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Forschungsansätze im Vergleich

Bei der multidisziplinären Zusammenarbeit arbeiten mehrere Disziplinen parallel an einem gemeinsamen Thema, aber jede bleibt in ihren eigenen Denkrahmen. keine echte Integration der Methoden oder Theorien Ergebnisse ergänzen sich, werden aber nicht unbedingt verschmolzen Disziplinen bleiben tendenziell getrennt Beleuchtung eines Problems aus verschiedenen fachlichen Perspektiven. Obwohl sich inter- und transdisziplinäre Ansätze immer grösserer Beliebtheit erfreuen, hat der multidisziplinäre Ansatz auch weiterhin klare Stärken: Effizienz fachliche Tiefe ideal in frühen Forschungsphasen oder wenn Integration keinen Mehrwert bringt Bei interdisziplinären Projekten arbeiten Disziplinen integriert zusammen, um eine gemeinsame Forschungsfrage zu lösen. Gemeinsame Problembearbeitung Aktive Verknüpfung von Methoden, Daten und Theorien Ergebnise bietet einen Mehrwert im Vergleich zur Summe der Einzelbeiträge Die Integration schafft neue Erkenntnisse oder sogar neue Fachgebiete Ganzheitliches Verständnis komplexer Fragestellungen Interdisziplinäre Forschung wird erweitert durch die Einbindung von Akteur:innen ausserhalb der Wissenschaft. Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft Co-Produktion von Wissen Fokus auf reale gesellschaftliche Probleme Wissen entsteht nicht nur im akademishcen Umfeld, sondern im Austausch mit der Praxis Entwicklung praktisch umsetzbarer und gesellschaftlich relevanter Lösungen Sara Blaser

Die Zukunft der KI fliegt in Winterthur

Im Grossraum Zürich hat sich in den letzten Jahren ein florierendes Ökosystem für Drohnen und Robotik entwickelt. Die Hochschulen treiben mit Forschung die Weiterentwicklung der Technologien voran, bringen Spin-offs hervor und versorgen die ansässigen Tech-Unternehmen mit Fachleuten. Ein Problem besteht jedoch: «Viele Systeme sind unter Laborbedingungen top – doch wir sind noch weit davon entfernt, autonome Drohnen operativ im Luftraum einzusetzen», erklärt Michel Guillaume , Leiter des Zentrums für Aviatik (ZAV) der School of Engineering . Drohnen kommen heute zwar schon in vielen Branchen zum Einsatz, sei es für die Vermessung, in der Landwirtschaft oder bei Blaulichtorganisationen. Mit Physical AI entsteht jedoch eine neue Generation von künstlicher Intelligenz: Systeme, die ihre Umgebung wahrnehmen, Entscheidungen treffen und in der realen Welt handeln. Diese Systeme stellen uns vor neue Herausforderungen, denn wichtige Fragen sind noch ungeklärt: Wie kann sichergestellt werden, dass sie sich in jeder Situation zuverlässig und erklärbar verhalten? Wie testet man dies sicher und reproduzierbar? Wie validiert man KI-basierte Systeme im realen Einsatz und wie zertifiziert man sie? «Wir benötigen effiziente Prozesse, um Systeme schneller unter realen Bedingungen zu testen und zur Marktreife zu bringen» Michel Guillaume, Leiter des Zentrums für Aviatik der ZHAW School of Engineering «In der Luftfahrt gilt: safety first. Bis ein neuer Verkehrsflugzeug-Typ zugelassen wird, der für eine Airline im Einsatz ist, vergehen zehn bis fünfzehn Jahre», gibt Martin Jajcay vom ZAV zu bedenken. «Autonome Systeme wie Drohnen bieten spannende Einsatzmöglichkeiten, etwa in der Katastrophenhilfe oder bei der Logistik zu abgelegenen Orten, aber für solche Einsätze fehlen noch die operativen Konzepte und zum Teil auch die gesellschaftliche Akzeptanz.» Eine Herausforderung sei etwa das Verkehrsmanagement im Luftraum, das um ein Vielfaches komplexer werde, wenn neben Flugzeugen auch unbemannte autonome Flugobjekte unterwegs sind. «Wir wissen schlichtweg noch zu wenig darüber, wie Systeme, die auf Wahrscheinlichkeitsberechnungen basieren, sich in extremen Situationen verhalten», sagt Hella Bolck , Dozentin am Center for Artificial Intelligence (CAI) der School of Engineering. «Die Systeme