Menü
Logo Logo
  • DE
  • EN
  • Dossier 8
  • Main Topic 8
  • Panorama 2
  • Weiterbildung 2
  • Abschlussarbeiten 1
  • Alumni 1
  • Changing Perspectives 1
  • Editorial 1
  • Forschung 1
  • Menschen 1
  • People 1
  • Perspektivenwechsel 1
  • Research 1
  • Spotlight 1
  • Studium 1
  • Study 1
  • Thesis 1
  • Veranstaltungen 1
  • Eveline Rutz 2
  • Interview Patricia Faller 2
  • Susanne Wenger 2
  • Abraham Gillis 1
  • Andrea Söldi 1
  • Aufgezeichnet von Sibylle Veigl 1
  • Corinne Amacher 1
  • INTERVIEW CLAUDIA GÄHWILER 1
  • Interview Kathrin Reimann 1
  • Matthias Kleefoot 1
  • Rahel Lüönd 1
  • Rahel Meister 1
  • Sibylle Veigl 1
  • Stephan Pörtner 1
  • Thomas Müller 1
  • 3/2019 21
Aktive Filter: Ausgabe: 3/2019 Alle Filter entfernen
Es wurden 21 Ergebnisse in 2 Millisekunden gefunden. Zeige Ergebnisse 1 bis 10 von 21.
  • 1
  • 2
  • 3
  • »
Ergebnisse pro Seite:

Swiss TecLadies: Mehr Mädchen für technische Karrieren begeistern

Unentwegt düst ein kleiner Roboter im Kreis herum, ein anderer fährt rückwärts, einer bewegt sich ruckartig. «Was habe ich falsch gemacht?», fragt sich eine der jungen Programmiererinnen. Eine andere sagt schmunzelnd: «Das war so geplant!», und geht an den Computer zurück. Zwölf junge Frauen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren schreiben an diesem Nachmittag an der School of Engineering Robotersoftware. In einem ersten Schritt haben sie die mobilen Geräte zum Blinken gebracht. Nun sind sie mit der Steuerung der beiden Räder beschäftigt und erleben anschaulich, wie sich kleinste Änderungen der Befehle auswirken. Konzentriert verbessern sie einzelne Bausteine, bis der Mini-Roboter macht, was er soll. «Von klein auf bin ich fasziniert davon, dass eine Textzeile eine ganze Anlage in Bewegung setzen kann», sagt Kursleiter Jérôme Perdrizat, wissenschaftlicher Assistent am Institut für Mechatronische Systeme (IMS) der ZHAW. In diesem Fachbereich lerne man immer wieder Neues hinzu. «Ich hoffe, ich kann euch diese Begeisterung heute weitergeben.» Der Workshop ist Teil des nationalen MINT-Förderprogramms Swiss TecLadies der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW), das im Herbst 2018 erstmals gestartet wurde. «Ziel ist es, mehr Frauen für eine technische Karriere zu begeistern», sagt Edith Schnapper, eine der Programmverantwortlichen. In der Informatik- und Technikbranche liege der Frauenanteil meist unter 10 Prozent. Dass sich Mädchen eine entsprechende Ausbildung häufig nicht zutrauten, hänge mit stark ausgeprägten Stereotypen zusammen. Sie würden in ihrem Interesse zudem zu wenig unterstützt. «Dagegen möchten wir etwas unternehmen», so Schnapper. 45 Mentees nehmen am Programm teil. Jeder steht eine erfahrene Berufsfrau zur Seite. «Das Interesse war auf beiden Seiten gross», sagt Adrian Sulzer, Leiter Kommunikation und Marketing der SATW. Rund 320 Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren haben sich am kniffligen Eintrittstest beteiligt; für das ehrenamtliche Engagement als Mentorin sind 85 Bewerbungen eingegangen. Fachliche Präferenzen sowie der Wohnort waren auchschlaggebend dafür, welche Duos gebildet wurden. Sie stehen während der gesamten Zeit des Förderprogramms in Kontakt und besuchen einen Teil der Veranstaltungen gemeinsam. «Die Mentees sollen sehen, wie spannend Technik ist», sagt Monika Reif, Dozentin an der ZHAW School of Engineering. Sie sitzt zusammen mit Amrei Schmücker vor dem Bildschirm. Gemeinsam bringen sie den Mini-Roboter in Fahrt. «Ich erhalte hier andere Inputs als in der Schule», sagt die 16-Jährige, die an der Kantonsschule Kreuzlingen in einer MINT-Klasse ist. Sie habe am Gymnasium zwar auch schon programmiert. Trotzdem sei der heutige Nachmittag spannend. Zu ihrer Mentorin habe sie ein gutes Verhältnis, sagt die junge Frau weiter. «Sie ist offen und hat mir bereits viel geholfen.» «Ich bin von Robotern allgemein fasziniert, und Programmieren ist nicht schwierig und macht Spass.» Noëmi Fässler, 14 Jahre Monika Reif hat ihre Mentee beispielsweise auf einen Rundgang durch die ZHAW mitgenommen. Sie hat Amrei einen Einblick in ihre eigene Tätigkeit gegeben und gezeigt, was an der Hochschule im Bereich Aviatik gelehrt und geforscht wird. «Ich möchte ihr vermitteln, dass es keine typischen Frauen- und Männerberufe gibt», sagt sie, «dass ihr viele Wege offenstehen und sie sich frei entscheiden kann.» Noëmi Fässler aus Einsiedeln kann sich gut vorstellen, dereinst in der Informatik- oder Technikbranche zu arbeiten. Sie hat durch das Mentoring-Programm neue Fachrichtungen kennengelernt. «Ich bin von Robotern allgemein fasziniert», sagt die 14-Jährige. Das Programmieren bereitet ihr keine Probleme. «Es ist nicht schwierig und macht Spass.» Die letzte Aufgabe hat es allerdings in sich. Das flinke Gerät soll nun einer schwarzen Linie folgen; die Software muss die Fahrtrichtung regeln. Der Ehrgeiz der Teilnehmerinnen ist geweckt: Um die Befehle zu optimieren, wechseln sie ausdauernd zwischen PC und Teststrecke hin und her. Selbst als der Kurs offiziell endet, arbeiten einzelne weiter. «Viele Teilnehmerinnen sind richtiggehend aufgeblüht», stellt Edith Schnapper von der SATW fest. «Sie waren mit Neugierde dabei und sind selbstständiger geworden.» Rückmeldungen von Eltern bestätigten diesen Eindruck. Das Selbstvertrauen zu stärken, ist neben dem fachlichen ein zentraler Teil des Förderprogramms, das im nächsten Durchgang 2020/21 auch in der Romandie durchgeführt wird. Mädchen sollen ihrer Freude an technischen Fachrichtungen mutiger nachgehen. «Technische Berufe sind äusserst interessant und lassen sich mit einer Familie vereinbaren.» Maschinenbauingenieurin Monika Reif Maschinenbauingenieurin Monika Reif hofft, dass Frauen in ihrem Berufsfeld künftig besser vertreten sein werden. «Zwei bis drei Studentinnen pro Klasse sind einfach zu wenige.» Sie selbst ist von ihrem Vater darin bestärkt worden, ihren Interessen zu folgen. «Als Frau fällt man auf, man muss sich ein Stück weit mehr beweisen.» Technische Berufe seien jedoch äusserst interessant und liessen sich mit einer Familie vereinbaren, sagt die Mutter zweier Kinder. Teilzeitstellen seien nicht nur an den Hochschulen, sondern ebenso in der Industrie vorhanden. Die Gymnasiastin Amrei Schmücker möchte dereinst ebenfalls eine technische Laufbahn einschlagen. Auf ihre Mentorin kann sie weiterhin zählen. «Sie hat mir gesagt, dass ich sie auch später jederzeit kontaktieren kann.» Um bei Kindern das Interesse an technischen und naturwissenschaftlichen Berufen früh zu wecken, engagiert sich die ZHAW vielseitig. Die School of Engineering und das Departement Life Sciences und Facility Management beteiligen sich jeweils mit mehreren Vorlesungen an der Kinderuniversität Winterthur. Bei der Wahl der Dozierenden achten sie dabei auf eine angemessene Vertretung der Frauen. Mädchen sollen weibliche Vorbilder zu Gesicht bekommen. Am Nationalen Zukunftstag und in der Nacht der Technik richtet sich die Hochschule ebenfalls gezielt an den Nachwuchs. 6- bis 19-Jährige, die sich dem MINT-Club angeschlossen haben, informiert sie zudem regelmässig über aktuelle Veranstaltungen, Workshops sowie Führungen. Die «Science Week» in Wädenswil gibt Jugendlichen jeweils während der Sommerferien die Möglichkeit, zu experimentieren, zu forschen und zu staunen. Sie lernen beispielsweise, wie man die DNA einer Pflanze isoliert oder wie man eine elektronische Glückwunschkarte lötet. Am «Girls Only Day» sind die Mädchen unter sich. Für Schulklassen organisiert die ZHAW individuelle Rundgänge und Laborbesuche. Antworten auf typische Kinderfragen gibt es in einem Buch der School of Engineering. Unter dem Titel «Kinder fragen Experten» erklären Dozierende etwa, wie aus Sonnenstrahlen Strom gewonnen wird, was man unter dem Treibhauseffekt versteht und wie die Tower Bridge funktioniert. Eveline Rutz

