Der LaienÜbersetzer

Als freiwilliger Übersetzer heisst er die Geflüchteten erst mal willkommen

21.06.2022
2/2022

Stephan Hille war lange Journalist in Russland. Heute studiert er Soziale Arbeit an der ZHAW und hilft als einer von vielen Freiwilligen beim Übersetzen, wenn Ukrainerinnen und Ukrainer im Bundesasylzentrum ankommen.

Zürich West, im April: Vor dem Bundesasylzentrum stehen weisse Plastikzelte. Menschen mit Koffern und Taschen treten an die Holztische unter den Zelten und erkundigen sich: Wo kann man sich für den Status S registrieren? Wie kommt man zu einer Unterkunft? Wo gibt es eine Apotheke für Blutdruckmedikamente? Frauen und Männer in orangen und blauen Westen empfangen die Geflüchteten aus der Ukraine und geben sich Mühe, alle Fragen zu beantworten. 

Stephan Hille hat seine blaue Weste gerade ausgezogen. Seine Schicht als freiwilliger Übersetzer ist zu Ende. Jetzt sitzt der 52-Jährige auf einer Bank im Schatten und raucht. «Nach Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine war mir schnell klar, dass ich helfen will. Und was kann ich? Die Sprache.»

Hille hat lange als Journalist in Russland gearbeitet und spricht Russisch – was die meisten Ukrainerinnen und Ukrainer verstehen. Wenn Hille sie vor dem Bundesasylzentrum Zürich anspricht, wolle er sie erst mal herzlich willkommen heissen: «Ich sage ihnen, nehmt einen Apfel, hier hat’s Wasser. Und mein Ziel ist es, sie zum Lachen zu bringen.» Das gehe meist leicht, wenn man deren Art Humor kenne, sagt Hille. 

Hille übersetzt

Nach der Begrüssung zeigt er den Menschen aus der Ukraine, wo es weitergeht, welche der Warteschlangen für sie die richtige ist, um den Mitarbeitenden der Asylorganisation Zürich (AOZ) in den orangen Westen ihre Fragen stellen zu können. Hille übersetzt. Viele sind gekommen, um sich für den Status S zu registrieren. «Manche kommen mehrmals vorbei, weil sie nach der Registrierung lange nichts mehr hören», sagt Hille. 

Häufig gehe es auch um die Unterkunft, etwa weil jemand nur temporär im Hotel untergekommen ist oder weil Probleme aufgetaucht sind. Die freiwilligen Helferinnen und Helfer sollen Mitgefühl zeigen, aber kein Mitleid. So steht es im Codex, den die AOZ die Übersetzerinnen und Übersetzer unterschreiben lässt. Sie sollen ihre Privatnummer nicht herausgeben und nicht versuchen, die Probleme der Geflüchteten auf eigene Faust zu lösen. 

«Sie sind erstaunlich gelassen»

«Ich bleibe relativ distanziert», sagt Hille. Er frage die Leute zwar oft nach ihrem Herkunftsort, stelle aber keine persönlichen Fragen darüber, was passiert sei. Er wolle sie nicht erneut traumatisieren. Die meisten seien erstaunlich gelassen, sagt Hille. «Ich habe mir Kriegsflüchtlinge anders vorgestellt als die Leute, die ich hier treffe.» Man sehe ihnen häufig nicht an, das sie aus einem Kriegsgebiet geflohen seien. 

Dennoch gebe es Momente, die ihm nahe gehen, sagt Hille. Etwa als ihm zwei geflüchtete Frauen ukrainische Süssigkeiten anboten: «Dass sie bei der Flucht daran dachten, diese einzupacken und sie jetzt mir anbieten – das hat mich echt gerührt.»

Als Russlandkorrespondent auf der Krim

Hille kennt die Ukraine von seiner Zeit als Russlandkorrespondent gut. Für Schweizer und deutsche Medien hat er die Orange Revolution von 2004 vor Ort miterlebt und war auch auf der Krim. Und er hat auch in Russland noch einige Bekannte. «Ich traue mich aber nicht, sie zu fragen, was sie vom Krieg halten. Nicht, dass sie mir die russische Propaganda nacherzählen.»

