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Aktive Filter: Kategorie: Dossier Kategorie: Main Topic Autor: Eveline Rutz Alle Filter entfernen
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COIL – Aus der eigenen Kultur virtuell ausbrechen

Einige Studierende seien sehr schüchtern, sagt Samantha Shi, die an der Tianjin Normal University (TJNU) in China unterrichtet. «Als wir hier während der Pandemie Online-Unterricht hatten, wollten sich einige nicht vor der Kamera zeigen.» Die Englisch-Dozentin war daher gespannt, ob sie sich in einer virtuellen Zusammenarbeit mit Studierenden der ZHAW aktiv einbringen würden. «Die meisten haben sonst keine Gelegenheit, mit Menschen aus einem anderen Land zu sprechen.» Ein COIL ( Collaborative Online International Learning ) macht genau dies möglich. «Es findet zwischen zwei oder mehreren Hochschulen statt», sagt Daniel von Felten , Koordinator für internationale Beziehungen am Institut für Facility Management (IFM). «Es wird von deren Dozierenden bezüglich Thema, Sprache, Didaktik und Leistungsnachweisen kollaborativ geplant.» Die Teilnehmenden gehen in hochschulgemischten Teams Problemstellungen an, sie müssen Konflikte meistern und gemeinsam Ziele erreichen. Sie erhalten dabei einen Einblick in eine andere Kultur. «Wir nehmen die Dinge immer aus unserem gewohnten soziokulturellen Kontext wahr und agieren entsprechend», sagt von Felten. «In einem COIL erlebt man, dass es viele kleinere und grössere Unterschiede gibt.» Mit verschiedenen «Realitäten» umgehen zu können, sei in der heutigen, global vernetzten Arbeitswelt eine gefragte Kompetenz. Im März und April hat er zusammen mit Claudine Gaibrois von der Fachgruppe Kultur, Gesellschaft und Kommunikation eine Kollaboration mit der TJNU realisiert. Sie war in den Pflichtwahlkurs «Leben und Arbeiten in der multikulturellen Gesellschaft» eingebunden, der von Bachelorstudierenden unterschiedlicher Fachrichtungen am ZHAW-Departement Life Sciences und Facility Management besucht wurde. «Wir haben diskussionsbasierte Aufgaben gestellt», sagt Dozentin Claudine Gaibrois. «Die Teilnehmenden sollten sich offen begegnen und miteinander ins Gespräch kommen.» Ein erster Auftrag bestand darin, sich in einem Video vorzustellen. Die 80 Teilnehmenden lernten sich virtuell kennen, sie tauschten sich über ihren Alltag, ländertypische Gepflogenheiten sowie Vorurteile aus. Auch die Corona-Situation war in einigen Gruppen Gesprächsstoff. «Das war gerade zu Beginn interessant, weil ein Lockdown in der Schweiz damals noch weit weg und überhaupt nicht sicher schien», berichtet Frederik Sommerhalder, der in Wädenswil Chemie studiert. Die Tianjin Normal University hatte den Präsenzunterricht bereits vor Kursbeginn ausgesetzt, die ZHAW folgte Mitte März. «Einige Gruppen haben über sehr private Dinge gesprochen», sagt Kursleiterin Gaibrois. Dabei hätten sie festgestellt, dass sich ihr Lebensstil gar nicht so stark unterscheide. In einem COIL könne man sich – anders als in anderen Unterrichtsformen – nicht verstecken, sagt sie weiter. Dies sei eine grosse Chance. Die Teilnehmenden lernten durch eigene Erfahrungen. «Ich war überrascht, wie stark sie profitiert haben.» Samantha Shi zieht ebenfalls eine positive Bilanz: «Die Studierenden haben ihre Schüchternheit überwunden.» Sie hätten vor allem ihr mündliches Englisch verbessert, viel über die Schweizer Kultur erfahren und verschiedene technische Hilfsmittel kennengelernt. Wirtschaft und Gesellschaft seien heute weltweit verflochten, betont Daniel von Felten. «Wir können unsere Probleme nur im Dialog mit allen Beteiligten lösen. Das zeigt die aktuelle Corona-Situation gerade deutlich.» Dafür biete das Unterrichtsformat eine ideale Trainingsmöglichkeit. Auch in kleinen Firmen träfen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen aufeinander, ergänzt Claudine Gaibrois. Entsprechend wertvoll seien solche Praxiserfahrungen. Ein COIL leiste zudem einen wichtigen Beitrag zur Förderung der «Global Citizenship». «Es war interessant, komplett andere Blickwinkel auf bestimmte gesellschaftliche Vorstellungen kennenzulernen», sagt Chemiestudent Frederik Sommerhalder. Chinesen hätten beispielsweise eine kollektive Wahrnehmung von Besitz. «Das verdiente Geld gehört nicht einer Einzelperson, sondern der Familie.» Sie brächten viel Motivation für Schule und Arbeit auf, stellt Kübra Tezcan fest, die Umweltingenieurwesen studiert. Sie setzten sich teils stark unter Druck, um den eigenen und anderen Erwartungen zu entsprechen. «Sie sind ähnlich wie Schweizer und arbeiten viel.» Sie habe gelernt, dass es immer einen Weg gebe, zusammenzuarbeiten, sagt Velia Roth, die den Studiengang Facility Management absolviert und bereits an einem COIL mit Mexiko teilgenommen hatte. «Es ist wichtig, dass man weiss, wie der andere Dinge erledigt. Dann kann man sich darauf einstellen.» Man müsse