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In der Corona-Krise hat die Nachhaltigkeit zugelegt

«Viele halten Nachhaltigkeit für ein Schönwetterthema. Sie denken, solange es den Unternehmen gut gehe, investierten sie in nette Hochglanzbroschüren. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten würden die Massnahmen gestrichen. Wir konnten mit unserer Studie belegen, dass das Gegenteil der Fall ist», sagt Herbert Winistörfer , Dozent und Leiter der Fachstelle Corporate Responsibility der ZHAW. Die von ihm erwähnte Studie heisst «Changes in Corporate Responsibility Management during COVID-19 Crisis and Their Effects on Business Resilience: An Empirical Study of Swiss and German Companies» und wurde im März 2022 publiziert. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten, wie sich die Corporate Responsibility während der Corona-Krise veränderte. Zu diesem Zweck haben sie die Nachhaltigkeitsberichte der zehn Unternehmen mit dem grössten Aktienkapital der Schweiz und Deutschlands analysiert. In beiden Ländern hat die Mehrheit von ihnen während der Corona-Krise den Umfang des Berichts erweitert, allen voran Nestlé, ABB und Siemens. «Diese Zunahmen zeigen, wie wichtig den Unternehmen die Kommunikation in Krisenzeiten ist», sagt Herbert Winistörfer. Der Ausbau betrifft mit Ökologie, Wirtschaft und Sozialem alle drei Dimensionen von Nachhaltigkeit. Zudem sei eine neue «Covid-Dimension» hinzugekommen. Hierunter fallen u.a. Massnahmen für Mitarbeitende wie Sicherheitsempfehlungen für das Homeoffice, Werkzeuge für die physische und psychische Gesundheit sowie Online-Schulungen. «Mitarbeiter-bezogene Nachhaltigkeitsmassnahmen verstärken die wirtschaftliche Resilienz in Krisen.» Herbert Winistörfer, Leiter der Fachstelle Corporate Responsibility der ZHAW Die «Covid-Dimension» ist ein Grund, weshalb sich auch die Art der Berichterstattung verändert habe: «Unternehmensinterne Themen erhielten signifikant mehr Raum», sagt Herbert Winistörfer. Im Vergleich dazu rückten die vor- und nachgelagerten Stufen der Wertschöpfungskette etwas in den Hintergrund. Dies sind einerseits alle Nachhaltigkeitsaspekte rund um die Produktion, wie zum Beispiel die Beschaffung von Rohstoffen, andererseits die Auswirkungen, die ein Unternehmen durch den Konsum und die Entsorgung der bereitgestellten Produkte verursacht. Das Team um Herbert Winistörfer erforschte ausserdem den Zusammenhang zwischen Corporate Responsibility und der wirtschaftlichen Resilienz von Unternehmen. Dies geschah mit einer quantitativen Umfrage, an der sich 108 der 900 angefragten Managerinnen und Manager von Schweizer Unternehmen verschiedenster Branchen beteiligt haben. Deren Antworten zeigten, dass Investitionen in das betriebliche Gesundheitsmanagement und in die Rekrutierung von lokalen Mitarbeitenden mit einer positiveren Einschätzung des Betriebsergebnisses und höheren Gewinnerwartungen für das Folgejahr einhergingen. «Mitarbeiter-bezogene Nachhaltigkeitsmassnahmen verstärken die wirtschaftliche Resilienz in Krisen. Dies gilt ganz besonders für jene, welche die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden fördern», sagt Herbert Winistörfer. Warum dies so ist, geht aus der Studie nicht hervor. Eine mögliche Erklärung sei, dass die Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung wie eine Art Versicherung für wirtschaftlich schwierige Zeiten wirke. Karin Meier

Orientierung für Graubereiche