Die Datengräber

Skalieren: Simon Michel und Roman Lickel haben das Zauberwort der Startup-Szene verinnerlicht: «Unser Ziel ist, möglichst schnell zu wachsen», sagt der eine, «Skalierbarkeit ist unser grösstes Thema», der andere. Klassisches Unternehmertum mit linearem Wachstum war gestern, heute ist exponentielle Ausdehnung gefragt – gross werden um jeden Preis. Die Jungunternehmer verkörpern den Wachstumsimperativ trefflich: Sie sind agil, geschäftstüchtig – und besessen von ihrer Idee. Zusammen mit Lukas Stolz und Nico Schefer sitzen sie am Holztisch im Runway Startup Incubator im Winterthurer Technopark und erzählen ihre Story. Der Inkubator der ZHAW ist eine Startrampe für Gründer und bietet günstige Räume, Coaching und Betreuung. Tischfussball, farbige Hocker, offene Türen und leere Kaffeetassen lassen auf reichlich Startup-Groove schliessen. Am Eingang hängt ein Poster mit Raketen darauf, versehen mit Portraits der Gründer und lockeren Sprüchen. Links oben klebt die Prognolite-Rakete. Das vor drei Jahren gegründete Unternehmen ist das älteste von zehn hier eingemieteten Startups. Der Umzug in grössere Räume ist für Ende Jahr geplant; es wäre der Beweis, dass der Antrieb gezündet hat. Die Firma bietet eine App an, mit der Restaurants voraussagen können, wie sich das Gästeaufkommen entwickelt. «Das erlaubt den Wirten, Food Waste zu verringern und Personalkosten zu sparen», sagt Simon Michel. Die Lösung basiert auf Algorithmen, in denen bis zu 1,5 Millionen Kassenbons pro Restaurant der letzten zwei Jahre mit verschiedenen relevanten Daten in Beziehung gesetzt werden, etwa Saisonalität, Wetterdaten, Feiertage oder Schulferien. Durch das Zusammenspiel der Informationen sagt der Algorithmus voraus, wie viel Umsatz das Restaurant machen wird, und erstellt eine Prognose für den Absatz von bestimmten Lebensmitteln. Am Ende lässt sich alles auf dem Handy an sauberen Diagrammen ablesen. Die Idee, die Grosses entfalten soll, geht wie häufig bei funktionalen Innovationen von frustrierten Kunden aus. In dem Fall war es Simon Michel, der an der School of Management and Law Betriebswirtschaft studiert hatte. Nach dem Studium war er bei den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EKZ) zuständig dafür, einen Teil des Schweizer Stromverbrauchs zu prognostizieren, auf fünf Jahre hinaus und auf die Viertelstunde genau. Als Vegetarier fiel ihm auf, dass im EKZ-Personalrestaurant das Vegi-Menü häufig ausverkauft war. Wenig später, er war in den Skiferien, störte er sich an den langen Warteschlangen in einem Bergrestaurant. «Die Betriebe», so Simon Michel, «hatten offensichtlich Mühe, den Food- und Personaleinsatz zu kalkulieren, weil sie das Gästeaufkommen nicht abschätzen konnten.» «Ich profitiere enorm von meinem ZHAW-Studium und kann viel gelerntes Wissen direkt anwenden.» Simon Michel Das war der Anstoss zu Prognolite. «Nach der Idee ging alles ganz schnell», erinnert sich Simon Michel. Erfahrung mit dem Erstellen von Prognosen hatte er von seinem EKZ-Job her, für die Programmierung der App brauchte es einen Informatiker. Er kontaktierte Roman Lickel, den er vom Unihockey kannte und der an der School of Engineering Computer Science studiert hat. Für ihn ergab die Idee «mega Sinn», nach einem Bier waren sich die beiden einig. «Simon hatte es eilig und sagte: Morgen legen wir los.» Mitte 2016 gründeten sie eine GmbH, erstellten einen Businessplan und nahmen die zweite Phase in Angriff: die Entwicklung eines Prototyen. Während sich Roman Lickel in Beschaffung und Aufbereitung von Daten und Schnittstellen auskennt, bringt Simon Michel Know-how in der Erstellung von Prognosen und Betriebswirtschaft ein. «Ich profitiere enorm von meinem ZHAW-Studium und kann viel gelerntes Wissen direkt anwenden», sagt er. Der erste Algorithmus wurde vom Institut für Datenanalyse und Prozessdesign (IDP) der ZHAW entwickelt, mit dem sie eng zusammenarbeiten. Getestet wurde das Tool in der Juckerfarm, die das Problem der Prognosen in den Erlebnishöfen nur zu gut kennt: In Seegräben und Jona variiert das Gästeaufkommen stark. Bei schönem Wetter läuft an einem Wochenende dreimal mehr als bei schlechtem. «Jeder hat sein eigenes Gärtchen, aber alle ziehen am gleichen Strick.» Roman Lickel Der Wachstumsdruck zwingt die Gründer, offen für jede erdenkliche Verbesserung des Produkts zu sein. Für die Weiterentwicklung stellten sie zwei Spezialisten ein. Zunächst stiess Lukas Stolz dazu, Informatiker und Data Scientist, der sich an der School of Engineering zum Wirtschaftsingenieur ausbilden liess und nun das Masterstudium macht. Er ist für die Entwicklung der Prognosealgorithmen zuständig. Anfang 2019 wurde Nico Schefer eingestellt, gelernter Koch, ehemaliger Restaurantmanager, Absolvent der Hotelfachschule Belvoirpark und Student der Betriebswirtschaft an der School of Management and Law. Als Gastronom spricht er die Sprache der Kunden und kümmert sich um die Akquisition. Roman Lickel beschreibt die Dynamik des Teams so: «Jeder hat sein eigenes Gärtchen, aber alle ziehen am gleichen Strick.» «Viele Gastronomen sind zunächst skeptisch und glauben, es handle sich um Glaskugellesen, aber wir zeigen ihnen, dass wir wissenschaftlich vorgehen.» Simon Michel Zum Wachstumsmodell gehört es, die Firma von Meilenstein zu Meilenstein vorwärtszubringen. Bis Ende 2019 soll Prognolite 50 Kunden zählen. Bereits steht einer der grössten Schweizer Anbieter der Gemeinschaftsgastronomie auf der Liste, ebenso einige Betriebe von Autogrill, das auf vegane Küche spezialiserte Roots sowie Nooch, die Kette asiatischer Restaurants. «Viele Gastronomen sind zunächst skeptisch und glauben, es handle sich um Glaskugellesen», sagt Simon Michel, «aber wir zeigen ihnen, dass wir wissenschaftlich vorgehen.» Die Prognosegenauigkeit liege im Durchschnitt bei 90 Prozent für den Folgetag. Das Tool kostet einige hundert Franken pro Restaurant und Monat, wobei die Einsparungen «um ein Vielfaches höher sind». Die Software wird nun laufend weiterentwickelt, unter anderem auch in ZHAW-Forschungsprojekten. Mit dem Wachstum beginnt auch der Kampf ums Geld. Organisches Wachstum – etwa mit einem Bankkredit – ist für Startups keine Option. Für die Skalierung brauchen sie Kapital von risikofreudigen Investoren. Diese finden die Prognolite-Gründer an Pitching Events, Netzwerkanlässen oder Wettbewerben. Finanziell unterstützt werden sie unter anderem von der Klimastiftung Schweiz und dem Klimafonds Stadtwerk Winterthur. Derzeit läuft eine weitere Finanzierungsrunde. Beim EU-Programm Horizon 2020 haben sie die erste Stufe geschafft und 50'000 Euro eingenommen. In einer nächsten Stufe geht es nun um den Jackpot von 2 Millionen Euro. Das Geld soll helfen, dass die Skaleneffekte möglichst rasch einsetzen. Etwa durch die Expansion nach Deutschland und in weitere Nachbarländer, die für nächstes Jahr geplant ist. Oder die fortschreitende Automatisierung der Softwarelösung, die es erlauben soll, dass der Aufwand trotz Grössenwachstum möglichst gering bleibt. Im Kern geht es bei der Skalierung um die Frage, inwieweit sich der Umsatz steigern lässt, ohne immer neue Investitionen tätigen zu müssen. Jeder neu gewonnene Kunde, jeder Umsatzfranken führt den Jungunternehmern freilich auch neue Herausforderungen vor Augen. Simon Michel verweist auf «die wachsende Verantwortung für alle Anspruchsgruppen und die Schwierigkeit, Mitarbeitenden, Kunden, Investoren und der Familie immer gerecht zu werden». Roman Lickel sieht die Gefahr des Verzettelns: «Wir müssen stets darauf achten, den Fokus zu halten und uns nur auf unser Produkt zu konzentrieren.» Damit dies gelingt, bringen die vier, alle um die 30 Jahre alt, ihre gesammelte Erfahrung ein. Simon Michel etwa hatte als Gymnasiast bereits einmal ein Startup gegründet, das abging wie eine Rakete. Er war damals 17 und begann, zusammen mit Kollegen defekte iPods und iPhones zu reparieren. Die Teenager waren so versiert, dass ihnen führende Telekomanbieter wie Media Markt oder Swisscom Kunden vermittelten. Simon Michel hatte noch nicht einmal die Matura abgelegt und setzte schon 100'000 Franken um. Heute würde ihm das Unternehmen allerdings nicht mehr entsprechen: Das Geschäftsmodell war nicht skalierbar. Corinne Amacher

Ein Computerspiel für die Nackenschmerztherapie

Lange Arbeitstage vor dem Computer, der häufige Blick auf das Smartphone oder wenig Bewegung begünstigen Nackenschmerzen. Bleiben diese unbehandelt, kann das langfristig zu starken Beeinträchtigungen führen. So sind Nackenbeschwerden ein weit verbreitetes Problem und weltweit die vierthäufigste Ursache für Behinderungen. Bis jetzt gibt es keine Therapie, welche die Bewegungen der Betroffenen präzise misst und damit Fehlhaltungen und den Therapieerfolg aufzeigt. Deshalb haben ZHAW-Forschende des Departements Gesundheit und der School of Engineering zusammen mit dem Industrie-partner Hocoma und Partnern aus der klinischen Praxis die «Valedo Nackentherapie» entwickelt. Um Nackenbeschwerden zu lindern, gibt es keine einheitliche Therapie. Zu unterschiedlich sind die Ursachen, zu vielfältig die Bedürfnisse der Betroffenen. Insbesondere bei Menschen mit einer gewohnheitsmässigen Fehlhaltung kann eine Feedbackbasierte Physiotherapie nützlich sein. Das entwickelte System soll deshalb eine individualisierte und günstige Therapie ermöglichen und zudem Spass machen. Es erfasst über Sensoren die Bewegungen der Patientin oder des Patienten und überträgt diese in ein Computerspiel. Die Bewegungen werden so visualisiert. Gleichzeitig wird die Haltung des Nackens analysiert. So können Fehlhaltungen wie der nach vorne geschobene Kopf – auch Schildkrötenhals genannt – sichtbar gemacht werden. «Mit dieser Nackentherapie können wir Übungen anbieten, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Betroffenen abgestimmt sind», erklärt Projektleiter Christoph Bauer vom Departement Gesundheit der ZHAW. Die Patientinnen und Patienten müssen dann beispielsweise mit gezielten Nackenbewegungen eine Entenmutter steuern, die in einem Teich ihre Küken füttert. Diese sogenannte «Gamification» macht aus eher trockenen Übungen ein motivierendes Spiel. Das Messsystem wurde ursprünglich für Virtual Reality-Brillen verwendet und von den ZHAW-Forschenden mit einer eigens entwickelten Sensor-Hardware und -Software ergänzt. Damit verfügt der Wirtschaftspartner Hocoma über freie Gestaltungsmöglichkeiten bei der Entwicklung eines marktreifen Messgerätes für Nackenbewegung. Die Forschenden wollten sichergehen, dass sich die Therapie in der Praxis bewährt. Deshalb waren neben Hocoma zahlreiche weitere Praxispartner an dem von der Agentur für Innovationsförderung des Bundes Innosuisse mitfinanzierten Projekt beteiligt. Die Universitätsklinik Balgrist, Balgrist Mov> Med, die Medbase Praxis Archhöfe und das Physiowerk Aadorf haben definiert, für welche Patientinnen und Patienten die Methode entwickelt werden soll und wie präzise die Messungen sein müssen. Die ZHAW-Forschenden haben basierend auf diesen Anforderungen zwei Prototypen entwickelt. Getestet wurde die Nackentherapie mit 24 Testpersonen und zwölf Therapeutinnen wiederum in den Kliniken. Das Feedback aus diesen Tests soll nun in die Weiterentwicklung der Prototypen einfliessen. «Mittelfristig soll das Computerspiel nicht nur bei der Physiotherapeutin oder beim Physiotherapeuten, sondern auch zu Hause benutzt werden können», so Bauer. Wer nicht so lange warten wollte, durfte den Prototypen bereits beim nationalen Digitaltag anfangs September in Zürich am Hauptbahnhof testen. Dort interessierte sich auch Bundespräsident Ueli Maurer für die Nackentherapie und liess sich die Funktionsweise erklären.