müssen so optimiert werden, dass sie bei Wind und Wetter und neben anderen Luftraumteilnehmenden funktionieren.» Wichtige Voraussetzung dafür: testen, testen, testen. Das Zentrum für Aviatik und das Center for Artificial Intelligence haben deshalb gemeinsam mit der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste das Projekt LINA (Large scale Infrastructure for safe Testing and Development of Autonomous Systems) ins Leben gerufen. Das Ziel ist der Aufbau einer vielseitigen Forschungs- und Testinfrastruktur für autonome Systeme und Physical AI, insbesondere an der Schnittstelle von Aviatik und KI. Gefördert wird das Unterfangen von der Digitalisierungsinitiative des Kantons Zürich (DIZH), Industriepartner wie Skyguide und Matternet bringen ihre Erfahrung ein. Der erste Standort ist bereits weit entwickelt: Auf dem Segelflugplatz Hegmatten in Winterthur können autonome Systeme jeden Reifegrades auf einer Fläche von 700 mal 30 Metern getestet werden. Für Guillaume ist die Testfläche ein längst überfälliges Angebot an die dazu forschenden akademischen Gruppen in der Schweiz und die Hersteller von autonomen Systemen. «Es ist zentral, sämtliche Kompetenzen für die Entwicklung, Erprobung und Zulassung der Systeme in Europa zu vereinen. Ohne Testinfrastruktur in der Nähe besteht ausserdem die Gefahr, dass die Unternehmen abwandern, etwa in die USA oder Kanada.» «Testen ausserhalb der Sichtweite ist zentral für autonome Drohnen. Dazu benötigen wir grössere Testflächen.» Hella Bolck, Dozentin am Centre for Artificial Intelligence der School of Engineering Für die Weiterentwicklung der Systeme spielen nicht nur technologische Fragen eine Rolle, sondern auch regulatorische. Die Testfläche sei auch als wissenschaftliches Instrument zu verstehen, das systematisch das Fachwissen generiert, das für die Gestaltung von neuen Regularien nötig ist. «Wir benötigen die Expertise von Fachleuten für KI und Aviatik, um allen Gegebenheiten rund um die Integration von KI Rechnung zu tragen», sagt Guillaume. «Dank ihrer breiten interdisziplinären Aufstellung ist die ZHAW für diese Aufgabe prädestiniert.» Eigene Drohnen zu entwickeln ist kein Ziel des Projekts. Vielmehr positioniert sich LINA als nationale Anlaufstelle für das Testen und sämtliche Fragen rund um die Entwicklung von Physical AI und robotischen Systemen. Damit ein System operativ werden kann, braucht es viel: Neben einer einwandfreien Konstruktion, funktionierenden KI-Komponenten und Flugtests gehören dazu zum Beispiel auch Lärmtests, Umweltversuche und die Integration mit anderen Systemen im Luft- und Bodenbetrieb. «Wir benötigen effiziente Prozesse, die von den Behörden akzeptiert werden, um Systeme schneller unter realen Bedingungen zu testen und damit auch zur Marktreife zu bringen», fasst Guillaume den Zweck von LINA zusammen. Um zum Kompetenzzentrum für sämtliche Fragen rund um autonome Systeme zu werden, arbeiten die Projektverantwortlichen eng mit Herstellern, anderen Hochschulen und Behörden zusammen und leisten Öffentlichkeitsarbeit. Die gesellschaftliche Akzeptanz sei nicht zu unterschätzen, betont Guillaume. Auch die beste Technik nütze nichts, wenn Drohnen etwa so laut sind, dass es zu Lärmklagen komme. Ausserdem pflegen die Verantwortlichen ein internationales Netzwerk, denn ein Testzentrum mitten in Europa biete grosses Potenzial, auch Forschende und Hersteller aus anderen Ländern anzuziehen. Für das Projektteam ist die Teststrecke in Winterthur Hegmatten erst der Anfang. Für Tests ausserhalb der Sichtweite eigne sie sich sowieso nur für Drohnen unter 25 Kilogramm, sagt Bolck. «Testen ausserhalb der Sichtweite ist jedoch zentral für autonome Drohnen. Sie müssen zum Beispiel sicher landen können, wenn die Verbindung gekappt oder das GPS-Signal ausfällt. Dazu benötigen wir grössere Testflächen.» Gemeinsam mit der Universität Zürich und der EMPA plant die ZHAW ein schweizweites Netzwerk mit Testflächen von mindestens 10 Quadratkilometern. Der Antrag dafür ist bereits eingereicht, der Bedarf unbestritten – Anfragen von Test-Interessierten gehen fast täglich ein. Guillaume ist überzeugt: «LINA leistet einen entscheidenden Beitrag zur nächsten Entwicklungsstufe von KI: Systeme, die nicht nur Daten verarbeiten, sondern in der realen Welt robust und zuverlässig handeln. Das ist angewandte Forschung at its best, genau unsere Stärke.» Sara Blaser