Wie weit darf eine Maskenpflicht gehen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen? Wie viele Menschen aus verschiedenen Haushalten sollen sich noch treffen dürfen? Sollen Besuche von Angehörigen in Pflegeheimen erlaubt sein? Die Frage, wie stark die persönliche Freiheit des Einzelnen eingeschränkt werden darf, beschäftigt Politikerinnen und Politiker, die CEOs von Spitälern und Pflegeheimen, Epidemiologinnen und Epidemiologen und andere Gesundheitsfachpersonen. Sie wägen ab, wann Empfehlungen ausreichen, wann Anreize gegeben werden sollen und wann Verbote mit Sanktionen eingesetzt werden müsse, wenn es darum geht, Menschen im Interesse der Gesundheit zu bestimmten Verhaltensweisen hin zu beeinflussen, . Um ethische Fragestellungen wie diese kümmern sich auch Fachpersonen der Gesundheitsförderung und Prävention. Bei der öffentlichen Hand wägen sie ab, mit welchen Regeln und Gesetzen eine Verhaltensänderung erreicht werden soll. Beispiele sind die Einschränkung des Tabakkonsums oder die Förderung des geschützten Geschlechtsverkehrs. Bei Krankenkassen prüfen die Fachpersonen, welche Anreize für einen gesunden Lebensstil möglich sind und ob bestimmte Verhaltensweisen sanktioniert werden dürfen. Angehörige kurativer Gesundheitsberufe – wie Hebammen, Physiotherapeutinnen und -therapeuten, Pflegefachpersonen oder Ergotherapeutinnen und -therapeuten – begegnen in ihrem Arbeitsalltag ähnlichen Herausforderungen. Mit welchen Mitteln darf etwa eine Pflegeperson einen dementen Patienten dazu bringen, seine wöchentliche Dusche zu akzeptieren? Wie kann man Eltern empfehlen, ihr Kind zu impfen, wenn sie Impfungen gegenüber kritisch sind? Wie reagiert eine Physiotherapeutin, deren Patientin sich ihr gegenüber rassistisch verhält? «Menschen in Gesundheitsberufen finden sich oft in Situationen wieder, in denen das richtige Vorgehen nicht klar auf der Hand liegt», sagt Karin Nordström, Co-Leitung BSc Gesundheitsförderung und Prävention am Institut für Gesundheitswissenschaften der ZHAW Gesundheit. Berufsethische Codes beziehungsweise Leitlinien oder Berufsverständnisse bieten eine Orientierungshilfe für Graubereiche wie diese. Sie werden von den Berufsverbänden der einzelnen Gesundheitsberufe erarbeitet und existieren etwa für Hebammen, Physio- und Ergotherapeutinnen und -therapeuten, Pflegefachpersonen sowie Gesundheitsförderinnen und -förderer. «Die Codes werden von den Berufsverbänden ausgearbeitet und regeln vier Bereiche: Dies ist erstens der Umgang mit den Patientinnen und Patienten beziehungsweise den Klientinnen und Klienten. Trotz Macht- und Wissensasymmetrie soll er auf Augenhöhe erfolgen und von Respekt geprägt sein», sagt Karin Nordström. Die Codes thematisieren ausserdem die Qualität der Arbeit, die Merkmale, welche eine Berufsgruppe definieren, samt Anforderungen an die Ausbildung sowie die Zusammenarbeit sowohl mit Menschen derselben Berufsgruppe als auch mit Angehörigen anderer Gesundheitsberufe. Ein weiterer Code wurde von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) ausgearbeitet. Diese «Charta 2.0 – Interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen» führt die Kriterien auf, anhand derer sich Fachpersonen verschiedener Gesundheitsberufe bei der Zusammenarbeit leiten lassen sollen. «Ein berufsethischer Code ist kein Kochrezept.» Karin Nordström, ZHAW, Gesundheit Um junge Berufsleute möglichst früh für die berufsethischen Codes zu sensibilisieren, sind diese Bestandteil der Ausbildung. Die ZHAW Gesundheit hat das Thema in all ihren Bachelorstudiengängen in den Lehrplan