«Die Pflege muss sich einmischen»

Auf dem kleinen Besprechungstisch im Büro der Chefin steht eine grosse, schöne Orchidee. Wer der Leiterin des ZHAW-Instituts für Pflege gegenübersitzt, erhält jedoch keine Botschaften durch die Blume. Katharina Fierz, 58, Pflegewissenschaftlerin mit Doktortitel, spricht Klartext: «Die Pflege muss sich einmischen», sagt sie. Ihr gefallen selbstbewusste Pflegevertreterinnen und -vertreter, die das gesellschaftliche Potenzial ihres Fachgebiets in die Öffentlichkeit und alle möglichen Gremien tragen. Auch sei die Pflege einer der spannendsten Berufe, die sie kenne, betont die Institutsleiterin: «Wer sich auf sie einlässt, wagt etwas und bekommt viel zurück.» Ihre Stelle in Winterthur übernahm Fierz im Frühling 2018. Sie wechselte von der Universität Basel, wo sie für das pflegewissenschaftliche Masterprogramm verantwortlich war. Auf die Frage, wie das erste Jahr nach dem Wechsel von der Uni an die Fachhochschule war, antwortet sie «streng» und lacht. Vorher habe sie sich vorwiegend um Inhalte gekümmert und Studierende betreut. Jetzt, mit der Führungsfunktion, seien vermehrt Strukturen, Organisationseinheiten und Verbindungen in ihr Blickfeld gerückt: «Meine neue Position macht es notwendig, dass ich diese kennenlernte, mit ihnen arbeite, kommuniziere, netzwerke.» Das sei so interessant wie anspruchsvoll. An der Führungsaufgabe reizt Katharina Fierz das Mitgestalten: der Pflege als Profession, des Instituts mit seinen 62 Mitarbeitenden und über 400 Studierenden, der ZHAW als Bildungsinstitution. Sie unterstützt und fördert gerne Menschen. Zusammenarbeit und Partnerschaftlichkeit sind ihr wichtig. Da habe sie seit ihrem Einstieg Akzente gesetzt, sagt sie: «Ich bilde mir meine Meinung nicht im stillen Kämmerlein, sondern in der Diskussion und Auseinandersetzung mit anderen.» Sie sei, als Vorgesetzte und Person, fassbar und zugänglich. Das werde geschätzt – jedenfalls erhalte sie entsprechendes Feedback. «Die Pflege braucht ihre eigene Forschungsbasis.» Dass Katharina Fierz ihr Berufsleben der Pflege widmen würde, stand nicht von Anfang an fest. Nach der Matura in Zürich studierte sie Anglistik, dann Biologie. Beides brach sie ab, das eine freiwillig, das andere unfreiwillig. «Ich bestand die Prüfung nicht», erinnert sie sich. Eine ungewohnte Erfahrung für die sonst stets Bestleistungen erzielende Schülerin und Studentin. Das Selbstbewusstsein war angeknackst. Als junge Frau wandte sie sich vorerst von der akademischen Welt ab. Sie absolvierte eine Ausbildung als diplomierte Pflegefachfrau und arbeitete zehn Jahre lang in der Psychiatrischen Universitätsklinik (PUK) in Zürich. In der Pflegepraxis tätig zu sein, erfüllte sie sehr. Doch als sie erfuhr, in Basel baue die Medizinische Fakultät den ersten Lehrstuhl für Pflegewissenschaft an einer Schweizer Universität auf, zog es sie zur Alma Mater zurück. Als das neue Institut 2000 den Betrieb aufnahm, gehörte Katharina Fierz zum ersten Jahrgang der Studierenden. Später promovierte sie. In ihrer Dissertation untersuchte sie, wie die Pflege HIV-Betroffene im Umgang mit Symptomen unterstützen kann, für die es zu jener Zeit noch keine unmittelbar lindernden Massnahmen gab. So machte eine bleischwere Müdigkeit vielen Patientinnen und Patienten zu schaffen. Mit Support der Pflege lernten sie, damit umzugehen, und gewannen so die Kontrolle über ihren Alltag zurück. Gute Pflege richte den Blick auf den ganzen Menschen, das Umfeld, den Alltag, den Umgang mit der Erkrankung, sagt Katharina Fierz. An dem Beispiel zeigt sich für sie das Wesen der Pflege und ihrer Erforschung: «Es geht nicht nur um ‹Cure›, also um Heilung, sondern ganz umfassend um ‹Care›.» Während der Zeit an der Universität Basel stiess sie auch erstmals auf ein Thema, über das sie später publizierte und ihre Antrittsvorlesung an der ZHAW hielt: wissenschaftliches Fehlverhalten. Damit ist unter anderem gemeint, dass Forschende Daten erfinden oder – ohne dies zu beschreiben – verändern. Dass sie fremde Gedanken als eigene ausgeben oder Textpassagen ohne Herkunftsangabe übernehmen. Schweizer Erhebungen dazu gibt es nicht, internationale erst wenige. Fierz hat sie alle studiert. Das Problem dürfte verbreiteter sein als angenommen, schliesst sie daraus. Und wie die Medizin sei auch die Pflegewissenschaft nicht gegen Fehlverhalten gefeit. «Die Pflege muss von Gesetzes wegen immer noch für jeden Pipifax eine ärztliche Verordnung einholen.» Katharina Fierz Meist stehe gar keine betrügerische Absicht dahinter, sondern ungenügendes Bewusstsein. Oder auch eine Kultur, in der gewisse Dinge nicht angesprochen werden dürfen. Dass die Grenze zwischen richtig und falsch vielfach fliessend sei, macht es auch nicht einfacher. Ihr Interesse an diesem speziellen, ja heiklen Gegenstand sei rein forschungsbedingt, stellt Fierz klar. Nie habe sie in ihrem Umfeld unlauteres Gebaren in verfälschender Absicht beobachtet. Es gehe aber um die Glaubwürdigkeit der Forschung, deshalb müssten schon Studierende dafür sensibilisiert und in korrektem Verhalten geschult werden. Seit Katharina Fierz ihr Pflegestudium begann, hat sich die Pflege als akademisches Fach in der Schweiz weiter etabliert. Davon zeugen auch die Master-Studiengänge an den Fachhochschulen. Richtig so, findet sie: «Die Pflege braucht ihre eigene Forschungsbasis.» Eines ihrer Ziele als Institutsleiterin ist es, die Rolle der «Advanced Practice Nurse» (APN) ausgestalten zu helfen. Qualifizierte Pflegeexpertinnen können an verschiedenen Orten im Gesundheitswesen verantwortungsvolle, wirtschaftlich tragbare Aufgaben übernehmen, stellt sie fest und beginnt einige aufzuzählen: Betreuung der zunehmend älteren, chronisch kranken Menschen in den Hausarztpraxen, Begleitung von Patienten vor, während und nach dem Spitalaufenthalt, Übernahme komplexer Aufgaben im Spital. Auch wenn bereits einige APN im Einsatz sind, fehlt es noch an wichtigen Voraussetzungen. Wieder wird Fierz deutlich: «Die Pflege muss von Gesetzes wegen immer noch für jeden Pipifax eine ärztliche Verordnung einholen.» Sie unterstützt die Pflegeinitiative, die das ändern möchte. Und sie ist optimistisch. Integrierte Gesundheitsversorgung, in der die Berufe auf Augenhöhe zusammenarbeiten, werde sich durchsetzen. An die Kraft zur Veränderung glaubte sie schon in jugendlichem Alter, als sie sich in der Stadt Zürich gegen Wohnspekulation engagierte. Heute wohnt sie mit ihrem Partner in einer Genossenschaftssiedlung am Stadtrand von Zürich. Der Limmatstadt hat sie nie den Rücken gekehrt. In Zürich ist sie verwurzelt, sie mag den See, die Urbanität. Als Ausgleich zum kopflastigen Berufsalltag geht sie wöchentlich ins Qigong und macht, schon seit 25 Jahren, orientalischen Tanz. Weil sich mit dem neuen Arbeitsort ihre Pendeldistanz verkürzt hat, gewinnt sie Zeit. «Ich überlege mir, mehr im Garten zu arbeiten», sagt sie, «das erdet mich.» Susanne Wenger

