Literacy – Was wir unbedingt können sollten

Der tägliche Entscheid zu einem gesunden Leben

21.09.2021
3/2021
  • Dossier

Dem Thema Gesundheitskompetenz wurde in der Schweiz lange wenig Beachtung geschenkt. Durchzogen ist denn auch die Bilanz, wie viel Menschen über Krankheit und Gesundheitsthemen wissen und was sie davon umsetzen. 

Wo informiere ich mich über chronische Rückenschmerzen, Depressionen oder Mediensucht? Kann ich den Erläuterungen der Ärztin mühelos folgen? Ist an der auf Facebook zitierten Studie zum Coronavirus etwas dran? Gelingt es mir, die verschriebenen Schulterübungen in meinen Alltag zu integrieren? Informationen zu Gesundheitsthemen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden: Das alles macht gemäss einer gängigen Definitionen das aus, was wir Health Literacy oder zu Deutsch Gesundheitskompetenz nennen. 

Kurativ statt präventiv

«Die Schweiz hat dem Thema Gesundheitskompetenz lange kaum Aufmerksamkeit geschenkt», sagt Ursula Meidert, Dozentin am Institut für Gesundheitswissenschaften der ZHAW. «Unser Gesundheitssystem ist stark kurativ ausgerichtet.» In einem Land, das sich ein teures, vorrangig auf Heilung ausgelegtes Gesundheitssystem leisten kann – oder zumindest bisher leisten konnte – stehen Gesundheitsförderung und Prävention oft eher hintan. 

Das spiegelt sich auch in der letzten Erhebung zur Gesundheitskompetenz in der Schweiz: Bei mehr als der Hälfte der Bevölkerung sei diese nicht ausreichend, lautet das ernüchternde Ergebnis der Befragung, die das Bundesamt für Gesundheit vor einigen Jahren in Auftrag gegeben hatte (Neuere Daten lagen beim Entstehen des Beitrags nicht vor). So bekunden über 40 Prozent der befragten Personen etwa Mühe damit, die Vor- und Nachteile verschiedener Behandlungsmethoden einzuschätzen. Etwa ein Drittel findet es schwierig zu beurteilen, wann die Zweitmeinung einer anderen Ärztin oder eines anderen Arztes sinnvoll wäre.

Impfen – ein schwieriges Thema

Besonders gross ist die Verunsicherung aber beim Thema Impfen: Die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer tut sich offenbar schwer mit der Frage, welche Impfungen notwendig sind und welche nicht. (Das Coronavirus war zu diesem Zeitpunkt notabene noch kein Thema.) «Diese Zahlen sind bedenklich», sagt Meidert. Kaum Schwierigkeiten haben die Befragten gemäss Studie hingegen damit, den Anweisungen von Ärztinnen und Apothekern zu folgen, verschriebene Medikamente korrekt einzunehmen oder im Notfall einen Krankenwagen zu rufen.

Der Einfluss des sozialen Umfeldes

Menschen mit hoher Gesundheitskompetenz scheint gemäss der Studie einiges gemeinsam zu sein: Sie treiben häufiger Sport, leiden weniger an chronischen Erkrankungen, müssen seltener ins Spital und beurteilen ihren Gesundheitszustand generell positiver. Die Wirkrichtung lässt sich jedoch schwer bestimmen: Ob gesundheitsbewusstere Menschen gezielt mehr Sport treiben oder bewegungsfreudigere Menschen einfach gesünder sind, weiss man nicht. Andere Arbeiten nennen auch den Bildungsgrad als wichtigen Faktor.

«Gerade bei der Prävention hat manchmal grösseren Einfluss, wie sich unser Umfeld verhält, als was wir wissen.»

