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Aktive Filter: Kategorie: Forschung Autor: Thomas Müller Alle Filter entfernen
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Ratings für Green Finance: Künstliche Intelligenz statt Handgelenk mal Pi

Wer heutzutage Geld anlegt, will nicht nur das Vermögen vermehren, sondern auch ein bisschen die Welt retten – oder zumindest die Klimawende erleichtern. «Nachhaltigkeit ist in der Finanzindustrie ein Megatrend», sagt Jan-Alexander Posth vom ZHAW Institut für Wealth & Asset Management . Davon zeugt die wachsende Angebotspalette in der Branche. Der Finanzdatenanbieter Morningstar zählt 7486 Nachhaltigkeitsfonds, oft tragen sie die Bezeichnung ESG im Namen. Das Kürzel steht für die Berücksichtigung der Auswirkungen auf Umwelt (Environment) sowie Menschen (Social) und für eine Einstufung der Unternehmensführung (Governance). In den ersten neun Monaten 2021 haben sich die Anlagen in diese Fonds laut Morningstar auf 3893 Milliarden US-Dollar verdoppelt. Gelder, die nach ESG-Kriterien direkt in Aktien, Obligationen oder andere Finanzinstrumente investiert werden, sind in dieser Summe noch nicht mal eingerechnet. Institutionelle Investoren wie Pensionskassen richten ihre Anlagen ebenfalls verstärkt an ESG-Kriterien aus. Gemäss dem Schweizer Pensionskassen-Index der Grossbank Credit Suisse (CS) haben diese Vorsorgeeinrichtungen 32,1 Prozent ihrer Gelder «sehr nachhaltig» angelegt. Massgeblich für diese Einschätzung sind die ESG-Ratings der eingesetzten Finanzprodukte durch den Finanzdienstleister MSCI. «Unser Anspruch ist es, verlässlichere Massstäbe für die Auswahl eines grünen, nachhaltigen Investments bereitzustellen.» Jan-Alexander Posth, Institut für Wealth & Asset Management Die Sache hat allerdings einen Haken. Bei den ESG-Ratings komme es vor, dass die eine Ratingagentur ein Unternehmen mit «gut» benote, die andere Agentur aber zum gegenteiligen Schluss komme, sagt Jan-Alexander Posth, zu dessen Forschungsschwerpunkten Sustainable Finance sowie Digitalisierung & Künstliche Intelligenz gehören. Das heisst: Wer nachhaltig investieren will, stochert im Nebel. Genauso geht es Unternehmen, die sich gegen den Klimawandel stemmen wollen. Für sie bleibt rätselhaft, was sie konkret ändern müssen. Hier hakt das Institut für Wealth & Asset Management ein. «Unser Anspruch ist es, verlässlichere Massstäbe für die Auswahl eines grünen, nachhaltigen Investments bereitzustellen», erklärt Posth, selbst promovierter Physiker und lange in der Finanzbranche tätig. Dabei kommt Künstliche Intelligenz zum Zug. Ein Projekt will beispielsweise Satellitendaten nutzen, um die Auswirkungen von Bergbauunternehmen auf die Biodiversität aufzuzeigen. Dabei geht es nicht nur darum, mit gewöhnlichen Satellitenbildern Abholzungen von Urwald aufzuspüren. Vielmehr sollen auch multispektrale Daten genutzt werden, die vom Infrarot- bis in den Radarbereich reichen und recht detaillierte Aussagen über Pflanzenarten, Geländeformationen und vieles mehr erlauben. Während dieses Vorhaben unter der Federführung von Tomasz Orpiszewski in der Anfangsphase steht, befindet sich ein zweites Projekt mitten in der Umsetzung. Hier geht es darum, wie nachhaltig die Technologien eines Unternehmens sind. Dieses Projekt wertet das Patentportfolio eines Unternehmens KI-gestützt aus und identifiziert so Firmen, die zum Beispiel im Bereich CO 2 -Verminderung besonders