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Jobwechsel? Noch so gerne!

Im Jahr 2022 wechselten 14,7 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz ihre Stelle – etwas mehr als der Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Ein Drittel wagte mit dem Wechsel auch den Schritt auf berufliches Neuland. Insbesondere junge Menschen wechseln häufiger den Arbeitsplatz: Bei den 15- bis 24-Jährigen war es fast jede vierte Person. Eltern von kleinen Kindern scheinen sich hingegen Beständigkeit zu wünschen. 50 Prozent der Personen, die 2022 arbeitslos gemeldet waren, waren 2023 wieder berufstätig. Bei Personen, die krankheitsbedingt ausfielen, lag der Anteil um einiges tiefer. Erwerbstätige in der Deutschschweiz wechselten etwas häufiger als in der Romandie und im Tessin. Bei den Stellenwechseln, die freiwillig stattfanden, wurden die meisten mit unbefriedigenden Arbeitsbedingungen oder einem wunsch nach Veränderung begründet. Geld scheint aber auch eine bedeutende Rolle zu spielen: Bei 38,1 Prozent derer, die ihren Job wechselten, nahm der Lohn bei gleichem Pensum um mindestens 10 Prozent zu. Die Verweildauer an einem Arbeitsplatz hat innert 20 Jahren bei allen Altersgruppen abgenommen, im Schnitt um 1,3 Jahre. Eine Mehrheit der Arbeitskräfte in der Schweiz ist unzufrieden mit ihrem Job, aber nur mässig engagiert, etwas daran zu ändern. Insgesamt ist in Europa die Zufriedenheit am Arbeitsplatz tief: Nur 13 Prozent der Erwerbstätigen bezeichnen sich als engagiert und mit ihrem Unternehmen verbunden. 73 Prozent geben an, nur Dienst nach Vorschrift zu machen, und 15 Prozent sagten gar, innerlich gekündigt zu haben. Die Schweiz gehört sowohl regional als auch global zu den Schlusslichtern in Bezug aufs Engagement. Quellen: Schweizerische Arbeitskräfteerhebung , Gallup Report 2025 Sara Blaser

Nicht auf den Mund gefallen 

Gegen Dana Widmer möchte man nicht in einer Quizshow antreten. Kaum jemand kennt die aktuelle Weltlage, die Kader von Sportteams und politische Debatten so gut wie sie. Seit rund 15 Jahren sitzt die ZHAW-Alumna nämlich berufsbedingt stundenlang vor dem Bildschirm und trägt als Respeakerin dazu bei, dass die Sendungen im Schweizer Fernsehen untertitelt werden. Respeaken bezeichnet die Art des Untertitelns, bei der eine Software eine Spracheingabe in Untertitel verwandelt. Sie wird vorwiegend zur Verschriftlichung von Live-Passagen eingesetzt. Die Respeakerinnen und Respeaker wiederholen auf Hochdeutsch, was gesagt wird, und diktieren dabei die Satzzeichen mit. Bei SRF werden die meisten Sendungen untertitelt – ein Service public für Menschen, die eine Hörbeeinträchtigung haben, kein Schweizerdeutsch verstehen oder sich unterwegs eine Sendung ohne Ton anschauen möchten. «Mit dem Respeaken habe ich bereits vor dem ersten Simultanunterricht im Dolmetschstudium angefangen», erzählt Widmer. «Es ist ein guter Einstieg ins Dolmetschen. Das gleichzeitige Zuhören und Nachsprechen ist eine Form von Multitasking – Shadowing genannt –, die sozusagen die Vorstufe zum Simultandolmetschen darstellt.» Mit einem 55-Prozent-Pensum als Respeakerin stellt Widmer ihren Lebensunterhalt sicher. Daneben bleibt viel Flexibilität für ihre eigentliche Berufung, das Dolmetschen. «Einen Dolmetschauftrag würde ich nie als Arbeit bezeichnen», sagt sie, und man glaubt es ihr sofort. «Ich empfinde es nach über zehn Jahren noch als grosses Privileg, dass ich diesen Traum leben darf. Ich liebe alles daran – das Einarbeiten in immer neue Themenbereiche, das