Stereotype ablegen und sich auf sein Gegenüber einlassen, sagt Ariane Vogelmann, Studentin Umweltingenieurwesen. «Nimmt man sich diese Zeit, entstehen gute, interessante Gespräche.» Es sei gar nicht so schwierig, in internationalen Teams zusammenzuarbeiten, wie man sich das vielleicht vorstelle. «Letztlich kommt es aber auf die Teammitglieder an, deren Nationalität und Kultur spielen meist eine untergeordnete Rolle.» Als Schwierigkeit erlebten die Schweizer Teilnehmenden die unterschiedlich guten Englischkenntnisse. Hinzu kamen unterschiedliche Zeitzonen sowie technische Probleme. Da die Teilnehmenden der TJNU zu vielen hierzulande gängigen Programmen keinen Zugang hatten, mussten andere Lösungen gefunden werden. Immer wieder erschwerten zudem schlechte Internetverbindungen den Austausch. Trotz dieser Hürden würden alle Befragten das COIL weiterempfehlen. «Es war eine sehr gute Erfahrung, die ich für meine berufliche und private Zukunft gebrauchen kann», sagt Jelena Ašanin, Studentin Facility Management. Das IFM führt regelmässig Kollaborationen mit Hochschulen in Holland und Mexiko durch. Ein grösseres COIL ist mit Beteiligten aus den USA und Japan geplant. Daniel von Felten möchte das Gefäss weiter stärken. «In der Schweiz ist man sich des Mehrwerts von COIL noch zu wenig bewusst», sagt er. An einer Konferenz in Tacoma (USA) 2019 mit über 450 Teilnehmenden aus aller Welt war er der einzige Vertreter aus der Schweiz. In asiatischen Ländern und in der EU wird COIL hingegen strategisch gefördert und es werden Forschungsprogramme dazu durchgeführt. Ginge es nach von Felten, könnte das Lehr- und Lernformat auch an der ZHAW noch häufiger zum Zug kommen. Er verfüge über weitere interessante Kontakte zu ausländischen Hochschulen, sagt der COIL-Pionier. Eine Kollaboration lasse sich mit überschaubarem Aufwand realisieren. «Es reicht, wenn zwei Dozierende entscheiden, das machen wir.» Eveline Rutz

Interkulturalität: Lernen ohne Grenzen

Drei Kontinente, vier Sprachen und unterschiedliche Zeitzonen: Im Kurs Corporate Social Responsibility, Sustainable Development Goals (CSR-SDG-Food) erfahren 25 ZHAW-Studierende gerade, wie es ist, in globalen Teams virtuell zusammenzuarbeiten. Mit Kommilitonen aus den USA, Japan und Holland erörtern sie, wie nachhaltig Lebensmittel bekannter Marken sind und welche Verbesserungen möglich wären. Sie müssen sich in hochschulgemischten Teams organisieren, gemeinsam Aufgaben lösen, Konflikte aus dem Weg räumen und Leistungsnachweise erbringen. «Die Wertschöpfungsketten sind weltweit verflochten», sagt Daniel von Felten , Koordinator für internationale Beziehungen am ZHAW-Institut für Facility Management (IFM). Veränderungen könne man nur anstossen, wenn man mit allen Beteiligten kollaboriere. Dabei helfe es, sich der kulturellen Unterschiede bewusst zu sein. «Wir agieren aus unserem gewohnten sozio-kulturellen Kontext heraus», sagt er. In einem Collaborative Online International Learning (COIL) lerne man, verschiedene «Realitäten» wahrzunehmen und damit umzugehen. «Man trifft auf andere Verhaltensweisen», sagt Daniela Lozza, Verantwortliche Digital Education am Departement Life Sciences und Facility Management . Dabei sei man, anders als während eines Auslandaufenthalts, nicht ganz von der fremden Kultur umgeben. Man begegne sich online in einem neutraleren Raum, der durch die Interaktion zwischen den Kulturen gestaltet werde. Die Teams müssten sich auf Regeln verständigen und würden einen Lernprozess durchlaufen. «Die Studierenden müssen sich in ihr Gegenüber hineinversetzen, aber auch ihr eigenes Verhalten reflektieren.» «Ich möchte lernen, wie ich geschäftlich und privat besser mit anderen Kulturen umgehen kann.» Velia Roth Neben ihren fachlichen, interpersonellen und sprachlichen Kenntnissen erweitern COIL-Teilnehmende ihr digitales Wissen. Sie lernen technische Tools kennen und produktiv einzusetzen. «Gerade in der aktuellen Corona-Situation sehen wir, wie wichtig virtuelles Kollaborieren ist», sagt von Felten. «Ich möchte lernen, wie ich privat und geschäftlich besser mit unterschiedlichen Kulturen umgehen kann», sagt Velia Roth, die in Wädenswil Facility Management studiert. Die Bachelorstudentin hat bereits zwei COILs absolviert. Mit Studierenden aus Mexiko hat sie überlegt, wie man ein Produkt im jeweils anderen Land erfolgreich bewirbt. Mit Studierenden aus China hat sie Fragen zur Interkulturalität diskutiert. Nun beteiligt sie sich am aktuellen Projekt mit Japan, den USA und Holland. «Die Zeitdifferenz ist eine der grössten Herausforderungen», sagt sie. Ihre Erfahrungen aus den ersten beiden Kursen sind positiv. Sie hat nicht nur andere Wertevorstellungen und Traditionen kennengelernt, sondern auch festgestellt, «dass es immer einen Weg gibt, zusammenzuarbeiten.» Entscheidend sei, dass man sich austausche. Wisse man, wie der andere vorgehe, könne man sich