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An bestehendem Wissen andocken – ganz konkret

Im Unterricht von Stefan Jan wird zwar Grundlagenwissen vermittelt, doch im Zentrum steht das ganzheitliche Denken. Wer als Physiotherapeutin oder Physiotherapeut arbeiten will, braucht neben dem physiotherapeutischen Fachwissen fundierte Kenntnisse in Anatomie, Pathologie, Biomechanik oder Physiologie, doch erst wenn dieses Wissen mit unterschiedlichen Aspekten verknüpft wird, können Patientinnen und Patientenprobleme ganzheitlich analysiert und entsprechend behandelt werden. Seit 25 Jahren beschäftigt sich Jan mit der Frage, wie eine gute Physiotherapeutin oder ein guter Physiotherapeut handeln udn behandeln muss und wie er Studierenden nicht nur Wissen, sondern auch die dahinterstehenden Denkprozesse vermitteln kann. Deshalb ging er in den 90er Jahren nach Australien, wo Physiotherapie schon damals ein akademischer Beruf war. Ein ganzes Team und jahrzehntelange Erfahrung aus Theorie und Praxis steht hinter dem Lehrkonzept der Module «Assessment und Intervention Muskuloskelettal», für welches Stefan Jan nun den ZHAW-Lehrpreis 2019 erhalten hat. Mit der Vergabe des Lehrpreises honoriert die Hochschule jedes Jahr besondere Lehrkonzepte. Rund 2000 Studierende hat er in seiner Zeit an der ZHAW unterrichtet. «Theoretisches Wissen kann nur aufgenommen werden, wenn es an bestehendem Wissen andocken kann», erklärt Jan. Bestehendes Wissen beruhe meist auf persönlichen Erfahrungen und diese Erfahrungen bindet er in seinen Unterricht ein. Auf dem Unterrichtsplan steht beispielsweise die Brustwirbelsäule. Die Studierenden lernen sogenannte klinische Muster kennen, das sind archetypische Probleme, die in diesem Bereich auftreten können, wie eine blockierte Rippe. Jan zeigt auf, welche Charakteristika blockierte Rippen aufweisen oder wie sich die damit verbundenen Schmerzen äussern können. Um das klinische Muster besser zu veranschaulichen, bindet er nicht nur Erfahrungen aus der Praxis ein, sondern fragt auch die Studierenden nach ihren Erlebnissen. «Einer der häufigsten Gründe, Physiotherapie zu studieren ist die Freude an Bewegung und eigene Erfahrungen mit Verletzungen. Diese Motivation für den Beruf machen wir uns zunutze.» Denn intrinsische Motivation erleichtert das Lernen. Der Unterricht ist aufgebaut wie der physiotherapeutische Problemlösungsprozess, der auch in der Praxis angewendet wird: Nach der Erfassung des Ist-Zustands wird ein Soll-Zustand definiert und festgelegt, wie dieser erreicht werden soll. Die Aufgabenstellungen werden im Verlauf der Module fachlich immer komplexer. Je weiter fortgeschritten die Studierenden sind, desto vielschichtiger die Patientenbeispiele und klinischen Muster. Bereits Gelerntes wird mit neuem verbunden. Um ein Problem ganzheitlich zu erfassen, müssen die Studierenden somit immer mehr Aspekte berücksichtigen. Damit die gelernten klinischen Muster nicht nur Theorie auf einer Powerpoint-Folie bleiben, erfolgt der Unterricht immer auch ganz praktisch in den Räumen der Hochschule. Hier können die Studierenden ganz konkret sehen und spüren, wie sich die Patientenbeispiele äussern würden. Mitten unter ihnen steht Stefan Jan, der auch gerne mal mit viel Humor auf eigene Verletzungen oder Haltungsprobleme hinweist. Es sind die Studierenden, die Jan und sein Team für den Lehrpreis nominiert hatten. Die Begründung: «Er schafft es, uns das Wissen praxisorientiert, vernetzt und unglaublich spannend beizubringen. Immer ist ein passendes Patientenbeispiel aus seiner Erfahrung vorhanden, mit welchem wir den aktuellen Lehrstoff verbinden können.» Dieses Feedback freut Jan besonders: «Genau das war es, was wir mit unserem Konzept erreichen wollten.» Lara Attinger