Spielen mit der Sprache, das Gestalten mit der Stimme, das Adrenalin, das Abliefern auf den Punkt. Für mich war schon zu Beginn des Übersetzerstudiums klar, dass ich nicht schriftlich übersetzen, sondern dolmetschen wollte», betont sie. Auch wenn es sich in beiden Fällen um das Übertragen der einen Sprache in die andere handelt, unterscheiden sich die Fähigkeiten, die dabei gefragt sind: Dolmetschen erfordert Improvisationstalent, sicheres Auftreten, ein enormes Allgemeinwissen und kognitives Multitasking. Beim schriftlichen Übersetzen hingegen hat man Zeit, aber es ist Perfektion gefragt. Recherchieren, optimieren, feilen an den Formulierungen. Direkt ins Dolmetschen einzusteigen, war jedoch zu Widmers Studienzeit nicht möglich, darum musste sie erst Übersetzen studieren. «Trump zu dolmetschen, ist next Level. Bei ihm versagt eines der zentralen Werkzeuge von Dolmetschenden: die Plausibilitätskontrolle.» Dana Widmer Beide Studiengänge absolvierte sie mit Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch als Arbeitssprachen. «Auf dem Schweizer Privatmarkt sind aktive Sprachen wichtig, also dass man in beide Richtungen dolmetschen kann. Für internationale Organisationen hingegen dolmetscht man meist nur in die Muttersprache, da ist es von Vorteil, möglichst viele passive Sprachen zu haben», erklärt Widmer. Muss man zweisprachig aufgewachsen sein, um Dolmetscherin zu werden? «Einige der besten Dolmetschenden, die ich kenne, sind es nicht», antwortet sie. «Ich selbst bin es, dolmetsche aber hauptsächlich vom und ins Englische und arbeite weniger mit meiner zweiten Muttersprache Spanisch.» Aufgewachsen ist die Tochter eines Schweizers und einer Mexikanerin in der Berner Agglomeration. Diese Herkunft würde man ihr heute nicht mehr geben – nach über zwanzig Jahren in Zürich hat sie längst den Zürcher Dialekt angenommen und fühlt sich im Kreis 4 zu Hause. So sehr, dass sie ihn sogar in einem ihrer zahlreichen Tattoos verewigt hat. Bei SRF steht sie auch als Dolmetscherin für Live-Events im Einsatz. Das grösste Highlight war für sie jeweils die Oscar-Verleihung. Wer die Veranstaltung noch nie gesehen hat, muss wissen: Sie dauert mehrere Stunden, findet in unseren Breitengraden mitten in der Nacht statt, und man kann sich kaum darauf vorbereiten, denn was sich die Hollywood-Stars für ihre Laudationes ausdenken, ist höchst individuell und hat einen grossen Unterhaltungsfaktor. Eine pointierte Rede im selben Stil zu dolmetschen, ist besonders anspruchsvoll – Widmer meisterte es mehrmals mit Bravour. «Für viele Kolleginnen und Kollegen sind die Oscars ein absolutes Albtraumszenario», sagt Widmer lachend. «Für mich hingegen ist es genial. Ich bin ein Nachtmensch und ein Serienjunkie, kenne alle Schauspielerinnen und Schauspieler und verstehe aufgrund meiner Affinität zu den USA sämtliche Anspielungen.» Herausfordernd sei es hingegen, wenn eine Person mit einem ausgeprägten Dialekt spricht. «Im Rahmen der Sendung ‘Sportpanorama’ hatte ich etwa mit Julien Alfred, der Sprint-Olympiasiegerin aus St. Lucia, gewisse Mühe, weil das Zuhören allein so viel Denkleistung erforderte.» Auch bei den Debatten im US-Wahlkampf war Widmer am Mikrofon von SRF, um Joe Biden und Kamala Harris ihre Stimme zu verleihen. Anspruchsvoll sei eine solche Debatte allemal, aber ihr Kollege, der Trumps Part übernehmen musste, habe eine ungleich schwierigere Aufgabe gehabt: «Trump zu dolmetschen, ist next Level – am sogenannten Liberation Day, dem Tag, als die US-Zölle verkündet