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Wird unsere Gesellschaft immer radikaler?

Vorfälle mit Linksautonomen an Demos. Strassenblockaden von Klimaaktivisten. Treffen von Rechtsextremen. Jihad-Reisende. Christliche Fundis. Gewalt von Hooligans. Angriffe auf Blaulichtorganisationen. Hass im Internet. Und politische Polarisierung. Alle diese Phänomene gibt es auch in der Schweiz. So verschieden sie sind, könnten sie doch eines gemeinsam haben: die Tendenz zur Radikalisierung. Stimmt der Eindruck? Radikalisiert sich unsere Gesellschaft? «Mit einer solchen Diagnose bin ich höchst vorsichtig», antwortet Dirk Baier. Der Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW sitzt am Bürotisch, vor sich den Laptop und wissenschaftliche Studien mit gesicherten Erkenntnissen. «Unsere Ansprüche an korrektes Verhalten haben sich erhöht: Deshalb reagieren wir sensibler, wenn jemand das friedliche Zusammenleben stört.» «Man kann nicht pauschal sagen, dass sich die Gesellschaft radikalisiert», stellt er dann fest. Auch bei der Kriminalität hätten viele den Eindruck, sie nehme zu. Das belege die Statistik aber keineswegs. Die Jugendgewalt etwa sei zurückgegangen. Wenn schon, trifft laut Baier der gegenteilige Befund zu. Über einen längeren Zeitraum gesehen, sei die Welt friedlicher geworden, die Gesellschaft zivilisierter. Aggressionen und Gewalt würden stärker kontrolliert. Dass Radikalität auffällt, kann für den Forscher ein Ausdruck zivilisatorischen Fortschritts sein. Unsere Ansprüche an korrektes Verhalten hätten sich erhöht: «Deshalb reagieren wir sensibler, wenn jemand das friedliche Zusammenleben stört.» «Alles, was irgendwo passiert, ist ganz schnell ganz nah bei uns.» Noch vor zwanzig Jahren, sagt Baier, wäre es beispielsweise kaum einem Polizisten in den Sinn gekommen, von Jugendlichen im Ausgang Respekt einzufordern. Heute werde deren Verhalten viel schneller als respektlos eingestuft. In der Schweiz wirke zudem das politische System «befriedend». In der direkten Demokratie kann man seine Anliegen einbringen und allfälligen Unmut an der Urne kundtun. Der aus Sachsen (D) stammende Baier sieht hier einen wichtigen Unterschied zu Deutschland, wo dies weniger möglich sei und sich deshalb mittlerweile verschiedene politische Milieus feindlich gegenüberstünden. Dass trotzdem auch in der Schweiz viele das Gefühl hätten, Entwicklungen liefen aus dem Ruder, hat laut Baier mit der Mediengesellschaft zu tun: «Alles, was irgendwo passiert, ist ganz schnell ganz nah bei uns.» Aus weit entfernten Ereignissen würden persönliche Probleme. Und der Eindruck wachse, da müsse man doch etwas dagegen unternehmen. Baier nennt das Beispiel des islamistischen Terrors. Obwohl es in der Schweiz – «Holz anrühren!» – nie zu einem Anschlag kam, gaben in einer Umfrage acht von zehn Personen an, sich stark davor zu ängstigen: «Dabei war die Sicherheit objektiv stets gegeben.» Der Forscher mahnt zur Differenzierung. Für ihn fängt das schon bei den Begriffen an: «Radikal heisst noch nicht extremistisch.» Historisch gesehen brauche es manchmal Radikalität: «Die 68er hatten radikale Gedanken und machten unsere Gesellschaft offener.» Radikalität werde erst in Verbindung mit bestimmten Methoden zum Problem. Dann spreche die Wissenschaft nicht mehr nur von radikal, sondern von extremistisch. Baier hat dies bei 17- und 18-jährigen Jugendlichen in der Schweiz untersucht. Er fand eine gewisse Zustimmung zu radikalen bis extremen Positionen links und rechts. Dabei kamen Sympathien für linksradikale, antikapitalistische, anarchistische Ideen häufiger vor als solche für rechte, fremdenfeindliche, autoritäre Haltungen. Muslimische Jugendliche äusserten überdies breite Zustimmung zu antiwestlichen Einstellungen. Als die Jugendlichen allerdings gefragt wurden, ob sie bereit wären, zur Durchsetzung der Ideologien Gewalt anzuwenden, sanken die Ja-Raten bei allen sehr stark. Bei den muslimischen Jugendlichen lag die Zustimmung zu islamistischem Extremismus letztlich unter drei Prozent. «Doch dieses Ergebnis der Studie interessierte die Öffentlichkeit dann deutlich weniger», so Baier trocken. Eine Entwicklung bereitet auch dem nüchtern analysierenden Forscher Sorgen: die Schattenseiten des Internets und der neuen sozialen Medien: «Dadurch gibt es seit etwa zehn Jahren massiv erweiterte Möglichkeiten, sich auszutoben.» Noch fehle es an verbindlichen Spielregeln und Umgangsformen für die digitalen Plattformen, so Baier. Negative Folgen lassen sich zum Teil empirisch nachweisen. Cybermobbing, also Bedrohungen und Beschimpfungen im Internet, hat bei Schweizer Jugendlichen leicht zugenommen. Auch extremistische Radikalisierung vollzieht sich mehr und mehr unter dem Einfluss des Internets. Jugendliche sind dafür besonders empfänglich. Baier fand heraus: «Der häufige Konsum extremistischer Medien hat bei ihnen den stärksten Einfluss auf extremistische Radikalisierung.» Nebst den Inhalten spielen Social-Media-typische Mechanismen eine Rolle. Aufmerksamkeit erhält, wer laut und extrem ist, wer starke Thesen postet. Auch Feindbilder ziehen immer im Netz. Baier verweist auf das Beispiel von US-Präsident Trump, der vormache, wie sich die virtuelle Aufmerksamkeitslogik nutzen lässt. Nicht einmal vor Desinformation scheue dieser zurück. Verheerenderweise wüssten auch Terrororganisationen wie der «Islamische Staat» ihre gewaltverherrlichenden Botschaften professionell audiovisuell zu verpacken: «Sie sprechen vor allem junge Männer an», sagt der Forscher. Damit radikale Ansichten von Jugendlichen nicht in Gewalt umschlagen, sollte Prävention laut Baier im Internet ansetzen. Er begleitete vier Online-Pilotprojekte in der Schweiz, die den Extremismus mit positiven Inhalten und erhärteten Fakten zu bekämpfen versuchen. Die Videoclips und Blogbeiträge wurden von Jugendlichen mitproduziert, ansprechend gestaltet und auf sozialen Netzwerken wie Youtube, Instagram und Facebook geteilt. Sie wenden sich gegen Gewalt, Rassismus, Verschwörungstheorien und werben für Toleranz und Demokratie. Das Projekt « SwissMuslimStories » etwa porträtiert zehn gut integrierte junge Muslime. «Wir sollten dem Müll im Netz mehr Gutes entgegensetzen.» Auch wenn die Resonanz noch gesteigert werden könnte, sind solche Initiativen für Baier ein vielversprechender Anfang. Bisher dominiere der Müll im Netz, «wir sollten ihm mehr Gutes entgegensetzen.» Was Baier damit meint: sachliche Informationen, positive Botschaften, das reale Leben. Das Internet brauche mehr «Gegennarrative» zu Extremismus, Fake-News und Hate-Speech, sagt er. Auch die Jugendarbeit werde sich in Zukunft wohl vermehrt digital betätigen. Der Forscher kennt Beispiele aufsuchender Jugendarbeit im Netz, bei der Sozialarbeitende Jugendliche, die sich extremistisch äussern, online ins Gespräch ziehen. Youtube-Filmchen allein genügen aber nicht, um extremistischer Radikalisierung vorzubeugen. Sie sind für Baier nur Bausteine einer grösseren Strategie, die auch die gesellschaftlichen Ursachen angehe. Nicht zuletzt appelliert der Forscher an die Verantwortung der Erwachsenen zum konstruktiven Diskurs. Erwachsene seien selber zwar weniger anfällig für extremistische Radikalisierung: «In der Regel haben sie mehr zu verlieren als die Jungen, deshalb gehen sie nicht hin und zünden etwas an.» Erwachsene mit radikalen Einstellungen – «zum Teil noch radikaler als bei den Jungen» – könnten jedoch ein Meinungsklima erzeugen, das Jugendliche zur extremistischen Aktion ermutige. Das betreffe Eltern genauso wie Politikerinnen und Politiker. Ganz aktuell rät der Experte zum «klugen Umgang» mit den Jugendlichen, die seit mehr als einem Jahr für Massnahmen gegen die Klimaerwärmung demonstrieren. Wenn die Politik deren Ziele und Ideen jetzt nicht höre und zu kanalisieren versuche, «werden sich einige von ihnen radikalisieren», warnt Baier. Denn fehlende echte Partizipation sei erwiesenermassen ein Risikofaktor dafür. In einer Allianz mit linksextremen Strukturen könnte dann auch Gewalt zum Thema werden. «Warum nicht Jugendliche aus der Gemeinde einladen, einen Zehn-Punkte-Plan zu formulieren, und die Anliegen dann mit ihnen diskutieren?», schlägt Baier den Lokalpolitikern im Land vor. Demokratie live: beste Extremismusprävention für junge Leute. Susanne Wenger

