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Planetary Health Folge 8: Disruption durch Destruktion

Es gibt Momente in der Geschichte, in denen das Gewohnte nicht mehr trägt. Dann brechen Systeme, die einst als unumstösslich galten, auseinander. Was gestern noch sicher erschien – das Brot des Bäckers, die Milch der Kuh, das Fleisch auf dem Teller – verliert über Nacht seine Selbstverständlichkeit. Disruption durch Destruktion ist nicht nur eine technologische oder wirtschaftliche Dynamik. Es ist ein epistemischer Umbruch. Eine radikale Metamorphose dessen, was wir essen, wie wir es produzieren und welche Geschichten wir darüber erzählen. Doch Zerstörung allein wirkt nicht oder nicht wie gewünscht. Nach dem Feuer bleibt Asche, aber kein Wald. Die eigentliche Frage ist: Wie schaffen wir eine Synthese aus dem, was war, und dem, was sein könnte? 1. Die Architektur des Umbruchs: Wenn Nahrung sich selbst entzieht Stellen wir uns eine Welt vor, in der die Kühe verschwinden. Nicht durch eine Seuche oder eine Katastrophe, sondern weil die Konsumentinnen und Konsumenten es so wollen. Pflanzliche Alternativen wie Hafer-, Soja- und Nussdrinks ersetzen Kuhmilch. Manche Menschen trinken keine tierische Milch mehr, und was über Jahrtausende ein Symbol für Nahrung, Kultur und Identität war, wird vielleicht irgendwann plötzlich zur Randerscheinung. Die Kuh wird über ihre Klimagasemission zum Problem und gleichzeitig zum Opfer stilisiert. Doch die Revolution stockt. Einstige Vorreiter dieser Bewegung taumeln finanziell. Die klassischen Molkereien sind beeindruckt, aber lange nicht besiegt. Die Antizipation neuer Technologien findet statt. Während viele Verbraucher auf pflanzliche Alternativen umsteigen, greifen andere bewusst wieder zum Glas Vollmilch. Die strukturelle Disruption ist unübersehbar: Pflanzliche und biotechnologische Alternativen verändern Märkte, Produktionsweisen und Konsumstrukturen. Dennoch zeigt sich, dass der Wandel nicht linear verläuft. Eine vollständige Verdrängung traditioneller Produkte erscheint unwahrscheinlich. Vielmehr zeichnen sich hybride Lösungen ab, in denen tierische und pflanzliche Produkte miteinander verschmelzen. Fleischähnliche Produkte können ganz oder teilweise aus pflanzlichen Zutaten bestehen, während Milch nicht nur aus Hafer, sondern auch durch Präzisionsfermentation hergestellt wird. Die Dekonstruktion des linearen Ernährungssystems eröffnet dabei eine neue Möglichkeit: eine zirkuläre Metasynthese, in der Abfälle, Seiten- oder Nebenströme zu Ressourcen werden und sich Wertschöpfungsketten als Wertschöpfungsnetzwerke neu ordnen. Doch wie wird dieser Wandel wahrgenommen? Erzeugt er Akzeptanz – oder Widerstand? 2. Die grosse Überschneidung: Nahrung als Medizin, Essen als Technologie Die Ernährung der neuen Gegenwart wird nicht nur ökologischer, sondern auch funktionaler. In den Labors der Biotechnologie wird Essen neu gedacht. Der Longevity-Trend zeigt, dass Nahrung nicht mehr nur der Sättigung dient, sondern als gezielte Intervention gegen den Alterungsprozess eingesetzt wird. Polyphenole aus Pflanzen, fermentierte Adaptogene oder mikrobiomoptimierte Lebensmittel sollen nicht nur ernähren, sondern Vitalität sichern und sogar Lebenszeit verlängern. Gleichzeitig entsteht eine epistemische Spannung zwischen Natur und Technologie. Algorithmisch optimierte Nahrung ergänzt zunehmend sensorische Erfahrungen. Natürlichkeit wird neu definiert – nicht mehr als das, was gewachsen ist, sondern als das, was aus biochemischer Sicht optimal zusammengesetzt wurde. Die Identitätsfrage wird unübersehbar: Ernährung wird nicht nur zu einer politischen Entscheidung zwischen Nachhaltigkeit und Tradition, sondern auch zu einem kulturellen Konflikt zwischen High-Tech-Nahrung und kulinarischem Erbe. Damit stellt sich die Frage, ob es eine Grenze gibt, bis zu der wir Nahrung synthetisieren dürfen. Können wir ein Ernährungssystem schaffen, das sowohl optimiert als auch sinnlich erfahrbar bleibt? 3. Erkenntnistheoretische Spannung: Wer definiert, was Nahrung ist? Die anstehende Veränderung ist gleichzeitig eine erkenntnistheoretische Disruption. Nahrung war lange Zeit ein Erfahrungsraum, ein Wissen, das sich über Generationen verdichtete. Sie wurde angebaut, geerntet, verarbeitet – in einem physischen, spürbaren Kreislauf, der von einem Jahres- und Vegetationszyklus abhängig ist. Gegenwärtig wird sie zunehmend das Produkt algorithmischer Berechnungen, biotechnologischer Prozesse und synthetischer Optimierung. Die molekulare Botschaft der Nahrung zu entschlüsseln und die Lebensmittelkomposition nicht nur nutritiv, sondern ebenfalls sensorisch individuell zu gestalten sind Teil der modernen Lebensmittelprozess- und Produktentwicklung. Die Kollision dieser beiden Wissenssysteme wirft grundlegende Fragen auf. Ist Zellkulturfleisch „natürlich“ oder stellt es einen Bruch mit allem dar, was wir über Nahrung wissen? Bedeutet das Verschwinden landwirtschaftlicher Flächen und der Tierproduktion zugunsten von Präzisionsfermentation den Verlust eines kulturellen Gedächtnisses? Werden zukünftige Generationen Ernährung nicht mehr als gelebte Praxis, sondern als mathematisch optimierte Versorgung verstehen? Dieser Wandel ist nicht nur eine technologische Entwicklung, sondern eine Transformation der Art und Weise, wie wir einen Teil unserer Realität konstruieren. Lebensmittel nehmen wir in unseren Körper auf und verstoffwechseln sie. Der Genuss spielt dabei eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Nahrung ist nicht mehr nur eine Substanz, sondern ein Konzept. Die Frage nach Natürlichkeit ist nicht mehr stofflich zu beantworten, sondern wird zur sozialen Konstruktion. Ernährung wird autopoietisch, erzeugt eigene Gegenerzählungen: Während Biohacker sich der totalen Optimierung verschreiben, formiert sich eine Gegenbewegung, die auf Wildtierjagd, Permakultur und die Renaissance des Handwerks setzt. In dieser Spannung stellt sich die Frage, wer die Zukunft der Nahrung gestaltet – Algorithmen, Konzerne, ProduzentInnen, KonsumentInnen oder alle zusammen? 4. Die dritte Welle: Architektur des Lebens in der neuen Gegenwart Wie aber bauen wir eine Zukunft, die nicht nur nachhaltig, sondern gleichzeitig erlebbar ist? Verschiedene Ansätze treten in Konkurrenz. Vertical Farming, Aquaponik und geschlossene Kreisläufe bieten eine technologische Antwort auf die Ernährungsfrage, indem sie unabhängig von Klima und Boden Nahrungsmittel in hochkontrollierten Umgebungen produzieren. Gleichzeitig erlebt die regenerative Landwirtschaft eine Renaissance. Böden werden wieder fruchtbar gemacht, Anbaumethoden auf natürliche Kreisläufe abgestimmt. Dazwischen existiert eine dritte Option: die Welt der synthetischen Biologie. Nahrung wächst nicht mehr auf Feldern oder in Gärten, sondern wird in Bioreaktoren erzeugt. Präzisionsfermentation ermöglicht es, Proteine einschliesslich Enzymen – die ihrerseits einen gezielten Stoffumsatz ermöglichen – Fette und andere Nährstoffe direkt zu synthetisieren. Diese drei Systeme existieren parallel, überlappen sich und widersprechen sich zugleich. Manche schwören auf die technologische Zukunft, andere auf das biologische Erbe. Doch wenn wir nicht in einem endlosen Kampf um «richtig» oder «falsch» verharren wollen, muss eine Metasynthese entstehen – eine Verschmelzung der scheinbaren Gegensätze. Ein Ernährungssystem, in dem alle Ströme in den Mainstream einfliessen und Abfall oder Seitenströme nicht mehr entstehen, in dem biologische Traditionen und biotechnologische Innovationen nicht als Widerspruch, sondern als symbiotische Kräfte betrachtet werden. 5. Fazit: Die Revolution der Ernährung, die nicht endet Die Zukunft der Ernährung wird nicht durch eine einzelne Technologie oder ein einzelnes Unternehmen bestimmt. Sie wird aus einem dynamischen Wechselspiel entstehen – aus Innovation, Tradition, Widerstand und Akzeptanz. Doch die eigentliche Frage ist nicht nur, welche Produkte wir in Zukunft essen werden, sondern welche epistemische Realität hinter unserer Ernährung steht. Die Transformation der Lebensmittelindustrie findet auf drei Ebenen statt. Auf der Ebene der ersten Ordnung verändert sich die materielle Struktur der Produktion: Neue Technologien verschieben Märkte, Wertschöpfungsketten und Konsumgewohnheiten. Auf der zweiten Ordnung entsteht eine Reflexion über diesen Wandel: Akzeptanz und Widerstand, Kollision zwischen Tradition und Technologie, zwischen sinnlicher Erfahrung und algorithmischer Präzision. Doch auf der dritten Ordnung werden nicht mehr nur Produkte oder Methoden diskutiert, sondern die Bedingungen, unter denen wir Nahrung überhaupt denken können. Die grösste Entscheidung wird nicht sein, was wir essen – sondern wie wir über Essen denken und welche Wahrnehmungen und Gefühle wir dabei zulassen. Doch diese Zukunft wird nicht allein von Konzernen oder Algorithmen bestimmt. Sie wird auf den Feldern, in den Bioreaktoren, auf den Märkten, in den Küchen, an den Tischen und unterwegs geformt – von den Menschen, die essen und dabei wahrnehmen, denken und sich mitteilen. Die neue Gegenwart der Nahrung wird nicht nur erfunden. Sie wird erinnert. Gisela und Tilo Hühn

