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Sieben von zehn Firmen rechnen mit negativen Folgen

Jeanine Steinegger war gerade dabei, Osterartikel in die Regale zu räumen, als Anfang März die Mitteilung des Bundesrates kam: Ab der kommenden Woche würde sie ihren Laden für unbestimmte Zeit schliessen müssen. Steinegger ist Geschäftsführerin der «Herzsache», eines Geschäfts für Geschenkartikel und Wohnaccessoires in der Rapperswiler Altstadt. «Das war schon ein Schock», erzählt die 39-Jährige, deren Laden inzwischen wieder geöffnet ist. Die «Herzsache» ist eines von rund 360 KMU, deren wirtschaftliche Situation in der Corona-Krise die ZHAW mit einer Befragungsreihe erhoben hat. Kleine und mittlere Unternehmen in der deutschsprachigen Schweiz blicken dabei mit gemischten Gefühlen in die nähere Zukunft. Zwar sind sie für die nächsten Monate optimistischer eingestellt als auch schon. Doch auf ein ganzes Jahr hinaus bleiben ihre Aussichten eher düster, wie das Institut für Financial Management der ZHAW School of Management and Law in seiner zweiten Erhebung feststellt. So rechnet Mitte April zwar nur noch ein Drittel der rund 360 befragten Betriebe damit, in den folgenden zwölf Monaten in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten, während es im März noch mehr als die Hälfte war. Sieben von zehn Unternehmen gehen jedoch nach wie vor davon aus, dass sich die Corona-Krise negativ oder sogar sehr negativ auf ihre Geschäftstätigkeit auswirken werde. Das sind fast gleich viele wie im ersten ZHAW Coronavirus-KMU-Panel . Grosse Sorgen machen sich vor allem Detail- und Grosshandel, Gastronomie-, Hotelleriebetriebe und Reisebüros, aber auch die Maschinen- und Elektroindustrie. Vielen Betrieben aus der Informations- und Kommunikationstechnologie hingegen hat die Krise auch Aufwind verliehen. «Das Nachholbedürfnis der Konsumenten nach den ersten Lockerungen des Bundes hat viele Betriebe erstaunt und dürfte zu dieser kurzfristig positiveren Einschätzung geführt haben», erklärt Andreas Schweizer. Er ist der Initiant der Erhebung und Dozent für Corporate Finance & Corporate Banking an der ZHAW. «Gleichzeitig wird den Unternehmen mehr und mehr bewusst: Die Krise wird nach der Aufhebung des Lockdowns längst nicht so rasch vorbei sein, wie viele zu Beginn noch gedacht und vor allem gehofft haben.» Die nächsten zwei oder drei Jahre dürften für viele KMU hart werden. Das ZHAW-Coronavirus-KMU-Panel wollte auch Licht auf die Frage werfen, wie viele Betriebe eine Unterstützung von Bund oder Kantonen in Anspruch genommen haben. 40 Prozent beziehungsweise 145 der rund 360 befragten Unternehmen aus der deutschsprachigen Schweiz haben bis Ende April einen verbürgten Kredit beantragt. In den meisten Fällen handelt es sich um einen Betrag in der Höhe von maximal 500’000 Franken, die Antragsteller sind vorwiegend Kleinst- und Kleinunternehmen. Nur wenige Betriebe erhielten eine Absage – und diese bedeutete in den meisten Fällen einfach, dass ein tieferer Kredit gewährt wurde als beantragt. «Die Liquidität gibt den Unternehmen wieder Luft, um notwendige Schritte für die Zukunft anzudenken und einzuleiten.» Andreas Schweizer Die Kredite dienen in erster Linie dazu, Mietkosten und offene Rechnungen anderer Art zu begleichen. Für den Studienleiter geht ihr Nutzen jedoch klar über das Finanzielle hinaus: «Die Liquidität gibt den Unternehmen wieder Luft, um notwendige Schritte für die Zukunft anzudenken und einzuleiten.» Die positive Wirkung der verbürgten Kredite zeichnet sich für den Ökonomen auch in der Panelfrage zu den Konkursen ab: So beurteilen in der aktuellen Erhebung deutlich weniger Befragte – jeder achte statt jeder sechste – das Risiko für einen Konkurs in den kommenden zwölf Monaten als gross. Noch klarer habe jedoch die Zahl derjenigen Betriebe abgenommen, die aus Unsicherheit überhaupt keine Einschätzung vornähmen, sagt Schweizer. «Die Massnahmen des Bundes tragen dazu bei, Ängste der Unternehmer zu zerstreuen und Klarheit zu schaffen.» Nicht alle beurteilen die finanziellen Massnahmen des Bundes derart positiv. Während einige der befragten Unternehmen solche Kredite als dringend notwendig erachten, halten andere diese Form der Hilfe für wenig sinnvoll oder sogar gefährlich: Schliesslich steht der Betrieb damit in der Schuld des Kreditgebers und muss das geliehene Geld innerhalb von fünf Jahren zurückzahlen. Der Bundeskredit ist für Betriebe nur ein Weg von mehreren, einigermassen heil durch die Corona-Krise zu kommen. Mehr als die Hälfte der befragten KMU hat bis Mitte April bereits Kurzarbeit eingeführt, deutlich mehr als noch in der ersten Erhebung. Zudem hält es über ein Drittel der Betriebe für wahrscheinlich, dass auch Entlassungen notwendig sein werden. Tatsächliche Kündigungen gab es zu diesem Zeitpunkt allerdings erst in sieben der rund 360 Betriebe. Jedes dritte Unternehmen hat sein Geschäftsmodell zudem vorübergehend oder teilweise angepasst. Dazu gehören vor allem die Umstellung auf den Onlinehandel und neue Liefermodelle. (Rund 80 der befragten Betriebe mussten aufgrund der Verordnungen des Bundesrates zeitweilig schliessen.) «Der entgangene Umsatz lässt sich mit solchen Anpassungen jedoch kaum kompensieren», gibt Schweizer zu bedenken. Mehr als die Hälfte der befragten Betriebe konnte so gerade einmal maximal 20 Prozent des Umsatzes wettmachen. «Eine Website einzurichten, bekannt zu machen und alle Produkte dort aufzuführen, dauert mehr als nur ein paar Wochen», sagt Schweizer, der Mitte Juni eine dritte Erhebung durchgeführt hat. (Ergebnisse lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor). Jeanine Steinegger hat damals rasch auf die Krise reagiert: Sie beantragte Kurzarbeit für ihre vier Mitarbeiterinnen und begann, Geschenksets zusammenzustellen und in den sozialen Medien zu bewerben. Eine Followerin bot ihr ausserdem an, die Produkte für den Onlineshop zu digitalisieren. Zwar habe sich der verlorene Umsatz so nicht wettmachen lassen, erzählt Steinegger. «Doch es war zumindest genug, um die Mietkosten zu begleichen.» Auf Geschenksets wird die Jonerin auch in Zukunft setzen; diese hätten ihr auch Kundschaft aus anderen Regionen der Schweiz gebracht. Ebenso soll die Onlinepräsenz weiter verstärkt werden. Steinegger hat zu diesem Zweck sogar eine neue Mitarbeiterin eingestellt: Die Followerin, die ihr während der Corona-Krise aus Solidarität mit ihrer Website geholfen hatte. Ümit Yoker