wurden, übernahm ich ausnahmsweise diese Aufgabe. Während es bei anderen Politikerinnen und Politikern oft vorhersehbar ist, was sie bei öffentlichen Auftritten sagen, ist Trump einfach eine Wundertüte hoch zehn. Bei ihm versagt eines unserer zentralen Werkzeuge: die Plausibilitätskontrolle – hat er das jetzt wirklich gesagt oder hat mir mein Hirn einen Streich gespielt?» Man erinnere sich an die Aussage, Immigranten ässen Hunde. Ein breites Allgemeinwissen ist für eine Dolmetscherin Pflicht. «Es gibt schon rhetorische Strategien, um auszuweichen, wenn man etwas nicht genau verstanden hat. Aber Improvisieren erfordert viel Denkarbeit und man kann es sich einfach nicht leisten, zu viele Wissenslücken zu haben», erzählt Widmer. «Wenn gerade die Fussball-WM läuft, muss man wissen, wer gewonnen hat, auch wenn man sich nicht dafür interessiert. Es könnte überall eine Anspielung auf ein Spiel kommen.» Um informiert zu bleiben, liest sie täglich Zeitungen auf Deutsch und Englisch, hin und wieder auch auf Spanisch und Französisch. «In den letzten Jahren fällt es mir oft schwer, die Weltlage ist ja leider alles andere als aufbauend», gibt sie zu. «Manchmal entscheide ich mich bewusst dafür, nur Überschriften und Einleitungen zu lesen, um mich emotional abzugrenzen.» Wie sieht sie die Zukunft des Dolmetschberufs? «Es wird bestimmt nicht einfacher», sagt Widmer. «Zumindest mit der Sprachkombination Englisch und Deutsch. Französisch hingegen ist in der Schweiz noch immer enorm gefragt.» Spardruck spüre man deutlich. Waren früher bei mehrsprachigen Veranstaltungen Dolmetschkabinen noch selbstverständlich, so begnügen sich heute viele Veranstalter damit, Dolmetschende per Online-Plattform zuzuschalten – oder ganz wegzusparen, mit der Begründung, Englisch könnten sowieso alle. «Nicht live dabei zu sein, erschwert unsere Arbeit enorm. Durch die Datenkomprimierung gehen Frequenzen verloren, was das Zuhören anstrengender macht. Manchmal sieht man auch die nonverbale Kommunikation der Sprechenden nicht.» Einige Veranstalter setzen mittlerweile auch auf KI. «KI-Systeme sind noch nicht so ausgereift, dass sie eine menschliche Verdolmetschung adäquat ersetzen, und die Englischkenntnisse vieler Leute reichen bei Weitem nicht aus, um einem komplexen Sachverhalt zu folgen. Aber diese Entwicklung ist kaum aufzuhalten», sagt Widmer. «Ich gebe meinen Traumjob dennoch nicht so schnell auf. Für mich hat Dolmetschen Priorität, solange es irgendwie geht.» Um sich abzusichern, setzt Widmer auf verschiedene Tätigkeiten, die eine gute Stimme erfordern. So hat sie auch eine Ausbildung zur Sprecherin absolviert, um Werbespots oder Dokumentationen zu vertonen. Und sollte die Nachfrage einmal ganz wegfallen, hätte sie durchaus noch andere Talente und Interessen. Vor dem Studium spielte sie zwei Saisons Profivolleyball und in ihrer Freizeit widmet sie sich dem Modedesign und dem Goldschmieden – die Ideen werden ihr definitiv nicht so schnell ausgehen. Sara Blaser

Aus Alt mach Neu