Planetary Health Folge 7: Metasynthese in der Lebensmittelproduktion

Seit den Anfängen der Landwirtschaft verlassen wir uns auf die Photosynthese, das Sonnenlicht, den Boden und das Wasser, um das zu erzeugen was uns ernährt. Dieses System der Lebensmittelproduktion ist aber sowohl anfällig als auch ressourcenintensiv. Was wäre, wenn wir uns aus dieser Abhängigkeit befreien könnten? Hier kommt die Metasynthese auf den Plan, ein revolutionäres Verfahren, das die traditionellen biologischen Systeme der Lebensmittelproduktion umgeht und es uns ermöglicht, Lebensmittel auf völlig neue Weise herzustellen. Durch Technologien wie die CO₂-basierte Proteinproduktion, die Fermentation mit erneuerbarer Energie und die Nutzung mikrobieller Prozesse bietet die Metasynthese einen Einblick in eine Zukunft, in der Lebensmittel synthetisiert statt angebaut werden. Unternehmen wie Solar Foods und Calysta demonstrieren bereits die Realisierbarkeit dieser Technologien und versprechen ein nachhaltigeres und widerstandsfähigeres Lebensmittelsystem. Das heutige globale Nahrungsmittelsystem ist stark von traditionellen landwirtschaftlichen Praktiken abhängig, die mit erheblichen Umweltkosten verbunden sind. Die Landwirtschaft ist für etwa 26 % der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich und eine der Hauptursachen für Entwaldung, Wasserverknappung und für etwa 70 % des Verlusts an biologischer Vielfalt. Industrielle Anbaumethoden, die durch die Notwendigkeit angetrieben werden, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, haben zu Bodendegradation, Kontamination von Wasserquellen und Verlust von Ökosystemen geführt. Darüber hinaus ist das System zunehmend anfällig für den Klimawandel. Steigende Temperaturen, unvorhersehbare Wetterlagen und Dürren bedrohen die Ernteerträge und die Ernährungssicherheit, insbesondere in Regionen, die von der Subsistenzlandwirtschaft abhängig sind. Da die Weltbevölkerung bis 2050 voraussichtlich fast 10 Milliarden Menschen erreichen wird, verstärkt sich dieser Druck weiter. Metasynthese bietet durch die Umgehung der natürlichen Prozesse der Landwirtschaft die Möglichkeit, nicht nur den ökologischen Fussabdruck der Lebensmittelproduktion zu verringern, sondern auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel zu erhöhen. Eines der vielversprechendsten Beispiele für Metasynthese in der Lebensmittelproduktion stammt von Solar Foods, einem finnischen Unternehmen, das ein Verfahren zur Herstellung eines proteinreichen Produkts namens Solein entwickelt hat. Solein wird in einem Verfahren hergestellt, bei dem aus der Luft, Wasser und erneuerbarer Elektrizität gewonnenes CO₂ verwendet wird, um Mikroben in einem Bioreaktor zu züchten. Die Mikroben wandeln das CO₂ durch Fermentation in Protein um, ähnlich wie Hefepilze Zucker in Alkohol umwandeln. Das Revolutionäre an Solein ist, dass es unabhängig von landwirtschaftlichen Flächen, Sonnenlicht oder Wetterbedingungen produziert werden kann. Mit anderen Worten: Es kann überall auf der Welt hergestellt werden, unabhängig vom lokalen Klima oder der Bodenqualität. Laut Solar Foods hat Solein das Potenzial, mit 100-mal weniger Wasser und deutlich weniger Treibhausgasemissionen als die traditionelle Tierhaltung produziert zu werden. Diese Technologie könnte sich besonders in Regionen als vorteilhaft erweisen, in denen die Landwirtschaft schwierig ist, wie z. B. in Wüsten oder städtischen Umgebungen. Calysta, ein weiterer wichtiger Akteur in diesem Bereich, arbeitet an einem ähnlichen Verfahren, bei dem Methan-metabolisierende Bakterien zur Proteinproduktion eingesetzt werden. Ihr Produkt FeedKind ist in erster Linie als alternatives Futtermittel für Aquakulturen und Nutztiere konzipiert, aber die zugrunde liegende Technologie könnte auch zur Produktion von Proteinen für den menschlichen Verzehr angepasst werden. Ein entscheidender Vorteil der Metasynthese ist ihre Fähigkeit, die Lebensmittelproduktion zu entterritorialisieren und die Abhängigkeit von Land und natürlichen Ökosystemen effektiv zu durchbrechen. Die traditionelle Landwirtschaft benötigt riesige Mengen an Ackerland, was oft zur Entwaldung und Zerstörung von Lebensräumen führt, um Platz für Ackerbau und Viehzucht zu schaffen. Dieser Prozess der Landnutzungsänderung hat verheerende Folgen für die Biodiversität und trägt durch die Freisetzung von in Wäldern und Böden gespeichertem Kohlenstoff erheblich zum Klimawandel bei. Durch die Verlagerung der Lebensmittelproduktion in kontrollierte Umgebungen wie Bioreaktoren ermöglicht uns die Metasynthese, die Beziehung zwischen Nahrung und Land neu zu überdenken. Dies öffnet die Tür für eine Renaturierung – die Wiederherstellung von Ökosystemen, die durch die Landwirtschaft geschädigt wurden. Wenn wir keine Wälder mehr für Ackerland roden oder Weiden nicht mehr mit Vieh überweiden müssen, können wir der Natur erlauben, diese Flächen zurückzuerobern, wodurch neue Möglichkeiten für Biodiversität und Kohlenstoffbindung entstehen. Das Potenzial für eine Renaturierung ist besonders in Regionen von Bedeutung, in denen die Ausweitung der Landwirtschaft zu einer erheblichen Entwaldung geführt hat, wie z. B. im Amazonas-Regenwald. Durch den Wegfall der flächenintensiven Viehzucht oder des Sojaanbaus könnte die Metasynthese dazu beitragen, die Entwaldung zu verlangsamen und die Erholung geschädigter Ökosysteme zu ermöglichen. Diese Verlagerung stellt ein tiefgreifendes Umdenken über die Umweltauswirkungen der Lebensmittelproduktion dar und könnte eine der wichtigsten Möglichkeiten sein, wie die Metasynthese zur Nachhaltigkeit beiträgt. Trotz ihres Potenzials sieht sich die Metasynthese in der Lebensmittelproduktion mit mehreren berechtigten Kritikpunkten und Herausforderungen konfrontiert. Diese Technologien bieten zwar spannende Möglichkeiten, stecken aber noch in den Kinderschuhen, und es ist fraglich, ob sie so skaliert werden können, dass sie den Anforderungen einer Weltbevölkerung gerecht werden. Technologische Machbarkeit und Energieintensität: Die Herstellung von Lebensmitteln durch Metasynthese, insbesondere in Bioreaktoren, die mit erneuerbarer Elektrizität betrieben werden, ist derzeit energieintensiv. Kritiker argumentieren, dass dieser Prozess zwar den Land- und Wasserverbrauch reduzieren könnte, aber das Energienetz zusätzlich belasten könnte. Während die Welt auf eine Dekarbonisierung ihres Energiesystems zusteuert, besteht die Sorge, dass die Nutzung erneuerbarer Elektrizität für den Anbau von Lebensmitteln mit anderen kritischen Verwendungszwecken konkurrieren könnte, wie z. B. der Stromversorgung von Haushalten oder Elektrofahrzeugen. Darüber hinaus haben Unternehmen wie Solar Foods und Calysta zwar den Machbarkeitsnachweis erbracht, doch die Skalierung dieser Systeme zur Lebensmittelproduktion auf globaler Ebene erfordert massive Investitionen in die Infrastruktur. Die Entwicklung kostengünstiger und energieeffizienter Bioreaktoren ist unerlässlich, wenn die Metasynthese zu einer gängigen Lösung für die Ernährungssicherheit werden soll. Wirtschaftliche Tragfähigkeit: Die hohen Kosten für die Entwicklung und Instandhaltung von Systemen zur metasynthetischen Lebensmittelproduktion sind ein weiterer Grund zur Sorge. Während die traditionelle Landwirtschaft von jahrhundertelanger Verfeinerung und Investitionen profitiert hat, ist die Metasynthese ein neues und relativ unerprobtes Feld. Es bleibt abzuwarten, ob diese Technologien mit der traditionellen Landwirtschaft konkurrieren können, insbesondere in Regionen mit eingeschränktem Zugang zu fortschrittlicher Technologie. Öffentliche Wahrnehmung und Akzeptanz: Eine der subtileren Herausforderungen der Metasynthese ist die öffentliche Wahrnehmung. Für viele Menschen mag die Vorstellung von Lebensmitteln, die in einem Labor oder Bioreaktor angebaut werden, unattraktiv sein, insbesondere im Vergleich zu den tief verwurzelten kulturellen und emotionalen Assoziationen mit der traditionellen Landwirtschaft. Um die Verbraucher davon zu überzeugen, Produkte wie Solein oder FeedKind zu akzeptieren, sind öffentliche Aufklärung und ein Umdenken in Bezug auf Lebensmittel erforderlich. Darüber hinaus könnten Bedenken hinsichtlich der Sicherheit und Regulierung von im Labor hergestellten Lebensmitteln die Einführung metasynthetischer Produkte verlangsamen. Die Regierungen müssen solide regulatorische Rahmenbedingungen entwickeln, um sicherzustellen, dass diese neuen Lebensmittel sicher, nahrhaft und für alle zugänglich sind. Mögliche Monopolisierung von Lebensmittelsystemen: Ein weiterer Grund zur Sorge ist die potenzielle monopolistische Übernahme metasynthetischer Lebensmittelsysteme durch Unternehmen. Wenn die Lebensmittelproduktion von dezentralen, lokalen Farmen auf einige wenige grosse Bioreaktoranlagen übergeht, die von Grossunternehmen betrieben werden, besteht die Gefahr, dass die Kontrolle über die Lebensmittelressourcen in den Händen einiger weniger konzentriert wird. Dies könnte die globale Ungleichheit verschärfen und neue Formen der Ernährungsunsicherheit in Regionen schaffen, die keinen Zugang zu diesen Technologien haben. Die Metasynthese wirft wichtige ethische Fragen zur Zukunft der Lebensmittelproduktion auf. Wenn wir uns von der traditionellen Landwirtschaft abwenden und synthetische Lebensmittel essen, was bedeutet das für ländliche Gemeinden, landwirtschaftliche Kulturen und die Beziehung zwischen Mensch und Natur? Die Landwirtschaft hat die menschliche Gesellschaft seit Jahrtausenden geprägt, und ein Wandel hin zur Metasynthese könnte die Art und Weise, wie wir leben und mit der Umwelt interagieren, grundlegend verändern. Darüber hinaus könnte die Enträumlichung der Lebensmittelproduktion sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Einerseits könnte sie den Druck auf die Ökosysteme verringern und eine Renaturierung sowie die Wiederherstellung der biologischen Vielfalt ermöglichen. Andererseits könnte sie Millionen von Landwirten und Landwirtinnen verdrängen, insbesondere in Entwicklungsländern, deren Lebensunterhalt oft von der Landwirtschaft abhängt. Auf dem Weg zu einer Welt, in der die Metasynthese eine grössere Rolle in der Lebensmittelproduktion spielt, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Vorteile dieser Technologien gerecht verteilt werden. Dies erfordert eine durchdachte Regulierung, öffentliches Engagement und die Verpflichtung, diese Innovationen für alle zugänglich zu machen. Gisela und Tilo Hühn

