Forschen – heute und morgen

Martina Hirayama: «Ziel ist, dass wir voll assoziiert werden bei Horizon Europe»

22.06.2021
2/2021
  • Dossier

Martina Hirayama, Staatssekretärin für Bildung, Forschung und Inno­vation bekräftigt im Interview (Stand Mitte Juni), dass die Schweiz beim weltgrössten Forschungsrahmenprogramm Horizon Europe voll assoziiert werden will. Sie spricht über dessen Bedeutung für die Schweiz, Lücken in der Förderkette, Forschung von morgen und deren Grenzen.

Frau Hirayama, beeinträchtigt der Abbruch der Verhandlungen zum institutionellen Abkommen die Teilnahme der Schweiz am neunten EU-Forschungsförder­programm Horizon Europe?

Martina Hirayama: Es gibt keine rechtliche und keine materielle Verbindung zwischen den beiden Dossiers. Wie die EU mit dem Entscheid der Schweiz zum institutionellen Abkommen in Bezug auf unsere Assoziierung umgehen wird, das kann Ihnen nur die EU beantworten.

Bisher war die Schweiz an diesen prestigeträchtigen EU-Rahmenprogrammen für Forschung und Innovation sehr erfolgreich dabei. Was tun Sie, damit das so bleibt?

Wir sind parat für eine weitere Teilnahme. Bundesrat und Parlament haben Ende 2020 über sechs Milliarden Franken gesprochen, damit sich die Schweiz für die Jahre 2021 bis 2027 voll assoziieren kann. Das Verhandlungsmandat ist verabschiedet. Seit dem 12. Mai ist auch die EU bereit für Verhandlungen mit interessierten Partnerländern.

Gibt es einen Plan B, falls die Schweiz zu diesem mit 95,5 Milliarden Euro weltweit grössten Förderprogramm nicht zugelassen wird?

Für den Bundesrat ist es die klare Zielsetzung, dass wir voll assoziiert werden. Darauf arbeiten wir hin. Wir könnten die Pflichtbeiträge, die für eine Zahlung an Horizon Europe­ für die EU vorgesehen sind, auch für die direkte Finanzierung von Schweizer Beteiligungen an Verbundprojekten von Horizon Europe nutzen. Sollte eine Assoziierung erst verspätet möglich sein, können wir auch hier ­direkt finanzieren.

«Horizon Europe ist für die ZHAW von zentraler Bedeutung»

Sie sind seit zwei Jahren Staats­sekretärin für Bildung, Forschung und Innovation : Was sind für Sie die beachtlichsten Erfolge in Forschung und Innovation seither?

Man muss hier zwischen den Erfolgen in der Forschung und Entwicklung und jenen in der Gestaltung der Rahmenbedingungen unterscheiden. Unsere Aufgabe ist es ja, gute Rahmenbedingungen bereitzustellen, damit all die klugen Köpfe ihr Potenzial entfalten können. Daher ist ein Meilenstein sicher die Verabschiedung der BFI-Botschaft 2021 bis 2024. Mit über 28 Milliarden Franken fördert der Bund Bildung, Forschung und Innovation  (BFI) für die nächsten vier Jahre. Das sind zwei Milliarden mehr als in der Vorperiode. In einzelnen Bereichen hat das Parlament gegenüber den Vorschlägen des Bundesrates sogar noch aufgestockt. Der zweite Meilenstein ist eben die Mittelzusprache für das vorhin erwähnte Horizon-Paket. Mit beiden Dossiers wird die hohe politische Priorität des Bereichs BFI bestätigt.

Worin sehen Sie Herausforderungen für die Forschung?

Aus Sicht der Forschenden ist es eine grosse Herausforderung, eine Finanzierung für eine gute Idee zu bekommen. Dann aber auch die nationale und die internationale Vernetzung: Man sieht in vielen Bereichen, dass die Arbeit in Forschungsverbünden und Netzwerken immer wichtiger wird. Ein kleines Forschungsteam alleine kann oft nicht so viel bewirken, wenn wir die heutigen und zukünftigen Herausforderungen anschauen, die wir als Gesellschaft zu meistern haben.

… und für die Forschungs- und Innovationsförderung?

In erster Linie geht es darum, die bes­ten Projekte auszuwählen und Exzellenz oder Innovationspotenzial als Massstab für eine Förderung zu nehmen. Dabei ist auch eine Heraus­forderung, die Diversität der Art der Förderung zu stärken, denn verschiedene Fachbereiche haben unterschiedliche Kulturen oder andere Rahmenbedingungen. Und damit auch andere Bedürfnisse. Hier muss man die ganze Förderkette anschauen – von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung – und analysieren, ob es irgendwo Lücken gibt und gute Ideen deshalb keine Finanzierung finden.

