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«Das Leben explodiert hier auf kleinstem Raum»

Dieser Reichtum der Natur: Auf einem Quadratmeter Boden scheint wirklich alles zu gedeihen, es ist, als wenn das Leben explodierte. Unzählige Pflanzenarten, Schlangen, kleine wilde Schweine – und alle möglichen Insekten, die stechen, Mücken, Fliegen, Ameisen oder Wespen. Von Ende August bis Ende November letzten Jahres habe ich für meine Bachelorarbeit in Bolivien geforscht. Ich studiere Lebensmitteltechnologie und habe mich im Rahmen eines laufenden Grossprojektes der Forschungsgruppe Lebensmittelbiotechnologie (ILGI) mit der Fermentation von Kakaobohnen befasst. Dafür habe ich in der Schweiz entwickelte Mikroorganismen-Kulturen in Bolivien in der landwirtschaftlichen Forschungseinrichtung Sara Ana des Schweizerischen Instituts für biologischen Landbau FiBL erprobt. Es ging mir darum, die Fermentation, die normalerweise spontan mit den natürlich anwesenden Mikroorganismen abläuft, zu verbessern. Denn durch diese Gärung entsteht auch der Kakaogeschmack – und die Qualität möchte man ja möglichst hoch haben. Die Farm, wo ich auch gewohnt habe, liegt mitten in den bolivianischen Tropen, in der Tiefebene des Alto Beni am Fuss der Anden. Ich habe sogar ein eigenes Labor zur Verfügung gehabt: Es war der einzige Raum in der Anlage, der Glasfenster hatte, dazu einen Wasseranschluss und einen gekachelten Boden. Ich hatte zwei Koffer voller Laborzubehör aus der Schweiz mitgeschleppt, aber natürlich war es dennoch nicht vergleichbar mit den Bedingungen, die ich aus der Schweiz kenne. Als ich einmal alles gründlich desinfiziert hatte für meine mikrobiologischen Analysen, lief mir ein Gecko über die Bank – und ich konnte von vorne anfangen. Überrascht hat mich doch, wie schwierig es war, an scheinbar ganz einfache Dinge zu kommen. Das nächstgelegene Dorf mit Einkaufsmöglichkeit war gut zwei Stunden Autofahrt entfernt. Zum Einkaufen ging es über eine Schotterstrasse und mit einer Holzfähre über einen Fluss. Ein Postsystem gibt es nicht, man konnte sich nichts schicken lassen. Dafür kannten die Einheimischen alle möglichen Tricks, einen kaputten Gegenstand mit einfachsten Mitteln zu reparieren. Die Köchin zeigte mir zum Beispiel, wie ein nicht mehr funktionierender Dampfkochtopf mit einem simplen Streifen Plastik wieder einsatzfähig wird. Bei meiner Rückreise in die Schweiz Ende November bin ich in La Paz in die Aufstände nach der bolivianischen Präsidentenwahl und dem Rücktritt von Präsident Evo Morales geraten. Immer wieder Strassensperren, Demonstrationen und Tränengasattacken der Polizei. Es war eine beunruhigende Situation. Taxis fuhren keine mehr, ich lief mit meinen Koffern dann zu Fuss zum Flughafen. Aufgezeichnet von Sibylle Veigl

