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Der Wächter über Qualität und Zahlen

In den benachbarten Büros wuchern Topfpflanzen und prangen private Bildergalerien. Ganz anders bei Benjamin Muff. Auf dem Tisch, am Whiteboard, auf dem Fenstersims: Jede Fläche ist nur mit dem Allernötigsten belegt. Computerbildschirm und Tastatur hier, ein A4-Ausdruck der Spitalabteilungen dort. Funktionalität scheint oberste Priorität zu haben. Der 35-Jährige sieht sich erstaunt um, als man die spartanische Ausstattung erwähnt, und schmunzelt: «Ich war schon immer ein aufgeräumter Mensch.» Wer einen Job hat wie er, muss wohl genau so strukturiert sein wie dieser Arbeitsplatz. Zeitgleich mit dem Abschluss seines Masterstudiums am Departement Soziale Arbeit der ZHAW im Sommer 2021 stieg Muff vom Teammitglied zum Leiter des Qualitäts- und Projektmanagements im Sozialdienst des Universitätsspitals Zürich auf, eines Betriebs mit 43 Kliniken und 8600 Mitarbeitenden. Zum Sozialdienst, bei dem Muff bereits seit 2019 angestellt ist, gehören neben der Gesamtleitung 20 Fachleute der Sozialen Arbeit am Standort Zürich sowie gut zehn Mitarbeitende im RehaCenter in Stettbach, welche Fälle bearbeiten oder beraten. Weiter koordiniert eine Verantwortliche des Freiwilligendienstes Einsätze von 250 Mitarbeitenden. Wer hier nicht gut sortiert ist, kann leicht die Übersicht verlieren. «Bei über 40 Prozent haben wir es mit komplexen Fällen zu tun.» Benjamin Muff, Leiter Projekt- und Qualitätsmanagement Universitätsspital Zürich Während des Gesprächs öffnet Muff am Computer mehrere Dokumente mit Statistiken. Das Auftragsvolumen des Sozialdienstes ist beträchtlich: Im vergangenen Jahr waren es 8500 Fälle. Dazu gehören persönliche Beratungen bei Krankheit, Unfall oder Pflegebedürftigkeit, um den Unterstützungsbedarf zu klären und eine passende Versorgungsform zu finden. Dazu kommen die rein administrativen Tätigkeiten im Reha-Bereich, also ohne Kontakt mit den Patientinnen und Patienten. Die zeitliche Bandbreite ist ebenfalls gross. Eine einfache IV-Abklärung dauert in der Regel rund 30 Minuten, ein Austritt in eine Pflegeeinrichtung, etwa für einen älteren Menschen, beansprucht im Durchschnitt sechs bis acht Stunden. Und dann gibt es Ausnahmen wie jene Zwillingsgeburt bei einer suchtmittelkranken Frau, welche 60 Stunden beanspruchte. «Bei über 40 Prozent haben wir es mit komplexen Fällen zu tun», sagt Muff, scrollt durch noch mehr Zahlen und zeigt ein Formular, das für die Leistungserfassung verwendet wird. Um als «komplex» qualifiziert zu werden, müssen mehrere Indikatoren erfüllt sein, beispielsweise Fremdsprachigkeit, Demenz oder kognitive Einschränkungen. Dies abzuklären, gehört ebenfalls zu den Aufgaben der Sozialberatung und erfolgt auf der Basis der Daten, die aus den Kliniken elektronisch übermittelt werden. Jeden Morgen werden die neuen Fälle im Team verteilt. Obwohl er nur noch ausnahmsweise direkt mit Patientinnen und Patienten arbeitet, ist der ZHAW-Absolvent bei diesen Meetings immer dabei. Die Nähe zum Team sei ihm wichtig. Sein Büro teilt er auch nach dem Wechsel ins Qualitäts- und Projektmanagement weiterhin mit einer Kollegin, welche externe Telefonanrufe entgegennimmt. Es klingelt denn auch an diesem Vormittag immer wieder, doch das scheint Muff nicht im Geringsten abzulenken. «Ich kann einem Chefarzt widersprechen, weil ich nicht direkt ins hierarchische Gefüge eingebunden bin.» Benjamin Muff, ZHAW-Absolvent Soziale Arbeit Zur Beratungstätigkeit zog es Muff, der nach seiner KV-Lehre durch einen Zivildiensteinsatz zur Sozialen Arbeit fand, schon während des Studiums. Und zwar bei der Schuldenberatung des Kantons Zürich. Dort absolvierte er sein zweites Praktikum und entdeckte dabei, was ihn beruflich besonders reizt: die Verbindung von juristischen und institutionellen Wissensbereichen wie Sozialrecht und Versicherungen einerseits mit der praktischen Vernetzungsarbeit andererseits. Oder, wie er seine Tätigkeit zusammenfasst: kommunizieren, organisieren, dokumentieren. Hinter ihm hängt ein weisser Arztkittel am Schrank. Diesen muss er tragen, wenn er Patientinnen oder Patienten besucht. Mit dem Kleidungsstück ist bis heute ein Nimbus und damit eine Distanzierung von den Adressatinnen und Adressaten verbunden. Dennoch sieht Benjamin Muff auch einen Vorteil darin: «Der Sozialdienst geht gerne einmal vergessen im medizinischen Alltag. Der Kittel wiederum drückt eine Zugehörigkeit zum Unternehmen aus.» Dennoch möchte er die Freiheiten nicht missen, die es mit sich bringt, an keine der Kliniken angeschlossen zu sein. «Ich kann einem Chefarzt widersprechen, weil ich nicht direkt ins hierarchische Gefüge eingebunden bin», sagt Muff und erzählt vom Fall eines Obdachlosen. Der Arzt wollte diesen nach beendigter Behandlung in eine stationäre Einrichtung überweisen. «Unsere Sozialanamnese jedoch zeigte, dass der Mann seit Jahren draussen lebte und eine Unterbringung einen negativen Eingriff in sein Leben bedeutet hätte», sagt Benjamin Muff. Das viele Dokumentieren, Zahlenschaufeln und detailgenaue Abklären möge manchmal aufwendig sein, räumt selbst er ein. «Aber gerade in Fällen wie diesem zeigt sich, wie wichtig es ist.» Regula Freuler

Sorgen, Hilfe, Selbsthilfe: Familien in der Krise