Die Klimarebellin

«Es sind drastische Massnahmen erforderlich, aber selbst wir Aktiven sind oft nicht so konsequent, wie es nötig wäre.» Bereits seit zehn Jahren ist die Chemikerin Christina Marchand im Klimaschutz aktiv, aber heute ist es ihr ernster denn je. Diese absolute Lebensbedrohlichkeit des Klimawandels lasse sich leicht verdrängen, weil man sie hier wenig spüre. Deshalb engagiert sich die 50-Jährige seit knapp einem Jahr auch bei Extinction Rebellion. Die in Grossbritannien gegründete Bewegung hat in den grösseren Schweizer Städten Ableger und will die Gesellschaft mit Protestaktionen aufrütteln. Zum Beispiel im September 2019, als die Gruppierung in einer aufsehenerregenden Aktion in der Zürcher Innenstadt die Limmat giftgrün färbte, um auf die Dringlichkeit der Klimakrise aufmerksam zu machen. Damals stand Christina Marchand am Limmatufer, verteilte Flyer und informierte die Bevölkerung. Die Klimarebellen fordern in erster Linie, dass die Klimakrise als dringliches Problem anerkannt wird und auf gesellschaftlicher und nicht privater Ebene gelöst werden muss. Sie schlagen vor, der Politik ein Zusatzgremium in Form einer Bürgerversammlung zur Seite zu stellen. Das dritte Ziel ist netto null Treibhausgasemissionen bis 2030. «Wir sollten alle innehalten und das Maximale für die Lösung des Problems beitragen. Ich finde es seltsam, dass angesichts der Dringlichkeit alle einfach so weitermachen wie bisher», sagt sie und lacht ein wenig ungläubig. «Viele Organisationen und Menschen versuchen seit Jahren, den Klimawandel mit Worten und gutem Beispiel zu erklären und sind damit gescheitert.» Statt andere zu verurteilen, findet es Christina Marchand wichtig, mit gutem Beispiel voranzugehen , sei es als Privatperson oder als ganze Nation. Als Geschäftsleiterin und Gründerin der Stromvergleichsplattform mynewenergy.ch und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ZHAW am Institut für Innovation und Entrepreneurship kennt sie das Potenzial von neuen Technologien. Gleichzeitig gibt sie mit ihrer ruhigen, sachlichen Stimme zu bedenken, dass es Zeit braucht, bis die älteren, umweltschädlichen Energieproduktionsmethoden wie etwa Kohle verschwinden werden. An der ZHAW forscht und lehrt Christina Marchand zum Thema Startups im Energie- und Umweltbereich . Am liebsten würde sie jedoch noch mehr dazu beitragen, die Studierenden für gesellschaftliche Herausforderungen in dem Mass zu sensibilisieren, wie es die Klimakrise erfordert. An Protestaktionen von Extinction Rebelion nimmt sie als Privatperson teil. Ihr Hintergrund als Wissenschaftlerin hilft ihr, die Fakten fundierter zu erklären. Wie weit jede und jeder bei den Aktionen gehen möchte, ist den Einzelnen selbst überlassen. Bis jetzt ist Christina Marchand noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und hat es im Moment auch nicht vor – auch weil sie Kinder im Teenageralter hat. Mit ihnen und ihrem Ehemann pflegt sie einen klimafreundlichen Lebensstil: «Wir lieben es, andere Reisen zu planen als mit dem Flugzeug und Second Hand einzukaufen. Wir tun in allen Bereich das Möglichste und geniessen trotzdem unser Leben.» Denn sie möchte heute und in Zukunft nicht zu jenen gehören, die nichts getan und die Warnsignale übersehen haben. https://www.journal21.ch/corona-gegen-greta Susanne Wagner

