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Aktive Filter: Kategorie: Menschen Autor: Ümit Yoker Ausgabe: 3/2022 Alle Filter entfernen
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Tandem-Führung: Kreagilität leben im internationalen Projekt

In einer komplexen, mehrdeutigen, sich immer schneller verändernden Welt reichen herkömmliche Handlungsmuster und Arbeitsroutinen oft nicht mehr aus, um Herausforderungen zu meistern. Es braucht neue, kreativ agile Herangehensweisen, da sind sich Birgitta Borghoff und Dagmar Frick-Islitzer einig. Diese Kreagilität ist denn auch der Kern des internationalen Erasmus+-Projekts , das die beiden zusammen initiiert haben und mit Partnerorganisationen aus Deutschland und Österreich realisieren. Borghoff und Frick-Islitzer erkunden konkret, wie kunstbasierte Strategien die Kommunikation in Organisationen transformieren können. «Künstlerinnen und Künstler kommen in der Regel sehr gut mit Unsicherheiten klar und sind in ungewohnten Situationen meist offen und flexibel», sagt Frick-Islitzer. Ausgetretene Pfade verlassen und schauen, wohin diese neuen Wege führen – das leben die Frauen auch in ihrer Zusammenarbeit: Zum einen sind die beiden in unterschiedlichen Institutionen tätig – Borghoff am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW, Frick-Islitzer in dem von ihr gegründeten Unternehmen Kubus Kulturvermittlung. Zum anderen überwindet ihr Projekt auch Landesgrenzen: Die Leitung des von der EU geförderten Erasmus+-Projekts Kreative Agilität obliegt Frick-Islitzer in Liechtenstein; Borghoff zeichnet als assoziierte Partnerin mit dem von Movetia, der nationalen Agentur für Austausch und Mobilität, finanzierten Projekt für den Schweizer Part verantwortlich. Die Aufgaben und Rollen waren von Anfang an klar verteilt. Umso wichtiger sei aber, dass die andere Person immer wieder bewusst einbezogen werde und ein kontinuierlicher Austausch stattfinde, gerade in Projektphasen, in denen die andere gerade nicht direkt involviert sei, sagt Borghoff. «Es gab für uns beide Momente, in denen wir uns aussen vor fühlten.» Auch einmal seinem Ärger freien Lauf lassen zu dürfen und doch stets das Verständnis der anderen auf sicher zu wissen – das habe die Zusammenarbeit und das Vertrauen ineinander stets weiter gestärkt. Kommt es bei so viel Komplexität und Nähe nicht auch einmal zu Reibungen? Die beiden Frauen überlegen kurz: Doch, tatsächlich habe auch schon Klärungsbedarf bestanden, erzählt Frick-Islitzer. Einmal etwa ging es um eine Autorenschaft: Borghoff habe damals die Gelegenheit genutzt, zusätzlich zwei Projektseminare zum Thema Kreative Agilität an der ZHAW zu initiieren, wo sie ja auch als Dozentin tätig sei – ein Mehraufwand für sie, aber auch eine tolle Gelegenheit für die Studierenden, ihre eigenen kreagilen Fähigkeiten beim Designen von Texten für die Projekt-Website zu erproben, und ein Mehrwert für das Erasmus+-Projekt. Gleichzeitig war es Frick-Islitzer wichtig, in ursprünglich von ihr verfassten Texten als alleinige Autorin aufgeführt zu werden. «Ich wollte Birgitta auf keinen Fall vor den Kopf stossen.» Sie entschied sich deshalb dafür, eine E-Mail zu schreiben. «Das gab mir die Zeit, meine Gedanken und Argumente in Ruhe zu formulieren.» Sie habe es damals sehr geschätzt, mit wie viel Bedacht ihre Kollegin ihre Worte gewählt habe, erinnert sich Borghoff. Und Frick-Islitzer ergänzt: «Wir wissen, dass wir uns auch unsere verletzlichen Seiten zeigen können – ohne dass das an unserer professionellen Beziehung etwas ändert.» Ümit Yoker