Haben Menschen einen Unfall oder eine Naturkatastrophe überstanden, lauten die ersten Fragen: Wie sind sie mit ihrer Angst und ihrem Stress umgegangen? Wer war für sie da? Und was können wir aus ihren Erfahrungen lernen? Die Corona-Pandemie ist ein ebenso einschneidendes Ereignis. Wie die Menschen sie bewältigt haben, war bereits Gegenstand einiger Studien und beschäftigt die Wissenschaft nach wie vor. Bisher kaum unter­sucht wurde hingegen, wie es Eltern und Kindern erging, die schon vor der Pandemie Probleme hatten. Sie würden ganz besonders betroffen sein von der kollektiven Krise – so die Erwartung. Aber war das wirklich so, oder wussten zumindest manche sich selbst zu helfen? Um das herauszufinden, hat ein Forschungsteam des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie bei Familien nachgefragt, die kurz vor oder in der Pandemie verschiedene Angebote der Kinder- und Jugendhilfe im Kanton Zürich in Anspruch nahmen. Für ihre Studie «Familiäre Ressourcen in der Krise?» haben die beiden Studienleiter David Lätsch und Tim Tausendfreund sowie ihr Team des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie zwischen Oktober 2020 und Juni 2021 in einer schriftlichen Befragung Antworten von 571 Eltern und 86 Jugendlichen erhalten. Zudem wurden 17 Familien persönlich interviewt. Alle Befragten werden unterstützt von Fachpersonen der Erziehungs- und Besuchsrechtsbeistandschaften, der Mütter- und Väterberatung, der heilpädagogischen Früherziehung oder der Beratungs- und Elternbildungsstelle «zeppelin – familien startklar» . Nicht alle Hilfen werden freiwillig in Anspruch genommen, manche werden von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) angeordnet. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich: Eltern sind überfordert oder krank, das Kindeswohl ist gefährdet, oder nach einer Trennung soll gewährleistet sein, dass ein Kind zu beiden Elternteilen den Kontakt aufrechterhalten kann (Besuchsrechtsbeistandschaften). «Kinder sorgen sich nicht nur um sich selbst, sondern vor allem auch um ihr soziales Umfeld.» Tim Tausendfreund, Co-Studienleiter, ZHAW Soziale Arbeit Zunächst scheinen sich die Antworten der Befragten gar nicht so sehr zu unterscheiden von jenen aus anderen Studien mit Familien, die nicht in Hilfesysteme eingebunden waren oder über mehr sozioökonomische Ressourcen verfügen. So geben rund vier Fünftel aller Eltern an, dass man während des Lockdowns in der Familie ziemlich oder sehr gut miteinander auskam. Drei Viertel berichten, dass man die Situation im Lockdown gut bewältigte (siehe Abbildung). Aber auch von Schwierigkeiten wird berichtet. Ein Sechstel der Eltern fand, dass sich die Qualität der Zeit, die sie mit ihren Kindern verbrachten, während des Lockdowns zumindest teilweise verschlechtert habe. Ähnlich hoch wie in anderen Untersuchungen ist auch in dieser Studie der Anteil der Jugendlichen, die sich Sorgen machen. So berichten 56 Prozent der befragten Jugendlichen im Februar 2021, dass sie manchmal oder öfter besorgt darüber sind, wie die Pandemie ihre schulische Zukunft beeinflussen könnte. Und schliesslich beschäftigt viele Jugendliche in den Wochen der zweiten Corona-Welle das Geld: 54 Prozent machen sich manchmal oder häufiger Sorgen um die Finanzen der Familie, fast die Hälfte sorgt sich auch um die Entwicklung der familiären Finanzen in der Zukunft (siehe Abbildung unten). Hier sieht das ZHAW-Team Parallelen zur Children’s-World-Studie , einer internationalen Studie zum kindlichen Wohlbefinden, die die Forschenden vor der Corona-Pandemie durchgeführt haben: «Kinder sorgen sich nicht nur um sich selbst, sondern vor allem auch um ihr soziales Umfeld», erklärt Co-Studienleiter Tim Tausendfreund . Für das Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich und die Sozialen Dienste der Stadt Zürich, welche die Studie in Auftrag gaben, war wichtig zu erfahren, ob die von ihnen angebotenen Hilfen für die Familien von Nutzen waren, um die Krise zu bewältigen. Ein Blick auf die Auswertungen zeigt: Es sind Hilfen angekommen, aber nicht bei allen. Angebote der Mütter- und Väterberatung und heilpädagogische Früherziehung fanden grosse Zustimmung. Bei den stärker belasteten Familien, die Hilfe durch Beiständinnen oder Beistände erhielten, waren die Unterschiede in den Bewertungen grösser. Zunächst irritieren mag, dass sich in der Interviewstudie 9 von 17 Eltern während des Lockdowns stark belastet fühlten, aber nur zwei von ihnen erzählen, dass die Beiständinnen sie emotional unterstützten. Hätte in dieser Hinsicht nicht mehr Unterstützung von den Fachpersonen kommen müssen? «Das könnte man annehmen, aber die Eltern selbst bewerten diese Diskrepanz meist nicht negativ», sagt David Lätsch . Den meisten scheint es gar nicht unbedingt in den Sinn gekommen zu sein, emotionalen Beistand ausgerechnet von den Beiständen zu erwarten. Und Co-Studienleiter Tausendfreund vermutet: «Möglicherweise haben manche Eltern ein Narrativ der Resilienzbildung entwickelt, das heisst, sie finden, die schwierigen Erfahrungen hätten den Zusammenhalt der Familie nicht etwa geschwächt, sondern gestärkt.» Zugleich zeigt die Studie, wie einschneidend insbesondere die erste und zweite Welle der Corona-Pandemie für die sozialen Kontakte waren. Und wie wichtig für Kinder und Jugendliche ihre Freunde und Familienmitglieder sind, wenn es um die Lösung persönlicher Probleme geht. Gefragt nach Hilfen, die sie während der Pandemie vermissten, weisen Eltern vor allem auf bessere Möglichkeiten der Kinderbetreuung und auf stärkere Unterstützung bei der schulischen Begleitung der Kinder hin. Manche hätten sich zudem Angebote gewünscht, die Kontakte mit Gleichaltrigen oder Eltern in ähnlichen Lebenssituationen ermöglicht hätten. Die Ergebnisse der Studie sind nun die Basis für Workshops oder Praxisempfehlungen des Amts für Jugend und Berufsberatung und der Sozialen Dienste der Stadt Zürich. Das Ziel ist, die Angebote künftig noch besser auf die Ressourcen und Bedürfnisse der unterstützten Familien auszurichten. Regula Freuler

