In ökologischen, ökonomischen und persönlichen Krisen

Krisen bewältigen: Solidarität hilft anderen und uns selbst

21.06.2022
2/2022

Führt Deeskalation immer zu Frieden? Setzen wir die richtigen Prioritäten bei Ökologie und Ökonomie? Was tun gegen individuelle Krisen? Drei ZHAW-Fachleute im Gespräch über ökologische, ökonomische, gesellschaftliche und persönliche Krisen.

Krieg in der Ukraine, Corona-Pandemie, Klimakrise, Wirtschaftskrise … Krisen, über Krisen. Was macht das mit uns?

Agnes von Wyl: Die Krisen, die Sie aufgezählt haben, betreffen die meisten Menschen, wenn auch unterschiedlich. Vor allem die Pandemie hat anfangs sehr vielen von uns Angst gemacht, weil unser Alltag so unmittelbar betroffen war: Wir konnten nicht mehr zur Arbeit fahren. Leute mit Familie fragten sich, wie das gehen solle, zu Hause arbeiten und lernen. Hinzu kam die Sorge um ältere Verwandte und Bekannte. Das ganze Leben musste man umstellen. Erst mit der Zeit hat man sich an die Situation angepasst. Die Angst nahm ab. 

Dann kam der Ukraine-Krieg.

von Wyl: Dieser Krieg ist einerseits gefühlsmässig weiter weg als die Pandemie, aber andererseits viel näher als andere schlimme Kriege der jüngsten Vergangenheit. Bei vielen hat er die Erinnerung an den Kalten Krieg der 80er Jahre wachgerufen und die Gefahr eines Atomkriegs. Ich habe mich an das Lied erinnert: «Besuchen Sie Europa, solange es noch steht». Das war damals häufig im Radio zu hören. Etwas von dieser Bedrohung schwingt jetzt wieder mit. Kommt hinzu, dass man den Krieg jetzt so direkt via Medien verfolgen kann. Man ist bestürzt darüber, wie brutal er geführt wird. Bei der Klimakrise schliesslich kann man sich ernsthaft fragen, weshalb wir da so nachlässig sind. Längerfristig ist das die Krise, die uns am meisten bedroht. 

Agnes von Wyl leitet die Fachgruppe Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie am Psychologischen Institut des Departements Angewandte Psychologie der ZHAW. Sie ist Dozentin für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie sowie Psychotherapeutin. 

Khaldoun Dia-Eddine: Ich möchte die bisher genannten Krisen in einen noch grösseren Rahmen stellen: Denn seit 1991, also seit dem Zerfall der Sowjetunion, haben wir 12 bis 13 grosse Krisen erlebt: Da war die Finanzkrise in Ost- und Südostasien 1997 und 1998, die geplatzte Dotcom-Blase, die Klimakrise, Fukushima, der Tsunami im Indischen Ozean, und wir hatten die Weltfinanzkrise als Folge eines spekulativ aufgeblähten US-Immobilienmarkts.

«Seit 1991, also seit dem Zerfall der Sowjetunion, haben wir 12 bis 13 grosse Krisen erlebt, die es zu bewältigen galt.»

Khaldoun Dia-Eddine, School of Management and Law

Wir sahen den Arabischen Frühling, die Euro-Krise, die Terrorakte von 9/11, die Kriege in Afghanistan und im Irak, den Ukraine-Krieg 1, die Covid-Pandemie und jetzt den Ukraine-Krieg 2 – und dies alles innerhalb der vergangenen rund 30 Jahre. Das löst Unsicherheit und Verzweiflung aus. Die meisten dieser Krisen sind von Menschen gemacht. Das macht mich wütend.

Khaldoun Dia-Eddine ist Leiter des Schwerpunkts Desk for Middle East and Africa Business am Center for Global Competitiveness an der School of Management and Law.  Er unterrichtet als Dozent in Bachelor- und Masterlehrgängen in International Business, International Negotiation, Doing Business in Middle East, «War, Economics and Business» sowie Islamic Finance. Dia-Eddine ist auch Berater und Experte für die Entwicklung und Implementierungen von Internationalisierungsstrategien, Firmenentwicklung im Nahen Osten, multidisziplinäre und multikulturelle Projekte sowie Islamic Finance.

