«Plötzlich fragt man sich: Kann ich nochmals etwas verändern im Leben?»

02.03.2026
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Als Laufbahnberater hat Stefan Gerig den ganzen Menschen und seine Werte im Blick, nicht nur dessen berufliche Karriere.

Stefan Gerigs Büro befindet sich im zehnten Stock des Toni-Areals. Der Ausblick über Zürich ist beeindruckend. Und irgendwie sinnbildlich, denn so wie Stefan Gerig hier die gesamte Umgebung im Blick hat, genauso schaut er bei seiner Arbeit auf den ganzen Menschen und dessen Lebensgeschichte: Der 54-Jährige leitet das Zentrum für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung am IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW und unterstützt in seinem Job Jugendliche und Erwachsene bei Fragen rund um Beruf und Karriere.

Die Erwachsenen, die den Weg in die Laufbahnberatung finden, seien häufig zwischen 40 und 45 Jahren alt und hätten bereits einen beruflichen Weg gemacht, erzählt Gerig. «Ich weiss, das klingt nach Stereotyp», ergänzt er sofort, «aber es ist wirklich so.» Man hat zwanzig Jahre im Beruf gearbeitet, eine Familie gegründet, die Kinder grossgezogen – und eines Tages beginnt sich die Perspektive zu ändern. «Plötzlich fragt man sich: Kann ich nochmals etwas verändern im Leben? Oder man bekommt sogar Angst, dass man für immer am selben Ort sitzen bleiben wird, wenn man jetzt nicht aktiv wird.» Auch die Sinnfrage ist ein grosses Thema bei Männern und Frauen dieser Alterskategorie. «Viele machen sich Gedanken darüber, ob sie überhaupt noch einen Sinn erkennen in ihrem Job», so Gerig.

Lautet die Antwort nein, muss eine Veränderung her. Doch nochmals etwas ganz Neues anzufangen oder auch nur das Pensum zu reduzieren, zieht oft eine Lohneinbusse nach sich. Geben Menschen ihre Wünsche nach Veränderung manchmal auf, weil sie sich diese schlicht nicht leisten können? «Das kommt schon vor. Aber wenn man des Geldes wegen komplett auf klar erkennbare Wünsche verzichtet, dann ist das wirklich schade», sagt Gerig. Er rät in solchen Fällen dazu, sich zu überlegen, wo sonst im Leben eine erfüllende Tätigkeit Platz hätte. So wie der Mann, der vor Längerem bei Gerig Unterstützung suchte. «Er war recht erfolgreich in der Kommunikation, merkte aber, dass er eigentlich lieber draussen in der Natur arbeiten würde, als Förster zum Beispiel.» Kurz stand zur Diskussion, nochmals zu studieren. Als Vater zweier kleiner Kinder war jedoch das Einkommen ein Thema und so beschloss er, vorerst in seinem Job zu bleiben, aber nebenher einen Imkerkurs zu machen. «Das sind so kleine Schritte, die enorm zum Glück beitragen», sagt Stefan Gerig. 

Begleiten, nicht entscheiden

Bei der Auslegeordnung hilft Stefan Gerig mit, welcher Weg am Ende eingeschlagen werden soll, muss das Gegenüber hingegen selbst entscheiden. Das sei eigentlich ganz ähnlich wie bei Eltern und ihrem Nachwuchs, sagt der ausgebildete Pädagoge: «Gute Erziehung bedeutet, die Kinder dazu zu bringen, ihren eigenen Weg zu gehen. Auch als Berufsberater laufe ich nebenher, begleite diesen Prozess und gebe Impulse, aber ich bin nie derjenige, der entscheidet.»

Dennoch kommt es vor, dass ihn jemand ganz direkt nach seiner Meinung fragt. Wie die junge Frau, die sich nach einem intensiven Prozess einfach nicht entscheiden konnte, welches Studienfach sie wählen soll und vom Profi wissen wollte, was das Richtige für sie sei. Sie hatte zuvor schon einmal falsch ausgesucht und dadurch gesundheitliche Probleme bekommen, weshalb ihr die Situation enorm Angst machte. «Klar, man steht an einer Weggabelung und wünschte sich, jemand würde sagen: Nimm diesen Weg und du wirst glücklich», sagt Gerig, «doch so einfach ist das Leben nicht.» Er sei Experte für den Beratungsprozess, aber nicht Experte fürs Leben der anderen Person, weshalb er die Verantwortung für eine Studienwahl nicht übernehmen könne. Gerade weil es manchmal um Entscheidungen geht, die das ganze Leben verändern können, wird es in den Beratungen am IAP oft sehr emotional. «Es wird schon auch geweint hier drin – aber auch gelacht, sehr viel sogar.»

«Gute Erziehung bedeutet, die Kinder dazu zu bringen, ihren eigenen Weg zu gehen. Auch als Berufsberater gebe ich Impulse, aber ich bin nie derjenige, der entscheidet.»

Stefan Gerig, Leiter Zentrum für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung

Die junge Frau hat ihre Entscheidung nach der Beratung schliesslich eigenständig getroffen und Stefan Gerig ein halbes Jahr später mitgeteilt, dass es die richtige war. Solche Rückmeldungen freuen den Laufbahnberater, sie kommen aber eher selten vor. Einmal jedoch hat ihm eine Frau gemailt, die zehn Jahre zuvor als Maturandin bei ihm gewesen war. Sie hatte ihre alten Tagebücher im Keller gefunden und darin auch Einträge über die Beratung bei Stefan Gerig. «Darauf hat sie mir geschrieben und sich bedankt für die damalige Begleitung, die sich so positiv auf ihre Leben ausgewirkt hat.»

Zu Hause kein Berufsberater

Wenn er im Beruf junge Menschen so erfolgreich in Richtung Beruf coacht, macht er das dann auch zu Hause bei seinen eigenen vier Kindern? «Ehrlich gesagt versage ich komplett als Berufsberater beim eigenen Nachwuchs», sagt er lachend. Als Vater komme ihm die emotionale Nähe in die Quere. «Ich gehe deshalb bewusst nicht zu tief in das Thema rein, sonst versuche ich plötzlich noch, meine Pläne auf sie zu übertragen. Aber sie über Berufsfelder informieren und ein offenes Ohr haben, das kann ich auch als Vater sehr gut.»

Wie seine Kundschaft überlegt sich übrigens auch der Laufbahnberater bisweilen, ob sein Job noch zu ihm passt. «Mein Exkurs ins Mittelschul- und Berufsbildungsamt vor ein paar Jahren war die Antwort auf meine Frage, ob es noch etwas Anderes gäbe für mich berufsmässig», sagt Gerig. Dabei habe er gemerkt, dass ihm die 1:1-Beratungen fehlten. «In meinem Beruf kann ich an so vielen Leben teilhaben, Menschen ein kleines Stück weit begleiten und ihnen hoffentlich auch etwas mitgeben, das ihnen hilft», schwärmt Stefan Gerig, «das ist sehr, sehr schön. Deshalb bin ich wieder zurückgekommen.»

Beratung als Fortbildungsmassnahme

Stefan Gerig und sein Team beraten bei der Studien- und Berufswahl und unterstützen bei Standortbestimmung und Karriereplanung. Auf der Seite laufbahndiagnostik.ch können sich Interessierte zudem mithilfe von unterschiedlichen Fragebögen selbständig mit ihrer beruflichen Laufbahn auseinandersetzen.

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