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Aktive Filter: Kategorie: Dossier Kategorie: Main Topic Autor: Andrea Söldi Alle Filter entfernen
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Geflüchtete Lebensretterin

Das Fliegen hatte Safoura Bazrafshan bereits als Kind fasziniert. «Eigentlich wollte ich Pilotin werden», erzählt die 38-Jährige. Doch im Iran kam der Beruf für eine Frau nicht infrage. Also entschied sie sich für ein technisches Studium. Am Flughafen in Teheran arbeitete sie danach als Technikerin; sie testete und reparierte die Instrumente in den Cockpits. Doch als sie vor vier Jahren in die Schweiz kam, wurde ihre Ausbildung nicht anerkannt. Deshalb begann sie 2018 mit dem Bachelorstudium Aviatik an der ZHAW. «Vieles ist neu für mich. Und die Technologie hat sich seit meiner Ausbildung weiterentwickelt», sagt Bazrafshan. Zudem sei sie stark gefordert mit der Sprache, obwohl sie in der kurzen Zeit gut Deutsch gelernt hat. Nun hat sie aber bereits die ersten drei Semester erfolgreich abgeschlossen. Die junge Frau kommt in eng anliegenden Jeans, modischem Pullover und wallenden Haaren zum Gespräch. Im Iran konnte sie sich so nicht auf die Strasse wagen. Die Kleidervorschriften seien aber nicht das Schlimmste gewesen, blickt Bazrafshan zurück. Viel stärker litt sie unter der eingeschränkten Meinungsfreiheit und den starren sozialen Regeln. «Es fühlte sich an, wie ein Kleben und Haften an den Händen.» Weil sich die kurdischstämmige Iranerin für Frauenrechte einsetzte und sich gegen das Regime auflehnte, entstanden ihr Probleme. 2011 flüchtete sie auf einem beschwerlichen Weg über die Grenze und gelangte über die Türkei und Griechenland schliesslich in die Schweiz. Details über diese Reise möchte sie nicht erzählen. Es ist deutlich zu spüren, dass sie sich nicht gerne daran erinnert. Bei ihrer Flucht musste Bazrafshan Familie, Freunde und sämtliche persönlichen Dinge hinter sich lassen und von Grund auf neu beginnen. Unterdessen hat sie eine Aufenthaltsbewilligung erhalten. Zusammen mit ihrem Freund und drei Frauen – alle ursprünglich aus dem Iran – engagiert sie sich nun wieder für Menschen in ihrem Herkunftsland. Die Gruppe sammelt Geld, um Frauen aus Gefängnissen freizukaufen. «Wenn sich Frauen bei einer Vergewaltigung oder anderer Gewalt zur Wehr setzen und den Mann tötlich verletzen, droht ihnen, gehängt zu werden», erzählt Bazrafshan. Sie können der Todesstrafe nur entrinnen, wenn sie der Familie des Mannes ein sogenanntes Blutgeld bezahlen – in der Regel mindestens 30’000 Franken. Die Gruppe arbeitet mit einer Organisation im Iran zusammen, die ebenfalls versucht, Geld aufzutreiben. Bazrafshan ist bewusst, dass mit diesen Zahlungen ein System gestützt wird, das sie eiegntlich ablehnt. «Doch es gibt keine andere Möglichkeit, den Frauen ihr Leben zurückzugeben.» Die Gruppe organisiert Anlässe, an denen sie über die Missstände informiert, und verbreitet die tragischen Geschichten über Mails. Zudem pflegt sie Verbindungen zu Frauen- und Menschenrechtsorganisationen. Gemeinsam mit einer Freundin will Bazrafshan demnächst einen regulären Verein gründen, um die Hilfe zu verstärken. Der Aviatik-Studentin bleibt neben diesem Engagement und dem Lernen nur wenig Freizeit. Ist aber wieder mal eine Prüfung geschafft, feiert sie dies gern mit ihren jungen Studienkollegen bei einem Bier oder gar einem Wochenende in den Bergen. Andrea Söldi

Hebammenforschung: Für das Wohl von Mutter und Kind

Eine Geburt kann sich über viele Stunden oder gar Tage hinziehen – besonders beim ersten Kind. Wann aber ist der richtige Zeitpunkt, um ins Spital zu gehen? Bei dieser Entscheidung soll ein neues Instrument helfen, das im Rahmen eines Forschungsprojekts des Instituts für Hebammen entwickelt wird. Es wird 15 bis 20 Fragen enthalten, die Hebammen oder andere Gesundheitsfachpersonen bei der Beratung von Frauen unterstützen. Neben körperlichen Merkmalen wie etwa Stärke und Regelmässigkeit der Wehen sollen auch psychische Aspekte abgedeckt werden. Zum Beispiel, ob die Frau zuversichtlich oder verunsichert ist. «Erstgebärende treten häufig zu früh ins Spital ein», erklärt Projektleiterin Susanne Grylka . In der Folge komme es zu medizinischen Interventionen wie etwa Wehenstimulationen und Kaiserschnitten, die zum Teil nicht nötig wären. Doch auch zu langes Abwarten könne einen ungünstigen Einfluss auf den Geburtsverlauf haben, sagt die promovierte Hebamme – etwa wenn die Frau nervös und ängstlich ist oder bereits stark übermüdet, weil sie wegen der Wehen nicht schlafen kann. Je nach Befinden mache es Sinn, sich bereits in der