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Aktive Filter: Kategorie: Main Topic Autor: Thomas Müller Ausgabe: 2/2019 Alle Filter entfernen
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Lagerplatz Winterthur: Ein gesellschaftliches Biotop

Ein gewöhnlicher Dienstag­nachmittag, doch die Tische beim «Portier» sind auch draussen gut besetzt. Im Portier­häuschen meldete sich einst, wer Zugang zum Industriegelände begehrte. Heute gibts hier Verköstigung – und Informationen über den Lagerplatz, wie Simon Mühle­bach vom ZHAW-Institut Urban Land­scape zum Auftakt des Rundgangs erklärt. Auf dem Areal gibts über 100 Mieter. Nicht alle sind so einfach zu finden wie das Programm­kino ­«Cameo» oder das Hostel ­«Depot 195», das Betten ab 36 Franken anbietet. Und natürlich die Multisporthalle des Skills Park, auf die Kids mit ihren BMX-Velos, Scooters und Inlineskates zusteuern. Trotz der Umnutzung atmet heute noch jede Ecke industrielle Vergangenheit. Die alten Industriegleise sind sichtbar, ein Vordach aus einer anderen Ecke des Areals schützt die Aussenwirtschaft des Bistros «Les Wagons», das aus drei antiken Wagen der Üetlibergbahn besteht. Weiter führt der Rundgang mit Mühlebach zur Halle 181, die um drei Etagen aufgestockt wurde. Im alten Teil gibts einen Verein mit historischen Dampfmaschinen, darüber liegen Büros und Unterrichtsräume der ZHAW. Gegen die Bahngleise im Süden erhielt die Halle zur Schall- und Wärmedämmung eine Gewächshausschicht mit Tomaten, Kräutern und anderen Pflanzen. «Eigentlich bestand auf dem Lagerplatz schon länger ein gesellschaftliches Biotop – man brauchte es bloss zu erhalten.» Simon Mühlebach. Der Lagerplatz macht ein Viertel des Sulzerareals Stadtmitte aus. Hier pulsiert das Leben wie nirgendwo sonst im einstigen Industriequartier. Wie konnte eine so beseelte Urbanität heranwachsen? Solche Fragen untersucht Mühlbach in einem ZHAW-Forschungsprojekt, das anhand von vier Deutschschweizer Arealen der Wechselwirkung zwischen städebaulicher Gestaltung und gesellschaftlicher Integration nachgeht. Denn das war nicht selbstverständlich, als Sulzer 1988 den Rückzug von den Produktionsstandorten in der Stadt bekannt gab. Das Projekt «Winti Nova» wollte mit Neubauten auftrumpfen. Ein Aufschrei ging durch die Stadt. Die Abbruchpläne wurden ausgebremst, eine Stadtentwicklungsdebatte entstand. Zu einer der ersten Zwischennutzungen kam es in der Halle 180, der ehemaligen Kessel­schmiede. Sie wurde zur Architekturschule umgebaut (heute ZHAW-Departement Architektur, Gestaltung und Bau­ingenieurwesen). Nach und nach folgten weitere Zwischenmieter. 2006 schlossen sich die Zwischennutzer im Arealverein zusammen. Obwohl ihnen die Grundstücke gar nicht gehörten, suchten sie einen Käufer – mit Erfolg. Seit 2009 ist der Lagerplatz im Besitz der Stiftung Abendrot, die Pensionskassengelder nach den drei Kriterien Gesundheit, Umwelt und Gerechtigkeit investieren will. Mitgespielt hat, dass eine Umzonung die zugelassene Ausnutzung des Areals verringerte. Das senkte den Rendite- und Überbauungsdruck. «Der Bestand wird nach und nach sozialverträglich saniert, optimiert und erweitert», sagt Mühlebach. Thomas Müller

Glattpark Opfikon: Stadtteil mit eigenem Park und See

