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Vom Rüebli-Retter zum Startup-Gründer

Es sind grosse Themen, die Philipp Osterwalder umtreiben: Natur, Gesundheit, Mensch und Klima. Hier will er etwas bewegen. Er gerät ins Feuer, wenn er von seinen Zielen erzählt in einem Coworking Space an der Zürcher Hardturmstrasse, wo er hauptsächlich arbeitet. Mit Ende zwanzig entschied der gelernte Chemielaborant, sich an der ZHAW zum Umweltingenieur ausbilden zu lassen. Das Studium ermöglichte ihm neue Kontakte und Projekte. Zusammen mit Dominik Waser vom Verein Grassrooted, der mit ihm studierte, rettete er vor ein paar Jahren 30 Tonnen Rüebli vor der Entsorgung. Ein Weinländer Bauer konnte seine Bio-Rüebli nicht wie geplant einem Grossverteiler verkaufen, weil das Gemüse nicht in die vorgesehene Verpackung passte. Osterwalder arbeitet zu der Zeit bei Biotta und fand, die Rüebli sollten zu Saft verarbeitet werden. Ein Wochenende lang rechnete er alles durch. Damit überzeugte er die Verantwortlichen, und die Karotten gelangten als Saft doch noch in die Regale des Grossverteilers. Trotzdem ist Osterwalder nicht ganz zufrieden: «Weil nicht alle Beteiligten auf ihre Margen verzichteten, kostete unser Saft mehr als der gewöhnliche. So liess er sich schlechter verkaufen.» Das ärgert ihn noch heute. Wenn Osterwalder ein Problem sieht, packt er es an. Zusammen mit Mitstudenten und Kollegen einer Digital-Agentur gründete Osterwalder 1LIMS, ein Startup , dessen Geschäftsführer er heute ist. Da Osterwalder Einblick in die Labors vieler Branchen hatte, erkannte er, dass die Qualitätssicherung noch zu verbessern wäre. Statt Proben mit Stift und Papier, Excel-Listen und mühsamen Übertragungen zu erfassen, bietet 1LIMS eine Software, die alle Qualitätsschritte vereint. «Wir helfen Labors und Qualitätskontrollen, Zeit zu gewinnen und Fehler zu vermeiden», sagt Osterwalder. Der Vorteil zu bisherigen Produkten bestehe darin, dass die Kunden die Software selber zusammenstellen und anpassen könnten — ohne teure Unterstützung der Entwickler. «Wir helfen Labors und Qualitätskontrollen, Zeit zu gewinnen und Fehler zu vermeiden.» Philipp Osterwalder Heute hat 1LIMS zehn Mitarbeitende und ist gefragt: «Eigentlich hatten wir kleinere und mittlere Unternehmen im Visier», sagt Osterwalder. «Gemeldet haben sich Grosskunden wie der Fleischverarbeiter Micarna oder die Pommes-Chips-Hersteller Zweifel.» Unterdessen wird die Software für die Qualitätssicherung von unterschiedlichen Produkten verwendet, von Lebensmitteln über Kunststoffe bis zu Hygieneprodukten. Neben Startup und Teilzeitstudium packte Osterwalder noch ein weiteres Projekt an. Eines, das hoch hinauswollte. Für ein internationales Studentenprojekt des Swiss Space Center beschäftigte sich Osterwalder mit der Nahrungsmittelproduktion im All . Dafür entwickelte er mit weiteren Studierenden einen Gemüseautomaten. Im weiss designten Kasten können Kiwis, Reis, Kräuter und Gemüse wachsen — ganz ohne Erde. Im geschlossenen System beziehen die Pflanzen ihre Nährstoffe aus dem Wasser, das von oben nach unten durch den Automaten läuft. Nicht nur Astronauten könnten sich so von frischem Gemüse ernähren. Der Automat eigne sich auch für Restaurants oder Grossküchen, sagt Osterwalder. Wegen Corona fiel die publikumswirksame Präsentation des Automaten 2020 ins Wasser. Heute steht er in Wädenswil an der ZHAW — ausser Betrieb. Osterwalder ist dennoch drangeblieben. Die Leuchten, die für das Projekt entwickelt wurden, stehen im Zentrum des ZHAW-Spin-offs Aurora . Osterwalder ist dort für die Geschäftsentwicklung zuständig. Die Lampen können die Lichtverhältnisse der Herkunftsländer der Pflanzen simulieren und so das Maximum aus ihnen herausholen. Sie sind primär in Forschungsprojekten zur vertikalen Landwirtschaft im Einsatz — auch an der ZHAW, für die Osterwalder als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig ist. Es sei eine Frage der Organisation, all seine Engagements unter einen Hut zu bringen, sagt Philipp Osterwalder. Zu seiner Wochenplanung gehören auch Sport und ein Digital-Detox-Tag, den er oft in der Natur verbringt. Ebenfalls helfe ihm, dass er in Kreuzlingen wohnt, wo er aufgewachsen ist. Der Wechsel aufs Land erde ihn. Eine Vision von Osterwalder ist, die gesamte Lebensmittelproduktion transparenter zu gestalten. Künftig könnte ein QR-Code auf einem Produkt zeigen, woher es stammt und welche Preise effektiv involviert sind. Die Schweiz sieht er prädestiniert als Kompetenzzentrum für neuartige Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit Technologien. Dafür greifen seine verschiedenen Standbeine ineinander, sagt Osterwalder: seine zwei Startups, sein Studium wie auch seine Erfahrung als Laborant. Katrin Oller