Bessere Luftfilter und Textilien, die sich selbst desinfizieren

Elektronische Textilien, die sich selber desinfizieren können, daran arbeitet die Fachgruppe Analytische Technologien unter Chahan Yeretzian. Der anvisierte Stoff ist dreilagig: eine Membran zwischen zwei leitenden Schichten. Legt man eine elektrische Spannung darin an, so werden Ozon und andere Sauerstoffradikale freigesetzt, die Viren und Bakterien töten. So lässt sich die Oberfläche des Textils auf Knopfdruck sterilisieren, und zwar viel gründlicher als mit gängigen Desinfektionsmitteln. Der erzeugte Strom und auch die Ozonmenge sind dabei so klein, dass sie für Menschen ungefährlich sind. Die Idee stammt von der Firma Osmotex aus Thalwil. Diese Firma hat auch die zugrundeliegende Technologie entwickelt: 2018 brachte sie elektronische Textilien auf den Markt, die Schweiss effizient nach aussen transportieren – was ideal ist für Sportjacken. Schon hierfür gab es eine Zusammenarbeit mit der ZHAW. «Lustigerweise war es damals unsere Aufgabe, die Bildung von flüchtigen Stoffen wie Ozon zu reduzieren», sagt Chahan Yeretzian. «Im Corona-Zeitalter ist es umgekehrt: Nun prüfen wir, wie sich die Bildung von Ozon optimieren und dosieren lässt.» Eine Vorstudie, gefördert von der Innosuisse , läuft bereits, der Antrag für ein grösseres Projekt ist eingereicht. Wird es bewilligt, wollen die Forscher schon Ende Jahr erste Produkte präsentieren: Gesichtsmasken etwa oder eine kleine Tasche für unterwegs, in der man sein Handy oder Münz desinfizieren kann. Trond Heldal, der Forschungsleiter von Osmotex, hat aber noch viel mehr Ideen: «Schutzanzüge für das Gesundheitspersonal zum Beispiel. Sinnvoll wäre der Einsatz von selbstreinigenden Textilien, aber auch für Sitzbezüge im öffentlichen Verkehr – und ganz generell für Oberflächen, die oft berührt werden.» Unterstützt werden die Forscher von den ZHAW-Fachgruppen Mikrobiologie und Molekularbiologie von Martin Sievers sowie Funktionelle Materialien und Nanotechnologie von Christian Adlhart . Adlhart leitet überdies ein weiteres Innosuisse-Projekt: die Entwicklung einer neuen Generation von Atemschutzfiltern. «Im Antrag von 2019 sprachen wir explizit von Pandemieschutz – wir dachten dabei aber an Ebola», sagt Adlhart. Selbstverständlich werde der neue Filter aber auch gegen Coronaviren wirken. Entsprechend hatten die Wissenschaftler auch eine Sondergenehmigung erhalten, sodass sie während des Lockdowns weiterforschen durften. Der neue Filter entsteht in Zusammenarbeit mit der TB-Safety in Frick. Die Firma ist eine führende Anbieterin von Ganzkörper-Schutzanzügen, wie sie etwa Ärzte in Krisensituationen tragen. Im Projekt geht es um Filter, die in die Rückseite des Anzugs integriert werden, zusammen mit einem Gebläse, das permanent frische Luft hineinbringt. «Das Grundproblem von Filtern ist: Je kleiner die Löcher, desto besser zwar die Filtrierleistung – aber desto grösser auch der Widerstand für die Luft, die man durchpresst», sagt Adlhart. So wächst der Energiebedarf des Gebläses, die Batterie müsste riesig sein. Die Lösung: Nanofasern, die hundertmal dünner sind als menschliches Haar. Dank ihrer grossen Oberfläche filtern sie gut, lassen aber dennoch genügend Luft durch. Im aktuellen Projekt ordnen die Wädenswiler Forscher diese Fasern dreidimensional an, sodass eine schaumgummiartige, bis zu zwei Zentimeter dicke Schicht entsteht. Erste Tests zeigen, dass so gebaute Filter hervorragend funktionieren und sehr lange eingesetzt werden können. Derzeit arbeitet man daran, die Herstellung der Nanofaser-Struktur zu vereinfachen. Digitale Unterstützung kommt dabei von der ZHAW-Fachstelle Biomedizinische Simulation um Sven Hirsch . Bis Ende Jahr sollten die Prototypen des neuen Filters validiert und getestet sein. Mathias Plüss