Tandem-Führung: Auch in leitender Funktion unterrichten

Bald ein Jahr teilen sich Heidi Bruderer Enzler und Martin Biebricher nun die Leitung des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit an der ZHAW. Volle 140 Stellenprozent kommen hier zusammen. «Ein solches Aufgabenspektrum könnte eine Person alleine gar nicht abdecken», so Biebricher. Der Studiengang, der gerade reformiert werden soll, war entsprechend schon vorher von zwei Personen geführt worden. Mit der Co-Leitung ist auch ein Teilpensum in der Lehre verbunden. Sowohl für Biebricher als auch Bruderer ist diese Ergänzung weit mehr als einfach «Job Enrichment»: «Ich finde es selbstverständlich, dass wir auch in leitender Funktion weiter vor den Studierenden stehen, Prüfungen abnehmen oder ihre Bachelorarbeiten betreuen», sagt Biebricher. «Das trägt viel zu unserer Glaubwürdigkeit bei, auch bei den Dozierenden.» Es sei für sie beide sehr wichtig, den Bezug zu den Studierenden und zum Studiumsalltag nicht zu verlieren, betont Bruderer. Biebricher ist seit über einem Jahrzehnt an der ZHAW tätig, erst kürzlich wurde ihm der Lehrpreis der Studierenden verliehen. Er kennt die Soziale Arbeit von der Pike auf und war zuletzt stellvertretender Leiter des ZHAW-Instituts für Kindheit, Jugend und Familie. Bruderer hingegen ist neu an der ZHAW. Die Co-Leitung der beiden begann deshalb zumindest diesbezüglich mit einem gewissen Gefälle. «Martin kennen alle auf dem Gang», sagt Bruderer schmunzelnd. «Das ist bei mir natürlich anders.» Es komme schon vor, dass sich Personen auch mit Fragen, die in den Zuständigkeitsbereich seiner Co-Leiterin fielen, immer noch automatisch an ihn wendeten, räumt Biebricher ein. So ist Bruderer etwa für das Basis- und Biebricher für das Hauptstudium verantwortlich. In solchen Fällen verweise er immer an seine Kollegin. «Das haben wir von Anfang an strikt eingehalten.» Ein gemeinsames Mailpostfach habe ebenfalls geholfen. Viele Anfragen gingen direkt dorthin und nicht mehr an ihre persönlichen E-Mail-Accounts. «Zudem achten wir sehr darauf, an Anlässen wie internen Konferenzen, Einführungstagen für die Studierenden oder Diplomfeiern gemeinsam aufzutreten und die Co-Leitung auch so sichtbar zu machen», ergänzt Bruderer. Ganz wichtig für die Balance der geteilten Leitung: Mit dem Bereich Finanzen obliegt Bruderer die Verantwortung für einen der grossen Schlüsselposten. Die finanziellen Entscheidungen laufen primär über die Co-Leiterin, während Biebricher stärker für Rechtsfragen und die curriculare Integration zuständig ist. «Es braucht gerade in unserem Fall sicher eine gewisse Ausdauer, um die Co-Leitung fest im Hochschulalltag zu verankern», sagt Biebricher. Gerade in anspruchsvollen Situationen helfe es zu wissen, dass die geteilte Leitung des Studiengangs von der Departementsleitung ganz klar gewollt ist und als Mehrwert verstanden wird. Ümit Yoker

Tandem-Führung: Führen und weiterhin forschen

Als Ursula Stadler Gamsa und Liana Konstantinidou vor gut drei Jahren die gemeinsame Führung des ILC Institute of Language Competence vorgeschlagen wurde, war Stadler bereits stellvertretende Leiterin des Instituts am Departement für Angewandte Linguistik der ZHAW . Sie brachte viel Führungserfahrung mit und kannte das Institut gut – die Angewandte Forschung aber, die in den letzten Jahren an der ZHAW immer wichtiger geworden ist, habe sie zu wenig verkörpert, erzählt sie. Konstantinidou hingegen kam aus der Forschung und war gerade dabei, ihre Professur an der ZHAW aufzubauen. Beide hätten sich die Stelle auch alleine zugetraut, doch eine Einzelbesetzung wäre in diesem Fall die zweitbeste Lösung gewesen. «Natürlich nehmen die vielen Absprachen in einer Co-Leitung mehr Zeit in Anspruch, als wenn jemand einfach alleine vorpreschen kann», sagt Stadler. «Doch sie führen eben auch zu reiferen und austarierteren Entscheidungen.» «Es hat mich gereizt, beim Aufbau und der Konsolidierung des Studiengangs Sprachliche Integration – Deutsch als Fremd- und Zweitsprache mitwirken zu können», sagt Konstantinidou. Gleichzeitig kam eine Führungsfunktion für die Sprachwissenschaftlerin nur in Frage, wenn sie ihre eigene Forschungstätigkeit würde weiterführen können. «Es ist bei unserer Co-Leitung entsprechend nie darum gegangen, eine Teilzeitbeschäftigung ausüben zu können», betont Konstantinidou, die wie Stadler in einem Hundertrprozentpensum arbeitet. «Ein hohes Pensum ermöglicht in solchen Funktionen ein breites Portfolio». Als alleinerziehende Mutter mit finanzieller Hauptverantwortung wäre für sie ein kleines Pensum auch nicht in Frage gekommen. «Liana ist eine ausgezeichnete Netzwerkerin und sehr gut in der Akquise», sagt Stadler über die Stärken ihrer Co-Leiterin. «Ursula kann die Menschen besser abholen als ich», gibt Konstantinidou das Kompliment zurück. Wer den Frauen zuhört, merkt rasch, wie geübt sie darin sind, die Gedanken des Gegenübers aufzunehmen und weiterzudenken; ein Stichwort scheint oft auszureichen, um ein neues Gespräch anzustossen. Sie pflegten eine sehr offene und direkte Art der Kommunikation miteinander, sind sich beide einig, keine von ihnen sei rasch beleidigt oder nehme schnell etwas persönlich. «Das hat sehr viel mit einem Vertrauen zu tun, dass mir die andere Person grundsätzlich wohlgesinnt ist», sagt Konstantinidou. Und Stadler fügt hinzu: «Wir hätten auch gar nicht die Zeit, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen.» Ümit Yoker

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