Planetary Health Folge 6: Exponential Food Technology – Lebensmittelherstellung neu gedacht

Wir stehen an der Schwelle zu einer Ära, in der die Lebensmittelproduktion nicht nur schneller und effizienter wird, sondern auch smarter und umweltfreundlicher. Die Grundlage für diese Revolution bildet ein Zusammenspiel aus fortgeschrittenen Verarbeitungstechnologien, Datenanalytik und Künstlicher Intelligenz. Damit dies Realität wird, braucht es eine Änderung des Bewusstseins, des Denkens und nichts weniger als die Neuerfindung unseres Ernährungssystems. Diese Exponential Food Technology steht nicht nur für die Steigerung der Produktionskapazität, sondern auch für die Verbesserung der Qualität und den Schutz der Umwelt. Sie leitet eine neue Ära ein, in der Lebensmittel nicht nur produziert, sondern smart kreiert werden – massgeschneidert für die Bedürfnisse und Wünsche der Konsumentinnen und Konsumenten und den Erhalt unseres Planeten. Exponential Food Technology ist ein interdisziplinärer, datengesteuerter Ansatz, der bestehende und neue Verarbeitungstechnologien mit den Entwicklungen im Bereich des maschinellen Lernens, der Echtzeit-Analytik und der Sensortechnologien nutzt, um von einem standardisierten zu einem kategorisierten System der Lebensmittelproduktion überzugehen. Ein standardisiertes System führt zum Ausschluss, wenn die geforderten Parameter nicht erfüllt werden. Das Produkt kann dann nur noch als Tierfutter oder für Biogas verwendet werden oder endet als Food Waste. Im Gegensatz dazu können bei einer Kategorisierung Verarbeitungsparameter und die Formulierung des Endproduktes innerhalb bestimmter Grenzen angepasst werden, sodass das Produkt weiterhin als Lebensmittel für Menschen fungieren kann. Dieser innovative und flexiblere Rahmen erleichtert den Übergang von statischen Rezepten zu dynamischen Kompositionen, die auf Echtzeit-Datenanalysen und Präferenzen der Kundinnen und Kunden basieren. Mit dem Ersetzen der traditionellen Chargenverarbeitung (Batch, ein Rezept, welches diskontinuierlich verarbeitet wird) durch kontinuierliche Verarbeitungsmethoden steigert diese Technologie die Effizienz (z. B. Zeit, Ertrag, Platz, Arbeitskräfte) exponentiell, reduziert den Abfall und verbessert den Gehalt wertgebender Inhaltsstoffe (durch Vermeidung von Zeit-, Temperatur-, Oxidationsstress für empfindliche Substanzen). Durch diese synergetischen Verbesserungen steht die Technologie für ein anpassungsfähiges, selbstoptimierendes Netzwerk, das in der Lage ist, die Lebensmittelproduktion auf die sich wandelnden Verbraucherwünsche und Nachhaltigkeitsziele auszurichten und gleichzeitig nichtlineare, überproportionale Fortschritte bei Geschwindigkeit, Qualität, Kapazität, Vereinfachung und Kosten zu ermöglichen. Das System lässt sich an regionale Unterschiede und Trends anpassen, aber auch an die Verfügbarkeit verschiedener Rohwaren, die aufgrund von Klimaveränderungen immer stärker schwankt. In der Kakaoverarbeitung wendet unser Forschungsteam diese Technologie zum ersten Mal überhaupt im Lebensmittelbereich an. Die Extraktionsprozedur bei vergleichsweise niedrigeren Temperaturen begünstigt die Bewahrung des primären Aromas, welches die spezifischen Eigenschaften der Kakaobohnen wie Sorte, Region und Jahrgang des Ausgangsmaterials repräsentiert. Hierbei kommen ausschliesslich physikalische Prozesse zum Einsatz und kein anderes Lösungsmittel als Wasser. Indem Wasser eingesetzt wird, wird die Konzentration der Essigsäure und anderer unerwünschter flüchtiger Säuren erheblich vermindert. Bitter- und Gerbstoffe können abgetrennt oder so verändert werden, dass die Komposition im Endprodukt zielgruppenspezifisch angepasst werden kann. Dadurch wird es möglich, die Genussfähigkeit im Hinblick auf die Harmonieempfindung mit wenig Zuckerzusatz zu realisieren. Bei dem Verfahren gewinnt man vier essenzielle Elemente: Kakaobutter, Aroma, Kakaopulver und Kakao-Trockenextrakt. Diese Komponenten können weiterhin in verschiedenen Konfigurationen verarbeitet werden, um eine Vielfalt von Lebensmitteln und Functional Food herzustellen. Zudem ermöglicht die Extraktion eine zusätzliche Wertschöpfung, indem sie die breitere Akzeptanz und Verwendung aller erzeugten Produkte fördert. Insbesondere wird dies dadurch erreicht, dass die im konventionellen Prozess teilweise thermisch zerstörten monomeren Polyphenole, welche eine wichtige Rolle in der gesundheitlichen Wirkung von Kakao und kakaohaltigen Produkten spielen, gerettet werden. Den Ort der Umsetzung dieser neuartigen Anwendungen nennen wir «Labtory» – eine Verschmelzung der Begriffe «Laboratory» (ein Ort des Experimentierens und der Innovation) und «Factory» (ein Ort der Produktion). Eine «Labtory» ist also sowohl ein Ort der wissenschaftlichen Entdeckung und technologischen Entwicklung als auch ein Ort der effizienten Produktion und Herstellung. Ein Ort, an dem exponentielle Lebensmitteltechnologien nicht nur entwickelt und getestet, sondern gleichzeitig zur Herstellung von Lebensmitteln in grossem Massstab eingesetzt werden. Durch die Kombination dieser beiden Konzepte impliziert das Wort «Labtory» einen integrierten Ansatz für die Lebensmittelproduktion, der die Entwicklung der Exponential Food Technology vorantreibt. Ein weiteres exponentielles Verfahren sind pflanzliche Zellkulturen. Die Erforschung der Energiegewinnung und -umwandlung in zellulären Organismen hat das innovative Paradigma der «delegierten Photosynthese» hervorgebracht. Zunächst betreiben Pflanzen Photosynthese, um ein spezialisiertes komplexes Nährmedium herzustellen. Dieses Medium dient dann als Grundlage in einem Bioreaktor, in dem pflanzliche Zellkulturen (z. B. Kakao oder Avocado) ein weiteres molekulares Upcycling durchführen. Interessanterweise wird dieser Prozess in beiden Stufen verfeinert, wobei die territorial gebundenen Pflanzen vom Feld primäre Photosynthese-Produkte liefern und die nachfolgenden Zellkulturen die Nährstoffzusammensetzung für den menschlichen Verzehr verbessern. Die aktuellen Erkenntnisse unterstreichen das Potenzial der «delegierten Photosynthese» bei der Bewältigung globaler Ernährungsprobleme und stellen ein Modell vor, das die menschliche Ernährung revolutionieren könnte. Die entwickelten Verfahren zur Medienherstellung und zur Vermehrung pflanzlicher Zellkulturen sind mit der kontinuierlichen Verarbeitung umfänglich kompatibel. Exponential Food Technology ist mehr als nur eine neue Methode – es ist ein Paradigmenwechsel, der uns auf eine Reise mitnimmt, bei der jeder Schritt, jede Innovation und jede Verfeinerung Teil eines grösseren Ganzen ist: der Schaffung eines resilienten, nachhaltigen und gesunden Ernährungssystems für den Planeten und seine Bewohnerinnen und Bewohner. Gisela und Tilo Hühn

Planetary Health Folge 10: Nutrition as a Service: Gesundheit beginnt bei der Mahlzeit 