sogenannten Latenzphase in Betreuung zu begeben, also wenn unregelmässige Wehen auftreten, aber die Eröffnung des Gebärmutterhalses erst langsam voranschreitet. Ob einer Frau zum sofortigen Eintritt oder zum Abwarten geraten wird, sei oft willkürlich, erklärt Grylka. Es hänge von der zuständigen Person oder dem aktuellen Betrieb auf der Geburtenabteilung ab. Das dreijährige Forschungsprojekt, das vom Nationalfonds gefördert wird, ist im Mai gestartet. Nach einer breiten Literaturrecherche sind Interviews mit rund 20 Frauen geplant, die kürzlich geboren haben. Sie werden zu den Symptomen bei Geburtsbeginn sowie zum Erleben der Betreuung in der Latenzphase befragt. Basierend auf diesen Antworten, wird anschliessend ein vorläufiges Instrument entwickelt und an 400 Gebärenden in sechs Schweizer Spitälern angewendet. Nach der Validierung soll eine finale Version erstellt werden. «Alle sechs Spitäler begrüssen und unterstützen die Idee», sagt Grylka. «Die Praxis wartet geradezu auf unser Tool.» Hebammenforschung ist ein noch relativ junges Fachgebiet, zumindest in der Schweiz. Während im angelsächsischen Raum bereits länger geforscht wird, konnte sich die Disziplin hierzulande erst mit der Ansiedlung der Hebammenwissenschaften an den Fachhochschulen etablieren. Die Forschungsstelle an der ZHAW wurde 2008 geschaffen. Seither hat sie bereits zahlreiche Projekte erfolgreich durchgeführt. «Unser höchstes Ziel ist es, die werdenden Eltern zu stärken.» Susanne Grylka, Institut für Hebammen Eine Studie widmet sich zum Beispiel dem Thema sexuelle Lebensqualität nach der Geburt . Es ist ein verbreitetes Problem, dass viele Frauen in den ersten Monaten zu erschöpft sind, um sich ihrem Partner anzunähern, keine Lust verspüren oder Geschlechtsverkehr als schmerzhaft und unangenehm empfinden. Dauert dieser Zustand länger an, kann dies die Partnerschaft stark belasten. Das Forschungsteam hat die Situation in Zusammenarbeit mit iranischen Forscherinnen im Iran und in der Schweiz untersucht. Für den Iran wurde ein Instrument entwickelt, welches die Beurteilung der sexuellen Lebensqualität nach der Geburt erlaubt. In einem Folgeprojekt soll die persische Version auf Deutsch übersetzt werden. «Der Vergleich der beiden verschiedenen Kulturen ermöglicht uns Rückschlüsse auf den Einfluss von Faktoren wie der gesellschaftlichen Rolle der Frau oder der generellen Einstellung gegenüber Sexualität», erklärt Susanne Grylka, die auch dieses Projekt leitet. Die Erkenntnisse sollen helfen, betroffene Paare zu unterstützen. Der Forschungsstelle Hebammenwissenschaft obliegt zudem die Leitung des Projekts Digital Health für Eltern mit Migrationshintergrund , an dem sich alle fünf Institute des Departements Gesundheit beteiligen. Das Teilprojekt der Hebammen untersucht, welche digitalen Angebote dazu beitragen, die Gesundheit und das Wohlergehen von Mutter und Kind zu verbessern. Die Erkenntnisse sollen helfen, geeignete evidenzbasierte Apps für diese Bevölkerungsgruppe zu entwickeln. Die Forschenden erhalten auch regelmässig externe Studienaufträge. So haben sie zum Beispiel evaluiert, ob Hebammen-Netzwerke einen Mehrwert bringen. Sie konnten aufzeigen, dass ein Netzwerk wie Familystart in Zürich vielen fremdsprachigen und psychosozial benachteiligten Familien dabei hilft, eine Wochenbettbetreuung zu organisieren. «So konnte der Nutzen des Angebots gegenüber den Geldgebern belegt werden», erklärt Grylka. Forschungsgelder für Themen rund um die Geburt zu akquirieren, sei häufig schwierig, bedauert die stellvertretende Leiterin der Forschungsstelle. «Unser Bereich ist sehr spezifisch.» Um in die Forschungs-Calls verschiedener Förder-Fonds zu passen, müsse man das Kernthema oft etwas ausweiten. Dennoch sind aktuell zehn Projekte am Laufen, teilweise in Zusammenarbeit mit anderen Fachhochschulen. In der Schweiz forschen neben der ZHAW auch die Fachhochschulen Bern, Lausanne und Genf im Hebammen-Bereich. «Wir Hebammen verstehen die Geburt in erster Linie als natürlichen Vorgang.» Susanne Grylka Hingegen sind gemeinsame Projekte mit ärztlichen Forschungsgruppen selten. Denn dort liege der Fokus stark auf den medizinischen Interventionen, erklärt die Wissenschaftlerin. «Wir Hebammen hingegen verstehen die Geburt in erster Linie als natürlichen Vorgang.» Der Blickwinkel umfasse zudem auch das psychosoziale Umfeld der Gebärenden. Dieses sei für das Wohlergehen von Mutter und Kind ebenso wichtig wie die medizinischen Aspekte. Die beiden Bereiche beeinflussen sich jedoch gegenseitig. Gelinge es zum Beispiel, die Anzahl Kaiserschnitte zu reduzieren, wirke sich das auf die Gesundheit der gesamten Bevölkerung aus: Es gibt Hinweise darauf, dass Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, ein erhöhtes Risiko für Asthma und Übergewicht haben. «Hebammenforschung ist wichtig», betont Susanne Grylka. «Unser höchstes Ziel ist es, die werdenden Eltern zu stärken.» Andrea Söldi

