Forschen – heute und morgen

Die mit der Sonne baut

22.06.2021
2/2021
  • Alumni

Die Architektin Saikal Zhunushova nutzt die Ausdruckskraft natürlicher Baustoffe und die Energie der Sonne – in der Schweiz wie in Kirgistan. Mit dem Umbau eines 189-jährigen Hauses gewann die einstige ZHAW-Masterstudentin jüngst einen Nachwuchspreis.

Ortstermin auf der künftigen Baustelle: Das Gebäude am Ufer des Zürichsees ist in die Jahre gekommen. Erbaut als Pferdestall diente der Schopf zuletzt als Lagerraum und Garage. Nun will ihn die Familie zu einem Zwei-Generationen-Wohnhaus umbauen. Die Tochter, die mit ihren Eltern hier wohnen wird, assistiert der Architektin bei der Zustandsprüfung des geteerten Vorplatzes, um die öffentlichen Wege vor dem Baubeginn zu protokollieren. Das Projekt sei eine Herzensangelegenheit ihres Vaters, erzählt sie. Er will einen Traum der Mutter verwirklichen, die seit Kindesbeinen passionierte Schwimmerin ist. Jetzt lebt das Ehepaar eine Viertelstunde entfernt. Nächstes Jahr möchte es in das umgebaute Haus einziehen. Dann kann die 89-Jährige mit wenigen Schritten in den Zürichsee steigen. Nur gerade 15 Meter beträgt die Distanz zum Wasser.

Wand als Wärmespeicher

Das Gebäude mit seinem charakteristischen Doppelgiebel bleibt so weit wie möglich erhalten. Um Licht ins 25 Meter lange Haus zu bringen, öffnet Saikal Zhunushova die Südfassade zum See hin. Doch die verglaste Front wird auch energetisch vorteilhaft sein und die Kraft der Sonne nutzen, was der 38-jährigen Architektin wichtig ist. Sie erklärt das Prinzip: Im Sommer, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, sorgt die exakt berechnete Länge des Vordachs für den nötigen Schatten. Und im Winter, beim flacheren Sonnenstand, bescheint sie die massive Wohnungstrennwand mitten im Haus und die tiefen Fensterbänke aus dickem, dunklem Naturstein. Die Wand speichert die Wärme, gibt sie langsam wieder ab und hilft so beim Heizen. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach versorgt beide Haushalte und die Wärmepumpe mit Strom.

Auszeichnung für nachhaltiges Bauen

Ein solcher Umbau ist komplex. Die Enge des Grundstücks lässt wenig Spielraum. Hinzu kommen die Tücken von Ortsbild- und Hochwasserschutz. Doch Saikal Zhunushova hat bewiesen, dass sie souverän mit historischer Bausubstanz umgeht und divergierende Ansprüche unter einen Hut zu bringen weiss: Im März gewann sie mit dem Umbau eines historischen Flarzhauses von 1832 im Zürcher Oberland den dritten Preis des Foundation Award 2021, eines Förderpreises für Jungarchitektinnen und -architekten in der Schweiz. «Ihre Architektur ist geprägt von natürlichen Baustoffen und vom passiv solaren Bauen», schreibt die Jury des Nachwuchspreises. Sie hebt im Weiteren die atmungsaktiven, lehmverputzten Holzbauwände hervor, die dunklen Schieferplatten auf Fensterbänken und Boden, die als passive Radiatoren wirken. Ebenso lobt sie den modernen Speicher-Holzofen als «neues Herz des Hauses». Beim Umbau des historischen Hauses hatte auch der Zürcher Heimatschutz seine Anliegen eingebracht. Ein Flarzhaus ist ein Wohngebäude-Typ, der historisch gewachsen aus mehreren zusammengebauten Wohneinheiten besteht, ähnlich dem modernen Reihenhaus.

«Mein Studium in Kirgistan war rein theoretisch – völlig praxisfremd. Um wirklich zu lernen, wie man konstruiert und Details entwickelt, wollte ich an eine Fachhochschule.»

Die architektonisch wie energetisch überzeugende Lösung beim ersten grösseren Projekt Zhunushovas war eine gute Referenz. Der Bauherr des aktuellen Umbaus legt ebenfalls Wert auf Nachhaltigkeit. Mit ihm trifft sich die Architektin nach dem Vormittagstermin auf der Baustelle am See. Mit dabei sind der hinzugezogene Bauleiter und ein technischer Berater. Es geht darum, die eingegangenen Baumeisterofferten für die erste Etappen des Umbaus zu sichten. Der weiche, einst aufgeschüttete Baugrund führt zu Mehraufwand. Was passt nun noch ins Budget, wo sind Abstriche nötig? Nun folgt die Weiterbearbeitung des Projekts im Büro in Winterthur, wo sich Saikal Zhunushova 2017 mit der Firma Oekofacta nach fünfjähriger Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros selbstständig gemacht hat.