Wer an der Tramhaltestelle Fernsehstudio aussteigt, ist in wenigen Schritten am schmalen See. Er ist 550 Meter lang und streckt sich elegant zur Autobahn hin. Dort, wo man die Fahrzeuge besser hört, ergab sein Aushub einen Erdwall. Er schottet das Areal gegen Strassenlärm ab. An Sommerwochenenden oder nach der Arbeit schwimmen manche aus dem Quartier im See und suchen Erfrischung, andere flanieren auf der Seepromenade. Bevor der Stadtspaziergang mit Roland Züger, Dozent am ZHAW-Institut Urban Landscape, jedoch dorthin ins Grün führt, gibt es einen kurzen Zwischenstopp. Er gilt den kürzlich fertiggestellten Bauten der zweiten Etappe an der Ecke des Quartiers zum Fernsehstudio. Zum einen hat die Genossenschaft ABZ hier 286 Wohnungen erstellt, die neue Bevölkerungsschichten ins bei Expats beliebte Quartier bringen. Das lässt sich an der Architektur ablesen: Gemeinschaftsräume und Ateliers im Erdgeschoss, eine begegnungsfreundliche Erschliessung durch offene, aussenliegende Treppenhäuser, Familienwohnungen und kleinere Einheiten fürs Wohnen ab 65. Zwischen den beiden Baukörpern liegen kollektive Gärten und Kinderspielplätze. Zum anderen ist neu auch «My Cocoon», die Nachbarüberbauung der Beamtenversicherungskasse. Sie erstreckt sich über fünf Hausnummern an der Glattparkstrasse und überrascht augenzwinkernd mit witzigen, ausgestülpten Loggien. Durch eine clevere Anordnung bietet jedes dieser Balkonkistchen erstaunlich viel Privatheit. Kein Zweifel, wir sind in einem urbanen Quartier unterwegs. Weiter gehts zur Seepromenade. Der Blick schweift über den Park, zum Wäldchen und den Grillplätzen. So viel Grünraum in einem neuen, verdichteten Stadtteil? Über zwölf Hektar Freifläche, ursprünglich Bauland im Wert von mehreren Hundert Millionen Franken, das heute als Naherholungs- und Freizeitraum genutzt wird. Nicht von ungefähr wurde das Gebiet, das damals noch Oberhauserriet hiess, in den 1980er Jahren als «teuerste Wiese Europas» gehandelt. Geplant waren Businessparks mit gegen 30‘000 Arbeitsplätzen und wohl ebenso vielen Parkplätzen. Freiwillig verzichteten die 21 Grundeigentümer nicht auf solche Renditeaussichten. «Die Bevölkerung wollte keinen Business-Park, sondern ein durchmischtes Quartier.» Roland Züger Roland Züger erinnert an die dramatische Planungszeit: «Über dem Projekt hing das Damoklesschwert der Auszonung.» Druckmittel war eine Volksinitiative, mit 754 Unterschriften, von der «Neuen Idee Opfikon» eingereicht. Die Bevölkerung wollte keinen Business-Park, sondern ein durchmischtes Stadtquartier. Das begriff die Gemeinde und arbeitete mit Planern einen entsprechenden Kompromiss aus. Der Clou daran: Ein Sondernutzungsplan gewährt eine bessere Ausnutzung der Bauparzellen, wenn die Eigentümer im Gegenzug den Park und See akzeptieren, eine Etappierung hinnehmen und die Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr mitfinanzieren. Sie stimmten zähneknirsch­end zu. Auch an der Urne kam der Kompromiss 1991 durch, die Initiative war vom Tisch. Als Resultat davon liegt nun westlich vom See auf knapp 55 Hektar der überbaute Teil des Glattparks. Drei Alleen mit kleinen Bächlein und wellenförmig angelegten Wegen führen ins Quartier hinein – bewusst angelegte Grünadern. Zusammen mit vielen Querwegen entsteht ein praktisches Netz von autofreien Verbindungen. Sie führen zu ­Dutzenden von recht unterschied­lichen fünfgeschossigen Wohnbauten, meist mit 3,5- und 4,5-Zimmer-Wohnungen, die ab 2006 bezogen wurden. Dann steigt die Dichte an: Beim Boulevard Lilienthal in der Mitte des Quartiers mischt sich die Wohnnutzung mit Dienstleistungen. Weiter zur stark befahrenen Thurgauerstrasse hin folgen siebengeschossige Bürobauten. Motorisierter Verkehr ist kaum wahr­zunehmen. Autos, die von der Thurgauerstrasse über drei Zufahrtsstrassen ins Quartier kommen, verschwinden rasch in einer der Tiefgaragen. Der baumgesäumte Boulevard Lilienthal liegt parallel zum See. Abgesehen vom Linienbus ist er verkehrsfrei. Flankiert von Gebäuden mit viereinhalb Meter hohen Sockelgeschossen für Coiffeur, Kinderhort, verschiedene Gewerbenutzungen, Läden und eine Pizzeria mit Tischen draussen vor der Tür, macht er auf städtisches Flair, was ihm nicht so recht zu gelingen scheint. Belebt sieht anders aus. Vielleicht, so sinniert der ZHAW-Dozent, wäre es sinnvoll, den