Den Weg für ein technisches Studium ebnen

Nach der Gymi-Matur wusste Laurent Lüthi nicht so recht, in welche Richtung es gehen sollte. Informatik interessierte ihn, aber ein entsprechendes Studium traute er sich ohne fachliche Vorkenntnisse nicht wirklich zu. Deshalb entschied er sich vor drei Jahren ziemlich spontan für ein zweimonatiges Vorpraktikum an der ZHAW. Das Angebot heisst heute Youth2Engineers und richtet sich an Absolventen einer gymnasialen Matur oder einer nicht-technischen Berufsmatur. «Ich wollte herausfinden, ob Informatik etwas für mich ist», sagt der 24-Jährige, der unterdessen bereits zwei Jahre Studium hinter sich hat. Das Vorpraktikum sei eine Art Crashkurs gewesen, in dem sehr kompakt alle Grundlagen vermittelt wurden, fasst Lüthi zusammen. «Ich habe extrem viel gelernt.» Im Unterricht schraubte Lüthi Computer auseinander, um mit der Hardware vertraut zu werden, lernte löten und programmierte schliesslich eine ganze Wetterstation mit Sensoren, die Informationen an eine Datenbank schicken. Der Vorkurs öffnete ihm die Türen zu einem zehnmonatigen Praktikum bei einer Firma, die Vorlagen für einfache Webseiten zum Selberkonstruieren entwickelt. «Nach diesen Vorerfahrungen kann ich dem Unterricht im Studium gut folgen», sagt der angehende Informatiker. Youth2Engineers ist Teil des Angebots, das die School of Engineering (SoE) als Vorbereitung auf ein technisches Studium zusammengestellt hat. Seit einem Jahr laufen alle Kurse unter dem Namen Pre-College . Bei den meisten davon handelt es sich um reine Wissensvermittlung im Präsenzunterricht. Während Gymi-Absolventinnen und Absolventen oder Personen mit einer nicht-technischen Berufsmatur im Hinblick auf ein Informatikstudium vom Programmierkurs profitieren, setzen sich angehende Maschinentechnik-Studierende zuerst mit technischem Zeichnen und CAD auseinander. Derweil stopfen Berufsmatur-Absolventen häufig Lücken in Mathematik und Physik oder peppen ihr Englisch auf. «Wir stellen hohe Anforderungen im Bereich der naturwissenschaftlichen Grundlagen.» Markus Kunz «An der SoE stellen wir hohe Anforderungen im Bereich der naturwissenschaftlichen Grundlagen», sagt Markus Kunz, Professor an der Abteilung Lehre und verantwortlich für den gesamten Pre-College-Bereich. «Daher sind diese Kurse sehr gut besucht.» Von den rund 700 Personen, die an der SoE jährlich ein Studium beginnen, machen meist etwa ein Viertel davon Gebrauch. Für eine Aussage über die Wirksamkeit sei es aber noch zu früh, stellt Kunz klar. Bei früheren Kursen, die manchen Angeboten vorausgegangen sind, seien die Rückmeldungen der Dozierenden insgesamt sehr positiv gewesen. Beim Programm Youth2Engineers ist neben der Vermittlung praktischer und theoretischer Grundlagen die Unterstützung bei der Praktikumssuche ein wichtiger Pluspunkt. Denn ohne Vorkenntnisse sei es in manchen Branchen schwierig, einen geeigneten Praktikumsplatz in einer Firma zu finden, weiss Kunz. Deshalb hat das Departement ein breites Netzwerk mit Partnerfirmen aufgebaut. Diverse Vorbereitungskurse bietet auch das Departement Life Sciences and Facility Management (LSFM) in Wädenswil an. Sie richten sich an Studieninteressierte ohne gymnasiale Matur oder naturwissenschaftliche Berufsmaturität und vermitteln Grundlagenwissen in Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Die Kurse finden entweder im Online-Modus statt, bei dem Dozierende teilweise live über einen Videokanal unterrichten und Fragen beantworten, oder als interaktive E-Learning-Einheiten, die Teilnehmende zeitunabhängig belegen können. Angebote wie etwa das Mathe-Fitnessstudio können auch noch während des Studiums zur Repetition genutzt werden. Analog zum Youth2Engineers der SoE findet am Departement LSFM zudem das Laboreinführungspraktikum statt. Es vermittelt während zweier Monate grundlegende Labormethoden aus der Chemie, Biotechnologie und Lebensmitteltechnologie sowie Kenntnisse in Arbeitssicherheit. Anschliessend unterstützt die ZHAW die Teilnehmenden bei der Suche nach einem Praktikum in der Industrie. Ein weiterer Zugang, der Personen mit einer gymnasialen Matur den Weg an die Fachhochschule ebnet, ist das Praxisintegrierte Bachelorstudium (PiBS). Es dauert vier statt drei Jahre, weil die normalerweise verlangte einjährige Arbeitserfahrung im Studium integriert