Vermittlerin zwischen den Welten

21.06.2022
2/2022

Sie bringt Rollenbilder in Bewegung und die Informatik zum Laufen: Kim Fuchs arbeitet seit ihrem Abschluss in Wirtschaftsinformatik als Service Delivery Manager bei der Migros. Mit ihrer Bachelorarbeit und jeden Tag im Job zeigt sie, wie Organisationen mehr Frauen in die Informatik bringen können.

Kim Fuchs liebt Menschen und Computer. Von ihnen ist die 25-Jährige täglich umgeben. Und sie liebt Pferde – doch dazu später. Im Jahr 2020 hat Kim Fuchs ihr Bachelorstudium der Wirtschaftsinformatik an der School of Management and Law abgeschlossen. Seither arbeitet sie für den Migros-Genossenschafts-Bund in der Group IT als Service Delivery Manager.

In dieser Rolle sorgt sie dafür, dass verschiedene Abteilungen der Migros über jene Informatik-Applikationen verfügen, die sie brauchen – und dafür, dass diese stabil laufen. Die 25-jährige Wirtschaftsinformatikerin ist im ständigen Kontakt mit den internen Abnehmerinnen und Abnehmern der IT-Dienstleistungen und schafft als «Product Owner» die passenden Rahmenbedingungen, damit ihre Kollegen im IT-Logistik-Team, die Applikations-Entwicklerinnen und -Entwickler sowie die Application Manager, ihre Arbeit machen können. Sie nimmt die Bedürfnisse der internen Kundinnen und Kunden auf, lotet die Möglichkeiten im Team aus, gleicht Anforderungen ab und sorgt dafür, dass der Auftrag klar und die Ziele erreichbar sind.

Via Bank zur Informatik

«Ich schätze es, in der Informatik zu arbeiten. Es ist eine enorm vielfältige Arbeit», sagt Fuchs. Sie arbeitet mit unterschiedlichen Mitarbeitenden der Migros zusammen, vom Logistik-Fachmann bis zur Top-Managerin. Das sei jeden Tag anders, so Fuchs. Auch mit Lieferantinnen und -Lieferanten hat sie viel zu tun, ist sie doch zuständig für die Beschaffung von externen IT-Dienstleistungen für die Services. Die Menschen, das betont sie sehr, stehen bei ihrer Arbeit denn auch immer im Mittelpunkt. «Ein Computernerd bin ich nicht», sagt sie und lacht. Aber als sie nach der Handelsmittelschule bei einem Praktikum auf einer Bank Einblick in E-Banking und IT-Security erhielt, da war sie sehr schnell sehr begeistert. Sie zog bald in Erwägung, an der ZHAW Wirtschaftsinformatik zu studieren.

Anfangs zögerte sie, ob sie sich wirklich für das Studium der Wirtschaftsinformatik anmelden sollte. Einen Moment lang fragte sie sich: «Kann ich mir das zutrauen?» – und entschied sich dann dafür, es einfach zu probieren. «Zum Glück», sagt sie heute. Fuchs hat es keine Sekunde bereut, und noch während des Studiums begann sie, in der Informatik bei der Migros im Bereich Freizeitanlagen zu arbeiten.

Gefragte Erfahrung als Werkstudentin

Ihre heutige Stelle als Service Delivery Manager in der Group IT trat sie drei Jahre später an. Die Stelle wurde gerade neu geschaffen, und mit ihrer Erfahrung als Werkstudentin bei der Migros brachte sie das richtige Rüstzeug dafür mit. «Ich konnte dank der Arbeit während des Studiums die Theorie bestens mit der Praxis verbinden», sagt sie. «Als wir im Studium beispielsweise das Modul IT-Projektmanagement hatten, durfte ich an meiner Arbeitsstelle direkt ein IT-Projekt übernehmen. Das war natürlich toll, und ich bin meinem damaligen Chef sehr dankbar für diese Möglichkeit.»