aufgenommen. Angehende Hebammen zum Beispiel befassen sich bereits im ersten Semester mit den Grundlagen zu Ethik. Sie werden mit ethischen Begriffen vertraut gemacht, diskutieren den Ethikcode ihres Berufsstandes und reflektieren ihr Berufsverständnis anhand konkreter Fälle. Weiter setzen sich alle Studierenden in multi- und interprofessionellen Modulen und studiengangübergreifend zusammengesetzten Gruppen unter anderem mit der «Charta 2.0 – Interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen» auseinander. Die Auseinandersetzung mit den berufsethischen Codes hilft Fachpersonen in Gesundheitsberufen, in schwierigen Situationen angemessene Entscheidungen zu treffen. Eindeutige Antworten auf ethische Dilemmata vermögen jedoch auch die Codes nicht zu geben. «Ein berufsethischer Code ist kein Kochrezept mit einer klaren Handlungsanleitung», sagt Karin Nordström: «Er dient vielmehr als Kompass, um sicherer durch die Graubereiche mit ihren vielen Nuancen zu navigieren.» Karin Meier

Der lange Weg zu klimafreundlicheren Gebäuden

Gebäude sind weltweit für rund 40 Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Ein beträchtlicher Teil davon entsteht bei der Erstellung. «Bei der Wiederverwendung von Bauteilen entfallen energieintensive Produktionsschritte, sodass auch im Vergleich zum Recycling beträchtliche Mengen Treibhausgasemissionen eingespart werden können. Zudem werden natürliche Rohstoffe geschont, und es entsteht weniger Abfall», sagt Eva Stricker , wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Konstruktives Entwerfen der ZHAW Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen. Sie war Projektleiterin des interdisziplinären Forschungsprojekts «Zirkulär bauen» , an dem auch ihr Teamkollege Guido Brandi und Co-Institutsleiter Andreas Sonderegger in Kooperation mit dem Baubüro «in situ» mitwirkten. Im Fokus des Projekts stand die Wiederverwendung von Bauteilen in kultureller, architektonisch-konstruktiver, energetischer und ökonomischer Hinsicht. Die Ergebnisse wurden im September 2021 im Buch «Bauteile wiederverwenden. Ein Kompendium zum zirkulären Bauen » veröffentlicht. Als Fallstudie diente dem ZHAW-Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen und dem Projektpartner dessen Bauprojekt K.118. Am Winterthurer Lagerplatz sanierte in situ den Kopfbau der Halle 118, in der unter anderem das ZHAW-Zentrum für Produkt- und Prozessentwicklung ansässig ist, und stockte ihn um drei Geschosse auf. Verbaut wurden zu einem grossen Teil Bauteile, die bereits einmal verwendet worden waren. Das Stahlskelett zum Beispiel, das die neuen Geschosse trägt, war ursprünglich in einer Coop-Verteilzentrale in Basel eingesetzt worden, die später rückgebaut wurde. Aus Stahl ist auch die Aussentreppe, welche die drei Geschosse erschliesst. Sie stammt vom abgebrochenen Bürogebäude Orion in Zürich. Ein kleiner Teil der Aluminium-Isolierfenster sowie der Granitfassadenplatten finden im K.118 ebenfalls ein neues Leben. Letztere bilden neu die Plattenbeläge in den Küchen, WCs und auf den Balkonlauben. Einen weniger weiten Weg mussten das Fassadenblech und die Industriefenster zurücklegen: Sie wurden in der Druckerei Ziegler respektive im Sulzer Werk 1 in Winterthur ausgebaut. Insgesamt konnten durch die Wiederverwendung von Bauteilen volle 500 Tonnen an neuen Materialien bzw. rund 60 Prozent Treibhausgasemissionen eingespart werden. «Wenn ich als Architektin mit gebrauchten Bauteilen arbeite, kehrt sich der Entwurfsprozess in gewisser Weise