Auch winzige Arsendosen töten irgendwann

«Worte können sein wie winzige Arsendosen, und nach einiger Zeit ist die Wirkung da», habe Viktor Klemperer einst über die Sprache der Nationalsozialisten gesagt. Philipp Dreesen, Sprachwissenschaftler an der ZHAW, zitiert den deutschen Philologen nicht ohne Grund: Gemeinsam mit der Linguistin Julia Krasselt ist Dreesen in den vergangenen Jahren der Frage nachgegangen, woran sich politische Radikalität im Wortschatz eigentlich festmacht – gerade auch dort, wo sie auf den ersten Blick nicht unbedingt ersichtlich ist. Die beiden Forscher des Departements Angewandte Linguistik haben dazu den Wortschatz von Spiegel, Bild und Zeit mit demjenigen der rechtspopulistischen Plattformen PI-News und Compact verglichen. «Eigentlich taten wir nichts anderes als Wörter auszuzählen», erzählt Krasselt schmunzelnd. «Allerdings braucht es einen sehr grossen Datensatz, um aussagekräftige Informationen zu erhalten.» Mehr als 600’000 redaktionelle Beiträge haben die zwei Wissenschaftler analysiert, alles Texte, die zwischen 2008 und 2018 online erschienen sind. Die Grundidee: Die Bedeutung eines Wortes ist nicht einfach gegeben, sondern erschliesst sich oft erst aus dem Kontext, in den es eingebettet ist. Deshalb untersuchten Krasselt und Dreesen nicht nur, welche Begriffe je nach Medienangebot wie oft vorkamen – sondern auch, welche Wörter sich in deren unmittelbarer Nachbarschaft häuften. Wie sich zeigte, gibt es einen Wortschatz, den die beiden Forscher nur in den rechtspopulistischen Medien antreffen: Mainstreampresse, Lügenmedien oder Asylforderer gehören etwa zu diesem – Signalwörter, aus denen deutlich eine rechtspopulistische beziehungsweise radikalisierte Haltung spricht. «Begriffe des Alltags wie Espresso oder Knoblauch, die in etablierten Medien häufig vorkommen, sucht man hingegen vergeblich», sagt Dreesen. Das liegt vor allem daran, dass PI-News und Compact fast ausschliesslich über Politik berichten würden und die Berichterstattung zudem auf Themen wie Islam, Migration und Medienkritik einengten, sagen die beiden. Was die beiden Wissenschaftler an ihren Forschungsergebnissen aber besonders erstaunt: Selbst dort, wo rechtspopulistische News-Plattformen dieselben Begriffe verwenden wie die sogenannten Orientierungsmedien, haben sie häufig nicht die gleiche Bedeutung. So engen PI-News oder Compact den Bedeutungshorizont von eigentlich neutralen Worten wie Verhältnis, Leistung oder Industrie so stark ein, dass mit der Zeit nur noch eine politische und negativ konnotierte Lesart möglich ist. Ein Wort wie Figur wird in den rechtspopulistischen Portalen beispielsweise ausschliesslich zur Beschreibung der physischen Statur in einem Fahndungsprofil eingesetzt – also etwa um zu sagen, dass ein gesuchter Täter eine kräftige Figur habe. Die etablierten Medienhäuser hingegen verwenden das Wort viel breiter. Irgendwann lassen sich solche Begriffe selbst in anderen Kontexten nicht mehr unvoreingenommen lesen, sind sich Dreesen und Krasselt einig. Diese Worte durchlaufen im wahrsten Sinne eine Radikalisierung: Sie verwandeln sich von unverfänglichen Begriffen zu Ausdrücken mit politischer Sprengkraft. Es sind ausserdem Wortkonstruktionen wie «Gedenkindustrie», die ironischerweise genau das verhindern, was sich rechtspopulistische Medienangebote so gross auf die Fahne schreiben: Die Möglichkeit, sich frei eine Meinung zu bilden. Plattformen wie PI-News oder Compact begründen die Notwendigkeit ihrer Existenz damit, dass die etablierten Medienhäuser einseitig berichten und keine anderen Ansichten zulassen würden. «Ein Begriff wie Gedenkindustrie lässt allerdings keinerlei Raum für differenzierte und demokratische Diskussionen», sagt Dreesen. Er stellt lediglich vor die Wahl, der darin enthaltenen Weltsicht zuzustimmen oder Position dagegen zu beziehen – in diesem Fall gegen die Behauptung, dass die Erinnerung an den Holocaust ein gross angelegtes Geschäftsmodell sei und vornehmlich aufrechterhalten werde, um Profit daraus zu schlagen. Der mühsam errungene Konsens, dass das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus ein Staatsauftrag ist, wird immer mehr aufgeweicht, sind die beiden Wissenschaftler überzeugt. «Solche Worte können Schleusen öffnen.» Auch Aleksandra Gnach, Professorin für Medienlinguistik an der ZHAW, beschäftigt sich mit der Radikalisierung von Sprache. Sie richtet ihr Augenmerk vor allem auf die sozialen Medien. «Auf Facebook und Co. wird heute abgehandelt, was früher am Stammtisch besprochen wurde – allerdings mit weiterreichenden Konsequenzen», sagt die Sprach- und Medienwissenschaftlerin. Kommunikation mit derartiger Reichweite sei früher vorwiegend Journalistinnen und Journalisten vorbehalten gewesen. Diese orientieren sich in ihren Beiträgen stark an einer schriftlichen Sprache und haben diverse rechtliche und ethische Vorgaben einzuhalten, etwa die Verpflichtung zu einer ausgewogenen Berichterstattung. Was veröffentlicht wird, wurde reflektiert, redigiert, gegengelesen. «In den sozialen Medien ist der Austausch unmittelbarer und ähnelt mehr der mündlichen Kommunikation.» 29 Prozent der 11- bis 16-jährigen Mädchen und Jungen haben hasserfüllte oder erniedrigende Kommentare gegen Menschen oder bestimmte Gruppen gesehen. EU Kids Online: Schweiz, 2019 Es wird in den sozialen Medien also spontaner , vielleicht auch unüberlegter kommuniziert. Das alleine erklärt aber noch nicht, warum sich Sprache gerade dort häufig so leicht radikalisiert. Gnach macht zudem Gründe sozialer wie technologischer Natur aus: So liege es in der Natur des Menschen, nach Gleichgesinnten zu suchen, und diese Suche gestalte sich gerade in den sozialen Medien vielfach leicht. In jeder Gemeinschaft gelten eigene Regeln, Werte und Normen, auch, was die Sprache betrifft: Wo jemand aber etwa für die Aussage, dass alle Muslime zu deportieren seien, nicht mit Missbilligung noch sozialen Sanktionen rechnen muss, sondern ungeteilten Zuspruch erhält, wird irgendwann eine Wortwahl normal, die anderswo undenkbar wäre. Die Folge: Man empfindet immer radikalere Ansichten für zulässig und äussert sie mit zunehmender Selbstverständlichkeit. Hinzu kommt: Kommunikation ist in den sozialen Medien anonymer als im realen Leben. Man bekommt wenig mit von der Wirkung, die ein Posting für die betroffene Person hat. Es fällt relativ leicht, das Gegenüber zu abstrahieren, im schlimmsten Fall sogar, sein Menschsein zu negieren. 24 Prozent der 9- bis 16-Jährigen in der Schweiz wurden online schon einmal diskriminiert. EU Kids Online: Schweiz, 2019 Die Algorithmen hinter Social-Media-Plattformen verstärken all diese Tendenzen zusätzlich: Was einem an neuen Beiträgen vorgeschlagen wird, orientiert sich in der Regel am bisherigen Suchverlauf – und so findet sich jeder je länger, je mehr in einer Blase wieder, die ausschliesslich die eigenen Interessen und Haltungen widerspiegelt. Dabei werden beispielsweise bei Youtube automatisch immer extremere Beispiele ins Blickfeld gespült – Inhalte, die viel Beachtung finden, verbreiten sich extrem schnell. Irgendwann stösst man so kaum mehr zufällig auf andere Themen oder abweichende Ansichten, so wie es etwa beim Durchblättern einer Zeitung noch vorkommt. 5 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben selbst Hassinhalte an andere geschickt. EU Kids Online: Schweiz, 2019 Von pauschalen Verboten oder einem Verteufeln der sozialen Medien hält Gnach trotzdem wenig. Die Forscherin fordert dazu auf, die klassische Medienberichterstattung kritisch zu reflektieren: Qualitätsmedien würden sich vorwiegend an ein gebildetes und urbanes Publikum wenden und deren Lebenswelt abbilden. Viele Menschen fänden sich darin aber nicht wieder und sähen ihre Sorgen und Ängste zu wenig wahrgenommen. Die Wissenschaftlerin ist überzeugt: Wenn es den grossen Medienhäusern gelänge, diesen Teil der Bevölkerung zurück in den öffentlichen Diskurs zu holen, wäre auch für sie selbst viel gewonnen. «Sie wären wieder für viel mehr Menschen relevant.» Stereotype sind oft die Basis von radikalisierten, z. B. frauenfeindlichen oder antisemitischen Aussagen. Sie sind aber zugleich ein Bestandteil unseres Denkens. Sie vereinfachen uns das Leben, sie reduzieren die Komplexität unseres Alltags. «Selbst Tiere verfügen über Stereotypen, Feind- und Beuteschemata etwa», sagt Christiane Hohenstein, Professorin für Interkulturalität und Sprachdiversität an der ZHAW. Dies entbindet uns jedoch nicht von Verantwortung, gesellschaftliche Stereotype zu reflektieren und zu hinterfragen. «Wir müssen Vorurteilen nicht willenlos erliegen.» Grenzen wir bestimmte Bevölkerungsgruppen mit sprachlichen Mitteln aus, z. B. Homosexuelle, Frauen oder Menschen jüdischen Glaubens, wird damit schleichend der Boden für noch schlimmere Taten bereitet. «Physischer Gewalt geht stets radikale Sprache voraus», sagt Hohenstein. «Sie legitimiert Gewalt.» Gefährlich ist insbesondere, wenn Politiker und Politikerinnen die Grenzen des Sagbaren stetig erweitern und immer radikalere Ansichten salonfähig machen. «So wie sich Donald Trump heute äussert – das wäre für jemanden mit seiner Verantwortung vor kurzem noch undenkbar gewesen.» Deshalb seien die Politik, aber auch die Medien in der Pflicht, wieder wachsamer zu werden und auch sprachlich entschieden für demokratische Prinzipien einzutreten – eine Verantwortung, der viele in den vergangenen Jahren viel zu wenig nachgekommen seien. So seien rechtsextrem geprägte Argumentationen und entmenschlichende Metaphern wie «Flüchtlingsflut» in den vergangenen Jahren manchmal zu wenig reflektiert aufgenommen worden, kritisiert Hohenstein. «Es ist eine Illusion zu glauben, dass einmal erreichte demokratische Prinzipien nicht mehr verteidigt werden müssen», sagt Hohenstein. Der Kampf gegen den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen durch Sprache sei nie ein für alle Mal gewonnen. Vieles, was in der Vergangenheit an Rechten für Frauen, Homosexuelle oder ethnische Minderheiten erreicht worden ist, liesse sich erschreckend leicht wieder rückgängig machen. «Es bleibt ein permanentes Seilziehen.» Ümit Yoker

