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Filterkaffee als Lifestyle-Getränk

Tässchen oder Tasse? Da muss sie nicht lange überlegen. Nina Rimpl braucht Kaffee nicht als Muntermacher, trinkt statt Espresso lieber Filter­kaffee, von Hand aufgebrüht mit entkalktem Wasser und frisch gemahlenen Bohnen. «Filterkaffee ist die purste Form, Kaffee zu geniessen», sagt sie, «er bietet ein breiteres Geschmacksspektrum als Kaffee aus der Maschine». Die hellere Rös­tung der Bohnen verleiht ihm eine Farbe wie Tee und erzeugt fruchtige und florale Noten wie Johannisbeere oder Rosenblüten. Abgestandener Aufguss in Thermoskannen war gestern: In Szene­cafés von Berlin über New York bis nach Zürich erlebt Filterkaffee ein Revival als Lifestyle-Getränk. Keine weiss das besser als Nina Rimpl: Sie ist seit 2018 Präsidentin und treibende Kraft der Swiss Speciality Coffee Association , die sich für Qualität und Nachhaltigkeit in Anbau und Verarbeitung von Kaffee einsetzt. Spezialitätenkaffee wird durch strenge Richtlinien geschützt und bildet das kleine, aber schnell wachsende High-End-Segment des Kaffeemarkts. Neben Nina Rimpl ist ein weiterer international anerkannter Kaffeekenner im Vorstand: Chahan Yeretzian, Professor für Analytische Chemie und Leiter des Coffee Excellence Cen­t­er der ZHAW, einer der weltweit führenden Kaffee-Forschungsstät­­ten (siehe auch Interview weiter hinten). Im Rahmen des Festivals «Zürich meets Seoul» reisen die beiden im September in die asiatische Metropole und stellen dort ein «Mini-Festival» auf die Beine. Ziel ist es, Südkorea die Kaffeeforschung und -bildung der ZHAW näherzubringen, Networking zu betreiben und von der aufstrebenden koreanischen Kaffeekultur zu profitieren. «In Seoul haben die Coffeeshops ein sehr hohes Niveau», sagt Nina Rimpl, die dort vor zwei Jahren an den Barista-Weltmeisterschaften juriert hat. Dass sie Kaffee-Events organisieren kann, hat sie zuletzt mit dem Swiss Coffee Festival bewiesen, das auf ihre Initiative hin im März 2019 erstmals stattfand. Der Anlass brachte Röster, Maschinenhersteller, Gastronomen, Kaffee-Experten und -Freunde zusammen und war so erfolgreich, dass die nächste Ausgabe für 2020 bereits gesetzt ist. 2014 gewann Nina Rimpl den Titel der Barista-Schweizer-Meisterin. In der Ausmarchung ist nicht nur Handwerk gefragt, sondern auch Schnelligkeit, Wissen über den Kaffee, seine Herkunft und die Aufbereitung. Heute nimmt sie nicht mehr als Kandidatin, sondern als Jurorin an den Wettkämpfen teil – sie ist eine von zwei Schweizer Experten, die für Weltmeisterschaften zertifiziert sind. Dabei zeigt sich, dass Kaffee die Kraft hat, Menschen über die Grenzen zu verbinden. Laut Nina Rimpl ist die internationale Spezialitätenkaffee-Szene «wie eine grosse Familie», in der es entspannt und lustig zu und her gehe. Die Leidenschaft für Kaffee wurde durch ihren Onkel geweckt: Er nahm sie sonntags ab und zu mit seinem Oldtimer in die beiden bes­ten italienischen Kaffeebars zwischen München und Ingolstadt mit, wo sie aufwuchs. Der Geruch gemahlenen Kaffees und die zeremonielle Zubereitung faszinierten sie schon als junges Mädchen. Während des Studiums der Kunstgeschichte und der Psychologie an der Universität Zürich begann sie, als Barista in der Zürcher Bar Rivington and Sons zu arbeiten, und fasste so im hiesigen Kaffeekosmos Fuss. Sie fügte ein Psychologie-Studium an der ZHAW an mit Vertiefung in Arbeits- und Organisationspsychologie. 2018 schloss sie es mit dem Bachelor ab und arbeitet nun an ihrer Masterarbeit zum Thema «Agiles Mindset in Organisationen». Daneben begleitet sie am Institut für Angewandte Psychologie Leadership- und Coachingkurse, hat eine Teilzeitstelle bei der Swisscom und ist als Beraterin für Startups tätig. «Alles zusammen ergibt ein buntes Potpourri», sagt sie, «was mir sehr entspricht.» Wie ihr Leben ist auch Kaffee kein Einheitsprodukt. Nina Rimpl pröbelt ständig mit neuen Sorten, Wasser­temperatur, Mahlgrad, Menge und Aufgusstechnik und erweitert so die Kaffeevielfalt. Ausser Haus trinkt sie nur dort eine Tasse, wo sie weiss, dass diese ihren Ansprüchen genügt. Das trifft auf immer mehr Lokale zu, in denen eine moderne Kaffeekultur zelebriert wird. Asien verbindet man mit Tee. Weshalb veranstalten Sie ausgerechnet in Seoul einen Kaffee-Event? Chahan Yeretzian: Als Kaffee-Experte beobachte ich mit Erstaunen und Freude, wie sich die südkoreanische Kaffeekultur an die Weltspitze gesetzt hat. Hat die Kaffeebewegung die Kraft, die traditionsreiche Teekultur in Asien zu verdrängen? Das ist eine Generationenfrage. Die