«Wegen wachsender Konkurrenz wird die Akkreditierung wichtiger»

23.03.2021
1/2021
  • Interview
  • Panorama

Seit Dezember 2020 gehört die ZHAW zu den institutionell akkreditierten Hochschulen der Schweiz. Nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland steht das Label für Qualität. Im Interview geben drei beteiligte Qualitätsfachleute der ZHAW Einblick in das vielschichtige Verfahren mit Selbstbeurteilung und externer Begutachtung.

Die ZHAW ist seit Dezember 2020 institutionell akkreditiert. Welche Bedeutung hat das für die Hochschule?

Dora Fitzli: Die Akkreditierung ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir uns auch weiterhin Fachhochschule nennen dürfen und auch ab 2023 Finanzierungsbeiträge des Bundes erhalten. Nur akkreditierte Hochschulen sind zudem befähigt, anerkannte Schweizer Bachelor- und Masterabschlüsse auszustellen. Ausserdem ist die ZHAW nun ein eigenständiges Mitglied von swissuniversities, der Dachorganisation der Schweizer Hochschulen.

Benno Grüter: Die Akkreditierung von Hochschulen ist ein Prozess, den man ausserhalb der Schweiz schon lange kennt. Dass die ZHAW sich jetzt «institutionell akkreditiert» nennen darf, ist also insbesondere auch im Zusammenhang mit der internationalen Zusammenarbeit und Mobilität wichtig. Diese formale Bezeichnung kann zum Beispiel bei einem Kooperationsabkommen mit ausländischen Hochschulen ein Vorteil sein, da unsere hohen Qualitätssicherungsstandards nun mit einem offiziellen Label akkreditiert sind.

Was bedeutet die institutionelle Akkreditierung für die Studierenden, Weiterbildungsteilnehmenden, Mitarbeitenden?

Marlies Whitehouse: Der grösste Gewinn für alle Anspruchsgruppen ist die Gewissheit, dass die ZHAW eine Hochschule ist, die hohe Qualitätsstandards erfüllt.

Dora Fitzli: Der Stellenwert der Akkreditierung wird sich in den nächsten 10 bis 20 Jahren durch eine wachsende Konkurrenz auf dem Bildungsmarkt zunehmend erhöhen.

Die Akkreditierung ist das Resultat eines längeren Vorbereitungsprozesses. Wie sah der aus?

Fitzli: Die ZHAW als Hochschule und auch die Departemente haben sich lange vor dem Projektstart «Institutionelle Akkreditierung» mit dem Thema Qualität auseinandergesetzt. 2015 und 2016 wurde in einem breit abgestützten Prozess die Qualitätsstrategie 2015–2025 der ZHAW erarbeitet. Darauf basierend erstellten die Departemente ihre Qualitätskonzepte, verfassten Selbstevaluationsberichte als Grundlage für die von ihnen durchgeführten Peer-Reviews. Auf dieser Vorarbeit und der dadurch etablierten Qualitätskultur konnte im Selbstbeurteilungsbericht der ZHAW und in der Vorbereitung auf die Vor-Ort-Visite der Gutachtergruppe aufgebaut werden.

Grüter: Mit der Erarbeitung des Qualitätskonzepts für die School of Engineering begannen wir um 2016, als der Auftrag der Hochschulleitung an die Departemente ging, ein Umsetzungskonzept zur Qualitätsstrategie 2015–2025 zu erstellen. Hier lag der Fokus auf der Operationalisierung der Qualitätsstrategie, insbesondere des darin eingeführten Informed-Peer-Review-Verfahrens. Dabei handelt es sich um einen Austausch zwischen verschiedenen Gruppen des Departements mit externen Peers aus anderen Hochschulen und aus der Industrie. Auch Studierende sind daran beteiligt. Im Zentrum steht die Reflexion verschiedener Qualitätskriterien. In dieser intensiven Auseinandersetzung mit internen und externen Peers lernt man extrem viel und der kritische Blick auf die eigene Organisation wird im positiven Sinne geschärft.