«Die Solidarität ist gross»

Stefanie Pfrunder zieht einen Flyer aus ihrer Mappe. Er zeigt jüngere und ältere Menschen als gezeichnete Figuren, alle mit Superman-Cape. «Das ist unsere zweite Generation von Flugblättern», sagt die Bachelorstudentin und fügt lachend an: «Im Vergleich zur ersten merkt man, dass wir inzwischen jemanden mit Grafik-Kenntnissen im Team haben.» Am Anfang musste eben alles schnell gehen. Innert kürzester Zeit hat Pfrunder mitgeholfen, ein Nachbarschaftsnetzwerk in Zürich-Altstetten aufzubauen. Initiantin der «Solidarischen Nachbarschaftshilfe K9» war eine andere junge Frau: Fabienne Vukotic. Als der Bundesrat am 13. März die Massnahmen gegen das Coronavirus verschärfte, entschloss sie sich zu handeln und suchte auf der Plattform hilf-jetzt.ch nach Gleichgesinnten. Tags darauf meldeten sich Stefanie Pfrunder sowie noch zwei weitere bei Vukotic, nach einer Woche waren es über 100. Von da an ging es Schlag auf Schlag. Innerhalb von zwei Tagen hatte die Gruppe das Helfernetzwerk und die Koordinationsstruktur festgelegt. Man einigte sich darauf, was vermittelt wird: Einkäufe, die Besorgung von Medikamenten oder auch einfach Gespräche gegen die Einsamkeit. Inzwischen sind rund 400 Helferinnen und Helfer ins Netzwerk eingebunden. Kommuniziert wird über Telegram, Softphone und ein digitales Organisationstool, eine physische Zentrale gibt es nicht. «Was mich bis heute fasziniert: Ich kannte vorher keinen dieser Menschen», sagt Stefanie Pfrunder. «Dass sich auf anonymer Basis eine so grosse und zuverlässige Gruppe bilden lässt, zeigt: Die ist Solidarität gross.» Stefanie Pfrunder hat bereits einen Master in Pflanzenphysiologie der Universität Zürich. «Ich habe mich stets in Vereinen und Gruppen engagiert, aber lange nicht daran gedacht, dass das ein Beruf sein könnte.» Nach einer anderthalbjährigen Velotour und einem Brotjob als Verpackerin bei einem Lebensmittel-Onlinehändler reifte in ihr die Gewissheit, dass ihr beim ursprünglichen beruflichen Weg die menschliche Substanz fehlte, wie sie es nennt. So entschloss sie sich für das Studium Soziale Arbeit an der ZHAW und bewarb sich bei der Stadt Zürich. Pfrunder bekommt für ihren Freiwilligeneinsatz Credit Points. Indem die ZHAW Soziale Arbeit den Einsatz anrechnet, will das Departement in der Corona-Krise Organisationen des Sozialwesens entlasten. Rund 40 Studierende haben sich dafür gemeldet. «Ich freue mich natürlich über die Punkte, aber ich wäre auch sonst aktiv geworden», ist Stefanie Pfrunder überzeugt. «Ich wünsche mir soziale Plattformen, auf denen man nicht nur Gegenstände, sondern auch Wissen, Talent, Fähigkeiten teilt.» Anfangs wurde das Netzwerk im Kreis 9 nicht gerade überflutet mit Anfragen, erzählt sie. «Aber es geht im Grunde nicht um die Menge, sondern um die Qualität. Die Gespräche waren intensiv, und die Menschen freuten sich allein schon darüber, mit jemandem reden zu können.» Negative Erfahrungen habe sie fast keine gemacht. Nur einmal regte sich jemand auf, einen Flyer im Briefkasten zu finden. Auch zu Betrugsfällen kam es nicht – trotz der Anonymität in der Gruppe. «Wir haben eine Datenschutzerklärung eingebaut, die einen zu den einzelnen Personen zurückführen würde», sagt Pfrunder, «und bei neuen Kontakten, die ich vermittelt hatte, rief ich anfangs im Anschluss noch einmal an, um sicherzugehen, dass alles gut abgelaufen ist.» Mittlerweile sind die Anfragen deutlich zurückgegangen, und die meisten aus dem Helfernetz sind wieder stärker in ihren eigenen Alltag eingebunden und nicht mehr so flexibel verfügbar. Das Projekt wird aber nicht beendet, sondern befindet sich in einer Transformationsphase. Eine Kerngruppe von 32 Teilnehmenden hat sich gebildet. Zum einen wollen sie den Namen ändern, weil es bereits einen Verein mit dem fast identischen Namen «Nachbarschaftshilfe» gibt und dieser auch im Kreis 9 präsent ist. Zum anderen will man nun per Umfrage und Diskussion herausfinden, wie es inhaltlich weitergehen soll. Die bisherige Resonanz zeigt, dass viele Gedanken in Richtung Sharing-Plattform und Stärkung des Gemeinschaftslebens gehen: Reparatur-Werkstätten, Cafés, Koch- und Tanzabende. Wichtig ist Pfrunder, dass keine Doppelspurigkeiten entstehen. «Wir sind darum im engen Austausch mit den etablierten Einrichtungen im Quartier, mit den Gemeinschaftszentren und anderen», betont sie. Was wünscht sie sich, mit dieser Initiative auszulösen? Sie muss nicht lange überlegen: «Mehr persönliche Begegnungen im Quartier und die unentgeltliche Nutzung vorhandener Ressourcen. «Auf der Plattform oder den Plattformen, die ich mir erhoffe, teilt man nicht nur Gegenstände, sondern auch Wissen, Talent, Fähigkeiten.» Als Nächstes hofft Stefanie Pfrunder, dass sich die Lage beruhigt, damit sie mit allen Beteiligten im Sommer ein Fest feiern kann, sowohl mit Helfenden wie auch mit Nutzniessenden – eine weitere Gelegenheit, die Gemeinschaft zu stärken. Impressionen der Studierenden im Freiwilligeneinsatz Regula Freuler

Daten sammeln für das Kindeswohl

