Wann ist eine Familie eine Familie?

23.03.2021
1/2021
  • Dossier

Traditionelle Vater-Mutter-Kind-Beziehungen sind längst nicht mehr alleinige Realität. Andere Lebensentwürfe  sollten gesellschaftlich besser akzeptiert und rechtlich anerkannt werden, sagt Yv E. Nay vom Departement Soziale Arbeit. 

Zahlenmässig dominiert das bürgerliche Familienmodell nach wie vor – ein heterosexuelles Paar mit zwei leiblichen Kindern. Doch Familie wandelt sich. Elternschaft wird zunehmend divers verstanden und gelebt: Gleichgeschlechtliche Paare erfüllen sich ihren Kinderwunsch dank einer Samenspende, einer Leihmutterschaft oder der Beteiligung von Freundinnen oder Freunden. Mütter oder Väter erziehen ihre Kinder alleine. Geschiedene verlieben sich neu und bilden Patchworkfamilien. Trans Personen bringen Kinder zur Welt.

Ist ein Samenspender ein Vater?

«Das herkömmliche hegemoniale Modell von Familie ist ins Wanken geraten», sagt Yv E. Nay vom Departement Soziale Arbeit. Gleichzeitig werde das Ideal der heterosexuellen Ehe mit leiblichen Kindern in politischen Debatten verstärkt betont. Diese Ambivalenz verdeutlicht der Soziolog_in anhand der parlamentarischen Diskussionen über die Ehe für alle, welche Ende 2020 den Durchbruch schaffte. Dabei argumentierten Gegnerinnen und Gegner unter anderem mit dem Kindswohl. Sie kritisierten: Wenn Lesben und Schwule eine Familie gründeten, bedeute dies stets, dass ein Kind von einem biologischen Elternteil getrennt werde. «Damit werden traditionelle Bilder heraufbeschworen, die mit der gelebten Realität von sogenannten Regenbogenfamilien wenig zu tun haben», sagt Nay. Ein Samenspender sei kein Vater. «Dass diese Person schlicht den Samen spendet, ruft besonders in christlich- und rechtskonservativen Kreisen Besorgnis hervor, weil dies nicht ihrem Familienideal entspricht.» 

Ganz intime Fragen

«Jenseits des heteronormativen Ideals gibt es jedoch verschiedenste Formen des familialen Zusammenlebens», sagt Yv E. Nay. Lesben und Schwule etwa, die sich zusammentun, um Eltern zu werden, gemeinschaftliche oder polyamouröse Konstellationen sowie alleinerziehende LGBTQ-Personen. In Gesprächen auf dem Spielplatz, beim Einkaufen oder bei der Arbeit werden diese Familien häufig mit sehr persönlichen Fragen konfrontiert: «Wie seid ihr zu eurem Kind gekommen?», zum Beispiel. Oder: «Hattet ihr Sex mit dem Samenspender?», «Warum hat eine andere Person für euch ein Kind geboren?» 

Bei heterosexuellen Eltern käme kaum jemand auf die Idee, solche Fragen zu thematisieren, schon gar nicht bei völlig unbekannten Personen auf dem Spielplatz, gibt Nay zu bedenken. «Die normative Vorstellung einer Familie, bestehend aus einem weissen, weder von einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung, noch von Armut betroffenen Elternpaar mit leiblichen Kindern ist aber bei weitem nicht die einzige Realität in der Schweiz.» Es sei noch viel Informationsarbeit notwendig, um die Vielfalt gelebter Familienformen hierzulande selbstverständlich zu machen.

Kein Stadt-Land-Unterschied

Hierzu will Yv E. Nay nach Lehr- und Forschungstätigkeit in Basel, Genf, Berlin, London, Arizona, New York und zuletzt in Wien nun mit der Forschungs- und Lehrtätigkeit am Departement Soziale Arbeit der ZHAW beitragen. Für seine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Dissertation hat Nay schweizweit rund 40 queere Familien besucht und befragt. Dabei zeigte sich: Wie vorbehaltlos diese von ihrem Umfeld angenommen werden, hat wenig damit zu tun, ob sie auf dem Land oder in der Stadt leben. «Dass die städtische Bevölkerung progressiver wäre, ist nicht per se der Fall», berichtet Nay. Auch in Zürich oder Genf gebe es Homo- und Transphobie. Nays Forschung zeigt vielmehr: Je dörflicher eine Gemeinschaft ist, desto mehr weiss man voneinander. Wo man hinter vermeintlich perfekte Fassaden sehen kann, werden unkonventionelle Lebensweisen tendenziell besser akzeptiert als anderswo. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen veröffentlichte Nay im Buch «Feeling Family». 