Jürg Rohrer: Mich hat teilweise wütend gemacht, wie die «offizielle Schweiz» mit einigen dieser Krisen umgeht. Man setzt so stark auf Eigenverantwortung, um möglichst keine Rahmenbedingungen verschärfen oder Einschränkungen vornehmen zu müssen.

Freiwilligkeit beim Klimaschutz ist eines Ihrer Forschungsthemen, Herr Rohrer. Was haben Sie festgestellt?

Rohrer: Ein durchschnittlicher Mensch kann nur etwa 20 Prozent seiner Treibhausgas-Emissionen direkt selbst beeinflussen. 80 Prozent erfolgen indirekt. Ich kann zum Beispiel freiwillig aufs Fliegen verzichten. Ich kann aber, wenn ich Mieterin oder Mieter bin, nicht entscheiden, wie meine Wohnung beheizt ist. Das kann ich nur, wenn ich zu den weniger als 50 Prozent der Leute gehöre, die hierzulande ein Haus besitzen.

«Ein durchschnittlicher Mensch in der Schweiz kann nur etwa 20 Prozent  der CO2-Bilanz direkt selbst beeinflussen. Es braucht andere Rahmenbedingungen.»

Jürg Rohrer, Departement Life Sciences und Facility Management

Das zeigt, dass institutionelle oder politische Entscheidungen notwendig sind, um Rahmenbedingungen entsprechend zu ändern. Stattdessen fokussieren wir in der Schweiz zu stark auf Eigenverantwortung. Das unterscheidet uns von umliegenden Ländern und ist ein Grund, weshalb bei uns nichts vorangeht.

Jürg Rohrer leitet die Forschungsgruppe Erneuerbare Energien am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen des Departements Life Sciences und Facility Management. Er unterrichtet als Dozent für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz.

Dia-Eddine: Da bin ich zwiegespalten. Diese Vertrauensbasis, auf der Eigenverantwortung beruht, kann auch Vorteile haben. Nur leider funktioniert sie nicht immer, und die Dinge bewegen sich zu langsam – speziell beim Klimaschutz. Die Entwicklungen sind katastrophal, auch wenn wir das in der Schweiz noch nicht so spüren wie in anderen Ländern, wo Hitzewellen, Dürrekatastrophen oder Überflutungen bedrohlich sind. Ich denke, wir Menschen setzen die falschen Prioritäten: Geht es um Klimaschädlichkeit, fokussieren wir uns beispielsweise auf Diskussionen wie den Standby-Modus bei Elektro- und Elektronikgeräten. Ich will das auch gar nicht abwerten. Aber zwei Bomben in der Ukraine vernichten alles, was wir im Vergleich dazu in einem Jahr in der Schweiz sparen könnten, wenn wir unsere Geräte ausschalten würden. Oder zwei andere Beispiele: Ein Panzer braucht 6 Liter Benzin für einen einzigen Kilometer. Ein Flugzeug verbraucht in einer Stunde 18‘000 Liter Kerosin. Und was machen wir? Wir konzentrieren uns auf Kleinigkeiten, wie den Standby-Modus. Wo bleibt da die Vernunft der Menschheit? 

von Wyl: Das stimmt natürlich, dass Panzer ganz viel Energie brauchen. Ich kann aber nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen. Es führt kein Weg daran vorbei, dass jede und jeder Einzelne sich überlegen muss, was sie oder er bewirken kann für den Klimaschutz und für eine friedliche Gesellschaft. Damit meine ich nicht nur, weniger zu fliegen. Es braucht auch mehr persönliches Engagement in der Gesellschaft, im sozialen Umfeld oder in der Politik. Stattdessen – und da nehme ich mich selbst nicht aus – sind wir manchmal zu bequem, um unser Verhalten zu verändern. Ich mache zum Beispiel gerne Ferien in fremden Ländern, und möchte das eigentlich weiterhin sehr gerne tun. Ich muss jetzt aber abwägen, ob und in welchem Ausmass das noch geht. 

