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Aktive Filter: Autor: Thomas Müller Ausgabe: 1/2022 Alle Filter entfernen
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Gesundheitskosten: Ab Mitte 80 steigt der Pflegebedarf stark

Bis 2050 dürfte sich in der Schweiz die Zahl der Seniorinnen und Senioren ab 80 Jahren mehr als verdoppeln – ein Anstieg um 640'000 Personen auf 1,11 Millionen. In der Altersgruppe ab 90 Jahren ist mit einer Verdreifachung zu rechnen. «Ab Mitte 80 steigt bei vielen Menschen der Pflege- und Betreuungsbedarf stark an», sagt Flurina Meier , Gesundheitsversorgungsforscherin im Winterhurer Institut für Gesundheitsökonomie . Vermehrt komme es ab diesem Alter zum Eintritt in ein Alters- und Pflegeheim. Dort verursacht ein Beherbergungstag im Durchschnitt Kosten von 319 Franken. Die Betriebskosten aller schweizerischen Alters- und Pflegeheime summierten sich 2020 auf 10,8 Milliarden Franken. Ein erheblicher Anteil geht auf die Fragilität der Hochaltrigen ab 80 Jahren zurück, oft gekoppelt mit Demenz und anderen kognitiven Einschränkungen. Für Flurina Meier ist klar: «Vor allem die steigende Anzahl hochaltriger Personen wird zu einem deutlichen Anstieg der Gesundheitskosten führen.» Teils kann dies verringert werden durch Prävention – also Verlängerung der gesunden Jahre im Alter –, teils durch eine Verstärkung der Versorgung zu Hause. Dieser Trend zu mehr Versorgung zu Hause ist bereits zu beobachten und wirkt bremsend auf die Kosten. «Immer mehr ältere Menschen können heute zu Hause versorgt werden», sagt Meier. Zugleich ist aber wichtig, dass dabei die Angehörigen nicht überlastet werden. Bei Gebresten wird die spitalexterne Pflege (Spitex) beigezogen. Ist die Pflegebedürftigkeit nicht allzu ausgeprägt, funktioniert ein solches Arrangement auch über mehrere Jahre. Und es hilft, hohe Heimkosten zu vermeiden. «Immer mehr ältere Menschen können heute zu Hause versorgt werden.» Flurina Meier, Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie Allerdings ist es entscheidend, dass die Betroffenen zu Hause ausreichend versorgt sind, um langfristig Kosten zu sparen. Das Problem liegt weniger bei den Pflegeleistungen. In vielen Fällen kann mit einigen Einsätzen die Pflege sichergestellt werden. Die Betreuung ist aber oft zeitaufwändiger und teilweise ist eine ständige Anwesenheit nötig. «Lücken vermutet man vielmehr bei der Betreuung», sagt Flurina Meier. Vielleicht braucht jemand eine 24-Stunden-Überwachung zu Hause oder kann nicht allein zum Arzt fahren, benötigt Unterstützung in finanziellen Dingen oder möchte ab und zu plaudern, weil die soziale Vereinsamung bedrückt. Betreuungsleistungen gehen grundsätzlich zulasten der betroffenen Person. Das kann ein Problem werden, wenn benötigte Leistungen mit Blick auf die anfallenden Kosten nicht bezogen werden. Es droht ein verfrühter Heimeintritt, was die Kosten für alle Beteiligten erhöht. Hinzu kommt ein Fehlanreiz: Ab einem gewissen Grad der Pflegebedürftigkeit ist die Spitex für eine Krankenkasse teurer als das Heim, weil dort die öffentliche Hand einen grösseren Anteil übernimmt. Auch das kann dazu führen, dass jemand früher als nötig im Alters- oder Pflegeheim landet. «Es ist wichtig, die Beratungsangebote für die Betroffenen zu verstärken», fordert Flurina Meier. Dies, damit sie ausreichend pflegerisch und betreuerisch versorgt sind und gegebenenfalls ein Antrag für Ergänzungsleistungen gestellt werden kann. So können frühzeitige Heimeintritte vermieden werden. Auch unbürokratische Ansätze seien gefragt: «In Luzern zum Beispiel kann die Anlaufstelle Alter ‹Gutscheine für selbstbestimmtes Wohnen› vergeben.» Zeige sich, dass zum Beispiel mit 2000 Franken für eine schwellenlos zugängliche Dusche ein Heimeintritt vermeidbar ist, sei ein entsprechender Beitrag möglich. «Gute Betreuung beugt Pflegebedürftigkeit vor.» Martina Filippo, Zentrum für Sozialrecht Allerdings hat der Staat die bürokratischen Hürden ausgerechnet bei den Ergänzungsleistungen erhöht. Seit 2021 gilt nach dem Tod eine Rückerstattungspflicht der Erben, sofern der Nachlass den Betrag von 40’000 Franken übersteigt. «Das setzt einen falschen Anreiz», sagt Martina Filippo vom Zentrum für Sozialrecht an der School of Management and Law . Hinzu kommt, dass Ergänzungsleistungen bei älteren Menschen in einem Eigenheim schlecht funktionieren. Denn zuerst muss das Vermögen weitgehend aufgebraucht – sprich das Eigenheim verkauft – werden. Das Ziel, möglichst autonom zu Hause zu leben, wird damit vereitelt. Die Ergänzungsleistungen seien ohnehin kein taugliches Instrument zur Finanzierung der Pflege, sagt Filippo. Sie spricht sich für eine gesamtschweizerischen Pflegeversicherung aus – inklusive Deckung oder Teilfinanzierung der Betreuungskosten: «Denn gute Betreuung beugt Pflegebedürftigkeit vor.» Thomas Müller

