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Startup City Winterthur

Startups spielen eine wichtige Rolle für die Innovationsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Jährlich werden in der Schweiz rund 400 Start-ups gegründet. Damit sie erfolgreich werden, braucht es jedoch ein funktionierendes Ökosystem aus Förderprogrammen, Investorinnen und Investoren und Unterstützungsangeboten – insbesondere in der Nähe von Universitäten und Fachhochschulen, die mit ihrer Forschung zum Wissens- und Technologietransfer beitragen. In Winterthur ist der Entrepreneur Club Winterthur (ECW) eine der treibenden Kräfte hinter der stetigen Verbesserung des städtischen Startup-Ökosystems. Gegründet wurde er 2017 aufgrund eines persönlichen Bedürfnisses: Als ZHAW-Absolvent Raphael Tobler keinen Verein fand, um sich mit anderen Startup-Gründerinnen und -Gründern auszutauschen, formierte er kurzerhand eine eigene Gruppe. Heute zählt der ECW über 2500 Mitglieder, ein Team aus 60 ehrenamtlichen Personen und rund 20 Startup-Förderprojekte. Der Verein unterstützt Interessierte mit Coachings, Workshops und Co-Working-Plätzen, hilft ihnen beim Marketing, beim Netzwerken und auf der Suche nach Investorengeldern. Kürzlich hat der Verein die Strategie «Startup City Winterthur» angestossen: Ab 2035 soll Winterthur die attraktivste Startup-Stadt der Schweiz werden, so das ehrgeizige Ziel. «Dazu müssen wir nun strategischer planen und vorgehen», erklärt Geschäftsführerin und ZHAW-Absolventin Alyssia Kugler, die bereits seit fünf Jahren beim ECW mitarbeitet. Gemeinsam mit Tobler hat sie die Startup-Ökosysteme anderer Schweizer Städte analysiert und verglichen. «Auf dieser Grundlage konnten wir andere Organisationen motivieren bei der Strategie mitzuwirken», erzählt sie. Mit dabei ist neben der ZHAW, die Stadtentwicklung Winterthur, das Home of Innovation, der KMU-Verband, die Handelskammer, der Technopark Winterthur und das House of Winterthur. «Die School of Engineering und die School of Management and Law sind besonders wertvoll, da Startups hier oft Fachkräfte aus Technik oder Wirtschaft finden, die es in jedem Kernteam braucht», sagt Kugler. Unternehmen, die in Winterthur angesiedelt sind, wie die AXA Versicherung, Sulzer oder Swica, arbeiten bereits erfolgreich mit Startups zusammen, um die innovative Zukunftsstadt zu fördern. Das freut Kugler: «Es gibt viele Winterthurer Organisationen, die bereits tätig sind oder die tätig werden wollen. Mit der Startup-City-Strategie möchten wir weitere Unternehmen motivieren, an diesem Strang zu ziehen», sagt sie. Stéphanie Hegelbach

Wie wirtschaften, wenn Wirkung über Profit steht?