darauf einstellen. «Ich habe schon viel für die globale Zusammenarbeit gelernt.» Die Dozierenden profitieren ebenfalls. Sie legen das Thema, die Sprache sowie die Didaktik gemeinsam fest und sind bereits während der Planung mit länderspezifischen Eigenheiten konfrontiert. «Ich lerne mit jedem neuen Partner dazu», sagt Daniel von Felten, der die Unterrichtsmethode 2017 an seinem Institut lanciert hat. Als Beispiel erwähnt er, dass Lehrpersonen in den USA zahlreiche Regulatorien zu beachten haben, welche sich auf den Unterricht auswirken. Sie dürfen ihre Studierenden etwa nicht zu einem gemeinsamen Online-Meeting aufbieten. Für das aktuelle, weltumspannende Projekt fand der COIL-Pionier erstmals Verbündete an einem anderen Departement. Das Departement Soziale Arbeit konnte fünf Teilnehmende dazu einladen. «Wir möchten die interkulturellen Kompetenzen unserer Studierenden stärken», sagt Anne Schillig, Zentrum für Bildung, Entwicklung und Services. Sozialarbeitende seien in einem internationalen, heterogenen Umfeld tätig. Ein COIL gebe ihnen Gelegenheit, von zu Hause aus interkulturelle Erfahrungen zu sammeln. Dies komme gerade jenen entgegen, die wegen familiärer Verpflichtungen oder aus anderen Gründen nicht so mobil seien. «Im Lockdown haben wir gesehen, dass nicht jede Reise nötig ist.» Damit Absolventinnen und Absolventen das Erlernte potenziellen Arbeitgebern gegenüber ausweisen können, führt das Departement Soziale Arbeit im Herbst das Certificate International Profile (CIP) ein. «Sie sollen sich damit von anderen Bewerbern abheben können», sagt Schillig. «Wir haben im Vorjahr gemeinsame ZHAW-Standards für internationale Profile erarbeitet.» Vera Narodnitzkaia Das CIP ist eine Zusatzqualifikation, die das Studium nicht verlängert. «Die ZHAW misst der interkulturellen Bildung einen hohen Stellenwert bei», sagt Vera Narodnitzkaia, Leiterin ZHAW-Stabsstelle Internationales. «Wir haben im Januar 2019 gemeinsame Standards für internationale Profile erarbeitet». Die Hochschule gibt Mindestanforderungen vor. Dazu zählen unter anderem der Nachweis einer Fremdsprache auf Niveau C 1, ein Auslandaufenthalt von mindestens acht Wochen oder 6 ECTS-Punkte und eine Reflexionsarbeit zum interkulturellen Lernprozess. Die einzelnen Departemente definieren zusätzlich fachspezifische Aktivitäten und Leistungen. Einige bereiten ihre Studierenden mit dem Modul «Intercultural Competence for Outgoing Students (ICOS)» auf einen Auslandaufenthalt vor (siehe Box). Das CIP wird bisher von der School of Engineering und dem Departement Gesundheit angeboten. «Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiten heute in internationalen Teams und sind weltweit vernetzt», sagt Wolfgang Kickmaier, Leiter International Relations der School of Engineering. Viele Unternehmen setzten internationale Erfahrungen und interkulturelle Kompetenzen voraus. «Mit dem CIP haben Studierende grössere Chancen, eine Stelle bei ihrem Wunscharbeitgeber zu finden.» Pro Jahrgang nehmen jeweils 20 bis 40 Prozent der Studierenden teil. Auch Stella Krepp, Leiterin Internationale Beziehungen am Departement Gesundheit, betont die zunehmende Interkulturalität. «Unsere Absolventinnen und Absolventen arbeiten in Berufsfeldern, die stark international geprägt sind.» In der Pflege haben 30 Prozent aller Arbeitskräfte einen anderen kulturellen Hintergrund; unter den Patienten sind ebenso zahlreiche Nationalitäten vertreten. «Wer interkulturelle Fähigkeiten erwirbt, soll diese nachweisen können», findet Krepp. COILs sind eine Möglichkeit, solche zu erwerben. Die ZHAW geht diesbezüglich voran. Seit Juni ist sie als erste Schweizer Hochschule Mitglied des SUNY COIL Networks , der ausserhalb der EU weltweit grössten Organisation in diesem Bereich. Die Koordinatoren, Daniel von Felten, Daniela Lozza und Anne Schillig, sind sich einig: «Die Unterrichtsmethode hat grosses Potenzial.» Eveline Rutz

Begegnung auf Augenhöhe

Als Kind träumte Aisha Leuenberger davon, Ärztin zu werden. Als sie acht Jahre alt war, wurden sie und ihre sieben Geschwister Waisen. Ihre Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben. «In Uganda sterben Menschen, da Medikamente und Spitäler fehlen», sagt sie. In ihrer Heimat, wo 38 Millionen Menschen leben, gebe es kaum alte Leute. «Ich möchte möglichst viel über Gesundheit lernen und anderen helfen.» Zurzeit macht die 33-Jährige ein Praktikum im Alters- und Pflegeheim Grossfeld in Kriens. Nach der ersten Woche berichtet sie Emilie Stämpfli bei einem Kaffee von ihren ersten Erfahrungen. Sie sei von allen freundlich aufgenommen worden, erzählt sie gut gelaunt. Einmal habe sie allerdings zwei Bewohnerinnen verwechselt. «Hast Du etwas Schweizerdeutsch gesprochen?», will Emilie Stämpfli wissen. «Ja, das kommt gut an», antwortet Aisha Leuenberger. Die beiden Frauen haben sich über das Mentoring-Programm BEGIN kennengelernt, welche