Literacy – Was wir unbedingt können sollten Hannu Luomajoki

Selbst ein saudischer Prinz sass schon in seinem Wartezimmer

21.09.2021
3/2021
  • Menschen

Der Physiotherapie-Professor unterrichtet Studierende, beriet Formel-1-Fahrer, forscht und engagiert sich für mehr Kompetenzen für Physio­therapeuten. Er will, dass weniger Gesunde zu Kranken werden.

Tennisellbogen, Knieprobleme und Rückenschmerzen – Hannu Luomajoki beschäftigt sich seit 35 Jahren mit einigen der häufigsten Beschwerden, die den menschlichen Körper plagen. Alles, was mit Gelenken, Muskeln und Sehnen zu tun hat, gehört zum muskuloskelettalen Bereich, dem Fachgebiet des gebürtigen Finnen. 

Master in Australien, Promotion in Finnland

Nach einem Master in Physiotherapie in Australien doktorierte und habilitierte Luomajoki in Finnland. Seit 14 Jahren arbeitet er in Winterthur als Professor – so lange, wie es auch die Physiotherapie-Studiengänge an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) gibt.  Er forscht, unterrichtet und behandelt immer noch selber Patientinnen und Patienten im Thetriz, dem ZHAW-eigenen Therapiezentrum. Mit über 150 Publikationen und fünf Büchern, gehört er zu den ZHAW-Forschenden mit den meisten wissenschaftlichen Publikationen.

Zur Physio ohne Umweg über den Arzt

«An der Fachhochschule bin ich genau am richtigen Ort, da wir hier sowohl forschen als auch die künftigen Handwerker ausbilden», sagt Luomajoki und zeigt den grossen Hörsaal des Adeline-Favre-Hauses, des Campus des Gesundheitsdepartements der ZHAW. Der Hörsaal hat Platz für bis zu 400 Studierende, steht jetzt wegen der Sommerferien aber leer.

«Je öfter und genauer ein Arzt nachschaut, desto mehr findet er – und so werden aus eigentlich Gesunden Kranke.»

Danach setzt sich Hannu Luomajoki in eine der Sitzgruppen gleich neben dem Grossraumbüro, wo auch er seinen Arbeitsplatz hat, und erzählt von seinem grossen Anliegen: Er möchte, dass Menschen mit Rücken- oder Knieschmerzen einfacher zum Physiotherapeuten kommen können – ohne den Umweg über die Ärzte. So könnten viele teure und aufwendige Massnahmen wie auch chirurgische Eingriffe verhindert werden, ist Luomajoki überzeugt.

Statt zur Physiotherapie gingen heute die meisten Leute zum Arzt, weil sie denken, der könne am meisten unternehmen gegen die Schmerzen. Dabei sei möglichst viel zu machen gar nicht das beste. «Denn je mehr man nachschaut, desto mehr findet man - und so werden aus eigentlich Gesunden Kranke», sagt Luomajoki – mit langen Odysseen durch Praxen, Spitäler und Reha-Zentren. Dabei sei die Physiotherapie oft der sanftere, günstigere und effektivere Weg. Dies belegten viele Studien. 

Austausch statt Schmähpreis

Mit seiner Ansicht legt sich Luomajoki hin und wieder mit alteingesessenen Chirurgen an. Vor ein paar Jahren hat er etwa den «Zitronen-Preis» erhalten, den Schmähpreis der Schweizerischen Gesellschaft für Orthopädie. Denn er hatte in einem Artikel für das Apothekermagazin von unnötigen orthopädischen Operationen abgeraten. 

«Ach ja, die Zitrone», sagt Luomajoki und winkt ab. Er finde es schade, dass ein Teil der Ärzte in der Schweiz so wenig von Austausch und Zusammenarbeit halte. In Finnland sei er als Reaktion auf den Preis zu einem Streitgespräch mit einem berühmten Orthopädie-Professor eingeladen worden. Dabei habe sich herausgestellt, dass sie beide mehrheitlich gleicher Meinung waren.