«Als Service Delivery Manager funktioniere ich als Bindeglied zwischen der Informatikwelt und der fachlichen Welt der Organisation.»

Kim Fuchs, ZHAW-Bachelorabsolventin

Gerade dieses Wissen und diese Erfahrung im Projektmanagement kann Fuchs heute nutzen. «Als Service Delivery Manager funktioniere ich als Bindeglied zwischen der Informatikwelt und der fachlichen Welt der Organisation.» So bekomme sie aus beiden Welten sehr viel mit. «Ich muss und will die Businessprozesse meiner Organisation und ihrer Branche verstehen, damit mein Team und ich die Informatikdienstleistungen richtig umsetzen und die passenden IT-Lösungen zur Verfügung stellen können.»

Insbesondere in der Logistik, dem eigentlichen Kerngeschäft der Migros, ist dieser umfassende Blick gefragt. Wenn es beispielsweise beim Informatik-System für die Filialbelieferungen Komplikationen gibt, bleibt für Kim Fuchs und ihr Team keine Zeit, lange Abklärungen zu machen. Das Team muss dieses System durchgehend betreuen und schnell reagieren können.

Einzige Frau im IT-Logistik-Team

Dass sie als Frau in diesem Bereich immer noch zur Ausnahme gehört (in ihrem 6-köpfigen IT-Logistik-Team ist sie die einzige Frau), stört sie in ihrem Alltag nicht. Aber es beschäftigt sie. «Das Thema Diversity interessiert mich sehr, und es bewegt offensichtlich die Leute», sagt Fuchs. Ihre Bachelorarbeit schrieb sie über Frauen in der Informatik. Die Dozentin Katja Kurz hatte das Thema ausgeschrieben, und Kim Fuchs fühlte sich sofort angesprochen. «Das Thema ist riesig und mir blieb nichts anderes übrig, als es einzugrenzen, indem ich mich auf einen bestimmten Bereich konzentrierte. Darum habe ich mich ausschliesslich mit dem IT-Businessmanagement befasst», sagt Fuchs.

Sie untersuchte die Einstellung des IT-Businessmanagements zu Frauen in der Informatik. Dazu führte sie verschiedene Interviews mit Führungspersonen aus diesem Bereich und kam zum Schluss, dass grundsätzlich eine grosse Offenheit gegenüber dem Thema besteht. «Alle finden es wichtig», so Fuchs. Dennoch bleibt der Frauenanteil in der Informatik sehr tief. In der Group IT des Migros-Genossenschafts-Bunds liegt er bei 22 Prozent. In der Informatikbranche in der gesamten Schweiz bei ca. 15 Prozent.

«Das Thema Diversity interessiert mich sehr, und es bewegt offensichtlich die Leute.»

Kim Fuchs, Service Delivery Manager bei der Migros

Um das zu ändern, entwickelte Fuchs in ihrer Bachelorarbeit einen Leitfaden, der dabei helfen soll, in der IT einer Organisation mehr Diversität bezüglich der Geschlechter zu erreichen. Ein Leitfaden, der sich wohl auch auf andere Bereiche einer Organisation übertragen lässt. «Natürlich wollte ich mit der Arbeit in erster Linie mein Studium gut abschliessen. Ich wollte darüber hinaus aber wirklich etwas dazu lernen und gleichzeitig einen Mehrwert für die Arbeitswelt, oder wenigstens für meine Organisation, schaffen», so Fuchs. Dass das geklappt hat, freut sie enorm.

Mit dem Chief Information Officer für mehr Vielfalt

Die Migros hat die Ergebnisse der Bachelorarbeit aufgenommen, und die zuständigen Teams sind mit Fuchs im Kontakt. An einer internen Veranstaltung zum Thema konnte die Absolventin ihre Arbeit präsentieren und der Chief Information Officer der Migros, Martin Wechsler, ergänzte die Präsentation direkt mit einer aktuellen Information über die diesbezüglichen Bemühungen und Projekte der Group IT.