Mehr als Sprache und Kultur

Die Language Industry umfasst weitaus mehr als die prototypischen Berufsbilder Übersetzen und Dolmetschen. Als Folge der Globalisierung und angetrieben durch die digitale Transformation hat sich das Berufsfeld für SprachmittlerInnen und mehrsprachige KommunikatorInnen massiv gewandelt. Mit Barrierefreier Kommunikation, Pre- und Post-Editing (Bearbeitung von Texten vor bzw. nach einer maschinellen Übersetzung), Übersetzungsmanagement oder Transkreation (freie und kreative Erstellung von Texten in einer Zielsprache) sind in den letzten Jahren ganz neue Berufsprofile entstanden, zudem sind professionelle SprachmittlerInnen in immer mehr Berufsfeldern wie der Organisationskommunikation oder der technischen Dokumentation gefragt. Im Feld der mehrsprachigen Kommunikation hat zugleich eine Professionalisierung und eine Diversifizierung der Berufs- und Rollenbilder stattgefunden. Sprachliche Meisterschaft, kulturelle und translatorische Kompetenzen vorausgesetzt, benötigen die Sprachprofis von heute zahlreiche weitere Qualifikationen wie Management- und Marketingkompetenzen sowie eine sehr hohe Digital und Machine Translation Literacy. Auf einem sich rasant entwickelnden Arbeitsmarkt sind Anpassungsfähigkeit und Agilität gefragt, wenngleich nicht alle ausgebildeten SprachmittlerInnen es in den Bundesrat schaffen können – hier ist Karin Keller-Suter, prominente Absolventin des IUED-Vorgängers DOZ (Dolmetscherschule Zürich), bisher die Ausnahme. Diesen Wandel prägt das IUED an vorderster Front mit – und blickt dabei zurück auf stolze 75 Jahre Geschichte. Dass die Gründung des «Freien Lyceums Dr. P. Bänziger» in Zürich den Grundstein für akademische Ausbildungen legen würde, war 1946 noch nicht absehbar. Die kontinuierliche Professionalisierung und Internationalisierung von Institut und Ausbildung führte aber dorthin (vgl. Box Meilensteine). Heute verfügt das IUED über eine starke internationale Position und ist als einziges Fachhochschul-Institut Mitglied der Conférence internationale permanente d'instituts universitaires de traducteurs et interprètes (CIUTI), der weltweit führenden internationalen Organisation, welche die Qualitätsstandards für universitäre Ausbildung und Forschung im Bereich Übersetzen und Dolmetschen setzt und bei ihren Mitgliedern deren Einhaltung fordert. Die Bachelor- und die Master-Ausbildung des IUED sind national und international akkreditiert. Und an die Stelle von Sprachunterricht und allgemeinbildenden Kursen sind akademische Aus- und Weiterbildungen getreten: Der Bachelor Angewandte Sprachen, Mastervertiefungen in Fachübersetzen und Konferenzdolmetschen sowie Weiterbildungen im Bereich der Translation, der Barrierefreien Kommunikation und der Technikkommunikation. Alle folgen dem Grundsatz der forschungsgeleiteten Lehre. Kompetenzorientiert vermitteln sie die neuesten Erkenntnisse aus eigener und fremder Forschung und verbinden diese mit der Anwendung und dem Training von Fertigkeiten. Aktuell ist dabei die Herausforderung, wie maschinelle Übersetzung im Kommunikationsalltag professionell genutzt werden kann. So entlässt das IUED seine Absolveninnen und Absolventen mit Kompetenzen, die sie für den globalisierten Arbeitsmarkt befähigen und in der digitalen Transformation auch langfristig konkurrenzfähig machen. Gary Massey, Christa Stocker

«Meine Kollegen stellten sich plötzlich gegen mich»

Rukiyye Dagli schwärmt von ihrer Kindheit. Die 23-Jährige sitzt auf ihrem Sofa in einer Wohnung in Kloten, ein Knie hat sie an den Körper gezogen, die Hände sind davor verschränkt. «Meine Kindheit war sehr schön», sagt sie. In der Oberstufe kommt für sie alles anders. Mit 16 entscheidet sie sich, das Kopftuch zu tragen. «Plötzlich stellten sich Lehrer und Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich meine gesamte Kindheit verbracht hatte, gegen mich.» Sie ringt um Worte und ist immer noch fassungslos bei dem Gedanken daran. Rukiyye fällt durch ihr Kopftuch auf. Bei anderen ist es der Name, wie bei Suad Demiri: «Da muss ich jedes Mal erklären, von wo der kommt und wie er ausgesprochen wird», erzählt er. Für das Treffen ist er in die Altstadt von Biel gekommen, wo er auch aufgewachsen ist. Während des Gesprächs verschränkt er die Beine, seine Hände sind ständig in Bewegung. Mal fährt er sich über den Knöchel, mal zupft er den Socken zurecht. «Da gab es auch solche, die fragten, was ich überhaupt hier suche.» Bei Kushtrim Grajvceci ist das anders. In kurzen Hosen und T-Shirt sitzt er in seinem Garten, lehnt sich beim Sprechen auf seinem Gartenstuhl zurück. Er wuchs im Dorf Feuerthalen direkt bei Schaffhausen auf. «Ich kann mich an keine Anfeindung erinnern. Höchstens mal zum Spass von ein paar Freunden», sagt er. Er macht eine Pause und zieht an seiner Zigarette. «Die Leute begegneten mir und meiner Familie mit Neugier anstatt mit Ablehnung.» Kushtrim Grajvceci In der Schule darf er seine Religion sogar vorstellen. «Das hat geholfen, dass meine Mitschüler meine Herkunft besser verstanden haben», erzählt Kushtrim. Einzig beim Essen stand er sich selbst ab und zu im Weg. «Ich schämte mich, ständig zu fragen, ob da jetzt Schweinefleisch drin ist. Ich war der einzige Muslim an unserer Schule.» So unterschiedlich die Erfahrungen im Alltag sind, so positiv beschreiben hingegen alle unisono den Zusammenhalt der muslimischen Gemeinschaft. Besonders für Shqipe Azizi hat das die Schulzeit einfacher gemacht. Sie fällt auf durch ihre weiss-grau gefärbten Haare. «Unsere Gemeinde hat alle Ausländer quasi in eine Klasse gesteckt. Da waren etwa 20 Muslime und vielleicht sechs Schweizer.» Dadurch hat sich ein starker Zusammenhalt entwickelt. Auch für Suad ist dies eine der grossen Stärken der muslimischen Gemeinschaft. «Es gibt Verwandte, mit denen ich kaum spreche. Aber wenn etwas los ist oder ich umziehe, stehen die sofort auf der Matte, um anzupacken.» Knapp 450’000 Muslime leben heute in der Schweiz . Sie bilden die drittgrösste Glaubensgemeinschaft des Landes. Der Islam weist einige Parallelen zum Christentum auf. So gibt es auch im Islam mehrere Glaubensrichtungen , welche in Konkurrenz zueinander stehen. Der Islam basiert zudem, ähnlich wie das Christentum, auf Grundgeboten. Sie werden die fünf Säulen genannt und geben die Hauptrichtlinien im Leben eines Muslims vor. Einige davon, wie zum Beispiel der Ramadan, sind allgmein bekannt. Neben den Grundgeboten schreibt der Islam auch vor, dass der Konsum von Alkohol, Schweinefleisch oder Zigaretten verboten ist. Doch der Glaube ist im Islam etwas sehr Persönliches. Die Auslegung dieser Richtlinien ist bei jedem Muslim unterschiedlich. Das Leben in der Schweiz wird durch diese Richtlinien für viele junge Muslime zu einem Balance-Akt. «Oft fühlte ich mich in der Mitte gefangen. Es war schwierig, es beiden Seiten recht zu machen», sagt Shqipe. Zum einen sieht sie sich den Anforderungen der muslimischen Gemeinschaft gegenübergestellt. Auf der anderen Seite stösst sie im Büro auf grosse Ablehnung gegenüber dem Islam. Auch Rukiyye erzählt von Schwierigkeiten im Alltag. Bei ihrer Arbeit als medizinische Angestellte in einer Arztpraxis gab es gar Patienten, die nicht von ihr angefasst werden wollten. «Sogar türkischstämmige Kunden beschwerten sich bei meinem Chef, wieso er jemanden wie mich einstelle.» Rukiyye Dagli Die Medien scheinen in dieser Debatte eine wichtige Rolle zu spielen. Durch ihre Berichterstattung würden sie das öffentliche Bild des Islams beeinflussen. Rukiyye sieht das als eines der Hauptprobleme: «Vielen Medien geht es einfach um Klickzahlen. Wenn etwas Negatives über den Islam geschrieben wird, denken die Leute dann automatisch an ihre Moschee in der Nachbarschaft.» Shqipe pflichtet ihr bei. Die Medien trügen dazu bei, bestimmte Bilder aus dem Ausland auf die Muslime in der Schweiz zu projizieren. «Wenn jemand ein Bild im Kopf hat, kann man fast nichts dagegen machen.»Shiqipe Shqipe Azizi «Es ist an der Zeit, den Leuten den richtigen und nicht diesen extremistischen Islam zu zeigen», findet Kushtrim. Umso wichtiger scheint für ihn eine nüchterne und auf Fakten basierende Berichterstattung. «Denn eigentlich ist der Islam ein friedlicher Glaube.» Kushtrim will an diesem Punkt die muslimische Gemeinschaft mehr in die Verantwortung nehmen. «Es geht darum, dass wir uns von dem abgrenzen, was im Ausland passiert», sagt er. Der Islam soll offener sein und mehr kommunizieren. Dadurch kann der Austausch gefördert werden. Suad hat es beispielsweise geprägt, dass sein bester Freund in Kindheitstagen ein Schweizer war. «Ich war oft bei seiner Familie zu Gast und durfte dort essen oder den Nachmittag verbringen. Dadurch habe ich eine komplett neue Welt kennengelernt.» Auch für ihn liegt die Schwierigkeit im mangelnden Austausch. «Meine Mutter hat sich im Bus kürzlich mit einer Schweizerin unterhalten. Dabei hat sie gemerkt, dass sich ihr Alltag um dieselben Dinge dreht.» Trotzdem gestaltet sich die Integration für Muslime nicht einfach. «Niemand kann auf der Strasse einfach jemanden angrinsen und ein Gespräch über unterschiedliche Kulturen anfangen.» Suad Demiri «Das Problem mit dem Islam ist schlussendlich eines der Aufklärung», sagt Shqipe. Sie äussert sich dazu aber auch selbstkritisch: «Als Muslime sind wir genau gleich Teil dieses Problems. Viele auf der islamischen Seite verstehen auch nicht, wie es bei den Schweizern läuft.»