Geht es um Kinder, wird die Diskussion schnell emotional. Erst recht, wenn traurige Ereignisse wie Missbrauch oder Vernachlässigung publik werden. Haben die Behörden zu spät gehandelt und das Wohl des Kindes damit gefährdet? Griffen sie zu früh oder zu rigoros ein und trieben Eltern und Kind in die Verzweiflung oder gar zu fatalen Aktionen? Solche Fragen beschäftigen nicht nur die breite Öffentlichkeit, sondern genauso jene Menschen, die beruflich im Bereich des Kindesschutzes tätig sind. Ihre Aufgabe ist es, die körperliche und seelische Integrität von Kindern und Jugendlichen zu sichern. Dazu müssen sie in komplexen und oftmals auch widersprüchlichen Situationen Abklärungen treffen und Entscheidungen fällen, die nicht nur mit hohen Risiken, sondern auch mit Unsicherheit verbunden sind. «In der Schweiz basierte die Arbeit im Kindesschutz lange Zeit auf einer Kombination von persönlicher Erfahrung und spezifischer Weiterbildung, dazu kam viel Intuition», sagt David Lätsch vom Institut für Kindheit, Jugend und Familie der ZHAW Soziale Arbeit . «Wir haben in den letzten Jahren daran gearbeitet, evidenzbasierte Instrumente in die Praxis einzuführen. Nicht um Intuition und menschliches Ermessen überflüssig zu machen, sondern um es zu unterstützen.» Ein Problem bei diesem Ansatz bleibt jedoch, dass es immer noch zu wenig empirische Forschung im Kindesschutz gibt, speziell in der Schweiz. Das betrifft alle Stufen eines Kindesschutzverfahrens, von der Erkennung einer Gefährdung bis hin zur Entscheidung über die Intervention, im äussersten Fall eine Fremdplatzierung des Kindes. Lätsch will deshalb herausfinden, ob und wie algorithmische Codes diesen Prozess verlässlicher machen könnten. Er bereitet ein Forschungsprojekt vor, mit dem es gelingen soll, verschiedene Interventionsmethoden auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. Predictive Chance Modelling (PCM) nennt sich sein Ansatz. Zunächst müssen systematisch Angaben über die Familien gesammelt werden. Dazu gehören Administrativdaten, beispielsweise Alter, Bildungsgrad oder die familiäre Konstellation von Eltern und Kind, aber auch vorangehende Interventionen oder Sozialleistungen, die allenfalls bereits beansprucht worden sind. Genauso wichtig sind zusätzlich fein aufgelöste Daten zum Familiensystem wie etwa die subjektive Gesundheit und das psychische Befinden von Eltern und Kind oder die Qualität der Eltern-Kind-Interaktion, die im Kontakt mit der Familie erhoben werden, meist durch Sozialarbeitende. Anhand neuerer Ansätze der Datenmodellierung lässt sich dann ermitteln, welche Intervention in einem konkreten Fall die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit hat. Das heisst im Regelfall: Wie man die Familie am besten darin unterstützen kann, für das Wohl der Kinder zu sorgen. Um es mit der Medizin zu vergleichen: Werden Medikamente auf ihre Wirksamkeit getestet, erfolgt dies mit randomisierten, kontrollierten Studien, mit zufällig zugeordneten Testgruppen und Scheinbehandlungen mit Placebo. Diese Art von Forschung ist beim Kindesschutz jedoch nahezu inexistent. Einer der Gründe dafür sei der Anspruch auf Rechtsgleichheit, sagt David Lätsch: «Kaum jemand in der Praxis würde dafür plädieren, dass man bei der Wahl der Intervention einen Würfel einsetzt.» «Interventionen finden immer in einem Zwangskontext statt, da möchten viele Familien nicht auch noch Fragebogen ausfüllen.» David Lätsch, Institut für Kindheit, Jugend und Familie Als weiteren Grund für die Probleme herkömmlicher Forschungsdesigns im Kindesschutz nennt der Forscher und Dozent die Hürden bei der Beteiligung der Familien: «Interventionen finden immer in einem gewissen Zwangskontext statt, da möchten viele Familien nicht auch noch alle vier Wochen einen Fragebogen ausfüllen oder für Interviews zur Verfügung stehen.» Den entscheidenden Vorteil des Predictive Chance Modelling sieht Lätsch darin, dass man den «natürlichen Zufall, der im System bei der Entscheidung über Interventionen ohnehin drin ist, für Forschungszwecke nutzen kann. Hat man einen Datensatz von 7000 Familien, kumuliert das enorm viel praktische Erfahrung», sagt der Forscher. So werden in der Praxis für Familien in ähnlichen Situationen oft unterschiedliche Interventionen gewählt – unter anderem eben deshalb, weil es bisher keine unstreitigen Kriterien für die Entscheidung gibt. Bei sehr vielen Fällen lässt sich anhand dieser zufälligen Variation nun mit statistischen Mitteln rekonstruieren, welche Intervention in einer bestimmten Ausgangslage am verlässlichsten für positive Verläufe sorgt. Im angelsächsischen Raum, allen voran in den USA, arbeitet man schon länger mit statistischen Methoden im Kindesschutz. Allerdings ist man dort weitgehend auf Risiken fixiert, auf die Vorhersage von Gefährdungen, nicht von positiven Hilfeverläufen. Auswertungen des sogenannten Predictive Risk Modelling (PRM) zeigen, dass damit mehr Fälle verhütet werden können als unter Anwendung intuitiver Methoden. Allerdings ist dort auch der Ansatz ein anderer: In den USA wartet man eher lange mit Interventionen, reagiert dann aber entschlossen, während man in Europa und auch in der Schweiz eher ein Wohlfahrtssystem pflegen möchte, das möglichst vielen Familien möglichst früh Unterstützung bietet. «Wir sind gut beraten, wenn wir beide Ansätze zusammenbringen», ist David Lätsch überzeugt, «das heisst, wenn wir die Stärken eines empirischen, evidenzbasierten Ansatzes verbinden mit einer Haltung, welche die Familie nicht als Objekt eines staatlichen Eingriffs anschaut, sondern als Partner mit grundsätzlich sehr hohem Interesse an der Entwicklung ihres Kindes.» Er zieht noch einmal den Vergleich zur Medizin, bei der sich weitgehend etabliert hat, den Patienten oder die Patientin in die Entscheidungsfindung miteinzubeziehen: «Im Kindesschutz ist es komplizierter, weil es drei Parteien sind, aber man kann trotzdem relativ weit gehen mit dem Einführen von empirischen Befunden und Evidenzen, soweit man die Autonomie der Eltern und Kinder respektiert.» Aber natürlich gebe es auch Grenzen des Dialogs, sagt David Lätsch: «Liegen schwerwiegende Fälle von Missbrauch oder Misshandlung vor, gibt es nichts mehr zu verhandeln.» Regula Freuler