Konnte man früher Eisblumen an den Fenstern bestaunen, sorgen moderne Fenster dafür, dass sich weder Hitze noch Kälte in die Gebäude einnisten. Durch die Verschärfung der gesetzlichen Vorgaben für die Wärmedämmung ist damit zu rechnen, dass bis 2050 alle Fenster, die vor dem Jahr 2000 eingebaut wurden, ersetzt werden. Was aus energetischer Sicht sinnvoll sein kann, ist aus der Sicht der Abfallströme jedoch ein Problem: Die Produktion von mehrfachverglasten Fenstern ist sehr ressourcenintensiv und es gibt bisher keinen Recyclingprozess für Fensterglas. «Es ist leider günstiger, Flachglas auf der Deponie zu entsorgen, als den Aufwand zu bezahlen, alte Fenster vom Rahmen zu trennen und wieder aufzubereiten. Aktuell enden 82 Prozent des Flachglases auf der Deponie, 18 Prozent werden zusammen mit Flaschenglas eingeschmolzen – was aber einem Downcycling entspricht. Obwohl sehr viel graue Energie in Fenstern steckt, gibt es bisher keine Recyclingpflicht», erklärt Michelle Schneider vom Institut für Konstruktives Entwerfen. «Es ist günstiger, Flachglas auf der Deponie zu entsorgen, als den Aufwand zu bezahlen, alte Fenster vom Rahmen zu trennen und wieder aufzubereiten.» Michelle Schneider, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Konstruktives Entwerfen Schneider forscht seit drei Jahren daran, wie man Fenster wiederverwenden oder zumindest recyceln kann, zuerst im Rahmen ihrer Abschlussarbeit im Masterstudiengang Architektur, heute als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Als sie von einem Ersatzneubauprojekt ganz in der Nähe des Departements Architektur und Bauingenieurwesen erfuhr, witterte sie ihre Chance und gleiste mit mehreren Industriepartnern ein Pilotprojekt auf. Sämtliche 375 Fensterflügel des Abbruchgebäudes wurden ausgehängt und sorgfältig von den PVC-Rahmen getrennt. Das Recyclingunternehmen Sibelco prüfte, ob sich das Glas für die Produktion von neuem Fensterglas eignet. «Die Herausforderung war, dass 50-jährige Fenster die hohen Anforderungen an die Reinheit erfüllen, denn auf Fenstern befinden sich oft Putz, Klebstoffe oder andere Mineralstoffe. Ausserdem besteht die Gefahr, dass die Fenster auf Abbruchbaustellen oder beim Transport mit anderen Stoffen verunreinigt werden, etwa mit Teer», erläutert Schneider. Erster Meilenstein im Projekt: Die Fenster haben die Reinheitsanforderungen erfüllt. Sie wurden eingeschmolzen und werden jetzt zu neuen Fenstern verarbeitet, die einst den Ersatzneubau zieren könnten. Ganz ohne zusätzliche Ressourcen kommt das Vorhaben nicht aus, denn das neue Gebäude wird mehr Fenster haben als das alte und Dreifach- statt Zweifachverglasungen. «Die Kosten unseres Verfahrens sind zwar noch immer höher als für die Deponie, aber wir stehen auch erst am Anfang. Wenn sich Unternehmen auf die Wiederverwertung von Fenstern spezialisieren, lassen sich die Prozesse optimieren und die Kosten deutlich senken. Das Wichtigste ist aber vorerst, aufzuzeigen, dass Flachglasrecycling mit etwas Mehraufwand machbar ist. Dies könnte die Tür für eine Recyclingpflicht öffnen», sagt Schneider. Das hätte eine grosse Hebelwirkung: «Würden alle Fenster, die jährlich in der Schweiz ausgebaut werden, wieder eingeschmolzen und wiederverwendet, liessen sich 350 Mio. Kilogramm CO2 einsparen im Vergleich zu Fenstern aus Primärrohstoffen. Das sind etwa so viele Emissionen, wie wenn die gesamte Basler Bevölkerung nach New York fliegen würde.» Sara Blaser

Der Griff nach den Sternen

Morgens um 10 Uhr herrscht ein geschäftiges Treiben auf dem Areal des Militärflugplatzes Dübendorf. Wo früher Kampfjets starteten, tüfteln heute mehrere studentische Arbeitsgruppen an ihren Projekten. Auf dem Areal entsteht ein Innovationshub, der einst der grösste europaweit werden soll. Mittendrin: Aris, die akademische Raumfahrtinitiative. In ihrem Bereich herrscht eine chaotische Gemütlichkeit. Schränke, Regale mit allerlei Werkzeug, ein grosser Tisch mit Laptops, ein Modell eines Raketenantriebs, ein Pallet mit Energydrinks, eine Couch – und ganz nonchalant im Hintergrund: drei Raketen. Eine davon ist die Höhenforschungsrakete Nicollier. Höhenforschungsraketen sind unbemannte Raketen, die während des Flugs physikalische Messungen in der Atmosphäre durchführen. Dank eines integrierten Bergungssystems sind sie wiederverwendbar. 