Grosses Engagement sieht man ja schon etwa während der Pandemie: Andererseits können die schrecklichen Bilder und Nachrichten aus Kriegsgebieten, aus Intensivstationen, von Naturkatastrophen und Hungersnöten auch abstumpfend oder lähmend wirken: Was sollte man gegen diesen negativen Sog tun?

von Wyl: Krisen kommen für die meisten Menschen überraschend. Man wird völlig aus der Bahn geworfen. Das bisherige Leben, die Ziele, die man sich gesteckt hat, die Überlegungen zur Lebensgestaltung – all das gerät plötzlich durcheinander. Das verunsichert natürlich. Viele Menschen haben dann ein sehr grosses Informationsbedürfnis. Zu denen gehöre ich auch. Während der Pandemie gab es in den Medien besondere Schlagzeilen, auf die ich mich gestürzt habe – je katastrophaler formuliert, umso eher habe ich diese News gelesen, etwa «Schockbilder aus der Intensivstation in Bergamo». Oder: «Experten rechnen mit dem Schlimms­ten» oder so ähnlich.  

«Wir sollten News selektiver lesen. Die Flut an schlechten Nachrichten kann einem die Energie fürs Leben nehmen.»

Agnes von Wyl, Angewandte Psychologie

Bis ich mir sagte: «Du musst dich davor bewahren, das alles zu lesen.» Ich lese die Nachrichten jetzt viel selektiver, auch über den Krieg. Ich denke nicht, dass ich deshalb schlechter informiert bin. Man sollte sich gut überlegen, was und wie viel man in den Medien konsumieren will. Denn diese Flut an schlechten Nachrichten kann einem die Freude am Leben und die Energie nehmen, erst recht wenn man eine zu grosse Anteilnahme empfindet. 

Wie gehen Sie mit Krisen um, Herr Dia-Eddine?

Dia-Eddine: Meine Strategie ist Engagement: Ich suche Gleichgesinnte, um zu helfen. Dieses solidarische Engagement fördert Verständnis für die Situation und für die Bedürfnisse der Menschen und verdrängt Unsicherheiten und negative Gefühle. Das war zum Beispiel der Grund für meine Aktion in Bosnien-Herzegowina. Wir haben für mehr als 5 Millionen Franken Hilfsprojekte an Ort und Stelle für bedürftige Menschen organisiert, um etwa Wasserpumpen zu reparieren oder Saatgut für Getreide und Gemüse zu kaufen und zu verteilen. Im Kosovo trugen wir zum Wiederaufbau eines Spitals bei. In Syrien lancierten wir eine digitale Plattform, auf der mittlerweile 30’000 Jugendliche dem Unterricht folgen und so eine Zukunftsperspektive erhalten. 

Wie sieht Ihre Krisenbewältigungsstrategie aus, Herr Rohrer?

Rohrer: Ich engagiere mich extrem stark im Klimabereich, und das absorbiert mich so, dass ich wahrscheinlich andere Krisen eher ausblende. 

Sie alle unterrichten Studierende – die Macherinnen und Macher von morgen: Wie lehrt man junge Menschen, eine Welt zu gestalten, in der Frieden, gegenseitiges Verständnis und nachhaltige Entwicklung die Regel sind?

Dia-Eddine: Unser Bachelormodul «War, Economics and Business» ist einzigartig in Europa. Wir wollen zukünftige Managerinnen und Manager darauf vorbereiten, dass wir nicht in Disneyland leben, wo es immer ein Happy End gibt. Von den rund 200 unabhängigen Ländern der Welt, die die Vereinten Nationen anerkennen, sind 148 Länder instabil – nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich, sozial oder ökologisch. Wir zeigen den Studierenden, welche Auswirkungen Instabilität auf die Wirtschaft hat, und umgekehrt, welchen Einfluss Wirtschaft auf die Politik oder auf die Gesellschaft haben kann. Die Studierenden müssen verstehen, welche Rolle sie als Managerinnen und Manager im Wirtschafts- und Gesellschaftssystem haben. 

Geht es in dem Unterricht darum, die Welt zu retten, oder darum, gute Geschäfte zu machen?

Dia-Eddine: Wir bringen den Studierenden in erster Linie Methoden und Werkzeuge bei, wie sie als Manager auch in schwierigen Zeiten ihr Business erfolgreich weiterführen oder zumindest das Überleben des Unternehmens sichern können. Es werden aber auch ethische Aspekte angesprochen wie Korruption oder Bürgerkriege.

«Von rund 200 unabhängigen Ländern der Welt sind 148 Länder instabil – Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen, und zwar bei allen Krisen gleich.»