aktiv Innovationen vorantreiben. Die Datenbasis ist in einem ersten Schritt ein Satz mit 2,5 Millionen Patenten von 1990 bis 2021 in englischer Sprache. Sie stammen aus mehreren Ländern und decken die Patentklasse Y02 des Europäischen Patentamts mit den klimarelevanten Technologien ab (Climate Mitigation Technologies). Das von der Innosuisse finanzierte Projekt läuft gemeinsam mit der Universität Basel und dem Projektpartner EconSight GmbH , der sich auf die Analyse des Wettbewerbsumfelds in Zukunftstechnologien spezialisiert hat. «Was eine Firma heute an Patenten einreicht, wird in der Regel in drei bis vier Jahren am Markt eingesetzt», erläutert Jochen Spuck, Chief Technology Officer von EconSight. Er unterzieht Unternehmen vertieften Patentanalysen und identifiziert so jene, die im Klimawandel punkten werden. Die Ergebnisse sind manchmal verblüffend. Die Erdölkonzerne Shell, Exxon und Total zum Beispiel bemühen sich auf den ersten Blick gleichermassen um Nachhaltigkeit, doch Spuck ist überzeugt, dass die französische Total dank einer Vielzahl von relevanten «grünen» Patenten – etwa in den Bereichen Photovoltaik, Batterietechnologie oder Automation – ihre beiden Konkurrenten deutlich überflügeln wird. «Die Maschine erkennt also, ob ‘Bank’ für eine Sitzgelegenheit im Park steht oder für eine Bank, bei der ich ein Konto eröffnen kann.» David Jaggi, Institut für Wealth & Asset Management Tausende von Patenten hat EconSight bereits klassifiziert. Sie kommen nun als Daten-Lernsatz auf eine Deep-Learning-Workstation, erklärt David Jaggi , Mitglied in Posths Projektteam. Dabei handelt es sich um einen besonders leistungsfähigen Computer, der für den Einsatz mit Künstlicher Intelligenz optimiert ist. Er durchforstet die Patenttexte mit einem Deep-Learning-Sprachmodul, das nicht nur einzelne Wörter, sondern auch ihren Kontext versteht. «Die Maschine erkennt also, ob ‘Bank’ für eine Sitzgelegenheit im Park steht oder für eine Bank, bei der ich ein Konto eröffnen kann», sagt David Jaggi. Mit dem Lernsatz und einem Teil der 2,5 Millionen Patente trainiert er Computer. Jeden Patenttext stellt er numerisch dar, vergleicht automatisch Muster und Zusammenhänge. Dann gilt es ernst: ein erster Durchlauf, bei dem ein bislang nicht benutzter Satz an Patenten eingesetzt wird. «Dabei zeigt sich, wie gut der Algorithmus mit Daten zurechtkommt, die er noch nie gesehen hat», sagt Jaggi. Ablesen lässt sich der Erfolg an jenen Patenten und Unternehmen, die schon EconSight bewertet hatte. Kommt der Computer zu einem vergleichbaren Resultat? Falls nicht, ist Nachsitzen angesagt: Justierungen vornehmen, am Algorithmus feilen, neue Trainingsrunden absolvieren, bis das Ziel erreicht ist: eine verlässliche Einstufung, wie gut eine Firma in den klimarelevanten Technologiefeldern aufgestellt ist. Bislang rechne fast jeder ESG-Ratinganbieter nach einer anderen Methodik, sagt Projektteammitglied Linus Grob, «deshalb sind die Resultate der verschiedenen Ratinganbieter halt schlecht vergleichbar». Etablierte Kennzahlen fehlen noch, zudem beruhen viele Angaben auf kaum überprüfbaren Selbstdeklarationen der Unternehmen. Ein transparentes, belastbares Rating hat einen grossen Stellenwert, wie Projektleiter Posth verdeutlicht: «Um den Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft zu schaffen, müssen wir die Finanzströme so umlenken, dass innovative Ansätze und nachhaltige Technologien begünstigt, klimaschädigende Produktionsweisen aber verteuert werden.» Umlenken ohne Leitplanken und Wegweiser sei ein Ding der Unmöglichkeit: «Fehlen verlässliche Daten und Vorgaben zur Entscheidungsfindung, missglückt letztendlich auch der Wandel.» (Aufmacherbild: lvalin ) Thomas Müller