Thesis Writer – Hilfe für die Abschlussarbeit

Das Schreiben einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit ist für Studierende eine grosse Herausforderung, auf die sie in den kurzen Bachelorstudiengängen kaum ausreichend vorbereitet werden können. Als Hilfe wurde an der ZHAW eine Schreibplattform entwickelt – Thesis Writer . Sie führt die Studierenden durch den unübersichtlichen Forschungs- und Schreibprozess. Schreiben müssen sie die Arbeit aber immer noch selbst. Thesis Writer ist eine ZHAW-Eigenentwicklung und eine genuine IT-Neuentwicklung, die zurzeit exklusiv den ZHAW-Studierenden und -Mitarbeitenden zugänglich ist. Aus der anfänglichen Kooperation von Christian Rapp vom Zentrum für Innovative Didaktik und Otto Kruse vom Institute of Language Competence ist mittlerweile eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe entstanden, welche die Komponenten von Thesis Writer entwickelt – angefangen bei linguistischen Tools bis zur Programmierung. Demnächst wird die erweiterte Version Thesis Writer 2.0 lanciert. Thesis Writer bietet zunächst kurze Tutorials, die erklären, was Studierende in den verschiedenen Phasen der Arbeit tun müssen: Wie findet man ein Thema? Wie setzt man den Fokus? «Bei der Entwicklung des Konzepts, lernen die Studierenden dann auch, was Stand der Forschung ist», erklärt Rapp, und Kruse ergänzt: «Da wir wissen, welche Qualen das Formulieren wissenschaftlicher Texte oft bedeutet, haben wir rhetorische Hilfen eingebaut, die zeigen, wie man in den Wissenschaften etwas sagt oder die Relevanz eines Themas begründet.» Hier baut Thesis Writer auf zwei grossen Sammlungen (Korpora) wissenschaftlicher Texte auf, die im Hintergrund wirken und wissenschaftssprachliche Ausdrücke zugänglich machen. «Natürlich findet man dort nie auf Anhieb ‘den einen richtigen’ Ausdruck, sondern Thesis Writer bietet etwa zehn passende zur Auswahl an. «Den richtigen Treffer auswählen muss man also immer noch selbst», so Kruse. Alles funktioniert auf Deutsch und Englisch parallel. Weitere Hilfen sind ein Zitiertool, ein Phrasebook mit Redewendungen, eine Kommentarfunktion und eine Art Zettelkastensystem, mit dem man einzelne Gedanken, Lektürezusammenfassungen, Ergebnisse und vieles mehr eingeben kann, ohne sie schon in den Gesamttext zu integrieren. Thesis Writer unterstützt auch das Schreiben im Team, indem es das Teilen von Dokumenten möglich macht und über eine Kommentarfunktion Feedback zum Text zulässt. Für die Dozierenden soll diese Schreibplattform eine Entlastung von Routine-­Instruktionen sein. Denn können sich die Studierenden das Basis-Know-how zur Anfertigung einer Abschlussarbeit selbst aneignen, bleibt den Dozierenden mehr Zeit für die inhaltliche Betreuung und Unterstützung bei komplexen Fragen. Finanziert wird die Weiterentwicklung von Thesis Writer derzeit im Rahmen des «Seamless Learning Labs» der Bodensee-Hochschule (IBH) aus Mitteln der EU Interreg-Förderung. Das Feedback der Nutzerinnen und Nutzer ist positiv. Einige tausend Studierende haben die erste Version des Tools in den vergangenen vier Jahren bereits benutzt. Ihr Feedback ist positiv.