Khaldoun Dia-Eddine

Nehmen wir das Beispiel des Bürgerkriegs in der Republik Côte d'Ivoire. Wenn ich da als Nestlé-Manager aktiv bin, wie sollte ich mich verhalten? Mich zurückziehen aus dem Land? Soll ich mich mit der einen Seite verbünden oder mit der anderen? Kann ich vermitteln zwischen den zerstrittenen Parteien, weil ich ein grosser wirtschaftlicher Player bin? Solche Fragen behandeln wir in diesem Kurs. Wir haben auch darüber diskutiert, welche Rolle Unternehmen im Krieg Russlands gegen die Ukraine einnehmen. 

Sollen westliche Unternehmen mehr Verantwortung in politischen und ökologischen Krisen übernehmen?

Dia-Eddine: Firmen müssen Verantwortung übernehmen, weil sie Teil der Gesellschaft sind – und zwar bei allen Krisen gleich konsequent. Man kann nicht sagen, bei der einen Krise engagieren wir uns und die andere geht uns nichts an. Staat, Unternehmen und Gesellschaft müssen in die gleiche Richtung ziehen, um zu einer guten Lösung für alle zu kommen.

Wie wichtig Nachhaltigkeit ist, davon müssen Sie Ihre Studierenden sicher nicht überzeugen, Herr Rohrer. Aber wie bringt man angehende Umweltingenieure dazu, sinnvolle neue Ideen zu entwickeln?

Rohrer: Die Motivation für den Bachelor-Studiengang ist sicher bei vielen Studierenden, einen Beitrag zum Klimaschutz leisten zu wollen. Hierfür müssen wir ihnen das Rüstzeug und die Zusammenhänge vermitteln. Der Unterricht im Bereich Klimawandel ist sehr gefragt. Zwei Unterrichtslektionen reichen meist nicht aus. Die Studierenden haben so viele Fragen. 

Was sind die häufigsten Fragen?

Rohrer: Die häufigste Frage ist: Wieso geht es in der Schweiz so langsam voran beim Klimaschutz? 

Und was ist Ihre Antwort?

Rohrer: Es gibt natürlich nicht nur einen einzigen Grund. Aber wir leben in einer Gesellschaft, in der relativ grosse und mächtige Teile vom heutigen Zustand profitieren. Das ist zum Beispiel die fossile Industrie – aber nicht nur Shell oder BP und so weiter –, die fossile Industrie besteht auch aus unseren Städten und Gemeinden. Hierunter gibt es welche, die sind absolut vorbildlich im Bereich Klimaschutz, fördern auf der anderen Seite aber auch die Energieproduktion aus Gas bzw. verdienen gut an diesem Geschäft oder finanzieren damit Kampagnen, die genau in die falsche Richtung zielen. Und die andere Verzögerungstaktik ist, wie eingangs erwähnt, der Fokus auf Eigenverantwortung. Die Verantwortlichen glauben, strengere Massnahmen würden nicht akzeptiert, obwohl Umfragen klar zeigen, dass strengere Massnahmen sogar erwünscht wären. 

Wie wird in der Angewandten Psychologie Krisenbewältigung im Unterricht gelehrt, Frau von Wyl?

von Wyl: Ich selbst unterrichte Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie. Besonders in der Klinischen Psychologie und in der Psychotherapie haben wir es sehr häufig mit Krisen auf einer ganz individuellen oder familiären Ebene zu tun als Folge von krisenhaften Entwicklungen bei einem Menschen oder lebensverändernden kritischen Ereignissen. Im Unterricht thematisieren wir, wie wirksame Interventionen und Behandlungen aussehen könnten – wann eine Beratung oder eine Krisenintervention sinnvoll wäre und wann es eine Psychotherapie braucht. Nicht nur kritische Lebensereignisse wie Verlust oder Trennung können Menschen in eine psychische Krise stürzen. Häufig lösen auch belastende Alltagssituationen, etwa Leistungsdruck, unerfüllte Bedürfnisse oder Ziele, die nicht erreicht wurden, Krisen aus. Fast die Hälfte aller Menschen hat irgendwann im Leben psychische Probleme. Während der Pandemie gerieten auch Teile unserer Studierenden in psychische Schwierigkeiten und brauchten Unterstützung. Unsere Expertinnen und Experten bieten für Studierende, Mitarbeitende aber auch andere Bürgerinnen und Bürger Beratung und kurzfristige Hilfe an.