Contact Tracing: Eine Vertrauensfrage

Es war April und die Schweizer Corona-Kurve flachte langsam ab, als die ZHAW School of Management and Law eine Studie zur geplanten SwissCovid-App lancierte. In den Wochen davor wurde in und ausserhalb der Schweiz viel über die sogenannten Tracing-Apps diskutiert. Die Meinungen gingen weit auseinander. Manche warnten vor dem Ausbau eines neuen Überwachungsstaats, andere betonten die Wichtigkeit einer konsequenten Rückverfolgung von Ansteckungsketten. «Uns hat interessiert, wie sehr die Bevölkerung der App vertraut», sagt Nico Ebert, Dozent am Institut für Wirtschaftsinformatik . Er hat die Studie gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Widmer vom Zentrum für Sozialrecht realisiert. «Die SwissCovid-App ist in Sachen Datenschutz gut durchdacht und bietet kaum Angriffsflächen.» Nico Ebert Nico Ebert befasst sich in seiner Arbeit vertieft mit Datenschutz und hatte sich in den Wochen davor das Design der App genau angeschaut. «Die SwissCovid-App ist in Sachen Datenschutz bis ins Detail durchdacht und bietet kaum Angriffsflächen für Missbrauch. Eine hinsichtlich Datenschutz sicherere Lösung kann ich mir kaum vorstellen», sagt Ebert. Er wollte wissen, ob dieses Design das Vertrauen der Bevölkerung stärkt. Grundlage der Befragung war eine App, die keine Standort- und Bewegungsdaten erfasst und bei der alle Daten dezentral gespeichert werden. Eine App, wie sie die ETH Lausanne und die ETH Zürich in den vergangenen Wochen gemeinsam mit dem Unternehmen Ubique entwickelt haben. An der Umfrage beteiligten sich rund 2000 Personen aus allen Landesteilen.Was Nico Ebert und Michael Widmer herausgefunden haben, scheint auf den ersten Blick widersprüchlich: 68 Prozent gaben an, die App auf jeden Fall oder wahrscheinlich zu installieren. Als Gründe nannten die Befragten vor allem das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Allgemeinheit und den Schutz von Familie und Freunden. Zugleich befürchteten 40 Prozent der Befragten, der Staat könnte die App als Vorwand nutzen, um die Bevölkerung stärker zu überwachen. «Einige formulierten dabei auch ganz grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Staat und den Behörden», so Ebert. 40 Prozent der befragten Personen befürchteten, dass die App nicht richtig funktioniere und beispielsweise Fehlalarme auslöse. Ein knappes Drittel sorgte sich, dass ihr Smartphone leichter gehackt werden könnte. «Trotz der grundsätzlich grossen Akzeptanz gibt es in der Bevölkerung offenbar einige Bedenken. Selbst gegenüber einer App wie dieser, die keine Standort- und Bewegungsdaten erfasst», sagt Nico Ebert. Dieses Resultat habe ihn überrascht. Wenige Wochen zuvor hatte ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Oxford University in mehreren europäischen Staaten eine Studie mit fast identischer Fragestellung durchgeführt und stiess dabei etwa auf dieselben Zustimmungen. Obwohl sich das geplante Design der Apps im Ausland zu jenem Zeitpunkt noch deutlich von der Schweizer Version unterschied. «Das Vertrauen in die App hängt offenbar von verschiedenen Faktoren ab. Das technische Design ist bei der Bewertung nur ein Faktor nebst weiteren.» Er halte es deshalb für zentral, bei der Einführung der App auf die Sorgen in der Bevölkerung einzugehen. «Es braucht Transparenz über die genaue Funktionsweise und über Massnahmen zur Wahrung des Datenschutzes.» Die ETH Lausanne und Zürich haben mit ihrem Protokoll namens DP-3T eine Lösung entwickelt, die mittlerweile von anderen Ländern übernommen wird. Dabei bleiben alle Informationen, welche Personen sich wann und wo getroffen haben, dezentral auf den einzelnen Smartphones gespeichert. Nach zwei Wochen werden alle Kontakte wieder gelöscht. Die App steht in den klassischen App-Stores als Download zur Verfügung. Kurz erklärt, funktioniert die SwissCovid-App so: Befinden sich zwei Smartphones in weniger als zwei Meter Abstand für mehr als 15 Minuten, wird dieser Kontakt auf beiden Geräten anonym gespeichert. Voraussetzung ist, dass beide Geräte die App installiert und Bluetooth aktiviert haben. Die App soll erkennen, wenn beispielsweise eine Wand zwischen den Geräten steht, Plexiglasscheiben hingegen erkennt sie nicht. Nutzer können die App aber jederzeit deaktivieren. Wird nun eine Person positiv auf das Coronavirus getestet, erhält sie vom kantonsärztlichen Dienst einen sogenannten Covid-Code. Diesen kann sie in ihrer App eingeben, worauf ein zentraler Server alle Nutzer benachrichtigt. Die einzelnen Apps gleichen den Code der erkrankten Person nun selbstständig mit den aufgezeichneten Kontakten ab und lösen gegebenenfalls Alarm aus. Nutzerinnen und Nutzer, welche von der SwissCovid App über einen Kontakt mit einer infizierten Person benachrichtigt werden, können selbst entscheiden, wie sie darauf reagieren. Die App zeigt die Telefonnummer einer Infoline an, bei der Betroffene anonym weitere Informationen erhalten. Die Applikation empfiehlt weiterhin, bei Auftreten von Symptomen den Coronavirus-Check im Internet zu machen oder medizinischen Rat einzuholen und sich in freiwillige Quarantäne zu begeben. Wird die Isolation vom Arzt oder durch die kantonalen Behörden angeordnet, ist auch die Lohnfortzahlung gewährleistet. Herausgeber der App ist das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Dieses bemüht sich, die Bevölkerung über die Funktionsweise der App aufzuklären. Anfang Juni lud das BAG zu einem Medien-Hintergrundgespräch ein. Wie der Kommunikationschef Gregor Lüthy sagt, plant der Bund zum Start der App eine breite Informationskampagne, die auch die Sicherheits- und Datenschutzthematiken aufgreift. «Es wird sich zeigen, ob trotz tiefer Fallzahlen ausreichend Personen die App installieren werden.» Marcel Salathé Die App sehen die Verantwortlichen als wichtige Ergänzung zu den kantonsärztlichen Abklärungen und Nachverfolgungen von Infektionsketten, wie sie bereits bisher stattfinden. «Dabei wird sich zeigen, ob trotz tiefer Fallzahlen ausreichend Personen die App installieren werden», sagt Marcel Salathé, Epidemiologe an der ETH Lausanne und Mitglied Science Task Force digitale Epidemiologie, im Rahmen des Hintergrundgesprächs. Ob es dem Bundesamt für Gesundheit gelingt, einen ausreichend grossen Bevölkerungsteil zu überzeugen, zeigt sich in den kommenden Wochen. Es wird zu einer Frage des Vertrauens: in die App und die Behörden. Simon Jäggi

«Die Ungewissheit machte mir zu schaffen»

«Am Anfang hatte ich mega Angst», räumt Pflegestudentin Jacqueline Walker ein. Das Spital Männedorf, in dem sie seit Februar ihr zweites Praktikum im Rahmen des Bachelorstudiums Pflege absolviert, begann im März, an Covid-19 erkrankte Menschen aufzunehmen. Auch die medizinische Abteilung, auf der die 21-Jährige im Einsatz stand, wurde nach und nach zur Isolierstation umfunktioniert. Zu schaffen machte der Studentin vorab die Ungewissheit . Sie sah die Medienberichte zu überfüllten Spitälern in Norditalien. Würde das auch in der Schweiz geschehen? Und was, wenn sie sich selber anstecken würde? «Ich betrat Covid-19-Zimmer auch dann in voller Schutzmontur, wenn ich nur ein Medikament hinstellte», blickt sie auf jene ersten Tage zurück. Doch ihre Abteilung war ja nicht die Intensivstation mit den wirklich schwer Erkrankten, und die Kolleginnen konnten sie beruhigen. «Sie sagten mir: Jacky, du musst dich nicht jedes Mal so einpacken.» Eine Gesichtsmaske blieb aber zwingend, und wenn sie den Erkrankten nahe kam, schützte sie sich zusätzlich mit einer Brille. Die Mitarbeitenden seien spitalintern stets sehr gut über Sicherheits- und Hygienemassnahmen informiert worden, lobt sie. Das habe geholfen. Die Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf ihrer Abteilung waren 50-jährig und älter. Sie zeigten mildere bis schwerere Symptome, von Fieber über Husten bis zu Kurzatmigkeit. Viele brauchten Sauerstoff. Alle waren sehr geschwächt, und manche erlitten nach der ersten Besserung einen Rückfall. «Eine meiner Hauptbeschäftigungen waren atemstimulierende Einreibungen», erzählt die ZHAW-Studentin. Das habe den Corona-Kranken gutgetan. Auch bei leichten körperlichen Übungen nach Anweisung der Physiotherapeuten war die Praktikantin anwesend. Bewegung sei wichtig bei Lungenerkrankungen. «Es war mir ein Anliegen, mir Zeit für die Patientinnen und Patienten zu nehmen und für sie dazusein.» «Wir merkten immer besser, was sie brauchten», sagt die engagierte junge Frau, die im vierten Semester studiert. Besonders schätzten die Patienten Gespräche und andere Zuwendungen. Wegen des Besuchsverbots und der Isolation blieben die Patienten allein. «Wir waren die einzigen direkten Kontakte für sie», so Jacqueline Walker, «es war mir ein Anliegen, mir Zeit für sie zu nehmen und für sie dazusein.» Weil es in der Schweiz gelang, die Infektionskurve abzuflachen, blieb die Zahl der Covid-19-Patienten auf ihrer Abteilung zum Glück überschaubar. Im Frühsommer kehrt die Pflegestudentin in den Unterricht zurück – um eine Epidemie-Erfahrung reicher. «Ich habe viel gelernt», stellt sie fest. Mit ihrer Berufsbildnerin im Spital konnte sie sich täglich austauschen. Speziell das Wissen über Hygienemassnahmen werde sie später anwenden können, glaubt die Studentin. Eine neue Erfahrung war auch die Aufmerksamkeit, die die Pflege von aussen erhielt. Jacqueline Walker bekam so viel anerkennenden Zuspruch wie noch nie: «Das hat mich sehr gefreut.» Wie nachhaltig die Wertschätzung der Pflege sei, werde sich aber erst noch zeigen. «Applaus allein reicht nicht»: Lesen Sie dazu den Meinungsbeitrag Susanne Wenger