Anwendungsorientierte Forschung fördert der Bund eher zurückhaltend, betrachtet man das Budget der Förderagentur Inno­suisse, das gerade mal ein Viertel von dem beträgt, was dem Schweizerischen Nationalfonds für die Förderung von Grundlagenforschung zur Verfügung steht.

Ich würde das aus verschiedenen Gründen nicht so interpretieren. Erst mal braucht jede Innovation eine gute Grundlagenforschung. Und zweitens würde ich mir die Bewilligungsquoten anschauen, die bei der Innosuisse bei über 50 Prozent liegen. Das ist eine gute Grössenordnung, bei der man davon ausgehen kann, dass die guten Ideen und Projekte, die wirklich zur Innovation beitragen, auch gefördert werden. Auch beim SNF sind die Bewilligungsquoten gut, im Vergleich zu den tieferen Quoten im europäischen Kontext. Wichtig am Schweizer Innovationsförderungssystem ist zudem, dass die Unternehmen eine Eigenleistung aufbringen müssen, wenn sie sich zusammen mit Hochschulen um Innosuisse-Fördergelder bewerben. Das ist für uns der Gradmesser, dass wir Projekte fördern, bei denen ein Interesse bei den Umsetzungspartnern besteht.

Als Sie im SBFI begannen, war die Welt noch in Ordnung: Was hat sich für Sie durch die Pandemie geändert?

Wie an der ZHAW auch, haben wir im SBFI von heute auf morgen umgestellt auf virtuellen Austausch und Homeoffice. In der aktuellen ­Situation ist das auf der internationalen Ebene sehr herausfordernd, weil bei Treffen auf dem internationalen Parkett die informellen Elemente extrem wichtig sind. Eine virtuelle Konferenz – ob in der Forschung oder auf Ministerratsebene – beschränkt sich auf die verschiedenen Inputs, und das war’s. Davon abgesehen, hat sich in der Pandemie gezeigt, wie wichtig die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik und zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist. Wir müssen uns noch mehr damit beschäftigen, wie wir das, was in der Wissenschaft an Wichtigem und Hervorragendem geleistet wird, gut kommunizieren, sodass auch jene es verstehen und nutzen können, die als Mitglied der Gesellschaft oder der Politik weiter entfernt sind von Wissenschaft.

«Die Forschenden in der Schweiz wissen viel früher, was sich an spannenden Themen ergibt, als die ­Verwaltung oder die Politik dies erkennen.»

Werden sich durch die Pandemie Forschungsschwerpunkte ändern?

Kurzfristig haben natürlich die Forschungsthemen zu Impfstoffen und Medikamenten im Kontext von

Covid-19 enormen Schub und eine Zusatz­finanzierung erfahren. Seitens Bund haben wir diesbezüglich zwei neue nationale Forschungsprogramme lanciert: Eines hat man letztes Jahr im April gestartet, wo es um mehr Wissen über das Virus, neue epidemiologische Forschung und immunologische und therapeutische Ansätze geht. Ein anderes startete kürzlich und konzentriert sich auf die gesellschaftlichen Aspekte und Auswirkungen der Pandemie.

Und aus der langfristigen Perspektive, was wird wichtig werden?

Mittel- und langfristig denke ich, dass Themen wie Versorgungs­sicherheit, Big Data, Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, nachhaltige Entwicklung sowie Ener­gieversorgung wieder stärker in den Vordergrund treten werden. Aber nicht nur was geforscht wird, verändert sich, auch das Wie. Die internationale Vernetzung wird noch wichtiger werden, ebenso wie der Bereich Open Science – also eine ­offene und transparente Forschung.

«Neue Technologien können in eine gute Richtung begleiten, aber wenn wir etwas ändern wollen, dann geht das nur, wenn wir unser Verhalten ändern.»

Stichwort Open Science: Worin sehen Sie hier die Chancen und Herausforderungen?

Die Forschungscommunity hat sich klar für Open Science ausgesprochen. Hinsichtlich Open Access ist man schon sehr weit, das heisst,­ dass wissenschaftliche Publikationen öffentlich zugänglich sein sollen. Der nächste Schritt, der sehr herausfordernd ist, ist der Bereich Open Research Data: Hier geht es darum, wie man die Daten so zugänglich machen kann, dass sie von anderen für weitere Forschung und Innovation wirklich genutzt werden können. Es ist wichtig, dass wir in der Schweiz hierfür einen gemeinsamen Rahmen finden. Junge Forschende, die aufgewachsen sind in der vernetzten und gläsernen digitalen Welt, gehen vielleicht anders damit um, haben weniger Bedenken für die Offenlegung ihrer Forschungsdaten. Doch bei allem dürfen wir die ethischen Fragestellungen und den Datenschutz nicht aus den Augen verlieren.