Fitzli: Das, was du im Zusammenhang mit den Peer-Reviews an der School of Engineering beschrieben hast, haben wir als Qualitätskommission in Hinsicht auf die institutionelle Akkreditierung auch erlebt. Im Austausch miteinander haben wir viel voneinander erfahren und konnten das dann im Selbstbeurteilungsbericht gemeinsam reflektieren. Dabei wuchs auch das Vertrauen in der Qualitätskommission. Ein wertvoller Nebeneffekt des Akkreditierungsprozesses!

Günter: Wir haben in der Kommission oft über ein gemeinsames Verständnis einer Qualitätskultur der ZHAW diskutiert und versucht, einen knappen gemeinsamen Nenner zu finden. Dieser liegt in der Anerkennung unserer Diversität. Es ist unsere Stärke, dass wir uns an einer gemeinsamen Qualitätsstrategie ausrichten, ohne dabei die spezifischen Qualitätskulturen in den Fachbereichen aufzugeben.

Whitehouse: Bei den Vorbereitungen, der Selbstevaluation in den Departementen und auch im Zusammenhang mit dem Erstellen des Selbstbeurteilungsberichts zur institutionellen Akkreditierung wurde auf ein iteratives Verfahren gesetzt. Das heisst, die Inhalte wurden immer wieder unter Einbezug verschiedener Anspruchsgruppen, der Kommissionen, der Departemente und des Rektorats diskutiert und verbessert. Der Prozess war aufwendig, doch er hat sich gelohnt. Am Schluss hatten wir einen Bericht, hinter dem alle stehen konnten.

Neben der Selbstbeurteilung sieht die Akkreditierung auch eine externe Begutachtung in Form einer Vor-Ort-Visite vor. Was muss man sich darunter vorstellen?

Fitzli: An zwei Tagen wurden 13 Gruppen à je acht bis zehn Personen von einer externen fünfköpfigen Gutachtergruppe zu verschiedenen Standards befragt. In diesen Gruppen waren Studierende, Forschende, Dozierende, Mitglieder der Hochschulversammlung und der Hochschulleitung, Institutsleitende, Mitarbeitende und die Qualitätskommission vertreten. Die Gutachtenden gewannen einen sehr guten Gesamteindruck der Gruppen, was mich extrem gefreut hat.

Grüter: Die Vor-Ort-Visite ist vergleichbar mit einer Peer-Review – nur handelt es sich eben um ein Prüfverfahren. Bei der Peer-Review an unserem Departement habe ich festgestellt, dass unser Selbstevaluationsbericht den Inhalt der Peer-Review-Gespräche massgeblich geprägt hat. Und das war auch bei der institutionellen Akkreditierung der Fall. Dass der Selbstbeurteilungsbericht auf die Stärken und Schwächen eingegangen ist, hat der Gutachtergruppe die Befragung erleichtert. Ein Schlüssel für die erfolgreiche institutionelle Akkreditierung ist neben einem funktionierenden Qualitätssicherungssystem also auch der Selbstbeurteilungsbericht.

Wo liegen laut externem Akkreditierungsbericht die Stärken der ZHAW?

Fitzli: Der Bericht der externen Gutachtenden ist generell sehr positiv. Speziell wurde etwa der Austausch innerhalb der ZHAW, vor allem in den Kommissionen, als sehr positiv gewertet. Auch wurde die Arbeit der Qualitätskommission gelobt. Die Gutachterinnen und Gutachter haben die Qualitätsstruktur in ihrer Vielfalt und Differenziertheit und als eine Stärke der ZHAW wahrgenommen, ebenso die geregelten Strukturen und Prozesse. Besonders wurde die Lebendigkeit der Subsidiarität hervorgehoben. Diese Anmerkung hat mich sehr gefreut. Die Gutachtergruppe hat die Stärke unserer Qualitätsstrategie, die sich als Qualitätskultur versteht, die Raum für Spezifisches gibt, erkannt und positiv gewürdigt.