2024 gelang es Aris mehrmals, Nicollier 1000 Meter in die Höhe zu schiessen und nur wenige Meter vom geplanten Ort sicher landen zu lassen. Der Höherekord liegt gar bei über 10 Kilometern. 2017 von ETH-Studierenden gegründet, beteiligen sich mittlerweile rund 200 Studierende von fünf Schweizer Hochschulen bei Aris – von der ZHAW, der Universität Zürich, der Fachhochschule OST sowie der Hochschule Luzern. Sie setzen eigenständig ambitionierte Projekte für Raumfahrtanwendungen um, neben Höhenforschungsraketen auch Robotiksysteme und Satelliten. Ermöglicht werden die Projekte durch Sponsoren, sei es finanziell oder durch Sachspenden in Form von Komponenten. Auf die Unterstützung von rund achtzig Partnerunternehmen kann die Initiative heute zählen. Ist die Schweiz denn eine Raumfahrtsnation? «Nicht im klassischen Sinne», erklärt Jakob Meinrad Schreiber. Der 25-Jährige absolviert derzeit den Masterstudiengang Engineering in Aviation und ist ausserdem wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Aviatik der ZHAW School of Engineering. «Mit der Entwicklung von Hochpräzisionstechnik haben Schweizer Unternehmen jedoch eine wichtige Rolle in der Zulieferindustrie. Sie entwickeln zum Beispiel Anwendungen für Navigation, Kommunikation und Erdbeobachtung.» Beim letztjährigen Projekt Nicollier war Schreiber zusammen mit sechs anderen Studierenden für die Entwicklung der Elektronik und der Software zuständig. Beim aktuellen Raketen-Projekt Hermes ist er einer der System Engineers, also technischer Leiter des Projekts und auch Flight Director – derjenige, der bei einem Raketenstart das Go gibt. Das grosse Highlight ist jedes Jahr die Teilnahme an der European Rocketry Challenge, dem grössten europäischen Raumfahrtwettbewerb für studentische Teams. Mit Hermes will Aris als erstes studentisches Team Europas eine Höhenforschungsrakete mit einem Ethanol-Sauerstoff-Antrieb entwickeln. Dieser soll die Rakete mit einer Geschwindigkeit von rund 1400 km/h rund neun Kilometer in die Luft zu bringen. Neben Schreiber engagieren sich derzeit sechs weitere ZHAW-Studierende bei Aris. Einer von ihnen ist Victor Elliesen, der International Management an der School of Management and Law studiert. Der 22-Jährige hat bei Aris gleich mehrere Rollen inne: Er ist Vice-President, Head of Industrial Relations und Projektleiter. In seinem Projekt Nautilus entwickelt das Team ein unbemanntes Unterwasserfahrzeug, das wissenschaftliche Daten sammelt. Elliesen erklärt: «Bisherige System halten einige Wochen durch. Unser Ziel ist es, dass Nautilus bis zu drei Monaten in 300 Metern Tiefe eingesetzt werden kann.» Unterstützt wird das Team von der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs. Das Fernziel ist, damit die Eismonde des Saturns zu erkunden. Der propellerlose Gleiter eignet sich aber auch zur Anwendung auf der Erde, etwa für die Polarforschung. 