Das Potenzial von Spezialkulturen nutzen

30.11.2021
4/2021

Die Müller-Thurgau Stiftung unterstützt die Entwicklung von innovativen Lösungen, die den Anbau von Obst, Gemüse und anderen Spezialkulturen nachhaltiger machen. Darunter sind auch zwei Projekte der ZHAW.

Der Klimawandel, das weltweite Bevölkerungswachstum, die Verknappung der Böden oder das Insektensterben sind nur einige Beispiele der Herausforderungen, mit denen die Land- und Ernährungswirtschaft konfrontiert ist – sei es als Mitverursacherin oder Betroffene. Die Ende 2019 in Wädenswil gegründete Müller-Thurgau Stiftung will sich dieser Krisen annehmen und sich aktiv an der Lösungsfindung beteiligen. «Die dringend nötige Transformation der Ernährungssysteme hin zu mehr Nachhaltigkeit war der Haupttreiber für die Gründung der Stiftung», sagt Stiftungsratspräsident Lukas Bertschinger. Die Stiftung fördert praxisnahe Projekte aus Forschung und Entwicklung, um nachhaltigere Wertschöpfungsketten mit Spezialkulturen zu erreichen. Das betrifft beispielsweise den Anbau und die Verarbeitung von Früchten, Beeren, Gemüsen, Trauben, Nüssen oder auch Kräutern. Sie arbeitet auch mit dem ZHAW-Departement Life Sciences und Facility Management zusammen. Dessen Direktor Urs Hilber sitzt im Stiftungsrat als Delegierter der ZHAW.

Monitoring der Kirschessigfliege

Unter den sechs Projekten, die in der kurzen Zeit seit der Gründung schon gefördert wurden, sind auch zwei in Federführung der ZHAW. Zum einen ist dies ein neuer Ansatz im Umgang mit der Kirschessigfliege. Der hier heimisch gewordene Schädling befällt bekanntlich Obstkulturen, weshalb Bäuerinnen und Bauern auf Pestizide zurückgreifen müssen. Das 2020 und 2021 durchgeführte Projekt «Alternatives Monitoring der Kirschessigfliege» von Johannes Fahrentrapp hatte zum Ziel, eine Falle zu entwickeln, welche die Lokalisierung von Populationen vereinfacht. Mit dem gewonnenen Wissen könnten die Obstbauern Pflanzenschutzmittel viel gezielter einsetzen. Das Forscherteam hat am Institut für Umwelt und natürliche Ressourcen verschiedene Prototypen entwickelt und im Labor mit einer Kirschessigfliegenpopulation getestet. Die Feldversuche in diesem Herbst haben aber gezeigt, dass noch nicht genügend Fliegen in der entwickelten Falle landen, damit das Monitoring flächendeckend einsetzbar wäre.

Qualität von Ökowein fördern

Das zweite ZHAW-Projekt, das die Müller-Thurgau Stiftung mitfinanziert, ist im Weinbau angesiedelt und startet im Januar 2022. Dabei geht es um eine praktikable Lösung, wie der Einsatz von Fungiziden massiv reduziert werden kann. Das Ziel ist, die pilzwiderstandsfähige Rebsorte (PIWI-Sorte) Souvignier gris in Co-Kreation mit der Branche nutzbarer zu machen. Im Rahmen einer Co-Kreation mit Weinbaubetrieben entwickeln die am Projekt Beteiligten die besten Weinbereitungspraktiken für diese Sorte. Im Rahmen ihrer Masterarbeit hat Monika Baumann festgestellt, dass PIWI-Weine bei den Winzern noch wenig Akzeptanz finden – bezüglich Qualität haftet ihnen ein schlechtes Image an.

«Best of Souvignier gris»

Das daraus entstandene Projekt «Best of Souvignier gris» sieht deshalb einen Wettbewerb vor, bei dem rund 20 Teilnehmende den ökologischen Weisswein herstellen. Weil sein Qualitätspotenzial als sehr hoch eingeschätzt wird und der Souvignier gris als wandlungsfähig gilt, hat das Projektteam um Peter Schumacher diese Rebsorte ausgewählt. Die sechs besten Weine werden an den Wädenswiler Weintagen 2023 gekürt und anschliessend vermarktet. Projektleiter Peter Schumacher sagt: «Mit Best-Practice-Beispielen möchten wir Schwellen abbauen und Erfolgserlebnisse erzielen. Unsere Hoffnung ist, dass einige Produzenten die Berührungsängste mit PIWI-Rebsorten verlieren und erkennen, dass diese eine echte Alternative sind.» Heute machen sie erst rund 2,6 Prozent der Weinbaufläche in der Schweiz aus.

«Spezialkulturen haben eine hohe Wertschöpfung und können der Ressourcenverknappung entgegenwirken. Gleichzeitig fördern sie eine gesunde Ernährung und sind als pflanzliche Lebensmittel klimafreundlich.»

Lukas Bertschinger, Stiftungsratspräsident

Die Projekte wählt die Müller-Thurgau Stiftung nach transparenten Kriterien mithilfe von themenspezifischen Ausschreibungen aus. Sie müssen interdisziplinär geführt und zu 50 Prozent mit Eigenmitteln finanziert sein. Lukas Bertschinger bezeichnet Spezialkulturen als Schlüssel, um die eingangs erwähnten und weitere aktuelle Krisen zu überwinden. «Sie haben eine hohe Wertschöpfung und können der Ressourcenverknappung entgegenwirken. Gleichzeitig fördern sie eine gesunde Ernährung und sind als pflanzliche Lebensmittel klimafreundlich.» 

Für Transformation der Agro-Food-Systeme

Bertschinger ist überzeugt, dass Spezialkulturen eine bedeutende Rolle bei der Transformation der Agro-Food-Systeme einnehmen werden. «Aber es gibt auch hohen Innovationsbedarf, deshalb braucht es die Stiftung», sagt er. «Wir wollen Türen zu einer wertschöpfenden, vielfältigen Land- und Ernährungswirtschaft öffnen sowie zu praxistauglichen Problemlösungen beitragen. Dafür benötigen wir aber noch sehr viel mehr Fördermittel.» Die angestrebte Praxistauglichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass Fortschritte in einem Bereich, z. B. der Biodiversität, nicht zu einem Rückschritt in einem anderen Bereich der Nachhaltigkeit führen. «Denn wenn ökologische Methoden unrentabel sind, können sie keine breite Wirkung erzielen», sagt Lukas Bertschinger.

Mut und Innovationsgeist nötig

Die möglichen Themenfelder für Projektausschreibungen reichen von Ernährungssicherheit, Bodenqualität und Biodiversität über neuere Ansätze wie Vertical Farming bis hin zur Schaffung von natürlichen, intakten Erholungsräumen. «Wir brechen die Prinzipien der Agrarökologie mit den ausgewählten Projekten auf machbare Schritte herunter», so Lukas Bertschinger. Ganz im Sinne des Namenspatrons der Stiftung, Hermann Müller-Thurgau, der sich als vielfältig begabter Pflanzenbauwissenschaftler bereits im 19. und 20. Jahrhundert durch Mut und Innovationsgeist auszeichnete.

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