Ab in die Sauna – aber ungestört 

«Als halber Finne gehört der Saunagang für mich einfach dazu», erklärt Adrian Neininger, der an der ZHAW School of Management and Law International Management studiert hat. «In der Schweiz gibt es jedoch wenig öffentliche Saunen direkt neben Gewässern, wie es in Finnland gang und gäbe ist. Und wenn, dann sind sie meistens überfüllt. Unsere Vision war es, ein privates Sauna-Erlebnis in der Natur zu ermöglichen.» Dazu haben Neininger und seine beiden Geschäftspartner Kevin und Michael Rudin 2022 das Startup Löyly gegründet. Der für Deutschsprachige nicht ganz intuitiv auszusprechende Name (man spricht: «Löulu») ist das finnische Wort für den Wasserdampf, der beim Saunaaufguss entsteht, bezeichnet jedoch auch den Geist des Saunierens. Löyly-Saunen befinden sich mittlerweile an zwölf Standorten zwischen Zentral- und Ostschweiz. Privates Saunieren bedeutet, dass die Saunen nicht jederzeit für alle zugänglich sind, sondern dass man sich einen persönlichen Slot reserviert und alleine oder mit ausgewählter Begleitung in die Sauna geht. Die Kosten dafür betragen je nach Standort und Tageszeit zwischen 32 und 50 Franken pro Stunde. Platz bieten die Saunen für bis zu vier Personen, ausserdem für einen kleinen Umziehbereich und einen Kühlschrank mit Wasserflaschen. Der Saunabesuch bei Löyly ist selbstbedient und vollautomatisiert: Die Buchung und Bezahlung erfolgen online. Eine intelligente Steuerung sorgt dafür, dass die Sauna auf Befehl des Buchungssystems aufgewärmt wird. Zutritt erhält man durch einen QR-Code. Je nach Standort kann man sich direkt im naheliegenden Gewässer abkühlen oder unter zur Verfügung gestellten Outdoor-Duschen, so auch am urbanen Standort Lagerplatz. «Unter der Dusche herrscht jedoch Bekleidungspflicht», stellt Neininger lachend klar. Steht kein Termin mehr an, schaltet sich die Heizung automatisch aus. Die erste Sauna kaufte Neininger auf dem Facebook-Marketplatz. Diese stellten er und seine späteren Co-Gründer in Zürich Selnau neben der Sihl auf und probierten das Konzept der privaten Sauna aus – ein Angebot, das in der Schweiz damals noch kaum bekannt war, in anderen Ländern jedoch schon. «Diese erste Sauna war unsere Spielwiese», erzählt Neininger. «Wir konnten das Konzept direkt am Markt testen und unmittelbar Feedback bekommen – das ist Gold wert. Hätte es nicht funktioniert, hätten wir bloss die Investition in die erste Sauna verloren. Wir haben aber gemerkt, dass wir damit ein Bedürfnis ansprechen – insbesondere bei Frauen.» Ausprobieren und aus der Praxis lernen ist allgemein Neiningers Tipp an alle Jungunternehmer:innen: «Learn cheap. Versucht nicht, in der Theorie ein perfektes Konzept zu entwickeln, sondern probiert eure Ideen möglichst schnell und mit wenig finanziellem Aufwand aus.» Mit der Gewissheit, dass die Nachfrage vorhanden ist, machte sich das Trio bald daran, sich weitere Standorte zu sichern. So folgten Löyly-Saunen am Letten in Zürich, in Zug, Rapperswil und Rorschacherberg und fanden auch dort grossen Anklang. Eine Herausforderung des Unternehmertums war für Neininger, einen guten Mittelweg zwischen Perfektion und Pragmatismus zu finden. «Einerseits muss das Produkt top sein, andererseits ist bei unserem Geschäftsmodell aber auch Geschwindigkeit zentral, denn gute Standorte gibt es nicht wie Sand am Meer und es gibt mittlerweile auch