Freiwillige im Pensionsalter und Teilnehmende des Lehrgangs Pflegehelfer/-in des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) zusammenbringt. «Die Idee ist eine Begegnung auf Augenhöhe», sagt eine der Initiantinnen Beate Schwarz, Professorin für Entwicklungs- und Familienpsychologie am Psychologischen Institut der ZHAW. Es gehe um einen intergenerationalen Austausch, von dem beide Seiten profitierten. Der Ansatz ist ein ressourcenorientierter. Der Fokus liegt auf den Stärken, welche die Migrantinnen und Migranten mitbringen. «Sie sind eine gute Basis für die Integration», so Schwarz. Das Programm ist in Kooperation mit der Berner Fachhochschule (Institut Alter), der Hochschule für Technik und Wirtschaft (Institut für Multimedia Production) Chur sowie dem SRK entstanden. Die Gebert Rüf Stiftung unterstützt Entwicklung und Evaluation finanziell. «Es war uns wichtig, auf Erfahrungen aufzubauen», sagt Beate Schwarz. Spezifisch für den Pflegebereich gab es bislang zwar kein vergleichbares Engagement. Die Wissenschaftler befragten jedoch Anbieter von Mentoring-Programmen in anderen Branchen. Sie gingen zudem auf Fachleute der Pflege zu, um nicht an deren Bedürfnissen vorbei zu arbeiten. So kristallisierten sich praxisrelevante Themenfelder heraus. Dazu zählen neben der Sprache kulturelle Unterschiede wie etwa der Umgang mit Zeit. Hinzu kommen schwierige Situationen im Arbeitsalltag, die Rolle der Angehörigen in der Pflege, aber ebenso die Frage, ob man sich als Angestellter abgrenzen darf. Ob man nach zahlreichen Sonntagsdiensten zum Beispiel auf einem freien Wochenende bestehen darf. Zu diesen Themen hat das Projektteam kurze Filme sowie ein Arbeitsheft produziert, welche den Tandems als Anregung dienen. «Sie sind hilfreich, wir haben uns aber nicht immer darangehalten», sagt Emilie Stämpfli. Die ehemalige Primarlehrerin, die nicht zum ersten Mal Freiwilligenarbeit leistet, hat mit Aisha Leuenberger unter anderem Schweizerdeutsch geübt. Mit eigenen Arbeitsblättern hat sie ihr kurze Sätze beigebracht, die das Eis brechen und ein Gespräch eröffnen können. «Hend Sie gued gschlofe?» ist so eine Frage, welche die Pflegehelferin stellen kann, wenn sie am Morgen das Zimmer eines Bewohners betritt. Auch das Essen sorgte für Diskussionsstoff. «Brot und Käse ‒ wie kann man so leben?», fragt Aisha Leuenberger und lacht. Die zurückhaltende Art der Schweizer war für sie anfangs gewöhnungsbedürftig. Dass alte Menschen in einem Heim leben und teilweise kaum Besuch erhalten, schockierte sie. «Ich habe viel von Frau Stämpfli gelernt», sagt die Uganderin, die in ihrer Heimat als Kosmetologin arbeitete, mit einem Schweizer verheiratet war und seit 2012 hier lebt. Auch bei der Bewerbung für ihr Praktikum konnte sie auf die Hilfe ihrer Mentorin zählen. «Ich kann offen mit ihr sprechen, sie gibt mir ein gutes Gefühl». Die Wertschätzung ist gegenseitig. «Ich bewundere ihr positives Wesen, ihre Zielstrebigkeit und dass sie bereit ist, ältere Menschen zu pflegen», sagt Emilie Stämpfli. Sie hat die Begegnungen ebenfalls als Bereicherung erlebt. «Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen», so die 67-Jährige. Ihre gemeinsame Zeit ist offiziell zwar vorbei, seit Aisha Leuenberger die SRK-Ausbildung abgeschlossen hat. Die beiden Frauen treffen sich jedoch weiterhin. Nach dem ersten Durchgang beim SRK Kanton Luzern, wird zurzeit ein zweiter in Bern durchgeführt. Die Mentorinnen – es engagieren sich bislang ausschliesslich Frauen – verfügen in der Regel nicht über spezifische Kenntnisse der Pflege. «Es geht um einen kulturellen Austausch», sagt Belinda Berweger, wissenschaftliche Assistentin am Psychologischen Institut. Viel wichtiger als Fachkenntnisse sei eine Offenheit anderen Kulturen gegenüber. Die Suche nach Freiwilligen, die sich längerfristig engagierten, sei aufwändig, erzählt sie weiter. Die Zahl der interessierten Pflegehelferinnen und -helfer überstieg bislang jene der Mentoren. In Luzern konnten sieben Tandem gebildet werden, in Bern sechs. Die Duos sind in der Regel drei Monate lang zusammen unterwegs, der Lehrgang dauert ein halbes Jahr. Er bietet den Teilnehmenden die Möglichkeit, auf dem hiesigen Arbeitsmarkt Fuss zu fassen ‒ und dies in einem Berufsfeld, in dem ein Fachkräftemangel herrscht. «Sie sind in ihren Heimatländern zum Teil sehr gut qualifiziert, nicht wenige bilden sich danach weiter», sagt Beate Schwarz. Das Psychologische Institut der ZHAW begleitet das Projekt noch bis im Oktober. Nach einem abschliessenden Workshop geht BEGIN dann ganz in die Hände des SRK über. Aisha Leuenberger ist dankbar für die Unterstützung, die sie erhalten hat, und spricht von einem «grossen Geschenk». Neben der Arbeit im Pflegeheim ist sie derzeit daran, ihr Deutsch zu verbessern. «Ich will weiterkommen», sagt sie fröhlich, «ich habe Ziele». Eveline Rutz

Wann ist eine Familie eine Familie?

