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«Ich möchte keinen Roboter umarmen»

Yulia Sandamirskaya: Mich hat überrascht, wie schnell sich KI-Tools verbreitet haben und wie unkritisch die Menschen damit umgehen. Sie verzeihen den Tools sehr viel – immerhin machen diese noch viele Fehler. Texten fehlt oft der rote Faden zwischen den Paragrafen. Volker Kiel: Mich irritiert ebenfalls die unkritische Verwendung. Coaching und Beratung wirken vor allem über das In-Beziehung-Sein mit Menschen. Und dennoch wurden die neuen Möglichkeiten mit Begeisterung aufgenommen, zum Beispiel für die Vor- und Nachbereitung von Gesprächen. Ich befürchte, dabei wird zu viel Denktätigkeit an die Maschine delegiert, wodurch die Spontaneität und das Feingespür leiden könnten. Elke Brucker-Kley: Mich hat der Hype weniger überrascht. Ich befasse mich schon seit den 1990er-Jahren mit natürlichsprachigen Systemen und habe daher miterlebt, wie lange die Reise war. Von extrem frustrierenden sprachlichen Interaktionen zu der heutigen verblüffenden Qualität – das ist schon ein Quantensprung. Häufig wird zugunsten von KI argumentiert, dass sie uns unliebsame Arbeiten abnimmt, damit wir uns um wichtigere Dinge kümmern können. KI übernimmt aber auch immer mehr Aufgaben, für die typisch menschliche Fähigkeiten gefragt sind, wie Empathie oder Lebenserfahrung – wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Sandamirskaya: Die wirklich schwere repetitive Arbeit nimmt uns die KI nicht ab – sei es in der Produktion, der Pflege oder der Landwirtschaft. KI entwickelt sich dort, wo viele Daten einfach verfügbar sind, und das sind vor allem Bild- und Textdaten. Es ist der einfachste Weg, nicht der, von dem die Menschheit am meisten profitieren würde. Mich erinnert es an die Geschichte des Mannes, der unter einer Strassenlaterne seinen Schlüssel sucht. Nicht weil er ihn dort verloren hat, aber weil es dort am hellsten ist. Kiel: Ich sehe die Gefahr, dass wir uns zu sehr an die Kommunikation mit Maschinen gewöhnen, weil sie unterstützend ist und uns Arbeit abnimmt. Es entsteht eine Unabhängigkeit von echten menschlichen Beziehungen und zugleich eine Vereinsamung. Menschen sind zunehmend gehemmt, auf andere zuzugehen. Dabei brauchen wir den Kontakt zu anderen Menschen für unsere seelische Entwicklung und Heilung. Wir wollen von ihnen in unserer Einzigartigkeit gesehen werden. Das lässt sich nicht auf datengesteuerte Kommunikation reduzieren. Brucker-Kley: Mit KI gewinnen wir Autonomie, verlieren aber auch Fähigkeiten. Man darf aber weder in utopische noch in dystopische Denkweisen verfallen. Bei der Ausbildung von Fachleuten, die diese Technologien mitgestalten, ist für mich das Thema Responsible Innovation zentral: ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, was diese Technologien mit uns machen. «Wenn ich eine Technologie mitgestalte, öffne ich die Tür für Möglichkeiten, die ausserhalb meiner Kontrolle liegen.» Elke Brucker-Kley Kritisches Denken wird oft als zentrale Fähigkeit genannt im Umgang mit KI. Es wird jedoch immer schwieriger, einzuschätzen, was echt und was künstlich ist, wenn ständig neue Technologien aufkommen, die Dinge können, die vor wenigen Monaten noch unmöglich schienen. Sandamirskaya: Das kritische Denken gehört auf den Lehrplan in Schulen. Lehrpersonen sollen aktiv mit Weiterbildungen zu neuen Technologien unterstützt werden, damit sie den Schülerinnen und Schülern einen differenzierten Einblick geben können. Gleichzeitig ist es wichtig, analoge menschliche Fähigkeiten weiterhin zu lehren: logisches Denken, Kreativität. Das ist aber eine grosse Aufgabe für die Schule. Es bräuchte kleinere Klassen und mehr individuelle Arbeit. Kiel: Medienkompetenz ist zentral. Damit meine ich nicht, ein Tablet zu benutzen, sondern mit den Schülerinnen und Schülern zu besprechen, welchen Nutzen und welche Gefahren KI-Tools mit sich bringen. Erwachsene sollten aber auch dafür sorgen, dass sich Kinder nicht zu früh und zu viel mit digitalen Medien beschäftigen, um die nötige Distanz zu halten, damit sich der kritische Verstand technikfrei entwickeln kann. Frau Brucker-Kley, Sie erforschen die Schnittstelle zwischen Mensch und Technologie. Sollte es Ihrer Meinung nach klare Grenzen geben, in welchen Bereichen KI menschliche Fähigkeiten imitieren darf – oder sollten wir alles erforschen, was technisch möglich ist? Brucker-Kley: Es ist ein Dilemma. Einerseits faszinieren die Möglichkeiten, andererseits muss man sich der Folgen bewusst sein. Es ist heute zum Beispiel möglich, Gehirnströme von Userinnen und Usern auszulesen, um in Echtzeit eine passende Reaktion von einem Avatar zu generieren. Wenn ich eine solche Technologie schaffe, öffne ich jedoch auch die Tür für Möglichkeiten, die ausserhalb meiner Kontrolle liegen. Ein breiter gesellschaftlicher Diskurs zu neuen Technologien ist darum wichtig, nicht nur die Frage der technischen Machbarkeit. Und ethische Fragen sollten nicht nur in Ethikkommissionen und Wissenschaftsräten diskutiert werden, sondern mit den Menschen, die von den Technologien betroffen sind. «KI entwickelt sich dort, wo viele Daten