um.» Eva Stricker, Institut Konstruktives Entwerfen Der sorgsame Umgang mit Bestehendem hat im Gebäude schon fast Tradition: «Die Leuchten im ZHAW-Zentrum für Produkt- und Prozessentwicklung enthalten Schirme aus ausgebrannten Leuchtstoff-Röhren. Sie wurden von Studierenden unseres Instituts in einem unserer Entwurfskurse zum Thema Wiederverwendung kreiert und vor Ort in Kleinserie produziert», sagt Eva Stricker. Trotz des grossen Potenzials, Treibhausgase einsparen zu können, und der dringenden Massnahmen gegen den Klimawandel ist die Wiederverwendung von Bauteilen erst wenig etabliert. Ein Grund dafür ist, dass sie viele eingespielte Prozesse des Bauwesens durcheinanderbringt. Dies beginnt bereits beim Entwurf: «Wenn ich als Architektin mit gebrauchten Bauteilen arbeite, kehrt sich der Entwurfsprozess in gewisser Weise um. Ich kann mich nicht systematisch vom grossen Massstab zum Detail vorarbeiten, sondern muss meinen Entwurf kontinuierlich mit den verfügbaren Bauteilen rückkoppeln.» Auswirkungen gäbe es auch auf die Bauweise: «Weil sich aneinandergefügte Leichtbaukonstruktionen aus Stahl oder Holz in der Regel einfacher in wiederverwendbare Teile zerlegen lassen als massive Stahlbetonkonstruktionen oder mit Zementmörtel verbundenes Mauerwerk, eignen sie sich viel besser zum erneuten Einsatz.» Zudem kommt eine ganze Reihe neuer Leistungen hinzu, wenn man Bauteile wiederverwendet. Bauteile müssen gesucht, beurteilt, dokumentiert, erworben, rückgebaut, transportiert, gelagert, aufbereitet, wieder eingebaut und unterhalten werden. «Werden diese Arbeiten vom Architekturbüro erbracht beziehungsweise koordiniert, fällt ein beträchtlicher Mehraufwand an. Dies bedingt ein logistisches und handwerkliches Fachwissen, das über die klassische Architektentätigkeit hinausgeht», sagt Eva Stricker. Für die Bauherrschaft wiederum sei die Finanzierung eine Herausforderung: «Wiederverwendete Bauteile müssen früh im Projektverlauf definiert und erworben werden. Damit fallen beträchtliche Ausgaben zu einem Zeitpunkt an, zu dem im konventionellen Prozess erst Planungskosten entstehen.» Hinzu kommt, dass der Einbau von gebrauchten Bauteilen die Baukosten nicht unbedingt senke, wie das Beispiel K.118 gezeigt habe. Dies dürfte sich so lange nicht ändern, bis sich eingespielte Abläufe und ein spezialisierter Bauteilmarkt etabliert haben. Offene Fragen im rechtlichen Bereich stellen eine weitere Hürde bei der Wiederverwendung von Bauteilen dar. So ist ungeklärt, wie Risiken, die für die Wiederverwendung spezifisch sind, reguliert werden sollen und wer allfällige Schäden zu tragen hat. Dadurch wird die Planung und Bewilligung solcher Projekte erschwert. Hier setzt das von der Innosuisse unterstützte Forschungsprojekt «Re-Use von gebrauchten Gebäude-Bauteilen» unter der Leitung von Andreas Abegg und Oliver Streiff der ZHAW School of Management and Law an. Ziel des interdisziplinären Projekts ist es, für die Akteure in der Baubranche einen handlichen, praxisorientierten Leitfaden zur Bewilligungs- und Vertragspraxis zu erstellen. Im Rahmen des Projekts wird erstens untersucht, was sich aus der Bundesverfassung für die Wiederverwendung von Bauteilen ableiten lässt. «Die dort definierten Ziele und Werte haben Auswirkungen auf die Rechtsanwendung», sagt Oliver Streiff. Zweitens geht es im Forschungsprojekt um die Risikoregulierung. Hier stellt sich unter anderem die Frage, welche Leistungen ein wiederverwendetes Bauteil erbringen muss und welche Normen beim Wiedereinbau