Seine Ideen sollen Gemeinden altersfreundlicher machen

Die Mittagssonne leuchtet durchs Fenster, als Simon Stocker die Tür öffnet, die direkt in die Wohnküche führt. Auf dem Tisch trocknen leere Babyschoppen und Nuggis: Vor einigen Monaten ist der 40-Jährige Vater geworden. Beruflich befasst er sich mit Menschen am anderen Ende der Lebensspanne. Stocker ist Experte für Alterspolitik. Warum dieses Berufsfeld? «Ich mag alte Menschen», begründet er seine Berufswahl. «All das angesammelte Wissen. Diese Gelassenheit. Eine überzogene individualistische Anspruchshaltung ist den meisten von ihnen fremd», findet er. «Man verwendet dafür auch ein altmodisches, aber treffendes Wort: Dankbarkeit.» Die Familienwohnung in Zürich-Wipkingen dient auch als Stockers Büro. Er ist Projektleiter bei GERONTOLOGIE CH, einer Plattform für Lebensqualität im Alter. Zudem wirkt er auf Mandatsbasis bei der Umsetzung der Altersstrategie 2035 der Stadt Zürich mit. Seit der gebürtige Schaffhauser in den nuller Jahren an der ZHAW Soziale Arbeit studierte, setzt er sich intensiv mit Alterspolitik auseinander. «Der öffentliche Diskurs ist leider oftmals negativ konnotiert», findet er. «Ständig wird über Kosten gesprochen, dabei sind diese Menschen enorme Ressourcen für das Gemeindewesen. Das sollte man nutzen, indem man neue Formen der Mitwirkung schafft.» «Ich hatte ein Praktikum auf einer Demenzabteilung gemacht. Das war eine so positive Erfahrung.» Noch vor seinem Bachelorabschluss Anfang 2008 bewarb er sich um eine Stelle bei Pro Senectute. «Ich hatte ein Praktikum auf einer Demenzabteilung gemacht. Das war eine so positive Erfahrung, dass ich fortan in diesem Fachbereich tätig sein wollte und nirgendwo anders», erzählt er. Stocker bekam die Stelle und wurde in den Bezirken Affoltern und Dietikon für Gemeindliche Altersarbeit zuständig. «Das Einzugsgebiet bietet eine spannende Kombination, von städtischer Peripherie bis zum 500-Seelen-Dorf ist alles dabei», erinnert er sich. Auch politisch war es für ihn herausfordernd in einem Umfeld, das in bürgerlichen Händen liegt. Dennoch blieb ihm nebenbei genug Zeit für einen Master of Advanced Studies in Gemeinde-, Stadt- und Regionalentwicklung an der Hochschule Luzern. Schliesslich zog es ihn in die Selbstständigkeit. Gemeinsam mit einer Kollegin beriet er während einiger Monate im Stadtentwicklungs- und Sozialbereich verschiedene Schweizer Gemeinden und Altersheime. «Eigentlich wollte ich damals ganz auf diese Karte setzen, aber dann wählte man mich ‹dummerweise› in den Schaffhauser Stadtrat.» Simon Stocker lacht. Das war ironisch gemeint. Natürlich sei sein Interesse am Amt ernsthaft gewesen: «Wenn schon kandidieren, dann richtig.» Man kann sich gut vorstellen, wie er die Wählerinnen und Wähler überzeugt: Er spricht eloquent, beweist Bodenhaftung. Man spürt sein Engagement. Er wirkt nahbar. Als Politiker der Alternativen Liste war er bereits bekannt in seiner Heimat. Während seines Bachelorstudiums sass er im Grossen Stadtrat, danach im Stadtschulrat. Nach der Wahl bekam er 2013 den Sitz des Sozial- und Sicherheitsreferenten – und war unter anderem zuständig für die Altersheime. Die politischen Gestaltungsmöglichkeiten als Stadtrat seien inspirierend gewesen, sagt er: «Aber nach einer Weile reizte mich eine fachliche Vertiefung, ich wollte mir noch mehr Rüstzeug aneignen.» Und so ging er zurück an die ZHAW für den Master , damals noch ein Kooperationsstudiengang mit der Hochschule Luzern, den er berufsbegleitend absolvierte. Mittlerweile ist er in Luzern auch als Aussendozent tätig. «Sozialmanagement- und Führungsfragen haben mich schon immer beschäftigt, und das Masterstudium ist die ideale Gelegenheit, sich damit auseinanderzusetzen.» «Sozialmanagement- und Führungsfragen haben mich schon immer beschäftigt, und das Masterstudium ist die ideale Gelegenheit, sich damit auseinanderzusetzen», ist Stocker überzeugt. Auch die Lernatmosphäre schätzte er sehr, vor allem vom zentral gelegenen Toni-Areal schwärmt er: «Ein toller Ort!» Schon bald nach seinem Masterabschluss spürte Simon Stocker erneut den Drang nach Veränderung. Fast zwanzig Jahre war er nun in Schaffhausen in verschiedenen Funktionen aktiv, politisch, gesellschaftlich, kulturell. Eine lange Zeit. Ausserdem war seine damalige Freundin – heute seine Ehefrau – Leiterin eines historischen Museum in Berlin. Der Familienwunsch sei mitunter ein Grund dafür gewesen, dass er im Herbst 2019 bekannt gab, bei den Wahlen im folgenden Jahr nicht mehr zu anzutreten. Und dann kam Corona. Gerade für Altersheime bedeutete die Pandemie höchste Verunsicherung. «Eine Frau rief mich an und weinte, weil sie ihre sterbende Mutter nicht besuchen durfte», erinnert sich Stocker. Einer von vielen schwierigen Momenten für den damaligen Stadtrat. Zudem begann er sich für die Zeit nach der Exekutivpolitik vorzubereiten und absolvierte berufsbegleitend an der School of Management and Law der ZHAW eine Weiterbildung in managementorientierter BWL . Jahreswechsel 2021, neuer Lebensabschnitt. Eigentlich wollte er dieses Jahr zunächst eine Auszeit nehmen und reisen, aber eben: Corona. Also zog