
Damit Träume keine Träume bleiben
Im Rahmen des Mentoringprogramms für Geflüchtete stellen Studierende des Studiengangs Sprachliche Integration ihr Knowhow unter Beweis und unterstützen die Mentees mit Rat und Tat.
«Es heisst ‘das rote Haus’, aber ‘ein rotes Haus’, mit ‘s’. Deklination ist ein kompliziertes Thema, ich weiss», sagt Khulan Meier und lächelt verständnisvoll. Die Studentin des Bachelorstudiengangs Sprachliche Integration befindet sich gerade in einem Mentoringtreffen für Studierende und Studieninteressierte mit Fluchthintergrund, das sie zusammen mit ihrer Kommilitonin Melissa Kaspar durchführt. Ihre beiden Mentees hören aufmerksam zu. Jemal Yasin ist erst seit einem knappen Jahr in der Schweiz – spricht aber schon erstaunlich gut Deutsch. «Jemal ist ein Sprachtalent», beteuern die beiden Mentorinnen. Neben seinen beiden Muttersprachen Amharisch und Tigrinya spricht der Äthiopier Französisch, Englisch und Arabisch auf hohem Niveau. Er hat in mehreren afrikanischen Ländern als Übersetzer, im Kundendienst und in der Flüchtlingshilfe gearbeitet. Sein Ziel ist es, seine Sprachkenntnisse auch in der Schweiz beruflich einzusetzen. Nafisa Abdelbagi stammt aus dem Sudan und ist seit sieben Jahren in der Schweiz. In ihrer Heimat hat sie Ökonomie und Sozialwissenschaften studiert und danach auf einer Bank gearbeitet. In der Schweiz war sie zwei Jahre in einem Kinderhort tätig. Seit Herbst 2025 studiert sie wie die beiden Mentorinnen Sprachliche Integration. Lange wusste sie aber gar nicht, dass sie diese Möglichkeit überhaupt hat.
Eine Ansprechperson für alles
Das Mentoringprogramm führen Kaspar und Meier im Rahmen eines Praxismoduls im fünften Semester des Studiengangs Sprachliche Integration durch. Andere Studierende stellen ihre praktischen Fähigkeiten etwa bei kantonalen Integrationsstellen unter Beweis, die beiden tun es bei einem Angebot der ZHAW für Studierende mit Fluchthintergrund. Die übergeordneten Ziele des Programms sind, dass sich die Mentees an der ZHAW willkommen, gut informiert und sozial integriert fühlen und ihren Studienalltag besser bewältigen können. Da die Gruppe in diesem Semester so klein ist, können die Mentorinnen das Programm sehr individuell auf die Bedürfnisse der beiden Mentees anpassen. Zehn Mal haben sie einander bereits getroffen und dabei neben allgemeinen Fragen zum Studienalltag und dem Leben in der Schweiz spezifisch an Themen gearbeitet, die für die beiden Mentees von Bedeutung sind. Für Yasin steht die Unterstützung beim Deutsch lernen im Zentrum; für Abdelbagi sind es inhaltliche Fragen zum Studium Sprachliche Integration. Eine Ansprechperson für alles zu haben, schätzen die beiden Mentees enorm. «Ich hätte ansonsten ein schlechtes Gewissen, jemanden ständig mit Fragen zum Studium zu löchern», sagt Abdelbagi. Das Programm gibt ihr die Sicherheit, keine Belastung zu sein. Die Mentorinnen organisierten ausserdem auch gemeinsame Aktivitäten, Treffen mit anderen Studierenden ihres Studiengangs und zeigten den Mentees Orte, an denen sie eine gute Lernumgebung finden, wie die Stadtbibliothek Winterthur oder die Hochschulbibliothek. Auf die Frage, ob sie das Mentoring weiterempfehlen würden, antworten die Mentees einstimmig: «Haben wir bereits mehrfach!»
Win-win-Situation
Doch nicht nur die Geflüchteten profitieren von den Treffen. Auch für die Mentorinnen ist die praktische Erfahrung in ihrem zukünftigen Arbeitsbereich viel wert – ein Bereich, in dem die Praxis nicht gross genug geschrieben werden kann. Sowohl Meier als auch Kaspar haben bereits Unterrichtserfahrung im DAZ (Deutsch als Zweitsprache). Sprachliche Integration sei jedoch viel mehr als Grammatik und Wortschatz. Die Arbeit mit Menschen sei in jedem Fall individuell, erklärt Kaspar. Und da die Zielgruppe enorm breit ist und jede Person ihre eigene – oft schmerzhafte – Geschichte hat, erfordert die Arbeit viel Einfühlungsvermögen. Dabei kommt den Mentorinnen ihre eigenen Erfahrungen zugute. Khulan Meier kam selbst erst vor sechs Jahren in die Schweiz und kennt die Herausforderungen bei der Integration und dem Spracherwerb aus erster Hand. Melissa Kaspar engagiert sich schon seit mehreren Jahren als Deutschlehrerin bei Solinetz Winterthur. Der gemeinnützige Verein bietet geflüchteten Personen kostenlose Sprachkurse und ein soziales Netzwerk. Parallel zum Studienbeginn übernahm sie vor zweieinhalb Jahren die Leitung der Winterthurer Geschäftsstelle. Die theoretischen Grundlagen zu ihrer praktischen Erfahrung zu erwerben, gab für sie den Ausschlag für das Studium. Für Meier war es vor allem die Vielfalt an Berufsmöglichkeiten: «Der Fachbereich ist noch relativ jung, man kann die Jobprofile vielerorts noch selbst mitgestalten und der Bedarf an Fachkräften ist gross. Neben dem Deutsch Unterrichten für Erwachsene sind mögliche Berufsfelder auch die Entwicklung von Lehrmitteln, die Mitarbeit bei Integrationsprojekten oder das Sprachbildungsmanagement – also das Konzipieren von Sprachkursen oder ganzen Integrationsprogrammen.» Sowohl Meier als auch Kaspar sehen sich in Zukunft auf strategischer Ebene im Sprachbildungsmanagement.