Das Frauenhaus, die Suchtberatung, das Wohnheim für Menschen mit Behinderung: Wie profitorientierte Unternehmen müssen auch soziale Organisationen wirtschaften. Sie müssen Löhne bezahlen, laufende Kosten decken, Abschreibungen machen. Und wie profitorientierte Unternehmen müssen sie gut gemanagt sein, um nicht in Konkurs zu gehen. Strategisches Management – also die Entwicklung, Planung und Umsetzung der Ziele einer Organisation – komme im Sozialbereich allerdings oft zu kurz, sagt Michael Herzig, Dozent für Sozialmanagement am ZHAW-Departement Soziale Arbeit . «Denn oft stecken Mitarbeitende bis über beide Ohren im Tagesgeschäft.» So hat er gemeinsam mit Esther Thahabi und Sergio Gemperle, ebenfalls Dozierende an der ZHAW, ein Tool erarbeitet, das soziale Organisationen in strategischem Management unterstützt: das ZHAW Social Business Model Canvas . Es ist sowohl für die Entwicklung von Startup-Ideen als auch für die Analyse bereits bestehender Organisationen geeignet. «Die Welt im Sozialbereich ist komplizierter als in der freien Marktwirtschaft.» Michael Herzig, Dozent für Sozialmanagement, Departement Soziale Arbeit Als Grundlage für das Tool diente das Business Model Canvas, eines der bekanntesten Instrumente für profitorientierte Unternehmen. Michael Herzig hatte jahrelang mit diesem Modell gearbeitet, in der Lehre wie auch als Organisationsberater. «Es ist ein gutes Instrument, um eine erste Geschäftsidee durchzudenken», sagt er. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen stellte der Dozent aber fest, dass es für die Anwendung im Sozialbereich stets viele Anpassungen brauchte. Zu viele. Denn die Welt im Sozialbereich, sagt Herzig, sei komplizierter als in der freien Marktwirtschaft. Diesem Umstand trägt das ZHAW Social Business Model Canvas nun Rechnung. «In der Marktwirtschaft haben wir idealtypischerweise eine Zweierbeziehung: Organisation und Kundschaft beziehungsweise Angebot und Nachfrage. Im Sozialbereich ist es jeweils mindestens eine Dreierbeziehung», erklärt Herzig. Es existieren nicht bloss Leistungserbringende und Leistungsbezügerinnen und -bezüger, sondern auch noch Kostenträger, Zuweiser und Aufsichtsbehörden. Es sind also mehr Anspruchsgruppen vorhanden, es müssen mehr Anspruchsgruppen bedacht werden. Ein Beispiel: Eine Wohnstätte für Personen mit Beeinträchtigung hat ebendiese als Klientel, also als Kundschaft. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind aber nicht jene, die für die Leistungen der Wohnstätte bezahlen, sondern Kostenträgerin ist beispielsweise die Invalidenversicherung. Das ZHAW Social Business Model Canvas hilft Startups oder bestehenden Organisationen im Sozialbereich, sich in dieser komplexen Welt der Anspruchsgruppen zu orientieren. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zum herkömmlichen Canvas liegt im Aufbau des ZHAW Social Business Model Canvas. Dieses haben Herzig und seine Arbeitskollege auf die Bedürfnisse von sozialen Organisationen zugeschnitten. So stehen Werte und Vision eines Startups ganz am Anfang der strategischen Überlegungen. «Man fragt nicht, was der Markt will», sagt der Dozent, «sondern: Was wollen wir verändern, was sind unsere Werte?» Der Profit stehe nicht im Zentrum, sondern es gehe in finanzieller Hinsicht bloss um Kostendeckung. Entwickelt in Zusammenarbeit mit Organisationen aus dem Behindertenbereich, wird das gut zwei Jahre junge Tool mittlerweile in der Lehre und in der Weiterbildung eingesetzt. Zudem wird auch im neuen Social Entrepreneurship Labor mit dem ZHAW Social Business Model Canvas gearbeitet. Michael Herzig verwendet es in seiner Tätigkeit als Berater für soziale Organisationen auch für Standortbestimmungen. Die bisherigen Rückmeldungen von Personen, die das Tool verwendet haben, seien durchgehend positiv, sagt Herzig. Insbesondere, dass es die Komplexität der erwähnten Anspruchsgruppen so gut erfasse, werde geschätzt. Nicht nur am Departement Soziale Arbeit, sondern auch im Departement Gesundheit hat unlängst ein Mitarbeiter ein eigenes Canvas entwickelt. Matthias Meyer, Dozent im Bachelorstudiengang Gesundheitsförderung und Prävention, setzte sich während der vergangenen sieben Jahre im Rahmen seiner Dissertation intensiv mit dem strategischen Management von öffentlichen und Nonprofit-Organisationen auseinander. «Der gesellschaftliche Auftrag steht bei zweckbasierten Organisationen an oberster Stelle. Es geht darum, wie möglichst viel gesellschaftliche Wirkung erzielt wird.» Matthias Meyer, Dozent Gesundheitsförderung und Prävention, Departement Gesundheit Er übersetzte zunächst eine bereits für den Nonprofit-Bereich modifizierte Version des Canvas aus dem Englischen. Diese setzte er systematisch in Schulungen und Beratungsmandaten ein. Aufgrund der durchzogenen Rückmeldungen stellte er fest, dass das übersetzte Tool sich nur bedingt für den Einsatz in diesen sogenannten zweckbasierten Organisationen eignet, also beispielsweise in öffentlichen Verwaltungen. So entstand sein Zuger Business Model Canvas für zweckbasierte Organisationen. Das Tool ist konzipiert, um den Ist-Zustand einer Organisation zu erfassen. «Basierend darauf können dann wenn nötig Veränderungen am Geschäftsmodell vorgenommen werden», erklärt Meyer. Wie im Sozialbereich ist die Logik in zweckbasierten Organisationen eine andere als in der freien Marktwirtschaft, die Anspruchsgruppen sind divers. «Der gesellschaftliche Auftrag steht bei zweckbasierten Organisationen an oberster Stelle. Es geht nicht darum, wie möglichst viel Profit, sondern darum, wie möglichst viel gesellschaftliche Wirkung erzielt wird», sagt Meyer, der jahrelang das Gesundheitsamt des Kantons Zug geleitet hat. So steht der im Gesetz oder in der Satzung festgehaltene Zweck einer Organisation im Zentrum des Zuger Business Model Canvas für zweckbasierte Organisationen. Denn die Erfüllung des Zwecks limitiert den Aktionsraum der Organisationen, schränkt sie in strategischen Entscheidungen ein. Als Beispiel: Eine kantonale Suchtberatungsstelle kann nicht plötzlich entscheiden, Gewaltprävention anzubieten, nur weil sie feststellt, dass Bedarf dafür da ist – ausser sie hat einen entsprechenden gesetzlichen Auftrag. Bislang wurde das Zuger Business Model Canvas für zweckbasierte Organisationen vor allem in der Analysephase eines Strategieprozesses bei bestehenden Organisationen eingesetzt. Laut Matthias Meyer ist allerdings durchaus denkbar, dass sein Modell künftig auch für Startups aus dem Gesundheits- oder Nonprofit-Bereich hilfreich sein könnte, sei es in der vorliegenden oder einer modifizierten Variante. Weiterentwicklung ist schliesslich nicht nur für Organisationen zentral, sondern – wie die Dozierenden der Departemente Soziale Arbeit und Gesundheit mit ihren Modellen gezeigt haben – auch für die Tools, die dazu dienen. Malolo Kessler

Ihre Lunchbox hat einen eingebauten Mini-Steamer

Die Idee zum Startup Steasy, einer Lunchbox mit eingebautem Mini-Steamer, kam den drei Gründern Johannes Hofer, Claudio Ruiz und Reto Muhl während ihres Studiums beim Schlangestehen an einer der Mikrowellen in der Mensa. «Da man in der Mittagspause wenig Zeit hat, überlegten wir, wie man dieses Zeitfenster besser nutzen kann, um schnell und unkompliziert ein leckeres Essen zu erwärmen», so Johannes Hofer über die Gründungsidee von Steasy. Die Idee zu einer mobilen Steambox nahm 2017 konkrete Form an: Claudio Ruiz und Reto Muhl, beide ehemalige Studenten der School of Engineering, gewannen die Startup Challenge der ZHAW. Zusammen mit Johannes Hofer, der General Management an der School of Management and Law studierte, wurde die Idee zu Steasy immer ausgereifter. Erfolgreich bewarben sich die beidem beim Runway Startup Incubator des ZHAW Institute of Innovation and Entrepreneurship, wodurch ihnen für sechs Monate Räumlichkeiten und Infrastruktur zur Verfügung gestellt wurden. «Wir bekamen durch den Austausch mit Dozierenden der School of Engineering wertvolle Hilfestellungen, sowohl im technischen wie im geschäftlichen Bereich.» Johannes Hofer, Betriebsökonom und Co-Gründer Steasy Im Jahr 2018 erfolgte dann die Gründung von Steasy, und ein erster Prototyp der mobilen Lunchbox entstand. Der Inhalt der Steasy-Lunchbox lässt sich mittels eines eingebauten Dampfgarers, der zuvor mit Wasser befüllt wird, innerhalb von 15 Minuten erwärmen, «egal welche Art von vorgekochtem Essen sich darin befindet», erklärt Johannes Hofer. Die Box selbst lässt sich auslaufsicher verschliessen und via App kann man den gewünschten Zeitpunkt der Erwärmung einstellen. «Wir bekamen von Beginn an durch den informellen Austausch mit Dozierenden der School of Engineering wertvolle Hilfestellungen sowohl im technischen wie auch im geschäftlichen Bereich», erinnert sich Johannes Hofer. Nach einer erfolgreichen Finanzierungsrunde Anfang 2020 zog das junge Unternehmen in das Home of Innovation Center, das in einem ehemaligen Fabrikgebäude der Rieter-Werke in Winterthur zu finden ist. Anfang April war es schliesslich so weit, der Vorverkauf der ersten Steasy-Lunchbox konnte beginnen. «Wir sind bis jetzt sehr zufrieden, bisher haben wir Boxen im dreistelligen Bereich verkauft», berichtet Hofer. Anfang September soll Steasy dann an die Kundinnen und Kunden ausgeliefert werden – womit die Unternehmer in die nächste grosse Phase ihrer bald fünfjährigen Firmengeschichte eintreten. David Bäuerle