einfach verfügbar sind. Es ist der einfachste Weg, nicht der, von dem die Menschheit am meisten profitieren würde.» Yulia Sandamirskaya Brucker-Kley: Ich war beeindruckt, wie skeptisch und reflektiert die Jugendlichen auf die provokative Hypothese einer Freundschaft mit KI reagierten. Überrascht hat mich der Wunsch nach Imperfektion. Die Jugendlichen fanden den digitalen Freund in der Rolle des allzeitpräsenten Helferleins langweilig. Einer sagte, der Avatar soll sich weniger bemühen, ein perfekter Freund zu sein, auch mal Fehler machen und tollpatschig sein. Andere wollten mit dem Avatar streiten können. Sie haben aber auch die Sorge geäussert, sie könnten die Fähigkeit verlieren, mit echten Menschen zu interagieren, wenn sie nur noch mit KI streiten, die alles verzeiht. Sandamirskaya: Das menschliche Gehirn lernt jeden Tag Neues, oft unbewusst. Wir adaptieren uns ständig auf verschiedenen Ebenen an unsere Umwelt. Bei KI hingegen ist es ein aufwendiger Trainingsprozess, bei dem das ganze System inklusive der alten Daten optimiert werden muss. Weiter unterscheidet uns das strategische Denken. Wir können unsere Aufmerksamkeit unter allen Eindrücken um uns herum auf das Wesentliche richten, langfristig planen, kurzfristig auf neue Informationen reagieren und situativ entscheiden, welcher Schritt als Nächstes sinnvoll ist. KI hingegen kann Wichtiges nicht von Unwichtigem unterscheiden und hat kein Gedächtnis. KI kann dafür andere Dinge besser als wir, etwa ganze Bücher durchlesen und zusammenfassen. Mich beunruhigt, dass heute alle Hersteller nur noch in dieselbe Richtung entwickeln: in Systeme, die viele Daten und langes Training brauchen, fehlerreich und nicht flexibel sind. Ich fände mehrere Systeme sinnvoller, die auf einzelne Aufgaben spezialisiert sind. Kiel: Genau, und der KI fehlt auch die menschliche Intuition. Albert Einstein soll mal gesagt haben: «Der intuitive Geist des Menschen ist ein Geschenk, das rationale Denken eher ein treuer Diener. Der Diener wird oft verherrlicht und das Geschenk vergessen.» Für zwischenmenschliche Beziehungen ist das Intuitive der Kern. Wir erfassen unser Gegenüber intuitiv viel besser, als wir es über Sprache beschreiben könnten. Das Intuitive führt uns zu Einsichten, zu denen wir rational nicht gelangen und die eine Maschine nicht haben kann. Brucker-Kley: Ich möchte das nicht werten. Wenn man sich aber an diese Art von Emotion gewöhnt und vergisst, dass die Emotionen der KI nicht echt sind, dann verschwinden die Grenzen. Das sehe ich sehr kritisch. Ich bin der Meinung, dass die menschliche Interaktion, die mit KI simuliert wird, nicht perfekt sein muss, auch wenn es technisch möglich wäre. Avatare müssen nicht fotorealistisch aussehen, und sie sollten Emotionen nur simulieren, wenn daraus ein Nutzen entsteht. Es muss klar sein, dass es sich um eine künstliche Entität handelt, denn man kann nicht davon ausgehen, dass sich alle Userinnen und User abgrenzen können. Kiel: Für menschliche Beziehungen sind neben Gesprächen und Interaktion auch gemeinsame Erlebnisse wie in der Natur oder während gemeinsamer Reisen wichtig. Miteinander schweigen, einander trösten – nicht nur über Worte, sondern auch über eine Umarmung. Einen Roboter möchte ich nicht umarmen. Kiel: Ich höre von Fachleuten aus der Psychotherapie, dass zum Bespiel Virtual Reality mehr und mehr in Kliniken Einzug findet, etwa für eine systematische Desensibilisierung bei Höhenangst. Ich komme aus Köln, dort ging die Therapeutin früher mit der Klientin langsam die Treppen auf den Kölner Dom hinauf. Im virtuellen Raum kann man das jetzt viel einfacher und praktischer durchführen. Solche Anwendungen können wirklich äusserst hilfreich sein und sie stehen viel mehr Menschen zur Verfügung. Brucker-Kley: KI könnte auch dazu dienen, eine gewisse Minimalqualität im medizinischen Bereich sicherzustellen. Vielleicht wird es in Zukunft eine Frage der finanziellen Möglichkeiten sein, wer noch Zugang zu einem menschlichen Arzt oder einer Psychologin hat. «Das Intuitive führt uns zu Einsichten, zu denen wir rational nicht gelangen und die eine Maschine nicht haben kann.» Volker Kiel Sandamirskaya: Mit Robotern sollen ältere Leute und solche mit körperlichen Einschränkungen möglichst lange autonom leben können statt in einem Pflegeheim. In Heimen könnten die Roboter das Pflegepersonal unterstützen, indem sie ihm Aufgaben abnehmen. Private Haushalte sind aber ein schwieriges Umfeld für Roboter, denn die Umgebung ist sehr dynamisch. Einfache Aufgaben, wie Gegenstände erkennen, greifen und von A nach B bringen, müssen so sicher ausgeführt werden, dass keine Menschen gefährdet werden. Technologisch sind wir noch nicht so weit. Ein weiteres Problem ist der Datenschutz. Wir wollen nicht, dass die Bilder an eine Cloud geschickt werden. Die Datenverarbeitung soll lokal erfolgen. Auch die Frage der Finanzierung ist noch offen. Würde die Krankenkasse oder die Spitex solche Roboter mitfinanzieren? Und in welchen Bereichen soll der Roboter überhaupt helfen können? Brucker-Kley: KI hat keinen eigenen Willen, aber sie kann zielgerichtet handeln und sich weiterentwickeln, wenn sie entsprechend programmiert wird. Das Risiko sehe ich daher weniger in einer rebellischen KI, sondern darin, dass wir Maschinen entwickeln, deren Ziele so komplex sind, dass wir sie selbst nicht mehr durchschauen. Man muss enorm weitsichtig überlegen, welche Ziele und Zwecke verfolgt werden sollen – und nicht nur an die Ziele für unsere kleinen Anwendungsfälle denken. Sandamirskaya: Es ist eine sehr mächtige Technologie, die uns wirklich gefährlich werden kann, indem sie uns Unwahrheiten eintrichtert. Der Vergleich mit der Kernspaltung drängt sich auf: Man kann damit Elektrizität erzeugen oder eine Atombombe bauen. Was wir daraus machen, hängt aber nicht vom Willen der KI ab, sondern von dem der Menschen. Interview: Sara Blaser