Perspektivenwechsel

Singapur ist sauber, sehr grün, wohlhabend, und die Menschen ticken ähnlich wie hier in der Schweiz – ein Kulturschock war die Reise nicht. Vor der Reise hatte ich zwar vermutet, dass es sehr eng sein könnte, denn im Stadtstaat leben auf nur 725 Quadratkilometer Fläche gut 5,7 Millionen Menschen. Singapur ist deshalb auch extrem in die Höhe gebaut. Doch eigentlich war es nicht schlimmer als abends um 17 Uhr in der Zürcher Bahnhofstrasse. Deutlich rigider sind aber die Gesetze und Regeln im alltäglichen Leben: Kaugummi sind ja beispielsweise verboten, und in öffentlichen Verkehrsmitteln darf man weder trinken noch essen. Gewöhnungsbedürftig ist auch das Klima: Es ist sehr feucht in der Stadt. Während einer Woche habe ich im November letzten Jahres an einer Studienreise nach Singapur teilgenommen, welche das Förderprogramm Future Business Leaders der SML mit dem Swiss Economic Forum (SEF) zusammen anbietet. Thema der Reise waren die Aspekte globalen Unternehmertums und nachhaltigen Wirtschaftswachstums, welche bei vielen Firmenbesichtigungen veranschaulicht wurden. Ich studiere General Management im vierten Semester und bin als einer von zehn Teilnehmenden der SML ausgewählt worden. Früher wollte sich Singapur ja immer zur Schweiz Asiens entwickeln. Doch heute, würde ich sagen, hat der Stadtstaat die Schweiz in vielen Bereichen der Wirtschaft schon überholt. Zum Beispiel im Banking: Bei der Führung durch die britische Standard Chartered Bank hörte ich Begriffe, die hier in der Schweiz noch eher selten verwendet werden, wie etwa Open Banking oder Application Program Interface. Bis dahin hatte mich der Bereich Banking & Finance eher weniger interessiert, doch dieser Besuch hat dies geändert. Beeindruckt hat mich aber auch eine Kaffeerösterei, die wir besichtigt haben. Sie wurde von einer Frau gegründet, welche sich von ganz unten nach oben gearbeitet hat. Von ihr habe ich erfahren, was Unternehmertum bedeutet. Ganz anders als in der Schweiz wird der Datenschutz gehandhabt. Persönliche Gesundheitsdaten werden zum Beispiel ganz selbstverständlich mit dem Arbeitgeber und dem Staat geteilt, hier herrscht wenig Skepsis. Dieser gibt dann daraufhin der Person Tipps, wie sie ihre Gesundheit verbessern kann, und beim Einhalten der Gesundheitsziele erhält sie Gutscheine und Rabatte. So etwas wäre bei uns nicht vorstellbar. Ob dieser lockere Umgang mit persönlichen Daten gut oder schlecht ist, habe ich für mich jedoch noch nicht entschieden. Im Juli werde ich erneut nach Singapur reisen, dann aber für ein ganzes Austauschsemester. Das hatte ich schon vor dieser Reise geplant – die Studienreise gab mir jedoch schon einen ersten Einblick in diese andere Wirtschaftswelt. Aufgezeichnet von Sibylle Veigl