Warum so grob, lieber Leser?

Der Umgangston in den Kommentarspalten von Newsportalen lässt einen manchmal sprachlos zurück. Warum wird gerade dort so heftig ausgeteilt, und zu welchen Zeitungsthemen findet man am meisten böse Kommentare? Der ZHAW-Absolvent Luca Passerini hat sich in seiner Bachelorarbeit «Hass im Netz – Eine Analyse von Online-Kommentaren zu News-Artikeln» im Studiengang Kommunikation mit diesen Fragen auseinandergesetzt und stiess auf überraschende Antworten. Ursprünglich ging er von folgenden Hypothesen aus: Erstens, zu Zeitungsbeiträgen über Migration gibt es viel mehr Hasskommentare, als wenn es etwa um Gesundheitskosten, Klimawandel oder Altersvorsorge geht. Dies liegt, zweitens, vor allem daran, dass Leserinnen und Leser die Folgen der Migrationspolitik als besonders schwerwiegend einstufen. Für seine Studie zählt Passerini zur sogenannten Hate Speech nicht nur Kommentare, in denen Menschen ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung wegen diskriminiert werden – sondern auch Postings, in denen eine Person aufgrund individueller Merkmale beschimpft wird. Als Datengrundlage hat der 25-Jährige vergangenen Frühling drei Tage lang Zeitungsartikel und Leserkommentare zu aktuellen Politthemen in der Schweiz zusammengetragen. Die knapp 40 online publizierten Zeitungsbeiträge beziehungsweise mehr als 3300 Kommentare aus verschiedenen nationalen und regionalen Newsportalen förderten Erstaunliches zutage: So traf Passerini nicht etwa bei den Migrationsthemen am häufigsten auf Hasskommentare – sondern in der Kategorie «Politiker als Personen», zu der neben Interviews mit Politikern auch Artikel über neu besetzte politische Ämter gehörten. Wurde bei den Beiträgen über Migration und Asyl jeweils in einem von fünf Kommentaren wüst ausgeteilt, war es bei den Artikeln zu Politikern jedes vierte Posting. Die Aussagekraft des Ergebnisses wird jedoch etwas eingeschränkt dadurch, dass letztere Kategorie lediglich drei Beiträge beziehungsweise 70 Kommentare umfasste. Mit der zweiten Hypothese scheint Passerini dennoch richtig zu liegen: Wenn es um Migration geht, werden die Folgen politischer Entscheidungen als besonders gravierend betrachtet, wie eine anschliessende Befragung mehrerer Kommentarschreibender zeigte. Doch noch etwas überraschte den Kommunikationsfachmann, dessen Studie als beste Bachelorarbeit im Bereich Journalismus ausgezeichnet wurde: Zwar scheint das Thema ausschlaggebend dafür zu sein, wie häufig ein Zeitungsartikel ganz grundsätzlich kommentiert wird. Wie häufig es in Kommentaren aber zu Beschimpfungen, Beleidigungen oder gar Drohungen kommt, hängt vor allem von den Meinungen und Ansichten anderer Kommentarschreibender ab. Leser wettern also in erster Linie – übereinander. Ümit Yoker