Boulevard für Autos zu öffnen und Kurzzeitparkplätze anzubieten. Die DNA des neuen Stadtteils ist der gut durchdachte Masterplan des Büros Planpartner. «Klug aufgebaut, regelt er nur das Nötigste und lässt genug Freiraum für neue Entwicklungen über die lange Bebauungszeit von mehreren Jahrzehnten hinweg», sagt Roland Züger. Während wir dem Boulevard entlangschlendern, zeigt er auf ein eigenwilliges Gebäude in dunkler Blechhaut: «Minmax» will mit 40 Quadratmeter grossen Kleinwohnungen für Singles ein Segment abdecken, das im neuen Stadtteil zuvor zu kurz kam – im Hof zeugt prominent ein gläserner Turm mit zwei Wasch­salons und einer Gemeinschaftsküche von diesem Anspruch. Durch die Freiheiten, die der Mas­terplan lässt, wird die architektonische Qualität der einzelnen Bauten wichtig. Was im ganzen Glattpark auffällt, ist der unterschiedliche Umgang mit Aussenräumen. Manche Architekten setzen Wohnungen im Erdgeschoss schutzlos den Blicken des Quartiers aus. Da bleibt den Mietern oder Eigentümerinnen nur, sich notwehrmässig mit selbst aufgebautem Sichtschutz jeglicher Art abzuschotten oder die Storen durchgängig geschlossen zu halten. Andere Überbauungen zeigen Respekt für die Bedürfnisse nach einem Stück Privatheit vor der eigenen Wohnung. Eine Spur weniger Exponiertheit wünscht man sich manchmal auch im Park und den anderen öffentlichen Räumen. Kleinräumige Nischen, die man nutzen könnte, fehlen dort. Doch das lässt sich ja bei der dritten Bauetappe nachholen, die demnächst folgt. Die Möglichkeiten dazu lässt der Masterplan durchaus. Nach Abschluss der dritten Etappe bietet der Glattpark vor­aussichtlich Platz für 8000 Einwohner und 7000 Arbeitsplätze. Thomas Müller

Stadtlandschaften, in denen Menschen gerne leben

Bauen ist mehr als ein Wohnhaus, ein Bürogebäude oder eine Schule hochziehen, mehr als Strassen asphaltieren und Schienen verlegen. Stets hat das Schaffen gebauter Umwelt Auswirkungen auf die Menschen und auf ihr Zusammenleben. Die Umwelt bestimmt das Alltagsleben, verändert die Gesellschaft. Wer wohnt wo? Wie kommt man zur Arbeit, auf die Joggingstrecke, in die Schule oder zur Bäckerei?Wer aber lenkt diesen Prozess der Vernetzung von Menschen, Aktivi­täten und Orten? «In der Schweiz steuern vor allem die Gemeinden die bauliche Entwicklung», sagt ZHAW-Professorin Regula Iseli, Co-Leiterin des Instituts Urban Land­scape. Mit ihren Bauordnungen legen sie fest, wie gebaut werden darf. Und sie definieren Bauzonen für Wohnen, Gewerbe, öffentliche Bauten, Sportanlagen oder bestimmen über Freihalte- und Erholungszonen. Der Bund gebe zwar gewisse Leitlinien vor, so Iseli, «doch die sind schwach». Lange glaubte die Schweiz sogar, ohne solche Vorgaben auszukommen. Das funktionierte recht gut, als die Industrialisierung dem Land den ersten Urbanisierungsschub versetzte. Dann aber kamen die Boomjahre nach dem Zweiten Weltkrieg – und das Automobil. Ein ­enormes Wachstum brachte Wohlstand, die Massenmotorisierung der Bevölkerung und ein Autobahnnetz, das fast jede Kleinstadt an das urbane Leben anschloss. Die Agglomeration entstand, ein Flickenteppich aus alten Dorfkernen und Gewerbebauten, Hochspannungsleitungen und Wohnsiedlungen, Grünflächen und Tankstellen, Einkaufszentren und Autobahnen, der sich von Gemeinde zu Gemeinde wiederholt. «Ein unseliges Durcheinander» nannte es der Architekt und Schriftsteller Max Frisch, «halb verstädtertes Dorf und halb dörfliche Stadt.» Das kümmerte die Gemeinden wenig. Unbeirrt kurbelten sie ihre Wirtschaft über Einzonungen an: Hier opferte der Gemeinderat einen Kartoffelacker für Gewerbebauten, um Arbeitsplätze zu schaffen, dort eine grüne Wiese für Häuser, die gute Steuerzahler anlocken sollten. Die rasch gewachsenen Städte verloren an Attraktivität, eine regelrechte Stadtflucht setzte ein. Zu verlockend erschien vielen der Traum vom eigenen Häuschen im Grünen, zu unwirtlich die Stadt. Die Bevölkerung von Zürich etwa schrumpfte nach einem Höchststand im Jahr 1962 um einen Fünftel. Erst in den 1970er Jahren setzte langsam ein Umdenken ein. «Die Leute begannen sich zu fragen: Was ist das für eine Stadt, die man uns da baut?», umreisst Iseli den Wandel. 