«Von Open Science profitieren Wissenschaft und Gesellschaft»

Julia Krasselt: Einige meiner Projekte setzen sich gezielt mit offenen Forschungsdaten auseinander, etwa das Projekt Swiss-AL , eine Sprachdatenbank, die mit Forschenden aus anderen Disziplinen geteilt werden soll. Ich finde, Open Science bereichert die interdisziplinäre Zusammenarbeit, aber für Forschende kommen viele neue Themen hinzu wie Datenschutz, Urheberrechte, die Wahl von Repositorien* und Datenformaten. Gabriela Lüthi: Wir beraten Forschende und Dozierende rund um das Thema Open Science, etwa bei der Wahl von Publikationsgefässen und bei Finanzierungsanträgen für Open Access. Wenn wir frühzeitig eingebunden werden, sparen die Forschenden viel Zeit und können unsere umfangreiche Expertise rund um Open Science gezielt nutzen. Claudio Cometta: Ich bin am Thema Open Science generell sehr interessiert, denn in meinem Team forschen und publizieren wir viel. Wir beschäftigen uns aber vor allem mit Open Innovation . Der Zusammenhang von Open Innovation mit der Open-Science-Bewegung wird sehr kontrovers diskutiert. Von offener Innovation wird in erster Linie gesprochen, wenn Unternehmen ihre Innovationsprozesse über die Grenzen der eigenen Organisation hinaus gestalten. Hochschulen können hier als Innovationspartner eine wichtige Rolle spielen. Krasselt: Es ist ein Stereotyp, dass Forschende ihre Ergebnisse und Daten geheim halten, aus Angst, dass andere noch etwas Besseres daraus machen könnten. Gerade in der Angewandten Linguistik gab es schon Vorreiterprojekte, bevor es den Begriff Open Research Data überhaupt gab. Zum Beispiel Sprachdatensammlungen – sogenannte Korpora –, die für die Forschungsgemeinschaft erstellt wurden, weil man weiss, dass diese Daten ganz unterschiedliche Fragen beantworten können, etwa zu Grammatik oder zum Sprachgebrauch. Cometta: Forschungsdaten zu teilen, steht in keinem Widerspruch zu erfolgreichem Publizieren – es ist eher sogar eine Voraussetzung dafür. Wir sind seit Jahren in der nichttechnischen Energieforschung aktiv und sind dort oft in Forschungskonsortien mit anderen Hochschulen und Partnern aus der Wirtschaft eingebunden. Häufig ist das Teilen von Daten eine Bedingung dafür, dass man in solchen Konsortien mitmachen kann. Lüthi: Derzeit sind rund 60 Prozent der wissenschaftlichen Publikationen der ZHAW öffentlich zugänglich. Nimmt man nicht unabhängig begutachtete Publikationen dazu, sind es sogar 70 Prozent. Wir können stolz sein auf diese Zahlen, aber man darf nicht vergessen, dass die Open-Access-Bewegung schon 20 Jahre alt ist. Lüthi: Das ist eher unrealistisch, aber wir sind auf gutem Weg. An der ZHAW sind in den Disziplinen Engineering und Life Sciences bereits 85 Prozent der Artikel öffentlich zugänglich, in den Sozialwissenschaften etwa 66 Prozent. Ein höherer Anteil wäre möglich, aber Forschende stehen auch unter Druck, nicht irgendwo zu publizieren, sondern in angesehenen Zeitschriften. «Einige Open-Science-Prinzipien sind aktuell nur bedingt mit rechtlichen Rahmenbedingungen vereinbar.» Julia Krasselt, Professorin für digitale Linguistik Lüthi: Früher zahlten wir für das Lesen mit Abonnements, jetzt haben wir sogenannte Read-&-Publish-Vereinbarungen* mit Verlagen. Wir können die Zeitschriften und Beiträge also lesen und in gewissen Zeitschriften auch publizieren, das Publizieren ist aber kontingentiert. Man glaubte, die Open-Access-Bewegung sei der Ausweg aus den immer teurer werdenden Subskriptionspreisen. Aber mit den R&P-Vereinbarungen stützen wir natürlich die Grossverlage wie Elsevier, Springer oder Wiley weiter und sind abhängig von ihnen. Es gibt aber auch eine Alternative, sogenanntes Diamond Open Access. Dabei kostet weder das Lesen noch das Publizieren, sondern Förderorganisationen finanzieren Plattformen, auf denen publiziert werden kann. Lüthi: Ja. Der Schweizerische Nationalfonds hat dieses Jahr kommuniziert, dass er die R&P-Verträge nicht weiter im gleichen Mass fördern will. Es dauerte auch lange, bis der Deal zwischen swissuniversities und Elsevier zustande kam. Als Hochschule muss man Haltung einnehmen und sich überlegen, ob man alternative Wege einschlägt. Wären wir bereit gewesen, nicht mehr in Elsevier publizieren zu können? Cometta: Ich glaube, die Hürde wäre sehr hoch. Wenn man bei den grossen Playern nicht mehr publizieren kann, hat man als Hochschule