Was wäre, wenn wir Menschen nicht erst behandeln, wenn sie krank sind, sondern so ernähren, dass sie gesund bleiben? Nutrition as a Service ist der Versuch, Ernährung in die Infrastrukturen der Zukunft einzuschreiben – nicht als Kostenfaktor oder Lifestyleentscheidung, sondern als systemrelevante Voraussetzung für Gesundheit, Resilienz und planetare Tragfähigkeit. Im Diskurs um die Planetary Health Diet wurde vielfach das Was betont: pflanzenbasiert, weniger Fleisch, lokale Kreisläufe. Doch mindestens ebenso entscheidend ist das Wie. Wie organisieren wir Zugang zu gesunder Ernährung? Wie personalisieren wir Empfehlungen, ohne neue Ungleichheiten zu schaffen? Und wie skalieren wir Qualität in einem System, das bislang auf Quantität optimiert ist? Hier setzt «Nutrition as a Service» (NaaS) an – als Brücke zwischen individuellem Gesundheitswissen und automatisierter Umsetzung. Da der oder die persönliche Leibköchin mit ausgeprägter Präventionskompetenz eine Utopie bleibt, eröffnen sich an der Schnittstelle zwischen Wearables und weiteren Gesundheitsdaten neue Geschäftsfelder der individualisierten Gemeinschaftsgastronomie. Oder, im Privaten durch den Einsatz von Culinary Processing Units als multifunktionale Küchenassistenten mit verknüpfter Ernährungsoptimierung aufgrund bereitgestellter Gesundheitsdaten über eine sichere Cloud. NaaS verbindet persönliche Gesundheitsdaten wie Genetik, Mikrobiom und Metabolismus mit digitaler Intelligenz. Plattformen analysieren diese Informationen, berechnen daraus personalisierte Ernährungsprofile und leiten sie an automatisierte Küchen weiter. Roboter bereiten daraus individuell abgestimmte Gerichte zu – präzise, skalierbar und mit gleichbleibender Qualität. Durch Echtzeitfeedback, etwa über Sensorik in Wearables, wird diese Ernährung fortlaufend angepasst. Was dem Menschen guttut, wird nicht mehr theoretisch vermutet, sondern konkret umgesetzt. Eine Möglichkeit das Mind Behavior Gap zu überwinden. So entsteht ein Ernährungssystem, das sich anpasst, statt normiert, das begleitet, statt vorschreibt – und das Gesundheit als einen dynamischen Prozess versteht, der nicht punktuell, sondern kontinuierlich gepflegt werden muss. NaaS ist damit ein stiller Paradigmenwechsel: weg von standardisierter Ernährung für Durchschnittsmenschen, hin zu einer individuellen Gesundheitsversorgung, die beim Essen beginnt. Gleichzeitig eröffnet NaaS systemische Potenziale: Wenn Ernährung präventiv wirkt, entlastet sie langfristig die Gesundheits- und Sozialsysteme. Wenn automatisierte Prozesse Lebensmittelverschwendung reduzieren, wird gleichzeitig die ökologische Bilanz verbessert. Und wenn personalisierte Empfehlungen zu höherer Selbstwirksamkeit und mehr Genuss führen, dann entsteht eine neue Kultur des Essens: eine, die Verantwortung, Achtsamkeit und Freude verbindet. Die Planetary Health Diet reflektiert einen global anschlussfähigen Zielkorridor für gesunde und zugleich nachhaltige Ernährung. Sie versteht sich als Balance zwischen ökologischer Belastbarkeit und menschlicher Gesundheit. Doch um diese Balance praktisch umzusetzen, braucht es Systeme, die Komplexität reduzieren, Entscheidungen begleiten und Alltagstauglichkeit schaffen. Hier bietet NaaS eine operative Ergänzung: Es übersetzt die normative Idee der Planetary Health Diet in konkrete individuelle Handlungsvorschläge. Es schafft eine dynamische Passung zwischen globalem Orientierungswissen und lokaler, persönlicher Umsetzung. So kann die Planetary Health Diet nicht nur als Leitbild bestehen, sondern als infrastrukturelle Praxis wirksam werden – skalierbar, anschlussfähig und adaptiv. Aber was genau kommuniziert NaaS eigentlich? Wenn wir den Begriff durch die systemische Brille betrachten, dann wird klar: Es handelt sich nicht nur um eine technische Dienstleistung, sondern um eine neue Form der Selbstbeschreibung des Ernährungssystems. Dieses System beobachtet sich selbst und entwickelt dabei neue Erwartungsstrukturen. Es irritiert sich. Denn NaaS steht auf der Schwelle zwischen funktional differenzierten Systemen: Gesundheit, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Umwelt und Technologie. Jedes dieser Systeme arbeitet mit einem eigenen Code – gesund/krank, zahlen/nicht zahlen, wahr/unwahr, legal/illegal, erhaltend/zerstörend, funktional/dysfunktional – und NaaS versucht, diese Codes temporär zu koppeln, ohne sie aufzuheben. Diese Kopplung erzeugt Spannungen. Während das Gesundheitssystem auf langfristige Stabilität zielt, ist das Wirtschaftssystem auf kurzfristige Zahlungsbereitschaft angewiesen. Die technologische Infrastruktur verspricht Effizienz, muss sich jedoch gegenüber politischen und ethischen Massstäben legitimieren. Ernährung wird damit zum Kommunikationsmedium für Risiken, Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten – allerdings nicht in einem neutralen Sinne, sondern immer innerhalb eines bestimmten Systems, das seine Umwelt beobachtet. Dass Ernährung nun datenbasiert, personalisiert und automatisiert wird, ändert nicht die operative Geschlossenheit der beteiligten Systeme – aber es verschiebt ihre wechselseitigen Irritationen. So wird aus Ernährung ein Risikobegriff: Wer sich «falsch» ernährt, verursacht Kosten. Wer sich «richtig» ernährt, handelt verantwortungsvoll. Diese Moralität ist keine objektive Wahrheit, sondern Ergebnis von Kommunikation – mit entsprechenden Folgewirkungen für Teilhabe, Zugang und Selbstdeutung. Nutrition as a Service könnte daher als Versuch gelesen werden, die Kommunikation über Ernährung zu stabilisieren, indem sie technische Infrastrukturen anbietet, die individuelle Entscheidungen als Systemerwartungen operationalisieren. Die zentrale Unterscheidung verschiebt sich: Nicht mehr gesund/ungesund, sondern passend/unpassend zum Profil. Der Körper wird zur Datenquelle, die Ernährung zur adaptiven Antwort auf algorithmisch erzeugte Differenzmuster. Dabei stellt sich die Frage, ob der Mensch in einem solchen System nicht zu sehr zum Objekt technischer Steuerung wird. Wenn Ernährung nicht mehr erlebt, sondern berechnet wird, besteht die Gefahr, dass individuelle Autonomie durch algorithmische Passgenauigkeit ersetzt wird. Was als Ermächtigung durch Personalisierung beginnt, kann in eine subtile Form der Kontrolle umschlagen – vor allem dann, wenn Entscheidungen nicht mehr nachvollziehbar, sondern nur noch systemintern logisch erscheinen. Zudem sind die zugrunde liegenden Daten hochsensibel. Wer sie verarbeitet, erhält tiefen Einblick in Lebensstil, Gesundheit, Bedürfnisse – und potenziell in Schwächen. Die Frage nach Datensouveränität und digitaler Ethik wird damit zur Schlüsselfrage einer solchen Infrastruktur. Vertrauen entsteht nicht allein durch Funktionalität, sondern durch Transparenz, Gestaltungsbeteiligung und rechtlich verankerte Begrenzungen von Zugriff und Auswertung. Diese Form der Ernährung erzeugt neue Selbstbeschreibungen: Der Mensch wird nicht mehr als essender Körper gedacht, sondern als steuerbare Variable im Kontext digitaler Versorgungssysteme. Ob NaaS Menschen unabhängiger macht oder neue Abhängigkeiten schafft, entscheidet sich nicht durch die Technik selbst, sondern dadurch, wie wir darüber sprechen, sie nutzen und regulieren. Ein systemtheoretischer Zugang lädt dazu ein, nicht vorschnell normative Bewertungen zu treffen. Weder ist NaaS die Lösung, noch das Problem. Es ist eine Form der Kommunikation, die zeigt, wie sich das Ernährungssystem seiner selbst vergewissert, unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung, technologischer Dynamik und ökologischer Begrenzung. Um wirklich gesund zu sein, reicht es nicht, gefüttert zu werden. Das ist die Ebene von Feed: Kalorienbereitstellung, Energiesicherung, reine Versorgung. Doch Gesundheit entsteht erst auf der Ebene von Food: dort, wo Lebensmittel Vielfalt, Geschmack, Texturen und kulinarische Kultur entfalten. Erst Nourishment schliesst den Kreis: eine Ernährung, die nicht nur satt macht, sondern nährt – physiologisch, emotional, mikrobiell, sozial und sensorisch. Genuss ist dafür kein Luxus, sondern die evolutionsbiologische Übersetzung für «das tut mir gut». Der Genuss verbindet die molekulare Ebene (Nutrition) – einschliesslich zahlreicher bioaktiver Substanzen jenseits von Kalorien – mit der erfahrbaren Ebene des Essens. Während Feed lediglich Kalorien zuführt, stellt Nutrition die Funktionsfähigkeit der physiologischen Systeme her. Food as Medicine beschreibt deren präventive oder heilsame Wirkung, doch Nourishment geht weiter: Es umfasst das komplexe, ganzheitliche Ernährtsein, das Geschmack, Identität, Wohlbefinden und Regeneration miteinander verschränkt. Vielleicht liegt genau darin die Chance: NaaS nicht als technologische Utopie, sondern als infrastrukturelle Evolution zu denken. Nicht als Ersatz für das Kochen, sondern als neue Form der Ermöglichung. Nicht als Verzicht, sondern als Öffnung. Eine Zukunft, in der Kantinen zu Orten der Vitalität werden, in der Schulen nicht nur Ernährungsbildung lehren, sondern erlebbar machen. In der Städte, neben Energie- und Verkehrsnetzen, Ernährung als Infrastruktur begreifen – FoodArchitecture. Denn vielleicht beginnt die Heilung unseres Systems nicht in der Medizin, sondern mit einem Löffel. Und dem richtigen System dahinter. Gisela und Tilo Hühn

Planetary Health Folge 9: Regulierte Metasynthese – Wie das Recht Disruption gestalten kann