zu erfüllen sind. Diese Fragen sind primär öffentlich-rechtlicher Natur und daher im Bewilligungsprozess zwingend zu beachten. Der dritte Aspekt des Forschungsprojekts betrifft hingegen die Werk- und weiteren Verträge zwischen den beteiligten Parteien und damit das Privatrecht. Hier gilt es, die etablierte heutige Vertragspraxis so zu erweitern, dass sie auch diejenigen Leistungen abdeckt, die für die Wiederverwendung von Bauteilen typisch sind. Darüber hinaus rechnet Oliver Streiff damit, dass sich in Zukunft eine Prüfung von gebrauchten Bauteilen sowie Versicherungslösungen zur Absicherung der Vertragsparteien etablieren werden. Sollte dies gelingen, könnte das Bauwesen auf einen Schlag deutlich klimafreundlicher werden. Karin Meier

Digital Health für Eltern mit Migrationserfahrung

Die 24-jährige Samira Ahmadi und ihr einjähriger Sohn Amin leben erst seit Kurzem in der Schweiz. Sie spricht Paschtunisch und besitzt Grundkenntnisse in Englisch, versteht aber keine unserer Landessprachen. Steht die Afghanin im Supermarkt vor dem Regal mit Babyprodukten, versteht sie zum Beispiel nicht, wie sie einen Brei zubereiten muss, was er enthält und für welche Altersstufe er sich eignet. Wie sie mit dem Abstillen weiterfahren soll, googelt sie deshalb in ihrer Muttersprache über ihr Smartphone. Die Kenntnisse von Dr. Google sind in ihrer Menge und Vielfalt jedoch verwirrend. Das Beispiel ist fiktiv. Es illustriert aber, welche Herausforderungen sich Eltern beziehungsweise Elternteilen mit kleinen Kindern stellen, die sich in einem völlig fremden Kultur- und Sprachkreis wiederfinden. Um die Probleme, aber auch die Bedürfnisse von jüngeren Migrantinnen und Migranten bezüglich ihrer Gesundheitsversorgung besser zu verstehen und die Chancen von digitalen Angeboten richtig einordnen zu können, wurde 2019 das Forschungsprojekt «Digital Health für Eltern mit Migrationserfahrung» mit verschiedenen Teilprojekten lanciert (s. Box). Die Leitung hat Jessica Pehlke-Milde, Professorin und Leiterin der Forschungsstelle am Institut für Hebammen des Departements Gesundheit der ZHAW. Das Projekt knüpft an der Tatsache an, dass die Zielgruppe zu den Digital Natives gehört, die mit dem Smartphone aufgewachsen sind. Die digitale Transformation unseres Gesundheitssystems könnte die Gesundheitsversorgung und damit letztlich auch die Integration dieser Bevölkerungsgruppe erheblich begünstigen. In einem Teilprojekt beschäftigten sich die Projektmitarbeiterinnen des Instituts für Gesundheitswissenschaften mit der Frage, ob eine digitale Fassung des Mutter-Kind-Gesundheitshefts Migrantinnen und ihren Familien den Zugang zu Gesundheitsinformationen und zum Gesundheitssystem erleichtern könnte. Solche Gesundheitshefte sind in 163 Ländern bekannt. Sie werden von den Müttern aufbewahrt und geben ihnen einen Überblick über sämtliche relevanten Gesundheitsinformationen rund um Schwangerschaft, Geburt und die ersten Lebensjahre des Kindes sowie anstehende Termine bei medizinischen Fachpersonen. «Je nachdem, wie gut junge Migrantinnen die Sprache ihres Ziellands bereits beherrschten, informierten sie sich in dieser oder in ihrer Muttersprache.» Julia Dratva, Forschungsstelle Gesundheitswissenschaften Bei ihren Untersuchungen stiessen die Projektmitarbeiterinnen auf verschiedene Forschungslücken. «Es gibt nur wenige Studien, die sich explizit mit digitalen Informationsangeboten zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen mit Migrationserfahrung beschäftigen. Zudem