1979 sagten die Stimmberechtigten Ja zum Bundesgesetz über die Raumplanung. Es vermochte noch nicht viel zu bewirken. Doch 2014 wurde es unter dem Druck der grünen Landschaftsinitiative revidiert und soll nun den Landverschleiss etwas bremsen. Es geht zwar noch immer von einer Ausdehnung der Siedlungsfläche aus – als ob der Boden ein vermehrbares Gut wäre. Doch zumindest will es das Wachstum nach innen fördern. Wachstum nach innen bedeu­­­tet mehr Dichte. Das funktioniert, wenn man es richtig macht. Denn urbane Qualitäten sind wieder gefragt, gerade auch bei jüngeren Generationen. Dabei spielen die kürzeren Arbeitswege und zukunftsgerichtete Mobilitätsformen eine Rolle, Einkaufsmöglichkeiten, das Wohnungsangebot, Schulen, die medizinische Versorgung oder das kulturelle Angebot. Doch Urbanität meint auch die Anregung, die eine Stadt darüber hinaus bietet: das Gewusel und den Austausch. Manches nervt, vieles inspiriert. «Die Dichte einer Stadt ist der Nährboden für die Vernetzung mit anderen, für neue Kontakte und Ideen», beschreibt es Regula Iseli. Daraus können technische Entwicklungen, unkonventionelle Lebensentwürfe und neue Jobs entstehen. Die Lust auf Urbanität ist auch in Zürich zurückgekehrt. Seit 2003 wächst die Stadt wieder Jahr für Jahr. Den einstigen Bevölkerungsrekord von 440‘180 Personen dürfte sie laut jüngsten Prognosen 2021 erreicht haben, also knapp sechzig Jahre nach dem Einbruch. «Gute Stadt-Landschaften entstehen, wenn sich Politik, Architektur, Soziologie und Landschaftsplanung gemeinsam für gute Lösungen einsetzen und dabei die Bevölkerung miteinbeziehen.» Regula Iseli Was heisst nun richtig machen? Wodurch zeichnen sich gute Quartiere und Stadtteile aus? Verdichtung nach innen funktioniert nur, wenn im Gegenzug ausreichend öffentliche Räume und Grünräume eingeplant werden. Sie müssen attraktiv und gut erreichbar sein, damit sie im Alltag tatsächlich genutzt werden. Ziel einer guten Stadt-Landschaft ist es nicht nur, Wohn- und Dienstleistungsangebote schlau zu verknüpfen und verkehrsmässig gut zu erschliessen, sondern auch, Menschen sozial zu vernetzen und Orte für die Gemeinschaft anzubieten. Kontakte in lebendigen Quartieren stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt und beugen Anonymität, Desintegration und Konflikten vor. «Patentrezepte gibt es nicht, Lösungen müssen für den spezifischen Ort entwickelt werden», betont Iseli. Wichtig sei ein breit abgestütztes Vorgehen: «Die Erfahrungen aus 50 Jahren Stadtentwicklung zeigen, dass gute Stadtlandschaften dann entstehen, wenn sich Akteurinnen und Akteure aus Politik, Architektur, Soziologie und Landschaftsplanung gemeinsam für gute Lösungen einsetzen und dabei die Bevölkerung miteinbeziehen.» Oft geht es dabei um grössere Areale. Die Behörden gewähren mit Sonderbauvorschriften oder Gestaltungsplänen eine höhere Ausnützung als in der Regelbauweise vorgesehen, im Gegenzug sichern sie der Bevölkerung Grünräume oder Beiträge an die Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr. Expertinnen und Experten des ZHAW-Instituts «Urban Landscape – Architektur und Städtebau des 21. Jahrhunderts» geben auf kurzen Stadtspaziergängen Einblicke in fünf gelungene Beispiele. Freilager Zürich: Vorbildlich – in vieler Hinsicht Glattpark Opfikon: Stadtteil mit eigenem Park und See Zürich-West: Lebensadern und Zäsuren Richti Wallisellen: Die urbane Insel Lagerplatz Winterthur: Ein gesellschaftliches Biotop Freilager Zürich: Vorbildlich – in vieler Hinsicht Glattpark Opfikon: Stadtteil mit eigenem Park und See Zürich-West: Lebensadern und Zäsuren Richti Wallisellen: Die urbane Insel Lagerplatz Winterthur: Ein gesellschaftliches Biotop Thomas Müller

