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Gesellschaftliche Integration im öffentlichen Raum

Die Menschen sitzen auf den Holzskulpturen, benützen diese als Tische oder als Liegeflächen. Sie setzen sich auf den Boden, beobachten das Treiben von Treppenstufen aus oder treffen sich in den Nischen des Platzes: Der Lagerplatz in Winterthur wird von der Bevölkerung in der unterschiedlichsten Weise genützt. In den Gebäuden rund um den Platz wird gearbeitet, es gibt Restaurants, Werkstätten, Läden sowie Kultur- und Freizeitanlagen. Ein besonderer Treffpunkt ist die ehemalige Pförtnerloge, die zu einem Café umfunktioniert wurde. «Man weiss wenig darüber, wo sich Menschen heute wirklich aufhalten.» Stefan Kurath, Leiter des ZHAW-Instituts Urban Landscape An einem solchen Platz begegnen sich Menschen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten: Alt und Jung, Einheimische und Fremde, mit unterschiedlichen Interessen und Identitäten, mit unterschiedlichen Motiven, den Platz zu besuchen. Im Idealfall können solche Begegnungen und Kontakte im öffentlichen Raum deshalb auch das Gefühl von Zusammengehörigkeit unter den Bewohnerinnen und Bewohnern und der Zugehörigkeit zum Ort stärken. Anders ausgedrückt: Der öffentliche Raum trägt zur gesellschaftlichen Integration bei. Das ist die Grundannahme eines Forschungsprojektes, das Stefan Kurath , Leiter des Instituts Urban Landscape , zusammen mit dem Dozenten Philippe Koch und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Simon Mühlebach durchgeführt hat. Die Studie mit dem Titel «Figurationen von Öffentlichkeit und ihr Beitrag zur gesellschaftlichen Integration» wurde im Rahmen des Forschungsschwerpunktes Gesellschaftliche Integration von der ZHAW finanziert. «Gesellschaftliche Integration ist ohne Begegnung und Austausch im öffentlich gemachten Raum kaum vorstellbar», schreiben die Autoren im Buch zum Projekt, das im Juni 2021 erscheint (vgl. Buchhinweis am Ende). Zwei Fragen standen bei der Untersuchung im Zentrum: Wie benützt der Mensch einen öffentlichen Raum? Und welchen Einfluss hat die Gestaltung des Raums auf die Benützung? Denn für die Forscher ist die Wechselwirkung zwischen Raum und Mensch entscheidend: «Der Mensch eignet an, der Raum lässt Aneignungen zu», umschreibt dies Kurath. Solche Räume sind nicht per se öffentlich, sondern werden erst durch den Menschen öffentlich gemacht. «Dieser Aspekt ist bisher in der Diskussion um den öffentlichen Raum zu kurz gekommen», so Kurath. Öffentliche Räume seien in den letzten hundert Jahren in der Raumplanung und Raumentwicklung empirisch vernachlässigt worden. «Man weiss wenig darüber, wo sich die Menschen heute wirklich aufhalten.» Architekten und Architektinnen gehen bei der Gestaltung und der Form des Raums oft von einer konkreten Vorstellung davon aus, welche Leute sich wo aufhalten und wie sie sich verhalten, wo sie sitzen, wo sie gehen sollen. Solche überdeterminierten Räume, wie sie insbesondere in Innenstädten vorkommen, werden auch unter dem Begriff «Zombie-Urbanismus» versammelt. Sie richten sich ganz direkt an eine bürgerliche, konsumorientierte Klientel. Da geht es oft auch darum, Aneignungen durch unerwünschte Personen zu verhindern. «Man weiss fast besser, wie durch Gestaltung Öffentlichkeit verhindert denn befördert werden kann», so Kurath. Um zu verstehen, wie Räume öffentlich werden, wurden vier Orte in der Deutschschweiz untersucht: der Lagerplatz in Winterthur, der Richtiplatz in Wallisellen, der Europaplatz in Bern und der Murg-Auen-Park in Frauenfeld. Der Richtiplatz liegt im Zentrum des mit Büros und Wohnungen neu bebauten Areals zwischen Bahnhof Wallisellen und dem Einkaufszentrum Glatt. Der Murg-Auen-Park ist ein eher am Rande von Frauenfeld gelegenes Naherholungsgebiet, und der Europaplatz in Bern ist ein Verkehrsknoten im Stadtteil Holligen. Alle wurden in den letzten Jahren umgestaltet und gelten bei Architekten und Stadtplanerinnen als gelungene öffentliche Räume. Mit unterschiedlichen Methoden, darunter Personenflussmessungen, Messungen der Personendichte mit Telekommunikationsdaten, Fotografie, Social-Media- und Medienanalysen sowie Beobachtungen vor Ort, wurde gemessen, wie die Menschen die Orte benützen: Ob sie gehen oder