Jungen bevorzugen Kaffee, aber die Älteren trinken nach wie vor Tee. Tee hat eine lange Tradition und ist weniger dynamisch als die Kaffeekultur, darum ist er auch weniger attraktiv für Junge. Die Kaffeeszene ist intensiver und emotionaler als die Teekultur – rund um die Baris­tas mit ihren Hipster-Frisuren und Tätowierungen ist ein regelrechter Hype entstanden. Kaffee ist Action. «Bei der Verzierung von Milchschaumhauben sind Asiaten wahre Künstler.» Warum sind die Südkoreaner so gut in der Kaffeezubereitung? Die Koreaner kultivieren, so wie viele andere asiatische Länder, die Liebe zu den Details, die unseren Alltag bereichern. Sie haben in den letzten Jahrzehnten den Spezialitätenkaffee für sich entdeckt und stetig verfeinert. Die Bewegung ist enorm kreativ und qualitätsbewusst. Gerade in Seoul gibt es eine hohe Dichte an Coffeeshops, mehr als in irgendeiner Stadt der Welt. Die Avantgarde des Kaffees lebt in Seoul. Nicht von ungefähr wurde dieses Jahr eine Südkoreanerin Baris­ta-Weltmeisterin. Was wollen Sie bei «Zürich meets Seoul» konkret bieten? Wichtig ist mir der Fun-Faktor. Es soll kein dröges Symposium werden, sondern spannende Begegnungen ermöglichen. Dazu gehören Performances von Baristas, praxis­orientierte Vorträge und Events mit Schweizer Unternehmen aus der Kaffeebranche. Mir schwebt auch ein Latte-Art-Wettbewerb vor. Bei der Verzierung von Milchschaumhauben sind Asiaten wahre Künstler. Die ZHAW nimmt an der Festivalreihe «Zürich meets Your City», diesmal vom 28. September bis 5. Oktober, in Seoul teil. Dort wird sie verschiedene Projekte präsentieren, darunter das «Kaffee-Minifestival» oder auch ein Virtual-Reality-Spiel, das die ZHAW derzeit erarbeitet. Mit dem Spiel soll die Bevölkerung in die Gestaltung von Smart Cities eingebunden werden – und zwar weltweit. Im Rahmen des Städte­festivals diskutieren das IAM-MediaLab des ZHAW-Departements Angewandte Linguistik, Forschende der ZHAW School of Engineering und ein interdisziplinäres Team der Ewha Womans University in Seoul mit Expertinnen und Experten, Forschenden und Studierenden, wie das Spiel gestaltet werden kann, damit es auch Frauen anspricht und deren Potenzial für die Gestaltung von Smart Cities erschliesst. Die Ewha Womans University ist eine der führenden Universitäten für Stadtentwicklung und Virtual Reality in Korea. Corinne Amacher

Die Datengräber

Skalieren: Simon Michel und Roman Lickel haben das Zauberwort der Startup-Szene verinnerlicht: «Unser Ziel ist, möglichst schnell zu wachsen», sagt der eine, «Skalierbarkeit ist unser grösstes Thema», der andere. Klassisches Unternehmertum mit linearem Wachstum war gestern, heute ist exponentielle Ausdehnung gefragt – gross werden um jeden Preis. Die Jungunternehmer verkörpern den Wachstumsimperativ trefflich: Sie sind agil, geschäftstüchtig – und besessen von ihrer Idee. Zusammen mit Lukas Stolz und Nico Schefer sitzen sie am Holztisch im Runway Startup Incubator im Winterthurer Technopark und erzählen ihre Story. Der Inkubator der ZHAW ist eine Startrampe für Gründer und bietet günstige Räume, Coaching und Betreuung. Tischfussball, farbige Hocker, offene Türen und leere Kaffeetassen lassen auf reichlich Startup-Groove schliessen. Am Eingang hängt ein Poster mit Raketen darauf, versehen mit Portraits der Gründer und lockeren Sprüchen. Links oben klebt die Prognolite-Rakete. Das vor drei Jahren gegründete Unternehmen ist das älteste von zehn hier eingemieteten Startups. Der Umzug in grössere Räume ist für Ende Jahr geplant; es wäre der Beweis, dass der Antrieb gezündet hat. Die Firma bietet eine App an, mit der Restaurants voraussagen können, wie sich das Gästeaufkommen entwickelt. «Das erlaubt den Wirten, Food Waste zu verringern und Personalkosten zu sparen», sagt Simon Michel. Die Lösung basiert auf Algorithmen, in denen bis zu 1,5 Millionen Kassenbons pro Restaurant der letzten zwei Jahre mit verschiedenen relevanten Daten in Beziehung gesetzt werden, etwa Saisonalität, Wetterdaten, Feiertage oder Schulferien. Durch das Zusammenspiel der Informationen sagt der Algorithmus voraus, wie viel Umsatz das Restaurant machen wird, und erstellt eine Prognose für den Absatz von bestimmten Lebensmitteln. Am Ende lässt sich alles auf dem Handy an sauberen Diagrammen ablesen. Die Idee, die Grosses entfalten soll, geht wie häufig bei funktionalen Innovationen von frustrierten Kunden aus. In dem Fall war es Simon Michel, der an der School of Management and Law Betriebswirtschaft studiert hatte. Nach dem Studium war er bei den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EKZ) zuständig