Forschen – heute und morgen

Hebammenforschung: Für das Wohl von Mutter und Kind

22.06.2021
2/2021
  • Dossier

Hebammenforschung ist ein relativ junges Fachgebiet, und Fördermittel zu akquirieren, ist nicht einfach. Die Ergebnisse sollen Frauen vor, während und nach der Geburt zugutekommen. Zum Beispiel bei der Frage, wann der richtige Zeitpunkt für den Spitaleintritt ist.

Eine Geburt kann sich über viele Stunden oder gar Tage hinziehen  – besonders beim ersten Kind. Wann aber ist der richtige Zeitpunkt, um ins Spital zu gehen? Bei dieser Entscheidung soll ein neues Instrument helfen, das im Rahmen eines Forschungsprojekts des Instituts für Hebammen entwickelt wird. Es wird 15 bis 20 Fragen enthalten, die Hebammen oder andere Gesundheitsfachpersonen bei der Beratung von Frauen unterstützen. Neben körperlichen Merkmalen wie etwa Stärke und Regelmässigkeit der Wehen sollen auch psychische Aspekte abgedeckt werden. Zum Beispiel, ob die Frau zuversichtlich oder verunsichert ist.

Der richtige Zeitpunkt

«Erstgebärende treten häufig zu früh ins Spital ein», erklärt Projektleiterin Susanne Grylka. In der Folge komme es zu medizinischen Interventionen wie etwa Wehenstimulationen und Kaiserschnitten, die zum Teil nicht nötig wären. Doch auch zu langes Abwarten könne einen ungünstigen Einfluss auf den Geburtsverlauf haben, sagt die promovierte Hebamme – etwa wenn die Frau nervös und ängstlich ist oder bereits stark übermüdet, weil sie wegen der Wehen nicht schlafen kann. Je nach Befinden mache es Sinn, sich bereits in der sogenannten Latenzphase in Betreuung zu begeben, also wenn unregelmässige Wehen auftreten, aber die Eröffnung des Gebärmutterhalses erst langsam voranschreitet. Ob einer Frau zum sofortigen Eintritt oder zum Abwarten geraten wird, sei oft willkürlich, erklärt Grylka. Es hänge von der zuständigen Person oder dem aktuellen Betrieb auf der Geburtenabteilung ab.

Das dreijährige Forschungsprojekt, das vom Nationalfonds gefördert wird, ist im Mai gestartet. Nach einer breiten Literaturrecherche sind Interviews mit rund 20 Frauen geplant, die kürzlich geboren haben. Sie werden zu den Symptomen bei Geburtsbeginn sowie zum Erleben der Betreuung in der Latenzphase befragt. Basierend auf diesen Antworten, wird anschliessend ein vorläufiges Instrument entwickelt und an 400 Gebärenden in sechs Schweizer Spitälern angewendet. Nach der Validierung soll eine finale Version erstellt werden. «Alle sechs Spitäler begrüssen und unterstützen die Idee», sagt Grylka. «Die Praxis wartet geradezu auf unser Tool.»

Sexualleben nach der Geburt fördern

Hebammenforschung ist ein noch relativ junges Fachgebiet, zumindest in der Schweiz. Während im angelsächsischen Raum bereits länger geforscht wird, konnte sich die Disziplin hierzulande erst mit der Ansiedlung der Hebammenwissenschaften an den Fachhochschulen etablieren. Die Forschungsstelle an der ZHAW wurde 2008 geschaffen. Seither hat sie bereits zahlreiche Projekte erfolgreich durchgeführt.

«Unser höchstes Ziel ist es, die werdenden Eltern zu stärken.»