Wie streiten auf Facebook und Co?

Wer andere Menschen in den Sozialen Medien beschimpft oder beleidigt, ist selten an einem offenen Austausch interessiert. «Hitziges Mitdiskutieren bringt wenig», sagt die Sprach- und Medienwissenschaftlerin Aleksandra Gnach. Sachliche Argumente hingegen sind beim persönlichen Angriff einen Versuch wert. «Wir müssen nicht tatenlos zusehen, wenn ganze Menschengruppen pauschal angegriffen oder gar bedroht werden», sagt Gnach. Ein Satz wie «Diese Aussagen gehen zu weit» markiert Präsenz und Solidarität mit den betroffenen Personen. Facebook-Gruppen wie #ichbinhier setzen ebenfalls klare Zeichen gegen Hass im Netz und fördern den konstruktiven Dialog in den Sozialen Medien. «Wir müssen nicht tatenlos zusehen, wenn ganze Menschengruppen pauschal angegriffen oder gar bedroht werden.» So klein die Chance ist, dass man mit rationalen Argumenten einen Hassredner von einer anderen Sichtweise überzeugt – manchmal lohnt es sich trotzdem, andere Perspektiven in eine Diskussion einzubringen und pauschale Aussagen und Angriffe öffentlich zu hinterfragen. Erstens wird den Hassrednern so nicht einfach das Feld überlassen. Zweitens erreicht man möglicherweise Mitlesende, die noch unentschlossen sind in ihrer Meinung. Hasskommentare kann und soll man den jeweiligen Plattformen oder auch Behörden melden. Facebook etwa hat einen Button, mit dem man die Plattform auffordern kann, unangemessene Posts zu entfernen. Manchmal reicht es auch, die Person darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich mit ihren Kommentaren strafbar macht und dafür angezeigt werden kann. IAM MediaLab der ZHAW Ümit Yoker

