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Offener Zugang zu Bildung und Forschung

Eine von öffentlichen Mitteln finanzierte Forschung sollte allen zugänglich sein. Bei diesem Grundsatz geht es nicht nur darum, dass die Gesellschaft zurückerhält, was sie in die Wissenschaft investiert hat. Auch für die Wissenschaft sind frei verfügbare Informationen von zentraler Bedeutung. Wissenschaftliche Publikationen im Open Access erleichtern die Zirkulation des Wissens erheblich und begünstigen die Entwicklung von neuen, vielleicht bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen. Aus dieser Überlegung heraus hat sich auch die Schweiz dem Grundsatz Open Access (OA) verpflichtet und verfolgt seit 2017 eine nationale OA-Strategie. Diese sah ursprünglich vor, dass bis 2024 hundert Prozent der Publikationen aus öffentlich finanzierter Forschung frei zugänglich sein sollen. Dieses Ziel wurde zwar nicht erreicht, aber es lässt sich eine positive Entwicklung feststellen. Waren 2017 noch 50 Prozent der wissenschaftlichen Artikel nicht frei verfügbar, so sank der Anteil bis 2022 auf 27 Prozent. Die revidierte Open-Access-Strategie von 2024 sieht nun vor, dass das 100-Prozent-Ziel bis 2032 erreicht werden soll. Die Herausforderungen zur Erreichung des Ziels sind indessen zahlreich. Swissuniversities zählt in einem Bericht zur OA-Strategie von 2024 zu diesen die steigenden Kosten im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens, die problematische Praxis der Publikationsgebühren, bei der den Autorinnen und Autoren direkt Kosten angelastet werden, sowie den nach wie vor tiefen Anteil sogenannter Long-Form Publications wie Monografien in Open Access. Daneben existieren gemäss Elena Šimukovič , Fachbereichsleiterin Research & Infrastructure der ZHAW Hochschulbibliothek , verschiedene Spannungsfelder, die die Durchsetzung des OA-Grundsatzes erschweren. So ist unklar, ob die Forschungspublikationen in meist spezialisierten englischsprachigen Fachzeitschriften tatsächlich einen Mehrwert für die Gesellschaft darstellen. Auch stellt Open Access Forschende oftmals vor ein vermeintliches Dilemma, sich zwischen renommierten, aber abonnementbasierten Zeitschriften und offenem Zugang entscheiden zu müssen. «Der grüne Weg ist eine kosteneffiziente Alternative, um hohe Publikationsgebühren zu umgehen.» Elena Šimukovič, Fachbereichsleiterin Research & Infrastructure der ZHAW Hochschulbibliothek Den Hochschulen kommt in der Umsetzung der OA-Strategie der Schweiz eine zentrale Rolle zu. Als Forschungs- und Lehrstätten können sie massgeblich dazu beitragen, dass sich eine Kultur der offen zugänglichen Forschung zunehmend etabliert. Und sie können Forschende, die sich entschlossen haben, im OA zu publizieren, unterstützen und beraten. Die ZHAW engagiert sich seit 2017 aktiv für die Umsetzung der OA-Strategie der Schweiz. Auf ihrem institutionellen OA-Repositorium, der ZHAW digitalcollection, werden jährlich 2500 neue Publikationen verzeichnet. Unter den mehr als 20 Publikationstypen befinden sich neben Zeitschriftenartikeln, Buchkapiteln und Konferenzbeiträgen auch Forschungsberichte, Studien und ausgewählte Abschlussarbeiten. Es gibt verschiedene Varianten, offen zu publizieren. Beim sogenannten «goldenen Weg» werden die Forschungsbeiträge direkt in einer OA-Zeitschrift publiziert. Die Kosten für die Veröffentlichung werden meist durch die Forschenden getragen respektive durch ihre Institution. Beim «grünen Weg» handelt es sich um eine Zweitveröffentlichung eines Forschungsbeitrags, der zuerst in einem abonnementbasierten und folglich zugangsbeschränkten Medium publiziert