«Nur dank gegenseitiger Unterstützung war die Umstellung möglich»

Lisa Messenzehl: Mit so einer extremen Situation hat niemand gerechnet. Als sich im Februar eine Verschlechterung der Lage abzuzeichnen begann, haben wir zwar bereits damit begonnen, erste Dokumentationen für virtuellen Unterricht aufzubauen. Damals gingen wir aber davon aus, dass einzelne Dozierende oder Studierende krankheitshalber ausfallen könnten. Die Umstellung in diesem grossen Umfang war schliesslich eine Herausforderung. Es ist aber extrem gut gelungen. Ich ziehe den Hut vor allen beteiligten Dozierenden, Mitarbeitenden wie auch Studierenden. Es war zwar sehr intensiv, aber auch extrem motivierend. Der ganze Bereich Blended Learning stand plötzlich im Rampenlicht, und ich habe gemerkt, dass wir etwas bewegen können. Ein wichtiges Element war die gegenseitige Unterstützung auf allen Ebenen: zwischen Dozierenden, Fachbereichen und auch departementsübergreifend. Nur dank dieser gegenseitigen Unterstützung ist die Umstellung innerhalb dieser extrem kurzen Zeit möglich gewesen. Es sind Communities, die sich austauschten und halfen. Wir haben am Tag, als der Lockdown absehbar war, die Taskforce E-Learning ins Leben gerufen, in der alle Departemente und auch die IT-Abteilung vertreten sind. In den ersten Wochen haben wir uns täglich getroffen. Es gibt einfache Tricks, um den Unterricht onlinetauglich zu machen . Eine Möglichkeit sind asynchrone Szenarien. Das können Texte und Videos sein, mit denen die Studierenden zwischendurch selber arbeiten und sich zu den Inhalten austauschen, etwa in Foren. Oft geht es darum, die Rolle des Dozierenden neu zu finden. Er oder sie ist mehr Coach als Frontalrednerin. Diese Erfahrung machen einige Dozierende das erste Mal. Nachdem wir uns im ersten Schritt sehr viel mit Tools beschäftigt haben, wird es in einem nächsten Schritt sehr viel mehr um Didaktik gehen. Wir versuchen, die aktuell vorhandene Offenheit, Flexibilität und Kreativität für die Zukunft fruchtbar zu machen. «Wir versuchen, die aktuell vorhandene Offenheit, Flexibilität und Kreativität für die Zukunft fruchtbar zu machen.» Zeitgleich mit der Umstellung auf Online haben wir einen Selbstlernkurs zu Digital Literacy anbieten können, der sehr viele der notwendigen Kompetenzen vermittelt. Die Studierenden sind aus meiner Sicht erstaunlich schnell reingewachsen. Sie waren sehr flexibel und haben sehr viel Verständnis für die neue Situation gezeigt. Oberstes Ziel war es bei der Umstellung, möglichst zu vermeiden, dass Unterricht verschoben werden muss. Selbstverständlich gibt es Bereiche, in denen der Online-Unterricht nicht das gleiche bieten kann wie der physische Unterricht. Wenn zum Beispiel die haptische Erfahrung wichtig ist wie im Gesundheitsbereich oder wenn die Arbeit in einem Labor dazugehört. Das ist eine grosse Herausforderung. Es wurden aber viele kreative Lösungen gefunden. In meinen Augen ist die Ausgangslage eine andere. Viele Weiterbildungsteilnehmende haben sich bewusst für ein Präsenzprogramm entschieden, Austausch und Networking rund um eine Weiterbildung sind wichtig. Hier stossen Online-Formate natürlich an ihre Grenzen. «Selbstverständlich freuen sich die meisten Dozierenden und Studierenden auf den physischen Unterricht. Die soziale Interaktion ist natürlich zentral.» Schriftliche Prüfungen werden hauptsächlich über die Lernplattform Moodle gemacht. Entweder als klassische Prüfungen, in denen die Studierenden mit Zeitlimit Fragen beantworten, oder als wissenschaftliche Arbeiten, die sie offline schreiben und dann abgeben. Alle schriftlichen Prüfungen finden Open-Book statt, das heisst, dass Hilfmittel erlaubt sind. Zudem gibt es mündliche Prüfungen. Didaktisch gesehen sind die Online-Prüfungen eine grosse Chance. Es können zum Beispiel auch Audios und Videos eingesetzt werden. Meine Beobachtung ist, dass digitale Prüfungen in den letzten Jahren für die Studierenden immer normaler wurden. Die Studierenden schätzen zum Beispiel sehr, dass sie nicht mit der Hand schreiben müssen. Das entspricht heutzutage eher der Realität. Bisher fanden diese digitalen Prüfungen aber immer an der Hochschule und nicht zuhause statt. Selbstverständlich freuen sich die meisten Dozierenden und Studierenden auf den physischen Unterricht. Die soziale Interaktion ist natürlich zentral. Meine Hoffnung ist es, dass der Hochschulunterricht in Zukunft gesamthaft profitieren kann, weil Dozierende ihr methodisches Repertoire vermehrt auf das Digitale ausdehnen werden. Künftig kann man sich das Beste aus beiden Welten nehmen. INTERVIEW ABRAHAM GILLIS

