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Konstruktionen aus «Abfall»

Ein multifunktionales Nachttischchen, ein filigraner Couchtisch oder ein schickes Beistellmöbel – im Rahmen eines Wahlpflichtfachs wurden sie von Architekturstudierenden entworfen und produziert. Das Spezielle daran: Sie bestehen aus Abfallmaterial. Yves Ebnöther, Dozent und Industriedesigner, leitet den Kurs und erklärt den Prozess so: «Im ersten Schritt erstellen die Studierenden eine Bedürfnisanalyse und ein Konzept für ihr Objekt, im nächsten suchen sie kostengünstiges Material dafür.» Zum Einsatz kamen beispielsweise eine Schaltafel von einer Baustelle oder Abbruchholz. «Wir mussten das Material zuerst bearbeitbar machen», sagt Studentin Simone Mahler. Dies habe den Entwurf beeinflusst. «Uns gefielen der Re-Use-Gedanke und die Story des Beistellmöbels, deshalb wollten wir die abgenutzte Oberfläche belassen.» Mithilfe einer computergesteuerten Fräse fertigten die Studierenden dann ihre Möbel an. Die Studentin schätzt am Wahlfach, dass sie Themen wie Proportion, Konstruktion und Ästhetik am eigenen Objekt untersuchen konnte. «Zudem war das Handwerkliche eine schöne Abwechslung im PC-lastigen Studium.» Was dieser Schaffensprozess bei den Studierenden auslöst, begeistert auch den Dozenten, der das vom Digital Futures Fund der ZHAW geförderte Fach seit zwei Jahren unterrichtet. «Sobald sie ihre Objekte umgesetzt haben, leuchten ihre Augen. Viele übertreffen ihre Erwartungen an ihr eigenes Können», sagt Ebnöther. Insbesondere Studierende, die keine Technikfreaks seien oder Angst vor den Maschinen hätten, würden angeregt, sich mit weiteren Aspekten von Gestaltung und Konstruktion zu befassen. «Zudem erfahren sie, wie man aus Abfall etwas Neues und Hochwertiges macht.» Dies bestätigt auch Student Andrej Hablützel: «Die Auseinandersetzung mit wiederverwendetem Material prägt unser Bewusstsein für nachhaltiges Schaffen mit endlichen Ressourcen.» Dies stelle auch in Zukunft einen wichtigen Faktor in der Architektur dar: «Wir analysieren Verfügbarkeit und Umwelteinfluss von Rohstoffen, ehe wir sie in grossen Mengen in unsere Entwürfe einbeziehen.» Die Möbelstücke sind in der Ausstellung «Parametric Off-Cut Furniture» bis zum 25. Mai im Materialarchiv der Halle 180, Tössfeldstrasse 13, in Winterthur zu sehen. Kathrin Reimann