Sie wollen die Patientenglocke smarter machen

Mit dem Sieg der ZHAW Startup Challenge 2021 hatten die jungen Unternehmer von Paton , Raphael Schnyder, Ibukun Jeremiah Agboola und Frensi Zejnullahu, einen überzeugenden Start hingelegt. Inzwischen ist das Team um Sebastian Brunner und Selin Sengül gewachsen. Die Geschäftsidee von Paton ist es, mit Hilfe einer smarten Patientenglocke, der EC-Bell, Pflegefachkräften im Spital wertvolle Zeit zu sparen. In der Praxis können die Patientinnen und Patienten auf einem Tablet ihren Wunsch oder ihr Anliegen mittels eines Piktogramms mitteilen, etwa den Wunsch nach Essen oder die Information, dass sie Schmerzen haben. Somit sieht der oder die Pflegende auf einen Blick auf dem Smartphone, was die Patientinnen und Patienten benötigen, und kann bei hektischem Betrieb die Meldungen auch nach ihrer Dringlichkeit priorisieren. «Inzwischen konnten wir nach einer ersten Ist- und Soll-Analyse bei Fachpflegekräften in der Geriatrischen Klinik in St. Gallen dort unsere erste Testphase durchführen», erklärt Jeremiah Agboola. Zwar gab es zu Beginn einige technische Probleme, doch konnte das Team mit den Ergebnissen bereits viel dazulernen und besser erkennen, worauf es bei der Entwicklung ihres Produkts noch ankommt. «Oftmals verloren die Apps auf den Handys die Backend-Verbindung, damit hatten wir zwischenzeitlich stark zu kämpfen», erinnert sich Sebastian Brunner, der für die Entwicklung des Backends zuständig ist. Die zweite Pilotphase soll nun in einem anderen Spital «und am besten noch dieses Jahr starten», so Selin Sengül, zuständig für die Kommunikation und Pilot-Projekte bei Paton. «Für uns ist es sehr hilfreich, eine Meinung von einer anderen Perspektive zu haben, die auch einen kritischen Blick auf bestimmte Themen legt.» Sebastian Brunner, Verantwortlicher für Backend-Entwicklung bei Paton Inzwischen wurde das Startup auch in das Mentoring-Programm der Entrepreneurship Initiative der ZHAW School of Engineering aufgenommen, ihr Mentor dort ist Philipp Ackermann, Dozent für Informatik. «Wir haben alle vier bis fünf Wochen ein Meeting mit ihm, an dem wir immer bestimmte Themen besprechen, zuletzt etwa die Akquise von Spitälern für unsere nächste Testphase», erklärt Jeremiah Agboola. «Für uns ist es sehr hilfreich, eine Meinung von einer anderen Perspektive zu haben, die auch mal einen kritischen Blick auf bestimmte Themen legt und uns dadurch als Startup insgesamt weiterbringt», betont Sebastian Brunner. David Bäuerle

VirtaMed stellt Simulatoren für das Chirurgietraining her  

Von einem jungen Unternehmen kann man bei VirtaMed beinahe nicht mehr sprechen. Gegründet wurde die Firma bereits 2007. Das in Schlieren sitzende Unternehmen hat sich auf hochrealistische Chirurgiesimulatoren spezialisiert und ist damit inzwischen weltweit erfolgreich. An mehreren Standorten rund um den Globus ist VirtaMed präsent. Daniel Bachofen, Alumnus der ZHAW School of Engineering, ist Mitbegründer des Unternehmens und erinnert sich noch gut an den Start vor mehr als 15 Jahren. «Das Unternehmen ging aus einem gross angelegten Forschungsprojekt für einen Chirurgiesimulator mit Beteiligung der School of Engineering, der ETH Zürich und der ETH Lausanne hervor», so Daniel Bachofen. «Ich selbst war nach meinem ZHAW-Studium bereits wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für angewandte Informationstechnologie (InIT) und wir von der ZHAW waren vor allem für den Software-Engineering-Part zuständig, also für die Software-Architektur und das Framework, das die entwickelte Software verbindet», erklärt Bachofen. Ziel des Projekts war es, einen Chirurgiesimulator für Ärztinnen und Arzte zu entwickeln, mit dem, ähnlich wie bei Pilotinnen und Piloten in einem Flugsimulator, das Operieren unter realen Bedingungen trainiert werden kann. Da nach Ende des Projekts das Feedback von Ärzten sehr positiv ausfiel, dachten sich sechs Projektbeteiligte, daraus ein Unternehmen zu gründen, wobei anfangs ein ETH-Doktorand und Daniel Bachofen operativ tätig wurden . «Meine Rolle war es dabei, den Prototyp zu einem fertigen Produkt weiterzuentwickeln», sagt Bachofen. Die Idee der Gründer ging auf und führte schliesslich zu einem erfolgreichen Unternehmen. «Neben dem ganzen Know-how der ETH hat es den Pragmatismus und die Hands-on-Mentalität der ZHAW gebraucht, um aus dem Prototyp ein fertiges Produkt zu entwickeln.» Daniel Bachofen, Mitgründer VirtaMed Für Bachofen zeigt VirtaMed beispielhaft, wie eine erfolgreiche Zusammenarbeit von ZHAW und ETH aussehen kann: «Neben dem ganzen Know-how der ETH hat es den Pragmatismus und die Hands-on-Mentalität der ZHAW gebraucht, um aus dem Prototyp ein fertiges Produkt zu entwickeln», sagt Bachofen. «Weder Absolvierende der einen noch der anderen Hochschule hätten das so allein geschafft», ist sich der 43-Jährige heute sicher. Dabei geholfen habe ihm rückblickend vor allem der hohe Praxisanteil, das Suchen nach Lösungen und das «Tüftlerische», das Studierenden an der ZHAW vermittelt werde, so Bachofen. Bis heute ist auch die Verbindung zwischen der ZHAW und VirtaMed nicht gerissen. Daniel Bachofen hielt regelmässig Vorlesungen an der School of Engineering, die inzwischen ein Kollege übernommen hat, und VirtaMed selbst begleitet als Industriepartner immer wieder Abschlussarbeiten von Studierenden. Die jüngste Zusammenarbeit besteht aktuell durch das Innosuisse-Projekt «Proficiency», an dem VirtaMed als federführender Industriepartner beteiligt ist. So zeigt sich die Verbindung zwischen Hochschule und den daraus entwachsenden Unternehmen im Fall von VirtaMed als eine Partnerschaft, von der beide Seiten über Jahre hinweg immer wieder profitieren. David Bäuerle