ist. Somit können Gymi-Abgänger direkt mit dem Studium beginnen. «Theorie und Praxis gehen bei diesem Modell Hand in Hand», sagt Ximena Florez, die 2015 den PiBS-Studiengang Verkehrssysteme in Angriff genommen hat. «Das hat mir sehr entsprochen.» «Theorie und Praxis gehen beim Praxisintegrierten Bachelorstudium Hand in Hand.» Ximena Florez Für die Aufteilung von Studium und Praxis gibt es verschiedene Möglichkeiten. Während einige Studierende die ganzen vier Jahre hindurch im Teilzeitpensum arbeiten, wechseln andere phasenweise zwischen Hochschule und Praktikumsplatz ab. Ximena Florez zum Beispiel studierte zuerst zwei Jahre Vollzeit. Danach trat sie ihren Praktikumsplatz bei den SBB an, den sie über das Partnernetzwerk der ZHAW gefunden hatte. Dort arbeitete sie im dritten Jahr Vollzeit und im vierten Jahr Teilzeit, während sie weiterstudierte. Besonders das letzte Jahr mit dem 140-Prozent-Pensum sei streng gewesen, blickt die 27-Jährige zurück, aber auch abwechslungsreich. Weil die SBB extra für PiBS-Studierende einen speziellen Einsatzplan erarbeitet haben, erhielt sie Einblick in verschiedene Betriebsbereiche. «Dabei ergaben sich die Themen für meine Projektarbeit sowie die Bachelorarbeit wie von selbst aus der Arbeitspraxis heraus», sagt die Verkehrsingenieurin, die auch heute noch bei den SBB arbeitet. Die ZHAW bietet das PiBS seit 2015 für zehn Studiengänge an der SoE und am Departement LSFM an. Interessierte müssen einen Ausbildungsvertrag mit einem Partnerunternehmen abschliessen und einen anspruchsvollen Rekrutierungsprozess durchlaufen. Meistens erhalten sie einen Praktikumslohn. Der Bund hat das Modell 2014 im Rahmen der Fachkräfteinitiative als Pilotversuch lanciert. Nachdem eine Evaluation ergeben hat, dass es sich bewährt, hat der Bundesrat im März beschlossen, das Programm einstweilen bis zum Startjahr 2025 zu verlängern. Sowohl an der SoE als auch in Wädenswil sieht man das vierjährige Modell als Erfolg. «Das PiBS wird jedes Jahr beliebter», sagt Christian Hinderling , Leiter des Instituts für Chemie und Biotechnologie. Nach einer gymnasialen Matur sei es eine attraktive Chance. «Das Modell verdient es, an den Gymnasien noch bekannter zu werden.» Andrea Söldi

Mitsprache, nicht nur Gratisäpfel

Ohne Computer und Internet aufgewachsen, tun sich heute 70- oder 80-Jährige häufig schwer mit den digitalen Technologien, sofern sie sich nicht im Beruf mit ihnen vertraut machen mussten. Weil aber fast alles übers Internet läuft – von Fahrplan-Abfrage über Telefonbuch bis zu Bankgeschäft –, sind nicht wenige ältere Menschen zunehmend von wichtigen Funktionen ausgeschlossen. Hier setzt das Projekt von Tatjana Drescher an. Im Rahmen ihres Praktikums bei der Pro Senectute Zug hat die Studentin im Bachelor Gesundheitsförderung und Prävention einen Tablet-Treff für Seniorinnen und Senioren in Steinhausen aufgegleist. Über die Nachbarschaftshilfe und Vereine hat sie Personen gefunden, die ihre Erfahrungen mit dem Computer ­ehrenamtlich weitergeben. «Heute setzt man auf Selbstbestimmung, Empowerment und Partizipation.» Irene Abderhalden Beim ersten Treffen im Januar seien über 25 Interessierte erschienen, freut sich Drescher. «Die Menschen erfahren, dass sie auch im Alter noch fähig sind, Neues zu lernen.» Zudem soll das Angebot helfen, die Isolation und Einsamkeit älterer Menschen zu reduzieren. Es sei erwiesen, dass Einsamkeit krank macht – sowohl psychisch als auch körperlich, führt die Studentin aus. Neben der Anleitung zu mobilen Computern erhalten die Teilnehmenden am Treffpunkt stets auch Gelegenheit, sich über andere Dinge auszutauschen. Vom Projekt profitieren gleichzeitig die freiwilligen Instruktoren. Die meisten von ihnen seien ebenfalls bereits älteren Jahrgangs. «Sich aktiv und kompetent zu erleben, unterstützt das Selbstwertgefühl», sagt Drescher. Das Stärken der Ressourcen ist einer der wichtigsten Ansatzpunkte in der Gesundheitsförderung. Während man sich früher hauptsächlich auf Krankheitsrisiken konzentrierte, versucht man heute, die gesunden Anteile zu unterstützen und erhalten. Der grundsätzliche Perspektivenwechsel basiert auf der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, welche die WHO 1986 publiziert hat. «Statt dass Expertinnen und Experten die Menschen von oben herab zu erziehen versuchen, setzt man auf Selbstbestimmung, Empowerment und Partizipation», erklärt ZHAW-Dozentin Irene Abderhalden. Häufig komme das Peer-to-Peer-Konzept zum Zug, bei dem Personen aus der gleichen Zielgruppe als Multiplikatoren dienen. Ein Beispiel für diese Herangehensweise ist etwa das Projekt Femmes-Tische, wo eine