Sieben von zehn Firmen rechnen mit negativen Folgen

Jeanine Steinegger war gerade dabei, Osterartikel in die Regale zu räumen, als Anfang März die Mitteilung des Bundesrates kam: Ab der kommenden Woche würde sie ihren Laden für unbestimmte Zeit schliessen müssen. Steinegger ist Geschäftsführerin der «Herzsache», eines Geschäfts für Geschenkartikel und Wohnaccessoires in der Rapperswiler Altstadt. «Das war schon ein Schock», erzählt die 39-Jährige, deren Laden inzwischen wieder geöffnet ist. Die «Herzsache» ist eines von rund 360 KMU, deren wirtschaftliche Situation in der Corona-Krise die ZHAW mit einer Befragungsreihe erhoben hat. Kleine und mittlere Unternehmen in der deutschsprachigen Schweiz blicken dabei mit gemischten Gefühlen in die nähere Zukunft. Zwar sind sie für die nächsten Monate optimistischer eingestellt als auch schon. Doch auf ein ganzes Jahr hinaus bleiben ihre Aussichten eher düster, wie das Institut für Financial Management der ZHAW School of Management and Law in seiner zweiten Erhebung feststellt. So rechnet Mitte April zwar nur noch ein Drittel der rund 360 befragten Betriebe damit, in den folgenden zwölf Monaten in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten, während es im März noch mehr als die Hälfte war. Sieben von zehn Unternehmen gehen jedoch nach wie vor davon aus, dass sich die Corona-Krise negativ oder sogar sehr negativ auf ihre Geschäftstätigkeit auswirken werde. Das sind fast gleich viele wie im ersten ZHAW Coronavirus-KMU-Panel . Grosse Sorgen machen sich vor allem Detail- und Grosshandel, Gastronomie-, Hotelleriebetriebe und Reisebüros, aber auch die Maschinen- und Elektroindustrie. Vielen Betrieben aus der Informations- und Kommunikationstechnologie hingegen hat die Krise auch Aufwind verliehen. «Das Nachholbedürfnis der Konsumenten nach den ersten Lockerungen des Bundes hat viele Betriebe erstaunt und dürfte zu dieser kurzfristig positiveren Einschätzung geführt haben», erklärt Andreas Schweizer. Er ist der Initiant der Erhebung und Dozent für Corporate Finance & Corporate Banking an der ZHAW. «Gleichzeitig wird den Unternehmen mehr und mehr bewusst: Die Krise wird nach der Aufhebung des Lockdowns längst nicht so rasch vorbei sein, wie viele zu Beginn noch gedacht und vor allem gehofft haben.» Die nächsten zwei oder drei Jahre dürften für viele KMU hart werden. Das ZHAW-Coronavirus-KMU-Panel wollte auch Licht auf die Frage werfen, wie viele Betriebe eine Unterstützung von Bund oder Kantonen in Anspruch genommen haben. 40 Prozent beziehungsweise 145 der rund 360 befragten Unternehmen aus der deutschsprachigen Schweiz haben bis Ende April einen verbürgten Kredit beantragt. In den meisten Fällen handelt es sich um einen Betrag in der Höhe von maximal 500’000 Franken, die Antragsteller sind vorwiegend Kleinst- und Kleinunternehmen. Nur wenige Betriebe erhielten eine Absage – und diese bedeutete in den meisten Fällen einfach, dass ein tieferer Kredit gewährt wurde als beantragt. «Die Liquidität gibt den Unternehmen wieder Luft, um notwendige Schritte für die Zukunft anzudenken und einzuleiten.» Andreas Schweizer Die Kredite dienen in erster Linie dazu, Mietkosten und offene Rechnungen anderer Art zu begleichen. Für den Studienleiter geht ihr Nutzen jedoch klar über das Finanzielle hinaus: «Die Liquidität gibt den Unternehmen wieder Luft, um notwendige Schritte für die Zukunft anzudenken und einzuleiten.» Die positive Wirkung der verbürgten Kredite zeichnet sich für den Ökonomen auch in der Panelfrage zu den Konkursen ab: So beurteilen in der aktuellen Erhebung deutlich weniger Befragte – jeder achte statt jeder sechste – das Risiko für einen Konkurs in den kommenden zwölf Monaten als gross. Noch klarer habe jedoch die Zahl derjenigen Betriebe abgenommen, die aus Unsicherheit überhaupt keine Einschätzung vornähmen, sagt Schweizer. «Die Massnahmen des Bundes tragen dazu bei, Ängste der Unternehmer zu zerstreuen und Klarheit zu schaffen.» Nicht alle beurteilen die finanziellen Massnahmen des Bundes derart positiv. Während einige der befragten Unternehmen solche Kredite als dringend notwendig erachten, halten andere diese Form der Hilfe für wenig sinnvoll oder sogar gefährlich: Schliesslich steht der Betrieb damit in der Schuld des Kreditgebers und muss das geliehene Geld innerhalb von fünf Jahren zurückzahlen. Der Bundeskredit ist für Betriebe nur ein Weg von mehreren, einigermassen heil durch die Corona-Krise zu kommen. Mehr als die Hälfte der befragten KMU hat bis Mitte April bereits Kurzarbeit eingeführt, deutlich mehr als noch in der ersten Erhebung. Zudem hält es über ein Drittel der Betriebe für wahrscheinlich, dass auch Entlassungen notwendig sein werden. Tatsächliche Kündigungen gab es zu diesem Zeitpunkt allerdings erst in sieben der rund 360 Betriebe. Jedes dritte Unternehmen hat sein Geschäftsmodell zudem vorübergehend oder teilweise angepasst. Dazu gehören vor allem die Umstellung auf den Onlinehandel und neue Liefermodelle. (Rund 80 der befragten Betriebe mussten aufgrund der Verordnungen des Bundesrates zeitweilig schliessen.) «Der entgangene Umsatz lässt sich mit solchen Anpassungen jedoch kaum kompensieren», gibt Schweizer zu bedenken. Mehr als die Hälfte der befragten Betriebe konnte so gerade einmal maximal 20 Prozent des Umsatzes wettmachen. «Eine Website einzurichten, bekannt zu machen und alle Produkte dort aufzuführen, dauert mehr als nur ein paar Wochen», sagt Schweizer, der Mitte Juni eine dritte Erhebung durchgeführt hat. (Ergebnisse lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor). Jeanine Steinegger hat damals rasch auf die Krise reagiert: Sie beantragte Kurzarbeit für ihre vier Mitarbeiterinnen und begann, Geschenksets zusammenzustellen und in den sozialen Medien zu bewerben. Eine Followerin bot ihr ausserdem an, die Produkte für den Onlineshop zu digitalisieren. Zwar habe sich der verlorene Umsatz so nicht wettmachen lassen, erzählt Steinegger. «Doch es war zumindest genug, um die Mietkosten zu begleichen.» Auf Geschenksets wird die Jonerin auch in Zukunft setzen; diese hätten ihr auch Kundschaft aus anderen Regionen der Schweiz gebracht. Ebenso soll die Onlinepräsenz weiter verstärkt werden. Steinegger hat zu diesem Zweck sogar eine neue Mitarbeiterin eingestellt: Die Followerin, die ihr während der Corona-Krise aus Solidarität mit ihrer Website geholfen hatte. Ümit Yoker

Wie geht es uns im Ausnahmezustand?