Er macht Hanf zu Super-Food aus der Region

Hanf kann viel mehr, als die meisten denken: Nach seinem Bachelor in Lebensmitteltechnologie und Master in Life Sciences in Food and Beverage Innovation forschte Carlo Weber an der ZHAW zu alternativen Proteinquellen und stiess dabei auf die öl- und proteinhaltigen Samen der traditionsreichen Nutzpflanze. Gemeinsam mit zwei Mitstreitern entwickelte er die Idee für AlpenPionier . «Der Markt für Hanf als Lebensmittel war unerschlossen und wir mussten erst eine Wertschöpfungskette aufbauen.» 2017 testeten sie den Markt, indem sie an einer Messe Hanf-Snacks anboten. Sie bewarben sich bei einem Startup-Förderprogramm. Es folgten Coachings und ein Crowdfunding, bei dem 120’000 Franken zusammenkamen. «Nun mussten wir liefern: Im Frühjahr 2018 verkauften wir erstmals Hanf-Öl, -Samen und -Pulver in unserem Online-Shop sowie in einigen ersten Spezialitätenläden, Reformhäusern und an Food-Messen.» Mit Pioniergeist etablierten sie Hanf als nachhaltiges Bio-Superfood aus der Heimat. «Es brauchte Aufklärungsarbeit – viele dachten bei Hanf an Drogen und Verbote.» Nach personellen Wechseln und der Erweiterung ihres Sortiments um beispielsweise geschälte Hanfnüsse, Tee, und Eistee hat AlpenPionier seinen Sitz seit 2020 in Zizers. «Wir arbeiten aktuell zu dritt und kämpfen darum, unseren Umsatz auf eine Million Franken zu steigern.» «Es brauchte Aufklärungsarbeit – viele dachten bei Hanf an Drogen und Verbote.» Carlo Weber, Mitgründer Sie seien mit möglichen Partnern im Gespräch, um breiter Fuss zu fassen. Den Wunsch etwas Eigenes aufzubauen verspürte Weber bereits zu Beginn des Studium. «Wirklich vorbereiten auf so etwas kann dich aber niemand.» Sein Tipp für Entrepreneurinnen und Entrepreneure: Learning by doing. «Man muss Fehler machen, daraus lernen, alles geben, rausgehen und sein Produkt zeigen – der Markt ist knallhart und wartet auf niemanden.» Kathrin Reimann

Foodwaste vermeiden ist ein super Business-Case

Ob im Fernsehen, in Zeitungen oder auf Newsportalen: Wenn es um das Thema Foodwaste geht, kommt man um Claudio Berettas Expertise nicht herum. «Das geschieht automatisch, wenn man sich über zehn Jahre damit auseinandersetzt», sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter für Nachhaltigkeit und Foodwaste-Vermeidung im Ernährungssystem an der ZHAW. Seine wissenschaftliche Karriere startete er mit anderem Fokus: «Angetrieben vom Ziel, etwas Sinnvolles und praktisch Anwendbares zu studieren, interessierte mich die Humanmedizin.» Bald habe er realisiert, dass Gesundheit für Menschen auf einem kranken Planeten letztlich nicht möglich ist. So entschied er sich für ein Studium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH. Seine Masterarbeit soll nicht in der Schublade verstauben, und so kommt er auf das Thema Foodwaste. «Ich sah die übervollen Bäckereien vor Ladenschluss, die Abfallcontainer der Lebensmittelgeschäfte, doch es fehlten Zahlen und Studien.» Kurz vor Abgabe seiner Arbeit erfährt er, dass ein Student der Universität Basel am selben Thema arbeitet. Kurzerhand gründen die beiden den Verein foodwaste.ch , der sich der Information und Aufklärung verschreibt. Beretta doktoriert über Umwelteffekte von Lebensmittelverlusten und deren Vermeidungspotenzial. Seit drei Jahren arbeitet der 37-Jährige in einem 70-Prozent-Pensum in der ZHAW-Forschungsgruppe für Lebensmitteltechnologie , hauptsächlich in angewandten Forschungsprojekten, daneben hält er Vorlesungen und begleitet Studierendenprojekte. Zu seinen Projekten zählt etwa die Umsetzung des Aktionsplans gegen Lebensmittelverschwendung des Bundes: Foodwaste soll in der Schweiz bis 2030 im Vergleich zu 2017 halbiert werden. «Wir betreiben Monitoring, schlagen Massnahmen vor und begleiten die Umsetzung. In Arbeitsgruppen diskutieren wir mit Nachhaltigkeitsbeauftragten grosser Unternehmen und anderen Akteuren.» Dies gebe Einblick ins interne Spannungsfeld von Firmen, das die ganze Bandbreite vom Pioniergeist bis zur Unbeweglichkeit aufzeige. Auch die Entwicklung eines Leitfadens für Mindesthaltbarkeitsdaten oder eines Modells zur Erfassung von Foodwaste und der entsprechenden Ökobilanz zählen zu Berettas Projekten. «Wenn man auf dem Feld mitarbeitet, ist die Wertschätzung gegenüber den Produkten höher.» Claudio Beretta Trotz seiner Expertise kann es im Privatleben vorkommen, dass in seiner WG in Zürich etwas Essbares im Abfall landet. «Nur selten, aber am meisten ärgere ich mich, wenn ich die Haltbarkeit eines Produktes unterschätze.» Er wirkt dem entgegen, indem er sein Gemüse von einer Landwirtschaftskooperative bezieht und sich dort hin und wieder auf dem Hof engagiert. «Wenn man auf dem Feld mitarbeitet, ist die Wertschätzung gegenüber den Produkten höher.» Zudem werde das Geerntete nach Bedarf verteilt und die Transportwege blieben kurz. «Am höchsten ist dabei die positive Glücksbilanz: Wenn ich Lebensmittel vor dem Verzehr begleite, schmecken sie um Welten besser.» Für die Konsumentinnen und Konsumenten sieht er ein grosses Potenzial im Konzept des Foodsharing: Private holen mit eigenen Behältern überflüssiges Essen da ab, wo es anfällt. Dann verteilen sie es dort, wo es gebraucht wird. Im Idealfall bei hilfsbedürftigen Personen oder einfach an Orten, wo es rechtzeitig gegessen wird. «Wer neben dem Konsum etwas Zeit aufbringt, um überschüssiges Essen zu verteilen, spart Geld und kann Menschen eine Freude machen und das Foodwaste-Problem lösen. Der Blick hinter die Kulissen schafft zudem Verständnis, warum nicht immer alles verfügbar sein kann», sagt Beretta. «Ich verstehe nicht, wieso die Politik noch nicht erkannt hat, was für ein super Business-Case die Vermeidung von Foodwaste ist: Jetzt zu investieren, schont Klima und Biodiversität und spart erst noch Geld.» Claudio Beretta Ihm ist aber klar, dass dazu ein kultureller Wandel stattfinden muss, denn viele Menschen hätten Hemmungen, überschüssiges Essen einzupacken. «Wenn wir uns der Diskrepanz zwischen unserem Überfluss und der teilweise extremen Armut im Ausland bewusst sind und unseren Einfluss darauf wahrnehmen, verschwinden die Hemmungen sofort.» Mit seinen Aussagen wolle er keinesfalls ein schlechtes Gewissen auslösen. «Vielmehr möchte ich vermitteln, dass wir Dankbarkeit und ein Gefühl für bescheidenes Verhalten entwickeln können, eben weil wir in diesem nicht selbstverständlichen Überfluss leben.» In seiner Freizeit bewegt sich Beretta gerne wandernd oder mit dem Velo in der Natur. Deshalb beschäftigt ihn die Biodiversitätskrise umso mehr, die sich auch darin zeige, dass derzeit täglich rund 130 Arten aussterben. Für die Biodiversitätskrise ist die Landwirtschaft durch den Einsatz von Pestiziden und Dünger massgeblich mitverantwortlich. «Ich verstehe nicht, wieso die Politik noch nicht erkannt hat, was für ein super Business-Case die Vermeidung von Foodwaste ist: Jetzt zu investieren, schont Klima und Biodiversität und spart erst noch Geld.» Er vermutet, dass es für weitere Aktionen von Politik und Staat erst existenzielle Katastrophen braucht. «Je schneller der Mensch entsprechende Ereignisse als Folgen des eigenen Handelns erkennt, umso weniger Opfer wird es in den nachfolgenden Generationen geben.» Nichtsdestotrotz: Blickt er auf die letzten zehn Jahre zurück, sieht er auch Positives: «Das Thema ist präsent und es existieren nationale Arbeitsgruppen, wo gemeinsam Lösungen gesucht werden. Vor zehn Jahren war Foodwaste noch kein Thema.» Bei der Vermeidung von Foodwaste sieht er ein Licht am Horizont. «Es ist noch zu schwach, aber es gibt Hoffnung und wächst.» Kathrin Reimann

