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Wie Energiezukunft in der Öffentlichkeit entsteht

Die Schweizer Energiepolitik und -versorgung sind im Umbruch. Angesichts der Unsicherheit über die künftigen Entwicklungen und des Wandels in Politik, Wirtschaft und Technologie steigt die Abhängigkeit der Akteure von Wissen, das in öffentlichen Diskursen geteilt wird. Deshalb haben sich ZHAW-Forschende der Frage gewidmet, wie solche Diskurse modelliert, wie sie analysiert und wie Ergebnisse für die Kommunikationspraxis nutzbar gemacht werden können. Damit hat die ZHAW in den letzten drei Jahren wissenschaftliche Grundlagen gelegt, mit denen Kommunikationsakteure ihre Aufgaben in der energiepolitischen Transformation künftig besser erfüllen können. « Erste Erkenntnisse zeigen, dass sich die Energiediskurse in den Schweizer Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch nicht nur voneinander unterscheiden, sondern auch wechselseitig beeinflussen», sagt ZHAW-Forscher Peter Stücheli-Herlach vom Departement Angewandte Linguistik. Die jeweiligen Diskurse orientieren sich durch die Verwendung von Ortsbezeichnungen deutlich an der jeweils eigenen Sprachregion und am jeweiligen Nachbarland Deutschland, Frankreich oder Italien. Erneuerbare Energien spielen in deutschsprachigen Diskursen inzwischen eine fast gleich grosse Rolle wie nichterneuerbare. Die französische Schweiz braucht den Ausdruck «fossile Energien» hingegen häufiger als die Deutschschweiz. Allerdings nimmt die Bedeutung erneuerbarer Energien unter dem Einfluss deutschsprachiger Textproduktion zum Beispiel durch Übersetzungen auch in französisch- und italienischsprachigen Diskursen zu. Dies ist ein Indiz, dass sich diese schweizerischen Landessprachen gegenseitig beeinflussen. Insgesamt erhält die Wasserkraft gegenüber der Sonnen- und Windenergie in den Schweizer Energiediskursen ein grösseres Gewicht. Das kann als eine Schweizer Besonderheit in der europäischen Energiewende gelten. Gefördert wurde das Projekt «Energiediskurse in der Schweiz» durch das Programm «Energie – Wirtschaft – Gesellschaft (EWG)» des Bundesamtes für Energie (BFE). Erstellt und untersucht wurde eine der grössten Textsammlungen ihrer Art, die insgesamt rund 1,2 Milliarden Wörter umfasst. Die auswertbaren Daten reichen bis ins Jahr 2010 zurück. Die Basis für das Korpus bilden frei zugängliche Textquellen im Internet: beispielsweise sämtliche Inhalte der Webseiten von Bundesbehörden, energiepolitisch aktiven Interessensverbänden und politischen Parteien sowie vieler Tages-, Wochen- und Fachmedien – dies jeweils in deutscher, französischer, italienischer und englischer Sprache. Diese Daten wurden systematisch selektioniert und linguistisch annotiert und stehen Interessierten für künftige Projekte der energiepolitischen Umfeldanalyse zur Verfügung. Diskurse entstehen aus Sicht der Angewandten Linguistik, wenn der Gebrauch von Sprachen bestimmte Muster – wie typische Themen, Begriffe oder Wortkombinationen – ausprägt, die sich bei verschiedenen Kommunikationsakteuren finden und sich über längere Zeit beobachten lassen. Dabei handelt es sich um die sprachliche Form des kollektiv geteilten Wissens, welches eine unabdingbare Voraussetzung für den demokratischen Dialog und für erfolgreiche Innovationen darstellt. «In öffentlichen Diskursen entwickelt sich ein ‘common ground’, auf den Akteure setzen müssen, wenn sie verstanden werden wollen», erläutert Peter Stücheli-Herlach. Das Projekt zeigt deshalb Wege auf, wie sich Akteure der energiepolitischen Transformation und anderer, verwandter Politikbereiche in den grossen Datenmengen öffentlicher Diskurse orientieren und für sie relevante Analysen durchführen können. Mit softwaregestützten Methoden ist es möglich, in grossen Datenmengen Muster des öffentlichen Sprachgebrauchs zu messen und dann systematisch zu interpretieren. Solche Erkenntnisse sind eine Grundlage für eine anschlussfähige und damit dialog- und zielgruppenorientierte Kommunikation in kontroversen Umfeldern der Demokratie und der interdisziplinären Innovation.