sitzen, wie lange sie dies tun und zu welcher Tageszeit. Der interdisziplinäre Forschungsansatz vereint Raumtheorien aus Architektur und Soziologie und nimmt ethnografische und politologische Ansätze auf. Während der Richtiplatz vor allem von Berufstätigen am Mittag bevölkert wird und der Murg-Auen-Park mittags und abends, haben der Lagerplatz und der Europaplatz in Bern eine durchgehendere Aneignung gezeigt: Die Plätze werden von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu unterschiedlichen Tageszeiten besucht. Am Europaplatz kreuzen sich Pendler, Skater treffen sich und im Schatten der Säulen sitzen Gruppen und Einzelpersonen. Auch wenn der Platz, über den die Autobahnbrücke führt, wenig einladend wirkt, so wird er doch vielfältig in Anspruch genommen. «Der Platz ist sehr offen gestaltet, er hat viele Spielräume für Aneignungen», sagt Kurath: «Er ist ein Treffpunkt für Jugendliche, ein Ort, wo man wartet und sich über nonverbale Kommunikation integriert, und ein Ort für Manifestationen.» Das Forschungsprojekt wurde vor einem Jahr auch während des Corona-bedingten Lockdowns durchgeführt. Öffentliche Plätze wie Bahnhöfe waren auf einen Schlag menschenleer. Die Menschen wichen in Parks und in Zürich an die Quaianlagen aus, worauf auch diese gesperrt wurden. Die Folge: Die Menschen eigneten sich neue Räume an, sie wichen zum Beispiel in landwirtschaftlich genutzte Gebiete aus. Das erlaubte den Forschern neue Fragen: Welche Orte suchen Menschen auf, wenn die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist und Arbeit und Konsum nicht möglich sind? Die grössten Unterschiede zeigten sich an den Wochenenden: Während der Richtiplatz, wie schon vorher, auch im Lockdown an den Wochenenden wenig besucht wurde, hielten sich im Murg-Auen-Park dagegen an den freien Tagen viel mehr Menschen auf als in der Vergleichsperiode im Jahr 2019. Der Europaplatz, der zu normalen Zeiten auch am Wochenende gut besucht ist, verlor ebenfalls an Bedeutung. Kontinuierlich belebt war hingegen der Lagerplatz. Was zeigt: Orte werden auch von ihren Funktionen bestimmt – fallen diese weg, fehlen auch die Menschen. Das Fazit: Je mehr Möglichkeiten der Einzelne hat, sich in einem öffentlichen Raum aufzuhalten und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, desto mehr sorgt ein Raum auch für die Integration in die Gemeinschaft. Um die gesellschaftliche Integration zu fördern, sollte für Aneignungen und Begegnungen das ganze Potenzial vorhandener Räume wie zentral gelegene Plätze, Parks, Gärten, aber auch Brachen und Siedlungsränder genützt werden. Gerade die Corona-Krise habe klar gezeigt, wie wichtig öffentliche Räume seien: «Der Mensch hat ein Grundbedürfnis, sich ausserhalb seiner Wohnung auf neutralem Raum zu treffen und sich frei zu bewegen», sagt Kurath. Das Projekt wird auch an der ZHAW-Tagung «Flüchtige Zugehörigkeiten – nachhaltige Teilhabe» im September präsentiert (siehe Veranstaltungshinweis Seite 57). Philippe Koch, Stefan Kurath, Simon Mühlebach: Figurationen von Öffentlichkeit ‒ Herausforderungen im Denken und Gestalten von öffentlichen Räumen. Institut Urban Landscape (Hrsg.), Triest Verlag, 2021 Sibylle Veigl

Kundenprojekte am Lagerfeuer

Roboter unterteilen das Grossraumbüro auf Kommando mit aufblasbaren Trennwänden, und bei Meetings sitzen die Teilnehmenden in einem Kreisrund, hinter ihnen sind versetzt auf grossen Displays die Homeoffice-Arbeitenden zugeschaltet. «Campfire» – Lagerfeuer – werden diese Bereiche genannt. Gearbeitet wird auch an der frischen Luft, in offenen Zelten und Tipis im Freien. Auf derart neu gestaltete Arbeitsplätze werden die Angestellten des Google-Konzerns treffen, wenn sie nach der verordneten umfassenden Homeoffice-Phase im September wieder in ihre Büroräumlichkeiten zurückkehren. «Ikea trifft Lego» – so hat die «New York Times» Ende April dieses neue Bürokonzept von Google umschrieben. Denn unter dem Eindruck der Pandemie und der Schutzmassnahmen hat der Konzern seine Bürolandschaften grundlegend überarbeitet: Bisher war das Grossraumbüro bei Google bunt und spielerisch und sollte die Arbeit mit Erholung und Kreativität verbinden. Nun sind Distanz und Privatheit im Open Space ins Zentrum gerückt, und das Arbeitsmodell soll noch