Dem Schichtplan entkommen

Die Alarmzeichen häufen sich: Spitäler in mehreren Kantonen mussten in den letzten Monaten ihre Bettenkapazitäten reduzieren und Operationstermine verschieben, weil Pflegepersonal fehlt. Die Zahl der ausgeschriebenen Stellen im Pflegebereich steigt und steigt. Überall werden händeringend Fachkräfte gesucht. Das Kantonsspital Luzern zum Beispiel zahlt Angestellten bis zu 1500 Franken Prämie, wenn sie bis Ende Jahr eine neue Kollegin oder einen neuen Kollegen vermitteln. Und das Regionalspital Wetzikon im Zürcher Oberland versucht, seine Festangestellten mit besseren Arbeitsbedingungen von einer Kündigung abzuhalten. Es hat die Arbeitszeit des Pflegepersonals ab Juni um zehn Prozent reduziert – bei unverändertem Lohn. «Solche Massnahmen zeigen, wie gross die Not ist», kommentiert Florian Liberatore vom Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW. «Inzwischen füllen die Temporärkräfte aber immer kurzfristiger Lücken, die durch Ausfälle entstehen und aufgrund der vielen ausgeschriebenen Stellen, die nicht mehr besetzt werden können.» Florian Liberatore, Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW Zugleich beobachtet Liberatore auf dem Arbeitsmarkt für Pflegefachkräfte ein weiteres Phänomen: Die traditionelle Rolle der Temporärfirmen beginnt sich zu wandeln. Bislang nutzten Spitäler und Pflegeheime die Vermittler vor allem dann, wenn eine längere Absenz wie ein Mutterschaftsurlaub absehbar war und intern niemand einspringen konnte. Oder wenn es darum ging, saisonale Schwankungen aufzufangen, zum Beispiel bei Kliniken in Skigebieten während der Winterferien. «Inzwischen füllen die Temporärkräfte aber immer kurzfristiger Lücken, die durch Ausfälle bei Krankheit oder Unfall entstehen und aufgrund der vielen ausgeschriebenen Stellen, die nicht mehr durch fest angestelltes Personal besetzt werden können», sagt der Gesundheitsökonom. Die Digitalisierung erleichtert dieses Just-in-time-Temporärgeschäft. Spezialisierte Personalverleiher haben Onlineplattformen aufgebaut, auf denen man bis 24 Stunden vor dem geplanten Einsatz eine Pflegefachkraft für eine Acht-Stunden-Schicht (oder mehrere Schichten) buchen kann. Ein Mausklick genügt – die Plattform regelt im Hintergrund alles Vertragliche und schickt der Temporärkraft die notwendigen Informationen, wann sie sich wo einzufinden hat. Der Pflegedienstleiter oder die Pflegedienstleiterin muss also nicht mehr mühsam eine Liste abtelefonieren und Leute an ihrem freien Tag zu einer Zusatzschicht überreden, wenn eine Lücke auftaucht. «Jedes Jahr steigen acht Prozent der Pflegekräfte aus dem Gesundheitsberuf aus. 45 Prozent der Pflegekräfte werden nicht in ihrem gelernten Beruf pensioniert.» Florian Liberatore, Gesundheitsökonom Der Bedarf hierfür ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Das zeigt die Temporärplattform careanesth.com , die zu den Marktführern in diesem Segment gehört. Sie vermittelte im ersten Halbjahr 2022 rund 24'000 tageweise Schichteinsätze von Pflegefachpersonal. Das entspricht etwa einer Vervierfachung des Volumens vor der Pandemie, im ganzen Jahr 2019 waren es rund 12'000 vermittelte