Zahlenmässig dominiert das bürgerliche Familienmodell nach wie vor – ein heterosexuelles Paar mit zwei leiblichen Kindern. Doch Familie wandelt sich. Elternschaft wird zunehmend divers verstanden und gelebt: Gleichgeschlechtliche Paare erfüllen sich ihren Kinderwunsch dank einer Samenspende, einer Leihmutterschaft oder der Beteiligung von Freundinnen oder Freunden. Mütter oder Väter erziehen ihre Kinder alleine. Geschiedene verlieben sich neu und bilden Patchworkfamilien. Trans Personen bringen Kinder zur Welt. «Das herkömmliche hegemoniale Modell von Familie ist ins Wanken geraten», sagt Yv E. Nay vom Departement Soziale Arbeit. Gleichzeitig werde das Ideal der heterosexuellen Ehe mit leiblichen Kindern in politischen Debatten verstärkt betont. Diese Ambivalenz verdeutlicht der Soziolog_in anhand der parlamentarischen Diskussionen über die Ehe für alle, welche Ende 2020 den Durchbruch schaffte. Dabei argumentierten Gegnerinnen und Gegner unter anderem mit dem Kindswohl. Sie kritisierten: Wenn Lesben und Schwule eine Familie gründeten, bedeute dies stets, dass ein Kind von einem biologischen Elternteil getrennt werde. «Damit werden traditionelle Bilder heraufbeschworen, die mit der gelebten Realität von sogenannten Regenbogenfamilien wenig zu tun haben», sagt Nay. Ein Samenspender sei kein Vater. «Dass diese Person schlicht den Samen spendet, ruft besonders in christlich- und rechtskonservativen Kreisen Besorgnis hervor, weil dies nicht ihrem Familienideal entspricht.» «Jenseits des heteronormativen Ideals gibt es jedoch verschiedenste Formen des familialen Zusammenlebens», sagt Yv E. Nay. Lesben und Schwule etwa, die sich zusammentun, um Eltern zu werden, gemeinschaftliche oder polyamouröse Konstellationen sowie alleinerziehende LGBTQ-Personen. In Gesprächen auf dem Spielplatz, beim Einkaufen oder bei der Arbeit werden diese Familien häufig mit sehr persönlichen Fragen konfrontiert: «Wie seid ihr zu eurem Kind gekommen?», zum Beispiel. Oder: «Hattet ihr Sex mit dem Samenspender?», «Warum hat eine andere Person für euch ein Kind geboren?» Bei heterosexuellen Eltern käme kaum jemand auf die Idee, solche Fragen zu thematisieren, schon gar nicht bei völlig unbekannten Personen auf dem Spielplatz, gibt Nay zu bedenken. «Die normative Vorstellung einer Familie, bestehend aus einem weissen, weder von einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung, noch von Armut betroffenen Elternpaar mit leiblichen Kindern ist aber bei weitem nicht die einzige Realität in der Schweiz.» Es sei noch viel Informationsarbeit notwendig, um die Vielfalt gelebter Familienformen hierzulande selbstverständlich zu machen. Hierzu will Yv E. Nay nach Lehr- und Forschungstätigkeit in Basel, Genf, Berlin, London, Arizona, New York und zuletzt in Wien nun mit der Forschungs- und Lehrtätigkeit am Departement Soziale Arbeit der ZHAW beitragen. Für seine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Dissertation hat Nay schweizweit rund 40 queere Familien besucht und befragt. Dabei zeigte sich: Wie vorbehaltlos diese von ihrem Umfeld angenommen werden, hat wenig damit zu tun, ob sie auf dem Land oder in der Stadt leben. «Dass die städtische Bevölkerung progressiver wäre, ist nicht per se der Fall», berichtet Nay. Auch in Zürich oder Genf gebe es Homo- und Transphobie. Nays Forschung zeigt vielmehr: Je dörflicher eine Gemeinschaft ist, desto mehr weiss man voneinander. Wo man hinter vermeintlich perfekte Fassaden sehen kann, werden unkonventionelle Lebensweisen tendenziell besser akzeptiert als anderswo. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen veröffentlichte Nay im Buch «Feeling Family» . Dass sich die Einstellung zum Thema Familie in der Schweizer Gesellschaft geändert hat, dokumentiert die vom Bund herausgegebene « Erhebung zu Familien und Generationen 2018 » . Nahezu sechs von zehn Frauen (58 Prozent) und gut vier von zehn Männern (43 Prozent) sind der Meinung, dass ein Kind auch bei einem gleichgeschlechtlichen Paar glücklich aufwachsen kann. Mehr als die Hälfte der Befragten (65 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer) findet, dass homosexuelle Paare die gleichen Rechte haben sollten wie heterosexuelle. Geht es aber um die rechtliche Anerkennung vielfältiger Familienverhältnisse, hat die Schweiz Nachholbedarf. «Die aktuelle gesetzliche Regelung greift zu kurz», sagt Nay. Anfang 2007 ist die eingetragene Partnerschaft eingeführt worden, allerdings ohne Adoptionsrecht oder Zugang zur Reproduktionsmedizin. Seit 2018 besteht die Möglichkeit der Stiefkindadoption. Diese ist ursprünglich für heterosexuelle Familien geschaffen worden, in denen ein Elternteil unbekannt, verstorben oder nicht präsent ist. Queere Familien werden wie diese «Fortsetzungsfamilien» behandelt – ungeachtet dessen, dass der grösste Teil der gleichgeschlechtlichen Paare Kinder von Anfang an gemeinsam plant und erzieht. Sie können zwar das Stiefkindadoptionsverfahren durchlaufen, Elternrechte ab Geburt haben sie nicht. Die Ehe für alle bringt zwar für lesbische Paare eine Verbesserung, indem sie ihnen neu den Zugang zur Samenspende in der Schweiz ermöglicht. Allen anderen queeren Familienformen bleiben aber rechtlich unzulänglich abgesichert. Die Schweiz habe noch einen grossen Nachholbedarf, so Yv E. Nay, beispielsweise bei der rechtlichen Anerkennung der Mehrelternschaft – sowohl von heterosexuellen als auch von LGBTQ-Elterngemeinschaften. «Mehrelternschaft ist nichts Utopisches, sondern wird gelebt – auch in der Schweiz», betont Nay und verweist auf andere Staaten. In Kalifornien beispielsweise ist Mehrelternschaft seit 2013 gesetzlich verankert. Elternschaft müsse zudem ähnlich wie die Vaterschaft bei Heterosexuellen geregelt und einklagbar werden, sagt er weiter. Nicht zuletzt sollten trans Personen in ihrer selbstbezeichneten Elternrolle rechtlich anerkannt werden. Wie verbreitet unkonventionelle Familienkonstellationen in der Schweiz sind, lässt sich kaum beziffern. Im nationalen Familienbericht 2017 heisst es, dass «höchstens von einem moderaten Trend zur Pluralisierung von Familienformen» ausgegangen werden könne. Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien oder Dreigenerationenfamilien seien weniger zahlreich, als viele mediale und politische Diskurse zur Vielfalt modernen Familienlebens andeuteten. Tatsächlich fehlt es an spezifischen Erhebungen. Der Bund führt zwar eine Statistik über eingetragene Partnerschaften, dokumentiert allerdings erst seit wenigen Jahren, ob diese Paare mit Kindern zusammenleben. Oft genannt wird eine grobe Schätzung des Dachverbands Regenbogenfamilien : Er geht davon aus, dass hierzulande zwischen 6000 und 30’000 Kinder bei LGBTQ-Eltern aufwachsen. Yv E. Nay würde sich differenziertere Erhebungen wünschen. «Das Bundesamt für Statistik sollte eine breite Vielfalt an Familienformen erheben. Wichtig wäre dabei zu beachten, dass Familien nicht nur hinsichtlich der Sexualität der Eltern unterschiedliche Erfahrungen machen, sondern immer auch im Zusammenhang mit anderen Einflüssen wie Geschlecht, Aufenthaltsstatus, physische oder psychische Beeinträchtigung oder Rassisierung. Nur so können aussagekräftige Statistiken entstehen, die die verwobenen sozialen Ungleichheiten deutlich machen und so eine Basis für Verbesserungen bieten.» Eveline Rutz

Open Science: Wie Forschende arbeiten, verändert sich grundlegend

Der Grundgedanke von Open Science ist einfach: «Wissen, das durch öffentlich finanzierte wissenschaftliche Projekte generiert wird, ist ein öffentliches Gut, welches geteilt werden muss», beschreibt Jean-Marc Piveteau, Rektor der ZHAW, das Prinzip. Es soll der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. So sollen beispielsweise nicht nur Publikationen ( Open Access ), sondern auch Forschungsdaten offengelegt werden ( Open Research Data ) . Dadurch sollen wissenschaftliche Prozesse besser nachvollziehbar und effizienter werden. Interessierte sollen zudem die Möglichkeit erhalten, sich einzubringen und vorhandene Daten für eigene Projekte zu nutzen. Dieses Verständnis hat in den letzten Jahren weltweit an Bedeutung gewonnen. Die UNESCO ist daran, für Open Science gemeinsame Werte und Grundätze festzulegen. Bis Ende Jahr will sie ihren Mitgliedstaaten entsprechende Empfehlungen unterbreiten. Der Bund und die Schweizer Hochschulen beschäftigen sich ebenfalls intensiv mit dem Thema. Swissuniversities, die Rektorenkonferenz der Schweizerischen Hochschulen, hat 2017 eine nationale Open-Access-Strategie verabschiedet. Diese sieht unter anderem vor, dass bis 2024 alle wissenschaftlichen Beiträge, die mit öffentlichen Geldern finanziert werden, online verfügbar sein müssen. Ende Mai hat swissuniversities die Nationale Open Research Data (ORD) Strategie veröffentlicht, die sich mit der Verbreitung der Forschungsdaten befasst. «Open Science wird die Forschungspraxis fundamental ändern», sagt Piveteau, der bei swissuniversities die Delegation Open Science leitet. «Es ist entscheidend, dass wir uns aktiv an diesem Prozess beteiligen.» «So offen wie möglich, so geschützt wie nötig.Wir müssen Richtlinien und Best Practices entwickeln, die zeigen, ob, wann und wie kommerziell sensible Daten offen zugänglich gemacht werden sollen.» Jean-Marc Piveteau, Rektor der ZHAW In der Europäischen Union (EU) sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei öffentlich finanzierten Projekten bereits heute dazu verpflichtet, ausführlich zu informieren und Forschungsdaten zu teilen. Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) geht ebenfalls diesen Weg. Der Druck, wissenschaftliche Befunde zu teilen, dürfte gemäss Piveteau weiter zunehmen. «Wir sollten proaktiv vorangehen. Es ist wichtig, dass die Fachhochschulen die Rahmenbedingungen mitgestalten. Denn an Open Science führt kein Weg vorbei.» An der ZHAW treibt seit 2018 eine interdepartementale Fachgruppe die Transformation voran. «Wir müssen einen eigenen Zugang zu Open Science entwickeln», sagt Martin Jaekel , Leiter der Stabsstelle des Ressorts Forschung und Entwicklung (F&E). Anders als Universitäten, die zu einem grossen Teil Grundlagenforschung betreiben, arbeitet die Fachhochschule stark mit Industriepartnern zusammen. Diese wollen wissenschaftliche Resultate und innovative Entwicklungen meist kommerziell nutzen. Im Gegensatz zu Stiftungen oder öffentlichen Geldgebern haben sie folglich wenig Interesse daran, Forschungsdaten einem grösseren Kreis offenzulegen. Schon heute werde bei solchen Kooperationen vorgängig vereinbart, wer die Resultate dereinst nutzen dürfe, erklärt Rektor Piveteau. «Da muss man eine Balance finden: So offen wie möglich, so geschützt wie nötig.» Der Privatsektor sei für die Fachhochschule von entscheidender Bedeutung. Diese Zusammenarbeit dürfe nicht gefährdet werden. «Es besteht daher die Notwendigkeit, Richtlinien und Best Practices zu entwickeln, ob, wann und wie kommerziell sensible Daten offen zugänglich gemacht werden sollen.» Wenn Forschung transparenter werden soll, gilt es nicht nur, kommerzielle Absichten und die Frage nach dem geistigen Eigentum zu berücksichtigen. Auch der Datenschutz sowie ethische Aspekte haben einen Einfluss darauf, was veröffentlicht werden darf. Die ZHAW hat externe und interne Vorgaben in Policies festgehalten. Sie hat ihre Forschungsabteilungen befragt und mehrere Pilotprojekte durchgeführt. Die Erkenntnisse daraus fliessen nun in den Aufbau einer neuen Servicestelle für Forschungsdaten ein, die vom Ressort F&E, der ICT (Information & Communication Technology) und der Hochschulbibliothek betrieben wird. «Um das Potenzial offener Datensätze optimal zu nutzen, brauche es eine geeignete Infrastruktur und Unterstützung beim Veröffentlichungsprozess.» Andreas Fürholz, Beauftragter Koordination der Servicestelle «Um das Potenzial offener Datensätze optimal zu nutzen, brauche es eine geeignete Infrastruktur und Unterstützung beim Veröffentlichungsprozess», sagt Andreas Fürholz , Beauftragter Koordination der Servicestelle. Die Daten müssten nach fachspezifischen «Best Practices» erhoben, aufbereitet und veröffentlicht werden, damit sie tatsächlich weiterverwertet werden könnten. Die neue Servicestelle unterstützt Mitarbeitende dabei. Sie führt Schulungen durch, leistet persönlichen Support und stellt technische Tools sowie die benötigte Infrastruktur zur Verfügung. Die Angebote würden rege genutzt, berichtet Elena Šimukovič , die an der Hochschulbibliothek den Bereich Research & Infrastructure leitet. Dies sei teilweise auf die Pandemie zurückzuführen, welche dem virtuellen Lernen und Forschen Aufschwung gegeben habe. «Das Bewusstsein für das Thema ist geschärft worden.» «Wer qualitativ hochstehende Rohdaten offenlegt, muss einen Benefit haben.» Martin Jaekel, Leiter Stabsstelle F&E Die Hochschulbibliothek macht wissenschaftliche Arbeiten, Beiträge und Bücher, die an der ZHAW entstehen, seit mehreren Jahren über die « digitalcollection » online zugänglich. Ob sie künftig auch ein digitales Repositorium für Forschungsdaten betreiben wird, ist allerdings fraglich. Ein solches aufzubauen, wäre aufwendig. «Man ist sich weitgehend einig, dass solche Daten bei den jeweiligen Fachdisziplinen am besten aufgehoben sind», sagt Elena Šimukovič. Schweizweite und internationale Lösungen stünden derzeit im Vordergrund. Und die Forschenden selbst? Sind sie bereit, ihr Wissen weitgehend zu teilen? «Legitime Vorbehalte sind da», sagt Jean-Marc Piveteau. Der Nutzen von Open Science sei für den Einzelnen nicht immer fassbar. Martin Jaekel spricht von einer grossen Hürde, die es zu überwinden gelte. «Wer qualitativ hochstehende Rohdaten offenlegt, muss einen Benefit haben», stellt er klar. Diese Transparenz müsse wertgeschätzt werden und der Karriere dienen. «Die Bewertungs- und Anreizstrukturen müssen geändert werden.» Elena Šimukovič, Leiterin Bereich Research & Infrastructure, Hochschulbibliothek Bislang seien Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stark danach beurteilt worden, in welchen akademischen Fachzeitschriften sie publizierten, gibt Elena Šimukovič zu bedenken. Mit Open Science müssten sie ihre Arbeit transparenter und umfassender dokumentieren, wovon das Wissenschaftssystem als Ganzes profitieren