Ein Praktikum zwischen Gewalt und Geburt

Für die eigene Sicherheit gab es keine Garantie in Buenaventura. Die Atmosphäre war angespannt, immer wieder hörte ich von Schiessereien zwischen bewaffneten Gruppen. Die südkolumbianische Hafenstadt gilt als die gefährlichste Stadt Kolumbiens. Die Menschen, mehrheitlich Afrokolumbianer, leben in grosser Armut und inmitten ständiger Konflikte. Sie sind sehr herzlich, doch in ihrer Welt ist es besser, anderen Menschen nicht zu sehr zu vertrauen. Ich musste in den zehn Wochen hier lernen, mich auf mich selbst zu verlassen. In Kolumbien war ich bereits vor zwei Jahren, im Rahmen des Einblickspraktikums während meines Bachelorstudiums als Hebamme. Damals hatte ich die Gründerin des Hebammenverbandes der Pazifikregion kennengelernt, welche mich bei meinem letzten Abschlusspraktikum von April bis Juni dieses Jahres unterstützt und begleitet hat. Hebammen sind in Kolumbien nicht in das Gesundheitssystem eingebunden wie in der Schweiz. Im Spital kümmern sich Arzt und Pflegefachperson um Gebärende. Auf dem Land aber arbeiten traditionelle Hebammen ohne medizinische Ausbildung. Im Verband sind sie vernetzt, und ich habe bei Treffen und Projekten mitgewirkt und auch vorgetragen, wie die Geburtshilfe in der Schweiz funktioniert. Viele dieser Hebammen sind Analphabetinnen, sie geben ihr traditionelles Wissen mündlich weiter. Dieses Wissen wollte ich kennenlernen, denn ich denke, dass hier in der Schweiz viel von diesen Traditionen verloren gegangen ist. Die Hebammen begleiten die Frauen während der ganzen Schwangerschaft und sind auch Vertraute, Beraterin und Mediatorinnen. Ihre uralten traditionellen Praktiken umfassen den Einsatz von lokalen Heilpflanzen wie Oregano, Brennnessel oder Gewürznelken, Massagetechniken und Rituale. Sie verstehen den Körper einer Schwangeren anders, ganzheitlicher. Die richtige Ernährung spielt eine grosse Rolle, und es wird viel mehr über Berührung untersucht, über Abtasten, Reiben und Massieren, und so kann auch die Lage des Ungeborenen verändert und für die Geburt vorbereitet werden. Während wir hier mit dem Konzept «Anspannung–Entspannung» arbeiten, denken sie in den Kategorien «Wärme–Kälte». Sie verabreichen beispielsweise am Ende der Schwangerschaft und nach der Geburt Heilpflanzen, die innerlich wärmen sollen. Oder am 40. Tag nach der Geburt feiern sie ein Abschlussritual zur äusserlichen und innerlichen Schliessung des Körpers: Dabei werden mit einem Tuch einzelne Körperteile der Frau sanft umwickelt und für einige Minuten gehalten. Hier in Buenaventura sind die Menschen auch zufrieden mit dem, was der Tag bringt, etwa Gespräche mit Bekannten. Als Schweizerin bin ich es gewohnt, den Tag aktiv zu gestalten, um am Abend Erfolge vorweisen zu können. Ich musste mich quasi entschleunigen, mein in der Schweiz erworbenes Wissen hinten anstellen und lernen, ihre Lebens- und Arbeitsweise zu verstehen und zu akzeptieren. Sonst hätte die Zusammenarbeit nicht funktioniert. Ich habe viel gelernt, als Hebamme wie als Mensch. Aufgezeichnet von Sibylle Veigl

Der Chef 4.0: kreativ, kooperativ und kommunikativ

Er sollte sich in Fragen der Digitalisierung auskennen und die Zügel locker lassen. Das war kurz zusammengefasst das Wunschprofil für den zukünftigen Konzernchef der ABB, wie es Verwaltungsratspräsident Peter Voser diesen Sommer skizzierte. Ein Konzernchef, der in der Geschäftsleitung eher als «Primus inter Pares» und Portfoliomanager fungiere und den Divisionen deutlich mehr Autonomie gebe, schrieb die «NZZ» im August dazu. Der Technologiekonzern wolle sich dem Trend nicht verschliessen, dem andere Firmen schon folgen, die sich stark mit der Digitalisierung befassen: Unternehmen, deren Mitarbeiter wenig Selbstständigkeit geniessen, hätten generell schlechte Karten in der Bewältigung der sich immer schneller wandelnden Marktbedürfnisse. Auserkoren wurde dann der Chef des schwedischen Maschinenherstellers Sandvik, Björn Rosengren. Er gilt als bekennender Anhänger der Dezentralisierung von Macht in Tochterunternehmen und Divisionen und gewährt offenbar seinen Untergebenen genau diesen Gestaltungsspielraum. Die vierte industrielle Revolution, wie die derzeitige digitale Umwälzung genannt wird und der auch die ABB ausgesetzt ist, ist von hoher Dynamik, Komplexität und von der laufenden Anpassung von Geschäftsmodellen und -prozessen gekennzeichnet. «In den Unternehmen muss deshalb die Zusammenarbeit angepasst werden», sagt Christoph Negri, Leiter des IAP Institut für Angewandte Psychologie und Herausgeber des Sammelbandes «Führen in der Arbeitswelt 4.0» (vgl. Box am Textende). Ob ein Konzern mit 150 000 Beschäftigten wie die ABB oder ein kleineres Unternehmen: Hierarchisch aufgebaute Organisationen sind für diese Transformation schlecht aufgestellt. Die Führung in der digitalen Arbeitswelt muss neu gedacht werden, so Negri. Mit den digitalen Technologien verflechten sich Kommunikation wie auch Zusammenarbeit immer mehr: zwischen Beschäftigten, Kunden, aber auch zwischen Anlagen und Produkten. Diese neue Qualität der Vernetzung einer riesigen Menge an Informationen eröffnet völlig neue Nutzungsmöglichkeiten. Die Entwicklung dieser Vernetzung und die konkreten Anwendungen sind aber nicht ohne Weiteres vorhersehbar oder planbar. Das Problem für die Führung: Es ist nicht mehr möglich, alle Fäden in der Hand zu halten. Die schnelle Abfolge von immer mehr Informationen, die an einen Chef gelangt, würde zu Überforderung führen. Negri verdeutlicht die Veränderungen am Beispiel des Informationsmanagements, einer wichtigen Führungsaufgabe. Früher habe sich der Informationsfluss als hierarchische Pyramidenform aufzeigen lassen: Einzelinformationen werden von unten nach oben an die Führungsperson an der Spitze hochgeleitet, welche in der Folge die Gesamtschau auf das Unternehmen hat und ausgewählte Informationen dann wieder an alle Abteilungen fliessen lässt. Das sei heute absolut unmöglich, betont der Psychologe: In manchen Fällen sei es so, dass die Mitarbeitenden besser informiert seien als die Vorgesetzten. Denn Wissen ist in der digitalen Welt, in Internet und den sozialen Medien, für jedermann schnell abrufbar. «Heute muss eine Führungskraft den Gedanken der Allmacht abgeben», so Negri. Ein Chef muss deshalb seine Führungsrolle neu definieren: Eigenverantwortung für die Mitarbeitenden statt umfassende Kontrolle, Führung auf Augenhöhe, Vertrauen bilden, Fehler zulassen sowie mehr Transparenz bei Arbeitsprozessen und mehr Effizienz beim Projektcontrolling – das sind gemäss Negri wichtige Punkte, um in der digitalen Transformation erfolgreich zu führen. Damit rückt die Selbstkompetenz einer Führungskraft ins Zentrum: im weitesten Sinn die Fähigkeit, die eigene Persönlichkeit in ihren verschiedenen Facetten zu überdenken, zu beurteilen und weiterzuentwickeln. «Das sind eigentlich altbekannte Themen, die immer schon wichtig waren. Doch heute sind sie erfolgsentscheidend», sagt Negri. Doch auch von den Mitarbeitenden werden grundlegend neue Kompetenzen gefordert: nicht nur die Kenntnisse der neuen Technologien in den verschiedensten Anwendungsbereichen, sondern vor allem Eigenverantwortung, unternehmerisches Denken, Offenheit für die Veränderungen im Berufsalltag und die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen. Die Führung muss die Mitarbeitenden in diesem Wandel unterstützen, begleiten und ihnen Wege aufzeigen. Gleichzeitig sind die Angestellten verunsichert angesichts des digitalen Wandels, der Komplexität der Arbeitsprozesse, und sie zweifeln an der Sicherheit ihres Arbeitsplatzes, wie eine Befragung von Schweizer Führungskräften in der Studie des IAP zum Thema «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0» ergeben hat. Sie brauchen Orientierung. «Es ist wichtig, Verunsicherungen abzubauen», wird ein Kadermitglied zitiert: «Man muss Chancen, Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten für die Mitarbeiter aufzeigen.» Die neue Arbeitswelt ist von Widersprüchen und Gegensätzen gekennzeichnet. Auch damit müssen Mitarbeitende wie Führungskräfte umgehen können. Zum Beispiel werden Arbeits- und Produktionsprozesse automatisiert, der Mitarbeitende darin soll aber durch Eigenständigkeit und Eigeninitiative bestehen. Führungskräfte sollen individuelle Karrieren für die Mitarbeitenden aufzeigen und sie persönlich nach ihren Stärken fördern, doch die digitale Transformation bewirkt Vereinheitlichung in Organisationen. Der Chef soll Kontrolle abgeben und eben ein «Primus inter Pares» werden – auch wenn es letztlich immer noch er ist, welcher die massgeblichen Entscheidungen fällt und die Verantwortung trägt. Und Unternehmenskulturen sind schwerfällig im Wandel: Oft herrscht Konkurrenzdruck innerhalb der Organisationen, und belohnt wird die individuelle Leistung, nicht interdisziplinäres Arbeiten, Kooperation oder der positive Umgang mit Fehlern. Unternehmenskulturen befördern oft noch macht- und statusbewusste Menschen an die Spitze. «Doch die digitale Welt ist durch eine Form der Machtlosigkeit gekennzeichnet, die speziell für machtorientierte Führungspersonen schwierig einzuordnen ist», sagt Negri. «Machtmenschen und Narzissten stossen an ihre Grenzen.» Diese Widersprüche sind eine zusätzliche Herausforderung für Mitarbeitende wie für den Chef: Offenheit, Neugierde und Veränderungsbereitschaft sind deshalb von allen gefordert. Als «Primus inter Pares» wird sich auch Björn Rosengren bei der ABB mit seiner Führungsrolle auseinandersetzen müssen. Die ABB steht im Ruf, konstant im Umbau zu sein. Mit der von ihm anvisierten Delegation der Macht in die Divisionen und Tochterunternehmen wird eine weitere Reorganisation eingeleitet – zusätzlich zur Transformation zum Technologiekonzern 4.0. 10 Aufgaben, die sich eine Führungskraft heute stellen sollte – auch wenn es ihr nicht gelingt, alle zu erfüllen: 1. Sinn stiften: die Mitarbeitenden einen tieferen Sinn ihrer Arbeit fühlen lassen 2. Die digitale Transformation aktiv gestalten 3. Optimismus, Zuversicht und Begeisterung vermitteln und kreativ sein 4. Kritisch sein: nicht auf Modetrends aufspringen 5. Kommunikativ und ansprechbar sein: aktiv kommunizieren und informieren und auch physisch präsent sein. Nur virtuell führen reicht nicht. 6. Widerstände und Konflikte austragen 7. Nicht auf dem alleinigen Führungsanspruch bestehen 8. Freiräume für Mitarbeitende schaffen und die Spannung zwischen Kontrolle und Nicht-Kontrolle aushalten 9. Fehler zulassen und eingestehen 10. Das Führungsrepertoire erweitern: zum Beispiel die Medienkompetenz steigern Sibylle Veigl