Foodwaste vermeiden ist ein super Business-Case

Ob im Fernsehen, in Zeitungen oder auf Newsportalen: Wenn es um das Thema Foodwaste geht, kommt man um Claudio Berettas Expertise nicht herum. «Das geschieht automatisch, wenn man sich über zehn Jahre damit auseinandersetzt», sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter für Nachhaltigkeit und Foodwaste-Vermeidung im Ernährungssystem an der ZHAW. Seine wissenschaftliche Karriere startete er mit anderem Fokus: «Angetrieben vom Ziel, etwas Sinnvolles und praktisch Anwendbares zu studieren, interessierte mich die Humanmedizin.» Bald habe er realisiert, dass Gesundheit für Menschen auf einem kranken Planeten letztlich nicht möglich ist. So entschied er sich für ein Studium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH. Seine Masterarbeit soll nicht in der Schublade verstauben, und so kommt er auf das Thema Foodwaste. «Ich sah die übervollen Bäckereien vor Ladenschluss, die Abfallcontainer der Lebensmittelgeschäfte, doch es fehlten Zahlen und Studien.» Kurz vor Abgabe seiner Arbeit erfährt er, dass ein Student der Universität Basel am selben Thema arbeitet. Kurzerhand gründen die beiden den Verein foodwaste.ch , der sich der Information und Aufklärung verschreibt. Beretta doktoriert über Umwelteffekte von Lebensmittelverlusten und deren Vermeidungspotenzial. Seit drei Jahren arbeitet der 37-Jährige in einem 70-Prozent-Pensum in der ZHAW-Forschungsgruppe für Lebensmitteltechnologie , hauptsächlich in angewandten Forschungsprojekten, daneben hält er Vorlesungen und begleitet Studierendenprojekte. Zu seinen Projekten zählt etwa die Umsetzung des Aktionsplans gegen Lebensmittelverschwendung des Bundes: Foodwaste soll in der Schweiz bis 2030 im Vergleich zu 2017 halbiert werden. «Wir betreiben Monitoring, schlagen Massnahmen vor und begleiten die Umsetzung. In Arbeitsgruppen diskutieren wir mit Nachhaltigkeitsbeauftragten grosser Unternehmen und anderen Akteuren.» Dies gebe Einblick ins interne Spannungsfeld von Firmen, das die ganze Bandbreite vom Pioniergeist bis zur Unbeweglichkeit aufzeige. Auch die Entwicklung eines Leitfadens für Mindesthaltbarkeitsdaten oder eines Modells zur Erfassung von Foodwaste und der entsprechenden Ökobilanz zählen zu Berettas Projekten. «Wenn man auf dem Feld mitarbeitet, ist die Wertschätzung gegenüber den Produkten höher.» Claudio Beretta Trotz seiner Expertise kann es im Privatleben vorkommen, dass in seiner WG in Zürich etwas Essbares im Abfall landet. «Nur selten, aber am meisten ärgere ich mich, wenn ich die Haltbarkeit eines Produktes unterschätze.» Er wirkt dem entgegen, indem er sein Gemüse von einer Landwirtschaftskooperative bezieht und sich dort hin und wieder auf dem Hof engagiert. «Wenn man auf dem Feld mitarbeitet, ist die Wertschätzung gegenüber den Produkten höher.» Zudem werde das Geerntete nach Bedarf verteilt und die Transportwege blieben kurz. «Am höchsten ist dabei die positive Glücksbilanz: Wenn ich Lebensmittel vor dem Verzehr begleite, schmecken sie um Welten besser.» Für die Konsumentinnen und Konsumenten sieht er ein grosses Potenzial im Konzept des Foodsharing: Private holen mit eigenen Behältern überflüssiges Essen da ab, wo es anfällt. Dann verteilen sie es dort, wo es gebraucht wird. Im Idealfall bei hilfsbedürftigen Personen oder einfach an Orten, wo es rechtzeitig gegessen wird. «Wer neben dem Konsum etwas Zeit aufbringt, um überschüssiges Essen zu verteilen, spart Geld und kann Menschen eine Freude machen und das Foodwaste-Problem lösen. Der Blick hinter die Kulissen schafft zudem Verständnis, warum nicht immer alles verfügbar sein kann», sagt Beretta. «Ich verstehe nicht, wieso die Politik noch nicht erkannt hat, was für ein super Business-Case die Vermeidung von Foodwaste ist: Jetzt zu investieren, schont Klima und Biodiversität und spart erst noch Geld.» Claudio Beretta Ihm ist aber klar, dass dazu ein kultureller Wandel stattfinden muss, denn viele Menschen hätten Hemmungen, überschüssiges Essen einzupacken. «Wenn wir uns der Diskrepanz zwischen unserem Überfluss und der teilweise extremen Armut im Ausland bewusst sind und unseren Einfluss darauf wahrnehmen, verschwinden die Hemmungen sofort.» Mit seinen Aussagen wolle er keinesfalls ein schlechtes Gewissen auslösen. «Vielmehr möchte ich vermitteln, dass wir Dankbarkeit und ein Gefühl für bescheidenes Verhalten entwickeln können, eben weil wir in diesem nicht selbstverständlichen Überfluss leben.» In seiner Freizeit bewegt sich Beretta gerne wandernd oder mit dem Velo in der Natur. Deshalb beschäftigt ihn die Biodiversitätskrise umso mehr, die sich auch darin zeige, dass derzeit täglich rund 130 Arten aussterben. Für die Biodiversitätskrise ist die Landwirtschaft durch den Einsatz von Pestiziden und Dünger massgeblich mitverantwortlich. «Ich verstehe nicht, wieso die Politik noch nicht erkannt hat, was für ein super Business-Case die Vermeidung von Foodwaste ist: Jetzt zu investieren, schont Klima und Biodiversität und spart erst noch Geld.» Er vermutet, dass es für weitere Aktionen von Politik und Staat erst existenzielle Katastrophen braucht. «Je schneller der Mensch entsprechende Ereignisse als Folgen des eigenen Handelns erkennt, umso weniger Opfer wird es in den nachfolgenden Generationen geben.» Nichtsdestotrotz: Blickt er auf die letzten zehn Jahre zurück, sieht er auch Positives: «Das Thema ist präsent und es existieren nationale Arbeitsgruppen, wo gemeinsam Lösungen gesucht werden. Vor zehn Jahren war Foodwaste noch kein Thema.» Bei der Vermeidung von Foodwaste sieht er ein Licht am Horizont. «Es ist noch zu schwach, aber es gibt Hoffnung und wächst.» Kathrin Reimann

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