Derzeit überlagert der Krieg in der Ukraine alle anderen Krisen. Angesichts der Brutalisierung fragt man sich: Welche Deeskalationsmöglichkeiten gibt es jetzt noch? 

Dia-Eddine: Verhandlungen sind das beste Mittel, das wir gegen Krisen haben. Ich schreibe gerade ein Buch darüber und nutze den Krieg in der Ukraine als Fallstudie zur Illustration des Lebenszyklus von Krisen. Ein Krieg dauert nie ewig: Entweder gibt es irgendwann einen Sieger oder alle Seiten werden müde beziehungsweise erkennen, dass sich ihre Ziele gewaltsam nicht erreichen lassen. Wichtig ist hierbei, dass man ein Window of Opportunity für Verhandlungen erkennt – also eine günstige Gelegenheit, die man nutzen kann, um einen Deeskalationsprozess zu starten. Man muss Deeskalationsschritte definieren und eine Dynamik entwickeln, in der auch kleine Schritte als Erfolgsstorys zählen. Nicht jede Deeskalation bringt aber Frieden. Wir sehen heute geopolitisch viele sogenannte «frozen conflicts».

Frozen Conflicts – das bedeutet, es hat keine wirkliche Krisenbewältigung stattgefunden?

Dia-Eddine: Die Konflikte sind zwar nicht «scharf», aber immer latent vorhanden. Auch die Klimakrise ist ein «frozen conflict». Immer wieder gibt es Verhandlungen, dann steigen wieder Länder aus oder erfüllen ihre Ziele nicht … Und nach jeder Unterzeichnung eines Klimaabkommens lehnen sich die Politikerinnen und Politiker erst mal zufrieden zurück, als würden sich nun alle Angelegenheiten von ganz allein regeln. Bis die nächste Phase dieser Krise oder die nächste Krise kommt. 

Rohrer: Auch die Schweiz suggeriert, dass ihre Ziele das Abkommen von Paris erfüllen würden. Tun sie aber nicht. Das wird auch international so eingestuft. Und wenn man die Szenarien zur Erreichung der Klimaziele mit dem Ist-Zustand vergleicht, dann sieht man, dass wir dreimal mehr Anlagen für erneuerbare Energien pro Jahr dazu bauen müssten, als das in den Rekordjahren 2021 und 2020 der Fall war. Wir setzen also hierzulande die Ziele zu niedrig an und sind auf bestem Weg, die zu niedrigen Ziele glorios zu verpassen.

Statt Öl und Gas aus Russland will der Westen Energiequellen in arabischen Staaten anzapfen. Was die Menschenrechte anbelangt, sind diese auch nicht über alle Zweifel erhaben. Acht Milliarden Franken gibt die Schweiz jedes Jahr für Öl und Gas im Ausland aus. Was sind die Folgen?

Rohrer: Wir können das nicht von einem Tag auf den anderen ändern. Es ist reiner Pragmatismus, dass die Verantwortlichen schauen, wo sie das dringend benötigte Öl und Gas beziehen können. Wohin das führt, kann ich auch nicht sagen, aber sicher nicht zur Lösung. 

Was würden Sie mit diesen acht Milliarden machen?

Rohrer: Im Prinzip wüssten wir, dass wir von den fossilen Energien wegkommen müssen – primär wegen der Klimakrise Dann würde sich zudem diese Frage der Abhängigkeit von zweifelhaften Regimen nicht mehr stellen. Das wissen wir aber seit 40 Jahren und haben nicht viel geändert. Jetzt kommt mit dem Krieg in der Ukraine wieder mal ein Weckruf. 

Am 12. April rief die Schweizerische Energie-Stiftung den Energy Independence Day aus. Bis dahin deckt der Strom, der in der Schweiz produziert wird, den hiesigen Bedarf. Reicht das bestehende Fördersystem für erneuerbare Energien aus, um künftig mehr des Eigenbedarfs zu decken? 

Rohrer: Ganz klar nein, sonst wären wir an einem anderen Punkt. 

Sie, Herr Rohrer, warnen schon lange, dass man endlich auf erneuerbare Energien umsteigen solle. Sie wollen mit einem Konsortium – gefördert vom Bundesamt für Energie – regionale Szenarien und Strategien entwickeln für einen möglichst vollständig erneuerbaren Energiesektor in der Schweiz 2050. Wie soll das gehen?