Die sowjetische Vergangenheit ist noch sichtbar

Im Vorfeld waren viele irritiert: Nach Kirgistan? Im Winter? Für mich war es aber eine einmalige Gelegenheit. Zur Vorbereitung besuchte ich einen Russischkurs, denn neben Kirgisisch ist Russisch noch immer eine offizielle Landessprache. Wichtig war mir, die kyrillischen Buchstaben zu lernen. Für Gespräche reichte es nicht, aber immerhin konnte ich lesen. In meinem Praktikum an der Kirgisisch-Türkischen Manas Universität untersuchte ich Erwinia amylovora , ein Bakterium, das die Pflanzenkrankheit Feuerbrand verursacht. Ich hatte in der Schweiz bereits eine Semesterarbeit dazu verfasst. Mein Team nahm mich sehr gut auf. Zu Beginn begegneten sie mir mit grossem Respekt, was mir unangenehm war. Ich war dort, um etwas zu lernen. Dass ich auch ihnen etwas beibringen konnte, war sehr schön. Die Kommunikation war zwar erschwert, aber wir fanden immer einen Weg, uns zu verständigen. Wichtig ist, dass man offen und respektvoll miteinander umgeht. Allgemein erlebte ich die Menschen als sehr nett: Autos halten an, wenn jemand über die Strasse geht, und Männer bieten im Bus den Frauen ihre Sitzplätze an. Ich wohnte in einer 2,5-Zimmer-Wohnung im Zentrum von Bischkek. Die Miete war mit 300 Dollar pro Monat für mich sehr günstig, für viele Einheimische ist das jedoch mehr als ein Monatslohn. Ich genoss es in vollen Zügen, auswärts zu essen, vor allem einheimische, türkische und japanische Küche. Im Stadtbild von Bischkek ist die sowjetische Vergangenheit noch gut sichtbar: grosse Plätze und breite Strassen. Viele Junge sprechen Russisch miteinander. Die ältere Generation, die die Besatzung miterlebt hat, ist hingegen eher russlandkritisch. Neben dem Traditionellen hat Bischkek auch viel Modernes: Alle haben Smartphones, das Internet ist schnell, es gibt viele Einkaufszentren, mit denselben Geschäften wie in Westeuropa. Bei Ausflügen sah ich aber auch eine andere Seite. In ländlichen Regionen lebt die Bevölkerung in sehr bescheidenen Verhältnissen. Landschaftlich ist Kirgistan imposant: Berge, Flüsse, viel unberührte Natur. Das Land ist etwa fünfmal grösser als die Schweiz, hat aber ein Drittel weniger Einwohner. Leider kam mein Aufenthalt wegen Corona zu einem abrupten Ende, sodass ich meine weiteren Reisepläne begraben musste. Meine Zeit in Kirgistan hat mir gezeigt, dass nicht alles selbstverständlich ist. In der Schweiz hinterfrage ich Wahlergebnisse oder die Integrität der Polizei nicht. Die Kirgisen hingegen haben kaum Vertrauen in den Staat. Dafür sehr viel Familien- und Gemeinschaftssinn, was mir gut gefallen hat. Aufgezeichnet von Sara Blaser

«Das Vertrauen des Staates ins Volk ist hier sehr hoch»

Es ist so ruhig hier in Winterthur. Am Wochenende kann man wenig unternehmen, es sei denn, man treibt Sport. Das ist etwas langweilig. Ich habe in Isfahan studiert. In der Stadt mit fast zwei Millionen Einwohnern ist immer was los, viele treffen sich in den Parks, es wird geredet und gespielt. Natürlich bin ich mir bewusst, dass diese Ruhe auch mit der Corona-Situation zu tun hat. Es hat mich sehr beeindruckt, wie schnell die Schweiz die Situation diesen Frühling wieder in den Griff bekommen hat. Das Vertrauen des Staates in die Bevölkerung ist sehr hoch hier, habe ich erfahren: Der Staat warnt, aber vertraut den Menschen – und die Menschen halten sich an die Empfehlungen. Seit sechs Monaten bin ich hier in der Schweiz, ich nehme an einem Doktoratsprogramm der ZHAW und der Universität Zürich in Data Science teil, das insgesamt vier Jahre dauert. Dazu gekommen bin ich über eine Ausschreibung an der Universität von Isfahan, mit der die School of Engineering Kooperationen pflegt. Ich bin nun an der School of Engineering am Institut für Mechatronische Systeme der School of Engineering angestellt. In Winterthur teile ich eine Wohnung mit Freunden, die das gleiche Programm absolvieren. Studiert habe ich in Iran: Meinen Bachelor habe ich an der technischen Universität von Hamadan absolviert, den Master dann an der Universität von Isfahan. Meine Forschungsarbeiten handelten vom Einsatz von Robotern in der Medizinaltechnik. Meine Faszination für Robotik hat ein Lehrer am naturwissenschaftlichen Gymnasium in Ilam in Iran geweckt. Das änderte damals alles für mich. Mich fasziniert, wie der Mensch durch Roboter unterstützt werden kann. In meinem Doktorat geht es nun um den Einsatz von Robotern in der Industrie. In Zukunft werden Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter enorme Möglichkeiten eröffnen. In meinem Projekt geht es darum, die Sicherheit des Menschen zu gewährleisten, wenn er mit Robotern zusammenarbeitet, die von Künstlicher Intelligenz gesteuert werden. Und es geht darum, die menschlichen Fähigkeiten zu digitalisieren, um die Interaktion zwischen Mensch und Roboter in smarten Fabriken zu vereinfachen. Mein Ziel ist, später als Professorin weiterzuforschen und zu lehren. Das kann überall auf der Welt sein, wo sich mir eine Möglichkeit bietet. Ich bin es ja gewohnt, zu wandern und mich an neuen Orten einzugewöhnen, schon seit meiner Zeit als Gymnasiastin: Von Ilam im Westen von Iran bin ich für meinen Bachelor 350 Kilometer weiter östlich nach Hamadan gereist. Und dann habe ich für mein Masterstudium im 450 Kilometer entfernten Isfahan gelebt. Und nun hat es mich für mein Doktorat ins 4000 Kilometer entfernte Winterthur gezogen. Aufgezeichnet von Sibylle Veigl