Studierende übersetzen für den Notfall

Meistens übersetzen professionelle Übersetzer und Übersetzerinnen in ihre Muttersprache. Gerade in der Berufswelt werden kürzere Texte aber oft von Personen übersetzt, für welche die Zielsprache eine Fremdsprache ist. Unter anderem deshalb wird im Bachelor Angewandte Sprachen des Departements Angewandte Linguistik auch diese Übersetzungsrichtung geübt. Wie es sich für eine praxisnahe Ausbildung gehört, arbeiten die Studierenden dabei auch an realen Projekten. So haben sie kürzlich die ZHAW-­Notfall-App, die Hochschulangehörigen zur Verfügung steht, ins Englische übersetzt. Ab August 2019 wird die ZHAW Emergency App im Appstore auch all jenen zum Download bereitstehen, die in einer Notsituation ­sicherer auf Englisch erreicht werden.

Nachgefragt: Was bietet der «digitale Campus» der ZHAW?

Dieser virtuelle Standort ist eine grosse Chance für die ZHAW, um sich international als angesehene Fachhochschule für angewandte Wissenschaften zu positionieren. Die ZHAW will Kurse aus allen Departementen anbieten und damit die Vielfalt der Anwendungsbereiche der Hochschule abdecken. Auf edX gab es bisher nur wenige Kurse auf Deutsch, auch diesen Markt wollen wir erreichen. Die ZHAW beabsichtigt, mit professionellen Anbietern wie edX eine Plattform für das Online-Studium zu schaffen. Die edX-Partnerschaft sorgt für mehr Sichtbarkeit. Wir sind auch ein Teil von Swiss Mooc Service , der die offene edX-Plattform verwendet. Zudem entspricht das Geschäftsmodell von edX als Non-Profit-Organisation der ZHAW-Philosophie. Die ZHAW versteht ihren Online-Campus als zusätzlichen Lernkanal für die eigenen Studierenden und als Schaufenster für externe Studierende, um die Internationalisierung voranzutreiben. Die gleiche Motivation im Geschäftsmodell zeigt sich auch bei edX. Am 6. Oktober 2020 wurden die ersten zwei Kurse freigeschaltet. Der Kurs «Global Business and Human Rights» der School of Management and Law widmet sich den Verbindungen zwischen Wirtschaft und Menschenrechten in einer globalisierten Welt. Die Teilnehmenden lernen, wie Firmen sich der Risiken ihrer Geschäftstätigkeiten besser bewusst werden. Im Kurs «Aquaponics : The Circular Food Production System» aus dem Departement Life Sciences und Facility Management geht es um Aquakultur und Gemüseanbau im geschlossenen Kreislauf. Das Verfahren ist eine nachhaltige, ressourcenschonende Alternative zu konventioneller Fischzucht und konventionellem Gemüseanbau. Die edX-Kurse stehen allen Teilnehmenden weltweit kostenfrei zur Verfügung. Wenn sie einen Nachweis über den belegten Kurs wünschen, können sie sich gegen eine Gebühr ein Zertifikat ausstellen lassen. Wir planen ausserdem, dass die edX-Kurse in manche ZHAW-Studiengänge integriert werden. edX bietet einen guten Zugang zu einem vielseitigen Angebot von qualitativ hochwertigen Kursen. Die Studierenden haben so die Möglichkeit, ihr eigenes Wissen in globalen Netzwerken zu erweitern, in denen sich neben dem Substanzwissen auch interkulturelle Interaktion und digitale Kompetenzen entwickeln. Vier Onlinekurse haben seit dem Sommer die Produktion aufgenommen. Der nächste Onlinekurs wird 2021 auf edX aufgeschaltet. Dabei handelt es sich um einen Kurs zu angewandter Linguistik in Sprachberufen. Weiter in Planung sind Kurse in den Bereichen Aviatik, Sustainable Financing und zu den Sustainable Development Goals (SDG). www.zhaw.ch/digital www.edx.org/school/zhawx Interview Bettina Mack