wurde. Die Zweitpublikation erfolgt auf einem digitalen Open-Access-Repositorium, wie der ZHAW digitalcollection. Dabei handelt es sich um Plattformen, die von Institutionen oder nach Fachbereichen betrieben werden. Ferner gibt es den «diamantenen Weg», bei dem weder die Forschenden noch die Lesenden bezahlen, sondern Förderorganisationen oder wissenschaftliche Einrichtungen die Finanzierung übernehmen. Die ZHAW unterstützt ihre Forschenden bei allen Varianten. So können sie sich bei der Hochschulbibliothek Rat bezüglich des Publikationsvertrags einholen. «Unser Beratungsangebot wird gerne in Anspruch genommen, da die meisten Forschenden sich mit den Details in solchen Verträgen nicht auskennen und über ihre Rechte Bescheid wissen wollen», erklärt Šimukovič. Ferner schliesst die ZHAW sogenannte Read-&-Publish-Vereinbarungen mit grossen kommerziellen Verlagen ab. Dank diesen müssen die Autorinnen und Autoren keine Publikationsgebühren zahlen, wenn sie einen Beitrag in einer Zeitschrift direkt in OA veröffentlichen wollen. Auch hat die ZHAW einen OA-Fonds eingerichtet, der für die Publikation von Zeitschriftenartikeln bis zu 2500 Franken und von Büchern bis zu 8000 Franken bereitstellt. «Der Open-Access-Fonds wird jedes Jahr erhöht und intensiv genutzt, gegenwärtig am meisten von den Departementen Gesundheit sowie Life Sciences und Facility Management mit je 30 Prozent», so Elena Šimukovič. Einen besonderen Fokus legt die ZHAW auf den grünen Weg, bei welchem ein bereits veröffentlichter Forschungsbeitrag auf einem Repositorium als Zweitpublikation frei verfügbar gemacht wird. «Aktuell werden 58 Prozent der Forschungsbeiträge der ZHAW in Open Access publiziert. In 13 Prozent der Fälle wird die Option der Zweitveröffentlichung jedoch nicht genutzt, obschon die Verlage es erlauben würden», sagt Šimukovič. Diesem unausgeschöpften Potenzial soll in den nächsten Jahren verstärkt Beachtung geschenkt werden. Ziel sei es, die Forschenden davon zu überzeugen, dass eine Zweitveröffentlichung nicht nur kosteneffizient ist, sondern auch einen Mehrwert für sie selbst, für die ZHAW und für die Interessierten aus der Praxis und Gesellschaft darstelle. «Das Angebot an Lehrmaterialien von Hochschulen auf dem OER-Repositorium füllt eine Marktlücke» Nicole Krüger, Teamleiterin Open Educational Resources, ZHAW Hochschulbibliothek Neben ihrem Engagement im Feld der OA-Publikationen setzt sich die Hochschulbibliothek der ZHAW auch für eine offene Bildung ein. Im Juli 2024 hat sie in Zusammenarbeit mit dem Infrastrukturanbieter Switch das schweizweit erste Repositorium für offene Lehr- und Lernmaterialien (Open Educational Resources: OER) lanciert. In der aktuellen Pilotphase sind daran neben der ZHAW auch die Fachhochschule Nordwestschweiz sowie drei pädagogische Hochschulen beteiligt. «Unser Ziel ist es, möglichst alle Schweizer Hochschulen zu gewinnen, damit sich das Repositorium zu einer nationalen Plattform etabliert», erklärt Nicole Krüger , Teamleiterin Open Educational Resources der ZHAW Hochschulbibliothek . Aktuell befinden sich 600 Lehrmaterialien auf der Plattform, vor allem aus den Bereichen Gesundheit und Life Sciences. «Die Plattform richtet sich an alle: Studierende, Studienanwärterinnen, Lehrpersonen oder Private, die sich gezielt weiterbilden möchten», so Krüger. Der inklusive Charakter des ersten Schweizer OER-Repositoriums ist Programm. So soll die Plattform den Dialog innerhalb und zwischen den verschiedenen Fächern intensivieren und zu einer neuen, offenen Lehrkultur beitragen. Damit die Inhalte des Repositoriums gut auffindbar sind, werden die Materialien maschinenlesbar ausgezeichnet, sodass sie von Suchmaschinen gut erfasst werden. Die ersten Rückmeldungen zur Plattform sind ausnehmend positiv. «Das ist nicht weiter verwunderlich», so Nicole Krüger, «denn das OER-Repositorium füllt mit der Möglichkeit, gezielt und formatoffen nach Lehrmaterialien von Hochschulen zu suchen, eine Marktlücke, die selbst Tech-Unternehmen wie Google oder Youtube nicht zu bewirtschaften wussten.» (Bild: Stefan Kubli) Marion Ronca