«Den Menschen wird es immer brauchen bei Übersetzungen»

Seine Berufung zum Übersetzer hat er eigentlich eher zufällig entdeckt. Antonio Cifelli machte gerade seine KV-Lehre bei einem Möbelhersteller im aargauischen Safenwil, als die Firma in Italien Maschinen bestellte. Nur kamen mit der Lieferung auch die Bedienungsanleitungen auf Italienisch. «Ich durfte diese dann ins Deutsche übersetzen», sagt Cifelli, der aus der süditalienischen Region Molise stammt und in der Schweiz aufgewachsen ist. Dieses Umwandeln der Sprache gefiel ihm. Er machte das Übersetzerdiplom und begann seine Laufbahn im Sprachdienst der Credit Suisse. Bis er zum Sprachdienst der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) wechselte, wo der 49-Jährige nun schon seit 21 Jahren arbeitet, seit Dezember 2018 als Leiter des fünfköpfigen Teams. Die Arbeit sei spannend und abwechslungsreich, so Cifelli. Die Vielfalt an Themen, die vom Verkehr über Produktesicherheit und Haushalt bis zum Sport reicht, ist es, die ihn schon so lange bei der BFU hält. Im Sprachdienst werden alle in der Kommunikation anfallenden schriftlichen Texte sowie Redetexte in Videos in die Sprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und auch Englisch übersetzt. Die fünf Übersetzerinnen und Übersetzer werden dabei von Freelancern unterstützt. Seit zwei Jahren ist Cifelli, der brevetierter Tauchlehrer ist, zudem als BFU-Experte für den Tauchsport zuständig und ist somit auch inhaltlich für die entsprechenden Publikationen zuständig. Die Ansprüche an den Sprachdienst nehmen laufend zu. Immer mehr Themen muss die Unfallverhütung aufgreifen, jüngst etwa die Sicherheit von E-Bikes und E-Trottinetten. Im Bereich Verkehrsverhalten wurde eine ganze Abteilung neu aufgebaut. Damit hat auch das Volumen der zu übersetzenden Inhalte zugenommen, die zudem nicht nur auf Papier, sondern auch in digitalen Kanälen und in Videos verbreitet werden. Das Übersetzungsteam kann aber nicht immer weiter wachsen: «Wir müssen andere Lösungen finden, um vorwärtszukommen.» Eine Lösung wäre der Einsatz von maschinellen Übersetzungsmethoden. Mit Sprachdatenbanken, den sogenannten Computer Assisted Translators (CAT), arbeitet Cifelli zwar schon seit gut 20 Jahren. Neu sind aber Sprachsoftwares im Bereich der künstlichen Intelligenz wie Google Translator oder DeepL, welche ganze Texte vollautomatisiert in die gewünschte Sprache verwandeln. Um sich einen Überblick über die neusten Entwicklungen in der maschinellen Übersetzung zu verschaffen, hat Cifelli den eintägigen Weiterbildungskurs «Pre- und Postediting von maschinellen Übersetzungen» des Departementes Angewandte Linguistik besucht. Zudem sei es für ihn auch an der Zeit gewesen für eine Weiterbildung – die letzte, den CAS Fachübersetzen, habe er vor sieben Jahren gemacht. Neben den verschiedenen Methoden des maschinellen Übersetzens ging es im Kurs um die Fragen, wie gut diese Systeme wirklich sind, wie sie in bestehende Prozesse integriert werden können und wie Ausgangstext sowie anschliessendes Lektorat gestaltet sein müssen. Überrascht war er vom grossen Misstrauen und von den Ängsten, welche die Übersetzenden gegenüber den automatisierten Möglichkeiten haben: Befürchtungen, dass damit die Kreativität bei der Arbeit und die Arbeit selbst verloren gingen. «Doch den Menschen wird es immer brauchen bei Übersetzungen», ist Cifelli überzeugt. Der Einsatz eigne sich für standardisierte Texte wie etwa Tabellen oder einfache Kurzbeiträge. Kreativ erzeugte Inhalte, wie zum Beispiel die Slogans der Unfallverhütungskampagnen, liessen sich nur mit viel Fingerspitzengefühl durch den Menschen übersetzen.

«Digital Health stellt das Individuum in den Mittelpunkt»

Was verstehen Sie unter Digital Health? Digital Health verbindet die Gesundheitsversorgung einschliesslich ihrer gesellschaftlichen und ökonomischen Aspekte mit digitalen Technologien, indem die verschiedenen Disziplinen an einem Tisch zusammenkommen. Der Begriff steht für mich exemplarisch für die Frage, wie wir neue Technologien und Methodologien in die Gesellschaft integrieren und zum Wohle des Einzelnen einsetzen. Digital Health stellt das Individuum in den Mittelpunkt und möchte die Gesundheitsversorgung präziser, personalisierter und präventiver gestalten. Wer arbeitet im Netzwerk ZHAW Digital Health Lab mit? Die ZHAW verfügt über Experten und Kompetenzen entlang der gesamten Wertschöpfungskette im Bereich Digital Health. Wir haben Gesundheitswissenschaftlerinnen, die zu medizinischen Indikationen forschen, Ingenieure und Physiker, die sich mit Sensorik und Algorithmik befassen, Software- und App-Entwickler sowie Betriebsökonominnen, die wissen, wie technische Lösungen in Geschäftsmodelle umgesetzt und in Gesundheitssysteme implementiert werden. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht unseren Projekt-Partnern Zugang zu einer breiten fachlichen Expertise. An welchen Projekten arbeitet das Lab? Ein Beispiel ist das gemeinsame, kundenorientierte Projekt des Departements Gesundheit mit der AXA Gesundheitsvorsorge, bei dem es um evidenzbasierte Tipps zu Gesundheitsthemen, um mobile Apps zur Verbesserung des Gesundheitsverhaltens und dessen Bewertung mit Hilfe eines Qualitätskriterienrasters geht. Oder das EU-Projekt FairCare, bei dem die Verbesserung der Koordination von formaler und informeller Pflege im Zentrum steht. Und soeben ist die erste gemeinsame Studie zu «Digital Health – Revolution oder Evolution? Strategische Optionen im Gesundheitswesen» erschienen. INTERVIEW CLAUDIA GÄHWILER

«Wir benötigen deutlich mehr Know-why statt nur Know-how»