Traditionell ist das Recht ein System, das Ordnung sichert, bestehende Institutionen schützt und soziale Stabilität garantiert. Diese konservative Rolle hat ihren Sinn: Sie ermöglicht Berechenbarkeit, Vertrauen und Schutz vor willkürlichen Eingriffen. Gerade in unsicheren Zeiten erscheint ein stabiler Rechtsrahmen als Anker im Wandel. Doch genau diese Stärke kann zur Schwäche werden, wenn sie den notwendigen Wandel verhindert. Innovationen, die bestehende Praktiken, Geschäftsmodelle oder Werte infrage stellen, stossen nicht nur auf ökonomischen Widerstand, sondern auch auf normative Barrieren. Das Recht schützt das Bestehende – und riskiert damit, das Zukünftige zu blockieren. Doch Recht kann mehr sein als Bewahrung. Es kann auch Transformation ermöglichen. Wenn neue Technologien nicht nur technische, sondern auch gesellschaftliche Innovationen mit sich bringen, dann entstehen nicht nur neue Produkte, sondern auch neue Wertesysteme. In solchen Momenten geschieht eine doppelte Bewegung: Bestehendes wird entwertet – dieser Prozess der Devaluation betrifft nicht nur materielle Ressourcen, sondern auch symbolische Ordnungen, Legitimität und institutionelle Autoritäten. Gleichzeitig vollzieht sich eine Revaluation – neue Praktiken und Normen gewinnen an Bedeutung, werden als zukunftsfähig oder ethisch überlegen eingestuft, erhalten gesellschaftliche Anerkennung oder gesetzliche Förderung. Dieser Übergang ist nie neutral. Er wird ausgehandelt – oder durchgesetzt. Oft sind es wirtschaftlich mächtige Akteure, die versuchen, entweder die Entwertung des Alten zu verhindern oder die Neubewertung des Neuen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Lobbyarbeit, regulatorisches Design, Marktmonopolisierung und strategische Kommunikationskampagnen sind Mittel dieser Einflussnahme. In diesem Spannungsfeld steht das Recht unter Druck: Soll es neutral bleiben, den Wandel lediglich abbilden? Oder darf – ja muss – es selbst aktiv werden und durch Rahmensetzung, Standardisierung und Beteiligungsgestaltung Einfluss nehmen auf das, was in Zukunft als wertvoll gelten soll? Gerade in den Ernährungssystemen zeigt sich dieses Spannungsfeld exemplarisch. Die Debatte um Fleischalternativen, um ökologische und regenerative Landwirtschaft oder um digitale Transparenzsysteme im Wertschöpfungsnetzwerk zeigt: Wer bestimmt, was als gesunde, nachhaltige, ethische Ernährung gilt, verhandelt nicht nur über Geschmack oder Gesundheit, sondern über ökonomische Interessen, kulturelle Identitäten und politische Macht. Wenn das Recht sich hier auf eine rein technokratische Rolle beschränkt, läuft es Gefahr, Spielball partikularer Interessen zu werden. Wenn es dagegen neue Praktiken fördert oder alte beschränkt, ohne öffentliche Aushandlung, droht der Verlust demokratischer Legitimität. Es braucht also eine neue Rolle des Rechts: nicht als statische Autorität, aber auch nicht als blosser Vollzugsgehilfe von Marktlogiken oder technologischen Narrativen. Wir schlagen vor, diesen Wandel als Prozess einer regulierten Metasynthese zu verstehen. Damit meinen wir die bewusste Verbindung von Devaluation und Revaluation unter aktiver rechtlicher Gestaltung, wobei das Recht nicht nur schützt oder erlaubt, sondern aktiv Räume schafft, in denen neue Werte entstehen und legitimiert werden können. Ein solches Rechtssystem wäre nicht reaktiv, sondern lernfähig. Es würde nicht nur regulieren, sondern sich selbst kontinuierlich weiterentwickeln. Es würde auf technologische Entwicklungen ebenso reagieren wie auf gesellschaftliche Diskurse, kulturelle Praktiken und ökologische Notwendigkeiten. Es wäre offen für Unsicherheit, ohne beliebig zu werden – stabil in seinen Prinzipien, aber flexibel in seiner Anwendung. Ein solcher Zugang erfordert einen neuen Umgang mit Risiken. Bisher wird Regulierung oft erst dann aktiv, wenn bereits Schäden eingetreten sind – sei es im Finanzsystem, im Datenschutz oder im Umweltrecht. Dabei zeigt sich, dass verpasste Chancen ebenso folgenreich sein können wie eingetretene Schäden. Wenn neue Ernährungstechnologien zu lange blockiert werden, weil alte Standards nicht angepasst werden, verliert nicht nur die Industrie, sondern gleichzeitig die Gesellschaft. Und wenn rechtliche Unsicherheit verhindert, dass nachhaltigere Praktiken schneller skalieren, zahlt am Ende die Umwelt und damit wir alle den Preis. Deshalb muss Risiko im Kontext von Metasynthese neu verstanden werden: nicht als blosse Bedrohung, sondern als Spannungsfeld zwischen verpasstem Fortschritt und überhasteter Entwertung. In diesem Sinne ist die rechtliche Gestaltung von Devaluation und Revaluation ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess. Wer entscheidet, was als wertvoll gilt, entscheidet über Teilhabe, Ressourcenverteilung und Zukunftsgestaltung. Dieser Prozess darf nicht technokratisch oder exklusiv verlaufen. Er braucht demokratische Beteiligung, Transparenz und institutionelle Unabhängigkeit. Nur wenn Regulierungsbehörden unabhängig agieren können, wenn gesetzgeberische Prozesse offen nachvollziehbar sind und wenn öffentliche Debatten über Wertesysteme zugelassen und gefördert werden, kann Metasynthese gelingen. Unsere Erfahrungen in der Arbeit mit Ernährungssystemen zeigen, dass neue Technologien nur dann Akzeptanz finden, wenn sie nicht nur effizient, sondern auch narrativ eingebettet sind. Menschen orientieren sich an Geschichten, an Sinnstiftungen, an kulturellen Bezügen. Recht, das diese Dimensionen ignoriert, läuft Gefahr, seine eigene Wirkung zu verlieren. Ein lernendes Rechtssystem muss deshalb auch kulturell lernfähig sein – sensibel für Narrative, anschlussfähig an Alltagspraktiken und offen für Veränderung. Was wir brauchen, ist keine Revolution des Rechts, sondern seine evolutionäre Öffnung. Ein Rechtssystem, das nicht in der Vergangenheit verhaftet bleibt, sondern den Mut hat, Zukunft mitzugestalten – vorsichtig, reflektiert, aber entschlossen. In einer Zeit planetarer Krisen und exponentieller Entwicklungen liegt die Zukunft nicht in statischer Normierung, sondern in der Fähigkeit zur kontinuierlichen Aktualisierung. Nur so kann das Recht das leisten, was von ihm erwartet wird: nicht nur zu regulieren, sondern Räume zu schaffen, in denen Zukunft möglich wird. Planetary Health erfordert mehr als neue Produkte – sie verlangt eine kulturelle, rechtliche und ökonomische Metasynthese. Die Transformation beginnt im Kopf – und mündet im Recht. Gisela und Tilo Hühn

Planetary Health Folge 5: Pixel, Pflanzen und Prozesse – wie Ernährungssysteme resilienter werden