Forschen ohne Grenzen

Eine der Fähigkeiten von Amanda wird sein: den Kohlendioxidanteil in der Luft zu erheben. «Als wir Anfang 2019 mit der Entwicklung unseres Messinstruments begannen, dachten wir an Frühwarnung im Brandfall oder auch einfach an persönlichen Komfort», sagt Marcel Meli , Ingenieur am Institute of Embedded Systems der ZHAW. Dass die Luftqualität in Innenräumen uns bald alle täglich beschäftigen würde, konnte er damals nicht ahnen – die Corona-Krise lag noch in weiter Ferne. Das smarte Gerät soll aber dereinst nicht nur CO2-Konzentrationen erfassen, sondern auch Temperatur, Helligkeit oder Luftfeuchtigkeit – und das alles mit kleinsten Sensoren. «Amanda braucht nicht mehr Platz im Portemonnaie als eine Kreditkarte», so Meli. Die ZHAW forscht vernetzt an Amanda. An ihrer Entwicklung sind auch Forschungszentren und Privatunternehmen aus Grossbritannien und Belgien, aus Kroatien und den Niederlanden beteiligt, die Gesamtkoordination obliegt einem griechischen Forschungszentrum. Das Projekt entsteht im Rahmen des europäischen Förderprogramms Horizon 2020 und wird von der EU mit knapp 4 Millionen Euro finanziert, davon gehen 640’000 Euro an die ZHAW. Meli und sein Team sind dabei an der Optimierung der Energienutzung und der Entwicklung der drahtlosen Kommunikationssysteme beteiligt. Denn Amanda will Umgebungsbedingungen nicht nur erfassen, sondern auch anpassen, also etwa das Licht anmachen oder die Heizung ausschalten – und versorgt sich dafür mittels Solarzellen autonom mit der notwendigen Energie. Horizon 2020 ist bereits das dritte europäische Forschungsrahmenprogramm, an dem die ZHAW teilnimmt – und das erfolgreichste bisher. An mehr als 40 Projekten ist die Fachhochschule derzeit beteiligt. «Dieses Engagement ist vergleichbar mit dem einer kleineren Schweizer Universität», sagt Patrik Ettinger, der an der ZHAW für die Beratung der Forschenden zu europäischen Forschungsförderinstrumenten zuständig ist. Der Weg dorthin verlief nicht einfach geradeaus. «In den Anfängen war die europäische Forschung an der ZHAW stark von einzelnen Personen geprägt», sagt Ettinger, Mitarbeiter der Stabsstelle Forschung und Entwicklung (F&E) der ZHAW. Hätten diese dann irgendwann die Fachhochschule verlassen, hätten sie meist nicht nur das laufende Projekt mitgenommen, sondern auch ihr Netzwerk und die Aussicht auf weitere Forschungsvorhaben. Gerade eine gute Vernetzung ist jedoch zentral für die Fachhochschule. «Die ZHAW tritt normalerweise nicht als Projektkoordinatorin auf, sondern wird von anderen für Kollaborationen angefragt.» Auch die Heterogenität der Fachhochschule spielt eine Rolle. Ganz verschiedene Fachbereiche sind unter einem Dach vereint. Die Departemente bringen auch unterschiedlich viel Forschungserfahrung mit. So kann etwa die School of Engineering als einstiges Technikum Winterthur auf eine lange Tradition in dieser Hinsicht zurückblicken; sie verfügt nicht nur über ein grosses Netzwerk, sondern auch über die notwendigen internen Strukturen. Für andere Departemente ist die EU-Forschung noch Neuland. Das liege auch daran, dass nicht jedes Thema gleich anschlussfähig sei, gibt Ettinger zu bedenken. «Für die Entwicklung einer Batterie spielen kulturelle Differenzen eine weit geringere Rolle, als wenn es darum geht, die Unterstützung von armutsbetroffenen Familien zu erforschen.» «Die transnationale Forschung muss noch viel breiter auf die verschiedenen Departemente und Institute verteilt werden.»» Martin Jaekel, Leiter Stabsstelle Forschung und Entwicklung Das grosse Plus der ZHAW: «Wir sind es gewohnt, nicht nur mit anderen Hochschulen, sondern auch mit Privatunternehmen, NGOs oder öffentlichen Ämtern zusammenzuarbeiten», sagt Ettinger. Die starke Anwendungsorientierung, die regionale Verankerung und die Kooperation mit Industriepartnern sind ein Vorteil der Fachhochschulen gegenüber universitären Hochschulen – gerade beim Programm Horizon 2020, das grossen Wert auf die Vernetzung mit der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft legt. Die europäische Forschung soll auch künftig ein starkes Gewicht an der ZHAW haben, besonders im Hinblick auf Horizon Europe , das Forschungsrahmenprogramm der EU von 2021 bis 2027. Die Fachhochschule hat deshalb ihre bisherige EU-Strategie analysiert und neue Massnahmen ausgearbeitet. «Die transnationale Forschung muss noch viel breiter auf die verschiedenen Departemente und Institute verteilt werden», resümiert Martin Jaekel , Leiter der Stabsstelle F&E, der die Strategie mit ausgearbeitet hat. Obwohl das Ziel grundsätzlich für alle dasselbe ist – mehr transnationale Forschungs- und Entwicklungszusammenarbeit –, muss den Departementen und Instituten bei der Festlegung der einzelnen Schritte grosse Freiheit gelassen werden, wie Jaekel sagt. Schliesslich befänden sie sich auf dem Weg zur europäischen Forschungszusammenarbeit in ganz unterschiedlichen Umfeldern. «Wir verlassen uns hier vor allem auch auf die Kreativität und das Engagement der Institute und Zentren der ZHAW, um geeignete Zwischenziele zu identifizieren», so Jaekel. «Dies möchten wir mit unserer Förderung unterstützen.» Zur Erfahrung mit so grossen Forschungsrahmenprogrammen wie Horizon gehört auch: scheitern lernen. «Die europäische Forschung ist hochkompetitiv», sagt Grants Advisor Patrik Ettinger. Liege die Erfolgsquote für einen Forschungsantrag beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) bei 25 bis 50 Prozent und bei Programmen wie Innosuisse sogar noch höher, komme man bei Horizon gerade einmal auf 10 bis maximal 20 Prozent. Das müsse auch den Vorgesetzten der Forschenden bewusst sein. «Es ist unabdingbar, dass diese mit im Boot sitzen und abgelehnte Projektgesuche nicht einfach für verlorene Zeit halten.» «Wir sind es gewohnt, mit Privatunternehmen, NGOs oder öffentlichen Ämtern zusammenzuarbeiten.» Patrik Ettinger, Grants Advisor Für mehr Forschungsprojekte soll zudem eine weitere Massnahme sorgen. «Es gibt viele erfolgsversprechende Förderinstrumente, die an der ZHAW bisher kaum genutzt wurden, weil sie eine Eigenbeteiligung voraussetzen», erklärt Ettinger. Für solche Programme will die Fachhochschule fortan ebenfalls Mittel zur Verfügung stellen. So übernimmt sie je nachdem bis zu 250’000 Franken Eigenbeteiligung an einem erfolgreich eingereichten Projekt. Eine Million Franken stehen insgesamt pro Jahr bereit dafür. Gestärkt werden soll die Forschungsaktivität darüber hinaus durch gezieltere Unterstützung und Betreuung der Forschenden. Die Partizipation der ZHAW an Horizon Europe hängt jedoch nicht nur von ihrer eigenen Strategie ab – auch die Politik spielt mit. «Obwohl die Verhandlungen zum Forschungsprogramm und zum Rahmenvertrag mit der EU rechtlich nichts miteinander zu tun haben, dürften sie wohl nicht unabhängig voneinander geführt werden», vermutet Ettinger. Es wäre nicht das erste Mal. Schon die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative 2014 hatte zur Folge, dass die Schweiz in den ersten drei Jahren von Horizon 2020 nicht als assoziierter Staat am Programm teilnehmen konnte, sondern als Drittstaat galt. Das bedeutete, dass hiesige Hochschulen wie die ZHAW keine Förderbeiträge direkt von der EU beantragen und in der Regel keine Projektkoordinationen übernehmen konnten. Sorge bereiten Ettinger dabei nicht in erster Linie die Forschungsgelder. Wie schon vor ein paar Jahren dürfte auch dieses Mal das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI einspringen, falls sich die Situation wiederholen sollte, sagt er. «Die Finanzierung ist gesichert.» Es ist vielmehr die Verunsicherung potenzieller Projektpartner in Europa, die Ettinger Kopfzerbrechen bereitet. «Viele dürften sich nun fragen, ob eine Zusammenarbeit mit Schweizer Hochschulen überhaupt möglich sei oder ob Probleme auftreten könnten, etwa bei der Verwertung der Ergebnisse.» Doch von ihrem Engagement auf dem europäischen Parkett lässt sich die ZHAW deshalb nicht abbringen. Ümit Yoker