Marlies Whitehouse: Speziell wurde auch die Langfristigkeit der Qualitätsstrategie hervorgehoben. Die ZHAW hat nicht kurzfristig eine Qualitätsstrategie aufgesetzt, um die institutionelle Akkreditierung zu erlangen, sondern sie ist langfristig an einer guten Qualität interessiert.

Wo hat die ZHAW Verbesserungsbedarf? Und welche Massnahmen sind in diesem Zusammenhang geplant?

Fitzli: Die Sicherstellung der studentischen Mitwirkung auf Departementsebene ist die einzige Auflage, die die ZHAW erhalten hat. Dieses Defizit ist uns bereits im Selbstbeurteilungsprozess aufgefallen. So konnten wir schon in der Phase zwischen der Abgabe des Berichts und der Vor-Ort-Visite eine entsprechende Policy erarbeiten. Die Studierendenorganisation ALIAS soll neu organisiert werden in einem Verein mit Sektionen. Jedes Departement soll eine Studierendenvertretung haben, die auf der Departementsebene ein Mitbestimmungsrecht hat. ALIAS arbeitet zurzeit intensiv daran und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir diese Auflage in der gewährten Frist von zwei Jahren umsetzen können. Neben dieser Auflage hat die Gutachtergruppe verschiedene Empfehlungen ausgesprochen. Dazu gehören etwa die Weiterentwicklung der Qualitätsstrategie und die Sichtbarkeit der Tätigkeiten im Bereich Nachhaltigkeit. Auch die Frauenförderung in den oberen Führungspositionen war ein Thema. Der externe Gutachterbericht hat vieles aus dem Selbstbeurteilungsbericht aufgenommen und explizit gemacht. Wir sind nun in allen Punkten dabei, diese zu verbessern. Der Bericht ist also auch ein Katalysator.

Durch die Akkreditierung wurde das Qualitätssicherungssystem der ZHAW «zertifiziert». Wie sichert man diesen Qualitätsstandard in der grundständigen Lehre, in Weiterbildung und Forschung?

Whitehouse: Die Departemente erhielten mit der ZHAW-Qualitätsstrategie 2015–2025 den Auftrag, eine departementsspezifische Umsetzungsstrategie vorzulegen. Darin wird festgesetzt, in welchen Abständen die Peer-Reviews stattfinden oder welche Indikatoren zu welchem Zeitpunkt überprüft werden.

Grüter: Nach der Durchführung einer Peer-Review erstellen die Peers einen Bericht mit Empfehlungen für Verbesserungsmassnahmen. Das Departement erstellt im Anschluss einen Massnahmenplan, der mit dem Rektor abgestimmt wird. An der School of Engineering etwa haben Studierende im Rahmen der Peer-Review zurückgemeldet, dass die «Studierbarkeit» nicht gewährleistet war, weil teilweise über 10 Lektionen pro Tag stattgefunden haben. Daraufhin wurde die Stundenplanung angepasst, und nach einer erneuten gemeinsamen Reflexion mit Studierenden aller Studiengänge haben wir nun das positive Ergebnis, dass die Studierbarkeit gewährleistet ist. Dieses Vorgehen ist ein Beispiel für das funktionierende Peer-Review-Verfahren als Instrument zur Qualitätssicherung. Und genau die wird bei der institutionellen Akkreditierung überprüft.

Whitehouse: Die ZHAW muss also vor allem eine lernfähige Organisation sein. Das heisst, sie muss über Instrumente verfügen, um Verbesserungspotenzial zu erkennen und adäquate Massnahmen zu entwickeln. Dass die ZHAW dazu in der Lage ist, hat die institutionelle Akkreditierung bestätigt.

Was hat Sie während des Akkreditierungsprozesses am meisten positiv erstaunt oder überrascht? Und worin sehen Sie persönlich den grössten Wert der Akkreditierung für die ZHAW?

Whitehouse: Die ZHAW-weite Auseinandersetzung mit dem Thema Qualität und das Hinarbeiten auf ein gemeinsames Ziel empfand ich als sehr positiv. Ebenso, dass es gelang, die Vielfalt der ZHAW im Selbstbeurteilungsbericht abzubilden und als Chance zu erkennen.