Private Vorsorge: Mit einem Kniff zu mehr Geld im Alter

Die Politik müht sich seit Jahren mit Reformversuchen ab, wenn es um die Altersvorsorge geht. Das betrifft vor allem die AHV und die Pensionskassen – die erste und die zweite Säule also. Fast vergessen geht dabei die individuelle Altersvorsorge in der dritten Säule. Sie dient als Ergänzung. Das Sparen in der dritten Säule ist aktueller denn je. Denn als Folge der höheren Lebenserwartung müssen die angesparten Pensionskassengelder einer Person auf mehr Jahre verteilt werden. Bei vielen Pensionskassen sinken dadurch die monatlichen Rentenzahlungen, die Angestellte nach ihrer Pensionierung künftig erwarten können. Die derzeit tiefen Zinsen verstärken diesen Trend noch. Sparfüchse wissen, wie sie in der dritten Säule am meisten herausholen. Sie zahlen Jahr für Jahr den zulässigen Maximalbetrag bei der dritten Säule ein. Derzeit sind es für Angestellte 6883 Franken. Dieses Geld bleibt in der Regel bis zur Pensionierung gebunden. Im Gegenzug für die Einzahlung in die sogenannte Säule 3a gibt es einen Abzug bei den Steuern. Mit dieser Belohnung will der Staat bei Erwerbstätigen die private Altersvorsorge fördern. Das Konzept, das seit 1987 gilt, leuchtet ein. Allerdings hat die Sache einen Haken: Diese Förderung wird wenig genutzt. «Über die Hälfte der rund 3,4 Millionen erwerbstätigen Steuerpflichtigen zahlt nicht in die Säule 3a ein», sagt Roland Hofmann vom Institut für Wealth und Asset Management . Ein erheblicher Teil von ihnen ist beim besten Willen nicht dazu in der Lage. Roland Hofmann geht von bis zu einer Million Menschen in der Schweiz aus, die zu wenig verdienen, um in die Säule 3a einzuzahlen. Hinzu kommen all jene, die nicht einzahlen, obwohl sie es durchaus könnten. Sie konsumieren lieber heute, als sich mit der privaten Altersvorsorge abzumühen – im Wissen, dass der Staat niemanden verhungern lässt, wenn die Mittel nach der Pensionierung zu knapp sind. Bei anderen spiegeln die Konsumpräferenzen die Familiensituation. Während die Kinder heranwachsen, sind die Ausgaben einer jungen Familie eher hoch. Ist der Nachwuchs aus dem Haus, ziehen die Eltern in eine kleinere Wohnung und leben genügsamer. «Vor allem der gehobene Mittelstand profitiert, bei allen anderen wirkt der Anreiz mit dem Steuerrabatt schlecht oder gar nicht.» Roland Hofmann, Institut für Wealth und Asset Management Wer einzahlt, zahlt häufig nicht jedes Jahr und nicht immer den vollen Betrag ein. Bleibt in einem Jahr mal etwas Geld übrig, wandert es in die Säule 3a. In anderen Jahren hats dann halt nicht gereicht. Den maximalen Betrag schöpft nur etwa ein Fünftel der erwerbstätigen Steuerpflichtigen aus – also rund 600’000 Steuerpflichtige. Für Hofmann ist klar: «Es nutzen nur wenige Leute die Säule 3a im vollen Ausmass.» Vor allem der gehobene Mittelstand profitiere, «bei allen anderen wirkt der Anreiz mit dem Steuerrabatt schlecht oder gar nicht.» Gibt es denn andere Lösungen? Lässt sich das Konzept verbessern? «Ja, durchaus», entgegnet Hofmann. Sein Vorschlag basiert auf dem bisherigen Modell, ändert aber drei Punkte. Der erste betrifft die Gruppe der Trägen: Das sind jene Leute, die eigentlich in der Säule 3a sparen könnten, es aber stets hinausschieben, sich nie darum kümmern, es lieber morgen erledigen als heute. «Ihnen muss man die Sache erleichtern», sagt er. Das heisst, den Vorgang mit Sparplänen möglichst einfach machen, damit alles automatisch abläuft. Konkret schlägt Hofmann folgende Lösung vor: «Wenn der Lohn ausgezahlt wird, geht jeden Monat automatisch ein Teil in die Säule 3a – als