andere ZHAW-Studentin Einblick erhält. In verschiedenen Schweizer Städten tauschen sich Migrantinnen in ihrer Muttersprache über die Normen und Umgangsformen in der Schweiz, Kindererziehung oder Gesundheits- und Familienthemen aus und geben untereinander ihre Erfahrungen weiter. Geschulte Fachleute treten dabei eher zurückhaltend als Moderatorinnen auf. «Ein Kind aus einer suchtbelasteten Familie hat ein sechsmal höheres Risiko, selbst eine Suchtproblematik zu entwickeln.» Irene Abderhalden Eines der wichtigsten Handlungsfelder für Prävention und Gesundheitsförderung ist die Schule. Natürlich kläre man die Kinder und Jugendlichen nach wie vor über Gefahren wie Komatrinken oder sexuell übertragbare Krankheiten auf, betont Irene Abderhalden. «Das Thematisieren von Risiken und das Weitergeben von Fachwissen sind keineswegs überholt.» Doch gleichermassen wichtig sei es, Selbst- und Sozialkompetenzen zu fördern. Kinder sollten zum Beispiel lernen, mit ihren Gefühlen konstruktiv umzugehen, Konflikte zu bewältigen, und sich an Entscheidungsprozessen beteiligen können. Gute Übungsfelder dafür seien Gefässe für die Partizipation wie etwa ein Klassen- oder Schülerrat. Zudem versuche man, das System Schule an sich gesünder zu gestalten, erklärt die Sozialwissenschaftlerin: Wenn Lehrpersonen weniger gestresst sind, fühlen sich auch die Kinder wohler. Dasselbe Prinzip gelte im betrieblichen Gesundheitsmanagement: Häufig seien es Faktoren wie fehlende Möglichkeiten zur Mitwirkung und unklare Rollen, die zu Burnout führten. «Man muss die ganze Betriebskultur anschauen und nicht nur Gratis­äpfel austeilen.» Gesundheitsförderung habe stets auch eine gesamtgesellschaftliche und somit eine politische Dimension, betont Abderhalden. Es gehe darum, die Chancengleichheit in verschiedenen Bereichen zu verbessern – etwa für alte Menschen, bildungsferne Schichten oder gefährdete Familien. «Ein Kind aus einer suchtbelasteten Familie hat ein sechsmal höheres Risiko, selbst eine Suchtproblematik zu entwickeln», führt sie als Beispiel an. «Es haben eben nicht alle die gleichen Startbedingungen.» Deshalb greife es zu kurz, an die Eigenverantwortung des Einzelnen zu appellieren. «Das Schlagwort der Bevormundung im Zusammenhang mit Prävention wird häufig politisch missbraucht. Unter diesem Deckmantel geht es nicht selten ums Sparen.» Einen ganzheitlichen und ressourcenorientierten Ansatz pflegt der Verein Akzent in Luzern, der sich in der Suchtprävention engagiert. Dort ist die ZHAW-Studentin Esther Helfenstein im Praktikum. Die Fachleute arbeiten nicht direkt mit den Zielgruppen, sondern mit Schlüsselpersonen wie etwa Berufsbildnern oder Lehrpersonen. «Vermutet ein Berufsbildner, dass ein Lehrling kifft, ist es wichtig, dies mit Fingerspitzengefühl anzusprechen», so Helfenstein. Das Fördern von Schutzfaktoren, etwa durch Wertschätzung und Anerkennung, spiele eine zentrale Rolle in der Frühintervention. Zudem sollten Risiko­faktoren wie Über- oder Unterforderung reduziert werden. Besonders gefährdet seien Lernende in Berufen mit unregelmässigen Arbeitszeiten. Wenn etwa eine angehende Bäckerin wegen Nachtschichten den Kontakt zu Gleichaltrigen verliere, bestehe die Gefahr, dass sie einen problematischen Internet- oder Drogenkonsum entwickele. Berufsbildner sollten solche Schwierigkeiten thematisieren und mit den Jugendlichen über gesunde Strategien sprechen. Ihr Rat: «Natürlich müssen sie Klartext reden, was im Betrieb geht und was nicht. Gleichzeitig sollten sie den Jugendlichen Unterstützung anbieten. Die meisten sind froh darüber.» Andrea Söldi

Geburtshilfe: Eine ganz normale Ausnahmesituation

Ende November hat Sarah Mohi ihr drittes Kind bekommen. Wie schon seine beiden Geschwister kam Tibor nach einer komplikationsarmen Schwangerschaft auf natürlichem Weg, und ziemlich schnell, auf die Welt. «Es war eine sehr schöne Geburt», sagt die 36-Jährige aus dem thurgauischen Bottighofen. «Ich bin sehr dankbar, dass ich drei Kindern das Leben schenken durfte.» Sarah Mohis Erfahrung entspricht ziemlich genau der Definition der WHO einer normalen Geburt: «Das Baby liegt kopfabwärts im Mutterbauch, die Geburt beginnt spontan zwischen der 37. und 42. vollendeten Schwangerschaftswoche bei niedrigem Ausgangsrisiko und verläuft mit wenig Auffälligkeiten. Danach befinden sich Mutter und Kind in gutem Allgemeinzustand.» Trotzdem würde die dreifache Mutter den Begriff Normalität in diesem Zusammenhang nicht verwenden. «Für die werdenden Eltern, und vor allem für die Frau, ist eine Geburt grundsätzlich das Gegenteil von normal», findet Mohi. «Es handelt sich um eine absolute