Wo sehen Sie die Verantwortung der Forschung bezüglich Nachhaltigkeit: Wie retten wir den Planeten, bevor die Gletscher geschmolzen sind?

Die Schweiz als ein in Forschung und Innovation starkes Land sollte dazu beitragen, an der Lösung globaler Probleme mitzuwirken – so auch beim Klimawandel. Auf Bundesebene haben wir die nachhaltige Entwicklung als transversales Thema der BFI-Botschaft formuliert, weil dieses Thema nicht in vier Jahren erledigt sein wird und weil es alle Bereiche von der Berufsbildung über die Hochschulen bis hin zur Forschung betrifft. Aus Forschungsperspektive scheint mir eine gesamtheitliche Betrachtung wichtig. Am Ende kann man zwar mit neuen Technologien und Entwicklungen Dinge in eine gute Richtung begleiten, aber wenn wir wirklich etwas verändern wollen, dann wird das nur funktionieren, wenn wir an unserem Verhalten arbeiten. Um dieses gemeinsame gesellschaftliche Verständnis zu erreichen, hat auch die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung noch viel zu tun.

Der Bund muss grosse Corona-Hilfspakete schnüren. Bleiben da genügend Mittel für die Förderung von Forschung und Innovation?

Der Bundesrat wird sich demnächst damit beschäftigen, wie der Schuldenabbau erfolgen soll. Wie auch immer der Rahmen ausfallen wird, der BFI-Bereich ist gut unterstützt und wird prioritär behandelt.

Welche Rolle spielen anwendungsorientierte Hochschulen, um die Corona-Krise zu bewältigen?

Sie leisten einen wichtigen Beitrag, um die Unternehmen und Organisationen als Innovationsmotoren zu unterstützen. Der Bundesrat hat ein Impulsprogramm verabschiedet, um Unternehmen zu helfen, in dieser herausfordernden Zeit innovativ zu sein. Da spielen die Fachhochschulen eine sehr grosse Rolle.

«Ich bin sehr froh, dass wir Fachleute haben, die uns helfen, gute rote Linien zu formulieren. Ich würde mir nicht anmassen wollen, zu sagen, wo genau diese Grenzen in der Forschung verlaufen sollten.»

Wie stellen Sie sicher, dass der Bund die zukunftsträchtigen Forschungsthemen fördert?

Das Schweizer Forschungs- und Innovationsfördersystem ist durch ein Bottom-up-Prinzip geprägt. Die Forschenden wissen viel früher, was sich an spannenden Themen ergibt, als Verwaltung oder Politik dies erkennen. Ich nehme das Beispiel Quantencomputing: Bevor das Thema in Politik und Medien diskutiert wurde, haben unsere Forschenden schon lange damit gearbeitet. Unsere Aufgabe ist es, zu schauen, dass diese hellen Köpfe gute Rahmenbedingungen haben.

Sehen Sie Grenzen der Forschung?

Es gibt ethische Fragestellungen, die nicht einfach zu beantworten sind. Ich bin sehr froh, dass wir Fachleute haben, die uns helfen, gute rote Linien zu formulieren. Ich würde mir nicht anmassen wollen, zu sagen, wo die Grenzen verlaufen sollen.

Glossar

Horizon Europe ist das 9. Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union. Es dauert von 2021 bis 2027 und ist das weltweit grösste Forschungs- und Innovationsförderprogramm. Generell zielt es darauf ab, in hoch qualifizierte Arbeitskräfte und Spitzenforschung zu investieren, um die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu stärken. Die Ausgestaltung von Horizon Europe orientiert sich an den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen («Sustain­able Development Goals»).

BFI-Botschaft: Alle vier Jahre legt der Bundesrat dem Parlament eine Botschaft zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation vor. Darin wird Bilanz über die laufende Periode gezogen, und es werden die Ziele und Massnahmen der neuen Förder­periode festgelegt.

Schweizerischer NationalfondsIm Auftrag des  Bunds fördert der SNF die Forschung und den wissenschaftlichen Nachwuchs mit öffentlichen Mitteln. Seine strategischen Ziele sind, qualitativ hochstehende Forschung sowie Forschende im Bestreben nach Exzellenz zu unterstützen, die Forschungsförderung auf die Bedürfnisse der Forschenden auszurichten, die Entfaltung des generierten Wissens in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu unterstützen und den Wert der Forschung aufzuzeigen.

Innosuisse ist die schweizerische Agentur für Innovationsförderung. Sie fördert mit Innovationsprojekten, Vernetzung, Ausbildung und Coaching gezielt die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, damit erfolgreiche Start-ups sowie innovative Produkte und Dienstleistungen entstehen können. Innosuisse ist eine öffentlich-rechtliche Anstalt des Bundes.