ein Problem. Forschende wählen ihr Publikationsgefäss nicht nach Verlag aus, sondern nach der Relevanz des einzelnen Journals. «Forschungsdaten zu teilen, steht in keinem Widerspruch zu erfolgreichem Publizieren – es ist eher sogar eine Voraussetzung dafür.» Claudio Cometta, Leiter Team Innovation Systems an der School of Management and Law Die nationale Open-Research-Data-Strategie verfolgt das Ziel, auch Forschungsdaten frei zugänglich zu machen. Staatliche Forschungsförderer wie der SNF oder Innosuisse verlangen dies bei ihren Projekten. Ist dies für eine Fachhochschule mit Industriepartnerschaften erstrebenswert oder läuft man damit Gefahr, diese zu verlieren? Cometta: In den Wirtschaftswissenschaften gab es diese Interessenskonflikte mit Industriepartnern schon vor Open Science, zum Beispiel bei klassischen Innosuisse-Projekten, die ja Innovation in der Wirtschaft fördern sollen, aber gleichzeitig forschungsbasiert sind. Die Lösung ist: Bei jedem Projekt muss man sich individuell auf den Grad der Offenheit einigen. Lüthi: Es gilt abzuschätzen, welche Daten für die Öffentlichkeit relevant sind. Alle Daten vollständig offenzulegen, wäre nicht im Interesse der ZHAW. Auch hier erspart man sich viel Aufwand, wenn man sich vom Servicecenter Forschungsdatenmanagement beraten lässt und von vornherein systematisch mit einem Datenmanagementplan vorgeht. An der ZHAW sind wir zentral und dezentral organisiert: Neben den Kompetenzzentren für Open Access, Open Educational Resources und dem Team ZHAW Services Forschungsdaten gibt es auch in den Departementen Verantwortliche für Forschungsdaten, die Forschende im Thema Open Data unterstützen. Das ist wichtig, denn es gibt selten eine Lösung, die für alle gilt. Die Fragen sind oft sehr fachspezifisch. Cometta: Absolut. Hürden sind vor allem der Datenschutz oder der Mehraufwand – das ist vielleicht eine Erklärung dafür, wieso Open Science in den Sozialwissenschaften noch weniger verbreitet ist als in den MINT-Disziplinen: Je weniger standardisiert oder je heterogener die Daten, desto grösser der Aufwand, diese zugänglich zu machen. Man muss sie aufbereiten und Kontext mitliefern, das ist enormer Zusatzaufwand. Krasselt: Open Science wird erst seit Kurzem überhaupt bei der Planung von Forschungsprojekten berücksichtigt – hier ist sicher noch Luft nach oben. Bei einer Zusammenarbeit in einem Konsortium ist es wichtig, dass man das Vorhaben von Anfang an richtig aufsetzt und sich über die Governance unterhält. Schön ist, dass man sich dank der aktuellen Förderung von swissuniversities* auf solche Aspekte konzentrieren kann. Vorher war es schwierig, Open Science bei der Budgetierung von Projekten zu berücksichtigen. Lüthi: Die Fördergelder sind wichtig als Initialzündung. Wir müssen uns aber auch überlegen, wie man die Praxis in Zukunft etabliert. Wenn sich die Hochschulen zu Open Science bekennen, müssen sie auch Ressourcen oder Unterstützungsangebote dafür bereitstellen. Lüthi: Ich denke, vielen fehlt noch das Wissen, welche Daten sie wie offenstellen dürfen, und sie befürchten, etwas falsch zu machen. Es können aber auch datenschutzrechtliche, vertragsrechtliche oder kommerzielle Gründe gegen eine Publikation sprechen. Krasselt: Einige Open-Science-Prinzipien sind aktuell nur bedingt mit rechtlichen Rahmenbedingungen vereinbar. Bei unserem Projekt Swiss-AL können wir die Daten beispielsweise nicht einfach auf ein Repositorium stellen, weil es urheberrechtlich geschützte Texte sind. Bei internationalen Projekten gibt es manchmal auch unterschiedliche rechtliche Rahmen. Meist nimmt man dann die strengeren Regeln, was der eigenen Open-Research-Data-Strategie zuwiderlaufen kann. Wichtig ist, dass jetzt nicht parallel nach Lösungen im Kleinen gesucht wird, sondern dass in einem grösseren Gremium Good Practices für den Umgang mit Forschungsdaten erarbeitet werden – in den Sozial- und Geisteswissenschaften ist das bereits der Fall. Lüthi: Bei Open Research Data sind wir noch in der Aufbauphase. Gute Lösungen zu finden, ist nicht ganz ohne: Man muss eine nationale Infrastruktur schaffen, die sowohl der Disziplin, aber auch internationalen Standards gerecht wird, damit die Daten austauschbar sind. Eine einzelne Institution kann das nicht stemmen. Das müssen nationale Konsortien sein mit internationalen Vernetzungen. Die aktuelle Förderung durch swissuniversities trägt dieser Aufgabe Rechnung. «Die Hochschule darf die Forschenden mit den neuen Anforderungen nicht alleine lassen.» Gabriela Lüthi, Leiterin Hochschulbibliothek Cometta: Die Wissenschaft und die Allgemeinheit profitieren sicher. Bei Open Access sind es vor allem Hochschulen aus dem globalen Süden, die sich den Zugang zu Fachzeitschriften vorher nicht leisten konnten. Ausserdem forschungsnahe Institutionen, die wissenschaftliche Erkenntnisse verwenden und multiplizieren. Lüthi: Die Corona-Pandemie ist ein gutes Beispiel: Sämtliche Forschungsergebnisse wurden frei zugänglich publiziert, denn es war von globalem Interesse, das Virus zu bekämpfen. Davon haben alle profitiert: die Wissenschaft, aber auch die Gesellschaft, denn die Impfstoffe