Daumenregel zum Beispiel ein Anteil von 10 Prozent.» Dieser Dauerauftrag könne beim Arbeitgeber zum Zeitpunkt der Auszahlung eingerichtet werden oder bei der Bank, wenn das Salär eingeht. So müssen sich Erwerbstätige nicht mehr aktiv um die Säule 3a kümmern, das Geld fliesst automatisch auf das 3a-Konto und sichert so den Steuerabzug. Das Ganze soll keineswegs als Zwang funktionieren. Wer nicht mitmachen will, kann den Mechanismus ganz einfach stoppen. Eine Mail oder ein Telefonanruf genügt. Eine solche Umkehr der Grundeinstellung ist wirkungsmächtig, wie die Verhaltensökonomie nachweist. «Ob man ablehnen oder zustimmen muss, ist entscheidend dafür, ob die Leute mitmachen», sagt Hofmann. Die Forschung weist erstaunliche praktische Erfolge durch solches «Nudging» nach, durch das richtige «Anstupsen» im Entscheidungsprozess. Was als Standard vorgeschlagen ist, machen laut Hofmann die meisten. Genutzt wird dieser Umstand schon längst. Ein Beispiel dafür ist das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich. Bis 2006 erhielt die Kundschaft automatisch den günstigsten Strommix und musste sich melden, wenn sie ein ökologischeres Produkt wollte – was nur eine Minderheit tat. Fortan war «Naturpower» das Standardprodukt, und wer eine günstigere, weniger ökologische Variante wollte, musste sich melden. Das Resultat: 85 Prozent blieben bei «Naturpower». Eine ähnliche Wirkung erwartet Hofmann in der Säule 3a: «Ein wesentlicher Teil der Leute wird den automatischen Abzug vergessen und die Ausgaben nach dem Betrag ausrichten, der ihnen auf dem Bankkonto bleibt.» Die zweite Änderung betrifft jene Gruppe, die gar nicht einzahlen kann. Bei ihnen soll die öffentliche Hand einspringen. Wenn eine Person finanziell so knapp dran ist, dass sie keine Einkommens- und Vermögenssteuern zahlt, überweist der Staat an ihrer Stelle im betreffenden Jahr automatisch ihren Betrag an die Säule 3a. Dieses Vorgehen wird international unter dem Stichwort Steuerkredit diskutiert und kommt einer Subvention gleich. Das sei kompatibel mit einem liberalen Staatsverständnis, hält Hofmann fest. Der Staat springe bei Bedürftigkeit im Alter mit Ergänzungsleistungen oder nötigenfalls Sozialhilfe ein, werde somit in solchen Fällen ohnehin zur Kasse gebeten. «Wer daran glaubt, dass die Menschheit Fortschritte macht, hat keinen Grund dazu, auf Aktienanlagen zu verzichten.» Roland Hofmann Doch die in einer früheren Phase ausgesprochenen Steuerkredite hätten einen entscheidenden Vorteil: «In der Säule 3a kann man über den Kapitalmarkt das Wirtschaftswachstum während vieler Jahre nutzen. Dank dem Zinseszinseffekt steht am Schluss viel mehr Kapital zur Verfügung, als ursprünglich aufs Konto ging – auch jeder Franken öffentliche Mittel erzielt so eine höhere Wirkung.» Ein solches Kapitaldeckungsverfahren sei günstiger als das Umlageverfahren, wie es beispielsweise die AHV nutzt: «Beim Umlageverfahren nutzt der Staat das Wirtschaftswachstum nicht, er nimmt ja das Geld von den einen und gibt es den anderen.» Damit ist die dritte Änderung angesprochen: Die 3a-Gelder bleiben nicht einfach fast ohne Rendite auf einem Konto liegen. Stattdessen erfolgt standardmässig eine Anlage in Wertschriften. Der Anlagebetrag folgt so der ökonomischen Entwicklung. So partizipieren die Sparerin und der Sparer am Wertschöpfungswachstum in der Welt und müssen sich nicht mit tiefen Zinsen abfinden. Die jeweiligen Aktienfonds sollen ähnlich kostengünstig sein wie der staatliche Vorsorgefonds in Schweden mit Gebühren von jährlich 0,15 Prozent der angelegten Summe. Bei 30-Jährigen dürften es durchaus 100 Prozent Aktien sein. Wenn das Pensionsalter näherrücke, werde der Wertschriftenanteil natürlich zurückgefahren. Hofmann räumt ein, dass die Anlage in Wertschriften Wertschwankungen unterworfen ist. Doch angesichts des langen Anlagehorizonts spiele das eine geringe Rolle. Wer diese Standardlösung nicht will, könne natürlich auch in diesem Punkt seinen Widerspruch einlegen: «Doch wer daran glaubt, dass die Menschheit Fortschritte macht, kreativ ist und Ideen verwirklicht, hat eigentlich keinen Grund dazu, auf Aktienanlagen zu verzichten.» Thomas Müller

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