Der digitale Zwilling von Grüze

Wer kennt es nicht? Der Zug hat nur wenige Minuten Verspätung und doch reicht es nicht, um den Bus zu erwischen, weil am Hauptbahnhof ein Gedränge herrscht. Oder es bleibt am Morgen wieder einmal kein Parkplatz in der Nähe des Bahnhofs übrig. Solche Situationen sind nicht nur für den Einzelnen ein Ärgernis, sie haben auch finanzielle und ökologische Folgen, etwa wenn einzelne Linien des öffentlichen Verkehrs nicht ausgelastet sind oder Menschen ganz auf das Auto statt auf den öV setzen. Multimodale Verkehrsknotenpunkte – Orte, wo verschiedene Verkehrsmittel aufeinandertreffen, zahlreiche Menschen umsteigen oder Waren umgeladen werden – sind mit der steigenden Komplexität der Mobilität mehr denn je forschungsrelevant. Das Horizon-Projekt MOVEO (Intelligent Framework for Inclusive and Seamless Transport Infrastructure and Mobility Services), an welchem die ZHAW als assoziierte Partnerin beteiligt ist, hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, durch die Bereitstellung von smarten und integrierten Lösungen die Mobilität im Personen- und Güterverkehr zu verbessern. Teil von MOVEO sind 16 Partner aus neun europäischen Ländern sowie fünf Demonstrationsstandorte mit unterschiedlichen Infrastrukturen, klimatischen Bedingungen und Entwicklungsphasen. «Mit dem entwickelten Tool können wir in Zukunft eine ­objektive Entscheidungs­grundlage für alle Beteilig­ten liefern.» Stephan Bütikofer, Institut für Datenanalyse und Prozessdesign Im Rahmen des Projekts sollen unter anderem digitale Zwillinge von real existierenden Verkehrsknotenpunkten erstellt werden. Diese Modelle ermöglichen die Überwachung und Optimierung der Verkehrssituation vor Ort und können auch in anderen Verkehrshubs genutzt werden, sofern diese ähnliche Rahmenbedingungen aufweisen. Das Institut für Datenanalyse und Prozessdesign (IDP) der School of Engineering wird einen digitalen Zwilling vom Winterthurer Bahnhof Grüze anfertigen. Das Quartier rund um diesen Bahnhof hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Es entstanden über tausend neue Wohnungen und Hunderte von neuen Arbeitsplätzen. Die Stadt Winterthur hat deshalb und auch in der Absicht, den Hauptbahnhof Winterthur zu entlasten, beschlossen, Grüze zu einem multimodalen Verkehrshub auszubauen. Für MOVEO eignet sich der Standort Grüze gut als Reallabor, weil er die Erforschung von Mobilitätsphänomenen an einem dynamischen Verkehrsknotenpunkt ermöglicht und die Projekterkenntnisse direkt in dessen Optimierung einfliessen können. Dass Grüze zu einem der sechs Demonstrationsstandorte von MOVEO wurde, geht auf die Zusammenarbeit zwischen der ZHAW und dem Winterthurer Amt für Stadtentwicklung beim Projekt «Smart City Winterthur» zurück. Vicente Carabias , Leiter des Forschungsschwerpunkts Nachhaltige Energiesysteme und Smart Cities an der School of Engineering, erkannte die Synergien, die sich durch die Stossrichtung der Stadt beim Ausbau von Grüze zum Verkehrshub und den Forschungsbedarf im Bereich der nachhaltigen Mobilität bieten. Es trifft sich zudem gut, dass «Smart City Winterthur» ein Projekt zur optischen Ermittlung von Verkehrsdaten mithilfe von künstlicher