Trotz Krise blieb die Lebensqualität der meisten Menschen in der Schweiz auf einem hohen Niveau. Der Anteil der Personen, die ihre Lebensqualität als gut oder sehr gut einstuften, war über alle Altersgruppen hinweg betrachtet zu Beginn des Lockdowns mit 86 Prozent zwar leicht tiefer, erhöhte sich dann aber zunehmend auf 90 Prozent in der zehnten respektive elften Woche. Diese Erholung dauerte am längsten für die Gruppe der 18- bis 29-Jährigen – möglicherweise weil die negativen Auswirkungen des Lockdowns die Jüngeren am stärksten tangiert haben. Bisher einmalig hoch war der Anteil der Erwerbstätigen, die teilweise oder immer im Home-Office arbeiteten. Vor der Corona-Krise waren dies gerade mal 26 Prozent, in den ersten Wochen des Lockdowns dagegen über die Hälfte der Erwerbstätigen. Mit den ersten Lockerungen ging dieser Anteil wieder zurück, lag aber Ende Mai bei immer noch 45 Prozent. 16 Prozent der Bevölkerung litten in den ersten Wochen des Lockdowns häufig oder immer an mangelnder Energie. Bei den psychischen Belastungssymptomen zeigt sich aber bereits ab der 3./4. Woche eine Verbesserung – viele Menschen dürften sich schnell an die aussergewöhnliche Situation angepasst haben. Die befürchtete zunehmende Verschlechterung der psychischen Verfassung breiter Bevölkerungskreise scheint ausgeblieben zu sein. Je länger der Lockdown dauerte, desto häufiger haben die Leute ihr Zuhause verlassen. Zu Beginn des Lockdowns waren es vor allem die Jüngsten und die Ältesten, die das Haus verglichen mit den übrigen Altersgruppen seltener verliessen. Während die Gruppe der 60- bis 79-Jährigen in der 10./11. Woche nach Beginn des Lockdowns wieder ähnlich häufig unterwegs war wie die 30- bis 59-Jährigen, war dies bei der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen noch nicht der Fall. Schutzmassnahmen sind ein entscheidender Faktor gegen die Verbreitung des Coronavirus. Die 2-Meter-Abstand-Regel befolgten in der 2./3. Woche des Lockdowns 59 Prozent, in der 10./11. Woche dagegen nur noch 37 Prozent. Hingegen stieg der Anteil jener, die manchmal, meistens oder immer eine Schutzmaske tragen, von 14 auf 38 Prozent. Insbesondere Personen im Tessin und seit der Lockerung des Lockdowns ältere Personen ab 60 Jahren tragen häufig eine Schutzmaske. Es dürfte spannend werden, inwiefern die Bevölkerung weiterhin diszipliniert die empfohlenen Schutzmassnahmen befolgt. Inhalt Patricia Faller; Grafik Klaas Kaat; Datenanalyse: Marc Höglinger und Sarah Heiniger ; Datenquelle: COVID-19 Social Monitor 2020 , Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie, ZHAW School of Management and Law.

«Wir haben kurzfristig Leute anderer Einheiten in die Produktion geholt»

Donny Hamilton: Wichtig ist das Inventar. Ein Unternehmen wie Hamilton Bonaduz, welches auf den Verbrauchsgütermärkten tätig ist, muss seine Produkte vorrätig haben und sie auch kurzfristig liefern können. Entscheidend ist darüber hinaus eine gute Kommunikation. Alle Mitarbeitenden müssen auf dem Laufenden gehalten werden, wie das Unternehmen bei diesen globalen Fragen vorgeht und was die interne Strategie ist, um mit den drastischen Veränderungen umzugehen. Mit unseren Kunden müssen wir sprechen, um zu erfahren, wie wir sie unterstützen und ihnen bei der Betreuung ihrer Kunden helfen können. Mit diesen beiden Trümpfen und der Flexibilität, bei Bedarf Änderungen vorzunehmen, können wir uns als Unternehmen weiterentwickeln und an jede Situation anpassen. Hier ist, wie gesagt, Flexibilität ganz wichtig. Wir produzieren Beatmungsgeräte und automatisierte Flüssigkeitshandhabungsmaschinen an sechs Tagen in der Woche, in zwei Schichten. Unsere Produktionseinheiten für Verbrauchsmaterial laufen in drei Schichten an sieben Tagen in der Woche. Hamilton Bonaduz konzentriert sich darauf, zu eruieren, wo welches Equipment benötigt wird. . Wir haben zunächst intern Anpassungen bei den Arbeitszeiten und -bedingungen vorgenommen. Die Atmosphäre ist positiv und darauf ausgerichtet, dass unsere Produkte so schnell wie möglich an die richtigen Orte gelangen. Die meisten Mitarbeitenden arbeiten vor Ort. Als gut vernetztes Produktionsunternehmen sind wir in der Lage, Produktionsmitarbeitende relativ unkompliziert von einer Geschäftseinheit in eine andere zu verlegen. Wir haben sogar kurzfristig Mitglieder des Marketingteams in die Produktion versetzt, um die extremen Schwankungen zu bewältigen. Unser HR-Team konzentriert sich jetzt in erster Linie auf die Erfüllung der Produktionsbedürfnisse, um mehr Mitarbeitende für unsere medizinische und robotergestützte Produktion zu finden. Wenn es jemals einen perfekten Zeitpunkt für eine solche Übung gab, dann war es die Krisenmanagement-Woche im vergangenen Februar. Die Themen, mit welchen wir uns in unserem fiktiven Unternehmen während der Simulation beschäftigt haben, kommen in der jetzigen realen Situation zum Tragen. Bei der Simulation lernte ich Werkzeuge kennen, die ich nun anwenden kann. Die grösste Herausforderung ist derzeit nach wie vor die Lieferkette, um die riesige Nachfrage zu befriedigen. Wir haben Lieferanten, die wiederum eigene Lieferanten mit Produktionsengpässen haben. Diese Engpässe zu meistern, ist entscheidend, um voranzukommen. Lesen Sie das gesamte Interview INterview Nicole Hottinger