Freilager Zürich: Vorbildlich – in vieler Hinsicht

Gegen Norden, zur Rauti­strasse hin, zeigt uns das Freilagerareal in Zürich die kalte Schulter. Hier stehen die drei Rautitürme. Ihre 40 Meter hohen Fassaden orientieren sich an berühmten Vorbildern in Le Havre, doch die Lage, Proportionierung und Gestaltung der Türme ist problematisch. Das zeigt sich unten, im Sockelgeschoss. Statt ein Scharnier hin zur Stadt zu bilden und Passanten willkommen zu heis­sen, rücken die Türme vom Strassenraum ab. Meterdicke Buchen­hecken schirmen die Erdgeschosse gegen das Trottoir ab. Zusätzlich dominiert der motorisierte Verkehr den Vorbereich, der beim zweiten Turm in eine Tiefgarage saust. Auto­welt Schweiz heisst denn auch – völlig ironiefrei – einer der Mieter. Noch nicht alle Gewerbeflächen im Sockelgeschoss sind besetzt, obwohl das Freilager 2016 fertiggestellt worden ist. Der fehlende Bezug zum Strassenraum ist für Peter Jenni, Dozent am ZHAW-Institut Urban Landscape, ein Wermutstropfen. «Da hat das Freilager eine Chance vergeben», findet der Architekt und Städteplaner. Viele andere Punkte seien hingegen vorbildlich umgesetzt worden: «Das Freilager zeigt, wie ein geschickter Umgang mit den historischen Wurzeln des Orts einem neuen Stadtquartier Lebendigkeit und Identität verleiht.» Geschichte weiterbauen ist hier kein leeres Schlagwort. Das Gebiet ist geprägt vom 1925 eröffneten Lager für Waren, die offiziell noch nicht in die Schweiz eingeführt wurden. Nach aussen war es hermetisch abgeschlossen, zolltechnisch galt das Areal ja als Ausland. Wir schlendern entlang der drei lang gezogenen Holzhäuser zur Ostseite. Hier zeugen gut genutzte, über­deckte ­Veloständer davon, dass wir ein ökologisches 2000-Watt-Areal mit reduzierter Parkplatzzahl vor uns haben. Jenni zeigt zum ehemaligen Portierhaus. «Dort sassen die Zöllner – und hier führten die Zufahrtsstrasse und die Bahngleise durch.» Heute wirkt der Zugang offen. Zum Verweilen lädt ein Anbau mit Restaurant ein, das sich auf Rindfleisch aus den argentinischen Freilandfarmen von Yello-Sänger Dieter Meier spezialisiert hat. Zwischen den beiden lang gezogenen ehemaligen Lagerhallen liegt die Marktgasse. «In den Aussen­raum zu investieren, zahlt sich aus. Trotz dichter Bauweise fühlen sich die Leute dann wohl.» Peter Jenni Quartierladen, Bistro, Kindergarten, Velogeschäft, Weinkontor und Grafikatelier mischen sich bunt mit Yogastudio, Bankomat oder Utensilien für urbanes Gärtnern. Das breite Angebot zeigt, dass die Vermietungs­praxis ein vielfältiges Angebot für die 800 Wohnungen im neuen Quartier höher gewichtet als die Rendite­maximierung auf diesen Ladenflächen. Drei Geschosse kamen durch eine Aufstockung auf die Backsteinlagerhallen drauf – ein stimmiger, sorgfältig proportionierter Mix. Eine zweite Stärke ist der bewusste Umgang mit öffentlichen und privaten Räumen. Dazu gehört auch eine gewisse Unerschrockenheit: Die 135 Meter langen Lagerhallen wurden in der Mitte aufgeschnitten, um eine Querbeziehung zu schaffen. Dieser Durchgang führt weiter zum Südhof. Hier gibts keinen Gewerbesockel, gewohnt wird ab dem Erdgeschoss. Dennoch sind nirgendwo Schilfmatten oder Kübel­pflanzenhecken zu entdecken, die notdürftig etwas Sichtschutz bieten. Sie sind unnötig, weil die Architekten ihre Hausaufgaben gemacht haben: Die privaten Bereiche vor den Gartenwohnungen sind mit Backsteinmäuerchen mit Gartentor eingefasst. Wer hier wohnt, fühlt sich nicht ausgestellt, wer hier