Spielend neue Energie gewinnen

Wie kann man auf umweltgerechte Weise Energie gewinnen? Diese Frage treibt nicht nur Experten um. Immer mehr Kinder und Jugendliche setzen sich für eine nachhaltige Zukunft ein. Sie wollen lernen, mit welchen Mitteln die Energiewende zu bewältigen ist. Eine Möglichkeit dabei ist die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie. Für Lehrkräfte sind diese Themen aber nicht leicht zu vermitteln. «Oftmals haben Lehrer und Lehrerinnen in der Primarschule keine vertiefte Ausbildung in Physik und daher Bedenken, diese Technologien falsch zu erklären», sagt Elisabeth Dumont, Physikdozentin an der ZHAW School of Engineering. Genau da setzt das Programm «FCHgo!» an. Im Rahmen des europäischen Forschungsprogramms Horizon 2020 engagieren sich Partner aus fünf europäischen Ländern in dem Projekt. Ziel ist, Kindern die Grundlagen der Energiegewinnung mit Wasserstoff näherzubringen. In internationalen Co-Creation-Workshops haben die Projektteilnehmenden mit Lehrern, Pädagoginnen und Brennstoffzellenexperten die Methoden und Unterrichtsmaterialien entworfen. Die ZHAW School of Engineering hat dazu ein Video sowie ein Buch beigesteuert. Beide wurden von Hans Fuchs entwickelt, der über 30 Jahre Professor für Physik an der Fachhochschule war. «Uns war der narrative Aspekt bei der Vermittlung sehr wichtig», betont Elisabeth Dumont. «Die Kinder sollen ja das Prinzip verstehen, anstatt nur die Fachbegriffe zu beherrschen.» Neben weiteren Unterrichtsmaterialien wurde zusätzlich eine Reihe von Toolkits entwickelt, die vielfältige Experimente mit Wasserstoff und Brennstoffzellen ermöglichen. Das Gesamtprojekt richtet sich an Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren. An der ZHAW School of Engineering ist «FCHgo!» auf Primarschulklassen zugeschnitten . Je nach Klasse ist das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler unterschiedlich. «Da sind wir auf die Lehrpersonen angewiesen», sagt Elisabeth Dumont. «Ihr Input ist wichtig, damit wir die Lektionen verständlich gestalten können.» Nach den Workshops werden die Lehrerinnen und Lehrer wiederum um Feedback gebeten und das Unterrichtsmaterial sowie die Experimentierangebote falls nötig angepasst. «FCHgo!» wird an der School of Engineering spielerisch umgesetzt, wenn die Schulklassen einen Vormittag das Kinderlabor besuchen, das am Departement für Schulklassen, die an Naturwissenschaften interessiert sind, zur Verfügung steht. Nach einer kurzen Einführung anhand des speziell dafür gedrehten Videos können die Schulkinder direkt mit dem Experimentieren loslegen. Was haben Kartoffeln mit Elektrizität zu tun? Mit dem Bau einer Kartoffelbatterie erfahren die Kinder, wie elektrischer Strom entsteht und wie man damit LEDs zum Leuchten bringt. Weiter geht es mit einem der «FCHgo!-Toolkits». Mit den Kits können die Kinder einen Propeller antreiben – nur mittels Wasser und Licht. Und schliesslich lernen die Schülerinnen und Schüler auch, dass mit Wasserstoff und einer Brennstoffzelle Autos angetrieben werden können. Der Clou: Das einzige Abfallprodukt dieser Art von Energiegewinnung ist Wasser. Somit ist die Wasserstofftechnologie eine zukunftsweisende und klimafreundliche Alternative zur herkömmlichen Stromproduktion. Julia Obst