Architekturstudium in Kirgistan und Winterthur

Ebenfalls in Winterthur absolvierte sie 2010 bis 2012 den Masterstudiengang Architektur an der ZHAW. Voraus ging ein sechsjähriges Architekturstudium in Kirgistan, wo der früh verstorbene Vater einst ebenfalls als Architekt tätig war. Dass ihre Wahl für den Master auf die ZHAW fiel, hat verschiedene Gründe. «Mein Studium in Kirgistan war rein theoretisch – völlig praxisfremd», erinnert sie sich. Um wirklich zu lernen, wie man konstruiert und Details entwickelt, setzte sie auf eine Fachhochschule, «und da ich an die beste in der Schweiz wollte, war es die ZHAW».

Die Schweizer Mentalität sagt ihr zu

Und warum die Schweiz? Saikal Zhunushova erzählt – und lacht, im Wissen um gewisse Animositäten zwischen Leuten aus der Schweiz und aus Deutschland. Als Zwölfjährige habe sie in der Schule in Kirgistan Deutsch als erste Fremdsprache gewählt. Mit 22 ging sie für ein Jahr als Au-pair nach Deutschland. Dort gefiel es ihr nicht wirklich. Also setzte sie später, beim Masterstudium, auf Österreich oder die Schweiz. Der Zufall wollte es, dass sich zuerst Kontakte in die Schweiz ergaben. Hier stellte sie fest, dass ihr die Mentalität tatsächlich zusagt, ganz anders als damals in Düsseldorf, Nürnberg und Erfurt.

«Räume leben davon, wie sie atmen.»

Natürlich sei der Anfang hart gewesen. Sie erinnert sich an einsame Momente: «Ans Schweizerdeutsch musste ich mich wirklich gewöhnen.» Heute versteht sie Dialekt ohne weiteres. Mitstudierenden am Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen fiel auf, wie beharrlich sie sich ins Zeug legte. Schon zu Semesterbeginn arbeitete sie oft bis in die frühen Morgenstunden, füllte Wissenslücken, feilte an einem Entwurf – andere leisten solchen Effort höchstens für die grosse Arbeit zum Semesterende. Ihre Neugier rettete sie. Verstand sie etwas nicht, fragte sie nach. Und eine offene, heitere Art erleichtert es ihr, auf Menschen zuzugehen.

Lehmverputzte Wände für gutes Raumklima

Heute verbindet sich in ihrer Person architektonisches Wissen aus beiden Kulturen. «Räume leben davon, wie sie atmen», weiss sie. Lehmverputzte Wände wie in einfachen Häusern der Heimat sorgen für gutes Raumklima. Wichtig ist ihr, Materialien in der ursprünglichen Beschaffenheit zu belassen. Sie nimmt das Beispiel der Jurte, des traditionellen Zelts der Nomaden in Zentralasien: «Filz bleibt Filz, Schilfgras bleibt Schilfgras, Holz bleibt Holz, Leder wird gezeigt.» Die Schweizer Art zu bauen findet sie «beeindruckend»: die Zusammenarbeit mit Fachplanern, den offenen, raschen Austausch, die kollaborative Entwicklung einer Lösung.

Freitag und Samstag gehören Kirgistan

Von Montag bis Donnerstag arbeitet Saikal Zhunushova an Projekten in der Schweiz, der Freitag und Samstag gehören Kirgistan. Auf die Heizungsplanung für den Umbau am Zürichsee folgt die Bodenheizung beim Neubau in Bischkek, der Hauptstadt Kirgistans, «interessanterweise läuft das derzeit grad parallel». Schweizer Know-how prägt den dreigeschossigen Wohn- und Gewerbebau für eine Schneiderei mit 17 Angestellten. Die Tragwerksplanung stammt von einem Ingenieur in Luzern, um Lichtplanung und Bauphysik kümmerten sich zwei Spezialistinnen aus Winterthur und Zürich. Am Freitag ist Baustellenbesuch – natürlich virtuell, über Zoom. Mit dem örtlichen Bauleiter und ihrem Bruder Atai, geht sie durch den Rohbau, sie besprechen aktuelle Fragen. Später schaut sie sich in Ruhe Videoaufnahmen von Details an, zeichnet auf einem Filmstill ein, wie sie sich die Lösung vorstellt, schickt über Whatsapp ein PDF oder eine Sprachnachricht.

UN-Projekt für partizipative Entwicklung

Auch ein Projekt zur Förderung einer partizipativen Entwicklung von Stadtquartieren in Bischkek muss derzeit mit Fernbetreuung auskommen. Sie ist eine von drei Personen im Leitungsteam, das Fördergeld von UN Habitat, dem Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen, erhalten hat. Nach all den virtuellen Meetings würde sie gerne wieder mal real in ihre Heimat reisen: «Im August kann ich hoffentlich endlich wieder mal für zwei Wochen vor Ort sein.»