Potenzial fördern
Hört man Nafisa Abdelbagis Geschichte, wird offensichtlich, dass die Professionalisierung im Integrationsbereich einen wichtigen Beitrag für persönliche Erfolgsgeschichten, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes leisten könnte. Um sich erfolgreich zu integrieren, seien Kontakte bisher das A und O, beteuert Abdelbagi. «Ohne Netzwerk erfährt man leider kaum, welche beruflichen Optionen existieren oder nur schon, wo man welche Informationen erhält.» Es sei ein Teufelskreis: Um sich zu informieren, ist ein hohes Deutschniveau notwendig. Sprachkurse werden in den meisten Gemeinden jedoch nur bis Niveau B1 finanziert. Die Priorität liege darauf, Geflüchtete arbeitsfähig zu machen, damit sie nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig sind. Der berufliche Hintergrund oder besondere Fähigkeiten von Geflüchteten würden jedoch kaum beachtet. Dadurch bleibe vielen die Chance auf eine qualifizierte Arbeit verwehrt. «Sprachkurse auf höherem Niveau bieten vor allem Vereine an, die auf Freiwilligenarbeit beruhen», erzählt Kaspar. Abdelbagi hat dank dem Verein Solinetz das Deutschniveau C1 erreicht. Auch dass sie studieren könnte, erfuhr sie nur durch ihre Kontakte im Verein. «Meine Betreuerin auf dem Sozialamt hatte mir gesagt, in der Schweiz zu studieren werde ein Traum bleiben. Meine Diplome seien sowieso nicht anerkannt. Und ich habe das natürlich geglaubt.» Kritik möchte sie keine ausüben – dafür sei sie viel zu dankbar. Aber es sei natürlich schade, dass man sie nicht über alle ihre Möglichkeiten aufgeklärt habe. «Es ist klar, dass nicht alle Geflüchteten individuell gefördert werden können», sagt Kaspar. «Aber es ist auch klar, dass uns ein enormes wirtschaftliches Potenzial entgeht, wenn wir alle Geflüchteten nach demselben Schema abfertigen und kein bisschen auf ihre Fähigkeiten eingehen.» Abdelbagi beteuert: «Es wäre ok gewesen, wenn ich zuerst irgendeine Lehre hätte machen müssen. Aber jetzt, im Studium, fühle ich mich absolut am richtigen Ort und habe die Chance, eine qualifizierte Stelle zu bekommen, bei der ich anderen Geflüchteten mit meiner Erfahrung weiterhelfen kann.»
Kontaktstelle für Geflüchtete
Das Mentoringprogramm richtet sich an Geflüchtete, die an der ZHAW studieren oder ein Studium erwägen, und ist ein Angebot der ZHAW-Kontaktstelle für Geflüchtete in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Sprachliche Integration. Die Kontaktstelle wird vom Ressort Internationales betrieben. Sie bietet Beratung und Unterstützung für zuweisende Stellen und qualifizierte Geflüchtete, die sich an der ZHAW als Auditor:innen, Mobilitätstudierende oder ordentliche Studierende einschreiben können. Der Bedarf nach einer solchen Stelle wurde nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine deutlich. Nach einer erfolgreichen zweijährigen Projektphase wurde das Angebot 2025 offiziell in den Regelbetrieb übernommen. Die Kontaktstelle verantwortet neben dem Mentoringprogramm den Sprachkurs «Deutsch im Hochschulumfeld», der ebenfalls von Studierenden des Studiengangs Sprachliche Integration durchgeführt wird. Nafisa Abdelbagi fand auch den Sprachkurs sehr hilfreich: «Deutschkurse für Geflüchtete sind meist für tiefere Sprachniveaus ausgelegt. Der Kurs richtet sich an Lernende auf Sprachniveau B2 und höher und es werden Themen behandelt, die in der Praxis wichtig sind, zum Beispiel, wie man eine Bewerbung für einen Studiengang schreibt oder welche Möglichkeiten es gibt, um ein Studium zu finanzieren.»
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