dafür, einen Teil des Schweizer Stromverbrauchs zu prognostizieren, auf fünf Jahre hinaus und auf die Viertelstunde genau. Als Vegetarier fiel ihm auf, dass im EKZ-Personalrestaurant das Vegi-Menü häufig ausverkauft war. Wenig später, er war in den Skiferien, störte er sich an den langen Warteschlangen in einem Bergrestaurant. «Die Betriebe», so Simon Michel, «hatten offensichtlich Mühe, den Food- und Personaleinsatz zu kalkulieren, weil sie das Gästeaufkommen nicht abschätzen konnten.» «Ich profitiere enorm von meinem ZHAW-Studium und kann viel gelerntes Wissen direkt anwenden.» Simon Michel Das war der Anstoss zu Prognolite. «Nach der Idee ging alles ganz schnell», erinnert sich Simon Michel. Erfahrung mit dem Erstellen von Prognosen hatte er von seinem EKZ-Job her, für die Programmierung der App brauchte es einen Informatiker. Er kontaktierte Roman Lickel, den er vom Unihockey kannte und der an der School of Engineering Computer Science studiert hat. Für ihn ergab die Idee «mega Sinn», nach einem Bier waren sich die beiden einig. «Simon hatte es eilig und sagte: Morgen legen wir los.» Mitte 2016 gründeten sie eine GmbH, erstellten einen Businessplan und nahmen die zweite Phase in Angriff: die Entwicklung eines Prototyen. Während sich Roman Lickel in Beschaffung und Aufbereitung von Daten und Schnittstellen auskennt, bringt Simon Michel Know-how in der Erstellung von Prognosen und Betriebswirtschaft ein. «Ich profitiere enorm von meinem ZHAW-Studium und kann viel gelerntes Wissen direkt anwenden», sagt er. Der erste Algorithmus wurde vom Institut für Datenanalyse und Prozessdesign (IDP) der ZHAW entwickelt, mit dem sie eng zusammenarbeiten. Getestet wurde das Tool in der Juckerfarm, die das Problem der Prognosen in den Erlebnishöfen nur zu gut kennt: In Seegräben und Jona variiert das Gästeaufkommen stark. Bei schönem Wetter läuft an einem Wochenende dreimal mehr als bei schlechtem. «Jeder hat sein eigenes Gärtchen, aber alle ziehen am gleichen Strick.» Roman Lickel Der Wachstumsdruck zwingt die Gründer, offen für jede erdenkliche Verbesserung des Produkts zu sein. Für die Weiterentwicklung stellten sie zwei Spezialisten ein. Zunächst stiess Lukas Stolz dazu, Informatiker und Data Scientist, der sich an der School of Engineering zum Wirtschaftsingenieur ausbilden liess und nun das Masterstudium macht. Er ist für die Entwicklung der Prognosealgorithmen zuständig. Anfang 2019 wurde Nico Schefer eingestellt, gelernter Koch, ehemaliger Restaurantmanager, Absolvent der Hotelfachschule Belvoirpark und Student der Betriebswirtschaft an der School of Management and Law. Als Gastronom spricht er die Sprache der Kunden und kümmert sich um die Akquisition. Roman Lickel beschreibt die Dynamik des Teams so: «Jeder hat sein eigenes Gärtchen, aber alle ziehen am gleichen Strick.» «Viele Gastronomen sind zunächst skeptisch und glauben, es handle sich um Glaskugellesen, aber wir zeigen ihnen, dass wir wissenschaftlich vorgehen.» Simon Michel Zum Wachstumsmodell gehört es, die Firma von Meilenstein zu Meilenstein vorwärtszubringen. Bis Ende 2019 soll Prognolite 50 Kunden zählen. Bereits steht einer der grössten Schweizer Anbieter der Gemeinschaftsgastronomie auf der Liste, ebenso einige Betriebe von Autogrill, das auf vegane Küche spezialiserte Roots sowie Nooch, die Kette asiatischer Restaurants. «Viele Gastronomen sind zunächst skeptisch und glauben, es handle sich um Glaskugellesen», sagt Simon Michel, «aber wir zeigen ihnen, dass wir wissenschaftlich vorgehen.» Die Prognosegenauigkeit liege im Durchschnitt bei 90 Prozent für den Folgetag. Das Tool kostet einige hundert Franken pro Restaurant und Monat, wobei die Einsparungen «um ein Vielfaches höher sind». Die Software wird nun laufend weiterentwickelt, unter anderem auch in ZHAW-Forschungsprojekten. Mit dem Wachstum beginnt auch der Kampf ums Geld. Organisches Wachstum – etwa mit einem Bankkredit – ist für Startups keine Option. Für die Skalierung brauchen sie Kapital von risikofreudigen Investoren. Diese finden die Prognolite-Gründer an Pitching Events, Netzwerkanlässen oder Wettbewerben. Finanziell unterstützt werden sie unter anderem von der Klimastiftung Schweiz und dem Klimafonds Stadtwerk Winterthur. Derzeit läuft eine weitere Finanzierungsrunde. Beim EU-Programm Horizon 2020 haben sie die erste Stufe geschafft und 50'000 Euro eingenommen. In einer nächsten Stufe geht es nun um den Jackpot von 2 Millionen Euro. Das Geld soll helfen, dass die Skaleneffekte möglichst rasch einsetzen. Etwa durch die Expansion