die junge Familie nach Zürich. Man sieht dem gut sortierten Zuhause an, dass es noch nicht allzu lange bewohnt wird – und auch nicht ständig. Wegen der Museumsstelle von Stockers Ehefrau verbringen sie viel Zeit in Berlin. Statt durch Europa zu tingeln, leitet Stocker also seit Anfang Jahr bei GERONTOLOGIE CH den Bereich Alterspolitik. Ein schöner terminlicher Zufall: Gleichzeitig hat die Weltgesundheitsorganisation die Dekade des guten Alterns 2021–2030 ausgerufen. Beim bereits 1953 gegründeten Netzwerk – damals Schweizerische Gesellschaft für Gerontologie SGG SSG genannt – ist er mit dem Aufbau des Programms «Altersfreundliche Gemeinden» befasst. Mittlerweile steht die Finanzierung, jetzt geht es um den Massnahmenkatalog, den man den Gemeinden ab Oktober 2021 zur Verfügung stellen wird. Die Formulierung «zur Verfügung stellen» ist Simon Stocker wichtig: «Wir leisten kein Consulting, sondern entwerfen Programme, die wir den Gemeinden als Instrumente oder Werkzeuge anbieten.» «Wie Seniorinnen und Senioren im öffentlichen Raum unterwegs sein können, ist essenziell für ihre Unabhängigkeit und Lebensqualität.» Ein zweites wichtiges Standbein ist sein Mandat bei der Altersstrategie der Stadt Zürich . Diese umfasst 44 Massnahmen in vier verschiedenen Handlungsfeldern. Es geht um Wohnen, Pflege und Unterstützung, aber auch um Informationen zu Angeboten im Quartier, Teilhabe sowie Mobilität. Mit Letzterer beschäftigt sich Stocker. «Wie Seniorinnen und Senioren im öffentlichen Raum unterwegs sein können, ist essenziell für ihre Unabhängigkeit und Lebensqualität», weiss Simon Stocker. «Sitzgelegenheiten sind wichtig, ebenso Barrierefreiheit.» Die Aufhebung eines Zebrastreifens kann einer Katastrophe gleichkommen: «Einige sind vom Mischverkehr schlichtweg überfordert.» Er hat Quartierbegehungen entwickelt, am 1. Oktober – am Internationalen Tag der älteren Menschen – geht es los. Zudem konzeptioniert er die erste Alterskonferenz der Stadt Zürich mit, die Ende November stattfindet. Ab Frühjahr 2022 wird er zudem als Lehrbeauftragter an der ZHAW unterrichten. Während Simon Stocker von den Probebegehungen erzählt, öffnet sich die Wohnungstüre: Ehefrau und Söhnchen kehren von einem Spaziergang zurück. Ist der Altersexperte bereits zum Kleinkindexperten geworden? «Von älteren Menschen verstehe ich sicherlich mehr», meint er lachend. Regula Freuler

Erwachsenenschutz: Lea-Maria Leu will dem einzelnen Menschen gerecht werden

Dreizehn Kilometer können einen Unterschied machen. So viel beträgt die Strecke zwischen Lea-Maria Leus Arbeitsort – der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde in Dübendorf – und ihrer Wohnung in der Stadt Zürich. Gelegentlich joggt sie abends heim: Äusserer Abstand schafft inneren Abstand. «Manche Fälle lassen einen nach Feierabend nicht los», sagt die 31-Jährige. Wir treffen uns an einem grauen Winternachmittag bei ihr zu Hause. Neben dem Esstisch hängt ein Schwarzweiss-Plakat der Cinémathèque suisse aus den Achtzigern, an eine andere Wand gelehnt stehen alte Bilder. Alles Erbstücke des Onkels – und Ausdruck von Leus privater Seite, die beinahe ihre berufliche geworden wäre. Schon als Jugendliche interessierte sie sich für Kunst, und bis heute fotografiert, malt und druckt sie. Aber um auf diesem Gebiet eine Karriere einzuschlagen, habe ihr der Mut gefehlt. Aus früheren Tagen stammen auch ihre Tätowierungen, die an Hals und Armen aus dem Shirt ranken: florale Muster, Gefieder, Ornamente. «Das hatte sowohl mit Kunstaffinität wie auch mit meiner extrovertierten Introvertiertheit und mit Rebellion zu tun», sagt Leu lachend. «Ich wollte wohl auf leise Art laut sein.» Nur mässig motiviert absolvierte sie damals eine Handelsmittelschule. Als sie danach ein kaufmännisches Praktikum im Asylamt Biel machte, kam sie erstmals mit Sozialer Arbeit in Kontakt: Flüchtlinge sollten auf die Durchgangszentren im Kanton verteilt werden. Wie wird man dabei dem einzelnen Menschen gerecht? «Ich will ihnen nicht sagen, wie sie leben sollen, sondern sie dabei unterstützen, wie sie leben wollen.» Lea-Maria Leu, KESB-Mitarbeiterin Diese Frage beschäftigte sie, weshalb sie anschliessend befristet in einem solchen Zentrum in Reconvilier im Berner Jura Asylsuchende betreute. «Es war ziemlich trostlos», erzählt Lea-Maria Leu, «man konnte den Menschen kaum Abwechslung bieten, sie mussten einfach abwarten, manche von ihnen bis zu drei Jahren.» Nach einer Auszeit nahm Leu eine Stelle im IT-Support des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten an. Doch statt sich dort ein Informatikstudium bezahlen zu lassen, wie man es ihr anbot, entschied sie sich 2013 für ein Studium in Sozialer Arbeit. Sie machte den Bachelor an der Fachhochschule Nordwestschweiz teilweise im vollen Pensum und arbeitete zusätzlich in zwei Jobs. «Ich war oft erschöpft», erinnert sich Leu. Heute würde sie das Pensum besser verteilen. Besser angepackt habe sie es bei der Wahl der beiden Studiumspraktika: «Sie halfen mir, meine berufliche Identität zu finden.» Als Erstes arbeitete sie in der Stiftung Netzwerk in Uster, einer Non-Profit-Organisation unter anderem für begleitetes Wohnen für junge Menschen zwischen 16 und 22 Jahren. Wer eine Wohnung haben wollte, musste eine Tagesstruktur nachweisen. Wer diese verlor, musste ausziehen. «Ich empfand das als hart. Und ich merkte, dass mir der stationäre Jugendbereich zu nah am eigenen Alltag war», erzählt sie. «Welche Nähe hält man aus und welche nicht? Auch das lernt man im Praktikum.» «Welche Nähe hält man aus und