«Soziale Norm und Echtzeit-Feedbacks sind Ansporn beim Klimaschutz»

Bernadette Sütterlin: Bei der Reduktion der Wohnfläche handelt es sich natürlich um eine viel einschneidendere Massnahme, als wenn man beschliesst, weniger Fleisch zu essen. Zudem fehlt sicher allgemein auch das Bewusstsein, welche Hebelwirkung die Reduzierung der Wohnfläche in Bezug aufs Energiesparen und die Emissionen hätte. Ein weiterer Grund ist, dass die Wohnfläche noch stark mit dem Statusdenken verknüpft ist: Ein Umzug in eine kleinere Wohnung würde wie ein sozialer Abstieg empfunden. «In Dänemark bietet die Gemeinde Hausbesitzenden eine kleinere Alternative für ihr Zuhause an, wenn die Kinder ausgezogen sind.» Matthias Haase, Spezialist für nachhaltige Gebäudeplanung Devi Bühler: Beim Wohnen ist alles etwas komplexer. Bewohnerinnen und Bewohner allein können da wenig bewirken. Es braucht Massnahmen auf allen Ebenen – Bauherrschaft, Investierenden, Behörden, alle müssen aktiv werden. Unsere Gebäude sind häufig nicht so gebaut, dass man aus einer Wohneinheit einfach zwei Einheiten machen kann, dann etwa wenn die Kinder erwachsen sind. Matthias Haase : Aus Dänemark habe ich ein gutes Beispiel gehört. Dort bietet die Gemeinde den Hausbesitzenden, denen die eigenen vier Wände zu gross werden, wenn die Kinder ausgezogen sind, eine kleinere Alternative an. Diese liegt vielleicht auch zentraler oder ist günstiger und einfacher zu bewirtschaften. Das grosse Haus wird dann frei für eine junge Familie mit Kindern. Eine kleinere Wohnfläche allein bringt aber nicht automatisch schon eine Verbesserung hinsichtlich Klimaschutz. «Zu wissen, dass man mit seinem Verhalten etwas für die Umwelt macht und sich moralisch gut verhält, führt zu einer höheren Lebenszufriedenheit.» Bernadette Sütterlin, Verhaltenspsychologin Haase: Es kommt ja auf den Energiestandard des Gebäudes an. Hierfür sind mittlerweile Energieausweise Pflicht, wenn man seine Immobilie verkaufen will. Selten sind die Energiewerte aber Entscheidungskriterium für eine Wohnung oder ein Haus. Da spielen viele andere Parameter eine Rolle – etwa die Lage oder der Preis. Bisher konnten wir leider noch keine direkte Korrelation zwischen Hauspreis und Energieverbrauch eines Gebäudes beobachten. Haase: Ich würde da einziehen. Wir dürfen uns nichts vormachen: Früher oder später kommen solche Regeln vermehrt. Jetzt sind jene Genossenschaften noch die Vorreiter, die zeigen, was eigentlich ein konsequenter Klimaschutz bedeuten würde. Je mehr Zeit wir verstreichen lassen und je krasser die Klimakrise wird, desto mehr wird aber auch die Politik mit solchen Verboten und Anweisungen agieren müssen. Sütterlin: Hierfür sind natürlich solche Menschen offener, die generell schon den Voluntary Simplicity Lifestyle praktizieren. Bei anderen, die dadurch ihre Freiheit eingeschränkt sehen, kann dies gar zu konträren Verhaltensweisen führen. Personen, die nicht durch intrinsische Motivation angetrieben werden, neigen auch eher zu negativen Übertragungseffekten. So jemand sagt sich dann: Ich habe eine kleinere Wohnung, deshalb darf ich weiter weg in die Ferien verreisen. Mit Regeln oder finanziellen Anreizen allein kann man Verhalten nicht wirklich auf lange Sicht nachhaltig verändern, wenn die intrinsische Motivation fehlt. «Seit dem Start vor anderthalb Jahren haben über 130 Menschen im KREIS-Haus übernachtet.» Devi Bühler, Spezialistin für Kreislaufwirtschaft im Wohn- und Baubereich Sütterlin: Man sollte nicht immer nur von Verzicht sprechen, sondern auch von den weiteren positiven Nebeneffekten, die klimafreundliches Verhalten haben kann. Wenn man zum Beispiel das Fahrrad nimmt oder zu Fuss geht, hat dies einen positiven Einfluss auf die Gesundheit. Weniger Konsum führt auch zu mehr Freiheiten in Bezug auf Zeit und Raum. Studien haben zudem gezeigt: Wenn man weiss, dass man sich moralisch gut verhält, ist man auch mit seinem Leben zufriedener. Bühler: Am Ende hängt es davon ab, ob man gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern gute, sinnvolle und kreative Lösungen findet und wie der ganze Transformationsprozess begleitet und umgesetzt wird. Man muss die nötigen Anstrengungen unternehmen, damit die Bewohnerinnen und Bewohner Angebote als angenehm empfinden. Wenn sie sich angesprochen fühlen, werden diese Massnahmen gar nicht als Verzicht wahrgenommen. Klimaneutralität und Suffizienz sind sehr abstrakte Begriffe. Wie sich nachhaltiges Wohnen anfühlt, das haben Sie, Devi Bühler, mit dem nahezu autarken, kreislauffähigen KREIS-Haus in Feldbach am Zürichsee erlebbar gemacht. Wie gross ist das Interesse? Bühler: Seit dem Start des Angebots vor anderthalb Jahren haben über 130 Leute im Kreis-Haus übernachtet. An den Führungen nahmen über 800 Menschen teil. Hinzu kommen über 400 Interessierte am ersten Tag der offenen Tür. (Siehe auch Box am Ende des Interviews.) «Man muss die nötigen Anstrengungen unternehmen, damit die Bewohnerinnen und Bewohner sich angesprochen fühlen. Dann werden diese Massnahmen gar nicht als Verzicht wahrgenommen.» Devi Bühler, Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen Bühler: Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Wir wollen ja auch, dass sich die Leute dort wohlfühlen. Alles, was man zum Leben braucht, steht zur Verfügung – aber halt auf eine möglichst ressourceneffiziente Art und Weise. Die grössten Vorbehalte wurden gegenüber dem Trocken-WC geäussert. Alle Interessierten waren aber positiv überrascht, dass es keine unangenehmen Gerüche gibt und wie spannend die Technik dahinter ist. Bühler: Von den Kurzzeitbewohnenden haben 97 Prozent gesagt, sie könnten sich das vorstellen, dauerhaft in einem solchen Haus zu wohnen, 51 Prozent von ihnen sogar ohne Vorbehalte, 46 Prozent, wenn es noch die eine oder andere Anpassung gäbe. 3 Prozent geben an, bereits so zu wohnen. Keiner der Besuchenden hat also angegeben, sich nicht vorstellen zu können, in einem nachhaltig gebauten Haus zu leben. Das hat mich selbst positiv überrascht. Schliesslich ist es ja ein Forschungsprojekt, da läuft nicht