Virtueller Besuch bei einer Klientin

Im Hintergrund ein Duschvorhang. Der Fussboden ist gefliest. Auf den Fliesen liegt eine Duschbrause und daneben eine Duschcrème. Dreht die Betrachterin den Kopf nach links, erkennt sie einen Abfluss. Etwas weiter rechts stehen Flaschen mit Putzmitteln – ebenfalls auf dem Boden. Die Szenerie dieses Badezimmers wirkt surreal. Wer da wohl wohnt? Wie lebt er oder sie? Und weshalb steht alles auf dem Fussboden? Bevor das Gedankenkarussell weitergeht, ertönt eine Stimme aus dem Off: «Bitte ziehen Sie Brille und Kopfhörer nun wieder aus.» Die Stimme gehört Nicole Markwalder . Sie unterrichtet an diesem Morgen Ergotherapie-Studierende im 1. Semester in Professional Reasoning. Das Besondere dabei: Anstatt den Unterricht wie bisher als reine Vorlesung zu gestalten, setzen Markwalder und ihre Kolleginnen Daniela Senn und Maria Auer neu auf Virtual Reality (VR). Mithilfe von VR-Brillen tauchen die Studierenden in den Alltag der Klientin Yvonne Luginbühl ein. Die 55-Jährige ist wegen einer zerebralen Bewegungsstörung auf einen Rollstuhl angewiesen und wird regelmässig von der Ergotherapeutin Silvia Buchli besucht. In der nächsten Filmsequenz erleben die Studierenden, wie Yvonne Luginbühl im Rollstuhl vor dem Backofen sitzt und eine Wähe herausholt. Silvia Buchli steht hinter ihr und beobachtet. Für die Studierenden sind die Gedanken der Therapeutin hörbar gemacht worden. So bemerkt die Ergotherapeutin zum Beispiel, dass Yvonne Luginbühl zwar die Topfhandschuhe selbst aus einer Schublade nehmen konnte, diese jedoch viel zu voll ist. Auch das Wackeln des Gitterrosts registriert sie und die enorme Körperspannung, mit der Yvonne Luginbühl sehr langsam, aber präzis die Wähe auf ihre mit einem Tuch geschützten Knie zieht. «Wie ist es Ihnen bei dieser Szene ergangen? Was ist Ihnen aufgefallen? Woran erinnern Sie sich?» Schritt für Schritt führt Nicole Markwalder die Studierenden an ihre Wahrnehmungen, Beobachtungen und Reflexionen heran. Diese Denkprozesse sind zentral. Sie prägen, wie die angehenden Ergotherapeutinnen und -therapeuten später ihre Interventionen planen, ausführen und reflektieren werden. Der Fachbegriff für die Gesamtheit dieser kognitiven Vorgänge heisst «Professional Reasoning». Doch warum braucht es dafür Virtual Reality? Maria Auer, Modulverantwortliche und Initiantin des Pilotunterrichts am Institut für Ergotherapie, sagt dazu: «Professional Reasoning ist ein komplexes Konzept.» Dabei werden zahlreiche Untertypen unterschieden – etwa das diagnostische Reasoning, das konditionale, pragmatische, soziale oder interaktive Reasoning. Diese auseinanderzuhalten und wirklich zu begreifen, was damit gemeint ist, war bisher für die Studierenden zu Beginn ihrer Ausbildung schwierig. Gleichzeitig ist das Reasoning unglaublich wichtig und begleitet sie durch ihr ganzes Studium und selbstverständlich während ihrer Berufslaufbahn. «Deshalb haben wir nach einem Weg gesucht, die Theorie sicht- respektive erlebbarer zu machen». Dank dem 360-Grad-Video haben die Studierenden schon früh im Studium zudem die Möglichkeit, eine Klientin in ihrem Zuhause zu besuchen. Und was sagen die Studierenden zur VR-Erfahrung? «Ich war fast erstaunt, dass es nicht nach Wähe gerochen hat», «Ich war körperlich angespannt, bis die Wähe aus dem Ofen war» oder «Ich hab gemerkt, dass ich die Klientin unterschätzt habe.» Die Meldungen sprudeln nur so heraus und sind vielschichtig. Sicher ist, dass die Studierenden den Unterricht geschätzt haben. Dieser sei erfrischend anders gewesen und habe, wie ein Student sagt, «den Entdeckergeist geweckt und einen ganz neuen Ansatz präsentiert, sich mit der Materie auseinanderzusetzen». Und die Dozierenden? Sie sind ob der positiven Rückmeldungen zufrieden, wollen den Unterricht jedoch noch genau analysieren. Klar ist jedoch bereits, dass im März 2021 ein nächster Unterrichtsblock mit VR-Brillen geplant ist. Dabei geht es um eine Hausabklärung bei einer Klientin oder bei einem Klienten. Auch da wird das genaue Beobachten zentral sein. Denn die Putzmittelflaschen, die bei Yvonne Luginbühl im Badezimmer sinnvollerweise auf dem Boden stehen, können bei jemand anderem zur Stolperfalle werden. Annina Dinkel