«In den Strassen waren Soldaten postiert»

Als ich im Januar nach Beirut kam, war die Revolution, die «Thawra», auf einem weiteren Höhepunkt. Fast täglich fanden Demonstrationen statt, die Protestierenden warfen Steine und Feuerwerk, die Polizei antwortete mit Tränengas und Wasserwerfern. In den Strassen waren vielerorts Soldaten und Panzer postiert. Vor meiner Reise hatte ich Befürchtungen bezüglich der Sicherheit gehabt. Doch wirklich bedrohliche Situationen habe ich selbst nie erlebt. Eine gewisse Grundanspannung begleitete mich aber immer. Ich studiere Umweltingenieurwesen und hatte mich entschieden, mein Auslandsemester im Libanon zu absolvieren. Die ZHAW pflegt hier eine Partnerschaft mit der American University of Beirut, einer grossen Universität mit über 8000 Studierenden. Ich schrieb mich in der Fakultät Agricultural and Food Sciences ein. Die Landwirtschaft wird in der Ausbildung vor allem unter wirtschaftlichen und agronomischen Aspekten betrachtet; mit einer starken Ausrichtung auf den Mittelmeerraum. Die biologische, nachhaltige Landwirtschaft ist natürlich auch ein Thema, steht aber nicht so im Zentrum wie an der ZHAW. Dass jemand extra in den Libanon reist, um Landwirtschaft zu studieren, hat meine Mitstudierenden aber doch verblüfft. Wenn jemand resilient ist, dann sind es die Bewohnerinnen und Bewohner von Beirut. Sie müssen meist schon seit ihrer Kindheit mit Problemen fertig werden, die wir hier in der Schweiz fernab von Kriegen, Katastrophen und Unsicherheiten nicht einmal nachvollziehen können. Man lernt schon früh, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Vermeiden sollte man als Ausländer jedoch, sich allzu sehr auf politische und religiöse Themen einzulassen. Ich möchte auch nicht werten, das steht mir als Aussenstehender nicht zu. Es ging mir darum, gemeinsam mit Einheimischen etwas zu erleben. Nur mit meinem Mitbewohner, einem libanesischen Architekten und Umweltaktivisten, habe ich viel über Politik gesprochen. Er hat mir vieles näher gebracht. Geplant hatte ich, bis Mai in Beirut zu bleiben. Doch Mitte März kam der Lockdown, und ich erwischte einen der letzten Flüge in die Schweiz, bevor der Flughafen von Beirut gesperrt wurde. Ich wäre sehr gerne länger geblieben, um mehr von der arabischen Kultur kennenzulernen. Aufgezeichnet von Sibylle Veigl