Extremsituation.» Sie ist zwar sehr froh, dass der Geburtsvorgang bei allen drei Kindern natürlich verlaufen ist und sie keine grösseren medizinischen Interventionen benötigte. Wäre die Ausgangssituation jedoch riskant gewesen, hätte sie keinesfalls auf Biegen und Brechen an einer vaginalen Geburt festgehalten. «In gewissen Fällen ist auch ein Kaiserschnitt normal», findet sie. Sarah Mohi hat im Spital geboren, damit im Notfall schnell hätte eingegriffen werden können. Unterstützt wurde sie von der Beleghebamme Valentine Gschwend , die sie bereits während der Schwangerschaft begleitet hatte und die Familie nach der Niederkunft zu Hause betreute. Die freipraktizierende Hebamme aus Romanshorn ist zudem an der ZHAW als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bachelorstudiengang Hebamme tätig. Sie gehörte zu den ersten Absolventinnen des neuen Hebammen-Masterstudienganges und schrieb ihre Masterarbeit zum Thema «Geburtserfahrung der Mütter nach Beleghebammenbetreuung». In einer Befragung von gegen 700 Frauen, die in verschiedenen Settings geboren hatten, konnte sie nachweisen, dass es mit einer Beleghebamme deutlich seltener zu medizinischen Interventionen wie etwa Geburts-Einleitungen, Periduralanästhesien und Kaiserschnitten kommt – also gemäss WHO-Definition vermehrt zu sogenannt normalen Geburten. Gleichzeitig zeigt Gschwend in ihrer Arbeit, dass die Mütter generell zufriedener sind und eine stärkere Bindung zum Neugeborenen erleben. «Die Geburt in den Händen der Hebamme bedeutet per se eine Rückbesinnung zum Normalen, Natürlichen und Gesunden», sagt Valentine Gschwend. Den Begriff Normalität würde sie aber niemals auf körperliche Parameter beschränken. «Am wichtigsten ist, dass Mutter und Kind gesund sind und dass die Frau gestärkt aus der Situation hervorgeht.» Dies könne auch bei einem Kaiserschnitt der Fall sein. Und auch Schmerzmedikamente oder eine Periduralanästhesie hätten manchmal ihre Berechtigung, stellt Gschwend klar. Zudem will sie nicht generell Kritik an den Ärzten üben. Ihr ist bewusst, dass diese von Berufs wegen stärker auf Komplikationen fokussiert sind als Hebammen. «Der Schlüssel zum Erfolg liegt bereits in der Schwangerschaft», sagt Gschwend. Eine kontinuierliche Betreuung durch dieselbe Fachperson könne die Frauen stärken, damit sie mit Selbstvertrauen in die Situation hineingehen. Wichtig sei auch, verständlich aufzuzeigen, wie der Körper beim Gebären arbeitet sowie welche verschiedenen Betreuungsarten und Geburtsorte möglich sind. «Normalität ist für alle etwas anderes. Was eine Mutter als normal empfindet, muss noch lange nicht das Gleiche sein wie das, was die Hebamme darunter versteht.» Astrid Krahl, Leiterin des Masterstudiengangs Hebamme Weil eine Hebamme die Frauen bei Geburtsbeginn bereits kennt, kann sie ihren Zustand besser einschätzen. Günstig sei auch, wenn sich die werdende Mutter beim Beginn der Wehen in einem Umfeld bewegen kann, in dem sie sich wohlfühlt, also in den meisten Fällen daheim, erklärt Valentine Gschwend. «Mit dem Eintritt ins Spital entsteht die Erwartung, es müsse jetzt etwas passieren, obwohl die Geburt vielleicht noch gar nicht richtig begonnen hat. So kann es zu vorschnellen Eingriffen kommen.» Auch Hebammen-Studierende setzen sich mit dem Begriff «normale Geburt» auseinander. Besonders im Masterstudiengang analysieren sie, was er auf physiologischer, soziologischer und psychischer Ebene bedeutet. Normen gebe es zum Beispiel bei den im Blut und Urin gemessenen Werten, sagt Studiengangleiterin Astrid Krahl. Doch ansonsten sei die fixe Definition der WHO nur begrenzt hilfreich. «Normalität ist für alle etwas anderes. Was eine Mutter als normal empfindet, muss noch lange nicht das Gleiche sein wie das, was die Hebamme darunter versteht.» Im geburtshilflichen Alltag werde die Bezeichnung vor allem von den Frauen selber verwendet, weiss Krahl. Wenn der Bauch während der Schwangerschaft öfters hart wird, die Geburt langsam vorangeht oder das Kind häufig schreit, fragen Frauen oft, ob das normal sei. «Unsere Aufgabe ist es dann, ihnen durch Informationen und Bestätigung die Unsicherheit zu nehmen», erklärt Krahl. «Die Frauen müssen einordnen können, ob alles gut läuft und wo sie stehen.» Somit mache der Begriff Sinn, obwohl er fachbegrifflich nicht exakt sei. Auch Sarah Mohi erlebte bei ihren drei Schwangerschaften und Geburten Momente, in denen sie besorgt war. Etwa, als sie schon ab der 30. Woche wiederholt Wehen verspürte, als der Herzton- und Wehenschreiber (CTG) verlangsamte Herztöne registrierte oder als ihr kleiner Sohn eine leichte Gelbsucht entwickelte. Dennoch hätten sich die meisten dieser Probleme von selber wieder gelöst, blickt Mohi zurück. Sie schätzte es, dass sich ihre Beleghebamme Valentine Gschwend während der Geburt im Hintergrund hielt und ihr Ruhe und Zuversicht vermittelte. Die 32-jährige Hebamme ist zurzeit übrigens selber schwanger. Und trotz ihrer Berufserfahrung fragt sie sich nun hin und wieder: «Ist das normal?» Andrea Söldi