Ingenieurstudium trotz Tetraplegie

Samuel hat etwas geschafft, das eigentlich unmöglich ist. Der vom Hals abwärts gelähmte junge Mann hat ein Studium abgeschlossen, das zu einem grossen Teil aus praktischer Laborarbeit besteht. Das Unmögliche möglich gemacht haben Samuels Wille, technische Hilfsmittel und der unermüdliche Einsatz seiner Dozierenden. Sie ersetzten praktische Arbeiten durch theoretische und organisierten schriftliche Prüfungen zu mündlichen um. Höchstes Gebot bei all diesen Anpassungen war, das Niveau des Studiums unter keinen Umständen zu senken. «Uns war wichtig, dass Samuels Studium die gleiche Qualität hat wie das seiner Mitstudierenden, dass er ein gleichwertiges Diplom erhält», erklärt Thomas Wenzler, Studienleiter Maschinentechnik an der ZHAW School of Engineering. Der einschneidende Unfall geschah 2014 in der Limmat-Badeanstalt Oberer Letten in Zürich. Samuel rutschte auf dem Steg aus und fiel im Wasser auf ein Betonelement. Nach zwei Tagen erwachte er im Spital und war vom Hals abwärts gelähmt. Er stand damals im zweiten von drei Jahren seines Bachelors in Material- und Verfahrenstechnik. Für viele wäre das ein Grund gewesen, das Studium aufzugeben. Nicht aber für Samuel: «Ich habe immer versucht vorwärtszuschauen. Und das Studium hat mir auch etwas gegeben.» Es habe ihn dazu gezwungen, unter die Leute zu gehen und nicht zu Hause zu vereinsamen. «Wir mussten umdenken und uns überlegen, wie wir Themen so umformulieren können, dass sie mehr auf der kognitiven Ebene lösbar sind.» Studienleiter Thomas Wenzler Die grössten Hürden, die Samuel für sein Ingenieurstudium überwinden musste, waren physischer Natur. «Labore sind für Menschen ohne Behinderung gebaut – von der Tischhöhe über die Bedienung der Maschinen bis zur Einhaltung der Sicherheitsvorschriften», erklärt Wenzler. Samuel sei durch seinen Unfall plötzlich von einem Grossteil der Experimente ausgeschlossen gewesen. «Wir mussten umdenken und uns überlegen, wie wir Themen so umformulieren können, dass sie mehr auf der kognitiven Ebene lösbar sind.» Samuels Dozenten legten dazu mehr Gewicht auf Dinge wie das Literaturstudium oder Modellierungsansätze statt auf Versuche. Dinge, bei denen der Student wirklich nur Kopf, Tastatur und Computer brauchte. Für diese Anpassungen habe es die Zusammenarbeit aller Beteiligter gebraucht, erklärt Wenzler. Dank technischer Hilfsmittel kann Samuel über verschiedene Kanäle kommunizieren. Mithilfe einer Hand, die er teilweise bewegen kann, bedient er über den Rollstuhl einen Computer. Die Maustasten steuert er mit dem Kopf. Zum Schreiben verwendet Samuel eine Kombination aus klickbarer Tastatur auf dem Bildschirm und Spracherkennungsprogrammen. Klar bedeute das für ihn einen grösseren Aufwand, erklärt der angehende Ingenieur. Er hat zum Beispiel für das Schreiben einer Arbeit etwa eineinhalb- bis zweimal so lang wie seine Studienkolleginnen und -kollegen, schätzt er. Doch Samuel sieht das auch als Chance: «Auf der anderen Seite hat die Spracherkennung auch Vorteile, zum Beispiel wenn man beim Schreiben mit seinen Gedanken gerade im Flow ist.» Fakt ist, dass die technische Entwicklung Samuel in die Hände gespielt hat. Noch vor zehn Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Tetraplegiker ein Ingenieurstudium abschliesst. «Im Labor anwesend zu sein, war wichtig für mich. Ich sah, wie man mit den Geräten umgeht, konnte mitdenken und auch den Schlussbericht verfassen.» Samuel Abgesehen von den technischen Möglichkeiten waren es auch die Dozierenden, die das Unmögliche möglich gemacht haben. Einer von ihnen war quasi der Mann der Stunde, um schnell eine Lösung zu finden, damit Samuel weiterstudieren konnte: Arnd Jung. «Wir mussten aus jahre- und sogar jahrzehntelanger Tradition ausbrechen und völlig neue Wege beschreiten», erklärt der Dozent für Werkstofftechnik. Die grösste organisatorische Herausforderung war laut Jung die Umstellung der Prüfungen auf mündliche Formen. Erstens mussten alle Dozierenden einbezogen werden, weil alle Prüfungen betroffen waren. Zweitens mussten Fragen um- oder neuformuliert und jeweils ein zusätzlicher Dozierender einbezogen werden, der etwas von der Materie verstand. «Uns war wichtig, dass wir den ganzen relevanten Stoff vermitteln konnten», erklärt Thomas Wenzler. «Auch die Bachelorarbeit hat Samuel verfasst.» Klar habe es gewisse Gebiete gegeben, die wir Samuel nicht eins zu eins vermitteln konnten, zum Beispiel die Durchführung von Versuchen. Das hielt Samuel aber nicht davon ab, meist auch im Labor anwesend zu sein: «Das war wichtig für mich. Ich sah, wie man mit den Geräten umgeht, konnte mitdenken und auch den Schlussbericht verfassen.» Aber nicht nur die Dozierenden halfen mit, sondern auch Samuels Studienkolleginnen und -kollegen. «Es hat zum Beispiel einen Whats-App-Klassenchat gegeben für den Fall, dass ich kurzfristig Hilfe brauchte», erklärt Samuel. «Doch die Hilfe, die ich während des Studiums benötigte, habe ich auf ein Minimum beschränkt: mal ein Glas zum Trinken geben, in der Mensa beim Essen helfen oder in den Vorlesungen Notizen nehmen lassen.» Eigentlich hätte Samuel für sein Studium Anspruch auf eine bezahlte studentische Assistenz gehabt. Doch weil seine Mitstudierenden ihn von Anfang an unterstützten und er so selbstständig wie möglich sein wollte, war das gar nicht nötig. Im Hintergrund haben verschiedene Stellen innerhalb und ausserhalb der ZHAW diese Sonderleistung möglich gemacht. Dazu setzten sich Spezialistinnen und Spezialisten aus der Rehabilitation, Ansprechpersonen der IV-Beratung, die Stabsstelle Diversity der ZHAW sowie Thomas Wenzler und Arnd Jung vom Studiengang an einen Tisch. Doch ohne Samuels Durchhaltewillen wäre das Ganze nicht möglich gewesen. Arnd Jung bezeichnet das, was Samuel geschafft hat, denn auch als «Metamorphose»: «Das Studium der Material- und Verfahrenstechnik ist sehr experimentierlastig. Der Wechsel, den Samuel vollzogen hat, ist extrem gravierend.» Doch eine Frage bleibt: Wird Samuel überhaupt jemals als Ingenieur arbeiten können? Um es gleich vorwegzunehmen: Die Antwort lautet Ja. «Ich habe mit der Bachelorarbeit die Chance bekommen, mit dem Programmieren einmal in einen anderen Bereich zu schauen», erklärt Samuel. Er könne sich gut vorstellen, in diesem auch für Ingenieure immer wichtigeren Umfeld später einmal tätig zu sein. Auch habe er während des Studiums ein Netzwerk aufbauen können, das ihm bei seiner Jobsuche helfen werde. Zudem ist er daran, sich weiterzubilden. Eines hat sich seit dem Unfall nicht verändert: Samuel beschreitet weiterhin neue Wege und unternimmt alles, um das Unmögliche möglich zu machen. Abraham Gillis