Geht es bei Ihnen zu Hause auch zu wie in einem Science-Fiction-Film? Roboter saugen Staub, mähen Rasen, servieren Drinks. Der smarte Kühlschrank bestellt Nachschub ... Dirk Wilhelm: Ich weiss zwar nicht, ob das Science Fiction ist (lacht): Wir haben einen Robo-Staubsauger, der taugt aber nichts. Aber der Rasenmäher ist super. Reto Steiner: Smarte Helfer sind bei uns zu Hause viele im Einsatz: Alexa hört auf den Musikwunsch in der Küche, das elektrische Auto manövriert recht selbstständig durch die Strassen und in den Parkplatz, der Bewegungssensor meldet, wenn die Katze in ihrem Kistchen war, und der Rasenmäher schaut zum Rasen. All dies erleichtert den Alltag und – ich geb's zu – dient mir auch als Labor, um diese Technologien zu testen. Wo erhoffen Sie sich persönlich in Zukunft Unterstützung durch smarte Helferlein? Reto Steiner: Persönlich und für möglichst viele Menschen erhoffe ich mir, dass smarte Tools noch mehr Routineaufgaben übernehmen werden. Automatisierungen aller Art haben noch Luft nach oben. Ich wünsche mir, dass die künstliche Intelligenz Platz schafft für die Förderung der Kreativität des Menschen, sie aber möglichst nicht ersetzt. Dirk Wilhelm: Wirklich cool wäre künstliche Intelligenz, die E-Mails automatisch sortiert, kategorisiert und am besten noch beantwortet. Aber das liegt wohl noch in weiter Ferne. Frank Wittmann: Bei einem automatischen E-Mail-Schreibprogramm wäre ich ebenfalls mit dabei. Auch bei einem Ideengenerator, einem Bürokratie-Detektor oder einer Impulsgeberin zur emotionalen Regulation. Wo sehen Sie den Bedarf für Wirtschaft und Gesellschaft? Wilhelm: Im Bereich Banking and Finance wird sich viel tun hinsichtlich Automation. Systeme wie Libra, Facebooks Kryptowährung, sind für Banken eine Herausforderung. Kommen wird auch das autonome Fahren und vielleicht auch das autonome Fliegen, denn bei Sicherheitssystemen ist der Fortschritt enorm. Brauchte man früher drei Piloten bei Langstreckenflügen, wird man bald nur noch einen benötigen und irgendwann vielleicht keinen mehr. Steiner: Gerade in der Förderung von Mitarbeitenden besteht grosses Potenzial, wie verschiedene Projekte zeigen. Es gibt bereits Software, die Wissen im Unternehmen identifiziert und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Spezialkenntnisse Projektteams zusammenstellt. Das ist nicht nur wirtschaftlich, sondern kommt auch der Entwicklung einzelner Personen sehr entgegen. Trotz der Digitalisierung dürfen wir den Faktor Mensch nicht vernachlässigen. «Welches Potenzial hat die Kryptowährung nicht nur für die Transformation des Finanzsystems, sondern auch für unser Verhältnis zu und unseren Umgang mit Geld?» Frank Wittmann Wittmann: Wir stehen nach wie vor am Anfang der Entwicklung, und verständlicherweise stehen heute noch die technologischen Fragen im Vordergrund. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass die eigentlichen Herausforderungen im Bereich der gesellschaftlichen Auswirkungen von technologischer Veränderung liegen. Um das Beispiel Libra aufzunehmen: Welches Potenzial hat die Kryptowährung nicht nur für die Transformation des Finanzsystems, sondern auch für unser Verhältnis zu und unseren Umgang mit Geld? Erhalten dadurch mehr Menschen Zugang zu Geld? Entstehen dadurch neue globale Austauschprozesse? Welche ethischen Fragen stellen sich? Auch in der Pflege werden Roboter eingesetzt wie die Robbe Paro oder der humanoide Roboter Pepper. Pepper kann Gefühle erkennen und darauf reagieren. Ist das problematisch, wenn Menschen an dieser Stelle vielleicht getäuscht werden? Wilhelm: Auch ein menschlicher Betreuer könnte Gefühle vortäuschen. Und ins Verhalten von Haustieren wird auch viel hineininterpretiert. Entscheidend ist für mich die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten. Hier können Roboter einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie den menschlichen Betreuerinnen und Betreuern anstrengende, zermürbende Routinetätigkeiten abnehmen und sie so mehr Zeit für wahre menschliche Interaktion haben. Steiner: Die Frage ist, wie man diese «Täuschung» der Roboter interpretiert: Sie wurden ja mit dem Ziel programmiert, das Leben der Nutzenden auf irgendeine Weise zu bereichern und zu erleichtern. Es ist also hoffentlich eine ernst gemeinte soziale Absicht dahinter. Ein Schwarz-Weiss-Denken hilft nicht weiter. Die Erfindung des Fernsehgeräts hat das Sozialleben der Menschen auch bereits verändert – mit Licht- und Schattenseiten. Ethisch problematisch würde es, wenn die künstliche Intelligenz die menschliche Interaktion vollständig ersetzte. Wittmann : Angesichts der demografischen Entwicklung in der Schweiz stellt sich die ungemütliche Frage immer stärker, wie wir den steigenden Pflegebedarf zu decken gedenken. Ein Teil unserer Lösung wird in intelligenten Systemen liegen. Dieses Thema ist aber nicht nur in der Altenpflege virulent, sondern beispielsweise auch in der Kinder- und Jugendhilfe oder im Justizvollzug. Für viele Heime, Kliniken und Psychiatrien ist es bereits heute eine grosse Herausforderung, kompetentes Personal zu finden. Wollen Kunden mit Robotern interagieren? Steiner: Das tun sie schon, zum Beispiel mit Chatbots. Diese beantworten Kundinnen- und Kundenfragen bei Dienstleistungsunternehmen und sind bereits erstaunlich responsiv. Wilhelm: Wir alle nutzen Geldautomaten oder Selfscanning-Kassen im Supermarkt. Bei Routineabläufen gibt es also eine grosse Bereitschaft zur Interaktion von Kunden mit Maschinen. Auch für eher intime Bereiche wie Körperhygiene oder Partnersuche gibt es viele Menschen, die sich lieber einer Maschine oder einem Softwareprogramm einer Partnervermittlung anvertrauen würden, als einem Menschen Einblick in ihre Privatsphäre zu gewähren. Es gibt aber immer noch Teile der Bevölkerung, die nicht so selbstverständlich mit den digitalen Helfern umgehen. Und wenn die Entwicklungen so rasant weitergehen, verlieren wir selbst vielleicht auch einmal den Anschluss. Wilhelm: Das ist garantiert so. Wenn ich da an meinen zwölfjährigen Sohn denke, so sucht er Lösungen für ein Problem immer gleich auf Youtube. Da findet man ja fast zu jedem Thema ein Video. Das machen alle so in seinem Alter. Während ich erst mal in Google, dann in Büchern suche. Als ich so alt war wie mein Sohn heute, da gab es das Internet noch nicht mal. «Wir sind alle herausgefordert, dass durch unsere Gesellschaft keine digitale Kluft geht.» Reto Steiner Wittmann: Zuallererst sind die Schule und alle anderen Bildungsinstitutionen, aber natürlich auch Unternehmen und Stiftungen gefordert, die digitale Kompetenz zu fördern. Steiner: Ja, wir sind alle herausgefordert, dass durch unsere Gesellschaft keine digitale Kluft geht. Hochschulen müssen deshalb den Bildungsauftrag des lebenslangen Lehrens und Lernens ernst nehmen. Zudem ist der intergenerationelle Dialog essenziell. Wenn man die Entwicklung weiterdenkt: Werden Roboter einmal das Kommando übernehmen? Wilhelm: Das glaube ich nicht. «Roboter sind keine intelligenten Systeme und werden es auch nicht werden.» Dirk Wilhelm Steiner : Ich hoffe es nicht – und das formuliere ich bewusst normativ. Wir dürfen vor lauter Euphorie die Risiken für unsere Gesellschaft nicht einfach beiseiteschieben. Die technologische Innovationsrate ist sehr hoch und die künstliche Intelligenz macht bedeutende Fortschritte. Langfristig besteht unter Umständen die Tendenz einer Konvergenz zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz. Werden Roboter und Computerprogramme einmal intelligenter sein als wir? Wilhelm: Roboter sind keine intelligenten Systeme und werden es auch nicht werden. Dann ist «Künstliche Intelligenz» nur ein Schlagwort? Wilhelm: Die KI-Forschung ist derzeit zwar wieder in aller Munde und macht, getrieben von den immer höheren Rechenleistungen, lernenden Algorithmen und neuronalen Netzen, immense Fortschritte. Die Experten sind sich aber sehr uneinig darin, ob überhaupt und wenn ja, wann, Roboter intelligenter als Menschen sein werden. Aber Intelligenz ist viel mehr als schnell rechnen und in nahezu Echtzeit das Internet nach allen möglichen Informationen absuchen zu können. Es gibt zwar keine Menschen, die Schachcomputer schlagen können. Computer haben auch die weltbesten Go-Spieler besiegt. Aber die Computer können dann eben nur Schach oder nur Go. Was können wir Menschen heute noch besser als Maschinen? Wilhelm: Das menschliche Gehirn kann ganz viele Bereiche abdecken. Vor allem kann ein Roboter nicht die menschliche Kreativität erreichen. Diese aber braucht es für Erfindungen oder in der Musik, der Kunst und vielen anderen Bereichen. Wir brauchen also keine Angst vor Künstlicher Intelligenz zu haben? Wilhelm: Man muss sich im Klaren sein, dass die Evolution Jahrmillionen gebraucht hat, um intelligentes Leben hervorzubringen. Die heutigen technischen Systeme befinden sich vielleicht auf dem Intelligenzlevel einer Spitzmaus, was schon immens ist, aber noch weit entfernt von dem, was Menschen zu leisten vermögen. Viele Menschen glauben zwar, dass allein schon die Ähnlichkeit humanoider Roboter mit uns ein Zeichen von Intelligenz ist. Wo sehen Sie die Risiken dieser Entwicklungen? Wilhelm: Die Risiken liegen wie bei allen technischen Entwicklungen darin, was der Mensch damit anstellt. Man kann KI dazu benutzen, dem Menschen zu helfen, indem zum Beispiel industrielle Prozesse sicherer gemacht und automatisiert werden. Man kann die Energienutzung effizienter machen, den Umweltschutz verbessern und den Klimawandel stoppen. Man kann KI aber auch in militärischen Drohnen, Waffensystemen und Spionagesoftware oder im sogenannten Cyberwar verwenden. Grundsätzlich sind dem keine Grenzen gesetzt. Wittmann: Fragen der Verantwortung, der Ethik und des Datenschutzes sind von immenser Bedeutung für uns alle und besonders auch im Hinblick auf vulnerable gesellschaftliche Gruppen. Ich hoffe, dass es unserem Departement für Soziale Arbeit gelingen wird, eine Stimme im öffentlichen Diskurs einzunehmen und so auch Impulse für technologische Weiterentwicklungen zu geben. Steiner: Den technologischen Fortschritt zu verbieten, funktioniert nicht und wäre meines Erachtens auch der falsche Ansatz. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass Technologien in der Geschichte der Menschheit immer wieder missbraucht wurden. Es braucht eine gewisse Regulation und insbesondere einen frühzeitigen Diskurs, wie wir mit künstlicher Intelligenz umgehen, die der menschlichen langfristig immer ähnlicher wird. Der Mensch kann zwischen Gut und Böse unterscheiden. Aber was ist, wenn die Maschine – durch Menschen gezielt programmiert – nur noch das Böse zulässt? An der School of Management and Law sind wir zur Behandlung solcher Themen gut aufgestellt, indem wir die zwei Disziplinen Managementlehre und Recht verknüpfen. Die ZHAW hat grosse Potenziale, wenn sie die Zusammenarbeit zwischen den natur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen bewusst pflegt. Nur gemeinsam finden wir Antworten auf die drängenden Fragen der Menschen. Laut OECD sind 700'000 Stellen mit einem «hohen Automatisierungsrisiko» behaftet. Welche Berufe werden künftig von Maschinen ausgeführt? Wilhelm: Wenn man sich die Entwicklung der Beschäftigungsstruktur in der Schweiz bzw. auch in den Nachbarländern in den vergangenen 200 Jahren anschaut, so ist eindeutig zu erkennen, dass rein physische Fähigkeiten wie Muskelkraft und Ausdauer, welche man in der Zeit der Landwirtschaft und der Massenproduktion noch benötigte, zunehmend in den Hintergrund rücken. Stattdessen nehmen Anforderungen an kognitive und kommunikative Kompetenzen immer mehr zu. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Steiner: Es geht weniger um Berufe als um Jobprofile. Vor allem die Automatisierung von Routine- bzw. Repetitivaufgaben wird viele Stellenprofile bis 2030 nachhaltig verändern. Bessere und spezifischere Qualifikationen mindern zwar das Risiko, dass ein Grossteil des eigenen Aufgabengebiets wegfällt, sind aber dennoch kein Garant für eine gesicherte Stelle. Geht uns irgendwann die Arbeit aus? Wittmann: Wenn man die Frage so zuspitzt, dann lautet die Antwort vermutlich Nein. Für mich ist die Frage interessanter, welche neue Tätigkeitsfelder, Bedürfnisse und Umweltbedingungen entstehen und wie wir mit ihnen künftig umgehen. Wilhelm: Vielleicht erinnern sich einige, als in den 80er Jahren der Begriff des Computer Integrated Manufacturing geprägt wurde. Da kam sehr schnell das Horrorszenario von der menschenleeren Fabrik auf. Heute können wir sagen, dass diese Befürchtungen nicht eingetreten sind. Im Gegenteil: Mit den wichtigen technologischen Entwicklungen ist die Beschäftigung in den Industrieländern sogar angestiegen. Wird das auch in Zukunft so sein? Wilhelm: Mit grosser Sicherheit kann man davon ausgehen, dass sich dies fortsetzen wird. Allerdings wird es eine deutliche Verschiebung geben. In der Produktionshalle der Zukunft wird der Mensch eben nicht mehr der Maschinenbediener sein, sondern er wird seine kognitiven Fähigkeiten einsetzen, um Prozesse zu steuern und um Verantwortung für grössere Zusammenhänge zu übernehmen, er wird Roboter anlernen und bei der Arbeit beaufsichtigen. McKinsey erwartet, dass bis 2030 eine Million Stellen in der Schweiz wegfallen – gleichzeitig sollen dank des Technologieschubs 800'000 neuartige entstehen. Wo werden neue entstehen und welche Kompetenzen braucht es da? Steiner: In so gut wie allen Branchen werden neue Berufsbilder entstehen. Es werden insbesondere erhöhte Kompetenzen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien gefordert sein. Wer in diesen Bereichen fit ist, hat gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig wird der Bedarf an reflexiven und analytischen Skills zunehmen. In Managementpositionen ist zudem ein hohes ethisches Bewusstsein gefordert, das in multirationalen Situationen ein verlässlicher Navigator ist. Wir benötigen deutlich mehr Know-why statt nur Know-how. Kreativität und soziale Intelligenz, Problemsensitivität und Problemlösungsorientierung erhöhen die Berufschancen von Studienabgängerinnen und -abgängern. Dirk Wilhelm Wilhelm: Es ist bereits heute absehbar, dass in der Zukunft Jobs gefragt sind, in denen ausgeprägte mathematische, technische und naturwissenschaftliche Kompetenzen vor allem im Dienstleistungs-, Produktions- und ICT-Bereich erforderlich sind. Auch im Bereich der Ausbildung, Gesundheit und Kommunikation werden neue Stellen entstehen. Generell kann man sagen, dass dort neue Stellen entstehen werden, wo Menschen aufgrund ihrer kognitiven und motorischen Fähigkeiten Vorteile gegenüber Maschinen haben. Das trifft aber nicht nur für Hochschulabgängerinnen und -abgänger zu, sondern auch für Personen mit einem tieferen Bildungsstand, wenn sie über besondere handwerkliche oder anderweitige motorische Fähigkeiten, gepaart mit sozialer Kompetenz, verfügen. Kreativität und soziale Intelligenz, Problemsensitivität und Problemlösungsorientierung erhöhen die Berufschancen von Studienabgängerinnen und -abgängern. Wittmann: Ich unterschreibe diese Einschätzung