nach Deutschland und in weitere Nachbarländer, die für nächstes Jahr geplant ist. Oder die fortschreitende Automatisierung der Softwarelösung, die es erlauben soll, dass der Aufwand trotz Grössenwachstum möglichst gering bleibt. Im Kern geht es bei der Skalierung um die Frage, inwieweit sich der Umsatz steigern lässt, ohne immer neue Investitionen tätigen zu müssen. Jeder neu gewonnene Kunde, jeder Umsatzfranken führt den Jungunternehmern freilich auch neue Herausforderungen vor Augen. Simon Michel verweist auf «die wachsende Verantwortung für alle Anspruchsgruppen und die Schwierigkeit, Mitarbeitenden, Kunden, Investoren und der Familie immer gerecht zu werden». Roman Lickel sieht die Gefahr des Verzettelns: «Wir müssen stets darauf achten, den Fokus zu halten und uns nur auf unser Produkt zu konzentrieren.» Damit dies gelingt, bringen die vier, alle um die 30 Jahre alt, ihre gesammelte Erfahrung ein. Simon Michel etwa hatte als Gymnasiast bereits einmal ein Startup gegründet, das abging wie eine Rakete. Er war damals 17 und begann, zusammen mit Kollegen defekte iPods und iPhones zu reparieren. Die Teenager waren so versiert, dass ihnen führende Telekomanbieter wie Media Markt oder Swisscom Kunden vermittelten. Simon Michel hatte noch nicht einmal die Matura abgelegt und setzte schon 100'000 Franken um. Heute würde ihm das Unternehmen allerdings nicht mehr entsprechen: Das Geschäftsmodell war nicht skalierbar. Corinne Amacher

Robert Fraefel – Der Überflieger

«Caution», warnt ein gelbes Plakat an der Eingangstüre, «drones may be operating in this area». Ein kleiner Scherz: Drohnen gibt es hier weit und breit keine – sie surren nur in den Köpfen der Beschäftigten. Hinter der Türe verbirgt sich ein harmloses Grossraumbüro mit sechs leeren Arbeitsplätzen, einem Sitzungstisch und einer Tafel mit einem Zeitplan. Eine knallgelbe Wand und ein quietschrotes Sofa setzen die einzigen Akzente. So sieht er aus, der Projektraum U-Space für das unbemannte Luftverkehrsmanagement: unspektakulär – und weitgehend unbemannt. Ursprünglich wollte Robert Fraefel den Raum als Arbeitsort für sein Team nutzen, als er im Herbst 2017 die neu geschaffene Stelle als Chef des Swiss U-Space antrat. Aber bis heute finden dort lediglich Meetings und Koordinationssitzungen statt. Alle Mitglieder des U-Space-Teams haben im Gebäude der Flugsicherungsgesellschaft Skyguide in Dübendorf verstreute Arbeitsplätze, wie das so ist in einer Matrixorganisation, wo jeder mehrere Zuständigkeiten hat. Entsprechend rollend ist die Planung. Erst kürzlich habe er seinen Stellenbeschrieb selber formuliert, sagt Robert Fraefel schmunzelnd, der Job lasse sich auf einen einfachen Nenner bringen: «Mach mal!». Den 44-Jährigen bringt es nicht aus der Fassung, wenn er ab und zu den Reset-Knopf drücken muss. «Mit dem U-Space betraten wir einen luftleeren Raum», sagt er, «wir mussten zuerst schauen, wie wir am besten vorgehen.» Nur das Ziel war klar: ein System zu entwickeln für das Management von Drohnen und deren Integration in den kontrollierten Luftraum. Die unbemannten Flugkörper bewegen sich in immer grösserer Zahl durch die Lüfte, was zu mehr oder weniger engen Begegnungen mit bemannten Flugobjekten führt, die gefährlich werden können. Dabei geht es nur am Rand um Hobbypiloten, die aus luftigen Höhen Bilder schiessen oder Filme drehen – sie werden, vermutet Fraefel, eine Randerscheinung bleiben. Boomen werden dagegen professionelle Einsatzmöglichkeiten von Drohnen, etwa wenn Rettungskräfte Defibrillatoren an Unfallstellen fliegen, Landwirte ihre Felder besprühen, die Rega Suchflüge durchführt, die Post Laborproben transportiert, Behörden von der Luft aus Hochspannungsleitungen prüfen oder die SBB ihr Streckennetz inspiziert. Solche und weitere Anwendungen will Skyguide künftig ermöglichen, indem sie den Anbietern den Zugang zum Luftraum verschafft. «Für Skyguide geht es nicht nur darum, das Sicherheitsproblem zu lösen», betont Fraefel, «sondern vor allem darum, neue Geschäftsfelder zu erschliessen.» Der Aufzug der Drohnen am Himmel zwinge die Flugsicherung, ihr Geschäftsmodell zu überdenken und neu auszurichten. Zu Robert Fraefels grössten Herausforderungen gehört es, die Anforderungen an den U-Space und die Schnittstellen zum bemannten Flugverkehrsmanagement zu definieren: «Wir lernen laufend dazu, weil es noch nie jemand gemacht hat», sagt er. Immerhin ist der Rollout der Plattform in Sichtweite: Ende 2019 soll der Swiss U-Space lanciert werden. Er verspricht der weltweit modernste Verkehrsmanagementdienst für Drohnen zu werden. Bis