2026 sind simulierte Polartests in Norwegen geplant. Hört man die Studierenden erzählen, stellt sich natürlich die Frage, woher sie dieses hochkomplexe Wissen haben – immerhin handelt es sich hier ja tatsächlich um Rocket Science. «Vieles ist Learning by Doing», sagt Schreiber. «Aus dem Aviatikstudium habe ich das grundlegende Verständnis für Technologie, Physik sowie Methodik und weiss, wie man sich selbstständig Wissen aneignet.» Nicht alle Beteiligten haben jedoch einen technischen Hintergrund, so auch Elliesen nicht. «Wie in jedem Unternehmen sind auch bei Aris unterschiedliche Fähigkeiten gefragt», sagt er. Für jedes Projekt werden interdisziplinäre Subteams definiert, die das nötige Knowhow abdecken. Die Studierenden der ETH kommen eher aus den geeigneten technischen Studiengängen. Die der ZHAW bringen jedoch oft schon Arbeitserfahrung mit, was sehr willkommen sei. Elliesen erklärt: «Es braucht auch Leute mit dem Verständnis für das grosse Ganze. Ich könnte keine Steuerung programmieren, dafür mit potenziellen Sponsoren sprechen. Heute diskutiere ich mit diesen auch über Legierungen und Produktionsprozesse – dieses Wissen habe ich mir selbst angeeignet.» Das Engagement bei Aris ist ehrenamtlich. Für Elliesen und Schreiber ist die Erfahrung jedoch unbezahlbar: «Was mich am meisten motiviert: Selbstständig hochkomplexe Systeme zu entwickeln», sagt Schreiber. «Die Verantwortung, die wir übernehmen, ist enorm – wir hantieren zum Beispiel mit 300 bar und flüssigem Sauerstoff. Hier lernt man innerhalb eines Jahres so viel wie in einem Unternehmen im besten Fall in fünf Jahren.» Elliesen ergänzt: «Wer interessiert ist und Verantwortung übernehmen will, ist hier richtig. In einigen Teams arbeiten 50 Leute zusammen und das Board führt 200 Personen. Das erfordert Skills, die man in keinem Studium lernt.» Auch die Höhe des Budgets ist für einen studentischen Verein nicht zu verachten: 2024 nahm Aris Beiträge in der Höhe von über 850 000 Franken in Form von Finanz- und Sachleistungen ein. Die Vernetzung mit Gleichgesinnten ist ein weiterer wertvoller Aspekt. «Die Motivation im Team ist riesig. Und mittlerweile arbeiten bei jedem grösseren Raumfahrtunternehmen ehemalige Aris-Mitglieder. Auch Rabea Rogge, die 2024 als erste deutsche Frau ins All flog, ist eine Aris-Alumna», berichtet Elliesen. «Viele Alumni bleiben mit dem Verein in Kontakt und stehen uns mit Rat und Tat zur Seite.» Dass Aris als ernsthafter Player in der Raumfahrtszene wahrgenommen wird, beweisen in den letzten Monaten gleich zwei Einladungen von hochrangiger Seite: Für die Vernehmlassung zum geplanten Schweizer Raumfahrtgesetz brachten Elliesen und drei seiner Kolleg:innen ihr Fachwissen im Nationalrat ein und Swissnex lud Aris als Vertretung der Schweizer Raumfahrtindustrie an die Weltausstellung in Osaka ein. Dort besuchten sie ausserdem das Schweizer Konsulat, wo es auch einen Austausch mit der Osaka Metropolitan University gab. «Zu merken, dass man wirklich etwas erreichen kann, war enorm motivierend», sagt Elliesen. Das Gefühl, gemeinsam mit einem Team etwas auf die Beine zu stellen, gefällt auch Schreiber sehr: «Die Faszination ist wie ein Sog, dem man nur schwer wieder entkommt. Ich gebe zu, dass ich auch schon morgens um 2 Uhr an einer Bar über technische Details diskutiert habe.» Längerfristig sehen sich beide in einem eigenen Startup. «So wie wir bei Aris arbeiten, ist meine Idealvorstellung: innovative Projekte, schnelles Vorgehen, motiviertes Team», schwärmt Schreiber. Auch der Verein selbst hat sich zum Ziel gesetzt, in den nächsten Jahren einige Spin-Offs hervorzubringen. Elliesen: «Die Zeit ist reif, Europa muss in der Raumfahrt autonomer werden. Das Know-how ist auf jeden Fall da – und motivierte Studierende können sich jederzeit bei uns melden.» Sara Blaser

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