könne. Dies lasse sich für den Einzelnen nur rechtfertigen, wenn diese Leistungen entsprechend honoriert würden. «Die Bewertungs- und Anreizstrukturen müssen geändert werden.» Open Science bedingt einen Kulturwandel. «Die wissenschaftliche Arbeit wird sich grundlegend ändern», ist ZHAW-Rektor Piveteau überzeugt. Er verweist auf zwei Fachrichtungen, in denen bereits eine gewisse Offenheit gelebt wird. So ist es in der Pharmabranche zur Qualitätssicherung entscheidend, dass Studienresultate reproduziert werden können. In der IT-Branche sorgen offene Prozesse (Open Source) für eine fortschreitende Qualität der Entwicklungen. Die verschiedenen Disziplinen seien bezüglich Open Science unterschiedlich weit, sagt Piveteau. «Wir müssen die Forschungsgemeinschaften unterstützen und sie dort abholen, wo sie sind.» Eveline Rutz

Warum Maschinen manches besser können als Menschen

«Willst du mit mir Tabu spielen?», fragt der Roboter, auf den an diesem Nachmittag rund 300 Augenpaare gerichtet sind. Das Mädchen, das ihm gegenübersteht, bejaht. Es zieht eine Spielkarte und beginnt, den Begriff «Kissen» zu umschreiben. «Es ist weiss», sagt es. «Okay, lass mich kurz überlegen», erwidert der Computer. «Ist es ein Volleyball?», will er wissen und liegt erst mal falsch. «Man findet es auf dem Sofa», erklärt das Mädchen weiter, und nach kurzer Zeit nennt der Roboter die korrekte Antwort. «Wir sind ein super Team», sagt er. Sein Ausdruck bleibt dabei maskenhaft. Nur seine Lippen bewegen sich. Das Publikum ist fasziniert. «Wir haben dem Computer beigebracht, mit uns zu sprechen», sagt Mark Cieliebak, Professor an der School of Engineering. Er entfernt das «Gesicht» des Roboters und erwähnt, dass darauf mit einem Beamer Bilder projiziert werden. Er verweist zudem auf die Kamera, dank der die Maschine erkennt, ob jemand vor ihr steht. Wendet sich ihr Gegenüber ab, fragt sie sofort: «Wohin gehst du?» Die Demonstration des humanoiden Roboters ist der Höhepunkt der Vorlesung über Künstliche Intelligenz, die im Rahmen der Kinderuniversität stattfindet. Im grossen Hörsaal im Laborgebäude erfahren Mädchen und Buben, dass heutige Computer 143 Billiarden Operationen pro Sekunde ausführen können. 1960 waren es noch 500’000. Sie lernen, wie Maschinen Bilder erkennen und weshalb sie besser Schach spielen als Menschen. ZHAW-Dozent Cieliebak weist sie aber auch auf mögliche Gefahren hin. «Man kann euch beim Schule-Schwänzen erwischen», sagt er. «Dann nämlich, wenn ihr eigentlich im Unterricht sein müsstet, aber an einem anderen Ort von einer Kamera aufgenommen werdet.» Er konfrontiert die Viert- bis Sechstklässler zudem mit einem moralischen Dilemma. Sie müssen sich überlegen, wie sie ein selbstfahrendes Auto für den Fall programmieren würden, dass es nicht mehr bremsen kann. Soll es in ein anderes Fahrzeug mit einer Seniorin am Steuer prallen? Oder ausweichen und ein Kind auf dem Fussgängerstreifen anfahren? «Es sollte die ältere Person treffen», sagt jemand. «Und wenn es deine Grossmutter wäre?», erwidert Cieliebak. Engagiert diskutieren die Kinder mit. Sie haben viele Fragen und strecken immer wieder auf. Sie möchten unter anderem wissen, ob KI intelligenter sei als der Mensch, wo KI noch nicht so gut funktioniere und ob uns Roboter dereinst ersetzen würden. «Es braucht Menschen, welche Computer programmieren», sagt KI-Spezialist Cieliebak. Roboter erfüllten genau umrissene Aufgaben. Es gebe keine KI, die alles könne. Als die Vorlesung nach 75 Minuten endet, strömen viele Kinder nach vorne. Sie möchten mit dem humanoiden Roboter noch eine Runde Tabu spielen. «Ich habe viel Neues erfahren. Ich finde es interessant, dass ein Computer so schnell rechnen und laufend neue Sachen lernen kann. Künstliche Intelligenz kann dem Menschen sicher helfen. Wenn Roboter reden, finde ich das aber auch etwas gruselig.» Annik Rohrbach, 10 Jahre, Winterthur «Es ist beeindruckend, dass Computer besser Schach spielen können als Menschen. In 100 Jahren können sie wahrscheinlich das Gleiche wie wir. Ich fände es aber komisch, wenn statt Menschen nur noch Roboter eingesetzt würden.» Nils Forster, 10 Jahre, Winterthur «Es ist toll, dass ein Roboter Tabu spielen kann. Das gefällt mir. Roboter können dem Menschen auch Arbeit abnehmen. Das wird uns helfen. Das Thema (((Künstliche Intelligenz))) ist kompliziert, aber ich bin gut drausgekommen.» Daliah Kuper, 10 Jahre, Winterthur «Mein Bruder beschäftigt sich gerne mit Mathematik und Robotik. Daher weiss ich auch schon einiges darüber. Ich hätte nicht gedacht, dass Computer so schnell rechnen können. Roboter sollten nicht schlauer werden als wir. Das wäre gefährlich.» Nils Müller, 9 Jahre, Winterthur Eveline Rutz

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