Der Sprachcode als Barriere

Sprechen Sie Deutsch? Eine Frage, die schwer wiegt dieser Tage. Denn die Antwort stellt wichtige Weichen: Wie gut jemand die Sprache eines Landes beherrscht, hat zunehmend Einfluss darauf, ob er in ebendiesem auch wohnen oder seine Familie zu sich holen darf. Noch zu Beginn des neuen Jahrtausends waren die Einreise in ein neues Land, eine Aufenthaltsbewilligung oder auch die Staatsbürgerschaft in Europa kaum je an klar definierte Sprachfähigkeiten gebunden, wie die Sprachwissenschaftlerin Liana Konstantinidou sagt. Sie ist Co-Leiterin des Institute of Language Competence ILC am Departement für Angewandte Linguistik der ZHAW. Seither sind jedoch die meisten Länder dazu übergegangen, Sprachkenntnisse wie auch Wissen über Gesellschaft, Geschichte und Rechtsstruktur eines Landes zur Bedingung für das Leben ebendort zu machen. Migrantinnen und Migranten müssen heute nicht nur häufiger entsprechende Prüfungen ablegen – es werden auch immer höhere Ansprüche an ihre sprachlichen Kompetenzen gestellt. «Auch in der Schweiz sind die gesetzlichen Vorgaben diesbezüglich deutlich verschärft worden», sagt Konstantinidou. Die Professorin für Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache beschäftigt sich im Rahmen des Forschungsschwerpunkts Gesellschaftliche Integration damit, wie sprachliche Partizipation verstanden und in Europa und in der Schweiz im Speziellen umgesetzt wird. Einer Einreise in die Schweiz muss heute die Anmeldung für einen Sprachkurs vorausgehen. Wer hier leben oder Schweizer werden möchte, muss mindestens Fähigkeitsstufe B1 mündlich beziehungsweise A2 schriftlich in einer lokalen Sprache vorweisen. Kantone und Gemeinden können die Vorgaben des Bundes zudem nach oben anpassen. Dieser Wandel ist für Konstantinidou unter anderem eine Folge des Vormarsches rechtspopulistischer Parteien: «Sprachkompetenzen werden heute häufig dazu instrumentalisiert, politische Ziele durchzusetzen.» Die steigenden Anforderungen sind für sie in erster Linie deshalb Ausdruck einer restriktiveren Migrationspolitik. Das Argument, dass sprachlichen Fähigkeiten im Integrationsprozess schliesslich eine Schlüsselrolle zukomme, führen nicht nur rechte Parteien an. Auch die Linke vertritt weitgehend diese Ansicht, wie Konstantinidou feststellt. Dabei sei dies alles andere als wissenschaftlich gesichert. «Studien können bisher keinen direkten Zusammenhang zwischen sprachlichen Fähigkeiten und sozialer Integration nachweisen», sagt sie. «Und wir wissen noch wenig über die Wirkung von Sprachfördermassnahmen.» Die Begründung führt besonders dann ins Leere, wenn es um den Familiennachzug geht: Dass in vielen europäischen Ländern auch Ehepartner vor der Einreise neu einen Sprachtest absolvieren müssen, sei absurd, sagt Konstantinidou. Sprachfähigkeiten sollten nicht als Ursache, sondern als Ergebnis von Integration verstanden werden. Der Europarat bezeichnet eine solche Vorgabe gar als klaren Verstoss gegen die Menschenrechte. Die Ironie an dieser Vermengung von Spracherwerb und Politik: Die meisten Länder stützen sich bei der Messung der sprachlichen Fähigkeiten auf den Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen CEFR mit seinen sechs Kompetenzstufen von A1 bis C2. Dieser wurde mit dem Ziel eines offenen Europas entwickelt, in dem sich Menschen und Ideen in diversen Sprachen frei bewegen können. Dass ausgerechnet dieser Referenzrahmen nun dafür benutzt wird, monolinguale Räume zu schaffen und die Einwanderung zu kontrollieren, widerspricht fundamental seiner Grundidee. «Das alles soll keineswegs heissen, dass Kenntnisse einer Landessprache unwichtig wären», betont die Co-Leiterin des ILC. Selbstverständlich helfe es, Deutsch zu können, wenn man am gesellschaftlichen Leben in Winterthur oder Sarnen teilnehmen, eine Ausbildung antreten oder in den Arbeitsmarkt einsteigen wolle. Das ist den meisten Zugewanderten allerdings auch selbst klar. Selten ist die Motivation grösser, sich eine neue Sprache anzueignen, als wenn man den konkreten Nutzen davon im Alltag sieht. «Das humanistische Sprachverständnis weicht mehr und mehr einem rein utilitaristischen.» Liana Konstantinidou, Co-Leiterin des ILC Aus diesem Grund mache es wenig Sinn, so Konstantinidou, von allen pauschal dieselben Fähigkeiten einzufordern, ohne die tatsächlichen Lebenswelten einer Migrantin oder eines Migranten zu berücksichtigen. Es dürfte dem syrischen Taxifahrer in seinem Alltag wenig bringen, wenn er lückenlos alle Präpositionen aufzählen könne, die einen Genitiv verlangen. Und für jemanden, der selbst in seinem Heimatland noch nie einen Aufsatz geschrieben hat, wird diese Aufgabe in einer Fremdsprache zur unüberwindbaren Hürde. Der Wildwuchs bei der Frage, welche Sprachkompetenzen denn notwendig seien, um eine Aufenthaltsbewilligung oder Staatsbürgerschaft zu erhalten, entlarvt solche Forderungen zusätzlich als migrationspolitische Steuerungs- und Selektionsinstrumente. So wird in einigen Ländern bis heute keinerlei Nachweis über Kenntnisse der Landessprache verlangt, während andere Fähigkeiten voraussetzen, über die selbst Muttersprachler häufig nicht verfügen. In der Schweiz variieren die Bedingungen sogar je nach Kanton: So setzen beispielsweise die Kantone Thurgau und Schwyz für die Einbürgerung mündlich ein Sprachniveau B2 und schriftlich B1 voraus, während in den meisten anderen Kantonen die Mindestforderungen des Bundes ausreichen. Knappe Fristen für das Erlernen einer Sprache oder gar Strafandrohungen führen das Argument ad absurdum, dass es bei solchen Kursen beziehungsweise Prüfungen ganz und gar um das Gelingen von Integration gehe. Konstantinidou geht es nicht zuletzt aber auch ganz grundsätzlich um unseren Blick auf die Sprache: «Das humanistische Sprachverständnis weicht mehr und mehr einem rein utilitaristischen.» Ümit Yoker