Wenn das Programm übersetzt und der Chatbot berät

«Sie können die Mühle dem gewünschten Mahlgrad Ihres Kaffees stufenlos anpassen.» So übersetzt das automatische Programm den Satz aus der Bedienungsanleitung für eine Kaffeemaschine. Martin Kappus ersetzt Mühle mit Mahlwerk. Ansonsten sei die Übersetzung passend, findet der Dozent für Computerlinguistik am Institut für Übersetzen und Dolmetschen (IUED). Lieferten Google Translate, DeepL und andere Übersetzungsprogramme noch vor kurzem nur Kauderwelsch-Texte, so haben sie in den letzten vier Jahren verblüffende Fortschritte gemacht. Die meisten Anwendungen stehen zudem kostenlos zur Verfügung. Wieso also sollen Firmen noch menschliche Übersetzerinnen und Übersetzer bezahlen? Und wieso bildet die ZHAW weiterhin jedes Jahr rund 320 Personen im Bachelorstudiengang Angewandte Sprachen sowie rund 50 in den Master-Vertiefungen Fachübersetzen und Konferenzdolmetschen aus? «Die Veränderungen in unserem Beruf sind gewaltig», stellt Kappus fest. Während sich die Arbeit des Menschen in Zukunft bei Texten mit vielen wiederkehrenden Begriffen wohl eher auf das Redigieren maschineller Übersetzungen konzentriere, sei in anderen Bereichen noch immer viel spezifisches Wissen gefragt. In der Justiz oder Medizin etwa wären die Folgen von Fehlübersetzungen schwerwiegend. «Steht im Deutschen etwa eine Wurst als Beispiel für Schnellverpflegung so ist die Entsprechung in England Fish and Chips. Das schaffen Übersetzungsprogramme nicht.» Martin Kappus, ZHAW Angewandte Linguistik Angehende Fachpersonen müssten zudem gut vertraut sein mit den regionalen und kulturellen Begebenheiten des Zielpublikums. Kommt in einem deutschen Text etwa eine Wurst als Beispiel für Schnellverpflegung vor, so sei die Entsprechung in England nicht Sausage, sondern Fish and Chips, erklärt Kappus. «Das schaffen Übersetzungsprogramme nicht.» Auch kreative Texte wie etwa Marketing-Botschaften erforderten mehr sprachliches Feingefühl, als es Computer derzeit bieten. Zudem seien Online-Übersetzungen in vielen Unternehmen aus Datenschutzgründen tabu, weiss Kappus. Und auch das Dolmetschen sei bisher kaum betroffen von der Künstlichen Intelligenz – obwohl sich dies mittelfristig ändern könnte. An der ZHAW lehre man die Studierenden deshalb, Übersetzungsprogramme gezielt und sinnvoll zu nutzen, zeige ihnen aber auch deren Grenzen auf, erklärt Martin Kappus. Die Entwicklung biete sogar neue Chancen, ist er überzeugt: Die grössere Produktivität führe dazu, dass Unternehmen mehr Texte in mehr Sprachen übersetzen liessen. «Wir sind sicher, dass es weiterhin Übersetzende mit guter Ausbildung braucht.» Ein Teil der Studierenden Angewandter Sprachen wählt nach dem ersten Jahr die Vertiefung Technikkommunikation. Dieses Fachgebiet verändert sich parallel zur Digitalisierung der Maschinen und technischen Anlagen. «Benutzer-Handbücher, die mehrere Ordner umfassen, sind kaum mehr gefragt», erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter Martin Schuler. Vielmehr müssten Technische Redaktoren heute interaktive Bedienungsanleitungen verfassen können, die je nach Zielgruppe verschiedenen Anforderungsniveaus gerecht werden. Auch Augmented Reality sei geeignet für die Erklärung von komplexen Maschinen. Was das bedeutet, haben seine Studierenden kürzlich an einem praxisnahen Beispiel durchexerziert: Sie verfassten die Dokumentation zur Swiss Digital Learning Factory, einer Industrie-4.0-Anlage, die Studierende und Mitarbeitende am Institut für Mechatronische Systeme entwickelt haben. Sie produziert Kugelschreiber, deren Bestandteile am Bildschirm individuell zusammengestellt werden können – je nach Geschmack mit der passenden Farbe und eingraviertem Text. Auch im Gesundheitswesen hält die Automatisierung immer mehr Einzug. Doch Roboter, die in Spitälern Tee servieren und Haare waschen, seien in der Schweiz bis anhin nicht anzutreffen, stellt Dozentin Ursula Meidert klar. «Der Aufwand für die Anschaffung, Programmierung und Wartung ist viel zu gross.» Entlastung verspricht man sich in der Gesundheitsbranche dagegen von Alarmierungssystemen bei Stürzen, automatisierter Medikamentenabgabe oder Matratzen, welche bettlägrige Patienten regelmässig umlagern, um Wundliegen