Matthias Meyer, Institut für Gesundheitswissenschaften

Welche Rolle spielt das Wissen für die Gesundheitskompetenz? Bedeutet mehr Information stets auch gesundheitsbewussteres Verhalten? «Nicht unbedingt», sagt Matthias Meyer, der am Institut für Gesundheitswissenschaften der ZHAW die Co-Leitung für den Bachelorstudiengang Gesundheitsförderung und Prävention innehat. «Gerade bei der Prävention hat manchmal grösseren Einfluss, wie sich unser Umfeld verhält, als was wir wissen.» So achte die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer nicht zuletzt deshalb auf gute und frische Küche, weil gesunde Ernährung in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert habe, erklärt der ehemalige Leiter des Gesundheitsamts des Kantons Zug. Dagegen sei es nach wie vor weitgehend akzeptiert, zu viel Alkohol zu konsumieren, obwohl die Konsequenzen allen bewusst sein dürften.

Alkoholfreie Situationen schaffen

«Allein der Appell an mehr Eigenverantwortung reicht hier nicht aus», ist Meyer überzeugt. Notwendig seien auch staatliche Vorgaben, die alkoholfreie Situationen schaffen würden, wie es heute bereits im Strassenverkehr oder am Arbeitsplatz der Fall sei, oder die die Verfügbarkeit von Alkohol einschränkten. Solche Massnahmen fänden in der hiesigen Politik jedoch in der Regel wenig Gehör.

Tief ist die Gesundheitskompetenz gemäss der BAG-Erhebung dagegen häufig bei Menschen, die selten bis nie Sport treiben, eher älter sind, ein tiefes Bildungsniveau aufweisen und Migrationshintergrund haben. Besonders schwer wiegen aber die finanziellen Verhältnisse. «Wo das Geld fehlt, verzichten viele Menschen auch bewusst auf Gesundheitsleistungen», sagt Ursula Meidert. Vorsorgeuntersuchungen oder Screenings fielen dann häufig als erste weg, da sie am ehesten für entbehrlich gehalten würden.

Sowohl Wissen als auch Wille sind oft vorhanden

Ein Team der ZHAW um Frank Wieber hat Möglichkeiten zur Förderung der Gesundheitskompetenz in herausfordernden Kontexten vertieft untersucht. Der stellvertretende Leiter Forschung am Institut für Gesundheitswissenschaften führte gemeinsam mit Co-Projektleiter Günter Ackermann und dem Projektteam Interviews  mit Klientinnen und Klienten durch sowie beratenden Personen des Roten Kreuzes, der Caritas und der Fachstelle Interinstitutionelle Zusammenarbeit IIZ und arbeitete eng mit einer interprofessionell besetzten Begleitgruppe zusammen.

Eine zentrale Erkenntnis aus dem Forschungsprojekt, das im Auftrag der Plattform Allianz Gesundheitskompetenz durchgeführt wurde: «Oft ist es um die Gesundheitskompetenz der betroffenen Personen keineswegs grundsätzlich schlecht bestellt», sagt Wieber. «Viel eher geht es um einzelne Lücken.». Vor allem aber fehle es diesen Menschen an finanziellen, zeitlichen und sozialen Ressourcen, um ihren Alltag gesünder zu gestalten. Umso beeindruckender sei es, wie gross zum Beispiel das Wissen vieler Familien mit kleinen Kindern über gesunde Ernährung sei – und wie stark der Wille, dieses auch mit beschränkten Möglichkeiten umzusetzen.

«Eine Stärkung der Gesundheitskompetenz muss nicht nur beim Individuum ansetzen, sondern auch bei gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie etwa gesundheitskompetenten Organisationen.»

Frank Wieber, Institut für Gesundheitswissenschaften

«Die Gesundheitskompetenz kann nicht separat von anderen Lebensbereichen betrachtet werden», kommt Wieber deshalb zum Schluss. Ob eine Person alleinerziehend ist, ihre Stelle verloren hat oder neu in einem fremden Land erst einmal ohne soziales Netzwerk auskommen muss, bestimmt mit, wie gut sie auf ihre Gesundheit achtgeben kann. Wie Matthias Meyer ist auch Frank Wieber überzeugt, dass mehr Eigenverantwortung alleine nicht genügt. «Eine Stärkung der Gesundheitskompetenz muss nicht nur beim Individuum ansetzen, sondern auch bei gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie etwa gesundheitskompetenten Organisationen.»