Susanne Grylka, Institut für Hebammen

Eine Studie widmet sich zum Beispiel dem Thema sexuelle Lebensqualität nach der Geburt. Es ist ein verbreitetes Problem, dass viele Frauen in den ersten Monaten zu erschöpft sind, um sich ihrem Partner anzunähern, keine Lust verspüren oder Geschlechtsverkehr als schmerzhaft und unangenehm empfinden. Dauert dieser Zustand länger an, kann dies die Partnerschaft stark belasten. Das Forschungsteam hat die Situation in Zusammenarbeit mit iranischen Forscherinnen im Iran und in der Schweiz untersucht. Für den Iran wurde ein Instrument entwickelt, welches die Beurteilung der sexuellen Lebensqualität nach der Geburt erlaubt. In einem Folgeprojekt soll die persische Version auf Deutsch übersetzt werden. «Der Vergleich der beiden verschiedenen Kulturen ermöglicht uns Rückschlüsse auf den Einfluss von Faktoren wie der gesellschaftlichen Rolle der Frau oder der generellen Einstellung gegenüber Sexualität», erklärt Susanne Grylka, die auch dieses Projekt leitet. Die Erkenntnisse sollen helfen, betroffene Paare zu unterstützen.

Apps für Migrantinnen entwickeln

Der Forschungsstelle Hebammenwissenschaft obliegt zudem die Leitung des Projekts Digital Health für Eltern mit Migrationshintergrund, an dem sich alle fünf Institute des Departements Gesundheit beteiligen. Das Teilprojekt der Hebammen untersucht, welche digitalen Angebote dazu beitragen, die Gesundheit und das Wohlergehen von Mutter und Kind zu verbessern. Die Erkenntnisse sollen helfen, geeignete evidenzbasierte Apps für diese Bevölkerungsgruppe zu entwickeln.

Die Forschenden erhalten auch regelmässig externe Studienaufträge. So haben sie zum Beispiel evaluiert, ob Hebammen-Netzwerke einen Mehrwert bringen. Sie konnten aufzeigen, dass ein Netzwerk wie Familystart in Zürich vielen fremdsprachigen und psychosozial benachteiligten Familien dabei hilft, eine Wochenbettbetreuung zu organisieren. «So konnte der Nutzen des Angebots gegenüber den Geldgebern belegt werden», erklärt Grylka.

Breitere Perspektive als Ärzte

Forschungsgelder für Themen rund um die Geburt zu akquirieren, sei häufig schwierig, bedauert die stellvertretende Leiterin der Forschungsstelle. «Unser Bereich ist sehr spezifisch.» Um in die Forschungs-Calls verschiedener Förder-Fonds zu passen, müsse man das Kernthema oft etwas ausweiten. Dennoch sind aktuell zehn Projekte am Laufen, teilweise in Zusammenarbeit mit anderen Fachhochschulen. In der Schweiz forschen neben der ZHAW auch die Fachhochschulen Bern, Lausanne und Genf im Hebammen-Bereich.

«Wir Hebammen verstehen die Geburt in erster Linie als natürlichen Vorgang.»

Susanne Grylka

Hingegen sind gemeinsame Projekte mit ärztlichen Forschungsgruppen selten. Denn dort liege der Fokus stark auf den medizinischen Interventionen, erklärt die Wissenschaftlerin. «Wir Hebammen hingegen verstehen die Geburt in erster Linie als natürlichen Vorgang.» Der Blickwinkel umfasse zudem auch das psychosoziale Umfeld der Gebärenden. Dieses sei für das Wohlergehen von Mutter und Kind ebenso wichtig wie die medizinischen Aspekte. Die beiden Bereiche beeinflussen sich jedoch gegenseitig. Gelinge es zum Beispiel, die Anzahl Kaiserschnitte zu reduzieren, wirke sich das auf die Gesundheit der gesamten Bevölkerung aus: Es gibt Hinweise darauf, dass Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, ein erhöhtes Risiko für Asthma und Übergewicht haben. «Hebammenforschung ist wichtig», betont Susanne Grylka. «Unser höchstes Ziel ist es, die werdenden Eltern zu stärken.»