immer alles rund. Klar sind diese Feedbacks für die Gesamtbevölkerung nicht repräsentativ. Denn die Besuchenden des KREIS-Hauses bringen meist eine gewisse Affinität zu Umweltthemen mit. Aber es zeigt eben auch: Es gibt ein Potenzial an First Movern. Zudem bin ich zuversichtlich, angesichts des wachsenden Umweltbewusstseins bei den jungen Leuten. Haase: Die Gebäude sind ja zum Teil 50 oder noch mehr Jahre alt. Die kann man nicht einfach abreissen und neu bauen entsprechend dem KREIS-Haus-Modell. Dafür hätten wir gar nicht die Ressourcen. Also müssen wir die energetische Renovierungsrate von heute knapp einem Prozent auf 3 oder 4 Prozent jährlich erhöhen, um den CO 2 -Fussabdruck in dem erforderlichen Zeitrahmen reduzieren zu können. In interdisziplinären Teams wird geprüft, wo die verschiedenen Stellschrauben sind, um etwas wirkungsvoll und nachhaltig zu verändern. Haase: Das Projekt Renowave (siehe auch Box am Ende des Interviews) gliedert sich in vier Bereiche: Zuerst schauen wir, welche Förderprogramme und Initiativen es auf regionaler, kantonaler oder kommunaler Ebene gibt, wie zum Beispiel kostenlose Energieberatungen, die man unter Hausbesitzenden bekannter machen könnte. Im zweiten Teil untersuchen wir neuartige technische und architektonische Lösungen für energetische Fassadensanierungen. Mit industriell vorgefertigten Fassaden etwa lässt sich eine komplette Hausfassade in einem Tag austauschen. Haase: Und die Beeinträchtigungen durch Lärm etc. würden stark minimiert. Damit solche Sanierungen auch umgesetzt werden können, schauen wir im dritten Teil neuartige Finanzierungsmodelle an. Finanzdienstleister könnten spezielle Angebote für solche energetischen Renovierungen kreieren, wie das zum Beispiel die Raiffeisenbank macht, mit der wir zusammenarbeiten. Der vierte Bereich beschäftigt sich mit neuen Geschäftsmodellen für Bauunternehmungen. Denkbar wären hier One-Stop-Shops, die sich um alles kümmern, was mit einer energetischen Sanierung zu tun hat, sodass Investorinnen und Investoren nur eine einzige Anlaufstelle hätten. «Bei Sanierungen oder neuen Heizungen müsste man stärker auf die Betriebskosten fokussieren.» Matthias Haase, Institut für Facility Management Haase: Neben fehlenden finanziellen Ressourcen erschweren unterschiedliche Eigentümerinteressen klimaneutrale Sanierungen. Wir haben das am Fallbeispiel der Siedlung Büel in Dinhard bei Winterthur untersucht. Diese Siedlung stammt aus den 70er Jahren. Die 51 Wohneinheiten haben 51 verschiedene Eigentümerinnen und Eigentümer. Sie spiegeln den Durchschnitt der Schweizer Gesellschaft: Wenigverdienende, ältere Bewohnende, junge Familien etc. Immer neun Gebäude teilen sich eine Wärmezentrale für Heizung und Warmwasser. Haase: Viele Eigentümerinnen und Eigentümer haben Angst, die Sanierungen finanziell nicht stemmen zu können. Oder sie sind schon älter und sehen keinen Sinn mehr darin. Das könnte man ändern, indem man nicht wie bisher zu stark auf die Investitionskosten fokussiert, wenn etwa eine neue Heizung eingebaut werden soll, sondern auf die Lebenszykluskosten. Denn hinsichtlich Betriebskosten ist eine Wärmepumpe einer Ölheizung klar überlegen. Die Co-Benefits einer Sanierung müssten stärker betont werden: Man spart Energie und damit laufende Kosten. Zusätzlich steigert man das Wohlbefinden und den Wert des Eigentums. Berücksichtigt man dann noch die CO 2 -Einsparung, ist es ein leichtere Entscheidung. Sütterlin: Oft erreichen die Informationen die Leute nicht, oder sie sind zu komplex. Die Wissens- und Informationsvermittlung ist ein oft verwendeter Ansatz. Er bedingt jedoch, dass die Leute auch wirklich motiviert sind, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Was generell gut funktioniert, ist die Nutzung des sozialen Einflusses. «Die Bewohnerinnen und Bewohner orientieren sich am Verhalten der anderen und wollen besser oder zumindest gleich gut sein.» Bernadette Sütterlin, Institut für Nachhaltige Entwicklung Sütterlin: Man kann sich zum Beispiel in einer Siedlungen Freiwillige suchen, die sehr motiviert und sehr gut vernetzt sind – sogenannte Block Leader. Diese können anderen Siedlungsbewohnern und -bewohnerinnen Informationen vermitteln und sie dazu bewegen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, oder sie bei der Umsetzung von gewissen Verhaltensweisen unterstützen. Eine weitere Möglichkeit, um eine Verhaltensänderung anzustossen, ist, soziale Normen bewusst zu machen. Diesen Ansatz haben wir in einer Studie zur Reduktion des Energieverbrauchs im Hüttengraben-Areal in Küsnacht erfolgreich eingesetzt (siehe auch Box am Ende des Interviews). Sütterlin: Ja. Indem wir den Mieterinnen und Mietern wöchentlich den Warmwasserverbrauch ihres Haushalts und jenen des Durchschnitts der anderen Haushalte zugespielt haben, wurde eine soziale Norm – das heisst, wie andere sich verhalten oder welches Verhalten erwartet wird – bewusst gemacht, und es wurde ein sozialer Vergleich angestossen. Die Bewohnerinnen und Bewohner orientierten sich am Verhalten der anderen und wollten besser oder zumindest gleich gut wie die Nachbarn sein. Das hat zu einer starken Reduzierung des Warmwasserverbrauchs geführt. Der Mensch möchte Teil einer sozialen Gruppe sein und strebt nach sozialer Anerkennung. Dieses Bedürfnis kann man sich entsprechend zunutze machen, um ein energiefreundliches Verhalten zu fördern. Sütterlin: Es braucht die Kombination mit anderen Ansätzen zur Verhaltensänderung. Das kann die Nutzung des sozialen Einflusses sein oder der Einsatz eines Echtzeit-Feedbacks. Viele kennen mittlerweile die digitale Handbrause Amphiro, die ein Echtzeit-Feedback zum Wasserverbrauch beim Duschen gibt. Wenn ich beim Duschen direkt auf dem Display sehe, wie ich mit meinem Duschverhalten Einfluss auf den Energieverbrauch nehmen kann und wie stark die Eisscholle schmilzt, auf der ein Eisbär steht, dann fördert das die Selbstwirksamkeit. Denn ich sehe direkt, dass ich mit kleinen Verhaltensänderungen schon eine grosse Wirkung erzielen kann. Patricia Faller, Interview Patricia Faller