Schlauer unterwegs

Nur nicht stehenbleiben – das scheinen wir in den letzten Jahrzehnten nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinn verinnerlicht zu haben. Ständig gehen wir irgendwohin, zur Arbeit, ins Fitness, ans Klassentreffen. Wir sind nicht nur öfter unterwegs, sondern bewegen uns auch über weitere Strecken und längere Zeiträume fort. Mehr Mobilität bedeutet aber immer auch: im Stau stecken, im Zug stehen, auf verspätete Busse warten. Ein Viertel der gesamten Strecke, die wir in der Schweiz täglich zurücklegen, macht der Arbeitsweg aus. Die Statistiker zählen zu den Pendlern alle Erwerbstätigen, die für ihre Arbeit aus dem Haus gehen. Ein grosser Teil dieser knapp 3,9 Millionen Menschen verlässt nicht nur die Wohnung, sondern auch die Wohngemeinde. Pendler brauchen im Durchschnitt eine halbe Stunde beziehungsweise legen knapp 15 Kilometer zurück, bis sie an ihrem Arbeitsplatz sind. Die Hälfte fährt mit dem Auto ins Geschäft, etwa ein Sechstel nimmt den Zug, eine von zehn geht zu Fuss, einige wenige steigen aufs Fahrrad oder das E-Bike . «Den Druck spüren insbesondere die urbanen Zentren wie Zürich, Basel oder Genf», sagt Raphael Hörler, wissenschaftlicher Assistent am Institut für Nachhaltige Entwicklung an der ZHAW. Der Stellenwert des Autos fällt jedoch je nach Stadt sehr unterschiedlich aus: Sind in Lugano fast zwei Drittel aller Pendler mit dem Auto unterwegs, ist es in Basel nur gerade ein Fünftel; auch Zürich (24 %) und Genf (27 %) liegen deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt, was den Anteil des motorisierten Individualverkehrs am Pendlerverkehr betrifft. Den hohen Wert in Lugano erklärt Hörler unter anderem mit der Topografie der Stadt, die von steilen Hängen und Hügeln umgeben ist; das macht sie ungünstiger für den öffentlichen Verkehr. Zudem sind in Lugano am Arbeitsort oft mehr und günstigere Parkplätze vorhanden als in anderen Kernstädten, was dem Vorzug des Autos ebenfalls Vorschub leistet. Die ZHAW hat im Projekt «Smart Commuting» am Beispiel von Basel untersucht, wie offen Pendlerinnen und Pendler für neue Mobilitätslösungen sind – dabei standen Angebote wie Car-Sharing und Ride-Sharing im Fokus sowie Systeme wie Mobility-as-a-Service (MaaS), die das Planen, Buchen und Bezahlen verschiedener Mittel und Methoden des Transports ermöglichen und eine Dienstleistung bieten, die auf die individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen zugeschnitten ist. «Mit dem Projekt wollten wir den Fragen auf den Grund gehen, wie das Pendeln nachhaltiger werden beziehungsweise eine CO 2 -Reduktion erreicht werden kann und was einer solchen Entwicklung bislang im Weg steht», erklärt Hörler. Er hat diese Fragen gemeinsam mit anderen Forschenden der ZHAW untersucht. «Smart Commuting» wurde vom Bundesamt für Energie unterstützt und ist Teil des Förderprogramms ERA-NET Cofund Smart Cities and Communities (ENSCC), eines Netzwerks zur Weiterentwicklung des europäischen Forschungsraums. Zum Programm gehören neben der Fallstudie aus der Schweiz auch Untersuchungen aus Österreich und Finnland. Ein Blick auf diverse Städte Europas zeigt, wie unterschiedliche Mobilitätslösungen zu mehr Nachhaltigkeit beitragen können: So hat Bremen vor einigen Jahren den Hub «mobil.punkt» ins Leben gerufen – Car-Sharing-Stationen in der Nähe des öffentlichen Verkehrs, die mit dem Bus, zu Fuss und mit dem Velo gut erreichbar sind und für Letztere auch Abstellplätze bieten. Rund ein Drittel der Personen, die das Car-Sharing nutzen, lassen ihr eigenes Auto gemäss einer Untersuchung von 2016 dank dieser Möglichkeit zu Hause, das sind fast 4000 Fahrzeuge. London hat bereits 2003 eine Staugebühr eingeführt. Sie muss von allen Fahrzeugen entrichtet werden, die werktags zwischen 7 und 18 Uhr in die Innenstadt fahren, Ausnahmen sind Taxis oder Elektroautos. Die Registrierung der Nummernschilder ein- und ausfahrender Fahrzeuge erfolgt über Kameras. Die Zahl der Autos im Zentrum hat bereits in den ersten Jahren um ein Drittel abgenommen: Pendler stiegen auf öffentliche Verkehrsmittel um, nutzten Car-Sharing-Angebote oder bewegten sich in der Innenstadt mit Taxi oder Motorrad fort. Der Londoner Ansatz wurde von vielen weiteren Städten übernommen. «Nachhaltige Mobilität lässt sich nicht allein mit guter Infrastruktur erreichen.» Kopenhagen ist schon lange bekannt für seine Pro-Velo-Strategie, die es bereits seit den siebziger Jahren verfolgt. Fast die Hälfte aller Erwerbstätigen fährt in der dänischen Hauptstadt mit dem Velo zur Arbeit oder in die Schule. Spitzenreiter in Sachen Bike-Sharing war aber lange Paris: Die Kapitale Frankreichs hat 2007 mit einer Werbeagentur ein entsprechendes Angebot eingeführt, eine Public-Private Partnership. Die Zahl der Pendler, die fortan mit einem Vélib-Velo ins Büro fuhren, verdoppelte sich innerhalb kurzer Zeit. All diesen Initiativen sei etwas gemeinsam, sagt Hörler: «Nachhaltige Mobilität lässt sich nicht allein mit guter Infrastruktur erreichen.» Es brauche die Zusammenarbeit von öffentlicher Hand und privaten Unternehmen wie auch die Medien, die neue Technologien und Angebote bekannt machen und wichtige Zielgruppen erreichen. Obwohl Basel 2016 mit Catch a Car als erste Schweizer Stadt einen Free-Floating-Dienst für Autos eingeführt hat – ein solcher erlaubt einem, das Fahrzeug auf irgendeinem öffentlichen Parkplatz statt an einem fixen Standplatz abzustellen –, ist die Offenheit gegenüber solchen Angeboten eher gering. Car-Sharing und Ride-Sharing werde selten genutzt, heisst es im Projektbericht «Smart Commuting». Gerade Letzteres ist auch wenig bekannt. Flexibilität und Privatsphäre gehören zu den Hauptargumenten für das eigene Auto, Einschränkungen diesbezüglich werden ungern hingenommen. Sharing-Angebote wie Mobility, Catch a Car oder Sharoo werden – in der Schweiz wie auch im übrigen Europa – meistens als Mittel zur Kosteneinsparung gesehen und nicht vorrangig zur Entlastung von Verkehr und Umwelt. Es sind denn vor allem junge Menschen und solche mit eher niedrigem Einkommen, die am ehesten Interesse daran zeigen. Entsprechend sollten sich Strategien und Informationskampagnen mit dem Ziel breiterer Bekanntheit und Akzeptanz am Anfang auf diese Gruppen konzentrieren, so die Autoren von «Smart Commuting». «Ein professionelles Mobilitätsmanagement sollte auch in Unternehmen selbstverständlich sein.» «Ein professionelles Mobilitätsmanagement sollte auch in Unternehmen selbstverständlich sein», findet Hörler. Als Beispiel nennt er etwa das Paul-Scherrer-Institut: Der Betrieb verfügt über einen Verleih von Fahrrädern für seine Angestellten, bietet eine firmeneigene Plattform für Fahrgemeinschaften, führt mit den örtlichen Verkehrsbetrieben Gespräche über eine zusätzliche Buslinie – und hat kürzlich die jährlichen Parkplatzgebühren verdoppelt. Es müssten nicht nur neue Angebote geschaffen, so Hörler, sondern auch falsche Anreize abgeschafft werden. Gratisparkplätze etwa trügen wesentlich zum Entscheid bei, mit dem Auto zur Arbeit zu kommen. Nachhaltigere Lösungen entstünden aber oftmals nicht unbedingt aus Umweltüberlegungen, sondern schlicht aus Notwendigkeit heraus – etwa wenn ein Unternehmen umzieht oder ein zusätzliches Gebäude errichtet und der Platz für Parkplätze nun auf einmal knapp ist. Zeitgemässes und zukunftsträchtiges Pendeln bedeutet auch, die langsamste aller Fortbewegungsmöglichkeiten attraktiver und sicherer zu machen: «Es soll Spass machen, zu Fuss unterwegs zu sein», sagt Hörler. Grünere Strassen und breitere Wege sollen einladen zum Spazieren, Flanieren, Bummeln. Nachhaltige Mobilität bedeutet schliesslich immer auch die Frage: «Wie kann man leben und arbeiten, indem man grundsätzlich etwas weniger unterwegs ist?» Ümit Yoker