stammen fast alle diese Studien aus den USA», sagt Julia Dratva. Sie ist eine der vier Co-Projektleiterinnen und Professorin bei der Forschungsstelle Gesundheitswissenschaften der ZHAW Gesundheit. Das Fazit der Recherchen: Das Verhalten der Nutzerinnen erwies sich erwartungsgemäss als sehr heterogen. «Je nachdem, wie gut junge Migrantinnen die Sprache ihres Ziellands bereits beherrschten, informierten sie sich in dieser oder in ihrer Muttersprache», sagt Julia Dratva. Solche Erkenntnisse werden in die Entwicklung des digitalen Gesundheitsheftes von pädiatrie schweiz – der Organisation der Kinderärztinnen und Kinderärzte – einfliessen. Es wird derzeit mit der ZHAW als Partnerin ausgearbeitet. Nach seiner Aufschaltung soll es auch Müttern einen besseren Zugang zu Gesundheitsinformationen und zum Gesundheitssystem ermöglichen. Forscherinnen des Instituts für Hebammen führten ein weiteres Teilforschungsprojekt durch. Sie identifizierten die Schwierigkeiten, mit denen Migrantinnen während und nach der Schwangerschaft rund um ihre Gesundheitsversorgung konfrontiert sind. «Hiesige Migrantinnen haben ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten und leiden während der Schwangerschaft und nach der Geburt öfter an Depressionen als Schweizerinnen», sagt Irina Radu-Minner, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für Hebammen der ZHAW Gesundheit. «Die Nachfrage nach Übersetzerinnen und Übersetzern in Spitälern, Therapien und Sprechstunden ist hoch.» Irina Radu-Minner, nstitut für Hebammen Was zu dieser Situation beiträgt, veranschaulicht dieses anonymisierte Beispiel: Die 27-jährige Senait Yohannes ist aus Eritrea in die Schweiz gekommen. Nach der Geburt ihrer Tochter entwickelt sie eine postpartale Depression, auch Wochenbett-Depression genannt. Sie fühlt sich von der Versorgung des Babys überfordert, kann nicht mehr schlafen und ist voller Scham, weil sie ihr Kind nicht annehmen kann. Eine Cousine kommt angereist, um sie bei der Versorgung des Kindes zu unterstützen. Auf ihre Frage, warum sie keine ärztliche Hilfe aufgesucht habe, antwortet Senait Yohannes, dass sie das Ganze nicht als Krankheit erkannt habe und deshalb gar nicht auf die Idee gekommen sei, sich professionelle Hilfe zu holen. Die Gesundheitsversorgung von Migrantinnen, die schwanger sind oder ein kleines Kind haben, wird vor allem durch sprachliche und kulturelle Barrieren beeinträchtigt: «Wir stellten ein grosses Bedürfnis nach Informationen zum hiesigen Gesundheitssystem und zu Fragen rund um Schwangerschaft, Geburt und Säuglingszeit in der Landessprache der Migrantinnen fest. Entsprechend hoch ist die Nachfrage nach Übersetzerinnen und Übersetzern in Spitälern, Therapien und Sprechstunden», so Irina Radu-Minner. Zudem habe sich der Wunsch nach einem respektvollen und empathischen Umgang des Gesundheitspersonals mit ihnen gezeigt. Dieser sei nicht immer gegeben, wie Berichte von Diskriminierungen belegten. Diese Erkenntnisse sollen in Folgeprojekte einfliessen, in denen digitale Informationsmittel für schwangere Migrantinnen entwickelt werden. Karin Meier

«Es ist besser, die Norm dem Kind anzupassen»