Die Stadt Winterthur: ein Reallabor für die ZHAW

Smart wird eine Stadt nicht von einem Tag auf den andern. Smart zu werden, bedeutet, viele kleinere und grössere Mosaiksteinchen über die Zeit zu einem grösseren Ganzen zusammenzusetzen, viele einzelne kleine und grössere Schritte zu gehen. Die Stadt Winterthur zum Beispiel hat in ihrer Strategie fünf Handlungsfelder für solche Schritte definiert: Energie, Mobilität, Smart Government, Bildung & Innovation sowie Wohnen, Gesundheit & Alter. Damit lehnt sie sich an das weit verbreitete Modell eines Rades an, das vor zehn Jahren vom amerikanischen Stadt- und Klimawissenschaftler Boyd Cohen entwickelt wurde. Das unterteilte Rad soll Verbundenheit und Vernetzung der Massnahmen und auch der Ziele illustrieren. Die Handlungsfelder Energie und Mobilität betrifft zum Beispiel das Winterthurer Projekt «Zusammenschluss zum Eigenverbrauch ZEV»: In drei Pilotarealen in Winterthur – eine Gewerbezone, eine gemischte Zone sowie ein reines Wohngebiet – sollen sich Firmen und Bevölkerung zusammentun, um Solarenergie zu produzieren und zu speichern. Weiter ist auch das gemeinsame Benützen von Elektrofahrzeugen vorgesehen. Damit sollen zwei Probleme der Energiewende angegangen werden: der schleppende Ausbau von Solarenergie in der Schweiz und der fossil betriebene Individualverkehr. Schon umgesetzt ist ein anderes Projekt: Unter dem Motto «Wir fahren smart» dreht ein elektrisch betriebener Kehrichtlastwagen seine Runden durch Winterthur – als gewollter Beitrag zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Beide Projekte sind Beispiele für die Kooperation der Stadt Winterthur mit der ZHAW: Die Hochschule führt in und für Winterthur Pilotprojekte zu Smart-City-Themen durch, und die Stadt versteht sich dabei als «Living Lab», als Reallabor und Teststadt für die Forschung zu Smart-City-Themen, wo soziale und technologische Innovationen zum Einsatz kommen sollen. «Ziel ist, eine vernetzte Stadt zu schaffen, mit hoher Lebensqualität und effizientem Ressourceneinsatz.» Vicente Carabias, Schwerpunktleiter Nachhaltige Energiesysteme und Smart Cities am Institut für Nachhaltige Entwicklung der School of Engineering Bindeglied, Schnittstelle und Vernetzer zwischen Stadt und Hochschule ist Vicente Carabias : Er ist einerseits Schwerpunktleiter Nachhaltige Energiesysteme und Smart Cities am Institut für Nachhaltige Entwicklung der School of Engineering sowie Koordinator der ZHAW-Plattform Smart Cities & Regions . Andererseits leitet Carabias auch die Fachstelle Smart City & Nachhaltigkeit im Bereich Stadtentwicklung der Stadt Winterthur. In der Stadtverwaltung setzt er mit Kolleginnen und Kollegen, Praxispartnerinnen und Praxispartnern um, was sein Team an der ZHAW erforscht. Zudem ist die ZHAW auch im Innovationsteam Smart City der Stadt vertreten, wo neben den Vertreterinnen und Vertretern aller Stadtdepartemente auch die ZHAW mit der School of Engineering und der School of Management and Law Einsitz hat. So hat die School of Engineering zum Beispiel mit einer Lebenszyklus-Analyse getestet, wie nachhaltig das E-Kehrichtfahrzeug im Betrieb ist. Die grossen Fragen für die Forscher drehten sich um die Batterie: die Grösse, die Ladeart und die Strombereitstellung. Denn der Elektromotor muss volle 26 Tonnen bewegen – so schwer ist das Fahrzeug. Geforscht oder getestet wird innerhalb dieser Kooperation weiter an Projekten wie der WinLab-Ko-Kreationsplattform oder der Energiespar-App «Social Power». Schon im Einsatz ist das Spiel «Virtual Smart Winti Hero» wie auch die Community-Plattform für das Quartier Neuhegi als Modul der Winterthur-App. Für Vicente Carabias ist Winterthur deshalb auch nicht von ungefähr das Lieblingsbeispiel einer smarten Stadt: «Es soll eine fortschrittliche, vernetzte Stadt geschaffen werden, die sich durch eine hohe Lebensqualität bei gleichzeitig effizientem Einsatz der benötigten Ressourcen auszeichnet», umschreibt Carabias das Ziel der Stadt. Die Stadt will damit auf Entwicklungen wie Digitalisierung, Urbanisierung, Klimawandel und Umbau der Infrastruktursysteme im Energie- und Mobilitätsbereich reagieren. Oder wie es Carabias kurz zusammenfasst: «Wir müssen die Energiewende schaffen.» Sibylle Veigl