flexibler das sogenannt hybride Arbeiten zu Hause und im Büro ermöglichen. Die Pandemie hat neue Ausgangslagen geschaffen. Ganze Geschäftsmodelle – zu denen auch die Organisation der Arbeit gehört – stehen derzeit bei vielen Unternehmen auf dem Prüfstand, und Produkte und Dienstleistungen werden neu ausgerichtet. Unternehmen müssten sich fragen, ob ihr Geschäftsmodell noch adäquat sei, sagt Martin Feuz . Der Forscher ist Fach- und Studiengangsverantwortlicher des neuen CAS Product Innovation and Business Venturing an der School of Management and Law (SML). Ähnlich hatte Martin Hirzel , Präsident von Swissmem und Vorstand des Beirates der SML, in der März-Ausgabe von «Impact» argumentiert: Unternehmen sollten ihre Geschäftsmodelle durchdenken, ob diese noch den Anforderungen der neuen Normalität standhielten. Denn neben den Ansprüchen der Angestellten haben sich vor allem auch die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden verändert, je nach Branche sogar stark. Die viel genannte Digitalisierung ist ein Aspekt geänderter Bedürfnisse, aber auch das Reisen im eigenen Land, die Aufwertung der eigenen Wohnung oder das gestiegene Umweltbewusstsein. Das bedeutet: Der Druck zur Innovation hat zugenommen – auch wenn gemäss Feuz die Budgets knapper geworden sind und die Risikobereitschaft gesunken ist. Damit aber aus Ideen erfolgreiche Produkte werden, muss ein Verantwortlicher die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden verstehen und sie richtig bedienen und auch die Profitabilität nicht aus den Augen verlieren. Das klingt einfach, ist aber in der Realität immer noch der Hauptgrund, warum firmeninterne Innovationsprojekte oder auch Startups scheitern. «Erstaunlicherweise gibt es immer noch viele Firmen, die Kundinnen und Kunden bei der Entwicklung von neuen Angeboten kaum oder gar nicht miteinbeziehen», sagt Feuz. Wie man Kundenbedürfnisse in einen Entwicklungsprozess einbeziehen kann, hat Feuz in seiner früheren Tätigkeit bei der Swisscom erfahren: «Wir sassen bei ausgewählten Kundinnen und Kunden zu Hause im Wohnzimmer und haben mit ihnen ferngesehen und dabei ihr TV-Verhalten beobachtet», erzählt er. Auf bisher wenig beachtete Bedürfnisse von Versicherungskunden habe etwa der US-Online-Versicherer Lemonade Insurance reagiert, beschreibt Feuz ein weiteres Beispiel. In Sekunden versichert, in Minuten ausbezahlt – das verspricht das 2015 gegründete Unternehmen, das seine Kundschaft per Du anspricht. Die Versicherungspolicen werden im Open-Source-Verfahren unter Einbezug von Kundinnen und Kunden sowie Versicherungsexpertinnen und -experten erarbeitet, um möglichst verständlich und kundennah zu sein. Das Unternehmen, das in Europa bereits in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden tätig ist, ist als «Public Benefit Corporation» eingetragen: Ein Teil des Gewinns wird jedes Jahr für einen wohltätigen Zweck gespendet. Meist aber seien Erfinder einfach zu verliebt in ihre Ideen – der Abgleich mit der Realität erfolge dann zu spät erst bei der Lancierung des Produkts, führt Feuz weiter aus. Carmen Kobe , Studiengangsleiterin des MAS Digital Transformation , weist zudem auf den wichtigen kulturellen Aspekt hin: Die erste Idee müsse nicht perfekt sein – es gelte, auch Fehler zuzulassen, zu experimentieren und den Prozess immer wieder agil an neue Erkenntnisse anzupassen. Welche der kurzfristigen Auswirkungen der Corona-Massnahmen mittel- und längerfristig bestehen bleiben, ist dabei noch ungewiss. Sicher sei, so Kobe: «Die Welt ist heute eine andere – und die Zielgrössen werden unklar bleiben.» Zu den Gewinnern würden Unternehmen und Startups gehören, welche agil und flexibel auf die Veränderungen zugehen könnten und verstünden, welche Probleme sich zu lösen lohne und welche nicht. Firmen, die Produkte in enger Abstimmung mit den Zielgruppen erarbeiten. Und nicht zuletzt auch solche, die erkennen, dass Homeoffice nicht mehr nur «ein lästiger Wunsch der Mitarbeitenden» sei, so Feuz. Sondern klar ein Teil des Arbeitsplatzangebots, das geänderte Anforderungen an die Zusammenarbeit mit sich bringt. CAS Product Innovation and Business Venturing , Start: 3. September 2021, Kontakt Sibylle Veigl

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