Intelligenz fördert. Die zur Modellierung von Grüze erforderlichen Daten stellen nämlich eine Herausforderung dar, sagt MOVEO-Projektleiter Claudio Gomez : «Als eine der ersten Projektetappen im Herbst werden wir mit der Beschaffung der Daten beginnen. Wir gehen aktuell davon aus, dass wir zum Veloverkehr nicht viele Daten finden werden und solche selbst erheben müssen.» Anders ist die Situation im Bereich der Lichtsignalsteuerung: «Dank dem breiten Einsatz von Sensoren und Kameras sind immer mehr Daten vorhanden. Sie ermöglichen uns, die Auswirkung von Lichtsignalanlagen zu erforschen und bestimmte Phänomene im Verkehr besser zu verstehen», so Gomez. Für die Projektverantwortlichen sind die Sicherstellung der Barrierefreiheit und die laufende Optimierung der Inklusion ein zentraler Aspekt: «Grüze ist ein Mobilitätshub mit zahlreichen unterschiedlichen Anspruchsgruppen. Wir möchten zum Beispiel sicherstellen, dass Menschen mit Gehbehinderung den Hub ohne Einschränkung nutzen können und dass Velos und der Fussverkehr sicher aneinander vorbeikommen», erklärt Stephan Bütikofer vom IDP. Zur Erforschung der Verbesserung der Inklusion arbeitet die ZHAW mit einem MOVEO-Projektpartner aus Dänemark zusammen, der in diesem Bereich über eine grosse Expertise verfügt und für das Projekt die Daten erhebt. «Das Team sammelt qualitative Nutzererfahrungen, um sogenannte «Pain Points» im Mobilitätsalltag zu identifizieren. Diese Daten vermitteln uns die Nachfrageseite und erlauben uns, ein klareres Bild des Optimierungspotenzials zu gewinnen», so Bütikofer. Einige Fragen seien etwa: Wurden wichtige Bedürfnisse nicht erkannt? Reicht die Beleuchtung aus, damit sich die Bevölkerung sicher fühlt? Braucht es ein Freizeitangebot im Hub? Und: Wie gelangen die Leute zum Hub? Der Standort Grüze eignet sich gut als ­Reallabor, weil er die Erforschung von Mobilitäts­phänomenen an einem dynamischen Verkehrs­knotenpunkt ermöglicht. Claudio Gomez, Projektleiter MOVEO Mobilitätshubs stellen gemäss Bütikofer auch hinsichtlich ihrer Finanzierung eine Herausforderung dar. Im Falle der Querung Grüze, einer im Bau befindlichen neuen Verbindungsbrücke für den Bus-, Velo- und Fussverkehr, sind neben den Verkehrsbetrieben auch der Bund, der Kanton und die Stadt Winterthur beteiligt. Die Modellierung des Hubs und das dadurch ermöglichte Monitoring der Personenflüsse werden den Projektverantwortlichen zufolge eine wichtige Grundlage schaffen, um die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Stakeholdern zu erleichtern: «Mithilfe des Tools, das wir entwickeln, können wir in Zukunft auch eine objektive Entscheidungsgrundlage für alle beteiligten Partner liefern, insbesondere für die Klärung von finanziellen Fragen», so Bütikofer. Die Projektarbeit an der ZHAW hat im Oktober 2025 gestartet. Der Zeithorizont beträgt gemäss Gomez zwei bis drei Jahre. Langfristig gesehen sei die Modellierung des Mobilitätshubs Grüze ein wichtiger Schritt Richtung moderner Nachfragemodellierung auf Quartier-/Mobilitätshub-Ebene. Zwar gebe es in der Schweiz bereits datenbasierte Gesamtverkehrsmodelle, die Daten zu Bevölkerung, Wirtschaft und Mobilitätsverhalten nutzen. Doch auf lokaler Ebene sind Nachfragemodelle oft weniger differenziert, beruhen auf älteren Erhebungen oder simplen Annahmen. «Mit dem digitalen Zwilling von Grüze schlagen wir hier eine Innovation vor: Wir wollen die Nachfrage digital und flexibel abbilden, sodass wir schneller auf neue Entwicklungen reagieren und das Verkehrsangebot zeitnah anpassen können.» Aufmacherbild: StadtWinterthur/Marcus Schmid Marion Ronca

Forschungsethik: Kontrolle gut, alles gut?