Drohnenflüge tatsächlich über eine App autorisiert und überwacht werden können, braucht es aber noch die entsprechende Regulierung. Es ist nicht das erste Mal, dass Robert Fraefel mit einem Pionierprojekt für Aufsehen sorgt. Der Pfarrerssohn aus Elsau-Räterschen, der im Jahr 2001 an der ZHW (heute ZHAW) das Diplom als Maschinenbauingenieur erlangte, arbeitete zwischen 2006 und 2017 als Chefentwickler der Solar Impulse – des Flugzeugs, mit dem Bertrand Piccard und André Borschberg nur von Sonnenlicht angetrieben die Erde umrundeten. Alles begann mit einem Tipp von einem ZHAW-Kollegen, der wusste, dass bei Solar Impulse Ingenieure gesucht würden. Robert Fraefel war auf Jobsuche und nahm Kontakt mit ETH-Professor und ZHAW-Dozent Peter Frei auf – einem Mann der ersten Stunde bei Solar Impulse. Kurz darauf trat er seine Stelle in der Werkstatt am Flughafen Dübendorf an und stellte nach und nach das Entwicklungsteam zusammen: «Ich wuchs in die Aufgabe hinein», erinnert er sich und fährt fort: «Ich organisiere gerne und übernehme gerne Führungsverantwortung.» Zu Spitzenzeiten zählte sein Team 45 Ingenieure und Mechaniker, ein grosser Teil davon ZHAW-Absolventen. «Wir wussten nicht, ob es klappen würde, die ständige Unsicherheit war natürlich aufreibend.» Während Peter Frei für Konzept und Aerodynamik zuständig war, kümmerte sich Fraefel um Konstruktion, Energieversorgung und Produktion des Solarflugzeugs. Zupass kamen ihm die Tatsache, dass er sich im Studium auf Leichtbau vertiefte, und die Erfahrungen, die er nach dem Studium als Entwickler beim Schweizer Formel-1-Rennstall Sauber gesammelt hatte. Mit einer Spannweite von 70 Metern und dem extremen Leichtbau stellte das Flugzeug eine grosse Herausforderung an die Steuerbarkeit und Belastbarkeit dar. «Wir wussten nicht, ob es klappen würde», sagt Fraefel, «die ständige Unsicherheit war natürlich aufreibend.» Aber Pioniergeist und Idealismus habe alle zusammengeschweisst: «Der Spirit bei Solar Impulse war einmalig.» So triumphal die Erdumrundung am Ende war – auch Rückschläge sind haften geblieben: etwa als ein Flügelholm in einem Belastungstest versagte, was das ganze Vorhaben um ein Jahr verzögerte und zu Millionen an Mehrkosten führte. Oder dass die Weltumrundung in zwei Etappen aufgeteilt werden musste, weil auf der Strecke zwischen Japan und Hawaii die Batterien überhitzten. Im Sommer 2016, als die Erdumrundung geschafft war, kam Hoffnung auf, die Technologie weiter mit einer neuen Firma vermarkten zu können. Ein Geschäftsmodell wurde entwickelt, wonach entlegene Regionen durch hochfliegende Solardrohnen ans Internet angebunden werden könnten. Das Vorhaben scheiterte allerdings, weil die Batterien zu wenig leistungsfähig waren und sich Investoren rar machten. Am Schluss war es Robert Fraefel, der bei Solar Impulse die Server wegräumte und die Lichter löschte. «Nach zehn Jahren war bei uns allen die Luft draussen», sagt er, «es war Zeit für etwas Neues». Der Luftfahrt blieb er allemal treu. Die Leidenschaft für die Fliegerei entdeckte er im Alter von zwölf Jahren, als er im Estrich des Elternhauses den Modellhelikopter des Vaters aufstöberte. Die Modellfliegerei wurde sein grosses Hobby, das ihn auch an internationale Wettbewerbe führte. Zusammen mit der Begeisterung für Technik erzeugte das viel Schub für die Karriere – bis hin zu Skyguide, wo er nun mit dem Swiss U-Space erstmals in einer digitalen Werkstatt gelandet ist. In den Räumen der Flugsicherungsgesellschaft wird sein Alltag nicht mehr von Schrauben und Zahnrädern bestimmt, sondern von Einsen und Nullen. Deshalb ist eines seiner nächsten Projekte ein Nachdiplomstudium in Softwareentwicklung. Corinne Amacher

Die Frau, bei der es «fägt»

spekteinflössende Begriffe gibt es in der Berner Stadtverwaltung: «Kompetenzzentrum Arbeit – KA» ist so einer, er steht auf dem Schild am Eingang des gesichtslosen Gebäudes in Bern-Wankdorf. «Ermittlung der Arbeitsmarktfähigkeit – EAF» ein anderer, er ist im Innern an Bürotüren zu lesen. Wer die Schwellen überschreitet, merkt bald: Hinter der bürokratischen Fassade verbirgt sich viel Herz und Verstand. Etwa in Gestalt von Barbara Schmocker, Absolventin ZHAW Angewandte Psychologie. Der Lieblingsausdruck der 32-jährigen Berner Oberländerin: «Es fägt.» Oder auf gut Deutsch: Es läuft rund. Routiniert führt Barbara Schmocker durch die Gänge: Auf der einen, mit mausgrauem Spannteppich belegten Geschossseite - der «Teppichetage», wie sie lachend anmerkt - befinden sich nüchterne Büros und Sitzungszimmer, auf der anderen Seite sieht es aus wie im