Grüter: Der Weg zum Akkreditierungsprozess stellt für mich den grössten Gewinn dar, konkret die Auseinandersetzung mit Qualität im Rahmen von Peer-Review-Verfahren. Ich habe darin einen grossen Mehrwert für die Mitarbeitenden erkannt. Dadurch, dass es sich nicht einfach um eine Befragung handelt, sondern ein offener Dialog stattfindet, entstehen wichtige Diskussionen unter den beteiligten Mitarbeitenden und im Austausch mit externen Peers. Diese Dialoge auf Augenhöhe und die daraus entstehende Reflexion über diverse Themen sind ungemein wertvoll für die Qualität.

Fitzli: Für mich war es die interne Auseinandersetzung mit Qualität auf einer Metaebene, also der Austausch über die Prozesse und Strukturen. Ausserdem empfinde ich es bei der institutionellen Akkreditierung und dem Peer-Review-Verfahren als grossen Vorteil, dass der Fokus nicht «nur» auf den Leistungsbereichen Forschung, Lehre, Weiterbildung und Dienstleistungen liegt, sondern auch Governance und Ressourcen, etwa die Mitarbeitendenentwicklung oder Finanzierung, mit einbezogen werden. Für mich war der Akkreditierungsprozess insgesamt aber auch eine sehr wertvolle Erfahrung, weil ich mit so vielen Leuten zusammenarbeiten und diese kennenlernen durfte. Das empfinde ich als grossen Gewinn!

 

Zu den Personen

Dora Fitzli ist seit Juli 2020 Generalsekretärin der ZHAW. Zuvor war sie Leiterin Qualitätsentwicklung. In dieser Funktion trug sie die Verantwortung für den Selbstbeurteilungsbericht der ZHAW und die Vorbereitungen auf die institutionelle Akkreditierung. Hierbei spielte die ZHAW-weite Qualitätskommission eine wichtige Rolle.

Marlies Whitehouse, Generalsekretärin am Departement Angewandte Linguistik, und Benno Grüter, Leiter Prozess- und Qualitätsmanagement der School of Engineering, vertreten ihre Departemente in der Qualitätskommission. Sie leiten die Umsetzung der Qualitätsstrategie am jeweiligen Departement und haben dort Informed-Peer-Review-Verfahren durchgeführt.

Institutionelle Akkreditierung

Die ZHAW erfüllt mit der institutionellen Akkreditierung eine zentrale Vorgabe des Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetzes (HFKG) von 2015. Die institutionelle Akkreditierung ist Grundlage für das Recht, sich als Fachhochschule zu bezeichnen, und eine notwendige Voraussetzung für den Zugang zu Bundesbeiträgen. In der institutionellen Akkreditierung wird anhand von 18 Standards der Akkreditierungsverordnung HFKG das Qualitätssicherungssystem der Hochschule überprüft und nötigenfalls mit Auflagen deren Einhaltung durchgesetzt. Das Verfahren besteht aus einer Selbst- und einer Fremdbeurteilung durch eine mindestens fünfköpfige Gutachtergruppe. Die Akkreditierung ist sieben Jahre gültig. Danach erfolgt ein Re-Akkreditierungsprozess.

Informed-Peer-Review-Verfahren

Als zentrales Element für die Ebene der institutionellen Qualitätssicherung und -entwicklung wurde mit der Qualitätsstrategie 2015–2025 das Informed-Peer-Review-Verfahren eingeführt. Nicht der ZHAW-angehörige Peers evaluieren als Critical Friends auf der Basis eines Selbstevaluationsberichts die Hochschulleitung, die Departemente, Finanzen & Services, das Rektorat sowie die Hochschulversammlung. Die Peers halten ihre Einschätzungen und Empfehlungen in einem Bericht fest, der als Grundlage für die Weiterentwicklung der ZHAW genutzt wird. Die Informed-Peer-Review-Verfahren ergänzen die permanente interne Qualitätssicherung und -entwicklung, wie beispielsweise die Evaluationen und die Weiterentwicklung der Studiengänge.