Herr K. hat jahrelang auf Baustellen schwerste körperliche Arbeit verrichtet. Heute leidet er unter chronischen Schmerzen und auch an einer Depression. Eine neue ergotherapeutische Behandlung, die gerade getestet wird, könnte Herrn K. helfen. Er ist jedoch als Teilnehmer ausgeschlossen. Zum einen reichen seine Deutschkenntnisse nicht für den Austausch mit den anderen Studienteilnehmenden aus, zum anderen erschwert seine doppelte Diagnose den Nachweis der Wirksamkeit der untersuchten Behandlung. Randomisierte kontrollierte Studien, kurz RCT, gelten als «Goldstandard» der Studiendesigns in den Humanwissenschaften. Testpersonen werden nach dem Zufallsprinzip auf eine Experimentalgruppe, die die neue Behandlung erhält, und eine Kontrollgruppe, die keine oder eine Standardbehandlung bekommt, verteilt. Der Einsatz einer Kontrollgruppe erlaubt, die Wirksamkeit einer neuen Behandlung besonders gut festzustellen. Dabei gilt: Je grösser der Kontrast zwischen der Experimentalgruppe und der Kontrollgruppe ist, desto eindeutiger das Forschungsergebnis. «Die Studien mit Registerdaten haben den Vorteil, dass sie der Realität besser entsprechen.» Brigitte Gantschnig, Professorin für Evaluation und Assessment an der ZHAW Was aus Sicht der Forschung sinnvoll ist, ist in ethischer Hinsicht nicht zwangsläufig unbedenklich: Durch strikte Ein- und Ausschlusskriterien und den Einsatz von Kontrollgruppen werden Menschen Behandlungen vorenthalten, die ihre Beschwerden vermindern könnten, für sie weniger belastend oder weniger kostspielig wären. Zwei ethische Fragen stellen sich deshalb mitunter bei ergotherapeutischer und physiotherapeutischer Forschung: Dürfen Personen aufgrund persönlicher Merkmale oder ihrer Diagnose im Vornherein aus Testversuchen ausgeschlossen werden? Und: Ist das Vorenthalten der neuesten Behandlungsmethode, wie sie in Kontrollgruppen erfolgt, ethisch zulässig? Für Brigitte Gantschnig , Professorin für Evaluation und Assessment in der Ergotherapie an der ZHAW, sind RCT vor allem deshalb problematisch, weil sie meistens mit sehr strengen Ein- und Ausschlusskriterien einhergehen. Dadurch werden Personengruppen von den Studien ausgeschlossen, die im klinischen Alltag oft anzutreffen sind. Oft sind es Personen mit gleichzeitig verschiedenen Diagnosen wie chronischem Schmerz und Depression, die einen hohen Therapiebedarf haben. Die Forscherin sieht daher Forschung mit Daten aus gesundheitsbezogenen Registern für ihre Arbeit als eine wichtige Alternative. Diese basieren auf systematisch gesammelten gesundheitsbezogenen Daten und übernehmen wichtige Funktionen in der Überprüfung von Versorgungsqualität, Wirksamkeit und Kostenwirksamkeit bei gesundheitsbezogenen Leistungen. «Die Studien mit Registerdaten haben den Vorteil, dass sie der Realität besser entsprechen, keine Klientengruppe ausgeschlossen werden muss und auch die langfristige Wirkung von Behandlungen untersucht werden kann.» Dass diese Studien mit Patientenregistern eher die Ausnahme als die Regel sind, ist Brigitte Gantschnig zufolge darauf zurückzuführen, dass RCT als Studiendesign in den Humanwissenschaften systematisch vorgezogen wird. «Forschungsanträge für Interventionsstudien, die kein RCT-Design aufweisen, werden im Begutachtungsprozess in der Schweiz schlechter bewertet als jene mit. Die Studie wird dann entweder nicht finanziert oder die Forschenden werden darauf hingewiesen, dass sie eine Kontrollgruppe planen sollen», so Brigitte Gantschnig. Für die Ethikkommission des Kantons Zürichs (KEK) stehen bei der Beurteilung