Ein Praktikum zwischen Gewalt und Geburt

Für die eigene Sicherheit gab es keine Garantie in Buenaventura. Die Atmosphäre war angespannt, immer wieder hörte ich von Schiessereien zwischen bewaffneten Gruppen. Die südkolumbianische Hafenstadt gilt als die gefährlichste Stadt Kolumbiens. Die Menschen, mehrheitlich Afrokolumbianer, leben in grosser Armut und inmitten ständiger Konflikte. Sie sind sehr herzlich, doch in ihrer Welt ist es besser, anderen Menschen nicht zu sehr zu vertrauen. Ich musste in den zehn Wochen hier lernen, mich auf mich selbst zu verlassen. In Kolumbien war ich bereits vor zwei Jahren, im Rahmen des Einblickspraktikums während meines Bachelorstudiums als Hebamme. Damals hatte ich die Gründerin des Hebammenverbandes der Pazifikregion kennengelernt, welche mich bei meinem letzten Abschlusspraktikum von April bis Juni dieses Jahres unterstützt und begleitet hat. Hebammen sind in Kolumbien nicht in das Gesundheitssystem eingebunden wie in der Schweiz. Im Spital kümmern sich Arzt und Pflegefachperson um Gebärende. Auf dem Land aber arbeiten traditionelle Hebammen ohne medizinische Ausbildung. Im Verband sind sie vernetzt, und ich habe bei Treffen und Projekten mitgewirkt und auch vorgetragen, wie die Geburtshilfe in der Schweiz funktioniert. Viele dieser Hebammen sind Analphabetinnen, sie geben ihr traditionelles Wissen mündlich weiter. Dieses Wissen wollte ich kennenlernen, denn ich denke, dass hier in der Schweiz viel von diesen Traditionen verloren gegangen ist. Die Hebammen begleiten die Frauen während der ganzen Schwangerschaft und sind auch Vertraute, Beraterin und Mediatorinnen. Ihre uralten traditionellen Praktiken umfassen den Einsatz von lokalen Heilpflanzen wie Oregano, Brennnessel oder Gewürznelken, Massagetechniken und Rituale. Sie verstehen den Körper einer Schwangeren anders, ganzheitlicher. Die richtige Ernährung spielt eine grosse Rolle, und es wird viel mehr über Berührung untersucht, über Abtasten, Reiben und Massieren, und so kann auch die Lage des Ungeborenen verändert und für die Geburt vorbereitet werden. Während wir hier mit dem Konzept «Anspannung–Entspannung» arbeiten, denken sie in den Kategorien «Wärme–Kälte». Sie verabreichen beispielsweise am Ende der Schwangerschaft und nach der Geburt Heilpflanzen, die innerlich wärmen sollen. Oder am 40. Tag nach der Geburt feiern sie ein Abschlussritual zur äusserlichen und innerlichen Schliessung des Körpers: Dabei werden mit einem Tuch einzelne Körperteile der Frau sanft umwickelt und für einige Minuten gehalten. Hier in Buenaventura sind die Menschen auch zufrieden mit dem, was der Tag bringt, etwa Gespräche mit Bekannten. Als Schweizerin bin ich es gewohnt, den Tag aktiv zu gestalten, um am Abend Erfolge vorweisen zu können. Ich musste mich quasi entschleunigen, mein in der Schweiz erworbenes Wissen hinten anstellen und lernen, ihre Lebens- und Arbeitsweise zu verstehen und zu akzeptieren. Sonst hätte die Zusammenarbeit nicht funktioniert. Ich habe viel gelernt, als Hebamme wie als Mensch. Aufgezeichnet von Sibylle Veigl

«Ich habe mich sehr sicher gefühlt in der Schweiz»