Rohrer: Im Prinzip ist das sonnenklar: Man weiss, dass die Schweiz vor allem im Bereich Photovoltaik Potenzial hat. Da müsste man massiv ausbauen. Dann gäbe es relativ grosse Potenziale im Bereich Windenergie als eine sehr gute Ergänzung zur Photovoltaik. Und im Bereich Speicherkraftwerke müsste man das Regime umstellen, weg von der Gewinnmaximierung für die Besitzer hin zur Versorgungssicherheit. Das wäre die Lösung. 

Das klingt so einfach.

Rohrer: Ist es aber nicht. Dass es sich trotzdem lohnt, schon 2035 und nicht wie geplant erst 2050 umzusteigen, wurde auch schon x-mal aufgezeigt: Es ist volkswirtschaftlich wesentlich kostengünstiger. Die Vorteile liegen von A bis Z auf der Hand.

Strom- und Benzinpreise sind auf einem Rekordhoch: Wird das die nachhaltige Transformation beschleunigen?

Rohrer: Ich denke, kaum. Man spricht hier von der Preiselastizität. Die Preise müssten um einen Faktor 3 oder 4 höher sein als heute, damit es zu Verhaltensänderungen kommt.

Dia-Eddine: Und die Preiserhöhungen müssen auch für lange Zeit anhalten. Zwei bis drei Monate reichen nicht aus. Finden Sie nicht, Herr Rohrer, dass wir auch ein gesellschaftliches Problem haben und nicht nur ein politisches? Sind wir als Gesellschaft bereit, auf 5 Prozent unserer Lebensqualität und auf Konsum zu verzichten, um die Umweltziele zu erreichen? Wir könnten unsere Zimmertemperatur zu Hause von 21 Grad auf 19 oder 18 Grad senken und uns halt einen Pullover überziehen. Wir können zwar nicht von heute auf morgen sagen: «Ciao Russland, wir kaufen euer Gas und Öl nicht mehr.» Wir können aber vernünftigerweise unseren Konsum schon jetzt etwas reduzieren, zum Wohle der Umwelt.

Rohrer: Ja, auf jeden Fall. Und es gibt auch genügend Untersuchungen, welche zeigen, dass weniger Konsum glücklicher macht.

Von Wyl: Das stimmt schon, dass es diese Untersuchungen gibt, und trotzdem wollen viele Menschen nicht verzichten, obwohl man ihnen sagt: «Aber hört mal, ihr wärt dann doch glücklicher.»

Rohrer: Einverstanden. Einerseits muss man den Leuten schon reinen Wein einschenken: Es wird eine drastische Veränderung geben, wenn man das Klima schützen will. Andererseits sollte man ihnen keine Angst einjagen: Es wird sicher nicht nur 18 Grad in der Wohnung haben, sondern 21 Grad anstatt 25, wie heute vielfach üblich. Wir müssen den Leuten die Angst vor Veränderungen nehmen, beispielsweise mit einem bedingungslosen Grundeinkommen oder anderen Grundsicherungen. Sie müssen sich sicher fühlen, sonst kommt jedes Mal – und sei die Änderung noch so klein – irgendeine Partei und schürt Angst, so nach dem Motto: «Ihr werdet untergehen, ihr werdet den Job verlieren ….» Wenn die Leute aber durch ein soziales Netzwerk abgesichert wären, dann würde die Energiewende wirklich möglich. 

Weshalb lassen wir uns Angst machen von solchen Leuten? 

von Wyl: Veränderungen machen immer Angst: Seien es Veränderungen bei der Arbeit oder im Familienalltag, wenn die Kinder ausziehen und so weiter. Solche Momente erleben viele als persönliche Krisensituationen. Kommt dann noch jemand und schürt weiter Angst, dann sind viele Menschen empfänglich für diese Botschaften.