Die Natur als Designerin

Rund 1,3 Millionen Tonnen Farbstoffe und Pigmente werden jährlich in der Textilindustrie eingesetzt. Abwässer aus Kleiderfabriken belasten die Umwelt enorm. Lysanne Stroomer, Studentin Art Education an der ZHdK, ging in ihrer Bachelorarbeit der Frage nach, auf welche Weise Textilien umweltschonend gefärbt werden können. Dabei untersuchte sie, wie sich Stoffe mit Bakterien einfärben lassen. Denn die Welt der Bakterien – von denen der Wissenschaft heute wohl noch weniger als 5 Prozent bekannt sind – ist bunt: Einige Bakterien produzieren als Teil ihres Stoffwechsels Pigmente in allen möglichen Farbtönen. Besonders faszinierend fand Stroomer, dass sich aus etwas vermeintlich wertlosem wie Bakterien ein ästhetisches Produkt schaffen lässt: «Als Designerin mit einem lebendigen, aber unsichtbaren System zu arbeiten, reizte mich.» Schnell war klar, dass Stroomers Arbeit sie in ein wissenschaftliches Forschungslabor führen würde. Dazu stiess sie bei der ZHAW und Professor Martin Sievers von der Fachstelle Mikro- und Molekularbiologie auf offene Ohren. Dennis Wipfli, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Departement Life Sciences und Facility Management, führte sie in die Geheimnisse der Labortätigkeit ein: «In meiner bisherigen Forscherlaufbahn spielten in erster Linie die negativen Eigenschaften von Bakterien eine Rolle. Deshalb empfand ich das Projekt als eine willkommene Abwechslung.» Da jedes Bakterium unterschiedlich wächst, konzentrierte sich Stroomer auf die Art Janthinobacterium lividum. Dieses Bakterium wächst zügig innerhalb von etwa fünf Tagen und produziert dabei den violetten Farbstoff Violacein. Ursprünglich wurde es von der Haut der Geburtshelferkröte isoliert und besitzt antimikrobische Eigenschaften. Nachdem Stroomer mit Wipflis Unterstützung die optimalen Wachstumsbedingungen wie Temperatur, Nährmedium, pH-Wert oder Inkubationszeit ermittelt hatte, liess sie das Bakterium während fünf Tagen direkt auf dem Textil in einem Erlenmeyerkolben heranwachsen. Da sich auch die Flüssigkeit färbt, nimmt das gesamte Textil die Violett- und Blautöne an. Der Stoff kann uni oder im Batikstil gefärbt werden. Das Resultat der Farbexperimente sei immer eine Überraschung gewesen, so die Forschenden. Am Ende des Färbeprozesses stoppt die Autoklavierung, wie das Sterilisieren mit Dampfhitze genannt wird, das Bakterienwachstum. «Die Arbeit im Labor war neu für mich. Ich fand es sehr interessant und habe viel gelernt», so Stroomer. «Je mehr ich in der Materie drin war, desto faszinierender wurde es – ich entwickelte richtiggehend eine Art Beziehung zu den Bakterien», lacht die Designerin. Um diesen spannenden Prozess auch für andere erlebbar zu machen, hat Stroomer ein Experimentierset für zu Hause entwickelt. Das Verfahren stecke zwar noch in den Kinderschuhen, aber Stroomer erachtet es als wichtig, alternative Färbemethoden zu erforschen. Auch Wipfli zieht eine positive Bilanz: «Wir von der ZHAW sind immer offen für jegliche Art von Zusammenarbeit. Gerade hochschulübergreifende Projekte sind lehrreich und eine Bereicherung für alle Beteiligten.» Rahel Meister