Werkunterricht: Es gibt eine komplett ausgerüstete Schreinerei, Arbeitsinseln mit Lötstationen, Nähmaschinen und Werkzeugkästen. Auf Tischen liegen, säuberlich geordnet, Holzspielzeuge, Scherenschnitte, Metallfiguren und Taschen aus gebrauchten Planen. Hier ist Vielseitigkeit angesagt: «Die Teilnehmer durchlaufen bei uns ganz unterschiedliche Settings», sagt Barbara Schmocker, «nur so können wir sie aus vielen Perspektiven erfassen und am Ende hoffentlich die Puzzleteile zusammensetzen.» Als fallführende Psychologin klärt sie im Auftrag des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums RAV bei Stellensuchenden ab, ob und wie diese im Arbeitsmarkt bestehen können: Wie teamfähig ist der Klient oder die Klientin, wie flexibel, wie kommuniziert er, wie geht sie mit Kritik um? «Ich habe genau einen Monat Zeit, um mir ein Bild von einer Person zu machen», sagt Barbara Schmocker, «eine teilweise anspruchsvolle Aufgabe.» In dieser Zeit führen die Teilnehmenden Gespräche, durchlaufen psychodiagnostische Tests, erledigen, von sogenannten Arbeitsagogen angeleitet, handwerkliche oder administrative Aufgaben und werden in Workshops beobachtet. «Viele empfinden Standortbestimmung nicht als Chance, sondern als Muss.» Sieben Klientinnen und Klienten betreut Schmocker. Da muss sie den Überblick behalten. Das KA begleitet an 12 Standorten jährlich insgesamt 2000 Stellensuchende, von rund 300 ermitteln Spezialistinnen und Spezialisten wie Schmocker die Arbeitsmarktfähigkeit. Bei den meisten Teilnehmenden hält sich die Vorfreude in Grenzen. «Viele empfinden Standortbestimmung nicht als Chance, sondern als Muss», sagt Schmocker, etwa wenn sie als Eintrittsarbeit dreidimensionale Scherenschnitte fertigen müssen. Doch bevor Neues entstehen könne, müssten Widerstände überwunden werden. Durch die Arbeiten in der Werkstatt erhält sie mit den Arbeitsagogen Aufschluss über arbeitsrelevante Faktoren: Wie sehr kann sich jemand konzentrieren, wie sind Auffassungsgabe und Arbeitstempo, gibt es unentdeckte Begabungen, die neue berufliche Perspektiven eröffnen? «Unser Ziel ist es, Ressourcen zu erkennen und Stolpersteine zu benennen. Im besten Fall gehen die Teilnehmenden gestärkt aus dem Setting, was die Arbeitsmarktattraktivität erhöht.» Die Klienten stellen einen Durchschnitt der Bevölkerung dar: Männer, Frauen, Akademiker, Hilfsarbeiter, im jungen Erwachsenenalter bis kurz vor der Pensionierung. Alle haben einen Leidensweg hinter sich wie etwa ein Mann, noch keine 30 Jahre alt, Ausbildung abgebrochen, Stelle verloren, psychiatrisch krankgeschrieben und aus psychosozialen Gründen unfähig, Vorstellungsgespräche zu absolvieren. Mehr als die einzelnen Schicksale beschäftigen Schmocker die vielen «Systembrüche und -grenzen»: Menschen, die von Institu­tion zu Institution und von Therapie zu Therapie weitergereicht werden, was vielleicht kurzfristig entlastet, aber kaum nachhaltig ist. Den Rucksack für ihre Arbeit hat sie an der ZHAW gefüllt: «Ich greife regelmässig auf meine Studienunterlagen zurück und finde zu jedem Thema eine passende Antwort», sagt Schmocker, «das ist extrem wertvoll.» Neben Kompetenzen zur Gesprächsführung erwähnt sie speziell das Gespür für die Anwendung von diagnostischen Instrumenten, das sie am Departement Angewandte Psychologie der ZHAW erworben hat. «Anstatt Drogenkonsum von Jugendlichen zu verteufeln», so Schmocker, «sollten vielmehr Vorkehrungen getroffen werden, damit der Konsum nicht exzessiv wird.» Zur ZHAW gelangte Schmocker eher zufällig. Aufgewachsen in Spiez, tat sie sich als Organisatorin von Kinderlagern, Jugendtreffs und Aufgabenhilfen hervor. In der Administration des Bildungszentrums Interlaken absolvierte sie eine kaufmännische Lehre und im Anschluss die gesundheitlich-soziale Berufsmaturitätsschule. Sie besuchte dann eine Informationsveranstaltung am IAP Institut für Angewandte Psychologie – und war sofort «Feuer und Flamme». Sie stieg in eine Teilzeitklasse ein, was sie als «Glücksfall» bezeichnet. Bereichernd war unter anderem, dass viele der Kolleginnen und Kollegen das Studium auf dem zweiten Bildungsweg absolvierten und deswegen im Durchschnitt älter waren als in Vollzeitklassen: «Ich habe vieles über die Studieninhalte hinaus gelernt. Dank der vielfältigen Gruppe hatte ich Gelegenheit, alles aus verschiedenen Perspektiven anzuschauen.» Das Teilzeitstudium erlaubte ihr, ihre Teilzeitstelle in der Berner Bildungsverwaltung zu behalten, wo sie unter anderem die Projektleitung für die Einführung der Evento-Software innehatte. Für die Bachelorarbeit in Arbeits- und