Angesichts des Kriegs wird der Ruf nach mehr Geld für Aufrüstung laut, Mittel, die für das Erreichen von Klimaschutz und Bekämpfung der Armut in der Welt gebraucht würden.

von Wyl: Ich habe über viele Jahre gehofft, dass es nie mehr einen solchen Krieg geben wird in Europa. Wir müssen jetzt aber einen Weg finden, wie wir damit umgehen, dass es bestimmte Menschengruppen gibt, die einfach ihre Interessen durchsetzen wollen, auch mit gewaltsamer Aggression – um das mal so allgemein auszudrücken. Jedenfalls kann ich gut nachvollziehen, dass die Ukraine sich verteidigen will mit kriegerischen Mitteln – auch wenn die Pazifistin in mir gerne hätte, dass der Krieg beendet wird. Da hat sich in mir etwas verändert. Aber sehr viel weiter bin ich da quasi noch nicht in meinen Überlegungen. Das ist ein Prozess, bei dem ich, wie viele von uns, anschauen muss, was dieser Krieg eigentlich für uns bedeutet und welche Haltung wir gegenüber Waffenlieferungen, Militär usw. haben. 

«Ich würde mir primär Frieden wünschen. Wenn wir Frieden mit der Natur schliessen würden, würden wir uns hoffentlich umsichtiger verhalten.»

Jürg Rohrer

Dia-Eddine: Es muss ein Gleichgewicht zwischen den gesellschaftspolitischen Prioritäten geben. Wir können nicht heute in die Umwelt investieren, morgen in soziale und gesundheitliche Entwicklung, dann wieder in die Bekämpfung der Pandemie und dabei alles andere vernachlässigen. Es braucht einen ganzheitlichen Blick und ein solidarisches Gleichgewicht der Interessen. Wir müssen uns stärker fragen: Wie können und sollen wir unser gesellschaftliches Zusammenleben gestalten? Wir sind da noch zu egoistisch unterwegs.

Wenn Sie jetzt bei einer guten Fee drei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Dia-Eddine: Das ist die schwierigste Frage (lacht). Für mich wäre das, dass die Menschen allgemein etwas vernünftiger werden. Dann wären auch unsere Politikerinnen und Politiker etwas vernünftiger. Dadurch könnten wir dann die Prioritäten richtig setzen. Wenn wir mit all dem Geld, das alle Mächte der Welt für Waffen ausgeben, soziale Projekte fördern würden, dann könnten wir auf dieser Erde sehr glücklich leben. Aber so einen Wunsch kann nur eine gute Fee erfüllen – leider. 

«Soziale Beziehungen sind der grösste Schatz, den wir haben.»

Agnes von Wyl

Rohrer: Ich würde mir primär Frieden wünschen,  und zwar Frieden mit uns selbst, dann Frieden mit den anderen und ganz wichtig – Frieden mit der Natur. Wenn wir Frieden mit der Natur schliessen würden, dann sähen wir uns plötzlich wieder als Teil von ihr, als kleines Rädchen in diesem Uhrwerk, und würden uns dann hoffentlich auch umsichtiger verhalten. Das würde meiner Meinung nach sehr viel ändern auf der Erde.

von Wyl: Ich würde mir wünschen, dass die Menschen soziale Beziehungen wieder mehr wertschätzen und Zeit dafür investieren und weniger für Konsum oder irgendwelche sozialen Medien, die nichts mit Beziehungen zu tun haben. Man sollte wieder mehr Freude am persönlichen Austausch haben. Das ist der grösste Schatz, den wir haben. 

Glossar

KALTER KRIEG wird der Konflikt zwischen den Westmächten unter Führung der USA und dem sogenannten «Ostblock» unter Führung der früheren Sowjet­union genannt, den diese von 1947 bis 1991 mit verschiedenen Mitteln austrugen. Immer wieder rückte die Möglichkeit eines «heissen» Krieges zwischen den Supermächten bedrohlich nahe, etwa durch die Berlin-Blockade 1948/49, die Kubakrise 1962 oder durch den Streit um die Mittelstrecken­raketen von 1979 bis 1982/83.

LEBENSZYKLUS EINER KRISE: Theorien zur Bewältigung von Krisen gibt es verschiedene. Eine Krise kann unter anderem, grob gesagt, in die Phasen Prävention, Früh­erkennung, Bewältigung, Neustart nach der Krise und schliesslich Lernen aus der Krise eingeteilt werden.

SWEET – «Swiss Energy research for the Energy Transition» – ist ein Förderprogramm des Bundesamts für Energie (BFE). Ziel von SWEET ist die Förderung von Innovationen, die wesentlich zur erfolgreichen Umsetzung der Energiestrategie 2050 und zur Erreichung der Schweizer Klimaziele beitragen. An den Projekten sind auch ZHAW-Forschende wie Jürg Rohrer beteiligt.

 

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