und möchte noch die konzeptionellen Fähigkeiten hervorheben. Ich glaube allerdings, dass wir soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz ausdifferenzieren und konkretisieren sollten. «Ich finde es faszinierend, zu sehen, dass sich unser Blick auf das menschlich Einzigartige und Wertvolle nun wieder schärft.» Frank Wittmann Weshalb? Wittmann: Viel zu häufig werden soziale Fähigkeiten immer noch als ein Sammelsurium an unterschiedlichen Nice-to-have-Skills betrachtet. Dabei handelt es sich bei der Fähigkeit zur grenzüberschreitenden Kooperation, zum geschickten Navigieren in verschiedenen sozialen Settings und zum Selbstmanagement um ganz verschiedene Ressourcen. Auch wäre es wünschenswert, wenn wir eines Tages über allgemein anerkannte Kriterien für unterschiedliche Niveaus bei den Sozialkompetenzen verfügten. Ist die Soziale Arbeit der Gewinner der Entwicklungen oder sehen Sie da auch bedrohte Tätigkeiten? Wittmann: Der technologische Fortschritt verstärkt die Bedeutung der menschlichen Kernkompetenzen und dazu gehören auch soziale Fähigkeiten. Ich finde es faszinierend, zu sehen, dass sich unser Blick auf das menschlich Einzigartige und Wertvolle nun wieder schärft. Es ist gut für die Sozialwissenschaften im Allgemeinen und die Soziale Arbeit im Besonderen, dass sich neue virulente Fragen stellen. Ich habe allerdings bei der Sozialen Arbeit nicht das Bild eines relativ sicheren Berufhafens im Kopf. «Unternehmen sollten ihre Mitarbeitenden für Weiterbildung sensibilisieren und sie dabei unterstützen.» Dirk Wilhelm Sondern? Wittmann: Sondern dasjenige einer Profession und Disziplin, die nun die Gelegenheit erhält, Antworten auf neue Fragen zu entwickeln. Die brennenden Probleme unserer Zeit lassen sich nur kooperativ, transdiziplinär und interprofessionell lösen. Darin liegt eine einmalige Chance für uns. Dass allerdings manche Berufe – man denke nur an die Kassierinnen und Kassierer in Supermärkten und Warenhäusern – vermutlich verschwinden werden, stellt eine grosse Herausforderung für uns alle dar. Die Arbeitsintegration ist bereits heute mit der Tatsache konfrontiert, dass nicht alle Menschen im arbeitsfähigen Alter einen Platz im ersten Arbeitsmarkt finden, und sie bereitet sich intensiv auf die Situation vor, dass zukünftig ganz neue Berufsgruppen ihre Unterstützung brauchen werden. Eine neue Studie der ETH hat gezeigt, dass es in den vergangenen Jahren nur bei den Gutausgebildeten ein Stellenwachstum gab. Bei den Übrigen sank die Beschäftigung, wobei die Abnahme bei den Mittelqualifizierten doppelt so hoch ausfiel wie bei den Geringqualifizierten. Hier gibt es also ein grosses Potenzial für die ZHAW, aus Berufsleuten mit mittlerer Qualifikation hochqualifizierte Arbeitnehmende zu machen. Wilhelm: Das ist so. An der School of Engineering haben wir auch gezielte Weiterbildungen in Industrie 4.0, in Blockchain oder Data Science – also in diesen ganzen Bereichen, in denen die Fachleute sehr gesucht sind. Allerdings sind wir auch auf die Mitwirkung der Unternehmen angewiesen, welche Mitarbeitende verstärkt für die Weiterbildung sensibilisieren müssen. Und sie müssen ihre Mitarbeitenden auch beim lebenslangen Lernen unterstützen. Nur dadurch wird der Wandel erst möglich und nachhaltig und auch von der Gesellschaft insgesamt akzeptiert und getragen. «Die Schweizer Hochschulen sind führend im Bereich Robotik und Automatisierung. Unternehmen wie Microsoft, Google und Facebook, aber auch Schweizer Firmen streiten sich um unsere besten Absolventen.» Dirk Wilhelm Steiner: Hochschulausbildung wird wohl künftig eher noch anspruchsvoller werden und von den Studierenden hohen Einsatz und ein bewusstes Eintauchen in die Herausforderungen der Menschheit und die Schaffung von Lösungen für die entdeckten Probleme einfordern. Akademisierung ist für mich deshalb kein Schimpfwort, sondern eine Denkhaltung, die von den Studierenden erwartet wird. Denn akademisches Denken schafft die Grundlage für die Lösung gesellschaftlicher Probleme, und an diesem Beitrag werden wir als Hochschule für angewandte Wissenschaften gemessen. Ist die Forschung und Bildung in der Schweiz und insbesondere an der ZHAW gut aufgestellt in den Bereichen der Robotik und Automation sowie im Bereich Interaktion Mensch–Maschine? Wilhelm: Die Schweizer Hochschulen sind führend im Bereich Robotik und Automatisierung. Internationale Unternehmen wie Microsoft, Google und Facebook, aber auch Schweizer Firmen streiten sich mittlerweile um unsere besten Absolventinnen und Absolventen. An der School of Engineering beschäftigen wir uns schon seit mehr als zehn Jahren mit dem Thema Mensch-Roboter-Kollaboration und seit rund fünf Jahren mit den Themen Industrie 4.0 und Digitalisierung. Unser Engagement in nationalen und internationalen Forschungsprojekten hat zu wichtigen Entwicklungen geführt. Das weltweit erste industriell einsetzbare Exoskelett Robo-Mate wurde in einem von der ZHAW koordinierten EU-Projekt entwickelt und wird jetzt von einem Startup-Unternehmen vermarktet und weiterentwickelt. Unsere Industrie-4.0-Lernfabrik ist einzigartig in der Schweiz und wird zurzeit in mehreren nationalen und internationalen Projekten mit Industrieunternehmen für Forschung und Entwicklung genutzt. Auch unsere Weiterbildung ist mit dem CAS Industrie 4.0 bestens aufgestellt. «Studierende können Lehrbücher auch zu Hause lesen, bei uns sollen die Studierenden dabei sein, wenn neue Horizonte entdeckt werden.» Reto Steiner Steiner: Wir forschen zum Beispiel am digitalen Wandel in der Verwaltung und in der Bankenwelt – Stichwort: FinTech –, an der digitalen Transformation in Kunst und Kultur sowie im Bereich Digital Health. Dank der digitalen Transformation entstehen neue Unternehmen, die Produkte und Leistungen anbieten, an welche man bislang noch gar nicht gedacht hat. So hat Airbnb das Konzept des Hotelzimmers komplett neu interpretiert. Der Wandel in der Wirtschaft verändert Strukturen, Prozesse und Arbeitsbeziehungen. Als Kompetenzzentrum für Wirtschaft und Recht richtet die School of Management and Law ihre Lehre darauf aus, Agilität und Flexibilität in allen diesen Bereichen zu diskutieren und künftige Fach- und Führungspersönlichkeiten möglichst optimal auf diese Veränderungsprozesse vorzubereiten. «Wir möchten uns künftig noch viel stärker mit den sozialen Implikationen von technologischen Transformationen beschäftigen.» Frank Wittmann Wittmann: Wir möchten uns künftig noch viel stärker mit den sozialen Implikationen von technologischen Transformationen beschäftigen. Hier bestehen grosse Zusammenarbeitsmöglichkeiten innerhalb der ZHAW, gerade zwischen unseren drei Departementen. In unserem neuen «CAS Culture Change – Mindset für neue Arbeitswelten» gehen wir ansatzweise in diese Richtung. Die ZHAW-Departemente Soziale Arbeit und School of Management and Law und das Departement Design der Zürcher Hochschule der Künste kooperieren hier ganz eng. Wenn es künftig Berufe geben wird, die wir heute noch nicht kennen, wie richten Ihre Departemente ihre Bildungsangebote aus? Wilhelm: Zunächst einmal muss man sagen, dass die ZHAW in allen Departementen grossen Wert legt auf eine gute Grundlagenausbildung. Diese ist auch in künftigen, neuen Berufen immer das beste Fundament. Die physikalischen Gesetze werden sich nicht ändern, genauso wenig wie mathematische und ingenieurwissenschaftliche Grundlagen. Neu hinzukommen werden aber Fähigkeiten, diese Grundlagen verstärkt fächerübergreifend in komplexen technischen Systemen anzuwenden und nicht nur spezialisiert, sondern vor allem auch vernetzt denken zu können. Unseren Absolventen kognitive Kompetenz zusammen mit Fachwissen und kreativer sozialer Kompetenz mitzugeben, wird die Herausforderung der Zukunft für die Fachhochschulen und andere Bildungseinrichtungen sein. Wir arbeiten daran unter anderem mit praxisorientiertem, gleichzeitig aber wissenschaftlich fundiertem Unterricht, neuen Lernmethoden und Digitalisierung. Das lebenslange Lernen durch unsere Weiterbildungen ist die zweite zentrale Säule unserer Ausbildung. «Bereits heute lässt sich beobachten, dass Weiterbildungsteilnehmende an spezifischen Skill-Kombinationen interessiert sind, die sich nicht an disziplinären Grenzen orientieren.» Frank Wittmann Wittmann: Wenn man den Gedanken des lebenslangen Lernens konsequent zu Ende denkt, kommt man zur Einsicht, dass für die Aneignung und Vertiefung von fachlichen, methodischen und sozialen Kompetenzen eine hohe thematische und auch disziplinäre Durchlässigkeit gefragt sein wird. Bereits heute lässt sich beobachten, dass zum Beispiel Weiterbildungsteilnehmende an spezifischen Skill-Kombinationen interessiert sind, die sich nicht an disziplinären Grenzen orientieren. Auch die ZHAW in ihrer aktuellen Organisationsform wird von der grossen Transformation erfasst. Steiner: Wir setzen uns mit der Zukunft auseinander und überarbeiten unsere Studiengänge und Weiterbildungsangebote laufend. Der «MAS in Business Innovation Engineering for Financial Services» ist ein gutes Beispiel dafür. Dabei berücksichtigen wir sowohl die curricularen Inhalte, die eingesetzte Didaktik als auch den Einsatz von Technologien zur Optimierung des Lehrprozesses. Zudem soll unsere Lehre durchwegs forschungsbasiert sein. Studierende können Lehrbücher auch zu Hause lesen, bei uns sollen die Studierenden dabei sein, wenn neue Horizonte entdeckt werden. Was passiert mit den Verlierern? Wittmann: Es gehört zu meiner Grundhaltung, den Fokus bei Transformationsprozessen auf die sich bietenden Chancen zu richten. Ich bin überzeugt davon, dass wir über die Möglichkeiten verfügen, Lösungen für die sich ergebenden Herausforderungen zu finden. Hinsichtlich der kurzfristigen Verlierer der Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt braucht es die Einsicht, dass wir alle einen Preis für zunehmende Ungleichheit zahlen. Anstatt betroffene Menschen und Gruppen alleine zu lassen, ist es gesamtgesellschaftlich sinnvoller, die soziale Innovation und Kohäsion zu fördern. Braucht es einen neuen Arbeitsbegriff, neue Identifikationsmöglichkeiten für Menschen, wenn Maschinen unsere Arbeit immer mehr übernehmen? Wilhelm: Ich denke das ist mehr ein kulturelles Problem, vielleicht auch eine Generationenfrage: Wenn ich unsere Studierenden anschaue, da sind typische Karrierewege nicht mehr so gefragt. «Ich bin überzeugt, der Mensch arbeitet grundsätzlich gerne und hat dies in seiner DNA. Der Sinn der Arbeit ist die notwendige Energiezufuhr!» Reto Steiner Steiner: Wenn wir unser Handeln und damit auch unsere Arbeit rein utilitaristisch verstehen, ganz nach dem Motto: «Hauptsache, es nützt», dann kann dies tatsächlich zu einer Identifikationskrise führen. Ich glaube, dem Sinn von Arbeit muss vermehrt eine zentrale Rolle zukommen. Geld und Lohn sowie Auftragserfüllung sind zentrale Treiber in der Arbeitswelt und das ist auch nicht einfach schlecht. Ein Zug muss das Ziel erreichen und Passagiere von A nach B transportieren. Die Lokomotive benötigt für diese utilitaristische Zielerfüllung aber eine Energiezufuhr. Genauso verhält es sich mit der Arbeit des Menschen. Ich bin überzeugt, der Mensch arbeitet grundsätzlich gerne und hat dies in seiner DNA. Der Sinn der Arbeit ist die notwendige Energiezufuhr! Wir müssen diesen thematisieren. «Der Begriff der «Work-Life-Balance» wird verschwinden, denn Work und Life gehören in der Arbeitswelt 4.0 untrennbar zusammen.» Reto Steiner Wittmann: Auf absehbare Zeit wird es so bleiben, dass Arbeit eines von mehreren sinnstiftenden Elementen ist. Individuen konstruieren Sinn durch individuelle Kombinationen von Überzeugungen, Tätigkeiten und Lebensformen. Neue berufliche Handlungsfelder inklusive Mensch-Maschine-Interaktionen und altbewährte Betätigungsfelder wie ehrenamtliche und zivilgesellschaftliche Engagements werden in diese Kombinationsmuster eingewoben. Welche Kompetenzen und Modelle müssen Organisationen künftig entwickeln, um den Arbeitsplatz der Zukunft produktiv, motivierend und gesund zu gestalten? Steiner: Zum Beispiel das Modell des flexiblen Arbeitsplatzes oder die Schaffung neuer Anreizsysteme – individuelle Boni sind sehr hinderlich in der Zusammenarbeit. Der Begriff der «Work-Life-Balance» wird ausserdem verschwinden, denn Work und Life gehören in der Arbeitswelt 4.0 untrennbar zusammen. Vielmehr sollte sich die Arbeit individuell in Richtung Work-Life-Fit gestalten. Wittmann: Organisationen mit einer hohen Sinnorientierung, einer effektiven Personalentwicklung sowie einer kollaborativen und partizipativen Kultur ziehen gute Mitarbeitende an und vermögen sie an sich zu binden. Sie verfügen über eine gute Grundlage, erfolgreich zu sein. Im Science-Fiction-Film endet die Interaktion von Maschinen und Menschen meist in der Katastrophe. Und in der Realität – wird es ein Happy End geben? Wilhelm: Ich habe null Angst vor intelligenten Robotern. Ich weiss auch nicht, ob es überhaupt ein Ende gibt. Das ist wohl nur im Film so. Steiner: Die Eisenbahn wurde auch einst verteufelt. Die Angst vor neuer Technik ist so alt wie die Menschheit – Fortschritts-Skeptiker bedeuten aber nicht das Ende. Heute profitieren wir von Errungenschaften wie der Eisenbahn. Wir dürfen aber auch nicht blind alles als Fortschritt bejubeln. Es braucht ein differenziertes Einbetten der Technologien in unsere Gesellschaft. Wittmann: Doch, ein Ende wird es schon geben. Aber wir werden es nicht miterleben (lacht). Wie viel Maschine, wie viel Mensch soll es in Zukunft sein? Zum Beispiel im Kundenverkehr mit der Bank oder beim Steuern von Drohnen? Im Rahmen des Städtefestivals «Zürich meets Seoul» treffen Forschende der School of Engineering und der School of Management and Law der ZHAW auf Expertinnen und Experten aus Korea, wo die Digitalisierung weit fortgeschritten ist. Vom 28. September bis zum 5. Oktober 2019 findet das Festival «Zürich meets Seoul» statt. Zürcher und Seouler Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur kommen zusammen, um den Austausch zwischen den beiden Metropolen auszubauen. Seine Hightech-Industrie, sein rasantes Wirtschaftswachstum sowie eine Bevölkerung, die Bildung hoch gewichtet, machen Südkorea und die Metropole Seoul für schweizerische Institutionen zu einem attraktiven Partner. Wie die ETH, die Universität Zürich (UZH) und die Zürcher Hochschule der Künste ZHdK ist die ZHAW am Städtefestival präsent, mit vier innovativen Projekten : Das IAM Medialab entwickelt ein Virtual Reality Game , das Frauen in die Gestaltung von Smart Cities weltweit einbinden soll. Das Coffee Excellence Center der ZHAW veranstaltet ein binationales Coffee Festival , während Forschende der School of Engineering und der School of Management and Law zusammen mit koreanischen ExpertInnen die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine im Kundenverkehr mit der Bank oder beim Steuern von Drohnen erforschen. Der Austausch zwischen schweizerischer und koreanischer Perspektive steht auch im Zentrum des Events zu Modern Public Accounting der Forschenden der School of Management and Law . Interview Patricia Faller