Organisationspsychologie untersuchte Schmocker am Beispiel der Berner Erziehungsdirektion, wie ein transformationaler Führungsstil die Mitarbeiterbindung beeinflusst. Von der Beratungsfirma MPW in Zürich, die in Kooperation mit der ZHAW Bachelorarbeiten mit hohem Praxisbezug prämiert, wurde sie dafür ausgezeichnet. Die Freude am wissenschaftlichen Arbeiten war jetzt erst recht geweckt. Die Masterarbeit in klinischer Psychologie schrieb sie mit einer Studienkollegin, die älter war und das Fach auch auf dem zweiten Bildungsweg studierte. «Gerade die Tatsache, dass wir aus unterschiedlichen Richtungen kamen, war sehr wertvoll», so Schmocker, «wir ergänzten uns persönlich gut und hatten einen ähnlichen Arbeits- und Schreibstil.» Die Autorinnen untersuchten, welche Faktoren den Drogenkonsum von Jugendlichen beeinflussen. «Anstatt Drogenkonsum von Jugendlichen zu verteufeln», so Schmocker, «sollten vielmehr Vorkehrungen getroffen werden, damit der Konsum nicht exzessiv wird.» Kern der Arbeit sind Handlungsanleitungen im Umgang mit Jugendlichen. Die Masterarbeit wurde vom Schweizerischen Berufsverband für Angewandte Psychologie ausgezeichnet. Neben ihren akademischen Meriten hat Barbara Schmocker an zahlreichen beruflichen Stationen Einblicke ins Bildungssystem gewonnen: Während der Master­arbeit etwa arbeitete sie in den RAV Interlaken und Bern, wo sie sich als IIZ-Beraterin ins Thema Sozialversicherungen einarbeitete; IIZ steht für Interinstitutionelle Zusammenarbeit von RAV, IV, Sozialhilfe und Berufsberatungs- und Informationszentren. Von ihrer jetzigen Arbeit, die sie seit Mai 2018 innehat, zeigt sie sich begeistert: «Es fägt menschlich und fachlich.» In ihrem Büro steht ein Flipchart, wo sie akribisch alle Faktoren notiert hat, die zur Arbeitsmarktfähigkeit beitragen. Neben dem üblichen Mobiliar fällt eine kleine Muschel­girlande auf, die am Türrahmen baumelt: Erinnerungen an eine Reise nach Sri Lanka. Schmocker hat das Land während mehrerer Wochen alleine bereist. Beruflich und privat sei sie immer schon stark in soziale Kontakte eingebunden gewesen, sagt sie, ganz Psychologin: «Zu merken, dass ich, egal ob alleine oder zu zweit, immer eine Lösung finde, gab mir Sicherheit.» Corinne Amacher

Eine Frau der Tat

Der Stadtpark von Chur, einst zum Flanieren errichtet, ist seit vielen Jahren ein Treffpunkt für Menschen am Rand der Gesellschaft. Die meisten Einheimischen machen einen Bogen um den Garten. Nicht so Romina Beeli. Sie spricht die Parkbewohner – meist obdachlose und drogenabhängige Männer – an, setzt sich hin, hört zu, ist einfach da. «Bei mir muss sich niemand rechtfertigen», sagt sie, «ich erteile auch nicht ungefragt Ratschläge.» Das helfe, Vertrauen zu schaffen. Schon als Teenager erhielt Romina Beeli Einblick in so viele Schicksale wie andere im ganzen Leben nicht. Heute, mit 27, sagt sie von sich: «Ich habe den Umgang mit dem Tod gelernt.» Vor einigen Jahren wurde sie von einem Drogenabhängigen gebeten, für seine Mutter seine Lebensgeschichte aufzuschreiben für den Fall, dass er vor ihr sterben würde. Der Mann, der später an einer Überdosis starb, hatte mit seiner Anfrage vieles ins Rollen gebracht. Romina Beeli verfasste nicht nur seine Biografie, sondern gleich eine ganze Portraitsammlung, die vom Bündner Somedia-Verlag herausgegeben wird. In dem 2015 erschienenen Buch «Die Familie vom Stadtpark» beschreibt die Autorin sieben Betroffene und deren Leben im gesellschaftlichen Abseits – Menschen, die ihrer Ansicht nach «aus verschiedenen Gründen vielfach einfach Pech gehabt haben». Häufig fehle es schon in der Kindheit an tragfähigen Beziehungen, sagt Romina Beeli, die wohlbehütet in der heilen Bündner Bergwelt aufgewachsen ist, in Donat mit seinen rund 200 Einwohnern, fern von sozialer Not und Drogenelend. Es war bei einer Besichtigung der «Überlebenshilfe» Graubünden in Chur, die eine Notschlafstelle und eine Gassenküche beherbergt, als sie erstmals direkt mit den dunklen Seiten der Wohlstandsgesellschaft in Berührung kam. Damals war sie 17 und erschüttert von den Schicksalen der Randständigen: «Dort habe ich den Entschluss gefasst, mich beruflich für benachteiligte Menschen einzusetzen.» Anders als die «Klienten» aus der «Überlebenshilfe», deren Lebensläufe voller Brüche sind, hat Romina Beeli ein makelloses Curriculum Vitae. Im Anschluss an die Fachmatur und einen Sprach- und Arbeitsaufenthalt in Südafrika und Mosambik schrieb sie sich fürs Studium der Sozialen Arbeit an der ZHAW ein. «Viele warnten mich, ich sei zu jung dafür», erinnert sie sich, «darum hatte ich wenig