Technologie allein wird uns nicht retten – es braucht Bewusstsein, Bildung, Verhaltensanpassung und die Kraft der Zivilgesellschaft, um die Widerstandsfähigkeit des Ernährungssystems zu stärken. Die Kombination aus traditionellem landwirtschaftlichem Wissen und modernen Technologien könnte den Schlüssel zu regenerativen und robusteren Ernährungssystemen darstellen. Wie könnte eine Fusion digitaler Innovation und regenerativer Landwirtschaft die Ernährungssysteme der Zukunft formen? Die Beobachtung beginnt in einem Raum, in dem Virtual Reality und Echtzeitdaten uns einen unmittelbaren Einblick in die Ackerböden auf der ganzen Welt geben. Intelligente Sensoren und Deep-Learning-Strukturen lassen uns in den «Moment» eintauchen, verstärkt durch den Informationsfluss von Sensoren, die alles vom Boden-pH-Wert über die Feuchtigkeit bis hin zum Mikrobiom (Gemeinschaft von Mikroorganismen im Boden, die für Nährstoffkreisläufe und Bodengesundheit essenziell sind) erfassen. Das Rückgrat dieses digitalen Ökosystems ist eine Dateninfrastruktur, die jeden Aspekt des landwirtschaftlichen Zyklus überwacht und die Wettervorhersage mit dem Zustand des obersten Meters fruchtbarer Erde ergänzt. Ziel ist es nicht nur, Feldfrüchte zu ernten, sondern gleichzeitig Daten, die zur Optimierung der Prozesse unter resilienzsteigernden Aspekten eingesetzt werden können. Mit diesen Daten werden regenerative landwirtschaftliche Praktiken gefördert, die darauf abzielen, den Boden wiederherzustellen, die Biodiversität zu erhöhen und das lokale Klima zu stabilisieren. Pflanzen werden nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch als entscheidende Akteure im Kohlenstoffkreislauf gesehen. Sie sind ein Teil davon und nehmen mit den Mikroorganismen, Kleinstlebewesen und der gesamten Fauna grossen Einfluss auf das Makrobiom (Gemeinschaft von makroskopischen – sichtbaren – Organismen in einem Ökosystem oder einer Umgebung). Neue Kulturen, die besser an den Klimawandel angepasst sind, werden identifiziert und gefördert. Der Übergang von der Chargen-Verarbeitung (Batch) zur kontinuierlichen Verarbeitung revolutioniert die Lebensmittelproduktion. Echtzeitdaten-Erfassungssysteme ermöglichen es, jeden Schritt im Verarbeitungsprozess zu optimieren. Vom Anpassen der Maschinenparameter aufgrund von Abweichungen der Zusammensetzung der Rohstoffe bis zur Integration von Kundenfeedback durch Analyse der sozialen Medien – vieles wird in Echtzeit gesteuert. Der Diversität der Zusammensetzung von Rohstoffen wird nicht länger mit Auslese und Ausschuss begegnet – Prozessvariationen ermöglichen Inklusion und angepasste Verwertung auf höchstem Qualitätsniveau. Das Endresultat sind Lebensmittel, die nicht nur nahrhafter, sondern auch nachhaltiger sind. Mit dem Fokus auf regenerative Prozesse entstehen Produkte, die sich sowohl für den Planeten als auch für die Menschen positiv auswirken. Durch die Verringerung von Lebensmittelverschwendung, Optimierung des Liefernetzwerks und Überwachung der Lebensmittelsicherheit erschaffen wir ein exponentielles Ernährungssystem. Ein exponentielles Ernährungssystem ist ein datengetriebener Ansatz, der durch kontinuierliche, in Echtzeit optimierte Prozesse die Effizienz und Nachhaltigkeit der Lebensmittelproduktion steigert und dabei von Technologien wie maschinellem Lernen und Echtzeitanalyse Gebrauch macht. Der Zugang zu frischen, qualitativ hochwertigen Lebensmitteln in städtischen Gebieten stellt eine enorme Herausforderung dar. Urban Farming und Aquaponik könnten hier einen Beitrag leisten. Diese Ansätze ermöglichen nicht nur den Anbau von Nahrungsmitteln in städtischen Umgebungen, sondern fördern auch die lokale Wirtschaft und verringern den ökologischen Fussabdruck durch den reduzierten Bedarf an Transport und Lagerung. Aquaponik, ein System, das den Anbau von Pflanzen und Fischen kombiniert, nutzt die Abfallprodukte der Fische als Nährstoffquelle für die Pflanzen, während die Pflanzen das Wasser filtern. Diese Kreislaufsysteme könnten sich als besonders wertvoll in Gebieten erweisen, in denen Wasser ein knappes Gut ist. Obwohl genetisch modifizierte Organismen (GMOs) kontrovers diskutiert werden, können sie die Resilienz von Pflanzen gegenüber Krankheiten, Schädlingen und extremen Wetterbedingungen erhöhen. Wissenschaftliche Untersuchungen und verantwortungsbewusste Regulierung sind hierbei essenziell, um sowohl Ernährungssicherheit als auch ökologische Integrität zu gewährleisten. Algen, Bakterien und Pilze sind und waren die unscheinbaren Helfer der Lebensmittelherstellung. Algenzuchten können in Meerwasserbecken oder Bioreaktoren hocheffiziente, proteinreiche Nahrungsgrundstoffe produzieren. Spezialisierte Mikroorganismen können aus Abfallprodukten Nahrungsmittel erzeugen. Myzel-Kulturen bieten nicht nur ernährungsphysiologische Vorteile, sondern können auch als Fleischersatz dienen. Unter Einsatz veränderter Mikroorganismen ist es möglich, Nährstoffe als Grundlage für Lebensmittel in Bioreaktoren zu erzeugen. Die Medien dafür kommen aus der Landwirtschaft – dies wird noch sehr lange notwendig bleiben. Zellkulturen können ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zu einer dezentralen Herstellung von Lebensmitteln leisten. Während an verschiedenen Orten weltweit erste Produkte auf die Märkte und in den Konsum gelangen, müssen diese Novel-Food-Nahrungsmittel ihre Verbrauchssicherheit in Europa erst noch unter Beweis stellen. Die Herausforderungen liegen hier insbesondere bei tierischen Zellkulturen und bei den durch die Medien und Kulturbedingungen verursachten Herstellungskosten. Etwas geringer sind diese Hürden bei Fisch- und Pflanzenzellen. Auch bei diesen Kulturtechniken stammen die Nährmedien für die Ernährung der Zellen aus der landwirtschaftlichen Urproduktion. Parallel zu den urbanen Landwirtschaftsinnovationen bringt die «Exponential Food Technology» die Bedeutung von Effizienz, Nachhaltigkeit und Gesundheit in der Lebensmittelproduktion hervor. Die konventionelle Lebensmittelproduktion, charakterisiert durch Batch-Prozesse, wird durch kontinuierliche, selbstoptimierende Prozesse revolutioniert. Zu den Hauptelementen dieser Technologie gehören intelligente Sensoren, Echtzeit-Rückkopplungsschleifen, vorausschauende Wartung, Integration von Kundenfeedback, Prozessumgestaltung, Optimierung des Versorgungsnetzes, Nachhaltigkeitsmetriken und KI-gesteuerte Forschung und Entwicklung. Die Umstellung von starren, chargenbasierten Prozessen auf dynamische, anpassbare Systeme verringert Food Waste und erhöht die Prozesseffizienz. Fleischalternativen gewinnen in der modernen Ernährung immer mehr an Bedeutung. Während der traditionelle Fleischkonsum ökologische Bedenken aufwirft, bieten pflanzliche Proteine wie Linsen, Kichererbsen und Tofu sowie innovative Fleischalternativen aus Pilzen, Algen oder Insekten nachhaltigere und im ausgewogenen Ernährungsplan gesündere Optionen. Ziel ist hier, die aus den Pflanzen extrahierten Proteinpulver durch die Verwendung komplexer, wenig prozessierter Rohstoffe aus möglichst ganzen Pflanzenteilen zu ersetzen und so den teilweise hohen Verarbeitungsgrad zu vermindern. Moderne Lösungen sind oft robuster und können, wenn richtig implementiert, zu einer beständigeren Versorgungskette führen. Die Schlüsselidee ist Redundanz und Diversität in den Systemen bereits bei der Planung (by design) und beim Bau (build in), sodass ein einzelner technologischer Ausfall nicht das gesamte System lahmlegt. Ansonsten würde das Ernährungssystem noch verwundbarer, als es heute schon ist. Die Kombination von Urban Farming und Exponential Food Technology zeichnet ein Bild von einer Zukunft, in der Lebensmittelproduktion dezentralisiert, effizient und regenerativ ist. Wir sprechen von einem resilienten Ernährungssystem, bei dem sich alles um Pflanzen, Prozesse und Produkte dreht – optimiert durch die Pixel, die Daten als Grundlage intelligenter Systeme. So ist die notwendige «ökologische Wende» vielleicht zu schaffen. Die Vision ist klar: eine Welt, in der die Lebensmittelproduktion sich an die sich ständig ändernden Anforderungen anpasst, dem Klimawandel entgegentritt und gleichzeitig sicherstellt, dass möglichst niemand hungrig und die Biodiversität erhalten bleibt. In diesem Zukunftsbild ist Bildung der Schlüssel. Eine informierte Bevölkerung, die ihr Ernährungsverhalten anpasst, die Technologie versteht und ihr Potenzial ausschöpft, gepaart mit globaler Zusammenarbeit, wird sicherstellen, dass diese Vision Wirklichkeit wird. Es ist eine revolutionäre Reise, und sie hat bereits begonnen. Gisela und Tilo Hühn

Planetary Health Folge 4: Leben in Gesellschaft – von der Freiwilligen Feuerwehr lernen

Wir müssen handeln – jetzt. Wir müssen heraus aus der eigenen Blase – denn Hilflosigkeitsergebenheit, nichts ändern zu können, den anderen die Schuld zuzuweisen und sich so selbst zu entschuldigen, wird weitgehend wirkungslos bleiben. Wie kann die Veränderung von «Ich will so bleiben und leben, wie ich bin» zu «Mal sehen, was aus mir noch werden und was ich beitragen kann» erfolgen? Raus aus der Komfortzone – rein in die neue Gegenwart. In der Schweiz hat sich eine Mehrheit der Wahlberechtigten entschieden, den Weg zur Klimaneutralität zu gehen. Volksabstimmungen setzen für das verantwortliche Stimmvolk ein Mindestmass an Information und Auseinandersetzung mit den Themen, die anstehen, voraus. Es findet eine gewisse Bewusstseinsbildung statt. Solche getroffenen Mehrheitsentscheidungen bilden auch die Basis für spätere teilweise einschneidende Massnahmen der Volksvertreterinnen und -vertreter, die im Sinne der Gemeinschaft getroffen werden müssen. Selbstbestimmte Zumutbarkeiten bringen in Krisensituationen Menschen dazu, den Mut zur Veränderung aufzubringen. Die jeweilige Grenzerfahrung für das Zumutbare wird vom Grad der Empörung der Mitmenschen beeinflusst. Kollektive Wutentladungen in den sozialen Medien oder bei Demonstrationen begünstigen eine Blasenbildung, in der teilweise ideologische Verschanzungen durch eine polarisierende Rhetorik Nährboden für Spaltung bieten, wo eigentlich Diskurs und gemeinsame Lösungen angebracht wären. Während die einen Zeitgenossinnen und -genossen denken und aussprechen: «Auf was warten wir eigentlich noch?», betonen andere ihre eigene Wirkungslosigkeit und setzen auf das «Weitermachen wie bisher». Dieser Fatalismus bei der Diskussion um den Klimawandel wird durch komplexe biologische Systeme begünstigt. Es werden bedeutende Einflussfaktoren übersehen, da es sich auf den ersten Blick um Minorfaktoren handelt, die je nach Konzentration und in Gesellschaft anderer Faktoren grosse Wirkung entfalten können, wenn beispielsweise Kipppunkte erreicht werden. Was, wenn die niedrig hängende Frucht der Sequestrierung von CO2 in Böden schwerer zu erreichen ist als gedacht, weil die Erhitzung der Böden bereits weiter fortgeschritten ist als angenommen? Was, wenn der Golfstrom schon einen anderen Weg genommen hat und Nordeuropa in eine Zwischeneiszeit fällt? Das erste Szenario wäre zunächst nur durch wissenschaftliche Untersuchungen zu bestätigen. Der Einfluss auf die ausbleibende Milderung der Klimasituation wäre einschneidend. Das zweite Szenario wäre für Nordeuropäer schnell erlebbar. Menschen haben offensichtlich Bewältigungsstrategien entwickelt, Herausforderungen auf verschiedene Weise entgegenzutreten. Verdrängung und Verschiebung auf einen Zeitraum nach dem eigenen Ableben sind zwar nicht populär und werden deshalb seltener geäussert, stehen aber durchaus zur Verfügung. Keine Lösung ist das für jene, die entweder mit weiteren Auswirkungen während ihrer Lebenszeit rechnen oder den nachfolgenden Generationen ein auf irgendeine Weise intaktes System Erde zur Verfügung stellen wollen. Verzweiflung über die Geschwindigkeit und die zu erwartenden Einflüsse auf das eigene Leben führt nicht selten zu dystopischen Zukunftsbildern, die sich in Depression und/oder Aggression manifestieren können und deshalb nicht weiterführen. Was es braucht, um die Zeitenwende zu einer regenerativen Gesellschaft zu machen, ist eine Utopie des Gedeihens in Koexistenz mit den Lebensformen und den Ressourcen, die die Erde bietet. Mond oder Mars sind zwar für die Entdeckung des Universums sehr bedeutend, das ist klar. Leider sind diese Orte deutlich lebensfeindlicher als die Erde. Wahrscheinlich macht es mehr Sinn, mit unseren Ressourcen schonend umzugehen, damit das Leben auf der Erde weiterhin gedeihen kann. So wie sich die Situation derzeit darstellt, stehen wir eben kurz vor den Kipppunkten, wo Handeln dringend notwendig und Zuwarten nicht mehr möglich ist. Wie schaffen wir es, eine Vision zur Regeneration des Planeten mit möglichst vielen Menschen nicht nur zu entwickeln, sondern sie auch in die Realität umzusetzen? Das Bewusstsein für die Dringlichkeit entwickelt sich glücklicherweise. Aber leider auch Abwehrhaltungen, um notwendige Änderungen ganz persönlich auszulassen. Vielleicht braucht es Integrationsfiguren, die nun nach der gegenseitigen Empörung über die jeweils andere Haltung und Handlung die Zivilgesellschaft dazu anleiten, das Wirkungsvolle zu tun, um enkelinnentauglich zu werden. Könnten Hilfsorganisationen wie die Freiwilligen Feuerwehren Vorbild sein, um nicht nur Leben in der Gemeinde, sondern auf dem ganzen Planeten zu retten? Könnte das Ehrenamt helfen, Interessen zu bündeln, Wissen zur Bewältigung der planetaren Herausforderungen zu teilen, in die Keimzellen der Gesellschaft hineinzutragen und dabei generationenübergreifend Wunden zu heilen, die durch gegenseitige Vorwürfe allzu oft aufbrechen? Die Wehren wurden gegründet, um Gefahren an Leib, Leben und Besitz abzuwenden. Teilweise existiert diese Bewegung in Europa bereits über Jahrhunderte. Die Allmende, das Gemeineigentum, hört dort auf, wo die nächste Gemeinde anfängt. Dennoch hilft man sich gegenseitig und überörtlich, wenn Gefahren drohen. Können wir unseren Horizont auf den gesamten Planeten erweitern und zusammen die notwendigen Schritte tun, damit uns die zu erwartenden Konsequenzen vor unserer Haustüre nicht begegnen? Der Club of Rome hat hierfür eine einfache Formel geliefert: «Global denken, lokal handeln.» Nun sind wir alle gefragt, um das zu realisieren. Gisela und Tilo Hühn