Mein Kollege, der Roboter

Was für die einen ein Horrorszenario ist, ist für die anderen eine willkommene Unterstützung: Roboter im Alltag der Arbeitswelt 4.0. Was wir ihnen einmal beigebracht haben, können sie nahezu perfekt, häufig besser als wir. Doch können sie auch mehr als das, und können sie auch kreativ sein? Für diese Ausgabe des Hochschulmagazins haben wir verschiedene Szenarien der Interaktion zwischen Mensch und Maschine zusammengestellt und Aspekte beleuchtet, die es zu bedenken gilt. In der Industrie können Roboter etwa dabei unterstützen, schwere Lasten zu tragen. Auch im Gesundheitsbereich können sie helfen, den Fachkräftemangel zu entschärfen. Dort werden Assistenz­­­roboter getestet, die sprechen und Getränke servieren können. Und machmal wollen sie auch nur spielen. Wenn man Datenschutz und ethische Fragen regelt und festlegt, wie die Arbeitsteilung aussieht, dann haben Experten wenig Bedenken, wenn uns Roboter unter die Arme greifen. Häufig ist es aber auch umgekehrt. Dann, wenn Aufgaben zu komplex sind oder einfach mal der Akku leer ist. Dann geht nichts mehr. Das ist dann fast schon wieder irgendwie menschlich. So musste ich auch diesen Text selbst schreiben, in der Hoffnung, dass er Sie zum Lesen inspiriert. Vielleicht hilft da auch ein Hinweis auf unseren Kurzkrimi, den der ZHAW-Absolvent und Autor Stephan Pörtner für uns geschrieben hat und ihn im Impact-Webmagazin auch selbst liest. Viel Spass beim Lesen und Hören. Interview Patricia Faller

  • 1
  • 2
  • 3
  • »
  • Impressum
  • Datenschutzerklärung
  • Netiquette
  • Cookies
© ZHAW
  • Home

  • Rubriken

    • Editorial

      Vorwort der Chefredaktion

    • Alumni

      Was ZHAW-Absolventinnen und -Absolventen heute machen

    • Menschen

      Wir schauen Forschenden und Dozierenden über die Schulter

    • Dossier

      Das Schwerpunktthema jeder Ausgabe

    • Forschung

      Neues aus der ZHAW-Forschung

    • Studium

      Einblick in Studienangebote

    • Interview

      Fachleute diskutieren

    • Spotlight

      Umfragen zu den Schwerpunktthemen

    • Meinung

      Standpunkte von ZHAW-Angehörigen

    • Panorama

      Vermischtes aus dem Campusleben

    • Perspektivenwechsel

      Blick nach aussen und von aussen auf die ZHAW

    • Abschlussarbeiten

      Bachelor- und Masterarbeiten im Kurzporträt

  • Suche

  • Archiv

  • Vorherige Ausgabe

  • Über das ZHAW-Impact und die ZHAW

Schliessen