von RCT in ethischer Sicht andere Fragen als die oben genannten im Vordergrund. Der Einsatz von Kontrollgruppen bedeutet für KEK nicht automatisch, dass Testpersonen in der Kontrollgruppe keine wirksame Therapie erhalten. Auch stellt der Ausschluss von Testpersonen aufgrund persönlicher Merkmale oder einer komplexen Diagnose ihrer Ansicht nach nicht zwangsläufig eine Benachteiligung dar. Gut überlegte Ausschlusskriterien schützen Personen, die voraussichtlich vom untersuchten Verfahren nicht profitieren beziehungsweise dadurch geschädigt würden. Bei der Beurteilung der Forschungsvorhaben sei immer die Forschungsfrage ausschlaggebend für die Wahl der Methodik: «Bei Interventionsstudien, die den Nutzen oder den Schaden einer Behandlung erforschen, sollte in der Regel eine Kontrollgruppe eingesetzt werden. Bei nichtinterventionellen Beobachtungsstudien zur Bestimmung von Krankheitsursachen oder Risikofaktoren sind andere Studiendesigns in der Regel geeigneter, wie beispielsweise Kohortenstudien, bei welchen zwei Gruppen wie ‘Raucher’ und ‘Nichtraucher’ beobachtet und verglichen werden», sagt Annette Magnin, Geschäftsführerin der Zürcher Ethikkommission. «Der Einsatz von Kontrollgruppen erlaubt nicht nur einen klareren Nachweis der Wirksamkeit, sondern er ermöglicht auch Aussagen zur Sicherheit.» Annette Magnin, Geschäftsführerin der Zürcher Ethikkommission Für die KEK stellt sich daher nicht die Frage, ob Kontrollgruppen an sich ethisch zulässig sind. Es könne genauso gut sein, dass der Verzicht auf Kontrollgruppen ethische Probleme aufwerfe. «Der Einsatz von Kontrollgruppen erlaubt nicht nur einen klareren Nachweis der Wirksamkeit einer Intervention, sondern er ermöglicht auch Aussagen zur Sicherheit der Experimentalgruppe, weil ein Abgleich mit der Kontrollgruppe erfolgt. Auf diese Weise können unerwünschte Effekte besser erkannt werden», so Annette Magnin. Auch in der physiotherapeutischen Forschung werden kontrollierte Studien RCT vorgezogen, weil sie eine gute Kontrolle der verschiedenen Einflüsse erlauben und sich auch dann noch die Wirksamkeit einer Intervention feststellen lässt, wenn sich die neue Behandlungsmethode nur wenig von der Standardbehandlung unterscheidet. Für Markus Wirz, Professor und Leiter des Instituts für Physiotherapie an der ZHAW, bieten Spezialformen der RCT einen Ausweg aus den ethischen Problemstellungen: «Bei Stepped-Wedge-Studien, die eine sequenzielle Einführung einer Intervention unter den Teilnehmenden vorsehen, erhalten alle Testpersonen früher oder später die experimentelle Behandlung. Die Kontrollgruppe erhält sie lediglich zeitversetzt. Dadurch ist sie gegenüber der Experimentalgruppe nicht benachteiligt.» «Spezialformen der RCT bieten einen Ausweg aus den ethischen Problemstellungen.» Markus Wirz, Leiter des Instituts für Physiotherapie Studien mit nur einem oder einer Teilnehmenden, sogenannte N-of-1-Studien, bieten gemäss Wirz eine Lösung für das Problem der strengen Ausschlusskriterien. Eine Testperson erhält zunächst die Standardtherapie und nach einer bestimmten Zeit die experimentelle Therapie. «Bei diesem Studiendesign kann im Prinzip jede Person, die sich für die Therapie interessiert, eingeschlossen werden», so Wirz. Zwar seien N-of-1-Studien hinsichtlich des Nachweises der Wirksamkeit einer Methode weniger aussagekräftig als Studien mit mehreren Testpersonen, aber sie liessen sich gut mit dem klinischen Alltag vereinbaren und seien in der Durchführung weniger kostspielig. Marion Ronca

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