durchgeht, nicht als Voyeur. «Solche gut überlegten Lösungen sieht man leider viel zu selten», sagt Jenni. Ein Durchgang quer durchs Haus Südhof führt in den Innenhof. Es grünt und blüht in einem Farbenspiel, das sich übers ganze Jahr erstreckt. Hier spielt der Garten die Hauptrolle, das Gebäude nimmt sich mit grauem Backstein zurück. Mit ihren leicht ausgedrehten Balkonen orientieren sich die Wohnungen Richtung Üetliberg und in die Landschaft statt auf­einander. Engegefühle kommen keine auf, obwohl das Freilager­areal mit rund 290 Personen pro Hektar recht vollgepackt ist. Das ist etwa sechs mal mehr als im städtischen Durchschnitt, der bei 48 Personen liegt. Damit ist das Freilager gleich dicht bewohnt wie die Blockrandgebiete Sihlfeld oder Gewerbeschule in den Stadtkreisen 4 und 5, die auf 300 Personen pro Hektar kommen. In den Aussenraum zu investieren, zahle sich aus, so Jenni: «Trotz dichter Bauweise fühlen sich die Leute dann nämlich wohl.» Der angrenzende Bachwiesenpark steigert die Attraktivität für Familien mit Kindern, sofern sie dem oberen Mittelstand angehören. Denn das Stadtparlament lehnte 2008 einen Vorstoss ab, der ein Drittel gemeinnützigen Wohnungsbau forderte. Immerhin liegen auf der Westseite des Areals auch 200 güns­tige Studentenzimmer, die mit ­Gemeinschaftsküche vermietet werden. Überbordende Renditeerwartungen stutzte im Übrigen auch der Markt zurecht. Die «NZZ» berichtete 2017 unter dem Titel «Die Leere nach dem Boom», dass manche Mieten mangels Nachfrage bis zu 28 Prozent gesenkt werden mussten. So reduzierte sich der Netto­mietzins einer Maisonettewohnung zu­oberst in den Rauti­türmen von 5100 auf 4300 Franken pro Monat. Seither sind alle Wohnungen vermietet. Und wenn eine frei wird, ist sie rasch wieder besetzt. Thomas Müller

Zürich-West: Lebensadern und Zäsuren

In der Markthalle unter dem Wip­kingerviadukt startet der Rund­gang mit ZHAW-Pro­fesso­rin Regula Iseli. Hier beginnt der Stadtteil Zürich-West. Die Co-Leiterin des Instituts Urban Landscape zeigt nach oben. Seit 1894 fahren die Züge nach Oerlikon über den Viadukt. Sein Vorgänger war ein Bahndamm, der entlang der heutigen Röntgenstrasse verlief. Die Bahn­infrastruktur wurde um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert stark ausgebaut; sie ermöglich­te den Transport von Kohle und Rohstoffen für die neu gegründeten Fabriken und Werkstätten und bot zugleich einen Anschluss ans europäische Eisenbahnnetz. «Zürich-West wird mit Respekt gegen­über der Geschichte zu einem urbanen Stadtteil umgeformt». Regula Iseli Der denkmalgeschützte Wipkingerviadukt ist ein Symbol für den Transformationsprozess, der vor 25 Jahren eingesetzt hat. Die stadtauswärts liegenden In­dustrieareale haben sich enorm verändert. «Zürich-West wird schrittweise und mit Respekt gegenüber seiner Geschichte zu einem urbanen Stadtteil umgeformt», sagt Iseli. Es gibt viermal mehr Wohnungen als zuvor, die Zahl der Arbeitsplätze hat sich verdoppelt, die Bevölkerungszahl verdreifacht, eine Dreizimmerwohnung ist 50 Prozent teurer als im städtischen Durchschnitt. Was den Viadukt anbelangt, sieht das Resultat der Transformation so aus: Unter 53 Bögen entstanden Restaurants, Läden und die Markthalle. Ziel war eine quartierverträgliche, regional verwurzelte Nutzung, was auch der Betreiberin, der PWG, der städtischen Stiftung zum Erhalt von preisgüns­tigem Wohn- und Gewerberaum, zu verdanken ist. Das heisst Käse­laden, Mini­metzg, Bäckerei, Caritas-­Secondhand und handverlesene Boutiquen statt Kaffeehausketten oder globalisierte Turnschuhläden. Der Respekt musste aber erst mal eingefordert werden. «Wirtschaftspromotoren träumten in den 1980er Jahren davon, nicht mehr industriell benötigte Areale rasch umzuzonen, die alten Gemäuer einzureissen und