Wenn Maschinen die Schulbank drücken

Schon der mechanische Webstuhl führte vor bald zweihundertfünfzig Jahren seine Aufgabe schneller und präziser aus, als es dem Menschen je gelingen würde. Auf eigene Faust lernen musste er dafür nichts. Ein Problem zu lösen, bedeutete für Maschinen lange, einen festgelegten Lösungsweg zu verfolgen. Maschinen wurden explizit programmiert und mit Wissen gefüttert. «All diese Formen des Lernens sind so oder in Kombination auch beim Menschen zu finden.» Thomas Ott «Mit der Zeit wurden die Aufgaben jedoch so komplex, dass vorgegebene Regeln nicht mehr ausreichten», sagt Thomas Ott, Leiter der Fachstelle Bio-Inspired Modeling & Learning Systems an der ZHAW. Dies war der Anfang des maschinellen Lernens, das heute weit verbreitet ist: Eine Maschine erhält keine ausformulierten Lösungswege mehr, sondern wird mit einer grossen Menge von Beispieldaten trainiert, anhand deren sie mittels Algorithmen Muster und Gesetzmässigkeiten zu erkennen übt. Diese Modelle wendet sie später auf neue, unbekannte Daten an. Die Maschine generiere, wenn man so will, Wissen aus Erfahrung, sagt der Physiker und Neuroinformatiker. «Sie formt sich zu einem gewissen Grad selbst.» Grundsätzlich unterscheidet man drei Formen des maschinellen Lernens: überwachtes (supervised learning), unüberwachtes (unsupervised learning) und bestärkendes Lernen (reinforcement learning). Das überwachte Lernen kommt zum Zug, wenn man von Anfang an weiss, welches Ergebnis man sich von der Maschine erhofft: dass sie möglichst viele Hundefotos finden soll, zum Beispiel. Damit die Maschine lernt, aus Hunderttausenden von Bildern ausschliesslich diejenigen mit einem Hund darauf zu erkennen, werden diese in den Trainingsdaten erst einmal manuell als richtige Antworten gekennzeichnet. Genutzt wird diese Form des Lernens im Alltag etwa in der medizinischen Diagnostik: Computer identifizieren auf Bildern von Gewebeproben heute oft rascher und besser krebsartige Tumore als Fachleute. Im Gegensatz zum überwachten steht beim unüberwachten Lernen nicht im Voraus fest, welche Antwort zu erwarten ist. «Die Maschine geht explorativ vor und versucht, in den Daten grundlegende Strukturen auszumachen», sagt Ott. Die ZHAW hat beispielsweise vor einiger Zeit mit dem Wasserforschungsinstitut Eawag auf diese Weise Seewasserproben auf deren Partikelzusammensetzung hin untersucht. Hierbei habe man nicht im Voraus wissen können, welche und wie viele Arten von Partikeln sich im Wasser befänden. Wenn eine Maschine regelmässig Feedback aus Interaktionen mit ihrer Umgebung erhält, spricht man von bestärkendem Lernen. Ein solches Umfeld kann ein Schachbrett oder auch ein Fabrikareal sein, wie der ZHAW-Dozent sagt. Hier gibt es so viele Handlungsmöglichkeiten, bei denen man nicht von vorneherein festlegen kann, ob eine bestimmte Entscheidung zielführend ist oder nicht. Die Maschine unternimmt eine Aktion, die Umwelt verändert sich dadurch und die Maschine empfängt ein Belohnungssignal, wenn die Handlung erfolgreich war. War die Handlung nicht zielführend, bleibt das Belohnungssignal aus. Aus solchen Rückmeldungen lernt das Computerprogramm oder der Roboter, die Erfolgsaussichten seiner Entscheidungen besser einzuschätzen und seine Aktionen entsprechend anzupassen. Zur Anwendung kommt dies etwa, wenn in der Robotik Greifbewegungen für Objekte eingeübt werden müssen. Bei besonders komplexen Aufgaben wie der Erkennung von Sprache und Fotos oder der Verarbeitung von Texten kommt das sogenannte Deep Learning zum Einsatz. Obwohl die Idee eines dem menschlichen Gehirn nachempfundenen künstlichen neuronalen Netzes bereits seit Jahrzehnten existiert, fehlte Computern bis vor wenigen Jahren die Rechenkapazität, um diese hoch entwickelte Form maschinellen Lernens auch umzusetzen. Lernen geschieht hier auf mehreren miteinander verbundenen Ebenen, die fortlaufend abstraktere Informationen extrahieren und verarbeiten. Ein Gesicht etwa, für uns Menschen sofort als solches erkennbar, ist für einen Computer zuerst nichts als Pixel in unterschiedlichen Schattierungen. Erst in einem zweiten Schritt werden diese als Linien oder Kanten erkannt, später dann als Nase, Kinn oder Augen, die sich schliesslich zu einem Gesicht kombinieren lassen. «Wir sollten die Komplexität der Natur nicht unterschätzen.» Thomas Ott «All diese Formen des Lernens sind so oder in Kombination auch beim Menschen zu finden», sagt Ott. Mensch und Maschine sei gemeinsam, dass Lernen immer auch Anpassung aufgrund von Erfahrung bedeute. Er könne nachvollziehen, dass solche Entwicklungen beim Menschen auch Unbehagen auslösten. «Es ist zweifellos beeindruckend, was ein Sprachassistent wie Siri leistet.» Dies wirft auch die Frage auf: Wozu sind Maschinen wohl sonst noch fähig? Schliesslich erledigen sie heute Aufgaben von einer Komplexität, die für Menschen oft kaum mehr nachvollziehbar ist. Doch so erstaunlich manche Lösung auch sein mag: Maschinen verfolgen ausschliesslich den Zweck, den ein Mensch ihnen aufgetragen hat. «Von einer reflektierenden Intelligenz, so wie wir sie haben, sind sie weit entfernt», ist Ott überzeugt. Maschinen haben kein Verständnis oder Bewusstsein dafür, welche Daten sie verarbeiten und warum. Deshalb können sie ihr Wissen im Gegensatz zum Menschen auch nicht einfach auf eine andere Aufgabe übertragen – selbst wenn diese ganz ähnlich ist. «Keine Maschine wendet sich von sich aus einem anderen Ziel zu», sagt der Wissenschaftler. Ott sieht die Gefahr neuer Technologien entsprechend auch nicht darin, dass diese auf einmal düstere Absichten gegen die Menschheit hegen könnten. Sorge bereitet ihm eher der Mensch, der die Technik missbrauchen könne und dem es vielleicht nicht immer gelinge, deren Vielschichtigkeit mit allen Wechselwirkungen und Fallstricken richtig einzuschätzen. Ott zweifelt auch daran, dass sich auf grosse Fragen wie die nach dem Wesen des menschlichen Bewusstseins irgendwann allein deshalb eine Antwort finden werde, weil immer grössere und leistungsfähigere Computer zur Verfügung stünden. «Wir sollten die Komplexität der Natur nicht unterschätzen.» Ümit Yoker

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