Dass sich die Einstellung zum Thema Familie in der Schweizer Gesellschaft geändert hat, dokumentiert die vom Bund herausgegebene «Erhebung zu Familien und Generationen 2018». Nahezu sechs von zehn Frauen (58 Prozent) und gut vier von zehn Männern (43 Prozent) sind der Meinung, dass ein Kind auch bei einem gleichgeschlechtlichen Paar glücklich aufwachsen kann. Mehr als die Hälfte der Befragten (65 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer) findet, dass homosexuelle Paare die gleichen Rechte haben sollten wie heterosexuelle.  

«Mehrelternschaft ist machbar»

Geht es aber um die rechtliche Anerkennung vielfältiger Familienverhältnisse, hat die Schweiz Nachholbedarf. «Die aktuelle gesetzliche Regelung greift zu kurz», sagt Nay. Anfang 2007 ist die eingetragene Partnerschaft eingeführt worden, allerdings ohne Adoptionsrecht oder Zugang zur Reproduktionsmedizin. Seit 2018 besteht die Möglichkeit der Stiefkindadoption. Diese ist ursprünglich für heterosexuelle Familien geschaffen worden, in denen ein Elternteil unbekannt, verstorben oder nicht präsent ist.  Queere Familien werden wie diese «Fortsetzungsfamilien» behandelt – ungeachtet dessen, dass der grösste Teil der  gleichgeschlechtlichen Paare Kinder von Anfang an gemeinsam plant und erzieht. Sie können zwar das Stiefkindadoptionsverfahren durchlaufen, Elternrechte ab Geburt haben sie nicht. Die Ehe für alle bringt zwar für lesbische Paare eine Verbesserung, indem sie ihnen neu den Zugang zur Samenspende in der Schweiz ermöglicht. Allen anderen  queeren Familienformen bleiben aber rechtlich unzulänglich abgesichert.

Die Schweiz habe noch einen grossen Nachholbedarf, so Yv E. Nay, beispielsweise bei der rechtlichen Anerkennung der Mehrelternschaft – sowohl von heterosexuellen als auch von LGBTQ-Elterngemeinschaften. «Mehrelternschaft ist nichts Utopisches, sondern wird gelebt – auch in der Schweiz», betont Nay und verweist auf andere Staaten. In Kalifornien beispielsweise ist Mehrelternschaft seit 2013 gesetzlich verankert. Elternschaft müsse zudem ähnlich wie die Vaterschaft bei Heterosexuellen geregelt und einklagbar werden, sagt er weiter. Nicht zuletzt sollten trans Personen in ihrer selbstbezeichneten Elternrolle rechtlich anerkannt werden. 

Wie verbreitet unkonventionelle Familienkonstellationen in der Schweiz sind, lässt sich kaum beziffern. Im nationalen Familienbericht 2017 heisst es, dass «höchstens von einem moderaten Trend zur Pluralisierung von Familienformen» ausgegangen werden könne. Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien oder Dreigenerationenfamilien seien weniger zahlreich, als viele mediale und politische Diskurse zur Vielfalt modernen Familienlebens andeuteten. 

Zwischen 6000 und 30’000 Kinder leben bei LGBTIQ-Eltern

Tatsächlich fehlt es an spezifischen Erhebungen. Der Bund führt zwar eine Statistik über eingetragene Partnerschaften, dokumentiert allerdings erst seit wenigen Jahren, ob diese Paare mit Kindern zusammenleben. Oft genannt wird eine grobe Schätzung des Dachverbands Regenbogenfamilien: Er geht davon aus, dass hierzulande zwischen 6000 und 30’000 Kinder bei LGBTQ-Eltern aufwachsen. Yv E. Nay würde sich differenziertere Erhebungen wünschen. «Das Bundesamt für Statistik sollte eine breite Vielfalt an Familienformen erheben. Wichtig wäre dabei zu beachten, dass Familien nicht nur hinsichtlich der Sexualität der Eltern unterschiedliche Erfahrungen machen, sondern immer auch im Zusammenhang mit anderen Einflüssen wie Geschlecht, Aufenthaltsstatus, physische oder psychische Beeinträchtigung oder Rassisierung. Nur so können aussagekräftige Statistiken entstehen, die die verwobenen sozialen Ungleichheiten deutlich machen und so eine Basis für Verbesserungen bieten.»