Konkurrenzanbieter.» Er sei ein Perfektionist, das Unternehmertum habe ihn aber pragmatisch werden lassen. «Unsere Verhandlungen mit Gemeinden haben gezeigt: Ein durchdachtes Konzept und professionelle Kommunikationsmaterialien sind enorm wichtig, um ernst genommen zu werden. Aber sobald wir mehrere Standorte vorweisen konnten, war das der grösste Wettbewerbsvorteil.» Das Unternehmertum bringe mit sich, dass man sich auch mit Themen befassen muss, die einem nicht unbedingt liegen, etwa mit gesetzlichen Bestimmungen. Um eine Sauna im öffentlichen Raum aufzustellen, ist eine Baubewilligung erforderlich. «Das war ein grosser Initialaufwand mit viel Paragrafenreiterei. Aber hier hat mir nicht zuletzt mein ZHAW-Netzwerk geholfen. Toll, wenn man Freunde hat, die in unterschiedlichen Bereichen tätig sind und einem unkompliziert bei Fragen weiterhelfen.» Mittlerweile ist das Löyly-Trio mit den Baubewilligungsprozessen mehrerer Kantone vertraut und profitiert davon bei der Akquise von neuen Standorten. Nachdem das Trio die ersten Saunen nebenberuflich betrieben hatte, hängte Neininger im Sommer 2024 seinen Job bei einer Non-Profit-Organisation im Bereich Wasserinfrastruktur an den Nagel und widmet sich seither Vollzeit seinem Unternehmen. «In den Anfangszeiten putzten wir jeweils morgens um halb 6 vor dem Arbeiten die Sauna, dann pendelte ich nach Luzern zu meinem Arbeitsplatz und am Abend hiess es dann wieder putzen», erinnert sich der 32-Jährige. Seinen Job zu kündigen, der ihm Spass machte und beste Karrierechancen bot, empfand er durchaus als Risiko. Im Nachhinein war es aber einer der wichtigsten Meilensteine: «Ich habe es noch keinen Moment bereut.» Auch Kevin Rudin arbeitet mittlerweile Vollzeit für Löyly, sein Bruder Michael ist noch Teilzeit angestellt. Für den Start der Wintersaison 2026/2027 planen die Gründer, erstmals Personal einzustellen. «Wir haben sehr viel Unterstützung aus der Familie und dem Freundeskreis bekommen, aber jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir uns professionell vergrössern möchten.» Hört man Neininger von Löyly sprechen, ist die Begeisterung deutlich spürbar. «Um ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, ist es zentral, dass man hundertprozentig dahinter steht und das ist bei uns der Fall,» schwärmt der Zürcher. «Wenn ich Kund:innen sehe, wie sie mit rotem Gesicht, lachend und erholt aus der Sauna kommen, ist das für mich das grösste Geschenk.» Der eigenen Vision vom Unternehmen treu zu bleiben, sei nicht immer einfach, gibt er zu, etwa, wenn man wachsen möchte und Geld benötigt. Nachdem sie die ersten Saunen mit privaten Darlehen finanziert hatten, machten sich die Gründer auf Investorensuche. Dabei verhandelten sie auch mit einer Privat-Equity-Firma; es ging um einen höheren sechsstelligen Betrag. Bald merkten die Jungunternehmer aber, dass es nicht der richtige Weg für sie war. «Wenn man Geld braucht, muss man sich fragen, wie weit man von seiner Vision abzuweichen bereit ist. Kompromisse gehören zum Businessalltag dazu, aber wir wollten uns nicht unter Wert verkaufen», sagt Neininger. «Unser Ziel war, einen Partner zu finden, der investiert, aber auch Expertise einbringt. Eine Private-Equity-Bude mit viel Geld, aber ohne Leidenschaft für das Produkt passte einfach nicht zu uns.» Mit der Glovital AG, einem Holzbauunternehmen aus Arbon, hat Löyly einen Partner gefunden haben, der ihre Werte teilt. Gemeinsam haben sie die zweite Generation der Löyly-Saunen konzipiert. «Damit sind wir unserem Ideal noch ein Stück näher gekommen: Wir wissen, woher das Holz stammt und konnten beim Design mitsprechen.» Diese neuen Saunen können am jüngsten Löyly-Standort, dem Saunadorf in Zürich ausprobiert werden: Am Sihlquai befindet sich aktuell während der Wintermonate eine Saunalandschaft mit vier unterschiedlich temperierten Saunen, Kaltbecken, Entspannungslounges