Schichteinsätze gewesen. Andere Temporärfirmen unterhalten ähnliche Onlineplattformen. «Kaum wird ein Dienst angeboten, so ist er auch schon weggebucht – das geht im Handumdrehen», sagt Florian Liberatore. Ob jemand mit dem entsprechenden Spital vertraut sei, das Team und die Abläufe kenne, scheint im ersten Moment keine Rolle mehr zu spielen. Umso wichtiger wird deshalb die Rolle des Temporäranbieters beim Ausweis der Qualifikationen und Erfahrungen ihrer Arbeitskräfte und bei deren Assessments bei der Anstellung. Liberatore leitet ein interdisziplinäres Forschungsteam an der ZHAW, das in Zusammenarbeit mit den Universitäten Basel und Freiburg die Folgen der digital vermittelten Temporärarbeit untersucht. Auf den Vermittlungsplattformen kann eine Temporärkraft ihre Verfügbarkeiten für einzelne Schichten angeben, also dass sie beispielsweise nur am Montag- und Dienstagnachmittag gebucht werden kann. Diese Verfügbarkeiten können dann von einer Gesundheitsinstitution bis 24 Stunden vor Schichtbeginn gebucht werden. Wie sich solche Plattformangebote auf den Fachkräftemangel auswirken, ist noch ungeklärt. Der Effekt könnte negativ sein, da mehr Pflegefachpersonen in diese Arbeitsform wechseln und fortan in geringen Pensen selbstbestimmt zu attraktiven Stundenvergütungen im Gesundheitswesen arbeiten, um ihren Bedürfnissen nach Dienstplanung und der damit verbundenen Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit Rechnung zu tragen. Bloss: Dieser Effekt kommt auch dann zum Tragen, wenn die Gesundheitsinstitutionen zunehmend selbst ähnliche flexible Arbeitsmodelle anbieten. Womöglich lindert die plattformbasierte Temporärarbeit aber den Fachkräftemangel. «Wer bisher aus privaten Gründen komplett aus dem Beruf ausgestiegen wäre, arbeitet nun vielleicht reduziert weiter», sagt der Gesundheitsökonom. Denn genau das ist das Problem: Jedes Jahr steigen acht Prozent der Pflegekräfte aus dem Gesundheitsberuf aus. 45 Prozent der Pflegekräfte werden nicht in ihrem gelernten Beruf pensioniert. Ebenfalls entlastend könnte sich auswirken, dass auch Spitäler oder Heime die Technologie und Dienstleistung der Temporärfirmen für den Aufbau und den Betrieb eines eigenen Personal-Pools nutzen können. Schichtpläne erstellen ist mühselig. Es gilt, den Bedarf unter einen Hut zu bringen mit den Präferenzen der einzelnen Festangestellten, der Reservekräfte aus dem spitaleigenen Pool, der temporären Aushilfen und mit den gesetzlichen Arbeitszeitvorschriften. Oft erfolge das noch von Hand oder mit einer Excel-Tabelle, hat Liberatore beobachtet: «Das macht bei der Pflegedienstleitung schnell mal einen Tag pro Woche aus.» Eine digitale Lösung hingegen könnte im Nu einen Vorschlag für einen Schichtplan ausarbeiten. Der Mensch nimmt dann vielleicht punktuell noch ein paar Änderungen vor. Das bis 2024 laufende Projekt ist Teil des Nationalen Forschungsprogramms 77 «Digitale Transformation». Ein Impact-Modell wird die Effekte auf den Fachkräftemangel aufzeigen. Das erlaube bessere Prognosen, wenn es um die Umsetzung der Pflegeinitiative gehe, fügt Liberatore an. Das Projekt untersucht zudem die Einflüsse auf die Qualität der Pflege, um negative Auswirkungen zu reduzieren. Und ganz konkret erhalten sowohl Temporärkräfte als auch Institutionen einen Leitfaden, wie sie mit der plattformbasierten Temporärarbeit am besten umgehen. Thomas Müller

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