Wie gut ist Chefkoch Social Media?

30.11.2021
4/2021

Unser aktuelles Ernährungsverhalten ist weder nachhaltig noch gesund. In einer ländervergleichenden Studie hat Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach eruiert, wer unsere Ernährungsweise beeinflusst und welche Weichen gestellt werden müssen, um eine zukunftsfähige Ernährungsweise zu ermöglichen. 

Ob vegan, zucker- oder glutenfrei, proteinreich oder pflanzenbasiert – Essen ist zum Religionsersatz geworden. In Zusammenhang steht dies mit der unüberschaubaren Fülle von Lebensmitteln, die überall und jederzeit verfügbar sind. Gleichzeitig geht ein Drittel des globalen Energieverbrauchs auf das Konto der Lebensmittelherstellung, davon landet wiederum ein Drittel im Müll.

Meinung statt Fakten

Ungeachtet dessen spielt die Ernährung in der gesellschaftlichen Wahrnehmung eine immer wichtigere Rolle. Längst geht es weit über die blosse Nahrungsversorgung hinaus: Es existieren zahlreiche Trends nebeneinander, die mit Überzeugung gelebt werden. Doch diese Trends basieren meist nicht auf wissenschaftlich gesicherten Empfehlungen, sondern orientieren sich an unterschiedlichen Einflüssen, Überzeugungen und Meinungen, die im privaten und öffentlichen Raum diskutiert und ausgetauscht werden.

Das Essverhalten hat auch grosse Auswirkungen auf die gesundheitliche, soziale, ökologische und ökonomische Zukunft. «Wir leben in einer dynamischen, komplexen Essumgebung, die unsere Ernährungsweise mitbeeinflusst – dabei kommt es derzeit zu Veränderungsprozessen, auf die wir nur bedingt vorbereitet sind», sagt Christine Brombach, Ernährungsexpertin und Professorin in der Forschungsgruppe für Lebensmittelsensorik der ZHAW

«Die Problematik dabei ist, dass Social Influencer über wenig wissenschaftlich fundierte Ernährungsexpertise verfügen.»

Christine Brombach, ZHAW-Ernährungswissenschaftlerin

An diesem Punkt setzt die Studie der Heinz Lohmann Stiftung «Essen der Zukunft: Wer oder was bestimmt die Ernährung von morgen?» an. Unter der Leitung von Brombach entstand in knapp zweijähriger Arbeit eine Studie, die aufzeigt, in welcher Weise verschiedene Einflussfaktoren auf die Ausgestaltung des Essverhaltens jetzt und in der Zukunft wirken. «Die Studie betrachtet die Sichtweise verschiedener Anspruchsgruppen und versucht so, das Essverhalten der Zukunft zu verstehen und Wechselwirkungen zu erkennen. So können wir Bereiche identifizieren, in welchen wir die Ernährungsweise im Sinne einer zukunftsfähigen Ernährung beeinflussen können.»

Influencer im Fokus

Auf der Grundlage von intensiven Recherchen wurde das komplexe Thema in Deutschland, Österreich und der Schweiz länderübergreifend im Rahmen einer empirisch-qualitativen Erhebung anhand von Experteninterviews und Befragungen tiefgehend beleuchtet. Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Einfluss von Social Media. Denn diese spielen heute eine zentrale Rolle: Vor allem jüngere Menschen nutzen fast ausschliesslich Informationen von Social Media, um ihre Ernährungsweise zu gestalten, sich zu informieren und sich zu orientieren.

«Die Problematik dabei ist, dass Social Influencer über wenig wissenschaftlich fundierte Ernährungsexpertise verfügen», sagt Brombach. Dies bestätigt auch die Studie, bei der die ernährungsbezogenen Aussagen von drei Influencern und Influencerinnen in vielen Bereichen von den Ernährungsempfehlungen abweichen, zum Teil erheblich. Für die Verfasserinnen der Studie steht fest: Der Umgang mit ernährungsrelevanten Themen in sozialen Medien sollte zukünftig in der Ernährungsberatung mehr beachtet werden. Hilfreich wären Expertinnen und Experten, die mehr Präsenz in der Öffentlichkeit zeigen und bei Falschaussagen korrigierend eingreifen.