Dienstleistungsgebäude hochzuziehen», erzählt Iseli. Die Mietpreise für Büroflächen befanden sich damals auf einem Höhenflug. Diese Pläne wurden ausgebremst. Zuerst sprach sich die Stadtregierung gegen einen unwirtlichen Stadtteil voller öder Büroschluchten aus und 1992 auch das Volk mit seinem Ja zur hochumstrittenen Bau- und Zonenordnung. Das war ein Glücksfall – denn die Wirtschaft war inzwischen in eine Rezession gestürzt, die Immobilienblase geplatzt. Büros standen überall leer. Die Grundeigentümer stiegen nun in eine kooperative Planung mit der Stadt ein, die mit Leitlinien für eine hohe städtebauliche Qualität nicht nur Respekt gegenüber der Geschichte und lokalen Eigenheiten einforderte, sondern auch Mindestanteile fürs Wohnen im neuen Stadtteil festlegte. «Über Gestaltungspläne und Sonderbauvorschriften wurden massgeschneiderte Lösungen für die einzelnen Areale ausgehandelt», erläutert Regula Iseli auf dem Weg Richtung Escher-Wyss-Platz. Was dabei entstand, gehört zu den Markenzeichen des Quartiers: umgenutzte Industriebauten wie das Löwenbräuareal mit seinem vornehmen neuen Wohnturm oder die Schiffbauhalle mit der Dépendance des Schauspielhauses oder das Toni-Areal mit ZHdK und ZHAW. Dazu kommen die markanten Neubauten wie das Büro­hochhaus Prime Tower. Was das Quartier im Alltag immer noch stark prägt, ist – erneut – eine Verkehrsachse: die 1,3 Kilometer lange Hardbrücke, die seit 1972 Zürich-West in Nord–Süd-Richtung entzweischneidet. «Die Hardbrücke ist eine Zäsur», so Iseli. Das einstige Provisorium verleiht dem Quartier aber auch Rückhalt und Urbanität. Bei der Hardbrücke mischen sich Büroarbeiter und Partyvolk, Kultur und Kulturen, Anwohner und Studierende, Gastronomie und Wurststände. Seit Ende 2017 führt eine Tramlinie darüber, und jeden Tag benutzen rund 50‘000 Passagiere den darunterliegenden SBB-Bahnhof Hardbrücke. Rechts am Schiffbau vorbei gelangen wir zum Turbinenplatz. Die Stadt sicherte mit dem Gestaltungsplan diesen Freiraum, der fast an die Grösse des Sechseläuten­platzes heranreicht. Die Grundeigentümer wurden verpflichtet, den Platz nach der Fertigstellung der Stadt zu übergeben – eine Art Mehrwertabschöpfung. «Städtebaulich sind solche Räume wichtig, die viel zulassen», sagt Iseli. Dass der Platz nicht besonders stark für Veranstaltungen genutzt wird, sieht sie auch als Qualität, «es muss nicht immer alles rentabilisiert sein». Wie prägend der Umgang mit den grossen Verkehrsachsen für den neuen Stadtteil ist, zeigt die Pfingstweid­strasse. Seit 2011 verkörpert die sanierte vierspurige Einfallstrasse mit neuer Tramlinie «eine eindrückliche Transformation dieses Zubringers in eine städtische Struktur», so Iseli. Das stürmische Wachstum in Zürich-West hält an. Für 570 Millionen Franken soll das Hardturm-Stadion mit Hochhäusern und über 700 Wohnungen entstehen. Beim Tramdepot Hard will die Stadt zwei Hochhaustürme mit 200 Wohnungen bauen. Thomas Müller

Richti Wallisellen: Die urbane Insel

Der rege Betrieb am Bahnhof um acht Uhr morgens veranschaulicht den Stellenwert des neuen Stadtteils in der 15‘000-Seelen-Gemeinde Wallisellen: Wer aus der S-Bahn steigt, geht selten nordwärts, wo Einfamilienhäuser das Bild prägen. Etwa drei Viertel der Pendler nehmen die Unter­führung zur Südseite ins ­Richti-Areal, schätzt der Architekt Urs Primas, Dozent im ZHAW-Institut Urban Landscape. Das Areal zwischen Bahnlinie und Autobahn ist verkehrstechnisch bes­tens erschlossen. Dennoch war hier zwanzig Jahre lang eine Industriebrache, nachdem die Zement­röhrenfabrik ihren Betrieb eingestellt hatte. «Verschiedene Projekte scheiterten, darunter eine monofunktionale Büroüberbauung, die wegen ihrer hohen Parkplatzzahl mit Kritik überzogen wurde», erzählt Primas. 