Planetary Health – Folge 2: Neues denken für neue Lebensmittel

Beim Feierabendbier in geselliger Runde denkt kaum jemand an die Rückstände des Braumalzes, Biertreber genannt. Trotz seiner wertvollen Bestandteile wurde aus diesem Nebenprodukt, das beim Bierbrauen entsteht, bisher bestenfalls Biogas oder Tierfutter erzeugt. Zunehmend findet jedoch ein Upcycling statt. Um die im Biertreber enthaltenen ernährungsphysiologisch wertvollen Komponenten wie Ballaststoffe, Proteine und Mineralien zu nutzen, wird er auch zur Herstellung von Brot, Pasta, Keksen und Riegeln verwendet. Bislang galt die Verarbeitung dieser sogenannten Nebenströme zu Lebensmitteln häufig als uninteressant. Die Gründe: zu energieintensiv und kostspielig. Denn diese Nebenprodukte müssen oftmals thermisch haltbar gemacht oder anderweitig aufbereitet werden, bevor sie zu Lebensmitteln weiterverarbeitet werden können. Wie beim Biertreber braucht es deshalb völlig neue Strategien, um vermeintlich minderwertige Nebenprodukte direkt zu wertvollen Hauptprodukten werden zu lassen, damit die Menschheit ernährt und die Umwelt geschont werden kann. Es bräuchte effektive, sich regenerierende und selbsterhaltende Kreislaufsysteme. Vorbilder hierfür liefert die Natur: In einem lebenden biologischen System existiert ein kontinuierlicher Stoffaustausch, welcher Wachstum, Beanspruchung, Zerfall oder Regeneration, Anpassung und Entwicklung ermöglicht. Ein zirkulärer Stoffaustausch ermöglicht es, Moleküle und Komponenten zu regenerieren, wodurch das gesamte System erhalten werden kann. Kennzeichen regenerativer Systeme ist, dass sie sich als Subsysteme in andere Systeme einbetten. Am Ökosystem «Wald» lässt sich das besonders gut veranschaulichen: Bäume nehmen Kohlendioxid aus der Luft auf und geben Sauerstoff ab, während sie gleichzeitig dem Boden Wasser und Nährstoffe entziehen. Der Prozess der Photosynthese ermöglicht es den Bäumen, zu wachsen, sich zu regenerieren, anzupassen und zu entwickeln. Der Sauerstoff, der bei der Photosynthese entsteht, ermöglicht es anderen Lebewesen zu existieren. Die Blätter und Äste, die absterben und herabfallen, liefern dem Boden organisches Material, das als Nahrungsquelle für Mikroorganismen und Insekten dient. Diese Organismen wiederum zersetzen die organische Substanz und geben Nährstoffe an den Boden ab, die von den Bäumen und anderen Pflanzen aufgenommen werden können. Letztlich entsteht ein zirkulärer Stoffaustausch zwischen den Bäumen, dem Boden, den Mikroorganismen und der Luft, der die Aufrechterhaltung des gesamten Ökosystems ermöglicht. Das Ökosystem «Wald» ist wiederum Teilsystem des grösseren Systems Biosphäre der Erde. Wie diese biologischen Systeme sollte auch eine regenerative Lebensmittelproduktion funktionieren: Am Anfang steht die nachhaltige agrarische Urproduktion von Rohstoffen. Die Verarbeitung und die Wertschöpfung aus allen Strömen erfolgt mit dem Fokus auf der direkten Verwertung für die menschliche Ernährung, auf der Verhinderung von Lebensmittelabfällen sowie auf der Verminderung des Verbrauchs von Energie und anderen Ressourcen – die selbstverständlich aus regenerativen Quellen stammen sollten. Die Geschäftsmodelle sollten langfristig orientiert, zirkulär und damit enkeltauglich sein. Konkret könnte das so aussehen: Regenerative Prozesse in der Landwirtschaft fördern durch verschiedene Freilandkulturmassnahmen wie beispielsweise die Fruchtfolge auf den Produktionsflächen aktiv das Mikrobiom im Boden. Das Bodenleben wiederum ist für die Steigerung des gesunden Ertrags und der Biodiversität entscheidend. Denkbar wären hier auch Zellkulturen , die ganz gezielt für die Herstellung von Nahrungsmitteln eingesetzt werden könnten. Die Zellen für die Vermehrung werden aus dem Ursprungsgewebe der Pflanzen – beispielsweise der Kakaobohne – entnommen und ohne genetische Veränderung in eine Stammkultur übergeführt. Danach findet die Vermehrung der Kulturen in einem speziellen Tank statt, in dem man die Umweltbedingungen beeinflussen kann: Temperatur, Gashaushalt, mechanische Bewegung, Licht und andere Faktoren können in diesem System genau überwacht und gesteuert werden. Die Nährstoffquellen dieser Kulturen stammen aus der hiesigen Landwirtschaft. Der Herstellungsprozess ist deutlich besser kontrollierbar als in Systemen, bei denen Pestizid- und Düngereinsatz die Regel und Wettereinflüsse unberechenbar sind. Auf diese Weise kann mehr vom Guten aus der Pflanze für die Humanernährung bereitgestellt werden, und dies bei Verminderung des Ressourcenverbrauchs. Fehlproduktionen, verbunden mit Foodwaste, sowie Nebenströme bleiben die Ausnahme – alle Ströme werden zu Hauptströmen. Zudem könnten die Zellen nahe dem Ort der Veredelung kultiviert werden. Letztlich bedarf es bei einer regenerativen Lebensmittelherstellung auch neuer Geschäftsmodelle und Kooperationen. Aus einstigen Rivalen könnten Partnerinnen an einem gemeinsamen Produktionsstandort werden. Einer der Unternehmenspartner würde dann beispielsweise den flüssigen Hauptstrom zu pflanzenbasierten Drinks verwerten und die andere Geschäftspartnerin den festen Hauptstrom in pflanzenbasierte Fleischalternativen oder Back- und Teigwaren verarbeiten. Zum Feierabendbier in geselliger Runde ist dann die Brauerei-Pizza mit gesunden Inhaltsstoffen aus dem Biertreber zu haben. Regenerative Lebensmittelproduktion steht auch für Genuss mit gutem Gewissen. Gisela und Tilo Hühn