In Sachen Diversity ist die Migros-Genossenschaft schon seit einigen Jahren in Bewegung. 2019 schuf sie die Stelle «Diversity & Inclusion». «Ich finde es enorm wichtig, dass über dieses Thema gesprochen wird. Und auch, dass jede und jeder von uns sich persönlich damit befasst und eine Haltung findet. Mir hat meine Bachelorarbeit dabei natürlich geholfen», sagt Fuchs.

User-Diversität besser abbilden

Innerhalb der Migros engagiert sie sich weiterhin für die Sensibilisierung. Ein Workshop für Führungskräfte, der vor Kurzem in der Group IT durchgeführt wurde, hatte zum Ziel, die Mitarbeitenden mit Führungsfunktion für das Thema Gender Diversity zu sensibilisieren und den «unconscious bias» (die unbewusste kognitive Verzerrung, mit der wir alle auf die Welt blicken) sichtbar zu machen.

An diesem Workshop moderierte Kim Fuchs eine Gruppe bei der Erarbeitung von Massnahmen für mehr Gender Diversity. «Es ist toll und sehr wichtig, dass sich die Group IT so intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt», findet Fuchs. Schliesslich seien auch die User der IT-Dienstleistungen sehr divers. Diese grosse Diversität finde auf der «Lieferantenseite» der IT aber schlicht keine Entsprechung. Dabei wäre es für die IT mehr als sinnvoll, die User-Diversität besser abbilden und damit Services bieten zu können, die den Anforderungen aller gerecht werden.

«Ich wollte mit meiner Bachelorarbeit auch einen Mehrwert für die Arbeitswelt schaffen.»

Kim Fuchs

Aber warum eigentlich gibt es immer noch so wenige Frauen in der Informatik? «Einerseits glaube ich, dass sich immer noch viele Frauen technische Berufe zu wenig zutrauen», sagt Fuchs. «Andererseits ist vermutlich sehr vielen einfach nicht bewusst, wie vielfältig die IT ist.» Informatik sei bei weitem nicht nur programmieren und supporten, sondern auch Prozesse managen, kommunizieren und mit Menschen zusammenarbeiten. «Es wäre wichtig, die IT so vielfältig zu präsentieren, wie sie ist, und gerade Frauen aufzuzeigen, welche grossartigen Möglichkeiten es in diesem Bereich gibt.»

Auch dazu hat die Migros eine Massnahme im Köcher: Am Hauptsitz in Zürich veranstaltet sie diesen Sommer den «Female Tech Event», an dem Kim Fuchs ebenfalls beteiligt ist. «Wir wollen Frauen für die Informatik begeistern und sie ermutigen, in diese Welt einzutauchen», sagt sie.

Selbstbewusste Frauen braucht die IT

Kim Fuchs hat ihren Weg in der Wirtschaftsinformatik gefunden und mit der Stelle als Service Delivery Manager in jungen Jahren eine verantwortungsvolle und spannende Position inne. «Anderen jungen Frauen rate ich, das zu machen, was ihnen Freude macht», sagt sie. «Ich wünsche mir, dass wir Frauen selbstbewusster werden und uns mehr zutrauen. Und ich finde, wir sollten uns wenn immer möglich gegenseitig unterstützen.»

Doch nun noch zu ihrer dritten Liebe: den Pferden. Bei aller Begeisterung für die Arbeit und für Computer schätzt Kim Fuchs auch ihre Freizeit, die sie zu einem grossen Teil draussen in der Natur verbringt. Als aktive Springreiterin und Tochter von erfolgreichen Springreitern verbringt sie viel Zeit auf dem Pferd. Die 80-Prozent-Anstellung bei der Migros ermöglicht dies. «Das fordert mich auf eine ganz andere Weise als die Aufgaben im Job. Ich bin in Bewegung, in Kontakt mit dem Tier und an der frischen Luft. Für mich der perfekte Ausgleich.»

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