welche nicht? Auch das lernt man im Praktikum.» Lea-Maria Leu, ZHAW-Masterabsolventin Das zweite Praktikum erfolgte 2015 bei ihrem heutigen Arbeitgeber, der KESB Dübendorf. Diese Behörde gab es damals erst seit zwei Jahren. «Zuerst hatte ich Vorbehalte, weil es ein Zwangskontext ist. Aber die Aufgaben sind eben auch sehr menschlich, und man muss sie menschlich angehen», betont Lea-Maria Leu. Bei der KESB arbeitet sie nun schon seit sechseinhalb Jahren, inzwischen als Fachmitarbeiterin und Ersatzbehördenmitglied. Im vergangenen Sommer schloss die gebürtige Burgdorferin ihr Masterstudium an der ZHAW ab: «Es ermöglichte mir die nötige fachliche Vertiefung. Und es hilft für das ‹Standing› am Arbeitsplatz neben Juristinnen und Psychologen.» Lea-Maria Leu beschäftigt sich in ihrem beruflichen Alltag überwiegend mit Erwachsenenschutz. Zu diesem Fachgebiet hat sie denn auch ihre beiden Abschlussarbeiten geschrieben. Beim Bachelor beschäftigte sie sich mit dem Entscheidungsfindungsprozess, beim Master mit Selbstbestimmung. Durch die demografische Veränderung – unsere Gesellschaft altert – gewinnt der Erwachsenenschutz, vor allem für ältere Menschen, in der Sozialen Arbeit an Bedeutung. Laut der jüngsten Statistik der Konferenz der Kantone für Kindes- und Erwachsenenschutz (KOKES) bestand Ende 2020 in der Schweiz für fast 100 000 Erwachsene eine Schutzmassnahme. Das sind fast 10 000 mehr als noch drei Jahre zuvor. Mit ihrer Masterthesis hat Leu eine Forschungslücke in Angriff genommen. Bisher existierten keine Studien dazu mit Fokus auf die Sicht von älteren verbeiständeten Personen, wie es im Behördenjargon heisst. «Ich fand das erstaunlich, zumal das 2013 revidierte zivilrechtliche Erwachsenenschutzrecht die Selbstbestimmung des Individuums in den Mittelpunkt rückte», sagt Leu. Die Errichtung der Beistandschaft bringt gewisse Einschränkungen, aber auch Möglichkeiten mit sich. Wie dies erlebt wird, eruiert Leu in leitfadengestützten Interviews mit Personen im Alter von 68 bis 80 Jahren. Vier der fünf Befragten sahen vor allem die positiven Seiten, da sie bei administrativen und finanziellen Angelegenheiten entlastet wurden. Dass man hingegen um sein eigenes Geld sozusagen bitten müsse, empfanden manche als störend oder gar demütigend. «Das ist verständlich», räumt die KESB-Mitarbeiterin ein. Dennoch ist das Ergebnis ihrer Befragungen erhellend: Selbstbestimmung ist auch innerhalb von Grenzen durchaus möglich. «Manche glauben, es sei ein undankbarer Job. Aber gerade im Erwachsenenschutz sind viele Menschen froh um Unterstützung.» Lea-Maria Leu, Sozialarbeiterin Am juristischen Kontext ihres Berufs schätzt Lea-Maria Leu, dass sie viele Fragen analytisch angehen kann, vom Eingang einer Gefährdungsmeldung bis zur Empfehlung für einen Entscheid. Trotz aller rationalen Abstraktion in der Fachabklärung ist sie überzeugt: «Es ist enorm wichtig, die betroffenen Menschen im ganzen Prozess mitzunehmen, auch wenn dazu mehrere Gespräche nötig sind.» Die verbreiteten Vorbehalte gegenüber ihrer Arbeit kennt sie: «Manche glauben, es sei ein undankbarer Job. Aber gerade im Erwachsenenschutz sind viele Menschen froh um Unterstützung.» Und was antwortet sie jeweils auf den häufig geäusserten Vorwurf, die KESB verletze die familiäre Privatsphäre? «Leider geschehen die meisten Missbrauchsfälle innerhalb der Familie. Da muss man eingreifen können – zum Schutz der Betroffenen», betont Lea-Maria Leu. Wenn sich Menschen von ihr abgeholt fühlen, sieht sie sich in ihrer Tätigkeit bestätigt: «Ich will ihnen nicht sagen, wie sie leben sollen, sondern sie dabei unterstützen, wie sie leben wollen.» Regula Freuler

Pflegekinder: Auffallend normal oder rebellisch

Da ist zum Beispiel Lena. Ihr Vater war schwer chronisch krank und die Mutter psychisch labil und überfordert. So kam Lena im Alter von neun Monaten in eine Pflegefamilie. Heute ist sie 19 Jahre alt. Nach ihrer Situation gefragt, findet sie: normale Schulbildung, normale Hobbys, normale Familie. Vor allem Letzteres klingt überraschend. Mehr als das: Obwohl Lena weiss, dass sie mit ihrer Pflegefamilie biologisch nicht verwandt ist, glaubt sie, dass sie irgendwie «im Bauch der Pflegemutter gewesen» ist. Wieso? «Die Frage, ob sie normal sind, taucht bei Pflegekindern eigentlich immer auf», sagt Daniela Reimer vom ZHAW-Departement Soziale Arbeit . «Sie werden nicht nur in der Forschung sehr genau untersucht, sondern auch in der Gesellschaft und beispielsweise in Bezug auf die psychische Gesundheit kritisch bewertet.» Sie sind deshalb viel stärker als andere Kinder herausgefordert, für sich selbst eine Normalität zu konstruieren. Lena ist eines von 50 ehemaligen Pflegekindern, die von ZHAW-Dozentin Reimer im Rahmen diverser Forschungsprojekte befragt worden sind. Daraus ist auch Reimers Dissertation entstanden. Die diplomierte Sozialarbeiterin und Pädagogin hat die Interviews daraufhin analysiert, wie diese jungen Menschen Normalität für sich schaffen. Auf dieser Basis entstand ein theoretisches Modell, aus dem heraus Reimer vier Typen bildete. Diese stellen verdichtet dar, wie ehemalige Pflegekinder auf verschiedene Arten Normalität konstruieren und ausbalancieren: Typ 1 behauptet Normalität, notfalls gegen alle Widerstände, Typ 2 lebt Normalität vor und entgeht damit Risiken, Typ 3 philosophiert über fehlende Normalität und relativiert sie teilweise dadurch, und Typ 4 zelebriert fehlende Normalität und riskiert Exklusion. Lena gehört zum Typ 1. Sie präsentiert sich als über alle Massen normal, und falls daran