Ein flexibles Rentenalter ist kein ­Allheilmittel

In vielen OECD-Ländern wurde in den vergangenen Jahren das Rentenalter erhöht. In der Schweiz wird eine Erhöhung zwar diskutiert, doch gab es in den letzten 15 Jahren keine Anpassungen mehr. Dennoch stieg die Arbeitsmarktbeteiligung der über 65-Jährigen kontinuierlich an. Wie die Arbeitsmarktpartizipation älterer Arbeitnehmender im Zusammenhang mit deren Gesundheit steht, wird in einem vierjährigen Forschungsprojekt mit dem Titel «Gesundheitliche Ungleichheit im Kontext ­einer Verlängerung des Arbeitslebens» untersucht. In diesem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt interessieren sich Forschende am ZHAW- Departement Gesundheit insbesondere für Unterschiede zwischen verschiedenen so­zioökonomischen Gruppen wie etwa Berufen. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit Universitäten in der Schweiz, Schweden, den USA und Chile durchgeführt. In einem ersten Teilprojekt untersuchte die Projektleiterin Isabel Baumann in Zusammenarbeit mit Ignacio Madero-Cabib von der Katholischen Universität Chile Rentenübergänge in Ländern mit einem flexiblen Rentensystem. Flexible Rentensysteme kombinieren ein flexibles Rentenalter mit der Möglichkeit von Teilzeitarbeit oder Teilrentenbezug. In der Schweiz wird die Flexibilisierung des Übergangs vom Arbeitsleben ins Rentner­dasein vom Bundesrat in der Reformvorlage AHV 21 momentan als Anreiz zum längeren Verbleib im Arbeitsprozess gehandelt. Doch laut Baumann gibt ihre Studie Hinweise darauf, dass dieser Mechanismus nicht wie vom Bundesrat erwartet spielt. Die Studie «Rentenverläufe in Ländern mit flexibler Rentenpolitik, aber unterschiedlichen Wohlfahrtssystemen» zeigt, dass auch in Ländern mit einem flexiblen Rentensystem die Frühpensionierung das mit Abstand am weitesten verbreitete Übergangsmuster der untersuchten Bevölkerungsgruppen ist. Die Studie förderte Unterschiede zwischen den untersuchten Ländern Chile, USA, Dänemark und Schweden zutage – abhängig von der Ausprägung des Vorsorgesystems. In den liberal orientierten Ländern USA und Chile mit verhältnismässig tiefen Rentenleistungen findet der Altersrücktritt tendenziell später statt als in den skandinavischen Staaten mit grosszügigen und umfassenden Leistungen. Länder mit tiefen Leistungen der sozialen Sicherheit scheinen also insgesamt stärkere Anreize für eine Verlängerung des Arbeitslebens zu setzen. Eine Ausnahme bilden Personen mit chronischen Erkrankungen. Diese gehen in den liberalen Staaten häufiger frühzeitig in Rente als gesunde ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dieser Unterschied im Pensionierungsverhalten zwischen Personen mit und solchen ohne gesundheitliche Probleme konnte nur in den USA und in Chile beobachtet werden, nicht aber in Dänemark und Schweden. Damit scheinen weder eine Flexibilisierung des Rentenalters allein noch in Kombination mit finan­ziellen Anreizen auszureichen, um Beschäftigte länger im Arbeitsleben zu integrieren. Welche alternativen Ansätze entsprechend wirken könnten, untersucht die Studie nicht. Denkbar sind laut Baumann aber Massnahmen, die die gesundheitlich belastenden Aspekte der Arbeit reduzieren und den Verbleib in der Arbeitswelt für ältere Arbeitnehmende attraktiver machen. Baumann gibt zu bedenken, dass die vom Bundesrat vorgeschlagene Flexibilisierung zwar eventuell nicht der richtige Weg für die finanzielle Stabilisierung der AHV sei, aber dafür andere Vorteile biete. «Sie gibt den Menschen mehr Handlungsspielraum.» Und das sei ein Vorteil, da die Situation der älteren Arbeitnehmenden sehr heterogen sei, zum Beispiel in Bezug auf ihre Gesundheit oder die Pflege und Betreuung von Eltern oder Grosskindern. «Diesen Bedürfnissen und Möglichkeiten würde eine Flexibilisierung gerechter werden.» In einem NZZ-Artikel erörtern Baumann und die Rechtswissenschaftlerin Sabine Steiger-Sackmann von der ZHAW School of Management and Law konkrete mögliche Massnahmen, wie die Gesundheit älterer Arbeitnehmender im Arbeitsprozess besser erhalten und gefördert werden könnte. Dazu gehören laut den Forschenden die Einhaltung der Vorschriften zum Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. Wie heute bereits in vielen Unternehmen und Organisationen – wie zum Beispiel der ZHAW – implementiert, könnten die Ferien- und Ruhezeiten mit zunehmendem Alter kontinuierlich steigen. Zudem wären laut Baumann und Steiger-Sackmann die in der Schweiz im internationalen Vergleich hohen Wochen­arbeitszeiten grundsätzlich zu überdenken. Auch ein Anspruch aller Arbeit­nehmenden auf Teilzeitarbeit – sofern betrieblich machbar –, wie ihn zum Beispiel Deutschland oder die Niederlande kennen, könnte ein Beitrag zu einem besseren Erhalt der Gesundheit sein. In ihrer Forschung gehen die ZHAW-Wissenschaftlerinnen neue Wege, indem sie mit Innovage zusammenarbeiten, einem Netzwerk von freiwillig tätigen Seniorinnen und Senioren. Diese sind nicht lediglich Forschungsobjekt, sondern forschen zum Teil selbst mit. Diese Art des Vorgehens nennt sich «partizipative Forschung» (siehe Kas­ten). In der Zusammenarbeit mit Innovage wurde beispielsweise deutlich, dass aus Sicht der Seniorinnen und Senioren der Übergang vom Berufsleben in die Rente frühzeitig geplant werden sollte – inklusive Einsatz von geeigneten Weiterbildungen und Umschulungen. «Die befragten Personen sehen eine Chance darin, dass ältere Arbeitnehmende gegen Ende des Arbeitslebens eine neue Rolle im Betrieb übernehmen könnten, etwa als Coach, Mentorin oder strategischer Berater», erklärt Baumann. Abraham Gillis

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