«Der Impuls, ein schmerzendes Knie zu schonen, ist genau falsch.»

«Die jüngere Generation Ärzte ist offener», sagt Luomajoki und hofft, dass eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen den Fachgebieten in den nächsten zwanzig Jahren möglich werde. «Ich werde das beruflich nicht mehr erleben, aber hoffentlich die Studierenden, die wir jetzt ausbilden.»

Früher haben Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten vor allem behandelt, massiert und gedehnt. Heute stehe die Patientenedukation im Vordergrund, wie Luomajoki sagt, die Hilfe zur Selbsthilfe. Informationen seien zentral, denn richtig angeleitet, könne jeder selber viel unternehmen, um Schmerzen zu reduzieren.

«Der Impuls, ein schmerzendes Knie zu schonen, ist genau falsch», sagt Luomajoki. Statt den Körperteil ruhig zu halten, seien jetzt Aktivität, gezielte Trainings und Fitness gefragt. Das helfe nicht nur dem Bewegungsapparat, sondern auch dem Herz-Kreislauf, dem Gehirn und sogar dem Gemüt, da genügend Bewegung auch Depressionen vorbeuge.

Hilfe zur Selbsthilfe steht heute im Vordergrund

Dies rät er seinen ganz normalen Patientinnen und Patienten, aber etwa auch Formel-1-Piloten. Zu diesem exklusiven Mandat kam er durch seine Freundschaft mit Aki Hintsa, dem ehemaligen Teamarzt des Formel-1-Rennstalls McLaren. Dieser gründete die Beratungsfirma «Hintsa Performance» für Formel-1-Piloten und andere Reiche und Schöne. Immer mal wieder schickte der Arzt die VIPs mit spezifischen Problemen zu Luomajoki. 

Formel-1-Pilot mit tauben Händen

Einer der Formel-1-Fahrer spürte etwa seine Hände nicht mehr, wenn er mehrere Stunden konzentriert am Steuer sass, erzählt Luomajoki. Da die Sportler weder mit Spritzen noch Medikamenten ihre Teilnahme an den Rennen gefährden könnten, sei Physiotherapie genau das Richtige. Beim besagten Fahrer erreichte Luomajoki mit gezielten Nacken- und Schulterübungen, dass sich die Durchblutung bis in dessen Hände verbesserte. 

Einst reiste gar ein saudischer Prinz extra mit dem Privatjet in die Schweiz, um seine Rückenschmerzen von Luomajoki behandeln zu lassen. «Der Prinz setzte sich wie meine anderen Patienten auch in die Praxis, samt Chauffeur und Bodyguard», erzählt Luomajoki und lacht. Das zeige schön, dass man sogar mit sehr grossen finanziellen Mitteln nicht unbedingt die teuerste Behandlung vorziehen müsse, sondern diejenige, die einem guttue.

Leuchtende Augen sind der beste Dank

Im Beruf hat der 57-jährige Luomajoki so ziemlich alles erreicht, was ein Physiotherapeut erreichen kann. Deshalb überlegt sich der Vater von zwei Kindern derzeit, was er in seinem Berufsleben noch machen möchte. Er werde wohl in die zweite Reihe zurücktreten, um der jüngeren Generation den Vortritt zu lassen: «Es reizt mich, die Mentorenrolle zu behalten», sagt Luomajoki. Er betreut derzeit mehrere Doktorierende, Master- und Bachelorarbeiten. 

Die Studierenden seien sehr interessiert und auch dankbar, da gebe er gerne seine Erfahrung weiter. Luomajoki kommt entgegen, dass das Physiotherapie-Studium nach wie vor sehr beliebt ist und sich auch viele für das Masterprogramm bewerben. Dies helfe auch gegen die gelegentlichen Sinnfragen in seinem Beruf: «Das Leuchten in den Augen von enthusiastischen Studierenden ist der beste Dank für meine Arbeit.»