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Nachgefragt: Was bietet der «digitale Campus» der ZHAW?

Dieser virtuelle Standort ist eine grosse Chance für die ZHAW, um sich international als angesehene Fachhochschule für angewandte Wissenschaften zu positionieren. Die ZHAW will Kurse aus allen Departementen anbieten und damit die Vielfalt der Anwendungsbereiche der Hochschule abdecken. Auf edX gab es bisher nur wenige Kurse auf Deutsch, auch diesen Markt wollen wir erreichen. Die ZHAW beabsichtigt, mit professionellen Anbietern wie edX eine Plattform für das Online-Studium zu schaffen. Die edX-Partnerschaft sorgt für mehr Sichtbarkeit. Wir sind auch ein Teil von Swiss Mooc Service , der die offene edX-Plattform verwendet. Zudem entspricht das Geschäftsmodell von edX als Non-Profit-Organisation der ZHAW-Philosophie. Die ZHAW versteht ihren Online-Campus als zusätzlichen Lernkanal für die eigenen Studierenden und als Schaufenster für externe Studierende, um die Internationalisierung voranzutreiben. Die gleiche Motivation im Geschäftsmodell zeigt sich auch bei edX. Am 6. Oktober 2020 wurden die ersten zwei Kurse freigeschaltet. Der Kurs «Global Business and Human Rights» der School of Management and Law widmet sich den Verbindungen zwischen Wirtschaft und Menschenrechten in einer globalisierten Welt. Die Teilnehmenden lernen, wie Firmen sich der Risiken ihrer Geschäftstätigkeiten besser bewusst werden. Im Kurs «Aquaponics : The Circular Food Production System» aus dem Departement Life Sciences und Facility Management geht es um Aquakultur und Gemüseanbau im geschlossenen Kreislauf. Das Verfahren ist eine nachhaltige, ressourcenschonende Alternative zu konventioneller Fischzucht und konventionellem Gemüseanbau. Die edX-Kurse stehen allen Teilnehmenden weltweit kostenfrei zur Verfügung. Wenn sie einen Nachweis über den belegten Kurs wünschen, können sie sich gegen eine Gebühr ein Zertifikat ausstellen lassen. Wir planen ausserdem, dass die edX-Kurse in manche ZHAW-Studiengänge integriert werden. edX bietet einen guten Zugang zu einem vielseitigen Angebot von qualitativ hochwertigen Kursen. Die Studierenden haben so die Möglichkeit, ihr eigenes Wissen in globalen Netzwerken zu erweitern, in denen sich neben dem Substanzwissen auch interkulturelle Interaktion und digitale Kompetenzen entwickeln. Vier Onlinekurse haben seit dem Sommer die Produktion aufgenommen. Der nächste Onlinekurs wird 2021 auf edX aufgeschaltet. Dabei handelt es sich um einen Kurs zu angewandter Linguistik in Sprachberufen. Weiter in Planung sind Kurse in den Bereichen Aviatik, Sustainable Financing und zu den Sustainable Development Goals (SDG). www.zhaw.ch/digital www.edx.org/school/zhawx Interview Bettina Mack