Ob zu Smart Citys oder Laborfleisch – ihre Expertise ist gefragt

Mit dem Auto statt mit dem Velo zur Arbeit und in der Kantine das Fleisch- statt das Vegi-Menü? Während sich manche fragen, weshalb sie trotz besseren Wissens klimaungünstige Entscheidungen treffen, kennt Bernadette Sütterlin die Antwort vermutlich bereits: Seit bald 13 Jahren forscht sie in den Bereichen nachhaltiges Konsumentenverhalten, Urteils- und Entscheidungsfindung und Technologieakzeptanz. Am Institut für Nachhaltige Entwicklung an der ZHAW School of Engineering ist sie seit Ende 2018 als Senior Researcher und Dozentin tätig. «Mein Fokus liegt auf energie- und umweltfreundlichem Verhalten.» Dies schliesst unter anderem die Bereiche Wohnen, Mobilität und Ernährung ein und das damit verbundene Verhalten bezüglich Effizienz, Suffizienz und Akzeptanz von erneuerbaren Energien oder smarten Technologien. «Menschen haben Bedenken oder Fehlvorstellungen, daher ist eine massgeschneiderte Kommunikationsstrategie ein wichtiger Aspekt, wenn es um die Einführung neuer Technologien geht.» Bernadette Sütterlin, Institut für Nachhaltige Entwicklung Beteiligt war sie beispielsweise am Pilotprojekt «Quartierleben Neuhegi» . Dieses zielt darauf ab, Winterthur weiter in Richtung «Smart City» zu bringen, indem eine interaktive digitale Community-Plattform bereitgestellt wird. «Darauf können Gewerbe und Vereine aus dem Quartier sich promoten, wodurch vermehrt lokale Angebote genutzt werden», sagt Sütterlin. Zudem fördert die Plattform Interaktion, Partizipation, Sharing-Aktivitäten sowie Nachbarschaftshilfe und unterstützt so nachhaltiges Verhalten im Quartier. «Wir konnten während des Lockdowns viele positive Effekte beobachten: Der Gemeinschaftssinn war dank der Plattform grösser und die Lebenszufriedenheit nahm weniger ab.» Auch an der Erarbeitung eines Index, der den «Smart City»-Stand in der Schweiz misst, war sie beteiligt. Ihr Fazit: «Es gibt viel Luft nach oben.» In ihrer Lehrtätigkeit unterrichtet Sütterlin vorwiegend Studierende aus dem technischen Bereich. Umso wichtiger sei es, zu vermitteln, dass technologische Lösungen nicht per se Erfolg versprechen. «Menschen haben Bedenken oder Fehlvorstellungen, daher ist eine massgeschneiderte Kommunikationsstrategie ein wichtiger Aspekt, wenn es um die Einführung neuer Technologien geht.» Ebenso wichtig ist es Sütterlin, ihre Begeisterung für Fach und Forschung auf die Studierenden zu übertragen und ihnen zu vermitteln, reflektiert und strukturiert an Themen heranzugehen. Sütterlin selbst fühlt sich erfüllt: «Ich forsche und lehre in meinem Interessengebiet und habe die Möglichkeit, ins Feld zu gehen.» Und ihre Expertise ist gefragt, oft wird sie von Medien als Fachexpertin zu Rat gezogen. Die thematische Bandbreite reicht dabei von veganen Weltstars über Fehleinschätzungen bei nachhaltigem Verhalten, Energiekonsum, moralische Freipässe bis hin zu Laborfleisch. «Mein grösster persönlicher Meilenstein war aber, als ich an der internationalen Konferenz für Umweltpsychologie als `Inspirational Speaker` Einblick in meine Forschung geben durfte.» Auch internationale Medien klopfen bei Sütterlin an: Ende Jahr wird sie in einem Beitrag auf «Arte» zum Thema «Climate Change: The Brain Paradox» Einblick in zwei ihrer Projekte geben. Eines der Projekte ist von der ZHAW, das andere stammt aus ihrer Zeit an der ETH, wo sie am Lehrstuhl Consumer Behavior des Instituts für Umweltentscheidungen tätig war und dort auch doktoriert hatte. So international das Interesse an Sütterlin ist, so lokal spielt sich ihr Leben ab: Von ihrem Wohnort Nuglar bei Liestal ist sie nie weggezogen. Mit Mann und Töchterchen lebt sie umgeben von Familienmitgliedern. Ein autarkes Eigenheim ist derzeit in Bau. Im Dorf engagiert sich Sütterlin für das Dorfleben und die Pflege von Kultur und Traditionen. Kathrin Reimann

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