Innovation im Einklang mit der Bevölkerung

Wie wäre es, wenn Bürgerinnen und Bürger Energiepatenschaften für Photovoltaik auf öffentlichen Gebäuden übernähmen? Braucht es lokale Fonds zur Unterstützung von privaten energetischen Sanierungen? Solche Fragen diskutieren die Einwohnerinnen und Einwohner von Thalwil (ZH) im sogenannten World-Café – einem Workshopformat, bei dem in wechselnden Kleingruppen diskutiert wird. Der Anlass ist Teil des EU-Forschungsprojekts «Leveraging Leadership for Responsible Research and Innovation in Territories» , in dessen Rahmen die ZHAW die Gemeinde Thalwil auf dem Weg zur Nachhaltigkeit begleitet. «Die Bürgerbeteiligung ist zentral, damit wir die Transformation auf die gesellschaftlichen Werte und Bedürfnisse abstimmen können», sagt Projektleiter Florian Roth vom ZHAW Center for Corporate Responsibility. Das Forschungsprojekt testet, wie gut sich der RRI-Ansatz (siehe Box unten) für Innovationsprozesse auf Gemeindeniveau eignet. Auch Regionen in Bulgarien, Spanien und Griechenland haben sich als Versuchsorte zur Verfügung gestellt. «Jeder Ort arbeitet an einer anderen Herausforderung», erklärt Roth. «Wir profitieren enorm vom interkulturellen Austausch.» Martin Schmitz, Leiter Umwelt und Nachhaltigkeit in Thalwil, war der RRI-Ansatz zunächst nicht bekannt. Schnell merkte er jedoch, dass die Gemeinde die Grundelemente von RRI wie das Abwägen von möglichen Folgen der Energiewende oder die Wichtigkeit einer anpassungsfähigen Energiestrategie bereits anwendet. «Neu war die Systematik», erzählt er. «Dass wir zum Beispiel nicht wahllos Menschen zu Versammlungen einladen, sondern gezielt alle Teile der Gesellschaft einbinden.» Die Gemeinde erhofft sich, dass die Energiewende durch die Zusammenarbeit reibungsloser über die Bühne geht, da die Beteiligten miteinbezogen und ihre Bedenken ernst genommen werden. Um zu verstehen, wo Thalwil in Bezug auf die Energiewende steht, hat die ZHAW ein Delphi-Survey durchgeführt: Das mehrstufige Befragungsverfahren hilft dabei, einen Konsens unter Fachpersonen und der Bevölkerung zu bilden. Zwei Resultate haben Schmitz überrascht: «Die Einwohnerinnen und Einwohner wünschen sich, dass die Gemeinde eine Vorbildfunktion einnimmt sowie dass sie die Kreislaufwirtschaft stärkt und Kunststoffrecycling anbietet.» Die Resultate haben die Forschenden mit den Interessensgruppen in Formaten wie dem World-Café diskutiert. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Einführung von Tempo-30-Zonen durch Thalwiler Bürgerinitiativen besser funktioniert hat als top-down von der Gemeinde. «Wir haben besprochen, wie man diesen Bottom-up-Prozess auch in anderen Bereichen nutzen könnte», so Roth. So könnten etwa PV-Anlagen anstatt durch die Gemeinde durch Energiepatenschaften von Bürgerinnen und Bürger finanziert werden. «Das hätte einen doppelten Effekt: Es entlastet die Gemeinde, und durch die Beteiligung steigt die Akzeptanz der Bevölkerung», meint Roth. «Am meisten würde ich mich freuen, wenn in 15 Jahren jemand sagt, er engagiere sich für die Gemeinde, weil er damals an diesem World-Café war.» Florian Roth, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZHAW Center for Corporate Responsibility Nach der ersten Hälfte des dreijährigen Forschungsprojekts ist eine Sammlung von Ansätzen, die sowohl Fachleute wie Einwohnerinnen und Einwohner als sinnvoll und zielführend erachten, zusammengekommen. Nun geht es darum, diese in konkrete Massnahmen herunterzubrechen und zu priorisieren. Die Massnahmen werden anschliessend dem Gemeinderat vorgelegt und die Energiestrategie auf Basis demokratischer Entscheide umgesetzt. Dem Politikwissenschaftler Roth liegen die längerfristigen Effekte von RRI am Herzen: «Am meisten würde ich mich freuen, wenn in 15 Jahren jemand sagt, er engagiere sich für die Gemeinde, weil er damals an diesem World-Café war», sagt er und schmunzelt. Stéphanie Hegelbach

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