In anderen Ländern Europas bin ich zwar schon gewesen, doch die Schweiz kannte ich noch nicht – und überhaupt war ich zum ersten Mal so lange weg von meinem Zuhause in Thailand. Doch ich habe mich hier sehr sicher gefühlt. In Bangkok, wo ich wohne, gibt es Gegenden, wo man nach Sonnenuntergang nicht mehr hingehen sollte. Hier in der Schweiz konnte ich mich frei bewegen. Ich bin fast jedes Wochenende durch die Schweiz gereist, die Berge und die vielen Seen haben mich fasziniert: Das Wasser ist so klar, und es gibt keine Luftverschmutzung wie das bei mir zu Hause der Fall ist. Um an meiner Doktorarbeit zu forschen, bin ich im November letzten Jahres für sechs Monate in die Schweiz geflogen; ermöglicht hat mir dies ein Stipendium. Ich studiere an der Universität Thammasat in Bangkok Biomedizin und befasse mich mit der Entwicklung von Verpackungen für Lebensmittel. Dabei werden Folien gewisse Bestandteile eingearbeitet, welche Bakterien abtöten oder deren Wachstum hemmen. In meinem Forschungsprojekt sind diese Stoffe ätherische Öle aus thailändischen Gewürzen. Auf die ZHAW bin ich gekommen, weil die Entwicklung von aktiven Verpackungsmaterialien einer der Forschungsschwerpunkte des Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation (ILGI) ist. Vor meinem Aufenthalt hier hatte ich ja befürchtet, dass es mit der sprachlichen Verständigung problematisch werden könnte. Ich wusste nur, dass in der Schweiz Deutsch, Französisch und Italienisch gesprochen werden. Aber dass hier fast alle auch sehr gut Englisch können, hatte ich nicht erwartet. Im Wohnheim in Wädenswil habe ich Freundschaften mit Studierenden aus Deutschland, Belgien und sogar Ägypten geschlossen und dabei gelernt, mit Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen zusammenzuleben. An das Wetter musste ich mich aber erst gewöhnen: Ich kam ja im November an, und es war sehr kalt, was ich von Thailand gar nicht ­kenne. Ende Juni werde ich an der Universität in Bangkok meine Doktorprüfung ablegen. Anschliessend möchte ich weiter in der Forschung tätig sein. Doch aus Thailand will ich nicht mehr weg, denn meine Familie ist mir sehr wichtig. Aufgezeichnet von Sibylle Veigl

Ein Paradies für Radfahrer

Dass mein Aufenthalt ein abruptes Ende hätte nehmen können, war mir schon bei der Planung bewusst. Aber es war die letzte Möglichkeit für ein Auslandsemester, darum nahm ich das Risiko in Kauf – und es hat sich gelohnt. Im Sommer war das öffentliche Leben in Kopenhagen noch recht normal. Offene Bars, keine Maskenpflicht. Dies änderte sich aber bald. Dänemark hatte die Pandemie aber immer gut im Griff, die Fallzahlen stiegen nie steil an. Ich denke, das liegt daran, dass die Massnahmen immer sehr schnell angepasst werden und die Bevölkerung diese pflichtbewusst einhält. Manchmal war es schwierig, Schritt zu halten. Positiv war, dass wir bis Ende November normal zur Uni gingen. Wir hatten Präsenzunterricht und Gruppenarbeiten. Man musste eine Maske tragen und es wurde kontrolliert, dass man sich die Hände desinfizierte. Die Unterrichtskultur ist anders als bei uns, mehr auf Augenhöhe mit den Dozierenden. Alle duzen sich, die Klassen sind klein, der Austausch ist direkter und die Studierenden können den Unterricht stärker mitgestalten. An Kopenhagen gefällt mir die Fahrradkultur. Die Infrastruktur ist super, es gibt sogar Fussabstellvorrichtungen bei Ampeln. Auch scheint die Gesellschaft weniger traditionell als in der Schweiz: genderneutrale WCs sind ganz normal und man sieht deutlich mehr junge Männer mit Kinderwagen. Das dänische Nachtleben habe ich wegen Corona kaum kennengelernt. Dafür habe ich viel Zeit mit meinen Mitbewohnerinnen verbracht und gute Freundschaften geschlossen. Ich lebte mit zehn anderen Erasmus-Studierenden in einem Haus. Die Gefahr einer Ansteckung bestand natürlich immer. Aber wir waren gut organisiert: Wenn jemand Symptome hatte oder auf ein Testergebnis wartete, isolierte man sich und wurde von den anderen bekocht. Trotz der Einschränkungen haben wir einiges vom Land gesehen. Einmal sind wir quer durch Dänemark von Ferienhaus zu Ferienhaus gefahren – absolut coronakonform. Als angehende Sozialarbeiterin war die Erfahrung sehr wertvoll, einmal Ausländerin zu sein und zu erleben, dass es nicht so einfach ist, sich in einem anderen Land zurechtzufinden. Gleichzeitig merkte ich, dass das eigene Engagement das A und O ist. Aufgezeichnet von Sara Blaser

«Mit wenig Ressourcen den Kindern so viel geben»