Zweifel aufkommen, glättet sie die Realität bis zur Unkenntlichkeit. Daher vermeidet sie den Kontakt zur Herkunftsfamilie und streitet jede optische oder charakterliche Ähnlichkeit vehement ab. «Bei Menschen dieses Typus spielen Mythen um die Inpflegegabe eine wichtige Rolle, die Unterbringung in genau dieser Pflegefamilie wird als schicksalhaft betrachtet», erklärt Reimer, die Mitglied der Forschungsgruppe Pflegekinder an der Universität Siegen (D) ist. Der Preis dafür ist ein eingeschränkter Freundeskreis, weil man ständig um das Stigma fürchtet. Ausserdem wird es für Typ 1 schwierig, sich zu einer autonomen Person mit einer eigenständigen Lebensführung zu entwickeln. Aber es gibt auch Vorteile: «Menschen wie Lena profitieren von den Ressourcen, die ihnen die Pflegefamilie bietet, das macht sie handlungsfähig», sagt die ZHAW-Dozentin. Auch die 18-jährige Amisha, die im Alter von zwei Jahren in eine Pflegefamilie kam, präsentiert sich einerseits als betont normale junge Frau. Anders als bei Lena ist jedoch nicht die Pflegefamilie der alleinige Normalitätsanker, sondern auch andere gesellschaftliche Faktoren. Dazu gehören etwa geschlechtstypische Handlungsmuster. So gibt sich Amisha stereotyp weiblich, sie hat einen Beruf ergriffen, den man landläufig Frauen zuordnet. Ausserdem pflegt sie viele enge Freundschaftsbeziehungen zu Gleichaltrigen. «Auf diese Weise stellt Amisha eine Zugehörigkeit zu dem her, was sie als normal wahrnimmt», erklärt ZHAW-Dozentin Reimer. «Zugleich grenzt sie sich deutlich von jenen Menschen ab, die in ihren Augen fehlende Normalität repräsentieren.» Jedoch kollidiert bei solchen Menschen – wie auch bei Amisha – der Wunsch nach Normalität regelmässig mit dem Bewusstsein für die eigene, spezielle Lebensgeschichte. Zum Typ 3, der die fehlende Normalität stetig thematisiert, könnte man Hannah zählen. Sie kam als Baby in eine Pflegefamilie, in der sie bis 16-jährig lebte. Dann brach sie das Pflegeverhältnis ab. Im Interview mit Daniela Reimer präsentierte sie sich als unnormal, ihre Homosexualität unterstreicht aus ihrer Sicht diese Zuschreibung. Menschen wie Hannah kompensieren die fehlende Normalität oftmals durch ein hohes Bildungsniveau. «Dies erlaubt ihnen, ihre empfundene fehlende Normalität zu reflektieren – wodurch dieser Typus paradoxerweise vom Umfeld teilweise als normal wahrgenommen wird», so Reimer. Positive Freundschaftserfahrungen im jungen Erwachsenenalter sind ebenso Ressourcen wie die gelebte Autonomie. Diese kann wiederum zum Risiko werden, wenn sie überbetont wird und in Einsamkeit führt. Beim vierten Typus ist dieses Risiko besonders gross. Er zelebriert seine fehlende Normalität und riskiert die Ausgrenzung. Bei diesem Typus ist der Umstand, ein Pflegekind zu sein, einerseits Makel, andererseits wird ein Nutzen daraus gezogen. So etwa beim interviewten Dave, der ab dem Alter von zweieinhalb Jahren in einer Pflegefamilie aufwuchs. Er begründet seine fehlende Normalität vor allem mit seinen diversen medizinischen Diagnosen und therapeutischen Interventionen. Der 21-Jährige erwartet von seinem Umfeld maximale Rücksichtnahme und Verständnis. Gleichzeitig äussert Dave Zukunftssorgen und Angst, sozial ausgeschlossen zu werden. Beziehungen sind für diesen Typus generell kompliziert. «Natürlich lassen sich Menschen nicht in solche Raster pressen», betont Daniela Reimer. Wichtig sei, die Auseinandersetzung der Pflegekinder mit ihren Vorstellungen von Normalität in ihrer Komplexität zu sehen, damit sowohl Chancen wie auch Risiken erkannt werden. Was bedeutet das für die Praxis der Pflegekinderhilfe? «Solche Modelle bieten zwar keine klaren Handlungsanweisungen», räumt die ZHAW-Dozentin ein. Dennoch können Haltungen für die Betreuung von Pflegekindern herausgearbeitet werden. Dazu gehöre unter anderem, vordergründig unverständliches Verhalten auch als Taktik zu verstehen, mit welcher die Pflegekinder eine Normalitätsbalance aufrechtzuerhalten versuchen. Oder ihnen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um Ambivalenzen auszuhalten und flexible Familienbilder zu entwickeln, die ihren Lebensrealitäten besser entsprechen als stark normalistische. Was aber bedeutet Normalität überhaupt? « Sie stellt nicht einfach den statistischen Durchschnitt dar oder die Norm, aber sie steht mit beidem in Zusammenhang», hält Reimer fest. «Normalität ist volatil. Das heisst: Was normal ist und was nicht, wird in jeder Gesellschaft ausgehandelt, und dies ständig aufs Neue.» Eine Konstante hingegen ist, dass Menschen permanent mit sogenannten Normalitäten konfrontiert werden, sei dies nun in Bezug auf den Körper, auf den Lebensstandard, die Bildung, den Beruf oder die Sexualität. Sich ständig mit gesellschaftlichen Normalitätserwartungen auseinandersetzen zu müssen, klingt anstrengend, es gehört aber zu den Dingen, die alle Menschen permanent leisten «Bei den meisten Menschen festigen sich die Vorstellungen dessen, was Normalität ist und in welchen Bereichen sie selbst mehr oder weniger normal sind, mit den Jahren, das wird zu einem wichtigen Teil der Identität», sagt die ZHAW-Dozentin. «Auch bei Pflegekindern.» Ihre Studie versteht Daniela Reimer denn auch als Appell an Wissenschaft und Praxis, die Nebenwirkungen stigmatisierender Zuschreibungen in den Blick zu nehmen, die eigene Forschung und Praxis diesbezüglich zu hinterfragen und daran zu arbeiten, einer vielschichtigeren Perspektive auf Pflegekinder und ihr Aufwachsen mehr Raum zu geben. Regula Freuler

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