Hoffnung, aufgenommen zu werden.» Lebenserfahrung ist für das Studium ein Vorteil, darum wird es auch häufig als Zweitausbildung absolviert. Doch die Bedenken waren unbegründet: Nach einem längeren Abklärungsgespräch konnte sie, damals 22-jährig, die Ausbildung in Angriff nehmen. «Die Resozialisierung von Straftätern ist eine spannende und herausfordernde Aufgabe.» Als Frau der Tat schätzte sie den hohen Praxisbezug mit den beiden sechsmonatigen Ausbildungspraktika, die ihr wichtige Erfahrungen und Beziehungen in der Berufswelt verschafften. Ein Praktikum absolvierte sie in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK), eines im Haus Lägern, das zur JVA Pöschwies gehört, der grössten Justizvollzugsanstalt der Schweiz. In der Einrichtung, die 23 Plätze zählt, durchlaufen die Insassen die letzten Monate des Freiheitsentzugs und werden auf ihr Leben ausserhalb der Gefängnismauern vorbereitet. In dem gesichtslosen Gebäude mit Zellen, Aufenthaltsraum, Küche und Fitnesskeller arbeitet Romina Beeli seit Sommer 2017 in einem 70-Prozent-Pensum als Sozialarbeiterin. Sie ist die einzige Frau im Team und betreut im Schnitt rund zehn Häftlinge. «Die Resozialisierung von Straftätern ist eine spannende und herausfordernde Aufgabe», sagt sie. Dies zum einen, weil der Auftrag zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft zunehmend in Widerspruch zum Schutz der Bevölkerung vor gefährlichen Verbrechern geraten ist. Zum anderen, weil wichtige biografische Weichenstellungen anstehen: Zusammenführung mit der Familie, Wohnungs- und Jobsuche – es sind alltägliche, aber auch aufreibende Angelegenheiten, die sie für die Insassen und mit ihnen erledigt. Bei der Suche nach einem Arbeitgeber bleibt ihr häufig nichts anderes übrig, als sich «so lange durchzutelefonieren, bis ich auf einen Chef stosse, der ein grosses Herz hat». Dass es praktisch immer kleine Firmen sind, die einem Vorbestraften eine Chance geben, stimmt sie nachdenklich. «Grundsätzlich hat jeder eine zweite Chance verdient», lautet auch das Credo von Romina Beeli. Die Gesellschaft tendiere dazu, Menschen anhand einzelner Problemstellen wie einer Sucht oder eines Delikts abzuqualifizieren anstatt sie als Ganzes zu betrachten. Aus diesen Worten spricht nicht nur ihr soziales Gewissen, sondern auch ihr intaktes Sendungsbewusstsein. Tatsächlich findet Romina Beeli, dass gerade an Bildungsstätten wie der ZHAW das Bewusstsein für die politische Bedeutung der Sozialarbeit viel stärker gefördert werden soll. «Sozialarbeiter sind das Sprachrohr von Menschen, die benachteiligt sind und keine Lobby haben», meint sie, «dies sollten wir nutzen.» Sozialpolitisch macht sie ihren Einfluss seit Frühling 2018 im Vorstand der Berufsvereinigung Avenir Social Sektion Zürich und Schaffhausen geltend, wo sie als stellvertretende Präsidentin für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. «Die Frage, wer sich am Rand unserer Gesellschaft befindet, hängt hauptsächlich von der Perspektive ab.» Daneben absolviert Romina Beeli seit Frühling 2018 im Teilzeitstudium den konsekutiven Master in Sozialer Arbeit. Mit ihrer Bachelorarbeit sorgte sie bereits weit über die ZHAW hinaus für Aufsehen. Es handelt sich um ein partizipatives Projekt mit Besuchern des Churer Stadtparks: Zusammen mit zwei Betroffenen und einem ehemaligen Sozialpädagogen konzipierte sie eine Stadtführung durch Chur, die sich um die Lebensgeschichten der Besucher dreht und auch von diesen geleitet wird. Der Rundgang führt an Orte, die in herkömmlichen Stadtführungen nicht gezeigt werden. Ziel der Arbeit mit dem Titel «Perspektiven-Wechsel» war es, «Vorurteile abzubauen und Berührungspunkte für verschiedene Schichten zu schaffen», sagt sie. Die Frage, wer sich am Rand unserer Gesellschaft befinde, hänge hauptsächlich von der Perspektive ab. Das Werk wurde von der Katholischen Kirche des Kantons Zürich mit dem Ethikpreis ausgezeichnet. «Diese herausragende Arbeit verbindet theoretisch-ethische Reflexion mit ganz pragmatischen Vorschlägen, stigmatisierte Menschen einzubeziehen und zu entstigmatisieren», hiess es in der Laudatio. Noch gibt es die Stadtführungen erst auf Papier – Romina Beeli fehlte bislang die Zeit für die Umsetzung. Sie hat sich überlegt, das Konzept für die Realisierung abzugeben, doch dann wurde ihr klar, wie sehr es mit ihrer Person verbunden ist. Denn das Vertrauen der Menschen am Rand der Gesellschaft, das sie sich über all die Jahre erarbeitet hat, lässt sich beim besten Willen nicht teilen. Corinne Amacher

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