Angekommen in Accra, der Hauptstadt von Ghana, hatte ich das Gefühl, alle Blicke auf mich zu ziehen. «Obroni» werden die Weissen hier genannt. Das bedeutet in Twi, einer der Sprachen Ghanas, so viel wie «weisser Mensch» oder «Fremder» und ist nicht abwertend gemeint. Doch an diese Blicke musste ich mich erst gewöhnen. Schon bevor ich hierher kam, wusste ich, dass es wichtig ist, die rechte Hand zu benützen, wenn man etwas nehmen oder geben möchte, oder auch beim Essen. Für mich als Linkshänderin war das jedoch ziemlich gewöhnungsbedürftig. Von Februar bis Juni dieses Jahres habe ich in Ghana mein zweites Pflichtpraktikum im Bachelorstudium Soziale Arbeit absolviert. Zu Afrika fühlte ich mich schon immer hingezogen. Mein Praktikum wollte ich aber nach Möglichkeit nicht in einem touristischen Land wie Südafrika oder Tansania machen. Über eine Vermittlungsorganisation konnte ich dann in Accra in einer vom Staat betriebenen Unterkunft für misshandelte Kinder arbeiten. Die Unterkunft ist als Heim auf Zeit konzipiert, in dem die Kinder – von 6 bis 17 Jahren – maximal drei Monate bleiben sollen, bis ein neues Zuhause für sie gefunden ist. Meist werden sie von anderen Verwandten aufgenommen oder in permanente Unterkünfte von Hilfsorganisationen vermittelt. In der Realität bleiben aber manche bis zu einem Jahr oder sogar noch länger. Die Kinder, die den Weg in diese Unterkunft gefunden haben, wurden vernachlässigt, geschlagen oder auf andere Art körperlich misshandelt, sexuell missbraucht oder sollten verkauft oder zwangsverheiratet werden. Pro Woche kamen zwei bis drei Kinder neu ins Heim, insgesamt lebten etwa 25 Kinder dort. Meine Aufgabe war es unter anderem, mit den neu ankommenden Kindern Gespräche zu führen – beim Eintritt und während des ganzen Aufenthaltes. Es galt, herauszufinden, welche Art von Missbrauch sie erlebt hatten, ihre Geschichte zu erfahren, um zu eruieren, wo sie platziert werden könnten. Vieles erfährt man erst, wenn das Kind etwas Vertrauen zu einem gefasst hat; das braucht Zeit. Die Kommunikation war schon eine Herausforderung, denn die Sprachenvielfalt in der Unterkunft ist gross: In Ghana gibt es allein zehn offizielle Sprachen, inoffizielle und Dialekte noch viel mehr. Die Verständigung in der Amtssprache Englisch funktionierte aber ziemlich gut, und wo nicht, wurde in die meistgesprochene Sprache Twi gewechselt. Notfalls konnte man die Kinder auch bitten, etwas in eine andere Sprache zu übersetzen. Die Mitarbeitenden des Heims sind alle Sozialarbeitende. Wir versuchten, den Kindern eine Tagesstruktur zu geben, sie zu beschäftigen und zu ermutigen, um ihr Selbstwertgefühl wieder etwas zu stärken. Viele der Kinder hatten nie die Möglichkeit, in die Schule zu gehen – die Sozialarbeitenden versuchen, ihnen so viel wie möglich mitzugeben, indem sie ihnen beispielsweise etwas Englisch, Mathematik, Informatik oder Kunst beibringen, meist auf sehr spielerische Art. Es mangelt an Ressourcen, sowohl an Personal wie an Materiellem allgemein. Stifte, Radiergummis, Bücher, Hefte und Spiele beispielsweise sind knapp und von Spenden abhängig, wie vieles andere auch. Doch obwohl die Mitarbeitenden so wenig zur Verfügung haben, können sie den Kindern dennoch so viel geben. Das habe ich bewundert; da kann man sich auf alle Fälle eine Scheibe davon abschneiden. Aufgezeichnet von Sibylle Veigl

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