Auf der Suche nach einem Mittel gegen Covid-19

Fast die ganze ZHAW befindet sich im Home-Office. «Wir erhalten nur einen Minimalbetrieb aufrecht», sagt Christian Hinderling , Leiter des Instituts für Chemie und Biotechnologie in Wädenswil. «Wer momentan in den Labors arbeiten will, muss eine Ausnahmegenehmigung beantragen.» Das Regime ist streng: Eine Bewilligung gibt es nur für wichtige Wartungs- und Unterhaltsarbeiten, für dringende Projekte, für lange Versuchsserien, die man nicht einfach unterbrechen kann – sowie für Forschung, die mit dem neuen Coronavirus zu tun hat. Davon gibt es am Institut ziemlich viel. So sind insgesamt drei Forschungsteams an der Impfstoff- und Medikamentenentwicklung gegen Covid-19 beteiligt. Die Fachstelle Bioverfahrens- und Zellkulturtechnik um Regine und Dieter Eibl engagiert sich im Impfstoff-Projekt des Immunologen Martin Bachmann vom Inselspital Bern. Das Forscherpaar wurde um Unterstützung angefragt, weil es über ein sehr gut ausgerüstetes Labor und über zwanzig Jahre Erfahrung in der Entwicklung biotechnologischer Produktionsprozesse verfügt. «Als die Anfrage aus Bern kam, hielten wir Rücksprache mit Mitgliedern unserer Gruppe – vorwiegend junge Leute», sagt Regine Eibl . «Die waren alle hochbegeistert und wären am liebsten gleich ins Labor gestürzt, um loszulegen.» «Die Teams arbeiten Tag und Nacht – zeitlich versetzt, damit sich die Leute aus dem Weg gehen können.» Regine Eibl Entsprechend herrscht nun Hochbetrieb. «Wir sind Druck gewohnt», sagt Regine Eibl. «Diesmal ist er noch etwas grösser, weil wir unbedingt erfolgreich sein möchten und weil der Zeitraum nochmals kürzer ist als sonst. Aber es ist ein positiver Stress.» Gearbeitet wird Tag und Nacht – zeitlich versetzt, damit sich die Leute aus dem Weg gehen können. Dabei hilft auch, dass dank dem weitgehenden Forschungsstopp nun mehrere Labore zur Verfügung stehen. Der Beitrag der ZHAW-Forschungsgruppe ist zentral für das Projekt: Sie ist für das sogenannte Scale-up verantwortlich. Das heisst, sie muss Bedingungen finden, unter denen sich die virusartigen Partikel für den Impfstoff im Bioreaktor möglichst rasch und in grossen Mengen herstellen lassen. Dabei kommt es auf Parameter wie die Temperatur, die Belüftung oder auch den Rührprozess an. In Mikro-Bioreaktoren kann eine Vielzahl von Kombinationen dieser Parameter gleichzeitig geprüft werden. Die vielversprechendsten Kombinationen testen die Forschenden darauf in kleinen und schliesslich in grossen Bioreaktoren mit 30 Litern Arbeitsvolumen. Wenn es mit diesen Mengen klappt, sind die Voraussetzungen für eine grossmassstäbliche Herstellung erfüllt. Schon im Juli sollen die Arbeiten in Wädenswil abgeschlossen sein. Und bereits im Herbst will der Projektleiter Martin Bachmann mit Impfen beginnen. «Das ist sehr ambitioniert», sagt Regine Eibl. «Ich könnte mir vorstellen, dass wir vielleicht bis Ende Jahr so weit sind. Aber auch dies würde eine verkürzte Zulassung erfordern.» Noch ein zweites ZHAW-Team ist am Berner Impfstoff-Projekt beteiligt: die Fachstelle Mikrobiologie und Molekularbiologie unter der Leitung von Martin Sievers. Seine Aufgabe ist es, den Stamm jener Mikroben zu optimieren, die den Impfstoff produzieren. Und zwar so, dass der Stoff in hochreiner Form und unter konstanten Bedingungen hergestellt werden kann. Überdies ist Martin Sievers mit seinen Leuten noch an einem ganz anderen Projekt beteiligt: an der Entwicklung eines Medikamentes gegen Covid-19. Der Initiator hierfür ist Rainer Riedl , Leiter der Fachstelle für Pharmazeutische Wirkstoffforschung und Arzneimittelentwicklung . Es handelt sich um ein Projekt im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Covid-19» des Schweizerischen Nationalfonds . «Es war sehr speziell, diesen Antrag zu schreiben», sagt Rainer Riedl. «Normalerweise arbeiten wir nicht an Problemen mit einer so aktuellen Dringlichkeit.» Die Forschungsgruppen um Riedl und Sievers bilden ein eingespieltes Team – beide haben viel Erfahrung mit ähnlichen Projekten der pharmazeutischen Wirkstoffforschung. Ihre Motivation, sich mit ihrem ganzen Know-how nun der Covid-19-Krankheit anzunehmen, ist mit Händen greifbar. Es sei «toll, wenn wir einen Beitrag zur Lösung eines so aktuellen Gesundheitsproblems leisten können», sagt Martin Sievers. Die Zusage des Nationalfonds für das Projekt steht allerdings noch aus. Der Ansatz der beiden Forscher ist es, das Andocken des Virus an die menschliche Zelle zu unterbinden. Bei diesem Andockprozess sind beidseits Proteine beteiligt. Auf menschlicher Seite ist innerhalb des entsprechenden Proteins eine Helix von besonderem Interesse: An dieses spiralförmige Gebilde bindet sich das Virus, um in die Zelle einzudringen (siehe Illustration). Rainer Riedls Idee ist es, eine leicht modifizierte Form der Helix herzustellen, die eine noch engere Bindung mit dem Virus einzugehen vermag als das Original. Sie bildet die Basis für ein künftiges Medikament. Denn das Virus wird die veränderte Helix bevorzugen und darum weniger Zellen infizieren. «Der gewählte Ansatz hat gleich zwei Vorteile: Erstens sind die Wirkstoffe sehr spezifisch, so dass es nicht zu Nebenwirkungen kommen sollte ...» Rainer Riedl «Der gewählte Ansatz hat gleich zwei Vorteile», sagt Rainer Riedl. «Erstens sind die Wirkstoffe sehr spezifisch» – darum sollte es, anders als bei manchen anderen Medikamenten-Kandidaten, nicht zu Nebenwirkungen kommen. «Zweitens müssen wir uns nicht vor Mutationen fürchten», ergänzt Martin Sievers. Mutationen des Coronavirus können die Interaktion mit der menschlichen Zelle abschwächen oder verstärken. Das Virus wird dann harmloser oder aggressiver. Unabhängig von diesen Veränderungen blockiert der zu entwickelnde Wirkstoff den Zutritt des Virus zu den menschlichen Zellen. Das geplante Medikament dürfte also auch bei künftigen Pandemien mit womöglich mutierten Coronaviren wirksam bleiben. «... Zweitens müssen wir uns nicht vor Mutationen fürchten.» Martin Sievers Der Zeithorizont ist bei einem Medikament ein ganz anderer als bei einer Impfung. «Bis in zwei Jahren wissen wir, ob unser Ansatz prinzipiell funktioniert», sagt Rainer Riedl. Dann folgen die präklinischen und klinischen Studien, die nicht von einer Hochschule, sondern von der Pharmaindustrie durchgeführt werden. Für die Entwicklung eines neuen Medikaments bis zur Zulassung rechnet man im Normalfall mit rund zehn Jahren. Trotzdem ist so ein neuartiges Covid-19-Mittel ein sinnvolles Ziel, denn allein mit einer Impfung lässt sich eine Krankheit oft nicht ausrotten, wie das Beispiel der Masern zeigt. «Es ist schön, dass wir in so vielen Sparten zur Eindämmung von Covid-19 beitragen können.» Christian Hinderling Ob auf kurze oder lange Frist: «Es ist schön, dass wir in so vielen Sparten zur Eindämmung von Covid-19 beitragen können», sagt Institutsleiter Christian Hinderling. Im Bereich Chemie und Biotechnologie besteht ein Fachkräftemangel, und er hofft, dass solche Beispiele junge Leute auf die Chancen und Möglichkeiten eines entsprechenden Studiums aufmerksam machen. «Es zeigt sich, wie wichtig unsere Fächer bei der Lösung der grossen Probleme unserer Zeit sind – sei es in der Energieversorgung, beim Klima oder eben im Gesundheitsbereich.» Mathias Plüss

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