Sich journalistisch zu betätigen und über den Krieg zu schreiben, das reizt Stephan Hille nicht: «Ich könnte seitenlange Analysen schreiben – aber wozu? Eine Lösung ist trotzdem nicht in Griffweite.» Sowieso bezeichnet sich Hille heute selbstironisch als «Journalist – aber trocken». Er hat vor einigen Jahren entschieden, sich von seinem Traumberuf zu verabschieden. Als freischaffender Journalist zu arbeiten, sei mit der Zeit immer schwieriger geworden und habe sich finanziell nicht mehr gelohnt.

Bewährungshilfe als Berufsziel

Seit Herbst 2020 ist Hille nun Vollzeitstudent der Sozialen Arbeit an der ZHAW. Er arbeite gerne mit Menschen und habe nach dem Studium einen krisensicheren Job in Aussicht. Der Einstieg ins Studium sei nicht leicht gewesen. Er war bei Weitem der Älteste, habe dadurch aber auch viel gelernt. «Trotzdem habe ich im ersten Semester immer mal wieder gedacht: Was mache ich hier, ich bin doch Journalist.» 

Doch nun, im vierten Semester, hat er ein Praktikum in der Bewährungshilfe in Aussicht. Er kann sich vorstellen, dass dies sein künftiges Betätigungsfeld werden könnte. In der Zwischenzeit nimmt er sich hin und wieder einige Stunden Zeit, um beim Bundesasylzentrum zu übersetzen – «denn ich glaube, das ist wirklich wichtig.»

Welche Übersetzungstools eignen sich für die Notkommunikation?

Kostenlose Übersetzungs-Apps gibt es mittlerweile viele. Sie versprechen die Verständigung in allen möglichen Sprachen. Mit Blick auf die Ukraine-Krise ist die Realität jedoch ernüchternd: Viele der Tools bieten kein Ukrainisch an, oder die Qualität der Übersetzungen ist unzureichend.

Alice Delorme Benites hat zusammen mit Larysa Zavgorodnia am Departement Angewandte Linguistik der ZHAW verschiedene Übersetzungstools für unterschiedliche Kommunikationssettings getestet und die Ergebnisse in zwei Ratgebern zusammengestellt. Darin zu finden sind konkrete Empfehlungen sowie allgemeine Tipps, wie maschinelle Übersetzung die mehrsprachige Kommunikation effizient unterstützen kann. Die beiden Ratgeber für die Sprachen Deutsch–Russisch–Ukrainisch und Französisch–Russisch–Ukrainisch richten sich in erster Linie an Personen in der Schweiz, die Kontakt mit Geflüchteten aus der Ukraine haben und die nicht immer Hilfe von Dolmetscherinnen und Dolmetscher erhalten können.

Crisis Translation – Anleitungen für Laien

Crisis Translation ist aber nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine ein Thema. So hat die Dublin City University (DCU), einer Partnerhochschule des IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen der ZHAW,  2020 verschiedene Videos für Laienübersetzerinnen und -übersetzer produziert. In einem grossen Untertitelungsprojekt haben Studierende aus dem Bachelor Angewandte Sprachen und dem Master Angewandte Linguistik mit Vertiefung Fachübersetzen vom ZHAW Departement Angewandte Linguistik nun eine Video-Einführung für citizen translators auf Deutsch untertitelt. Damit steht die Einführung ins Übersetzen für Laienübersetzerinnen und -übersetzer auf YouTube auch für ein deutschsprachiges Publikum zur Verfügung. ZHAW-Untertitelungsexperte Peter Jud ist beeindruckt von der Arbeit der Studierenden: Sie haben sich richtig ins Zeug gelegt und waren voller Elan und hochkonzentriert bei der Sache. Ich habe nur eine relativ flüchtige «Korrektur» vorgenommen. Denn ich wollte, dass es die Arbeit der Studis bleibt.»

Die Studierenden haben auch eine Vorlage für die Übersetzung der englischen Untertitel erstellt. Diese können zur Untertitelung in weitere Sprachen genutzt werden. Zu einzelnen Videos liegen denn auch bereits französische und/oder italienische Untertitel vor.

Plattform Crisis Translation; mit deutschen Untertiteln verfügbar sind «Translation 101 – Lessons 1–12: eine Einführung für citizen translators» sowie «MTPE 101 Lessons 1-5: Grundlagen zum Einsatz maschineller Übersetzung in der Krise

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