wurden enorm schnell entwickelt. Krasselt: Ich finde nicht. Die Daten sowie Forschungsergebnisse müssen ganz anders aufbereitet werden. Ein schönes Beispiel ist das «Wort des Jahres Schweiz», wofür die Sprachdatenbank Swiss-AL genutzt wird. Es ist ein öffentlichkeitswirksames Projekt, bei dem wissenschaftlich fundiert erhoben wird, welche Wörter in den vier Landesprachen der Schweiz gesellschaftliche Entwicklungen eines Jahres widerspiegeln. Lüthi: Ich glaube auch, dass wissenschaftliche Erkenntnisse sich nicht nur über Publikationen und Open Research Data verbreiten. Es braucht niederschwellige Angebote. Die Hochschulbibliothek steht zum Beispiel der Allgemeinheit offen, und wir führen auch öffentliche Veranstaltungen zu wissenschaftlichen Themen durch. Die ZHAW ist ausserdem Mitglied der europäischen Coalition for Advancing Research Assessment CoARA *. Dort geht es unter anderem darum, dass Forschende Open Science mehr mitdenken, also mehr Beiträge zur Wissenschaftskommunikation und Politikberatung leisten, und dass solches Engagement mehr Wertschätzung in der Evaluation ihrer Leistung erfährt. Wissenschaftskommunikation ist aber für viele Forschende eine Herausforderung. Cometta: Wenn ich sehe, wie Social Media als Multiplikator für Forschungsergebnisse genutzt wird, glaube ich, dass die jüngere Generation von Forschenden ein ganz anderes Selbstverständnis und mehr Bewusstsein dafür hat, dass ein Transfer stattfinden muss. Krasselt: Neulich auf einem Workshop sagten einige ältere Forschende, sie hätten Mühe mit den neuen Anforderungen. Es wird heute schon fast vorausgesetzt, dass man Programmierkenntnisse hat und auch auf Social Media aktiv ist. Open Science stellt viele Anforderungen, und ich glaube, die Generationen nehmen diese sehr unterschiedlich wahr. Lüthi: Die Hochschule darf die Forschenden mit diesen neuen Anforderungen nicht alleine lassen. Es müsste Zeitgutschriften dafür geben, dass man sich damit auseinandersetzt, oder zumindest Weiterbildungsmöglichkeiten. Interview: Sara Blaser

«Menschen, die eine Chance bekommen, sind sehr loyale Mitarbeitende»

In der Schweiz wechseln rund 15 Prozent der Angestellten pro Jahr ihre Stelle. Unbefriedigende Arbeitsbedingungen und der Wunsch nach Veränderung sind die häufigsten Gründe. Was sind die grössten Hindernisse, wenn sich jemand beruflich neu orientieren möchte? Albrecht Konrad: Das ist je nach Branche unterschiedlich, aber in einigen sind die Anforderungen natürlich sehr hoch. Die Schweiz ist ein beliebtes Land, in dem viele qualifizierte Menschen aus aller Welt arbeiten wollen – die Konkurrenz ist sehr gross. Ladina Schmidt: Viele Leute trauen es sich auch nicht zu, beruflich noch einmal einen neuen Weg einzuschlagen. Dazu kommt, dass wir in der Schweiz eher weniger bereit sind, den Wohnort zu wechseln oder auch Lohneinbussen in Kauf zu nehmen. Schmidt: Unternehmen könnten noch bessere Bedingungen dafür bieten, dass sich Arbeitnehmende intern verändern können, etwa die Abteilung wechseln, zwischen Führungs- und Nichtführungspositionen wechseln oder das Pensum je nach Lebenssituation anpassen. Für junge Leute wäre es wertvoll, wenn sie Einblicke in verschiedene Bereiche sammeln könnten, bevor sie sich festlegen. Konrad: Unzufriedenheit entsteht oft durch unpassende Rahmenbedingungen. Ich erlebe es häufig, dass sich jemand beruflich verändern möchte, bei genauerer Analyse zeigt sich dann aber, dass die Person ihren Beruf eigentlich liebt, nur die Rahmenbedingungen der aktuellen Stelle nicht aushält. In solchen Situationen suche ich nach Lösungen in derselben Branche. Eine Pflegefachfrau kann beispielsweise auch in einem Altersheim arbeiten, wenn es ihr auf der Intensivpflegestation zu stressig ist. Schmidt: Manchmal wird in der Beratung auch klar, dass die Unzufriedenheit nicht an der Arbeit per se liegt, sondern daran, dass auch in anderen Lebensbereichen viele herausfordernde Themen vorhanden sind und dass der Ausgleich fehlt. Konrad: Im mittleren Alter lassen die Kräfte nach und man hat einfach nicht mehr die gleiche Energie wie früher. Viele geben dann dem Job allein die Schuld. «Über psychische Gesundheit zu sprechen, ist zentral.» Ladina Schmidt, Dozentin und Beraterin am IAP Institut für Angewandte Psychologie Konrad: Ja und nein. Ja, weil es kein Tabu mehr ist; nein, weil die Bewerbungsverfahren immer anspruchsvoller werden. Die Schweiz ist ein Land der Zertifikate – ohne einen passenden Abschluss ist es schwierig, im Bewerbungsverfahren zu bestehen. Dazu kommen digitalisierte Bewerbungsverfahren, in denen Algorithmen Bewerbungen aussortieren, die nicht die richtigen Keywords beinhalten. Zudem verändern sich viele Berufe innerhalb weniger Jahre sehr. Wer nicht dranbleibt, verpasst mitunter den Anschluss. Schmidt: Früher hat man kaum den Beruf gewechselt, dafür wurde der Mut vielleicht eher belohnt, wenn man quereinsteigen wollte. Heute muss man sehr hartnäckig sein und auch mal unkonventionelle Zugänge wählen. Schmidt: Ich hatte einen Klienten, der unbedingt mehrsprachig tätig sein wollte, aber von grossen Unternehmen immer nur Absagen bekam. Als Kompromiss ging