Literacy – Was wir unbedingt können sollten

Wenn mehrere Sprachen zum Alltag gehören

21.09.2021
3/2021
  • Dossier

Die Schweiz gilt aufgrund ihrer vier Landessprachen als multikulturell und divers. Doch neben Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch werden noch eine Menge weiterer Sprachen täglich angewendet. Viele Kinder wachsen mehrsprachig auf. So auch die Studierenden Ali Salehi mit Persisch und Garima Sharma mit Hindi. 

Ali entdeckte dank seiner Mehrsprachigkeit früh die Faszination für Sprachen. «Türkisch beispielsweise klingt in meinen Ohren total logisch, auch wenn es nur wenige Gemeinsamkeiten mit meiner Erstsprache Persisch hat. Ich bin davon überzeugt, dass ich dank der zweisprachigen Erziehung einfacher Sprachen lerne.» Ali wuchs in einem multikulturellen Umfeld auf. Er lernte nebst seinen Erstsprachen Deutsch und Persisch dank seinem diversen Freundeskreis auch weitere Sprachen wie Türkisch oder Albanisch.

Mehrsprachigkeit ist überall anzutreffen. Wie auch hier bei einem religiösen indischen Altar und dem Basilikum mit einem Etikett der Landi auf Deutsch.

 Ali erlebt seine Mehrsprachigkeit als grossen Vorteil. Aus seiner Erstsprache Persisch kann er einige Sprachen ableiten.

Für Garima bietet ihre Kenntnis in Hindi eine Grundlage, um nach ihrem Studium international zu arbeiten.

 

Die Menschen in der Schweiz sprechen längst mehr als nur die vier Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Laut dem Bundesamt für Statistik wird heute in der Schweiz häufiger Englisch, Portugiesisch, Albanisch, Serbisch/Kroatisch und Spanisch gesprochen als die offizielle Landessprache Rätoromanisch. Einen genaueren Einblick in die Sprachvielfalt bietet eine Statistik der Stadt Zürich, der bevölkerungsreichsten Stadt der Schweiz. Die Wohnbevölkerung der Stadt Zürich verständigte sich im Jahr 2019, nebst den vier Landessprachen, in über 50 weiteren Sprachen, darunter Chinesisch und Hebräisch. Hinter all diesen Sprachen stecken Familien mit schulpflichtigen Kindern. Kinder, die täglich den Spagat zwischen einer Fremdsprache und Deutsch meistern. Teilweise sind es sogar Sprachen mit einer eigenen Schrift und einer uns komplett unbekannten Aussprache. 

Wo Persisch und Deutsch aufeinandertreffen

Ali Salehi war genau ein solches Kind. Geboren in Teheran, der Hauptstadt des Irans, kam Ali als Vierjähriger in die Schweiz. Deutsch lernte er in dem Alter wesentlich schneller als seine damals 13-jährige Schwester. Er erinnert sich gerne an seine ersten Tage im Kindergarten zurück: «Zu Beginn war ich sehr schüchtern und traute mich kein einziges Wort zu sagen, vermutlich weil ich zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Deutsch beherrschte.» Hier im Audiobeitrag spricht Ali über die Vor- und Nachteile seiner mehrsprachigen Erziehung.

Alis Mutter legt viel Wert darauf, die iranische Kultur und die Sprache an ihre Kinder weiterzugeben. Zudem war es ihr wichtig, dass die Kinder auch die persische Schrift einwandfrei beherrschen. «Zuhause sprechen wir weiterhin konsequent Persisch. Nur mit meiner Schwester tausche ich mich ab und zu auch auf Schweizerdeutsch aus.» Heute schlägt der 25-Jährige eine akademische Laufbahn ein: Ali studiert zurzeit im Bachelor Kommunikation an der ZHAW. Ein Studium, bei welchem man sich mit der deutschen Sprache und deren Wirkung stark auseinandersetzt. 

Von Indien in die Schweiz

Mehrsprachig wuchs ebenfalls Garima Sharma auf, welche heute an der Universität Zürich im Master Politikwissenschaften mit Spezialisierung in internationalen Beziehungen studiert. Sie kam in Vrindavan, Indien, zur Welt, besuchte dort die ersten Jahre der Grundschule und konnte bereits fliessend Hindi und etwas Englisch. Mit acht Jahren kam Garima in die Schweiz. Sie lernte im Rahmen einer Anpassungsklasse innerhalb eines Jahres Deutsch und kann die Sprache so gut, dass sie diese auch im wissenschaftlichen Kontext im Rahmen ihres Masterstudiums anwenden kann. «Mit meinen Brüdern spreche ich praktisch nie Schweizerdeutsch. Wir verständigen uns auf Hochdeutsch, weil uns diese Sprache an die Anfangszeit in der Schweiz erinnert und deswegen auch verbindet.» Ihre Erfahrungen mit der Mehrsprachigkeit teilt sie im folgenden Video mit.

Mehrsprachigkeit ist Mehrwert

«Der Erwerb von mehreren Sprachen hat keinen einzigen Nachteil», sagt Marina Petkova. Sie ist Co-Studiengangsleiterin des Bachelors Sprachliche Integration an der ZHAW und hat eine klare Meinung zur Mehrsprachigkeit. «Mit einer weiteren Sprache lernt man nicht nur den Gebrauch davon, sondern entwickelt ein viel breiteres Verständnis für fremde Sprachstrukturen», sagt die Expertin. Insgesamt gibt es drei Arten der Mehrsprachigkeit: Die Erstsprache, welche im jungen Alter erworben wird. Die Zweitsprache, die beispielsweise im Erwachsenenalter nach dem Umzug in ein fremdes Land erworben wird. Und als Letztes die Fremdsprache, welche beispielsweise im Kontext einer Ausbildung gelernt wird. In unserer Gesellschaft gelte oftmals die stereotypische Vorstellung, dass Mehrsprachigkeit bei Kindern in der Erziehung ein Defizit darstellen könne. Doch die Forschung ist sich einig, dass multilinguale Menschen jede weitere Sprache als Ressource nutzen können – unabhängig davon, welche Sprache. Um im Spracherwerb Struktur zu erhalten, gilt folgende Einteilung der Sprachniveaus international zur Orientierung:

Dass in der Schweiz mehr Menschen Spanisch als die Landessprache Rätoromanisch sprechen, erstaunt die Expertin nicht. «Viele Menschen stellen sich vor, Mehrsprachigkeit sei die Ausnahme, aber Mehrsprachigkeit ist die Regel.» Laut Marina Petkova wird die Mehrsprachigkeit in Zukunft aufgrund von Migration und Globalisierung stetig weiter zunehmen. Ausschlaggebend für die erfolgreiche Sprachvermittlung an Kinder ist laut der Expertin, dass die Erstsprache der Eltern selbstbewusst übermittelt wird. Die Expertin sagt: «Zwischen den erlernten Sprachen dürfen keine Hierarchien entstehen. Jede Sprache und deren Erwerb ist nützlich.»


Darija Knezevic

Die Autorin Darija Knezevic studiert Journalismus im Bachelorstudiengang Kommunikation am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft. Diese Beiträge entstanden in der Werkstatt «Multimediales Storytelling» im fünften Semester. In dieser Werkstatt erarbeiten die Studierenden Beiträge für die Praxis, unter Bedingungen und in Abläufen, wie sie im Journalismus üblich sind.