Ernährungsbildung als Ausweg

Für Brombach, die sich seit über 20 Jahren mit Ernährung befasst, hielten die Ergebnisse auch Erstaunliches bereit: «Am meisten überraschte mich, dass es ein so grosses Interesse an Ernährung gibt und sich die Menschen sehr viele Sorgen machen.» So seien sich alle Befragten einig gewesen, dass es dringend ist, etwas zu ändern. «Ein `Weiter so` kann es nicht geben!»

«Ernährungsbildung muss neben den naturwissenschaftlichen Grundlagen der Ernährung auch soziale, ökologische und ökonomische Aspekte eines mitverantwortlichen Handelns beinhalten.»

Christine Brombach

Als wichtigen Hebel für einen nachhaltigeren Weg nennt die Studie Ernährungskompetenzen, die in allen Lebensphasen vermittelt werden müssten. Denn: Die Ernährungsbildung, die meist in den Familien, unterschiedlich oder gar nicht stattfindet, sollte im pädagogischen Kontext neu gestaltet und Teil des schulischen verpflichtenden Lehrplans werden.  «Die Ernährungsbildung muss einen höheren Stellenwert in den gesellschaftlichen Anstrengungen zu einem gesundheitsfördernden Verhalten bekommen. Sie muss neben den naturwissenschaftlichen Grundlagen der Ernährung auch soziale, ökologische und ökonomische Aspekte eines selbst bestimmten und mitverantwortlichen Handelns beinhalten.» Ziel müsse es sein, dass jeder Einzelne einen sorgfältigen und respektvollen Umgang mit Lebensmitteln entwickle. 

Detailhandel in der Verantwortung

Auch dem Detailhandel schreibt Brombach eine wichtige Rolle zu: Einkaufen müssten alle.  «Angebot, Preisgestaltung, Promotion und Kommunikation, Lieferantenauswahl – der Handel verfügt über viele Hebel, die Einfluss auf die Ernährung haben.» Die von Brombach befragten führenden Vertretenden des Handels seien sich aber alle ihrer Verantwortung bewusst, und zwar im Sinne des Gemeinwohls.

Für Brombach steht fest, dass jeder Akteur des Ernährungssystems Verantwortung übernehmen muss, nicht nur die Konsumenten. «Wir kommen trotzdem nicht umhin, unsere Ernährung zu verschieben, hin zu mehr pflanzlichen und zu weniger tierischen Produkten.» Damit bis 2050 zehn Milliarden Menschen, die dann schätzungsweise auf der Erde leben, gesund und nachhaltig ernährt werden können, ist ein langer, mühsamer Prozess erforderlich.  «Es ist fraglich, ob wir genug Zeit dafür haben. Und ohne Vorgaben der Politik und Massnahmen des Bundes kann es nicht funktionieren. Aber wir müssen handeln, und zwar umgehend!»

Gesund und kreativ

Dem individuellen Genuss muss dieses Umdenken aber nicht unbedingt im Weg stehen. Für einen lustvollen und zukunftsfähigen Speiseplan empfiehlt Brombach, genussvoll und wertschätzend zu essen, sich Zeit zu nehmen und dem Essen volle Aufmerksamkeit zu schenken. Das Essen sollte möglichst selbst zubereitet und die Zutaten sollten vorzugsweise unverarbeitet sein. Fleisch sparsam, dafür regionale, saisonale Bio-Lebensmittel – vor allem Gemüse – grosszügig einsetzen. Die Zutaten sollten zudem möglichst verpackungsfrei und fair gehandelt sein. «Es kann viel Freude bereiten, beim Kochen kreativ zu sein, mit Gewürzen und Zubereitungsarten zu spielen und so die Vielfalt an Möglichkeiten auszuloten.» 

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