er dann zu einem Startup – dort war Motivation die wichtigste Anforderung. Der Lohn war tiefer, aber dafür gelang ihm der Einstieg in ein Umfeld, das ihm wirklich zusagte. Und mit dieser Erfahrung wird er bei der nächsten Jobsuche viel bessere Chancen haben, vielleicht auch bei einem grossen internationalen Unternehmen. Konrad: Nein, aber es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass Leute, die bei der IV sind, arbeitslos sind und ihren Beruf wechseln müssen. Es wird unterschieden zwischen Arbeitsplatzerhalt und Arbeitsplatzakquise. Im Idealfall wird möglichst früh mit allen Beteiligten nach einer Lösung im Unternehmen gesucht und nicht erst, wenn die Person ganz ausfällt. Arbeitgebende sind angehalten, bei der IV eine Früherfassung zu machen, wenn eine Angestellte oder ein Angestellter in einem Jahr mehr als sechs Wochen krank ist. Mit dieser Präventivmassnahme lassen sich grössere Krisen verhindern. Mit einer Frühintervention lassen sich einige Situationen entschärfen, etwa wenn eine Person auf ein Burnout hinsteuert, weil sie sich neben der Arbeit längerfristig um ihre kranke Mutter kümmert. Da könnte man zum Beispiel mit der Spitex eine Lösung finden. Ich komme erst ins Spiel, wenn es sich abzeichnet, dass sich etwas ändern muss und die Gesamtsituation einer komplexeren Lösung bedarf. Mittlerweile kommen Arbeitgeber auf mich zu, um unabhängig von der IV noch schneller eine Lösung zu finden – Stichwort Fachkräftemangel. Konrad: Als Ergotherapeut verfolge ich eine ganzheitliche Sichtweise, bei der Gesundheit, Arbeit, soziales Umfeld und individuelle Gegebenheiten erfasst und berücksichtigt werden. Meine Coachees haben zum Grossteil einen Arbeitsplatz und wollen den behalten. Dann schaue ich, welche Rahmenbedingungen notwendig sind, damit die Person im Unternehmen bleiben kann. Lässt sie sich zum Beispiel auch in einem anderen Bereich einsetzen? Gemeinsam mit dem Unternehmen und der Person erarbeite ich dann Lösungsstrategien. Schmidt: In der Laufbahnberatung werden in einem Erstgespräch die Ausgangslage und die Erwartungen geklärt. Anschliessend stelle ich das mögliche Vorgehen vor und erkläre der Person, dass ich gerne den Rahmen anbiete, innerhalb dessen die Person für sich herausfinden kann, wer sie ist, was sie kann, welche Interessen sie leiten und wie sie ihren Zukunftsvisionen Schritt für Schritt näherkommen kann. Konrad: Das ist sehr wichtig klarzustellen – ich hatte auch schon Klientinnen oder Klienten, die glaubten, ich würde ihnen verschiedene passgenaue Lösungen präsentieren und sie müssten nur noch eine davon auswählen. Job-Coaching bedeutet jedoch, gemeinsam und auf Augenhöhe passende Lösungen zu erarbeiten. Schmidt: Als Erstes ist es wichtig, dass die Betroffenen wieder Boden unter den Füssen finden und Vertrauen in sich und die Zukunft aufbauen. In Krisen verliert man schnell den Zugang zu den eigenen Stärken und Ressourcen. Um wieder Selbstvertrauen zu gewinnen, hilft es, einer regelmässigen Aufgabe nachzugehen, eine Tagesstruktur zu haben, sich zu bewegen – ein Klient von mir hat zum Beispiel in einem Velo-Shop gearbeitet und kam so wieder zu Kräften. «Diagnosen haben in einem Vorstellungsgespräch nichts zu suchen, ausser sie sind für die Tätigkeit relevant.» Albrecht Konrad, Berater und Jobcoach am Institut für Ergotherapie Schmidt: Einerseits soll sie genug Zeit haben, um wieder gesund zu werden, andererseits wird es immer schwieriger, zurückzukommen, je länger man vom Arbeitsplatz weg ist. Die Entscheidung ist oft eine Gratwanderung und grundsätzlich Sache des behandelnden Arztes oder der Ärztin. Wenn die Person noch angestellt ist, ist es meist einfacher, Schritt für Schritt wieder einzusteigen. Ist sie dies nicht mehr, gibt es Angebote wie von der IV unterstützte Arbeitsversuche, bei denen man zu Beginn in einem Teilzeitpensum arbeitet und langsam aufbaut. Konrad: Es ist in der Tat eine Frage der Abwägung. Zudem erschweren Sachzwänge, wie die Miete oder die Familie im Hintergrund, eine Entscheidungsfindung. Ich starte nur, wenn die Person sich dazu überwiegend bereit erklärt. Ein Wiedereinstieg gegen den Willen einer Person macht keinen Sinn, da müsste man als Erstes die Widerstände hinterfragen und sie sukzessive abbauen. Konrad: Nein, in der Form wäre das kaum möglich, denn ich coache ganz unterschiedliche Personen, von der Sekretärin über den Diätkoch bis zur Physikerin. Viele Leute glauben auch, dass ich geschützte Arbeitsplätze vermittle. Das stimmt aber nicht, ich begleite und unterstütze meine Coachees auf der Suche nach Arbeitsplätzen im ersten Arbeitsmarkt. Konrad: Der Fachkräftemangel regelt diesbezüglich gerade einiges – immerhin ein positiver Aspekt. Schmidt: Druck rausnehmen. Nicht nur bei der Wiedereingliederung, allgemein ist der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft sehr hoch. Es müsste in der Arbeitswelt anerkannt sein, dass es unterschiedliche Phasen gibt im Leben und dass man auch mal etwas kürzertreten darf, ohne die Chance zu verlieren, danach wieder mehr zu arbeiten oder zu führen. Insofern ist es zentral, dass unsere Gesellschaft offen über das Thema