Planetary Health – Folge 3: Allgemeine Geschäftsbedingungen des Planeten

Wenn wir auf diese Welt kommen, unterzeichnen wir keine Allgemeinen Geschäftsbedingungen, denen wir verpflichtet sind, und bekommen keine Gebrauchsanweisung zum ordnungsgemässen Verhalten einschliesslich des Verbrauchs von Umwelt. Vieles ist eine Frage der Umstände und der Sozialisierung. Durch gegenseitige Schuldzuweisungen, Verbote und Verzicht adäquates Handeln sicherstellen zu wollen, bleibt begrenzt wirkungsvoll. Wenn Konsumentinnen und Konsumenten zu Kundinnen und Kunden werden, steigt ihre Identifikation mit dem Produkt oder der Dienstleistung. Das Individuum als Teil der Gesellschaft gibt persönliche Rechte auf und erhält dafür Zugehörigkeit und Sicherheit. Was wäre, wenn wir dieses Konzept der Zugehörigkeit auf die Gesamtheit der Weltbevölkerung ausweiten und auf die Herausforderung der planetaren Gesundheit mit allen Lebewesen anwenden würden? Eine Vision, die sehr utopisch erscheint, gleichzeitig für das Überleben unser Spezies und damit vieler anderer Lebensformen aber wesentlich sein könnte. Die als Chaos bezeichnete, unbeschreibliche Komplexität und Ordnungslosigkeit löst bei vielen Menschen ein Ohnmachtsgefühl aus. Der Versuch, diese Ohnmacht allein mit rationalen Verfahren zu überwinden, scheitert. Wissenschaftliche Erkenntnisse, insbesondere als isolierte Fakten betrachtet, haben überwiegend nur vorläufig Gültigkeit. Die Vermessung der Welt gipfelte in einer disziplinären Fragmentierung eines Descartes und der Taylorisierung der Produktionsprozesse in Form einer statischen Arbeitsteilung. Eine starke Reglementierung droht in Erstarrung zu enden. Durch automatisiertes Denken und die gezielte Betonung von scheinbar beobachteten Zusammenhängen entsteht eine Simulation, die Erkenntnisse ermöglicht und gleichzeitig begrenzt. Dieses Konstrukt bestimmt die Wirksamkeit. Gezielt von Meinungsmacherinnen und -machern an das Individuum gesendete Informationen sorgen dafür, dass erwartete Botschaften (ich will das hören, was in mein Weltbild passt) subtil verstärkt werden und das Denken und Handeln durch soziale Medien programmiert wird. Kritisches Denken und Reflexion werden dabei bedroht, da für die erwünschte Meinung viele Fakten generiert werden, die Resonanz erzeugen und Positionen verteidigen. Wo der Mensch sich auf den Weg gemacht hat, durch Künstliche Intelligenz selbst zum Schöpfer zu werden und den Zweifel über die Anwendung von Regelwerken abzuschaffen, triumphieren Individualität, Einzigartigkeit und Selbstbestimmung, oder es besteht die Gefahr, dass die Maschinen die Kontrolle übernehmen und wir in einer Dystopie enden. Eine Utopie hingegen kann sich auf der Grundlage der Überwindung der Definitionsmacht von Hierarchien, die von Unterwürfigkeit, Hörigkeit und Ritualismus geprägt waren, entfalten. Die Komplexität von biologischen Systemen war immer vorhanden. Menschen versuchen diese Zusammenhänge zu dekonstruieren. Dabei besteht die Gefahr, den Blick fürs Ganze zu verlieren. Zusammenhänge aufzuspüren, diese zu beobachten, zu beschreiben und zu prüfen und in den Gesamtkontext zu stellen, ist die Herausforderung unserer Zeit. Dennoch ist der Weg, das Ganze zu respektieren und einzubeziehen, vielleicht die letzte Chance der Postmoderne, die Herausforderungen besser zu verstehen, umzukehren und wo möglich zu regenerieren. Die Wahrnehmung des grossen Ganzen ist Voraussetzung, um als Teil davon Verantwortung zu übernehmen. Der Aufbau von Wertschöpfungsnetzwerken mit diversen und inklusiven Beschaffungs- und Verarbeitungsstrukturen fördert Transparenz, erzeugt Resilienz und bildet so die Grundlage, um Vertrauen zurückzugewinnen. Die Verlagerung der Lebensmittelherstellung von der Produktion zum Konsum sowie ihre Reintegration in Form eines Prosumenten, die zunehmende Gentrifizierung, die Rolle des Tourismus und der digitalen sowie medialen Vernetzung sind wesentliche Faktoren bei der Schaffung von Wertschöpfungsnetzwerken. Konsumenten erfahren und erkennen zunehmend durch eigene Herstellung von Lebensmitteln die Zusammenhänge biologischer Systeme. Wie es sich bei der Renaissance der Strategien zur Haltbarmachung durch Fermentation zeigt. Sie werden so zu Gestalterinnen und Gestaltern in den Wertschöpfungsnetzwerken. Diese Macherinnen-und-Macher-Bewegung sammelt Erfahrungen und baut Kompetenzen auf, um Lebensmittel selbst herstellen und Konsumentscheidungen qualifiziert treffen zu können. Damit verbunden ist das Interesse, die Herstellung von Lebensmitteln besser zu verstehen und die oft oberflächlichen Markenbotschaften zu hinterfragen. Der produzierende, informierte Konsument wird so zum kundigen Prosumenten. Mit der Rückkehr von Quartiergärten in Städten und Urban-Farming-Projekten wird der Sehnsucht Rechnung getragen, die Kontrolle über die Produktion von Lebensmitteln zurückzugewinnen, denn in der Wahrnehmung vieler ist nichts wertvoller als das, was aus dem «eigenen Garten» stammt. Regionalität und Saisonalität sind neben ethischen Anforderungen an Lebensmittel zu einem sehr wichtigen Kriterium geworden. Dort, wo die Prosumentinnen und Prosumenten nicht direkt beteiligt sind oder hinschauen können, erwarten sie belastbare Informationen. Können der Horizont erweitert und die Auswirkungen menschlichen Handelns individuell erlebbar gemacht werden, entsteht vielleicht die Grundlage für ein verantwortlicheres Handeln als Erdbürgerinnen und Erdbürger. Das Problem wächst, solange wir anderen die Verantwortung und damit die Schuld für negative Effekte der Produktion von Lebensmitteln zuschreiben. Umwelt und Biodiversität sollten als unveräusserbares Gemeineigentum betrachtet werden, denn was niemandem gehört, hat keinen Wert, und was verkauft werden kann, unterliegt den Kräften des Marktes. Das Leben auf unserem Planeten sollte dem nicht ausgeliefert sein. Der Handel mit Umweltzertifikaten zeigt, wie dysfunktional sich der Tausch anonymisierter, nicht direkt einzelnen Produkten oder Herstellungsschritten zuzuordnender Emissionsmengen auswirkt. Verantwortung könnte wirken, wenn wir damit aufhören, diese zu delegieren und durch monetäre Transferleistungen abzugelten. Wirksamer und sinnvoller wäre es, Verantwortung zu teilen und diese im Sinne von möglichst vielen wahrzunehmen. Die Möglichkeit, Schuld durch Verantwortung zu ersetzen, besteht nur, falls wir es schaffen, Transparenz in einem Wertschöpfungsnetzwerk zu erzeugen. Lebensmittel verantwortungsvoll für Mensch und Umwelt zu produzieren, ist nur möglich, wenn die bereits belasteten oder gar zerstörten Systeme regeneriert werden. In der Landwirtschaft existieren bereits entsprechende Bemühungen, um klimawirksame Faktoren zu vermeiden oder zu binden und Massnahmen zum kontrollierten Umgang mit Wasser und zur Erhöhung der Biodiversität zu treffen. Stoffkreisläufe müssen untersucht und verstanden werden, bevor eine nachhaltige Regeneration erfolgen kann. So wirkungsvoll global angelegte Initiativen sein mögen, regenerative Aktivitäten müssen auch lokal beginnen und schrittweise Wirkung erzeugen. Den Fokus zu eng auf den Bereich der Urproduktion zu richten, ist verfehlt. Regenerative Konzepte zur Verarbeitung und Herstellung von Lebensmitteln müssen dezentral gefunden und im Sinne von Netzwerken umgesetzt werden. Gisela und Tilo Hühn

Planetary Health: Weshalb aus Nahrungsmittelketten Netzwerke werden müssen

Der Weg in die Krise ist vorgezeichnet: Die Zahl der Menschen auf diesem Planeten wächst und mit ihnen der Verbrauch der Ressourcen. Der Weltüberlastungstag rückt immer näher zum Jahresanfang hin und der Kipppunkt beim Weltklima droht mit Wahrscheinlichkeit bereits Mitte des Jahrzehnts. Vor allem unser heutiges Ernährungssystem hat sehr negative Einflüsse auf unsere Umwelt. Selbst wenn wir ab sofort bescheidener würden: Mit Verzicht allein könnten wir die Abwärtsspirale nicht stoppen. Wir müssen schon anpacken und den Planeten aktiv reparieren mit einem neuartigen System, das den gegenwärtigen Agro-Food-Systemen aus ihrem Dilemma hilft. Dieses Dilemma liegt ganz wesentlich in der sequenziellen und linearen Wertschöpfungskette, angefangen bei der Herstellung von Saatgut, Düngemitteln oder Pflanzenschutz über die Landwirtschaft, die Lebensmittelverarbeitung und den Transport bis hin zum Handel und zur Gastronomie. Jedes Glied dieser Kette ist spezialisiert auf seinen ganz eigenen Bereich und schaut kaum über den Tellerrand hinaus. Und wenn, dann höchstens bis zu den direkt angrenzenden Gliedern. Deshalb versucht auch jeder Bereich das Optimum für sich herauszuholen, ungeachtet der Schäden, die dadurch angerichtet werden könnten. Kommt hinzu, dass die Nahrungsmittelketten seit Jahren auf Effizienz und niedrige Kosten getrimmt wurden. Die Folge ist einerseits die Konzentration auf mächtige Player. Und zum anderen führte dies zu einem mörderischen bis selbstmörderischen Preis- und Kostendruck. Ressourcen, Lebensmittel, Arbeitskraft und Umwelt wurden entwertet. Die westliche Welt orientierte sich beim Wert der Nahrungsmittel vor allem am Preisschild. Dabei galt: je billiger, umso besser. Das Know-how über das Wirtschaften im Einklang mit der Natur verschwand und wurde durch Standardisierung und intensivere Ressourcennutzung ersetzt. Dies hatte zum einen negative Folgen für die Umwelt, etwa durch den zunehmenden Foodwaste oder ausgelaugte Ackerböden. Es hat aber auch Folgen für den Geschmack: Hunderte von Joghurtsorten stehen in den Kühlregalen, die doch alle ähnlich schmecken, um dem Mainstream zu gefallen. Die Konsumentinnen und Konsumenten erfuhren wenig von diesen Entwicklungen und dem Dilemma bei den Agro-Food-Systemen. Im Gegenteil: Da Manpower und finanzielle Ressourcen weg von der Produktion hin zur Vermarktung verschoben wurden, wuchs die Asymmetrie hinsichtlich der Informationen stark. Mit immer grösseren Anstrengungen im Marketing wurde eine Welt der grenzenlosen Vielfalt gezeichnet. Verpackungen wurden immer grösser und bunter, verbunden mit negativem Impact in den Ökobilanzen. Erfreulicherweise zeichnet sich allmählich ein Umdenken ab, nicht zuletzt dank der modernen Medien. Bei den Konsumentinnen und Konsumenten wächst die Erkenntnis – was sie dadurch kundig macht –, dass ihre Kaufentscheidung sehr bedeutend für den Verlust von Biodiversität und Klimawandel ist. Sie erkennen, dass durch die Abkehr von einer Landwirtschaft, die um die Wichtigkeit der Selbsterhaltung weiss und entsprechend handelt, eine Todesspirale in Gang gesetzt wurde. Themen wie Gesundheit, Nachhaltigkeit, Klimaveränderung, Tierwohl, Verfügbarkeit und regenerative Landwirtschaft rücken stärker ins Blickfeld und bewirken Bewusstseins- und Verhaltensänderungen. Es wird deutlich, dass es eines grundlegenden Prozessmusterwechsels bedarf: Aus den Wertschöpfungsketten müssen Wertschöpfungsnetzwerke werden. Dabei würden auch die Konsumentinnen über Kundinnen zu Prosumentinnen – eine Mischung aus Produzierenden und Konsumierenden –, und auch diese würden eingebunden. Sind alle mit allen im Netz verbunden, übernehmen viele Verantwortung. Niemand kann sich davonstehlen und die Schuld für Umweltschäden auf andere abwälzen, schon gar nicht auf die grosse anonyme Allgemeinheit. Dann wäre der Weg frei in Richtung Netzwerk für eine neue, verantwortungsvolle, regenerative Ökonomie, die so dringend notwendig ist gegen die Krise und die Kipppunkte. Gisela und Tilo Hühn

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