstudierende zunächst skeptisch. Doch diese Reaktion und anfängliche Desorientierung gehören zum Konzept des von der Dozentin Nathalie Baumann entwickelten Moduls. Studierende sollen sich bewusst mit anderen wissenschaftlichen Vorgehensweisen und Denkmustern auseinandersetzen. Denn gerade im Bereich Förderung der Biodiversität müssen laut Baumann verschiedene Perspektiven zusammenspielen.
«Die wunderbarsten Konzepte funktionieren nicht, wenn sie nicht akzeptiert werden»: Nathalie Baumann.
Unterstützung hat sich die Dozentin des Departements Life Sciences und Facility Management deshalb von extern geholt, und zwar von Sandra Wilhelm. Wilhelm ist Expertin für Transformatives Lernen und Nachhaltige Entwicklung von «anders kompetent», das didaktische Konzepte auch im Hochschulbereich anbietet. Für ihre Pionierarbeit im Bereich transformatives Lernen hat Stadtökologin Baumann nun den diesjährigen ZHAW-Lehrpreis und den «Credit Suisse Award for Best Teaching» erhalten.

Wie hole ich die Anwohnenden mit an Bord?

Herzstück des preisgekrönten Moduls ist ein konkretes Biodiversitäts-Projekt , welches auch als Abschlussarbeit gilt. Eine dieser Arbeiten verbindet beispielsweise Urban Gardening und Dachbegrünung für die alte Brauerei Warteck in Basel.

Impressionen von der Dachbegrünungsaktion für die alte Brauerei Warteck in Basel


Während dieser Projekte werden die an naturwissenschaftliche Vorgehensweisen gewöhnten Studierenden ganz konkret mit sozialwissenschaftlichen Fragen konfrontiert. Sie haben es plötzlich mit dem Widerstand der Hausbesitzerin, des Hauswarts oder der Anwohnenden zu tun und müssen ihr Projekt erklären und sie dafür gewinnen. «Aus diesem Grund lassen wir die Studierenden neben einer Analyse der Biodiversität auch eine Akteursanalyse machen», erklärt Sandra Wilhelm. Studierende müssen sich an neue Fragestellungen gewöhnen: Wie hole ich verschiedenen Akteure an Bord? Was versteht mein Gegenüber unter Natur? Wie kann ich sie oder ihn zu Veränderungen motivieren? «Solche Fragen müssen berücksichtig werden, denn die wunderbarsten Konzepte funktionieren nicht, wenn sie nicht akzeptiert werden», erklärt Baumann.
Der diesjährige ZHAW-Lehrpreis wurde für «Transformationen in der Lehre» vergeben. In ihrem Modul streben die beiden Dozierenden eine Transformation einerseits bei den Studierenden in ihrem Denken, aber auch eine Transformation in der Gesellschaft an. «Wir haben in unserem Modul versucht, die Studierenden als Change Agents zu befähigen, also sozusagen als Begleiter des Wandels in Nachhaltigkeitsprojekten», erzählt Wilhelm.

«Wir fühlen uns an den Rändern wohl»

Doch wie kamen die beiden Dozierenden auf die Idee, neben Naturwissenschaften auch Sozialwissenschaften in ihren Unterricht einzubauen? Das sei eine lang gehegte Vision, erzählt Nathalie Baumann. «Mit Biologie, Biogeografie, Stadtökologie und Ethnologie habe ich schon im Studium den Spagat zwischen den Disziplinen gemacht.» Auch die Studienfächer von Sandra Wilhelm tönen nicht gerade alltäglich: Pädagogik, Umweltwissenschaften und Umweltpsychologie. «Wir fühlen uns beide an den Rändern wohl», erklärt Baumann. Ihr sei bewusst, dass in ihrem Modul viele Studierende das erste Mal mit neuen Wissensformen konfrontiert werden. Und sie meint schmunzelnd. «Wir versuchen aber die Konfrontation mit anderen Denkweisen und den Umgang mit Veränderungsprozessen möglichst offen zu gestalten.»

Biodiversität

Laut Bundesamt für Umwelt ist Biodiversität die Vielfalt des Lebens auf den Ebenen der Lebensräume (Ökosysteme), der Arten (Tiere, Pflanzen, Pilze, Mikroorganismen) und der genetischen Vielfalt. Die reiche Biodiversität der Schweiz ist das Ergebnis naturräumlicher Vielfalt (Höhenunterschiede, klimatische Gegensätze, Verschiedenartigkeit der Böden) einerseits und menschlicher Einflüsse andererseits. Im Siedlungsraum übertrifft die Artenvielfalt sogar oft diejenige des Umlandes. Die Artenvielfalt ist in Gefahr. Hauptursache für das Verschwinden von Arten auf der ganzen Welt ist der Verlust von Lebensräumen. Der Bundesrat hat 2017 im Rahmen der nationalen «Strategie Biodiversität Schweiz», den «Aktionsplan Biodiversität» beschlossen. Das Hauptziel dieses Aktionsplans ist es, die Biodiversität und ihre Ökosystemleistungen langfristig zu erhalten. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, muss aber noch viel geschehen.
Auch international wird das Problem erkannt. 193 Staaten haben die UN-Konvention zur biologischen Vielfalt unterzeichnet. Darin rufen die Vereinten Nationen die Weltöffentlichkeit auf, sich für die biologische Vielfalt einzusetzen.