psychische Gesundheit spricht. Konrad: Genau, und dass das Engagement für Integration und Inklusion belohnt wird. Im Kanton Zürich gibt es zum Beispiel den «This-Priis», einen Arbeitgeber-Award der Sozialversicherungsanstalt, der gelungene Integration von Menschen mit Behinderungen auszeichnet. Auserdem sollten die Anforderungsprofile für Arbeitnehmende realistischer sein. Wenn man Job-Anzeigen liest, wird ja oft die eierlegende Wollmilchsau gesucht. Der Bewerbungsprozess ist von beiden Seiten ein kleiner Heuchelprozess – man stellt sich im besten Licht dar. Mehr Offenheit würde helfen, zu erkennen, wie sich Unternehmen und Bewerbende ergänzen – auch bei den Defiziten oder speziellen Anforderungen. Konrad: Es gibt Studien dazu, die besagen, dass Menschen, die eine Chance bekommen, sich beruflich wieder zu etablieren, sehr loyale Mitarbeitende sind. Und das deckt sich mit meiner Wahrnehmung. Gleichzeitig stärkt es die Identifizierung von anderen Mitarbeitenden mit dem Unternehmen, wenn sie wissen, dass dieses seine soziale Verantwortung wahrnimmt. Schmidt: Genau, denn es spricht für ein Unternehmen, wenn es seine soziale Verantwortung wahrnimmt. Es kann auch eine Kultur von Offenheit und Vertrauen fördern und das Image als sozialer und moderner Arbeitgeber stärken. Zudem entwickeln Menschen in Krisen eine gewisse Resilienz sowie Empathie, Reflexionsfähigkeit und Stressbewältigungsstrategien. Konrad: Es muss aber eine Win-win Situation sein, es bringt nichts, wenn das Unternehmen eine Person aus reinem Goodwill einstellt und diese dann immer das Gefühl haben muss, dass sie zu Dank verpflichtet ist. Schmidt: Lügen bringt wenig, doch man muss ja nicht gleich alles auf den Tisch legen. Wichtig ist, sich nur auf Stellen zu bewerben, die man sich selbst zutraut, sonst ist es für beide Seiten nicht gewinnbringend. Konrad: Meines Erachtens haben Diagnosen in einem Vorstellungsgespräch nichts zu suchen, ausser sie sind für die Tätigkeit relevant. Aber die Auswirkungen, die die Erkrankung auf einen hat, sollten thematisiert werden. Wenn man kompetent über seine Schwächen sprechen kann, hebt man sich von einem Grossteil der Mitbewerbenden ab. Wenn jemand zum Beispiel sagt: «Ich bin sehr begeisterungsfähig und loyal und habe früher zu wenig Nein gesagt, wenn Aufgaben verteilt wurden. Durch die Arbeit mit einer Psychologin sind mir meine Grenzen heute bewusst und ich weiss meine Kräfte besser einzuteilen», dann macht das auf Arbeitgebende einen guten Eindruck. Ich habe zum Beispiel mal einen jungen Mann im Bewerbungsprozess begleitet, der an einer Psychose litt. Er wollte das unbedingt verheimlichen. Dadurch war er aber sehr angespannt in den Gesprächen. Wir haben darauf geübt, wie er die Auswirkungen kommunizieren kann. Als er beim nächsten Gespräch sagte: «Es ist mir wichtig, dass ich genau weiss, was von mir erwartet wird, und dass ich immer die gleiche Ansprechperson habe, und Teamausflüge sind nicht so meine Welt», stellte sich heraus, dass das bei der Stelle kein Problem war – und er bekam den Job. Interview: Sara Blaser

Mit neuem Namen in die Zukunft 

Der Name wurde unserer Tätigkeit schon seit Längerem nicht mehr gerecht. Wir befassen uns auch mit Technikkommunikation, barrierefreier Kommunikation und mit Mensch-Maschine-Kommunikation. Zudem wird der Begriff «Übersetzen» immer mehr mit einer maschinellen Tätigkeit assoziiert als mit einer menschlichen. Der neue Name steht dafür, was wir wirklich tun: Wir stellen sicher, dass mehrsprachige Kommunikation funktioniert. Wir untersuchen diese wissenschaftlich und bilden Profis aus. In der Übersetzungsbranche sind solche Tools schon seit über 20 Jahren im Einsatz. Einerseits gibt es sogenannte Computer-Assisted Translation Tools (CAT-Tools): Die zu übersetzenden Texte werden in eine Software eingelesen und von einer Person übersetzt. Erkennt die Software Übereinstimmungen mit bereits vorhandenen Übersetzungen, können diese übernommen werden. Andererseits gibt es maschinelle Übersetzungstools, bei denen die Software selbstständig übersetzt. Wir haben diese Tools fortlaufend in die Forschung und in die Lehre integriert. Der Wendepunkt war 2016, als DeepL und Google Translate mit neuronal-maschinellen Übersetzungen aufkamen und diese wirklich gut waren. Davor waren die Ergebnisse der maschinellen Übersetzung meilenweit davon entfernt, was eine schlechte menschliche Übersetzerin produzierte. Plötzlich lieferten unsere Studierenden perfekt übersetzte Texte ab, die alle sehr ähnlich klangen. Beim Korrigieren dachte ich jeweils, ich lese 20 Mal denselben Text – was bei menschlichen Übersetzungen überhaupt nicht der Fall ist. So mussten wir unsere Leistungsnachweise schon damals überdenken. Als 2022 ChatGPT aufkam, waren wir nicht überrascht – nur davon, dass es alle gleich nutzten. «Wir brauchen nicht mit der Maschine zu konkurrenzieren.» Alice Delorme Benites, Leiterin Institut für Mehrsprachige Kommunikation Schon bei den CAT-Tools prophezeiten einige den Untergang der Übersetzungsbranche, was eindeutig nicht der Fall war. Andere hingegen sagen heute, KI werde uns genauso wenig ersetzen, wie