Eintauchen in reale Rechtsfälle

Der Schimmel in der Wohnung trieb Sabrina F. zur Verzweiflung. Trotz mehrmaliger Aufforderung liess der Vermieter die Schimmelpilze nicht entfernen, und auch zu einer Senkung des Mietzinses war er nicht bereit. Statt ihr und ihren Mitbewohnerinnen entgegenzukommen, schickte er eine nachträgliche ­Nebenkostenrechnung von knapp tausend Franken. Das brachte das Fass schliesslich zum Überlaufen. Sabrina F. entschied sich darauf, zu handeln. Das war im Herbst des vergangenen Jahres. Fast zeitgleich startete an der ZHAW die Law Clinic – ein neues Kursangebot für die Studierenden des Bachelorstudiengangs Wirtschaftsrecht. Das Konzept: Rechtsstudierende bieten für andere Studentinnen und Studenten kostenlos Rechtsberatungen an. Das Modell stammt ursprünglich aus den USA, wo bereits seit längerer Zeit solche Angebote existieren. Seit einigen Jahren etablieren sich solche Angebote auch in Europa. Die ZHAW ist eine der ersten Hochschulen, die nun in der Schweiz eine Law Clinic aufgebaut hat. «Es fehlt an innovativen Lernformen, bei denen Rechtsstudenten an die Praxis herangeführt werden.» Fabio Babey Verantwortlich für den Aufbau und die Betreuung ist Fabio Babey, stellvertretender Leiter des Zentrums für Wettbewerbs- und Handelsrecht an der ZHAW. Gemeinsam mit Professor Patrick Krauskopf, dem Leiter des Zentrums, hatte er das Projekt in den vergangenen Jahren entwickelt. Aus Sicht von Babey war ein solches Angebot überfällig. «Es fehlt an den Hochschulen generell an innovativen Lernformen, wo Rechtsstudenten an die Praxis herangeführt werden.» Ein Jurist sei ein Dienstleister, sagt Babey, der auch auf zwischenmenschlicher Ebene viel leisten müsse. Wie bereite ich ein Klientengespräch vor? Wie verhalte ich mich in einer Beratung? Wie gehe ich mit Klienten um, die aufgeregt sind? «Mir ist kein Ausbildungsmodul bekannt, das auf solche Fragen abzielt. Der Sprung vom Studium in die Praxis ist in dieser Hinsicht oft riesig.» Die Law Clinic soll dabei helfen, diese Lücke zu schliessen. Angelaufen ist das Angebot im vergangenen Herbstsemester als integraler Bestandteil des Bachelorstudiengangs Wirtschaftsrecht. Die Nachfrage vonseiten der Rechtsstudenten war von Beginn an gross. Über ein Dutzend Personen hatten sich für die sieben Beratungsplätze beworben, eine davon war Andrea Luginbühl. Die 27-Jährige Bernerin arbeitet auf einem Notariat und schliesst daneben ihr Bachelorstudium ab. «Für mich war sofort klar, dass ich das machen will», sagt sie bei einem Treffen in der Berner Altstadt. «Es gab bisher im Studium keine Möglichkeiten, um das Gelernte in der Praxis anzuwenden.» Wie allen sieben Studierenden wurden Andrea Luginbühl drei Ratsuchende zugeteilt. Eine Frau litt unter ständigen Kontaktaufnahme­versuchen per E-Mail. Ein Student hatte entdeckt, dass sein Fitnessstudio persönliche Daten an Dritte weitergibt. Und Sabrina F. meldete sich aufgrund des Schimmelbefalls in ihrer Wohnung und den damit verbundenen Streitigkeiten mit ihrem Vermieter. «Die Themengebiete waren sehr vielfältig. Dadurch konnte ich auch in Rechtsgebiete eintauchen, die mir noch nicht so gut vertraut waren», sagt Luginbühl. Die Rahmenbedingungen für die Rechtsberatungen sind klar vorgegeben. Die Ratsuchenden haben Anspruch auf ein Beratungsgespräch. Zur Vorbereitung erarbeiteten die Beratenden ein mehrseitiges Rechtsgutachten. Bei jedem Fall werden sie eng durch einen externen Anwalt betreut, der auch beim Beratungsgespräch anwesend ist. Die Beratenden nehmen eine rechtliche Einschätzung vor und geben eine Empfehlung ab. Sie verfassen aber keine Schriftsätze für die Ratsuchenden und erarbeiten auch keine Klagen. «Vor dem Beratungsgespräch war ich schon etwas nervös. Schliesslich wollte ich meine Arbeit gut erledigen», sagt Andrea Luginbühl. Die ratsuchende Sabrina F. traf sie in der Kanzlei des externen Anwalts, der ihr Coach ist, in Zürich. Ein imposantes Gebäude mit einer Empfangstheke aus Marmor und grossen Leuchtern. Mit dem Anwalt und der Klientin setzte sie sich in einem Sitzungszimmer an einen grossen Tisch. «Dabei merkte ich rasch, dass die Studentin viel recherchiert hatte und gut über die rechtlichen Grundlagen informiert war.» Es stellte sich heraus, dass die Miete der Wohnung ausserordentlich günstig war. Aufgrund des Schimmels wäre allenfalls eine Mietzinsreduktion von zehn Prozent in Frage gekommen. «Ich machte ihr bewusst, dass ein Verfahren vor der Schlichtungsbehörde zwar noch kostenfrei, ein allfälliger Gang vor das Mietergericht dann aber mit Kosten und viel Aufwand verbunden ist.» Nach dem Gespräch entliess sie die Studentin mit zwei Ratschlägen: Beim Vermieter eine korrigierte Nebenkostenabrechnung verlangen, da diese einige Ungenauigkeiten beinhaltete. Und ihm eine Frist setzen, bis zu der er den Schimmel beseitigen muss. «Ich habe das ganz anders ernst genommen als etwa eine Vorlesungsprüfung. Ich war da, um dieser Person zu helfen.» Andrea Luginbühl «Für mich war diese Beratung eine Erfahrung, die sich deutlich vom übrigen Studium unterschieden hat», sagt Andrea Luginbühl rückblickend. «Ich habe das ganz anders ernst genommen als etwa eine Vorlesungsprüfung. Es ging nicht mehr darum, dem Dozenten oder mir selber etwas zu beweisen. Ich war da, um dieser Person zu helfen.» Sie hatte mehr als zwanzig Stunden in die Vorbereitung auf das Gespräch investiert. «Ich glaube, ich konnte gut auf die Klientin eingehen, und hatte den Eindruck, sie fühlt sich wohl. Es war mir sehr wichtig, dass sie das Gespräch mit einem guten Gefühl verlässt.» Modulleiter Babey ist nach dem Pilot­semester sehr zufrieden. «Es ist ein Win-win-Modell.» Nicht nur aufseiten der Rechtsstudenten ist die Nachfrage gross. Auch aufseiten der Ratsuchenden stösst die Law Clinic von Beginn an auf viel Interesse. Nachdem die ZHAW das Angebot im vergangenen Herbst auf ihrer Website aufgeschaltet hatte, meldeten sich innerhalb von wenigen Wochen rund 60 Personen. «Wir wurden trotz fehlender Werbung regelrecht überrannt.» Oftmals ging es in den Fällen um Familienrecht, etwa um Unterhaltszahlungen, um Schulden oder Kaufverträge. Am häufigsten aber um mietrechtliche Fragen. Im Februar ist die Law Clinic nun in die zweite Runde gestartet. Mit sieben neuen Studentinnen und Studenten, die Beratungen anbieten. «Wenn das Projekt weiterhin so erfolgreich läuft, werden wir es in Zukunft möglicherweise ausbauen», sagt Babey. Damit der Sprung von der Theorie in die Praxis möglichst vielen Studenten einfacher gelingt. Simon Jäggi

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