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Grössere Gesundheitskompetenz des Einzelnen bedingt deshalb auch, dass dem Thema in der Ausbildung mehr Platz eingeräumt wird. «Noch immer wird angehenden Ärztinnen und Ärzten zu wenig Fachwissen zu Prävention und Gesundheitsförderung vermittelt», kritisiert Matthias Meyer. Das habe zur Folge, dass selbst Fachleute ein regelmässiges Glas Wein zu viel manchmal herunterspielten. «Der Hausarzt geniesst grosse Glaubwürdigkeit bei Patientinnen und Patienten», betont Meyer. «Solche Schlüsselfiguren müssen stärker einbezogen werden.» Denn wenn sie bestimmte Gesundheitsthemen näherbrächten, dürften viele Menschen empfänglicher sein als bei jemandem aus Politik oder Behörde.

«Der Beipackzettel eines Medikaments sollte nicht für den Juristen geschrieben sein, sondern für diejenige Person, die es benötigt.»

Ursula Meidert, Institut für Gesundheitswissenschaften

Wichtig ist dabei auch, dass Fachleute in ihrer Gesprächstechnik geschult werden. Sie müssen wissen, wie man heikle und komplexe Themen am besten aufgreift, und Informationen auf eine Weise vermitteln, dass sie verstanden und angenommen, aber auch umgesetzt werden. Einfach und gut verständlich sollten zudem auch Broschüren und andere schriftliche Informationen zu Gesundheitsthemen verfasst sein. «Der Beipackzettel eines Medikaments sollte nicht für den Juristen geschrieben sein, sondern für diejenige Person, die es benötigt», betont Ursula Meidert. 

Lernziele für die Primarschule

Die Sensibilisierung für gesundheitsrelevante Themen wie ausgewogene Ernährung oder genügend Bewegung sollte aber schon im Kindesalter beginnen, ist Meidert überzeugt. Der Lehrplan 21 hält Gesundheitsförderung und Prävention erst mal als explizite Lernziele für die Primarschule fest. Damit sei die Vermittlung dieser Themen nicht mehr vom Goodwill der jeweiligen Lehrperson abhängig und müsse nicht mehr in andere Fächer hineingequetscht werden, ergänzt Meyer. «Das ist schon einmal ein Meilenstein.»

Das Coronavirus und die Grenzen der Gesundheitskompetenz

Welche Rolle spielt die Gesundheitskompetenz, wenn es um das Coronavirus geht? Wie gut gelingt es uns hier, Informationen zu finden, zu begreifen, einzuschätzen und umzusetzen? Die Ausgangslage für Covid-19 unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von anderen gesundheitsrelevanten Themen: So war es zu Beginn der Pandemie praktisch unmöglich, gesicherte Kenntnisse zum Virus zu erhalten. Dennoch standen Gesundheitsbehörden früh unter Druck, die Bevölkerung regelmässig zu informieren – was mehrmals zu Widersprüchen führte und Skeptikern Angriffsfläche bot, wie ZHAW-Gesundheitswissenschaftler Matthias Meyer sagt. 

Ein Mangel an Informationen zu Covid-19 kann inzwischen wahrlich nicht mehr beklagt werden. Im Gegenteil: So gross ist die Flut, dass die Herausforderung vielmehr in der Orientierung und deren Beurteilung liegt, nicht umsonst spricht man auch von einer Infodemie. Dennoch dürften die wichtigsten Massnahmen zum Schutz vor dem Virus inzwischen den meisten Schweizerinnen und Schweizern geläufig sein. «Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Bezug auf Corona ist hoch», sagt auch Meyer. Doch Gesundheitskompetenz sei in diesem Fall nicht alles. Denn auch hier bedeutet Wissen nicht unbedingt, dass auch danach gehandelt wird. «Wenn bestimmte Weltanschauungen, Glaubensfragen oder eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Staat mit im Spiel sind, bringen Fakten und Argumente wenig», sagt Meyer. «Dieses Problem löst man nicht, indem man die Gesundheitskompetenz von 60 auf 65 Prozent steigert.»