es die CAT-Tools taten. Ich sehe aber einen grossen Unterschied: Mit KI-Tools arbeiten nicht nur Sprachprofis, sondern alle. Durch sie ist die Tätigkeit des Übersetzens in der öffentlichen Meinung vom Menschen auf die Maschine übergegangen. Während sich die Fachwelt überlegt, wie man die Tools in die Prozesse integrieren kann, geht die öffentliche Meinung immer mehr in die Richtung, dass es keine Übersetzerinnen und Übersetzer mehr braucht. Davor dürfen wir die Augen nicht verschliessen. Darum haben wir das Studium so angepasst, dass es zukunftsfähig ist. Wir brauchen nicht mit der Maschine zu konkurrenzieren. Die Rolle von Sprachprofis wird immer mehr in Richtung Beratung gehen. Nehmen wir das Beispiel einer Stadtverwaltung. Diese hat verschiedene Informationen für die nichtdeutschsprachige Bevölkerung: Broschüren, Infoveranstaltungen, Webtexte, touristische Stadtführungen und vieles mehr. Sprachprofis können die Stadt beraten, für welche Zwecke eine KI-Übersetzung ausreicht und wo sich eine menschliche Übersetzung lohnt. Wenn KI eingesetzt wird, benötigen sie ein Tool, eine Schulung dazu, wie man die Qualität sicherstellt, und ausserdem spezifische Workflows. Unsere Absolventinnen und Absolventen sind in der Lage, für ein Unternehmen massgeschneiderte Lösungen zusammenzustellen oder unternehmensseitig solche Lösungen einzuführen. Solche Fachleute wird es in jedem internationalen oder mehrsprachigen Unternehmen brauchen, es gab aber bisher keine Ausbildung. Man konnte sich höchstens mit Weiterbildungen im Bereich Technologie dafür qualifizieren. Ich beobachte den Jobmarkt seit vier Jahren intensiv. Die Jobbezeichnungen haben sich verändert. Es werden weniger Übersetzerinnen und Übersetzer gesucht, dafür aber zum Beispiel «AI Language Specialists» oder «Language Solution Integrators», also Personen, die an der Schnittstelle zwischen Sprache und Technologie arbeiten. Allgemein werden die Kompetenzliste und die Aufgabenliste in der Language Industry immer länger: Gute Sprachkenntnisse in zwei oder drei Sprachen, Sprachtechnologiekenntnisse und neu auch der Umgang mit Menschen sind wichtig, also nicht nur Teamfähigkeit, sondern auch, dass man Kunden betreuen kann. Ausserdem muss man den menschlichen Mehrwert im KI-gestützten System gut verkaufen können. KI-Tools übersetzen nicht schlecht, Sprachprofis bringen aber Sprachgebrauchs- und Kulturkenntnisse mit, um beurteilen zu können, ob der Output der Maschine gut ist. In der Werbung zum Beispiel muss man genau wissen, wie man die Zielgruppe anspricht. Sprachliche Nuancen können den Erfolg einer Kampagne massiv beeinflussen. Die Beurteilung und Optimierung der KI-gestützten Arbeit basiert weiterhin auf hervorragenden Sprachkenntnissen. «Der neue Name steht dafür, was wir wirklich tun: mehrsprachige Kommunikation ermöglichen.» Alice Delorme Benites, Leiterin Institut für Mehrsprachige Kommunikation Wir vermitteln nach wie vor einen grossen Rucksack an Kompetenzen: Sprache, Kultur, Textkompetenz und das Wissen, was gute Kommunikation zwischen zwei Kulturen ausmacht. Auf beiden Stufen fokussieren wir neu mehr auf Schnittstellen mit Sprachtechnologien, Beratungstätigkeit, strategischem und unternehmerischem Denken. Im Bachelorstudiengang gibt es drei Richtungen: «Informationsdesign», also technische Kommunikation, bleibt als Berufsfeld sehr gefragt. Daneben gibt es neu die Richtung «Multimodale Kommunikation», eine gute Mischung aus Sprache, Sprachtechnologie und Entrepreneurship, die einen zum Beispiel für Consulting und Projektmanagement fit macht. Neu ist auch die Richtung «Language Engineering», die sehr stark auf Sprachtechnologien ausgerichtet ist. Absolvent:innen wissen, was eine Technologielösung können muss, wie man sie in einem Unternehmen einführt, wartet und weiterentwickelt. Es ist nahe an Data Science. Im Masterstudiengang sind Leadership und Change Management zentral. Die Absolvent:innen sollen Teams leiten und strategisch weiterentwickeln können, unabhängig davon, was der nächste Technologiesprung bringt. Wir haben aber bewusst die Übersetzungskurse beibehalten, denn beim Übersetzen lernt man nicht nur übersetzen, sondern auch Kultur, denken, schreiben und kreativ sein. Übersetzen ist die praktische Anwendung aller Kompetenzen, die für gelungene Kommunikation benötigt werden. Wir sind weltweit praktisch die Einzigen, die diesen Weg eingeschlagen haben. Lange wurden wir auf Fachkonferenzen schräg angeschaut, man fragte uns: «Wieso schafft ihr euch selbst ab?» Aber heute fühlen wir uns bestätigt. In anderen Ländern mussten Übersetzungsinstitute schliessen, weil es keine Studierenden mehr gab. Andere kommen jetzt auf uns zu und sind an unserem Ansatz interessiert. Wir befassen uns auch in der Forschung stark mit den Möglichkeiten und Grenzen von KI-Tools in verschiedenen Kontexten, etwa im Gesundheits- oder Asylwesen. Dabei geht es nicht darum, ob der Mensch oder die Maschine besser ist, sondern darum, ein klares Bild davon zu bekommen, was die Tools leisten und wo menschliche Expertise gefragt ist. Interview: Sara Blaser

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