und Verpflegungsstationen. An diesem Standort ist der Besuch nicht privat, dafür umso abwechslungsreicher. Aktuell ist das Trio ausserdem dabei, in die Romandie und ins Tessin zu expandieren, längerfristig möchten sie auch ins Ausland. «Wir haben bereits Anfragen aus mehreren europäischen Ländern und sind dabei, ein Franchise-Konzept zu erarbeiten.» Viel Potenzial sehen sie ausserdem in der Zusammenarbeit mit Hotels in Bergregionen. Neininger gerät dabei ins Schwärmen: «Was kann man sich Schöneres vorstellen, als mit Blick auf ein Bergpanorama zu saunieren und sich danach in einem kühlen Bergsee abzukühlen?» (Aufmacherbild: Löyly) Sara Blaser

Damit Träume keine Träume bleiben 

«Es heisst ‘das rote Haus’, aber ‘ein rotes Haus’, mit ‘s’. Deklination ist ein kompliziertes Thema, ich weiss», sagt Khulan Meier und lächelt verständnisvoll. Die Studentin des Bachelorstudiengangs Sprachliche Integration befindet sich gerade in einem Mentoringtreffen für Studierende und Studieninteressierte mit Fluchthintergrund, das sie zusammen mit ihrer Kommilitonin Melissa Kaspar durchführt. Ihre beiden Mentees hören aufmerksam zu. Jemal Yasin ist erst seit einem knappen Jahr in der Schweiz – spricht aber schon erstaunlich gut Deutsch. «Jemal ist ein Sprachtalent», beteuern die beiden Mentorinnen. Neben seinen beiden Muttersprachen Amharisch und Tigrinya spricht der Äthiopier Französisch, Englisch und Arabisch auf hohem Niveau. Er hat in mehreren afrikanischen Ländern als Übersetzer, im Kundendienst und in der Flüchtlingshilfe gearbeitet. Sein Ziel ist es, seine Sprachkenntnisse auch in der Schweiz beruflich einzusetzen. Nafisa Abdelbagi stammt aus dem Sudan und ist seit sieben Jahren in der Schweiz. In ihrer Heimat hat sie Ökonomie und Sozialwissenschaften studiert und danach auf einer Bank gearbeitet. In der Schweiz war sie zwei Jahre in einem Kinderhort tätig. Seit Herbst 2025 studiert sie wie die beiden Mentorinnen Sprachliche Integration. Lange wusste sie aber gar nicht, dass sie diese Möglichkeit überhaupt hat. Das Mentoringprogramm führen Kaspar und Meier im Rahmen eines Praxismoduls im fünften Semester des Studiengangs Sprachliche Integration durch. Andere Studierende stellen ihre praktischen Fähigkeiten etwa bei kantonalen Integrationsstellen unter Beweis, die beiden tun es bei einem Angebot der ZHAW für Studierende mit Fluchthintergrund. Die übergeordneten Ziele des Programms sind, dass sich die Mentees an der ZHAW willkommen, gut informiert und sozial integriert fühlen und ihren Studienalltag besser bewältigen können. Da die Gruppe in diesem Semester so klein ist, können die Mentorinnen das Programm sehr individuell auf die Bedürfnisse der beiden Mentees anpassen. Zehn Mal haben sie einander bereits getroffen und dabei neben allgemeinen Fragen zum Studienalltag und dem Leben in der Schweiz spezifisch an Themen gearbeitet, die für die beiden Mentees von Bedeutung sind. Für Yasin steht die Unterstützung beim Deutsch lernen im Zentrum; für Abdelbagi sind es inhaltliche Fragen zum Studium Sprachliche Integration. Eine Ansprechperson für alles zu haben, schätzen die beiden Mentees enorm. «Ich hätte ansonsten ein schlechtes Gewissen, jemanden ständig mit Fragen zum Studium zu löchern», sagt Abdelbagi. Das Programm gibt ihr die Sicherheit, keine Belastung zu sein. Die Mentorinnen organisierten ausserdem auch gemeinsame Aktivitäten, Treffen mit anderen Studierenden ihres Studiengangs und zeigten den Mentees Orte, an denen sie eine gute Lernumgebung finden, wie die Stadtbibliothek Winterthur oder die Hochschulbibliothek. Auf die Frage, ob sie das Mentoring weiterempfehlen würden, antworten die Mentees einstimmig: «Haben wir bereits mehrfach!» Doch nicht nur die Geflüchteten profitieren von den Treffen. Auch für die Mentorinnen ist die praktische Erfahrung in ihrem zukünftigen Arbeitsbereich viel wert – ein Bereich, in