zu vermeiden. Auf Robotik treffen die angehenden Gesundheitsfachleute derzeit am häufigsten in der Rehabilitation: Da trainieren zum Beispiel Querschnittgelähmte das Gehen an digitalisierten Laufbändern oder mit Exoskeletten. «Die Technologie wird den Therapeuten und Pflegenden standardisierte Arbeiten abnehmen, aber Menschen niemals ersetzen können.» Ursula Meidert, ZHAW Gesundheit Das elektronische Patientendossier, das Patienten ab nächstem Jahr nutzen können, habe das Potenzial, die Zusammenarbeit zwischen den Behandelnden zu verbessern, sagt Meidert. Bis anhin habe die Technik die Ausbildungen an der ZHAW nicht auf den Kopf gestellt, relativiert die Soziologin. Mehr Gewicht soll die Automatisierung aber erhalten, wenn das Gesundheitsdepartement nächstes Jahr sein Curriculum grundlegend revidiert. Meidert ist überzeugt: «Die Technologie wird den Therapeuten und Pflegenden standardisierte Arbeiten abnehmen, aber Menschen niemals ersetzen können.» Etwas anders könnte die Zukunft der Psychologen aussehen. In den nächsten 30 bis 50 Jahren werde wohl ein Grossteil der Beratenden von Chatbots abgelöst, mutmasst Hansjörg Künzli vom Departement Angewandte Psychologie. «Aktuell geben diese automatisierten Gesprächspartner erst sehr standardisierte Antworten. Doch die Weiterentwicklung verläuft rasant.» Einen Chatbot zum Umgang mit Schmerzen haben die Forschenden der ZHAW gemeinsam mit ETH-Fachleuten bereits entwickelt. Er fragt Nutzende nach dem Befinden und schlägt ihnen bei Schmerzsymptomen zum Beispiel Meditationsübungen vor. Weiter gebe es bereits Tausende von Apps für jegliche psychologischen Problematiken und Krankheitsbilder, sagt Künzli. Videos leiten Nutzende bei Atem- und Entspannungsübungen an und Körpersensoren registrieren Veränderungen wie einen Pulsanstieg und empfehlen sogleich beruhigende Übungen. «Solche digitalen Gadgets helfen, die Therapie vermehrt in den Alltag der Ratsuchenden hineinzubringen.» «Da die Nachfrage nach psychologischer Beratung steigt, wird es wohl auch in Zukunft Psychologen brauchen.» Hansjörg Künzli, ZHAW Angewandte Psychologie Ab 2021 sollen Masterstudierende einen Überblick über geprüfte und nützliche Psychologie-Apps erhalten und sich damit auseinandersetzen, wie sie sinnvoll in die Therapie einbezogen werden können. Bereits heute beraten sie Klienten über Online-Kanäle. Und auch die meisten ausgebildeten Psychologinnen und Psychologen nutzen ergänzend zur Beratungsstunde längst auch Telefon, Videokonferenzen, Mails und Chatfunktionen. Da die Nachfrage nach psychologischer Beratung steigt, werde es wohl auch in Zukunft Psychologen brauchen, erklärt Hansjörg Künzli. Doch technische und planerische Tätigkeiten würden wichtiger werden. Am Departement Life Sciences und Facility Management setzen sich Mitarbeitende ebenfalls mit Chancen der Künstlichen Intelligenz auseinander. Analog zur Initiative ZHAW digital der gesamten Hochschule, bei der unter anderem Mitarbeitende Ideen zur Digitalisierung einbringen können, hat man in Wädenswil ein eigenes Projekt gestartet. Aus 21 eingegangenen Ideen hat die Jury 14 ausgewählt. Sie werden mit insgesamt knapp 300 000 Franken gefördert. «Indem Studierende die Konsequenzen der Automation im Laboralltag unmittelbar erfahren, wollen wir auch eine kritische Auseinandersetzung fördern.» Daniela Lozza, ZHAW Life Sciences und Facility Management Im Bereich Facility Management zum Beispiel soll ein didaktisches Konzept entwickelt werden, um Studierenden Kompetenzen im Umgang mit Building Information Modeling zu vermitteln. Dabei handelt es sich um dreidimensionale Abbildungen von Gebäuden, mit denen Vorgänge im Vornherein simuliert werden können. Architekten und Ingenieure nutzen die Programme bereits intensiv bei der Planung von komplexen Gebäuden. Steht ein sogenannter Digital Twin zur Verfügung, können Facility Managerinnen damit zum Beispiel bei einem Wasserschaden Leitungen mit möglichen Lecks erkennen. Ein zweites Projekt, das für förderungswürdig befunden wurde, wird angehenden Biotechnologen zugutekommen. In Labors sind sie immer stärker mit komplexen industriellen Anlagen konfrontiert. Deshalb sollen sie bereits in der Ausbildung lernen, einfachere Roboter zu programmieren, die im Labor zum Beispiel repetitive Pipettier-Aufgaben übernehmen können, erklärt Daniela Lozza die E-Learning-Verantwortliche ZHAW Life Sciences und Facility Management. «Indem Studierende die Konsequenzen der Automation im Laboralltag unmittelbar erfahren, wollen wir auch eine kritische Auseinandersetzung fördern.» Andrea Söldi

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