Virtueller Besuch bei einer Klientin

Im Hintergrund ein Duschvorhang. Der Fussboden ist gefliest. Auf den Fliesen liegt eine Duschbrause und daneben eine Duschcrème. Dreht die Betrachterin den Kopf nach links, erkennt sie einen Abfluss. Etwas weiter rechts stehen Flaschen mit Putzmitteln – ebenfalls auf dem Boden. Die Szenerie dieses Badezimmers wirkt surreal. Wer da wohl wohnt? Wie lebt er oder sie? Und weshalb steht alles auf dem Fussboden? Bevor das Gedankenkarussell weitergeht, ertönt eine Stimme aus dem Off: «Bitte ziehen Sie Brille und Kopfhörer nun wieder aus.» Die Stimme gehört Nicole Markwalder . Sie unterrichtet an diesem Morgen Ergotherapie-Studierende im 1. Semester in Professional Reasoning. Das Besondere dabei: Anstatt den Unterricht wie bisher als reine Vorlesung zu gestalten, setzen Markwalder und ihre Kolleginnen Daniela Senn und Maria Auer neu auf Virtual Reality (VR). Mithilfe von VR-Brillen tauchen die Studierenden in den Alltag der Klientin Yvonne Luginbühl ein. Die 55-Jährige ist wegen einer zerebralen Bewegungsstörung auf einen Rollstuhl angewiesen und wird regelmässig von der Ergotherapeutin Silvia Buchli besucht. In der nächsten Filmsequenz erleben die Studierenden, wie Yvonne Luginbühl im Rollstuhl vor dem Backofen sitzt und eine Wähe herausholt. Silvia Buchli steht hinter ihr und beobachtet. Für die Studierenden sind die Gedanken der Therapeutin hörbar gemacht worden. So bemerkt die Ergotherapeutin zum Beispiel, dass Yvonne Luginbühl zwar die Topfhandschuhe selbst aus einer Schublade nehmen konnte, diese jedoch viel zu voll ist. Auch das Wackeln des Gitterrosts registriert sie und die enorme Körperspannung, mit der Yvonne Luginbühl sehr langsam, aber präzis die Wähe auf ihre mit einem Tuch geschützten Knie zieht. «Wie ist es Ihnen bei dieser Szene ergangen? Was ist Ihnen aufgefallen? Woran erinnern Sie sich?» Schritt für Schritt führt Nicole Markwalder die Studierenden an ihre Wahrnehmungen, Beobachtungen und Reflexionen heran. Diese Denkprozesse sind zentral. Sie prägen, wie die angehenden Ergotherapeutinnen und -therapeuten später ihre Interventionen planen, ausführen und reflektieren werden. Der Fachbegriff für die Gesamtheit dieser kognitiven Vorgänge heisst «Professional Reasoning». Doch warum braucht es dafür Virtual Reality? Maria Auer, Modulverantwortliche und Initiantin des Pilotunterrichts am Institut für Ergotherapie, sagt dazu: «Professional Reasoning ist ein komplexes Konzept.» Dabei werden zahlreiche Untertypen unterschieden – etwa das diagnostische Reasoning, das konditionale, pragmatische, soziale oder interaktive Reasoning. Diese auseinanderzuhalten und wirklich zu begreifen, was damit gemeint ist, war bisher für die Studierenden zu Beginn ihrer Ausbildung schwierig. Gleichzeitig ist das Reasoning unglaublich wichtig und begleitet sie durch ihr ganzes Studium und selbstverständlich während ihrer Berufslaufbahn. «Deshalb haben wir nach einem Weg gesucht, die Theorie sicht- respektive erlebbarer zu machen». Dank dem 360-Grad-Video haben die Studierenden schon früh im Studium zudem die Möglichkeit, eine Klientin in ihrem Zuhause zu besuchen. Und was sagen die Studierenden zur VR-Erfahrung? «Ich war fast erstaunt, dass es nicht nach Wähe gerochen hat», «Ich war körperlich angespannt, bis die Wähe aus dem Ofen war» oder «Ich hab gemerkt, dass ich die Klientin unterschätzt habe.» Die Meldungen sprudeln nur so heraus und sind vielschichtig. Sicher ist, dass die Studierenden den Unterricht geschätzt haben. Dieser sei erfrischend anders gewesen und habe, wie ein Student sagt, «den Entdeckergeist geweckt und einen ganz neuen Ansatz präsentiert, sich mit der Materie auseinanderzusetzen». Und die Dozierenden? Sie sind ob der positiven Rückmeldungen zufrieden, wollen den Unterricht jedoch noch genau analysieren. Klar ist jedoch bereits, dass im März 2021 ein nächster Unterrichtsblock mit VR-Brillen geplant ist. Dabei geht es um eine Hausabklärung bei einer Klientin oder bei einem Klienten. Auch da wird das genaue Beobachten zentral sein. Denn die Putzmittelflaschen, die bei Yvonne Luginbühl im Badezimmer sinnvollerweise auf dem Boden stehen, können bei jemand anderem zur Stolperfalle werden. Annina Dinkel

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