dem die Praxis nicht gross genug geschrieben werden kann. Sowohl Meier als auch Kaspar haben bereits Unterrichtserfahrung im DAZ (Deutsch als Zweitsprache). Sprachliche Integration sei jedoch viel mehr als Grammatik und Wortschatz. Die Arbeit mit Menschen sei in jedem Fall individuell, erklärt Kaspar. Und da die Zielgruppe enorm breit ist und jede Person ihre eigene – oft schmerzhafte – Geschichte hat, erfordert die Arbeit viel Einfühlungsvermögen. Dabei kommt den Mentorinnen ihre eigenen Erfahrungen zugute. Khulan Meier kam selbst erst vor sechs Jahren in die Schweiz und kennt die Herausforderungen bei der Integration und dem Spracherwerb aus erster Hand. Melissa Kaspar engagiert sich schon seit mehreren Jahren als Deutschlehrerin bei Solinetz Winterthur. Der gemeinnützige Verein bietet geflüchteten Personen kostenlose Sprachkurse und ein soziales Netzwerk. Parallel zum Studienbeginn übernahm sie vor zweieinhalb Jahren die Leitung der Winterthurer Geschäftsstelle. Die theoretischen Grundlagen zu ihrer praktischen Erfahrung zu erwerben, gab für sie den Ausschlag für das Studium. Für Meier war es vor allem die Vielfalt an Berufsmöglichkeiten: «Der Fachbereich ist noch relativ jung, man kann die Jobprofile vielerorts noch selbst mitgestalten und der Bedarf an Fachkräften ist gross. Neben dem Deutsch Unterrichten für Erwachsene sind mögliche Berufsfelder auch die Entwicklung von Lehrmitteln, die Mitarbeit bei Integrationsprojekten oder das Sprachbildungsmanagement – also das Konzipieren von Sprachkursen oder ganzen Integrationsprogrammen.» Sowohl Meier als auch Kaspar sehen sich in Zukunft auf strategischer Ebene im Sprachbildungsmanagement. Hört man Nafisa Abdelbagis Geschichte, wird offensichtlich, dass die Professionalisierung im Integrationsbereich einen wichtigen Beitrag für persönliche Erfolgsgeschichten, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes leisten könnte. Um sich erfolgreich zu integrieren, seien Kontakte bisher das A und O, beteuert Abdelbagi. «Ohne Netzwerk erfährt man leider kaum, welche beruflichen Optionen existieren oder nur schon, wo man welche Informationen erhält.» Es sei ein Teufelskreis: Um sich zu informieren, ist ein hohes Deutschniveau notwendig. Sprachkurse werden in den meisten Gemeinden jedoch nur bis Niveau B1 finanziert. Die Priorität liege darauf, Geflüchtete arbeitsfähig zu machen, damit sie nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig sind. Der berufliche Hintergrund oder besondere Fähigkeiten von Geflüchteten würden jedoch kaum beachtet. Dadurch bleibe vielen die Chance auf eine qualifizierte Arbeit verwehrt. «Sprachkurse auf höherem Niveau bieten vor allem Vereine an, die auf Freiwilligenarbeit beruhen», erzählt Kaspar. Abdelbagi hat dank dem Verein Solinetz das Deutschniveau C1 erreicht. Auch dass sie studieren könnte, erfuhr sie nur durch ihre Kontakte im Verein. «Meine Betreuerin auf dem Sozialamt hatte mir gesagt, in der Schweiz zu studieren werde ein Traum bleiben. Meine Diplome seien sowieso nicht anerkannt. Und ich habe das natürlich geglaubt.» Kritik möchte sie keine ausüben – dafür sei sie viel zu dankbar. Aber es sei natürlich schade, dass man sie nicht über alle ihre Möglichkeiten aufgeklärt habe. «Es ist klar, dass nicht alle Geflüchteten individuell gefördert werden können», sagt Kaspar. «Aber es ist auch klar, dass uns ein enormes wirtschaftliches Potenzial entgeht, wenn wir alle Geflüchteten nach demselben Schema abfertigen und kein bisschen auf ihre Fähigkeiten eingehen.» Abdelbagi beteuert: «Es wäre ok gewesen, wenn ich zuerst irgendeine Lehre hätte machen müssen. Aber jetzt, im Studium, fühle ich mich absolut am richtigen Ort und habe die Chance, eine qualifizierte Stelle zu bekommen, bei der ich anderen Geflüchteten mit meiner Erfahrung weiterhelfen kann.» Sara Blaser

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