2007 setzte die Immobilienfirma Allreal als Alleineigentümerin auf eine enge Zusammenarbeit mit der Gemeinde, um ein Quartier mit gemischter Nutzung zu entwickeln. 2014 war der moderne Stadtteil fertiggestellt. Die «Richti» sei ein Ufo, zufällig in Wallisellen gelandet, spotten manche. Natürlich weiss Urs Primas um solche Vorbehalte. Die städtische Blockrandbebauung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat mit der Umgebung tatsächlich nichts gemein. Der Konradhof, der uns am Eingang prominent empfängt, knüpft nicht an Architekturtraditionen an, die man in Wallisellen kennt: Durch 4,5 Meter hohe Arkaden gehen zielstrebig Menschen zu ihren Arbeitsplätzen. Das Erdgeschoss ist für Verkaufslokale und Gewerbe reserviert. Darüber liegen vier Wohngeschosse, wie sich an den dunkelgrünen Läden vor den schlanken, raumhohen Fenstern ablesen lässt. Die Ausstrahlung des Gebäudes ist grossstädtisch elegant. Es verströmt einen Hauch Italianità. «Die gelungene Mischung aus Arbeiten und Wohnen ist eine grosse Qualität.» Urs Primas Der neue Stadtteil implementiert Räume, Häuser und Bepflanzungen, die man in der Zürcher Agglo-­Gemeinde so noch nicht gesehen hat. Urs Primas betrachtet das Resultat mit gemischten Gefühlen: «Ist es Nostalgie, wenn his­torische Vorbilder derart wörtlich herbei­zitiert werden? Fehlt es uns heute an eigenständigen Stadtvorstellungen für solche Orte?» Wenn er dann allerdings die Nutzungen betrachte, falle es ihm schwer zu sagen, was daran nicht gut sein soll. Die gelungene Mischung von Arbeiten und Wohnen bezeichnet er als eine grosse Qualität. 40 Prozent Wohnen, 50 Prozent Büros, 10 Prozent Verkauf: Der Masterplan definiert auch die Strassen und weitere öffentliche Räume. Finanziert vom Grundeigen­tümer, gingen sie anschliessend an die Gemeinde über. Damit ist die Grundstruktur für die Zukunft gesichert. Wir folgen nicht der Strasse, die eine langersehnte Verbindung vom Bahnhof zum Glattzentrum schafft. Stattdessen nehmen wir einen kleinen Umweg durch den grossen Hof. Alle Innenhöfe sind öffentlich zugänglich und als sekundäre Wegverbindungen nutzbar. Schon stehen wir vor der glatten Fassade eines fünfgeschossigen Bürogebäudes. Hof, Gasse, Platz – das Prinzip des städtischen Blocks fügt völlig verschiedene Baukörper zu einem stimmigen Ganzen. Der Masterplan verlangte steinerne Fassaden mit klar ablesbarer Fensterstruktur. In einer Art «Trotzreaktion», so Primas, erfüllten die Architekten diese Vorgabe, indem sie das Foto einer Marmorwand auf die Glas­fassade aufdrucken liessen. Im Zusammenspiel mit der Bepflanzung – rotblättriger Japan-Ahorn – entsteht im bekiesten Hof eine fast schon surreale Wirkung. Sind wir in Paris, Rotterdam oder Wallisellen? Der Hof wird gern als Weg zum Richti­platz benutzt. Dort ist der Büro­klotz über spektakuläre Passerellen mit einem 18-geschossigen Büroturm verbunden. Er markiert den Schweizer Hauptsitz des Versicherungskonzerns Allianz. Am zentralen Richti­platz liegt auch der zweite grosse Bürokomplex, der Sitz des Kabelnetzbetreibers UPC. Zwischen Richti und Glattzentrum knattern Presslufthämmer. Die Bushaltestellen erhalten einen breiten Mittelstreifen, Fussgänger einen breiteren Weg. Primas blickt ins Rund. Bus, Tram, angrenzende Wohnblöcke, dahinter Gewerbebauten, «hier ist offensichtlich, wie die Welten aufeinanderprallen». Es braucht Zeit, bis ein neues Quartier mit der Umgebung zusammenwächst. Nachdem jahrelang Infrastruktur irgendwo in der Landschaft auf Randflächen hingeklatscht wurde, sind zusammenhängende Gebiete die Ausnahme, Inseln die Regel – oft auch durch Gemeindegrenzen voneinander getrennt. «Verbindungen zwischen solchen Inseln zu schaffen ist heute die grosse Herausforderung», stellt Primas fest. Thomas Müller

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