Nachhaltige Entwicklung

Green Hospital: Wenn das Standard-Menu im Spital vegetarisch ist

30.11.2021
4/2021
  • Dossier

Das Projekt «Green Hospital» zeigt auf, welche Spitalbereiche umweltrelevant sind und wo Verbesserungspotenzial besteht. Den grössten Einfluss haben dabei die Verpflegung, der Gebäudepark und die Energieversorgung.

Wie steht es mit den Umweltauswirkungen der Schweizer Akutspitäler und wo besteht Verbesserungspotenzial? Dieser Frage sind die Ökobilanz-Expertin Regula Keller vom Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der ZHAW und ihre Forschungsgruppe nachgegangen: Gemeinsam mit dem Institut für Wirtschaftsstudien Basel und dem Fraunhofer IML untersuchten sie das Treibhauspotenzial, die Gesamtumweltbelastung sowie die Umwelteffizienz der Schweizer Spitäler und trugen Best Practices zusammen.

«Green Hospital»: Welche Bereiche in den Spitälern belasten das Klima wie stark?

Die Forschenden befragten im Rahmen des Projekts «Green Hospital» als Teil des Nationalen Forschungsprogramms 73 «Nachhaltige Wirtschaft» des Schweizerischen Nationalfonds 33 Schweizer Akutspitäler. Der umfangreiche Fragebogen lieferte Primärdaten aus den Bereichen Gebäude, Verpflegung, Medikamente oder Wäscherei. Diese Daten nutzten die Forschenden, um Ökobilanzen zu erstellen, die den gesamten Lebenszyklus von der Herstellung bis zur Entsorgung berücksichtigen.

Strom, Wärme, Verpflegung, Gebäude und Medikamente

14 Bereiche haben die Forschenden genauer untersucht. Dabei stellten sie fest, dass 70% aller Umweltauswirkungen in den Spitälern durch die Bereiche Strom, Wärme, Verpflegung, Gebäude und Medikamente verursacht werden. Weniger relevant aus Umweltsicht sind beispielsweise der Papierverbrauch, aber auch die Wäsche oder Einwegartikel fallen nicht gross ins Gewicht.

«Wir haben uns gefragt, welcher Bereich umweltrelevant und gleichzeitig ineffizient ist – denn dort wirkt sich eine Verbesserung am stärksten aus»

Regula Keller, ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen

Die Studie zeigte auf, dass die Hälfte der Spitäler ihre Effizienz um 50% steigern könnte. Das bedeutet, dass die Spitäler ihre Umweltbelastung halbieren könnten, ohne die erbrachten Gesundheitsdienstleistungen zu schmälern. Vor allem in den Bereichen Wärme und Verpflegung besteht Potenzial. Gross sind auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Spitälern – insbesondere bei Strom und Wärme. Ein Neubau, der ans Fernwärmenetz angeschlossen ist, schneidet verständlicherweise deutlich umweltfreundlicher ab als ein älteres Spital in höheren Lagen, das mit fossilen Brennstoffen heizt. So variieren die Treibhausemissionen pro Jahr von 1,7 bis 7,1 Tonnen CO2-Äquivalent pro Gesundheitsdienstleistung, die eine Vollzeitstelle im Spital erbringt.

Gleichzeitig hat das Institut für Wirtschaftsstudien Basel untersucht, wie weit die Spitäler von der maximalen Umwelteffizienz entfernt sind. Diese beschreibt die geringsten Umweltauswirkungen pro erbrachte Gesundheitsdienstleistung. «Wir haben uns gefragt, welcher Bereich umweltrelevant und gleichzeitig ineffizient ist – denn dort wirkt sich eine Verbesserung am stärksten aus», erklärt Keller.

Seltener Fleisch, weniger Abfall und wiederverwertete Baustoffe

Einen grossen Hebel, um die Ökobilanz zu verbessern, bietet die Verpflegung. «Pflanzenbasierte Menüs sind klimafreundlicher und individuell zusammengestellte Menüs verringern Foodwaste», erklärt Keller. Und anstatt wie mancherorts Menüs auf Vorrat zu kochen, kann der Essensabfall reduziert werden, indem bei Bedarf schnell zubereitbare Mahlzeiten bestellt werden können.

Eher langfristiger Natur sind die Massnahmen an den Gebäuden. Schliesslich kann nicht von heute auf morgen energetisch saniert oder die Heizung umgestellt werden. Wird jedoch bei einem Neubau auf Recyclingmaterialien geachtet und eine flexible Nutzung bereits in der Planung berücksichtigt, verbessert das die Ökobilanz. Eine Vorreiterrolle nimmt hier das Inselspital Bern ein: Das neue Hauptgebäude wird im «Minergie-P-Eco»-Standard gebaut – als erstes Spitalgebäude mit dieser Komplexität.

Motivierender Austausch und handfeste Tipps

Damit die gewonnenen Erkenntnisse die Spitäler erreichen, organisierten die Forschenden Workshops mit den Nachhaltigkeitsbeauftragten der Spitäler. Einige Massnahmen scheinen naheliegend, andere überraschen: Wer hätte gedacht, dass sich die Böden am Unispital Genf mit den richtigen Utensilien und der richtigen Technik lediglich mit Wasser reinigen lassen? Hygienisch einwandfrei und ohne das Risiko, multiresistente Keime durch Desinfektionsmittel zu fördern. Das Universitätsspital Basel verzichtet vollständig auf das Narkosegas Desfluran, welches einen sehr hohen Treibhauseffekt verursacht. Am Kantonsspital Graubünden erhalten neu eintretende Patienten nun standardmässig ein vegetarisches Menü. Die Rückmeldungen dazu sind durchwegs positiv.