Michael Amacher arbeitet als Ergotherapeut im Zentrum für Kinder mit Sinnes- und Körperbeeinträchtigung (ZKSK) in Solothurn. Der Grossteil der Kinder, die in seine Therapiestunde kommen, haben motorische Defizite, Verhaltensauffälligkeiten, ADHS oder Entwicklungsstörungen. So verschieden die Diagnosen, so unterschiedlich sind auch die Therapiestunden. Und dennoch gebe es Gemeinsamkeiten, sagt Michael Amacher: «All diese Kinder haben Schwierigkeiten im täglichen Leben. Ich unterstütze sie bei dessen Bewältigung und befähige sie so zur aktiven Teilhabe in ihrem Alltag.» Dies tut er auf spielerische Weise und auf die Interessen des Kindes abgestimmt, damit sie mit möglichst viel Elan bei der Sache sind. Die meisten Therapieziele sehen vor, dass ein Kind selbstständiger agieren kann. Es soll sich etwa allein anziehen können oder fähig sein, in der Schule selbstständig und fokussiert eine Aufgabe zu lösen. Selbstständigkeit sei deshalb so wichtig, weil sie in unserer Gesellschaft als etwas Normales betrachtet werde. Michael Amacher erlebt «Normalität» jedoch auch als relative, zuweilen sogar verhandelbare Grösse. «Was im Umfeld eines Kindes als normal betrachtet wird, wird für das Kind zur Norm. Weil jedes Kind in einem anderen Umfeld aufwächst, erlebt auch jedes eine etwas andere Art von Normalität, mit der es zurechtkommen muss.» Wenn Michael Amacher jedoch merkt, dass ein Kind überfordert wird, versucht er zwischen dessen Bedürfnissen und den Ansprüchen von Lehrpersonen und Eltern zu vermitteln. «Es ist besser, die Norm dem Kind anzupassen als das Kind der Norm.» Seine eigenen Vorstellungen darüber, was normal ist, lässt Michael Amacher bei der Arbeit so gut als möglich aussen vor. «Bei der Therapie geht es nicht darum, jemandem meine Ansichten überzustülpen.» Seinen Beruf übt er denn auch mit einem hohen Mass an Reflexion aus. Nichtsdestotrotz sei es unmöglich, stets völlig wertneutral zu sein. Als Beispiel nennt er den Fall eines Zweitklässlers, der seine Schuhe nicht binden konnte und deshalb Modelle mit Klettverschlüssen trug. «Das Kind hatte kein Problem mit der Situation. Für mich war dies jedoch nicht der Norm entsprechend. Denn ich erinnerte mich daran, wie viel es mir in diesem Alter bedeutet hatte, meine Schuhe ohne Hilfe binden zu können.» Die Angelegenheit löste sich dann von selbst: Als das Kind mit Fussballspielen anfing und feststellte, dass Fussballschuhe Schnürsenkel haben, war es auf einmal erpicht, das Schuhebinden zu lernen. Weil er Menschen enger begleiten und seine Kreativität einbringen wollte, entschied sich Michael Amacher nach seinem Lehrabschluss als Augenoptiker für die Ergotherapie. Er absolvierte nebenberuflich die Soziale und Gesundheitliche Berufsmaturität sowie ein Vorpraktikum. Anschliessend studierte er Ergotherapie an der ZHAW Gesundheit, wo er 2017 mit dem Bachelor abschloss. 2018 begann er als Ergotherapeut im ZKSK. Daraufhin besuchte Michael Amacher diverse Weiterbildungen mit Schwerpunkt Pädiatrie. Seit Herbst 2020 ist er wieder bei der ZHAW Gesundheit immatrikuliert: Er absolviert den European Master of Science in Occupational Therapy. In der Ergotherapie hat Michael Amacher (31) seinen Traumberuf gefunden: «Ich finde es toll, dass ich im Leben meiner Klientinnen und Klienten etwas Positives bewirken kann. Die Kinder selbst, aber auch ihre Eltern und Lehrpersonen bringen mir deshalb viel Wertschätzung entgegen. Das motiviert zusätzlich.» Dank ihren zahlreichen Spezialisierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten habe die Ergotherapie auch als Beruf viel zu bieten. Nichtsdestotrotz seien Männer immer noch untervertreten. Seine Empfehlung an die Bildungsinstitutionen: «Männer sollten spezifischer angesprochen werden, indem man ihnen die Vielfalt des Berufs besser aufzeigt.» Karin Meier

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